Die Krise der bürgerlichen Demokratie im staatsmonopolistischen Kapitalismus

Die Zahlenwerke sind veraltet (1970er Jahre), aber vielleicht sind sie für einige trotzdem interessant.

Autoritäre und offen antidemokratische Herrschaftsformen und -methoden haben in der Gegenwart in den USA ein Gefährliches Ausmaß erreicht. (Das in diesem Buch schon in den 1970er Jahren so gesehen. In späteren Zeiten bis in die Gegenwart ist es immer schlimmer geworden. Ganz besonders derzeit unter Donald Trump. P.R.) Grundlegende staatliche Entscheidungen sind der Kontrolle der parlamentarischen Institutionen entzogen. Das enge Zusammenwirken von Kongress und „big business“ wird auch von bürgerlich-liberalen Publizisten in den USA als latenter Skandal bezeichnet. Das bestehende Zweiparteiensystem befindet sich im Griff der „fat cats“, der großen Monopole, die es finanzieren und beherrschen. Und die demokratischen Rechte, die das I. und X. Amendment zur Verfassung der USA den Bürgern zusicherten, werden von den Machtorganen missachtet, insbesondere dann, wenn die Volksmassen sie beanspruchen, um ihre politischen und sozialen Forderungen durchzusetzen. All dies ist Ausdruck der neuen Qualität des Zusammenwirkens zwischen Monopolen und Staat, wie sie sich auch in den USA mit dem staatsmonopolistischen Kapitalismus als besondere Phase des Imperialismus herausgebildet hat.

Aus historischer Sicht werden drei Tendenzen deutlich, die die staatsmonopolistische Entwicklung in den USA charakterisieren: Bereits mit dem Übergang zum Imperialismus existierte eine feste Personalunion zwischen den zentralen staatlichen Institutionen und den Trusts; in den 1930er Jahren erreichte die ökonomische Tätigkeit des bürgerlichen Staates in den USA (und damit auch die Vereinigung der Macht der Monopole mit der des Staates) eine neue Etappe; die volle Herausbildung des staatsmonopolistischen Kapitalismus vor und nach dem zweiten Weltkrieg ging einher mit tiefgreifenden Veränderungen der Regierungsform, des Staatsaufbaus und des Mechanismus der bürgerlichen Demokratie.

„Die Herren der Regierung der Vereinigten Staaten sind die verbündeten Kapitalisten und Fabrikanten der Vereinigten Staaten. Auf jeder Seite der Kongressberichte steht das zu lesen, wie ein roter Faden zieht es durch die Geschichte der Beratungen im Weißen Hause: Alle Anregungen zu unserer Wirtschaftspolitik kamen aus einer Quelle und nicht aus vielen. Die wohlwollenden Wächter und gutherzigen Kuratoren, die uns die Mühe des Regierens abnahmen, sind so bekannt geworden, dass heute fast jeder die Liste ihrer Namen aufstellen kann…, die Leute, die wirklich gefragt werden, sind die Männer mit den größten Kapitaleinlagen – die großen Bankiers, die großen Fabrikanten, die großen Handelsherren, die Führer der Eisenbahngesellschaften und der Dampfkomagnien.“1  Dieser Einschätzung, die Woodrow Wilson in einer Wahlrede im Jahre 1912 traf, als er zugleich die Auftürmung einer „unsichtbaren Herrschaft…über den Formen der Demokratie“2 anprangerte, ist kaum etwas hinzuzufügen. Allerdings ist Wilsons Auffassung zu jener Art Kritik zu rechnen, „welche die Gegenwart zu be- und verurteilen, aber nicht zu begreifen weiß“3. Die feste Allianz von zentraler Staatsmacht und Monopolkapital war in den USA weder unter Präsident Woodrow Wilson noch unter einem seiner Nachfolger jemals gefährdet. Es handelte sich eben nicht, wie Wilson das in seiner Wahlkampagne sagte, um eine vorrübergehende Fehlentwicklung der Demokratie, die ein „Präsident des Volkes“ jederzeit rückgängig machen könnte. Es war die Konsequenz daraus, dass sich eine Finanzoligarchie herausgebildet hatte, „die ein dichtes Netz von Abhängigkeitsverhältnissen über ausnahmslos alle ökonomischen und politischen Institutionen der modernen bürgerlichen Gesellschaft spannt.“4. Diese Allianz entwickelte sich in den USA lediglich besonders früh und offenkundig, weil sehr bald Monopole entstanden, weil das „Beutesystem“ (spoils system) der zwei großen bürgerlichen Parteien diese Tendenz begünstigte.

1 W. Wilson, Die neue Freiheit, München 1974, S. 73 f.

2 a. a. O., S. 59

3 K. Marx/F. Engels, Werke, Bd. 23, Berlin 1962, S. 528.

4 W. I. Lenin, Werke, Bd. 22, Berlin 1960, S. 305.

Die Vereinigung der Macht der Monopole mit der des Staates erreichte vor allem im ersten Weltkrieg und während der großen Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts eine neue Stufe. In den USA hatten sich, nachdem das Land am 6. April 1917 in den Weltkrieg eingetreten war, schon vorhandene Ansätze einer staatsmonopolistischen Regulierung – so zum Beispiel die Aktivitäten des Finanzministeriums auf dem Geld- und Kreditmarkt – verstärkt (die Industrie wurde vom Kriegsindustrieausschuss koordiniert; Kriegsbehörden der Exekutive wurden gebildet; ein staatliches Eisenbahnmonopol wurde erreichtet)5. Die zunehmende wirtschaftliche Macht der Monopole, die sich verschärfenden kapitalistischen Widersprüche, das Entstehen der Sowjetunion – Beginn und Wesensmerkmal der allgemeinen Krise des Kapitalismus – erforderten auch in den USA veränderte Beziehungen zwischen Monopolen und Staat. Insbesondere mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise (1929 bis 1933), als in den USA das Bruttosozialprodukt um 28,9 Prozent fiel, war es für die Monopole notwendig, die Spontanität des kapitalistischen Marktes weiter einzuschränken. Dazu benötigten sie den Staat. Von 1930 bis 1932 machten 85 000 kapitalistische Betriebe Bankrott. Die Produktion sank in der Fabrikindustrie und im Bergbau um mehr als die Hälfte.6 Die Arbeitslosenquote stieg 1932 auf 23,6 Prozent. Angesichts dieser wirtschaftlichen Zerrüttung – neben dem Krieg war das der entscheidende Faktor, der die imperialistischen Staaten zwang, vom monopolistischen Kapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus überzugehen7 – orientierten sich maßgebende Kreise des Imperialismus der USA an den Ideen des englischen Ökonomen John M. Keynes. Danach musste der Kapitalismus sich „entweder mit einer Politik direkter Einmischung seitens der Regierung und der Subventionen für die Industrie abfinden oder hoffnungslos zugrunde gehen“8. Präsident Herbert C. Hoover hatte es auch in der Zeit der sich verschärfenden Wirtschaftskrise abgelehnt, dass sich der Staat in erweiterter Form in das Wirtschaftsleben einmischt. Präsident Franklin D. Roosevelt, der am 4. März 1933 sein Amt antrat, setzte demgegenüber mit der Politik des „New Deal“ darauf, den Kapitalismus mit Hilfe eines umfassenden Programms staatsmonopolistischer Reformen und Teilzugeständnisse zu retten. Innerhalb kurzer Zeit verabschiedete der Kongress zahlreiche Gesetze, die vom Präsidenten vorgeschlagen und von seinem Beraterstab (Berle, Moley, Tugwell und anderen) ausgearbeitet worden waren. Diesen Gesetzen lag die Konzeption zugrunde, den Staat verstärkt einzusetzen, um mit ökonomischen Stimuli und staatlichen Subventionen für die Monopole, mit dem staatlichen Aufkauf eines Teils der Produktion sowie mit einigen Bau- und Sozialprogrammen die Wirtschaft wieder zu beleben. Damit sollte der Preisverfall aufgehalten, die Arbeitslosenquote gesenkt und die zum Kampf entschlossenen Arbeiter beschwichtigt werden. Die Politik des „New Deal“ war in sich sehr widersprüchlich. Sie beschleunigte einerseits die staatsmonopolistische Entwicklung, reagierte jedoch andererseits auf Forderungen der Arbeiterklasse, ihr Lebens- und Kampfbedingungen zu verbessern, indem einige politische und soziale Rechte gesetzlich verankert wurden. In der Zeit des „New Deal“ entstanden unter Mitwirkung von Vertretern des Monopolkapitals mehrere zentrale staatliche Einrichtungen zur Regulierung der Wirtschaft. In den folgenden Jahrzehnten wurden diese Institutionen ausgebaut; sie trugen damit maßgeblich bei, dass sich auf der Grundlage der zunehmenden Verflechtung von Executive, Kongress und Konzernen die staatsmonopolistische Entwicklung vollzog. Insbesondere gehörten dazu das in dieser Zeit geschaffene und von den Vertretern der Monopole beherrschte System der Kommission zur Regulierung der Wirtschaft („Independet Rugulatory Commissions“)9, der verstärkte staatliche Einfluss auf das 1913 von W. Wilson eingerichtete Bundesbankensystem („Federal Reserve System“) und das Amt zur Sanierung der Landwirtschaft („Farm Security Administration“). Weiterhin ist dazu zu rechnen, dass das Budgetbüro zum Instrument der Präsidialgewalt wurde. Die 1935 gebildete Bundesbehörde für Arbeitsbeziehungen („National Labor Relations Board“) erhielt die Aufgabe, Lohnkonflikte im Interesse der Monopole zu regulieren.

5 „Die Kreise der Wirtschaft drangen während des ersten Weltkrieges in breitem Maße in den Staatappart ein, als sie die Handhabung der Kriegswirtschaftsbestimmungen und die Verteilung der Kriegsaufträge der Wilson-Regierung übernahmen.“ (V. Perio, Der USA-Imperialismus, Bd. II, Frankfurt am Main 1971, S. 371.)

6 Vgl. J. Kuczynski, Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus, Bd. 30, Darstellung der Lage der Arbeiter in den Vereinigten Staaten von Amerika seit 1898, Berlin 1966, S. 117.

7 Vgl. W. I. Lenin, Werke, Bd. 26, Berlin 1961, S. 157.

8 W. Z. Foster, Geschichte der Kommunistischen Partei der USA, Berlin 1956, S. 413.

9 Die Independent Regulatory Commissions (die erste wurde 1887 für das Eisenbahnwesen gebildet) sind Bundeseinrichtungen mit tausenden Beamten, die auf Grund eines Gesetzes für bestimmte Bereiche der Sozialpolitik, des Transport-, Energie-, Nachrichten-, Handels-, Bank- und Börsenwesens gebildet wurden und das Recht haben, Verordnungen zu erlassen. Ihre Zusammensetzung wird durch den Präsidenten mit Zustimmung des Senats bestimmt.

Das Oberste Gericht der USA erklärte entscheidende Gesetze des „New Deal“ unter dem Druck einflussreicher Kreise des Monopolkapitals in den Jahren 1935 und 1936 für verfassungswidrig (der Kongress verabschiedete sie daraufhin in kaum veränderter Fassung neu). Einige der neu geschaffenen Institutionen bestanden auch nur vorrübergehend. Unabhängig davon erwiesen sich viele einschneidende Veränderungen im Verhältnis Monopole – Staat und in der staatlichen Tätigkeit als nicht mehr rückgängig zu machen: die Verschmelzung der zentralen staatlichen Institutionen mit dem Monopolkapital, die aktive Rolle des bürgerlichen Staates im Wirtschaftsleben und die Zentralisierung der Staatsmacht. „Seit den Tagen der großen Wirtschaftskrise“, so schätzt die Kommunistische Partei der USA in ihrem Programm ein, „hat das Großkapital in wachsendem Maße die wirtschaftliche Macht und die Mittel der Regierung ausgenutzt, um seine Profite zu vergrößern und die Vorherrschaft der USA-Monopolmacht im In- und Ausland zu verstärken. Im Zuge der engeren Verflechtung von ökonomischer und politischer Macht sind die Direktoren der Monopole in entscheidende Ämter in Washington und in Schlüsselpositionen des Kabinetts eingedrungen, um die Regierung den Monopolen noch gefügiger zu machen. In wachsendem Maße benutzt das Monopolkapital den Staat zur Beschaffung von Märkten, Kapitalien und Subventionen, zur Übernahme der Garantie für Märkte und Investitionen im Ausland und als Stoßdämpfer bei Verlusten in Krisenzeiten.“10

10 Das neue Programm der Kommunistischen Partei der USA, Berlin 1971, S. 18.

Der staatsmonopolistische Kapitalismus der USA hat sich seit den Zeiten des „New Deal“ weiterentwickelt. Die Ursachen dafür sind im ökonomischen Bereich, aber auch in politischen Faktoren, insbesondere in der (vorrübergehenden P.R.) Veränderung des internationalen Kräfteverhältnisses zugunsten des Sozialismus und zuungunsten des USA-Imperialismus begründet. Die ökonomische Macht im immer stärker in den Händen riesiger Monopole zusammengefasst, ebenso wie Industrie- und Bankkapital immer mehr verschmelzen. Die staatsmonopolistische Entwicklung wurde nach dem zweiten Weltkrieg maßgeblich dadurch geprägt, dass der Militär-Industrie-Komplex entstand. Die ökonomische Potenz des Staates und die Formen der staatlichen Eingriffe in das Wirtschaftsleben haben in den letzten Jahrzehnten – nicht zuletzt auf Grund der wissenschaftlich-technischen Revolution – neue Dimensionen angenommen.

Heute (Stand 1970er Jahre P.R.) beherrschen etwa 500 Monopolgruppen, die von wenigen Fiananzgruppen kontrolliert werden, die Wirtschaft der USA.11 Zu den Konzernen, deren Umsatz eine Milliarde Dollar überschreitet, gehörten im Jahre 1974 über 40 Prozent dieser 500 Konzerne (203). 1974 entfielen auf die 500 größten Konzerne rund zwei Drittel des Umsatzes, fast drei Viertel der Profite und etwa drei Viertel der Arbeitskräfte aller kapitalistischen Industriebetriebe der USA.12 Während im Jahre 1909, wie Lenin nachwies, fast die Hälfte der Gesamtproduktion aller Betriebe der USA in den Händen von etwa 3 000 kapitalistischen Unternehmen lag (11 Prozent)13, erzeugen heute nur rund 200 Industriekonzerne (0,1 Prozent) die Hälfte der Jahresproduktion. Allein die elft größten Konzerne, die 1974 einen Gesamtumsatz von 221 Milliarden Dollar auswiesen, sind mit über 16 Prozent am Umsatz der gesamten Industrie der USA beteiligt. Bereits Ende der sechziger Jahre kontrollierten die 200 größten Industriekonzerne etwa zwei Drittel der Aktiva aller kapitalistischen Unternehmen. Das ist ungefähr der gleiche Anteil, den 1941 die 1 000 größten Konzerne besaßen.14 Die Zahl der Fusionen und Einverleibungen stieg von 1424 (1950 bis 1954), 3 365 <<81955 bis 1959) und 4 366 (1960 bis 1964) auf 14 453 (1965 bis 1969).15 

11 a. a. O., S. 15

12 Fortune (Chicago), May 1975

13 Vgl. W. I. Lenin, Werke, Bd. 22, a. a. O., S. 201.

14 Vgl. G. Hall, Der amerikanische Imperialismus in der Welt von heute, Berlin 1973, S. 29 f.

15 Vgl. W. Korionow, Die Vereinigten Staaten von Amerika, wie sie sind, Moskau 1974, S. 34 (russ.)

Die größten USA-Konzerne verkörpern eine gewaltige ökonomische und politische Macht. Mit einem Produktionswert von mehr als 24 Milliarden Dollar stand General Motors bereits 1969 in der Rangliste der 100 größten kapitalistischen Länder und Industriekonzerne (in Bezug auf den Wert der jährlichen Produktion) an 15. Stelle noch vor Belgien, Argentinien und der Schweiz. Standard Oil (Exxon) und Ford produzierten jeweils mehr als Pakistan, Dänemark oder Österreich. Der Jahresumsatz von ITT war ebenso hoch wie der von Chile oder Paortugal.16 Eine zunehmende Konzentration ist auch im Bankwesen der USA festzustellen. Zugleich verschmilzt das Industrie- und Bankkapital – ein entscheidendes Merkmal des Imperialismus – immer weiter. 1968 verfügten die Banken der USA über Aktiva in Höhe von 500,7 Milliarden Dollar. 102 der größten Bankgesellschaften (0,4 Prozent der Bankinstitute) besaßen dabei 43 Prozent des gesamten Bankkapitals. 30 Banken verwalteten 51,7 Prozent des von Banken insgesamt verwalteten Industrievermögens. 49 Banken waren über gemeinsame Direktoren mit 286 der 500 größten Konzerne verbunden. Anfang der 1970er Jahre waren 47,4 Prozent des Wertes aller im Umlauf befindlichen Aktien von den Bankinstituten aufgekauft. Von 1941 bis 1971 wuchs die Summe der von den Bankinstituten vergebenen Kredite auf das Vierzehnfache, von 22 auf 318 Milliarden Dollar.17 Das Finanzkapital der USA bestimmt über seine Machtzentren in den Banken und Konzernen den kapitalistischen Geldmarkt und die kapitalistische Industrieproduktion. (Heute ist China als ernstzunehmender Konkurrent hinzugekommen. P.R.)

16 Vgl. Ch. Levinson, Wirtschaftskrise und multinationale Konzerne, Hamburg 1974, S. 133 f.

17 Vgl. G. Hall, a. a. O., S. 33; H. J. Kleinsteuber, Die USA – Politi, Wirtschaft, Gesellschaft, Eine Einführung, Hamburg 1974, S. 133.

Mit dem sich entwickelnden staatsmonopolistischen Kapitalismus stieg nach dem zweiten Weltkrieg der Kapitalexport rapide an, und es breiteten sich Zweig- und Tochtergesellschaften von USA-Konzernen im kapitalistischen Ausland aus.

Private Kapitalanlagen von USA-Konzernen im Ausland (Mill. Dollar)18

Jahr insgesamt in Entwicklungsländern in kapitalistischen Industrieländern


1950                                        11 788                                  5 748                                    5 684

1955                                        19 313                                     –                                         10 425

1960                                        31 865                              11 129                                     19 319

1965                                        49 474                              15 177                                     32 312

1970                                        78 179                              21 448                                     53 145

1971 86001 23 337 58 346


Von 1946 bis 1971 gründeten die großen Konzerne der USA ungefähr 10 000 Auslandsniederlassungen.19

Mehr als drei Viertel der 200 größten USA-Konzerne sind „vom amerikanischen Finanzkapital kontrollierte transnationale Kapitalgesellschaften mit Tochterbetrieben in vielen Ländern…in Größe und Dimension ihrer Operationen lassen die amerikanischen Kapitalgesellschaften ihre Konkurrenten weit hinter sich“20. Unter den 15 größten transnationalen Konzernen befanden sich 1972 elf Konzerne der USA:

18 „Statistische Kurzbiografie: USA“, IPW-Berichte, 4/1973, S. 76; IPW-Berichte, 8/1975, S. 75.

19 Vgl. G. Hall, a. a. O., S. 53.

20 H. Lumer, „Einige Züge der Evolution des Kapitalismus in den USA“, Probleme des Friedens und des Sozialismus, 1975/12, S. 1655.

                                             Gesamtumsatz 1974                                         Anteil des   

                                               In Md. Dollar21                                                  Auslandumsatzes 1972 

in Prozent22


Exxon (Esso) 42,1                                                        50

General Motors                                      31,5                                                        19

Ford                                                     23,6                                                    26

Texaco                                                  23,3                                                      40

Mobil Oil                                               18,9                                                        45

Standard Oil of Calif.                             17,2                                                        45

Gulf Oil                                                 16,5                                                       45

General Elecktric                                   13,4                                                       16

IBM                                                       12,7                                                      39

ITT                                                        11,2                                                      42

Chrysler 11,0 24


21 Fortune, a. a. O.

22 Vgl. „Auslandsaktivitäten internationale Konzerne“, IPW-Berichte, 1/1974, S. 55 f. ; IPW-Berichte, 8/1975, S. 74.

1965 stammten 22 Prozent der Gewinne der USA-Konzerne aus Auslandsvermögen (1950: 9,6 Prozent).23 Mitte der 1970er Jahre belief sich das Produktionsvolumen der USA-Konzerne im Ausland auf mehr als 200 Milliarden Dollar.

23 Vgl. H. Magdoff, Das Zeitalter des Imperialismus, Frankfurt am Main 1970, S. 159; J. Kuczynski, a. a. O., S. 269.

Das bedeutendste Merkmal des staatsmonopolistischen Kapitalismus nach 1945 – dessen „unheilvollste Ausgeburt“, wie die Kommunistische Partei der USA einschätzt24 – ist der hohe Grad der Militarisierung der Wirtschaft und aller Bereiche der Gesellschaft der USA. Dies und die enge Verflechtung der Monopole, die im Rüstungsgeschäft tätig sind, mit dem militärischen Apparat führten dazu, dass sich ein besonderer staatsmonopolistischer Sektor, der Militär-Industrie-Komplex, herausbildet.

24 Das neue Programm der Kommunistischen Partei der USA, a. a. O., S. 19; R.J. Barnet (Der amerikanische Rüstungswahn, Reinbek bei Hamburg 1971, S. 94) berichtet, dass die Western Electric im Jahre 1964 bei der Erfüllung des Auftrages, die Funktionsweise beweglicher Abschussrampen zu überprüfen, eine riesige Profitrate erzielte (Kosten: 14 293 Dollar; Vergütung: 955 396 Dollar).

Betrug der Anteil der direkten Rüstungsausgaben Anfang des vorigen (P.R.) Jahrhunderts 0,8 Prozent, so lag er in den 1950er und 1960er Jahren bei 9,8 bzw. 8,7 Prozent des Bruttosozialprodukts. In den Haushaltsjahren 1974, 1975 und 1976 (als Haushaltsjahr wird in den USA die Zeit vom 1.Juli des laufenden Jahres bis zum 30.Juni des folgenden Jahres bezeichnet) erreichten die unmittelbaren Ausgaben für „nationale Verteidigung“ die gewaltige Höhe von 78.6, 85,3 und 90,6 Milliarden Dollar. Das sind zwischen 27 und 29 Prozent der Gesamtausgaben des USA Bundeshaushaltes (die tatsächlichen Militärausgaben betrugen mindestens 100 Milliarden Dollar). Die Streitkräfte umfassen heute (1970er Jahre P.R.) – in Friedenszeiten – nahezu drei Millionen Mann (1914: 0,2 und 1935: 0,3 Millionen). Etwa 13 Prozent aller Arbeitskräfte werden in der Rüstungsproduktion bzw. im militärischen Apparat des Staates beschäftigt. Mehr als 80 Prozent aller Staatsausgaben der Union für Forschung und Entwicklung werden für Rüstung, Weltraum- und Kernforschung ausgegeben. Die Rüstungsausgaben des Staates sind für die Monopole die Quelle riesiger staatlich garantierter Profite. 100 Konzerne erhalten etwa 68 Prozent aller Rüstungsaufträge.25 Im Jahre 1960 erzielten die 500 größten Industriekonzerne 16,7 Prozent ihrer Nettoprofite aus Rüstungsaufträgen.26

25 Vgl. D. Senghaas, Rüstung und Militarismus, Frankfurt am Main 1972, S. 181 f. 

26 J. Kuczynski, a. a. O., S. 269.

Ein weiteres Merkmal des Monopolkapitalismus der USA, das sich tiefgreifend auf den Staatsapparat und den Mechanismus der bürgerlichen Demokratie auswirkt, sind die 24 Gangstersyndikate (Stand 1970er Jahre P.R.), die in dem Verbrecherkartell Cosa Nostra zusammengeschlossen sind. Diese Syndikate haben sich zu einem gewaltigen Wirtschaftsmonopol entwickelt, das seine Gewinne nicht nur aus dem Rauschgiftgeschäft, der Prostitution, dem Glücksspiel usw. bezieht (1970: 7 bis 8 Milliarden Dollar), sondern das auch im großen Stil im „normalen“ kapitalistischen Wirtschaftsleben tätig geworden ist. Der Umsatz der Cosa Nostra aus legalen Geschäften (ihr gehören unter anderem Banken, Kreditinstitute, Börsenmaklerfirmen, Grundstückskonzerne, Betriebe der Konfektionsindustrie und des Baugewerbes an) betrug bereits in den 1960er Jahren nach Schätzungen jährlich etwa 22 Milliarden Dollar. Damit war die Cosa Nostra damals eigentlich der größte USA-“Konzern“, noch vor General Motors, General Electric oder Standard Oil.27 (Da brauchen wir uns nicht aufregen, dass DIE LINKE mit den Clans sympathisiert und umgekehrt. Schließlich sind die Clans oder auch organisierte Kriminalität anderer Nationalitäten ein Garant dafür, dass das kapitalistische System stabil bleibt. P.R.)

27 Vgl. K. Polkehn/H. Szeponik, Wer nicht schweigt, muss sterben, Berlin 1972, S. 415, und H. – J. Schneider in: Handwörterbuch der Kriminologie, Bd. III, Westberlin/New York 1975, S. 481.

Die sich verändernde ökonomische Basis des USA-Imperialismus wirkte sich gravierend auf die staatliche Tätigkeit, den Mechanismus des Staates und die Beziehungen zwischen Staat und Monopolen aus. Die Zusammenballung der ökonomischen Macht und die neuen Formen kapitalistischer Produktionsverhältnisse zwangen den imperialistischen Staat dazu, stärker in das Wirtschaftsleben einzugreifen, seine ideologische Tätigkeit und überhaupt seine Aufgaben auszuweiten, um die monopolistischen Machtverhältnisse zu sichern. Der Staat übernimmt heute auch die Verantwortung für die politischen und ideologischen Bedingungen der internationalen Kapitalverwertung. Eine wesentliche Quelle der gestiegenen Aggressivität des USA-Imperialismus ist die Herausbildung des Militär-Industrie-Komplexes und die internationale Expansion des USA-Kapitals, der Drang der Konzerne nach ständig wachsenden Profiten aus dem Rüstungsgeschäft und zunehmenden Kapitalexport besonders auch in die noch um ihre ökonomische und politische Selbstständigkeit kämpfenden jungen Nationalstaaten. All das prägt wesentlich die Rolle, die der USA-Imperialismus als Hauptkraft des Imperialismus der Gegenwart spielt. Die Entwicklung des Monopolkapitalismus in den USA war vor allem mit einer neuen Qualität der Verflechtung von Staat und Monopolen verbunden. „Der Regierungsapparat“, so schätzt die Kommunistische Partei der USA ein, „der—etwa 250 Milliarden Dollar (im Haushaltsjahr 1975/76: 349,4 Milliarden Dollar-d. Verf.) jährlich auf allen Ebenen verausgabt, ist zu einer riesigen Schleuse geworden, durch die Milliarden Dollar…in die Tresore der Riesenmonopole fließen.“28 Der Staat in den USA kauft heute etwa ein Fünftel des nationalen Bruttoprodukts auf. Von einzelnen Industriezweigen, so von der Flugzeugindustrie, übernimmt der Staat bis zu 95 Prozent der Produktion. Seit 1929 sind die jährlichen Ausgaben des USA-Bundeshaushalts, selbst wenn die fortschreitende Inflation in Rechnung gestellt wird, auf etwa das Fünfzigfache gestiegen. Mit steigenden Einkommenssteuern (von1940 bis 1970 erhöhten sich die individuellen Einkommenssteuern auf das Neunzigfache!) schuf der bürgerliche Staat die Voraussetzung, um den Monopolen durch staatliche Aufträge, Steuervergünstigungen und Subventionen riesige Profite zu garantieren. Zwar gibt es im staatsmonopolistischen Kapitalismus der USA fast keine staatseigenen Konzerne wie in der BRD und in anderen imperialistischen Ländern, jedoch hat die Regierung der USA von 1940 bis Ende der 1960er Jahre Betriebe, Laboratoriumsausrüstungen und Betriebsausrüstungen im Werte von 45 Millionen Dollar zur Nutzung gekauft. Der USA-Staat besaß nach Angaben der Monatszeitschrift „Fortune“ 1972 allein auf Bundesebene mehr Vermögenswerte (422 Milliarden Dollar) als die 250 größten USA-Konzerne zusammen!29

28 Das neue Programm der Kommunistischen Partei der USA, a. a. O., S. 20 f.

29 Fortune, May 1973, S. 194.

Die Entwicklung des Staates und die Krise der bürgerlichen Demokratie im Imperialismus werden wesentlich bestimmt vom Fortschreiten der allgemeinen Krise des Kapitalismus. Die Situation des USA-Kapitalismus ist keineswegs nur aus den in ihm wirkenden Gesetzmäßigkeiten zu erklären. Sie ist in bedeutendem Maße das Resultat der weltweiten revolutionären Veränderungen- des Niedergangs des Kapitalismus, der Siege des Sozialismus und der nationalen Befreiungsbewegungen-, wie sie sich in diesem Jahrhundert vollzogen haben. Als der erste sozialistische Staat in der Welt, die Sowjetunion, entstand, engte das die Aktionsmöglichkeit des USA-Imperialismus erheblich ein. Die militärische Intervention gegen die Sowjetunion endete mit einer Niederlage. Der Expansion des nach Weltherrschaft drängenden USA-Monopolkapitals wurden Grenzen gesetzt. Zugleich wuchs die Aggressivität des USA-Imperialismus. Die Aggressivität hatte nunmehr nicht mehr allein ihre Ursache darin, dass die Monopole der USA, unterstützt vom imperialistischen Staat, im Streben nach Maximalprofiten im internationalen Maßstab auf die Konkurrenz ausländischer Monopole und anderer imperialistischer Staaten stießen. Sie wurde zunehmend motiviert durch die prinzipielle Feindschaft zum realen Sozialismus. Die (vorrübergehende P. R.) Schwächung des Kapitalismus nach dem zweiten Weltkrieg und die damit verbundene zweite Etappe der allgemeinen Krise des Kapitalismus zwangen den USA-Imperialismus weiter in die Defensive. Seine Politik, mit Hilfe des Kalten Krieges, der atomaren Drohung, der Unterstützungen konterrevolutionärer und der Vorbereitung militärischer Aktionen den Sozialismus als Gesellschaftssystem zu beseitigen, scheiterte (lange Zeit P.R.). 

Die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts entwickelte Theorie vom „amerikanischen Exzeptionalismus“, die besagt, dass der Kapitalismus der USA etwas Besonderes sei, ein Wirtschaftssystem, das von zunehmender Prosperität, der Aufhebung der Klassengegensätze, vom Fehlen des Klassenkampfes und von stabilen ökonomischen und politischen Verhältnissen gekennzeichnet werde, erwies sich gerade und den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus als völlig haltlos. Die schweren Krisen, die den USA-Imperialismus erschüttern, die sich vertiefenden Klassengegensätze und die zunehmenden Erscheinungen der Deformation und Labilität der bürgerlich-demokratischen Institution bestätigen vollauf die Leninsche Analyse des Imperialismus. (Damals, als das Buch geschrieben wurde, waren die Zustände ein Nichts gegen die Heutigen. P.R.)

Der staatsmonopolistische Kapitalismus ist jene Phase der historischen Entwicklung, in der sich auch in den USA die Krise der bürgerlichen Demokratie außerordentlich vertiefte und in der die dem Imperialismus innewohnende Tendenz zu Negation der Demokratie voll zum Ausdruck kommt. (Als das Buch geschrieben wurde, dachte niemand daran, wie weit die bürgerlich-demokratischen Rechte unter Trump deformiert worden sind. P.R.)

In den letzten vier Jahrzehnten (Stand 1970er Jahre P.R.) wurden die bürgerlich-demokratischen Institutionen und Bürgerrechte in einem Maße deformiert, wie dies in der vorangegangenen eineinhalb Jahrhunderten auch nicht annähernd der Fall gewesen war. Hauptgrund und Ursache dieses Prozesses ist vor allem, dass sich mit dem staatsmonopolistischen Kapitalismus der unversöhnliche Widerspruch zwischen der zutiefst antidemokratischen monopolistischen Machtzusammenballung und dem demokratischen Anspruch der Institutionen und Rechte der bürgerlichen Demokratie unweigerlich verschärft. Die Erscheinungsformen dieser Krise sind nicht nur äußerst vielfältig, sondern auch sehr widerspruchsvoll. Das ergibt sich daraus, dass sehr unterschiedliche Faktoren die Krise der bürgerlichen Demokratie beschleunigen, aber auch hemmen. Diese Krise widerspiegelt gerade in den USA in besonderem Maße die Vertiefung der allgemeinen Krise des Kapitalismus in ihrer dritten Etappe. Das zeigt sich keineswegs nur darin, dass die herrschenden imperialistischen Kreise der USA auch die bürgerlich-demokratischen Institutionen zu netzen suchen, um gegen den Sozialismus Front zu machen. (Das gilt auch heute noch, was die Erinnerung und die verbliebenen sozialistischen Länder betrifft. P.R.) Besonders die in den 1950er Jahren gegen die Sowjetunion gerichtete ausgeprägt aggressive Politik und der auch diesem Nährboden entstehende Militär-Industrie-Komplex waren wesentliche Hebel, um sowohl die Rechte des Kongresses als auch die Bürgerrechte einzuschränken.

Bedeutsam war und ist vor allem, dass die sozialistische Demokratie, eine Demokratie eines neueren, höheren Typus, entstand, deren Überlegenheit darin zum Ausdruck kommt, dass die Arbeiterklasse, die Volksmassen tatsächlich die Staatsmacht ausüben. (Es ist gelungen, mittels ausländischer Medien, die Gehirne der Bevölkerung der damals sozialistischen Länder in Europa zu „waschen“. Eigene Fehler der damaligen Verantwortlichen kamen hinzu. Die Bevölkerung der damaligen sozialistischen Länder in Europa fühlte sich nicht mehr vertreten und glaubte an die immer noch verbreitete Behauptung von Scheinwahlen und Scheindemokratie im Sozialismus. So sehnten sie sich nach der bürgerlichen Demokratie. Nun sind sie enttäuscht, dass diese sie erst recht nicht vertritt. Das gibt Aufwind für rechtsgerichtete Politik, bzw. Partei(en). P.R.) Demgegenüber befindet sich die bürgerliche Demokratie in einer ausweglosen Defensivposition. Auf das Beispiel der sozialistischen Demokratie reagierend, suchen die herrschenden Kreise der USA zwar heute eine Teilnahme des Volkes vorzutäuschen, jedoch nur, um damit die Bevölkerung um so sicherer und rigoroser davon auszuschließen, Einfluss auf Staat und Politik zu nahmen. Die bürgerlich-demokratischen Institutionen und Rechte stehen im staatsmonopolistischen Kapitalismus unter dem Zwang der großen Monopole und der sich zunehmend autoritärer Herrschaftsmethoden bedienenden Zentren des imperialistischen Staates. Deshalb bieten sie den herrschenden imperialistischen Kreisen der USA in der Gegenwart noch bedeutende Möglichkeiten, demokratische Bewegungen niederzuhalten sowie ökonomische und soziale Krisenerscheinungen mehr oder weniger aufzufangen. Insbesondere in Zeiten ökonomischer Labilität wirken die Widersprüche des Imperialismus jedoch auch heftig in die bestehenden bürgerlich-demokratischen Institutionen hinein und lösen Erscheinungen der Zerrüttung und zum Teil heftige politische Differenzen innerhalb dieser Institutionen aus.

Gerade in Bezug auf die USA darf die fortschreitende Krise der bürgerlichen Demokratie nicht so verstanden werden, als ob der politische Überbau unfähig wäre, die Klassenherrschaft der Monopole zu gewährleisten. Ohne Zweifel verfügt das politische System der USA immer noch über eine nicht zu unterschätzende Manövrierfähigkeit. Gegenwärtig (1970er Jahre P.R.) äußert sich die Krise der bürgerlichen Demokratie vor allem noch in solchen Erscheinungen wir Deformationen des Regierungssystems, Angriffe auf die Bürgerrechte, Rückgang der Stimmen für die Partei des regierenden Präsidenten und abnehmende Wahlbeteiligung. Die Widersprüche zwischen den parlamentarischen Institutionen und der Präsidialgewalt einerseits sowie zwischen der vom Kongress und dem Präsidenten betriebene Politik und den Interessen der Volksmassen andererseits vertiefen sich. Diese Erscheinungen stellen jedoch die Fähigkeit dieser Institutionen, die bestehenden Machtverhältnisse zu erhalten, weder wesentlich noch für die nächste Zeit in Frage. Wahlrecht und Parteiensystem errichten hohe Barrieren gegen die erforderliche Kandidatur von Repräsentanten antimonopolistischer Kräfte. Eine politische Massenpartei der Arbeiterklasse oder eine einheitliche Massenbewegung auf antimonopolitischer Grundlage konnte sich bisher nicht entwickeln. Die Massenmedien, die Bildungseinrichtungen und andere Institutionen propagieren die Freund-, Feind- und Leitbilder der bürgerlichen politischen Ideologie. Der Antikommunismus, die Ideologie der Klassenzusammenarbeit, der Glaube daran, dass die amerikanische Lebensweise, das Sozialsystem und die bestehenden bürgerlich-demokratischen Institutionen die besten in der Welt seien und man selber zur „Mittelklasse“ gehöre, sind selbst in Teilen der Arbeiterklasse tief verwurzelt. Vielfältige Institutionen des staatlichen Unterdrückungsapparates überwachen das politische Leben und bekämpfen – gegebenenfalls auch unter Bruch elementarer Prinzipien der bürgerlichen Gesetzlichkeit und einer gerechten Prozessführung (due process) – alle Anstrengungen der Kommunistischen Partei der USA und anderer antiimperialistischer Kräfte, politischen Einfluss zu gewinnen, sich zusammenzuschließen, in den Gewerkschaften die Politik der Kollaboration mit dem Monopolkapital zu beenden und ihre Vertreter in die gesetzgebenden Körperschaften und die Exekutivorgane zu entsenden.

Die Krise der bürgerlichen Demokratie in den USA drückt sich darin aus, dass der politische Machtmechanismus expandiert: Die Präsidialgewalt wird zuungunsten der anderen Exekutivorgane und des Kongresses in wachsendem Maße den Interessen des Monopolkapitals angepasst; eine „unsichtbare Regierung“, die neben den bürgerlich-demokratischen Strukturen des Staates andere, offen antidemokratische Institutionen schafft, bildet sich heraus; die föderalistische Staatsstruktur wird deformiert; die bürgerlich-demokratischen Institutionen werden vom monopolkapital beherrscht; bürgerlich demokratische Rechte werden abgebaut und zerstört.

Die erste Tendenz zur Deformation der bürgerlichen Demokratie besteht darin, dass die Präsidialgewalt ausgeweitet und von den Monopolen beherrscht wird. Wesentliche Rechte des Kongresses wie das Gesetzgebungsrecht und das Budgetrecht werden heute (bereits in den 1970er Jahren P.R.) weitgehend vom Präsidenten ausgeübt. Weil die im staatsmonopolistischen Kapitalismus vom bürgerlichen Staat übernommenen neuen Aufgaben hauptsächlich von der Executive wahrgenommen werden, vollzieht sich dort vor allem die fortschreitende Vereinigung von Staat und Monopolen. Für die USA ist es auch heute noch typische, „dass die größten Geschäftsleute sie (die Regierung – d. Ver.) in zunehmenden Maße selbst ausüben…Die funktionelle Verschmelzung zwischen Staat und Konzernen ist begleitet von der Personalunion der führenden Männer (früher waren in diesen Positionen nur Männer. P.R.) beider Sphären.“32 Von den 2 000 leitenden Angestellten in der Bundesexekutive, die Nixon 1969 neu berief, kamen – nach offiziellen Angaben – 28 Prozent aus der „Wirtschaft“ (20 Prozent unter Johnson, 17 Prozent unter Kennedy und 34 Prozent unter Eisenhower). Im Stadium des staatsmonopolitischen Kapitalismus wurden der Präsident und dessen Beraterstab zum Zentrum staatsmonopolistischer Willensbildung. Deshalb ist die Wahl des Präsidenten, der Einfluss auf ihn für die Monopole eine entscheidende Frage.

32 V. Perlo, a. a. O., S. 341; vgl. H. J. Kleinsteuber, a. a. O., S. 100.

Dabei tritt eine zweite Tendenz auf, die für die Krise der bürgerlichen Demokratie in den USA charakteristisch ist. Über die veränderten Beziehungen zwischen Legislative und Exekutive hinaus hat sich – wie die Kommunistische Partei der USA einschätzt- eine „unsichtbare Regierung“ herausgebildet, die sich der Kontrolle der parlamentarischen Institutionen entzieht. „Institutionen wie das Pentagon, der Nationale Sicherheitsrat, die CIA, das FBI und all die verschiedenen anderen ‚unsichtbaren‘ Regierungsagenturen, die außerhalb des Bereiches demokratischer Kontrollen existieren, werden die primären entscheidungstreffenden Institutionen…Das Aufkommen dieses politischen Machtzentrums hinter den Kulissen, das so eng mit den Zentren der Finanz- und Industrietruste…verknüpft ist, stellt eine äußerst gefährliche Bedrohung der gesamten demokratischen Struktur dar.“33 Autoritäre und offen antidemokratische Herrschaftsmethoden – eine ihrer typischen Erscheinungsformen war die Watergate-Affäre- zeugen direkt von dieser Deformierung der bürgerliche-republikanischen Staatsform. (Heutzutage, insbesondere unter Trump, ist das noch viel schlimmer. P.R.)

33 G. Hall, a. al. O., S. 130 f.

Eine dritte Tendenz ist, dass der fortschreitende Monopolisierungsprozess und die wachsenden Aufgaben, die der imperialistische Staat hat, um die Macht- und Profitinteressen des Monopolkapitals zu sichern, auch zum Abbau der Rechte der Einzelstaaten drängt. Bereits die Gesetzgebung des „New Deal“ modifizierte den Föderalismus in den USA entscheidend. Unter dem staatsmonopolistischen Kapitalismus wurde der kooperative Föderalismus zur offiziellen Staatsdoktrin. Nicht die Trennung, sondern die Kooperation bestimmt danach die Beziehungen zwischen Bundesstaat und Einzelstaaten. Dabei spielt die Union auf Grund ihrer absolut und relativ wachsenden materiellen Mittel und Konzentration der politischen Gewalt in Washington, insbesondere beim Präsidenten, die bestimmende Rolle. Diese Zusammenarbeit unter Vorherrschaft der Zentralregierung vollzieht sich vor allem in dem Prozess, in dem die über 1 500 großen und kleinen Bundesprogramme verwirklicht werden. Namentlich Mitte der 1960er Jahre, als die Zahl der Bundesprogramme enorm anstieg, wuchs der Bundesexekutivapparat auf lokaler Ebene sehr schnell. Zum Teil begannen die Bundesministerien spezielle Bundesbezirke für die ihnen übertragenen Hilfsprogramme zu gründen.

Die Zentralgewalt stärkte sich im Verlaufe der staatsmonopolistischen Entwicklung gerade dadurch, dass der Anteil der finanziellen Ausgaben der Einzelstaaten in hohem Maße von Bundeszuschüssen abhängen. Diese Zuschüsse werden häufig nur dann gezahlt, wenn Empfehlungen in Gesetzen des Kongresses befolgt werden. Der Anteil der Einzelstaaten und Kommunen an den gesamten Staatsausgaben, der noch 1929 74.5 Prozent betrug, fiel 1939 auf 48,9 Prozent und beträgt seit den 1940er Jahren kaum mehr als 30 Prozent. Die Höhe der Bundeshilfe, die im Jahre 1900 ganze 3 000 Dollar betrug, stieg 1935 schon auf 2,3 Millionen Dollar, stagnierte dann etwa bis 1955 und erhöhte sich schließlich schnell von 6,8 Millionen (1960), 24 Millionen (1970) auf 43,5 Millionen Dollar im Jahre 1973.34 Die Bundesgesetzgebung setzt, soweit sie die Belange der Einzelstaaten berührt, eine Konsultation und Planung mit diesen Staaten voraus. Der Kongress kann dabei die Gesetzgebungszuständigkeiten der Staaten auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet sehr weit einschränken. Es bedarf dazu lediglich der sogenannten preemption, das heißt der ausdrücklichen oder stillschweigenden Feststellung in einem Gesetz, dass der Kongress auf der Grundlage der „interstate commerce clause“35 der Verfassung die betreffende Frage abschließend regeln will. In der politischen Praxis beschränkt sich der Kongress hinsichtlich sozialer und politischer Fragen auf deine Art Rahmengesetzgebung. Die Tendenz, die Zentralregierung zu stärken, schließt keineswegs aus, dass immer noch zahlreiche Fragen von den Einzelstaaten geregelt werden. Dies sind nicht zuletzt – neben der Sozialgesetzgebung- solche Bereiche wie das Strafrecht, das Wahlrecht und die Bürgerrechte. Dies gestattet es den reaktionären Kräften in den Einzelstaaten, dort antidemokratische Zustände aufrechtzuerhalten, die in Washington unter dem Druck der Bevölkerung längst hätten beseitigt werden müssen.

34 Vgl. S. B. Tschetwerikow, Wer macht die Politik der USA und wie? , Moskau 1974, S. 93 (russ.), und P.A. Baran/P. M. Sweezy, Monopolkapital, Frankfurt am Main 1973, S. 173.

35 Diese besagt, dass der Bund das Recht hat, „den Handel—zwischen den Einzelstaaten…zu regeln“ (Art. 1, Abschn. 8, Nr. 3). Mittels einer extensiven Interpretation dieser Verfassungsbestimmung rechtfertigte die Bundesexekutive während und nach der Zeit des „New Deal“ die schrittweise Ausweitung der vor allem von ihr wahrgenommenen ökonomischen Regulierungsfunktion des bürgerlichen Staates.

Eine vierte Tendenz, die für den Niedergang bürgerlicher Demokratie in den USA charakteristisch ist, besteht darin, dass die Monopolbourgeoisie weitgehend auch die bürgerlich-demokratischen Institutionen beherrscht und die Bürgerrechte zunehmend ihres demokratischen Inhalts beraubt werden.

Sowohl das bestehende Zweiparteiensystem, die parlamentarischen Institutionen als auch das Amt des Präsidenten sind Bestandteile des staatsmonopolistischen Herrschaftsmechanismus geworden. Angesichts der Monopolisierung der parlamentarischen Vertretung – auf Bundesebene, in den Einzelstaaten und auch im lokalen Bereich – durch die zwei kapitalistischen Parteien ist auch das Wahlrecht weitgehend fiktiv. Abgeordnete und Senatoren sind zumeist selbst Vertreter von Kapitalinteressen. Die Monopole, insbesondere die Rüstungskonzerne, können jederzeit im Kongress eine Mehrheit von Abgeordneten für eine ihnen erwünschte Gesetzgebung mobilisieren. Selbst der Gangstertrust Cosa Nostra, von dem nach Schätzungen amerikanischer Soziologen allein 15 Prozent der Wahlspenden für die beiden großen Parteien kommen sollen, verfügte in den 1960er Jahren im Kongress über etwa 25 Abgeordnete.36

36 Vgl. K. Polkehn/H. Szeponik, a. a. O., S. 430.

Die Auseinandersetzungen im Kongress bzw. zwischen Kongress und Präsidenten spiegeln demzufolge zumeist lediglich Meinungsverschiedenheiten innerhalb der herrschenden Klasse wider. Selbst solche in mehreren Einzelstaaten verfassungsrechtlich verankerten demokratischen Institute wie Volksbegehren und Volksentscheid sind unter den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus weitgehend in ihrer demokratischen Wirksamkeit beschränkt. So erreichte es beispielsweise eine Bürgerinitiative in Kalifornien, dass Anfang November 1970 der Bevölkerung ein Gesetz zur Urabstimmung vorgelegt werden musste. Dieses Gesetz schrieb vor, einen Teil des Benzinsteueraufkommens zum Bau von abgasfreien Transportmitteln wie Vorortschnellverbindungen und zur Smog-Kontrolle zu verwenden. Der Volksentscheid selbst ging jedoch negativ aus. 2 684 287 Bürger stimmten dafür, 3 112 611 dagegen. Dieses angesichts der eindeutigen Interessenlage der Bürger unverständliche Ergebnis kam vor allem deshalb zustande, weil die betroffenen Monopole (wie Standard Oil, Shell Oil, Union und Texaco) mit Spenden von über 330 000 Dollar eine Propagandakampagne gegen das Gesetz in Gang setzten, während der Bürgerinitiative für die Begründung der Gesetzesinitiative nur 15 000 Dollar zu Verfügung standen.37

37 Vgl. R. Lettau, Täglicher Faschismus, Leipzig 1973, S. 53 f.

Die Krise bürgerlicher Demokratie in den USA drückt sich schließlich in vielfältigen direkten Angriffen auf die demokratischen Rechte aus, vor allem in der antidemokratischen Verfolgung der Kommunisten und anderer antiimperialistischer Kräfte, die faktisch unter Ausnahmerecht stehen. Die Terrorgesetze der McCarty-Ära, auf die an anderer Stelle noch einzugehen ist, mussten im Wesentlichen bis Ende der 1960er Jahre unter dem Druck der demokratischen Bewegung beseitigt werden. Geblieben ist jedoch ein System der Diffamierung, des Polizeiterrors und der Justizwillkür gegen Kommunisten. Antikommunistische Ausnahmegesetze existieren in zahlreichen Einzelstaaten. Dieses System richtet sich gegen die bewussten Vertreter der Arbeiterklasse, der Bürgerrechts- und Studentenbewegung und wird vom Antikommunismus und Rassismus ideologische gestützt.

Soweit die bürgerlich-demokratischen Institutionen und Rechte dem Monopolkapital im Wege stehen, sucht das Monopolkapital diese Institutionen direkt abzuschalten und die Bürgerrechte zu zerstören. Soweit es ihm gelingt, Institutionen und Rechte der bürgerlichen Demokratie zu nutzen, um die Volksmassen niederzuhalten, bleiben sie zwar – auf vielfältige Weise deformiert – bestehen, büßen aber weitgehend jede demokratische Funktion ein. Der Widerspruch zwischen ihrer demokratischen Form und ihrem tatsächlichen, die Herrschaft der Monopole stützenden und verschleiernden Inhalt spitzt sich zu.

Da der Imperialismus „das Wachstum der demokratischen Tendenzen in der Masse der Bevölkerung nicht aufhält, sondern Antagonismus zwischen diesen demokratischen Bestrebungen und der antidemokratischen Tendenz der Truste verschärft“38, sind auch die bürgerlich-demokratischen Institutionen in den USA dem Druck der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten ausgesetzt. Die Volksmassen suchen immer wieder, Einfluss auf das bestehende Parteiensystem und auf die parlamentarischen Institutionen zu erlangen. Unter diesen Bedingungen kann die Arbeiterklasse im Kampf um politische und soziale Ziele sowie um die Beseitigung antidemokratischer Gesetze durchaus gewisse Erfolge erringen. Da aber ein allgemeines Wahlrecht existiert, müssen der Präsident, die zwei großen Parteien und die Abgeordneten bzw. Senatoren Stimmungen und Forderungen der Bevölkerung berücksichtigen. Soweit die herrschenden imperialistischen Kreise zu Zugeständnissen und Ausweichmanövern gezwungen würden, suchten sie die erkämpften demokratischen und sozialen Verbesserungen unverzüglich zu entwerten und zu beseitigen oder sie dazu zu nutzen, um ihre Herrschaft zu tarnen. Der amerikanische Marxist Victor Perlo weist darauf hin, wie kompliziert der Kampf um Demokratie ist, und zeigt, dass die Klassenauseinandersetzung unweigerlich in die Institutionen der bürgerlichen Demokratie im staatsmonopolistischen Kapitalismus hineinreichen: „Natürliche ist die politische Struktur nach wie vor ihren eigenen Gesetzen und Mechanismen unterworfen. Das Volk übt weiterhin Druck aus. Es sucht nach wirksameren Mitteln und Wegen, seine demokratischen Rechte zu sichern und wahrzunehmen. Es versucht, den Staat aus einem Werkzeug der Monopole in ein Werkzeug der Massen umzuwandeln, ihn vom Wege des Krieges auf den Weg des Friedens zu führen. Bisweilen erringt es gewisse Zugeständnisse. Die letzte und ausschlaggebenden Kontrolle aber befindet sich fester den je in den Händen der Hochfinanz.“39

38 W. I. Lenin, Werke, Bd. 23, a. a. O., S. 43.

39 V. Perlo, a. a. O., S. 343.

Auch in den USA geben sich die bürgerlichen Politiker und Ideologen immer dann grenzenlos optimistisch in Bezug auf die wirtschaftliche und politische Zukunft, wenn die Wirtschaftskonjunktur eine Weile anhält. Das war Mitte der 1920er Jahre ebenso der Fall wie Mitte der 1960er Jahre, als Präsident Lyndon B. Johnson den Bürgern der USA und aller Welt den Übergang zur „Großen Gesellschaft“ („Great Society“) ankündigte, zu einer Gesellschaft ohne Armut und Ungerechtigkeit, mit Freiheit für alle und gesichertem wirtschaftlichem Wachstum. „Wir haben die Macht“, erklärte Johnson damals, „unsere Zivilisation nach unseren Vorstellungen zu gestalten.“40 

40 Präsident Jonsons Zukunftsbild, Die große Gesellschaft, hrsg. Vom US-Informationsdienst, Bad Godesberg 1965, s. 7.

Derartige glänzende Zukunftsvisionen haben längst einer pessimistischen Grundstimmung Platz gemacht. „Ich habe schlechte Nachrichten“, so leitete Präsident Gerald Ford seinen „Bericht über die Lage der Nation“ im Januar 1974 ein, „und ich rechne nicht mit Beifall.“41 Die Vertiefung der allgemeinen Krise des Kapitalismus, die zyklische Krise, die sich dadurch ständig verschärfenden ökonomischen und sozialen Widersprüche haben zu latenten Erschütterungen des politischen Machtmechanismus und der Politik in den USA geführt. Arthur M. Schlesinger, einst der Berater von John F. Kennedy, zeichnete schon Ende der 1960er Jahre das Bild einer Kranken Gesellschaft: „Im Innern sehen wir Gärung und Rebellion, die unsere Städte erfasst haben; zunehmendes Misstrauen und wachsende Bitterkeit von Minderheiten; fortschreitende Missachtung der Gebote zivilisierten Zusammenlebens; ein Umsichgreifen der Gewalttätigkeit, ein Anschwellen des Fanatismus sowohl der äußersten Rechten als auch der äußersten Linken; zunehmende Neigung, vor allem bei Intellektuellen, der Jugend und den Schwarzen, sich von der bestehenden Ordnung loszusagen.“42

41 Botschaft Fords über die Lage der Nation, Archiv der Gegenwart, Bonn/Wien/Zürich, vom 4.2.1975, S. 19 231.

42 A. M. Schlesinger, Das erschütterte Vertrauen, Bern/München/Wien 1969, S. 12.

Die Gesellschaftskrise, die in den USA Ende der 1960er Jahre offen ausbrach und alle Bereiche erfasste, hatte zunächst in bedeutendem Maße politische Ursachen: die unmenschliche Kriegsführung der USA in Indochina, den Rassismus – das heißt die Verweigerung der Bürgerrechte für die Afroamerikaner- , die Ermordung prominenter Politiker und Persönlichkeiten, die Zunahme der Polizeiwillkür gegen demokratische Bewegungen, die gegen elementare demokratische Grundsätze verstoßenden Regierungspraktiken usw.

Diese Krise wies somit gegenüber den Krisenerscheinungen in anderen imperialistischen Ländern eine Reihe von Besonderheiten auf. Typisch für die USA waren bereits zum seit geraumer Zeit (zum damaligen Zeitpunkt/1970er Jahre P.R.) eine besonders rapide zuspitzende ökologische Krise, eine zunehmende Massenverarmung, die hohe Kindersterblichkeit, das Wohnungselend, eine Finanzkrise der Städte und eine Stadtkernkrise, das heißt, dass Stadtkerne, vor allem in den Großstädten, in Slums verwandelt wurden.

In den 1970er Jahren kam zu diesen Faktoren, die Ausdruck der politischen Krise in den USA zu vertiefen, hinzu, dass immer offenkundiger alle Versuche scheiterten, mit Hilfe von staatlichen Eingriffen die Wirtschaft zu regulieren. Die Industrieproduktion ging Anfang der 1970er Jahre zurück. Nach einem kurzen Aufschwung in den Jahren 1972 und 1973 folgte die schwerste Überproduktionskrise seit den 1930er Jahren.

Zyklische Entwicklung der Industrieproduktion in den USA43

Jahr                                          Steigerung bzw. Rückgang gegenüber dem Vorjahr

                                                               (in Prozent)


1966                                                                8,9

1967                                                                1,2

1968                                                                4,7

1969                                                                4,4

1970                                                              – 2,7

1971                                                              – 0,2

1972                                                                 6,8

1973                                                                 9,1

1974                                                               – 0,7

1975 (1. – 3. Quartal)                                – 11,0


43 Vgl. IPW-Berichte, 3/1975; S. 74, und 1/1974, S. 19.

Im dritten Quartal 1974 fiel die Industrieproduktion um 2,1 Prozent, im vierten Quartal um 5,0 Prozent und im Januar 1975 sogar um 9,4 Prozent. Zugleich stieg die offizielle Arbeitslosenquote auf 9,0 Prozent im Januar (8,2 Millionen) und erreichte mit 9,1 Prozent (8,4 Millionen) im März 1975 ihren vorläufigen Höhepunkt. Das ist die höchste Arbeitslosenrate seit 33 Jahren!

Diese zyklische Krise verband sich mit einem ganzen Komplex von Krisenerscheinungen, die Ausdruck der sich vertiefenden allgemeinen Krise des Kapitalismus als Ganzes sind. Dazu gehört, dass sich das internationale Kräfteverhältnis weiter zuungunsten des USA-Imperialismus veränderte, was unter anderem dazu führte, dass der Imperialismus nicht mehr wie früher die Rohstoffpreise bestimmen kann; dazu gehören die latente Inflation, die Energiekrise und die ökologische Krise. All das sind Krisenerscheinungen, die die ökonomische Basis des Imperialismus erfassen und von diesem nicht mehr beseitigt werden können. Erkämpfte Lohnerhöhungen hielten mit den wachsenden Inflationsraten nicht mehr Schritt. Die Reallöhne sanken.

Jahr                                          Zahl der Arbeitslosen                         Arbeitslosenquote44

                                                      (in 1 000)                                              (in Prozent)


1968                                                2 817                                                         3,6

1969                                                2 832                                                         3,5

1970                                                4 088                                                         4,9

1971                                                4 993                                                         5,9

1972                                                4 840                                                         5,7

1973                                                4 304                                                         5,2

1974                                                5 076                                                         5,6

1975 (1. Hjhr.)                                8 144                                                         8,9


44 Zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit von 1966 bis 1975: IPW-Berichte, 2/1974, S. 74; 1/1975, S. 13, 75; 9/197, S. 76; Neues Deutschland vom 6./7. 12. 1975                                        Die offiziellen Arbeitslosenzahlen sind allerdings wenig exakt, da sie zumeist nur die Arbeitslosen erfassen, die Arbeitslosenunterstützung erhalten. Nach der Zeitschrift „Economic Notes“ vom September 1975 waren das 6,7 Millionen Arbeitslose. Hinzu kammen weitere fünf Millionen, die zwar arbeitslos waren, aber keine Arbeitslosenunterstützung bekamen.

Inflationsraten und Reallohnentwicklung seit 197045

Jahr                                            jährliche Inflationsraten                              Reallohnentwicklung

                                                    (Verbraucherpreise)


1970                                                          5,8                                                        – 0,5

1971                                                          4,3                                                          1,4

1972                                                          3,2                                                          1,8

1973                                                          6,2                                                        – 4,2

1974                                                        11,0                                                        – 5,1

1975                                                          9,8


45 Vgl. IPW-Berichte, 8/1973, S. 44; 3/1975, S. 74; V. Perlo, a. a. O., S. 480 f., und Probleme des Friedens und des Sozialismus, 1976/2, S. 280

Die gegenwärtige (1970er Jahre) Krise ist tiefer als irgendeine Krise seit den 1930er Jahren. Gus Hall analysierte in einem besonderen Abschnitt des Rechenschaftsberichtes an den XXI. Parteitag der Kommunistischen Partei der USA das Ausmaß der Wirtschaftskrise, die, wie er formulierte, „eine Stimmung der Unsicherheit, des Schocks, der Furcht und der Enttäuschung“ hervorruft. Er wies darauf hin, dass 37 Millionen Amerikaner, davon allein über 50 Prozent der älteren Bürger, unterhalb der offiziellen Armutsgrenze leben, die von der Regierung genannten Arbeitslosenquoten auch nicht annähernd alle Arbeitslosen erfassen, die Jugend von der Krise als „überflüssige Generation“ gebrandmarkt wird und die ökonomische Krise dazu führt, dass die „großen Städte…sich zu den Slums der Nation, zu den Zentren der Unterdrückung, der Unterernährung und der Korruption“ entwickeln. Gus Hall betonte, dass die Zeiten einer gewissen ökonomischen Stabilität des Kapitalismus in den USA vorbei sind: „Für den Kapitalismus gibt es keine Periode der ökonomischen Stabilisierung mehr… Es gibt Anzeichen dafür, dass der Kapitalismus in den USA den Talfahrten des britischen und französischen Kapitalismus in den vergangenen zehn Jahren folgen wird.“46 

46 Main Political Report, deliverd to the 21st National Convention of the Communist Party U.S.A., by Gus Hall, General Secretary, June 26, 1975, Chicago, I-1 f. und III-1.

Die Politik der USA-Regierung, Maßnahmen zu ergreifen, die sozial besänftigend wirken sollen, gerät in eine offene Krise. Seit Anfang der 1970er Jahre wurden zahlreiche soziale Bundesprogramme gekürzt bzw. zurückgestellt. Allein im Vorschlag von Gerald Ford für den Bundeshaushalt 1975/76 sind Einsparungen von 17 Milliarden Dollar gegenüber den ursprünglich vorgesehenen Sozialausgaben geplant, während sich die Ausgaben für „nationale Verteidigung“ um rund acht Milliarden Dollar erhöhten. „Den Amerikanern“, so verkündete Henry Kissinger, „sind die meisten politischen Programme mit dem Argument verkauft worden, sie brächten ihnen Entlastung. Heute müssen wir ihnen klarmachen, dass es Entlastung niemals geben wird.“47

47 H. Kissinger, „Die Geschichte gab mir Schlüsselpositionen“ (Interview), Der Spiegel (Hamburg), 43/1974, S. 123.

Die wachsende ökonomische Labilität macht den herrschenden imperialistischen Kreisen das Regieren schwieriger. Das ist für alle entwickelten kapitalistischen Länder typisch. Die Schärfe der ökonomischen und sozialen Widersprüche in den USA, das offenkundige Scheitern aggressiver außenpolitischer Konzeptionen des USA-Imperialismus lassen angesichts der kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung von Wirtschaft und Demokratie in der sozialistischen Staatengemeinschaft die Überlebtheit des staatsmonopolistischen Kapitalismus im Hauptland des Imperialismus besonders deutlich hervortreten. (Stand 1970er Jahre. In den 1980er Jahren änderte sich das. P.R.) All dies wirkt tiefgreifend auf den Mechanismus der bürgerlichen Demokratie in den USA aus, dessen zunehmende Krisenanfälligkeit sich in einigen spezifischen Erscheinungsformen widerspiegelt. Die Beziehungen zwischen Kongress und Präsident, die bisherigen Methoden der Zerstörung und Beseitigung der demokratischen Rechte, das bestehende Zweiparteiensystem funktionieren nicht mehr so wie bisher. Auch die Eskalation autoritärer und offen antidemokratischer Regierungspraktiken, wie sie Richard Nixon anwandte, beeinflusste die sich zuspitzende politische Krise nicht unwesentlich. Die Mehrheit der Bevölkerung reagiert seitdem empfindlicher und schärfer darauf, wenn Grundsätze bürgerlicher Demokratie offen verletzt werden. Selbst der Druck der Arbeiterklasse auf die politischen Institutionen der bürgerlichen Demokratie ist heute fordernder. Und die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Monopolkapitals, „ob der Ausweg in offener Klassenaggression und faschistischer Unterdrückung oder in Konzessionen zu suchen ist“, nehmen zu.48 Unter diesen Bedingungen vertiefen sich jene latenten Krisensymptome der bürgerlichen Demokratie, die bereits seit Ende der 1960er Jahre unübersehbar waren. Es sind dies tiefe Vertrauenskrise zwischen der Mehrheit der Bevölkerung einerseits sowie der Regierung und dem bestehenden Parteiensystem andererseits, die Krise zwischen dem Staat und den Forderungen der ethnischen Minderheiten, insbesondere der Afroamerikaner, nach wirtschaftlicher, politischer und sozialer Gleichberechtigung, die Krise der Bürgerrechte und die Verfassungskrise zwischen der Präsidialgewalt und dem Kongress.49

48 Draft Main Political Resolution…, a. a. O., S. 22.

49 Vgl. J. E. Jackson, „Die Bedeutung der führenden Rolle der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei in den sozialistischen Ländern für den Kampf der Werktätigen in den entwickelten kapitalistischen Ländern“, Die wachsende Rolle der kommunistischen und Arbeiterparteien im revolutionären Prozess des Aufbaus des Sozialismus und Kommunismus, Internationale wissenschaftliche Konferenz, 16. Bis 18. Juni 1970, S. 107.

Seit einigen Jahren besteht in den USA eine „Vertrauenskrise zwischen dem Volk als Ganzem und der Regierung“.50 In den USA, in denen das System der imperialistischen Meinungsmanipulierung besonders wirksam ist, äußerte sich der Vertrauensverlust der Bürger gegenüber dem Staat bisher vor allem in der Kritik äußerer Erscheinungen. So erklärten im September 1973 über 70 Prozent der angesprochenen US-Amerikaner in einer Meinungsumfrage, die ein Unterausschuss des Senats durchführen ließ, dass vor allem „die Käuflichkeit der Politiker“ ein ernstes nationales Problem sei, und 61 Prozent hielten die „Unfähigkeit der Regierung, Probleme zu lösen“, für das eigentliche Grundübel.51 Lediglich 19 Prozent der Bevölkerung bekundeten „ein großes Maß an Vertrauen“ gegenüber der Exekutive (1972: 27 Prozent, 1966: 41 Prozent). Die USA unterscheiden sich in dieser Hinsicht von anderen imperialistischen Hauptländern, wo der Vertrauensverlust der Bürger gegenüber den Institutionen des Staates und den bürgerlichen Parteien mit Wahlerfolgen der kommunistischen Parteien und mit der Erkenntnis einhergeht, dass das kapitalistische Gesellschaftssystem untauglich und überlebt ist. In den USA jedoch sah, zumindest Ende 1973, die Mehrheit der Bevölkerung der USA die Ursache für den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Niedergang lediglich darin, dass nicht „die richtigen Leute“ regieren.

50 ebenda

51 Vgl. M. Pittman „Gutachten über eine Gesellschaft“, Weltbühne (Berlin) vom 28.06.1974, S. 791.

Hinzu kommt, dass die für den politischen Machtmechanismus des USA-Imperialismus charakteristische Kombination einer mächtigen Finanzoligarchie mit einem präsidialen Regierungssystem, das von einem fest etablierten kapitalistischen Zweiparteiensystem abgesichert wird, es der Arbeiterklasse und den demokratischen Bewegungen außerordentlich erschwert, Einfluss auf die Gesetzgebung und Staatspolitik zu nehmen. Das politische System der USA hat sich unter diesen Bedingungen zu einem der raffiniertesten Mechanismen imperialistischer Herrschaftsausübung entwickelt. Die Tatsache, dass die politischen Institutionen der bürgerlichen Demokratie der USA weitgehend gegen die Volksmassen abgeschirmt sind, verschärft in der Gegenwart in besonderem Maße den Widerspruch zwischen dem demokratischen Anspruch dieser Institutionen (der beiden Parteien, des Kongresses, des Präsidenten) und ihrer tatsächlichen Stellung als Instrumente des Monopolkapitals. Es wird offensichtlich, dass diese Institutionen keine Sachwalter der Volksinteressen sind. Im Gegenteil! Sie bemühen sich, die Krisenlasten auf die Werktätigen abzuwälzen und den Monopolen trotz der Wirtschaftskrise wachsende Profite zu ermöglichen. 

Der Vertrauensverlust der USA-Bürger gegenüber den bürgerlich-demokratischen Institutionen erhöht deshalb nicht nur die Instabilität des zentralen staatlichen Machtmechanismus (so verfügt zum Beispiel die Partei des regierenden Präsidenten im Repräsentantenhaus nicht einmal mehr über ein Drittel der Abgeordneten). Die sich verschärfenden ökonomischen und sozialen Widersprüche, die Bereitschaft von Teilen der Arbeiterklasse der USA, organisierte Kampfformen zu entwickeln, und gewisse Ansätze einer breiten antimonopolistischen Volksbewegung gegen Inflation und Arbeitslosigkeit lassen neue Möglichkeiten entstehen, um die politischen und rechtlichen Barrieren zu überwinden, die den Volksmassen die Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahlen und den Zugang zum Kongress versperren.

Die wirtschaftlichen Krisenerscheinungen vertiefen auch die Krise zwischen dem imperialistischen Staat und der afroamerikanischen Bevölkerung. Der Kampf der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre erreichte nur geringe Fortschritte, die sich vor allem in den gesetzlichen Bestimmungen und in Gerichtsentscheidungen gegen rassistische Praktiken ausdrückten. Die Nixon-Administration war jedoch weder imstande noch gewillt, die Bürgerrechtsgesetze und Gerichtsentscheidungen durchzusetzen und gegen die zunehmenden Pogrome weißer Rassisten vorzugehen. Sie hofierte die Reaktionäre aus den Südstaaten mit der „südlichen Strategie“ und betrieb eindeutig Rassenpolitik. Das wiederum ermunterte die Kapitalisten noch vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise, die Afroamerikaner verstärkt zu diskriminieren.52 „Die Krise in Bezug auf Armut und Arbeitslosigkeit, mit der die schwarzen Amerikaner heute konfrontiert sind“, so betont der Vorsitzende der KP der USA, Henry Winston, „kann mit der Lage keiner anderen Bevölkerungsschicht in den USA …verglichen werden.“53 

52 Vgl. V. Perlo, „Die Schärfe der ökonomischen Widersprüche in den USA“, Probleme des Friedens und des Sozialismus, 1975/4, S. 482.

53 H. Winston, Zur Strategie des Befreiungskampfes der Afroamerikaner, Verlin 1975, S. 235.

Die direkte Bedrohung der Existenz vieler afroamerikanischer, aber auch weißer Arbeiter trägt dazu bei, dass die Bürgerrechtsbewegung eine neue Stufe erreicht. Das widerspiegelt sich im Ansatz bereits in gemeinsamen Aktionen gegen sinkende Reallöhne, gegen Arbeitslosigkeit und Rassenhetze. Dabei ist nicht zu übersehen, dass gegenwärtig die herrschende Klasse neben dem Antikommunismus verstärkt die Waffe des Rassismus einsetzt, um die Aktionsfähigkeit der Arbeiterklasse zu lähmen. Um so bedeutungsvoller ist, dass Teile der Arbeiterbewegung und der Bewegung der Befreiung der Afroamerikaner gemeinsam mit Abgeordneten des Kongresses den Kampf für soziale Verbesserungen, für ein „Gesetz 1976 über Chancengleichheit und Vollbeschäftigung“ führen.54 

54 Vgl. V. Perlo, Die Schärfe der ökonomischen Widersprüche in den USA, a. a. O., S. 486.

Angesichts des beginnenden Massenkampfes gegen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise drängt auch die Krise der Bürgerrechte in den USA nach einer demokratischen Lösung. Die Krise der Bürgerrechte in den USA äußert sich darin, dass die Möglichkeiten der Bürger, ihre Rechte zu nutzen, um ihre Interessen durchzusetzen, sehr begrenzt sind. Allein schon der Versuch der demokratischen Bewegung, die in der Verfassung zugesicherten Grundrechte wahrzunehmen, stößt auf ein System staatlicher und außerstaatlicher Zwangsmaßnahmen. „Protest ist, vom Inhalt her betrachtet, generell negativ“55 – diese Devise des damaligen Vizepräsidenten der USA, Spiro Agnew, macht recht drastisch die Einstellung maßgeblicher Politiker der USA u den Rechten der Bürger deutlich. Grundrechte sollen danach lediglich die Funktion haben, den herrschenden imperialistischen Kreisen und deren Politik zu huldigen. Wenn einst Thomas Jefferson „ewige Feindschaft gegen jede Form der Tyrannei über den Geist des Menschen“ Schwor56, so war das in den USA nie aktueller als in der Gegenwart. Bei einem Senats-Hearing (Anhörung im Senat) im Jahre 1971 stellte sich heraus, dass über einen durchschnittlichen Amerikaner zwischen zehn und zwanzig Regierungs- oder Privatakten angefertigt worden sind.57Bereits Anfang der 1960er Jahre waren 13,5 Millionen US-Amerikaner „im Rahmen irgendeines Sicherheits- oder Zuverlässigkeits-Programm“ überprüft worden.58 1,5 Millionen Namen enthält allein die Datenbank über „subversive Tätigkeiten“59. Die Unterdrückungsmaschinerie hat die Aufgabe, die Bürger einzuschüchtern, irrezuleiten und die bewussten Vertreter der Arbeiter, Bürgerrechts- und Friedensbewegung zu überwachen, gegebenenfalls zu inhaftieren oder gar physisch zu vernichten. Ihre Methoden sich unter anderem: die Volksbewegung zu unterwandern; Organisationen zu ermuntern, gegen die demokratische Bewegung und deren Zeitungen vorzugehen. Dazu gehören weiter die intensive Infiltration der Presseagenturen und Massenmedien durch FBI und CIA, Brutalität gegen inhaftierte Demonstranten, ihre Verurteilung zu beträchtlichen Freiheitsstrafen (z.B. der „Zehn von Wimblington“ zu 282 Jahren Gefängnis). Der Präsident beansprucht das Recht, Streiks zu verbieten oder auf Grund von Notstandsermächtigungen aus dem zweiten Weltkrieg Konzentrationslager einzurichten. Gegen alle bedeutenderen demokratischen Organisationen – gegen die Bürgerrechtsvereinigungen wie gegen die Gewerkschaften – existieren jeweils spezielle Abwehrprogramme des FBI.60 Anzeichen sprechen dafür, dass heute selbst diese Methoden, die darauf mehr den Aufschwung der antimonopolistischen Bewegung in den USA verhindern können. Die Empörung der Masse der US-amerikanischen Bevölkerung über Watergate und die antidemokratischen Praktiken von CIA und FBI zwingt die herrschenden imperialistischen Kreise, offen terroristische Methoden vorsichtiger anzuwenden. Die Folgen der Wirtschaftskrise erzeugen eine Kampfstimmung unter den Volksmassen, und es wächst die Tendenz zum Zusammenschluss der verschiedenen demokratischen Strömungen, wie das seit Jahrzehnten zu beobachten war.

55 Life vom 24.11.1970.

56 The Writings of Thomas Jefferson, New York 1892 – 1899, Bd. VII., S. 461.

57 International Herald Tribune vom 25.2.1971.

58 V. Packard, Die wehrlose Gesellschaft, München/Zürich 1966, S. 9.

59 Los Angeles Times vom 19.4.1970

60 A. Lockshin, „Die CIA – Instrument der USA-Außenpolitik“, Einheit, 8/197, S. 929 f.

Auch die seit mehreren Jahren latente Verfassungskrise zwischen der vom Präsidenten verkörperten Exekutive und der Legislative in Gestalt des Kongresses wird von den schweren wirtschaftlichen Krisenerscheinungen beeinflusst. Diese Krise, die im Zusammenhang mit den reaktionären Wandlungen im zentralen staatlichen Machtmechanismus ausführlich darzustellen ist, äußerte sich in zunehmenden politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Präsidenten und dem Kongress vor allem über Fragen der Außenpolitik, der Sozialpolitik und der Kompetenzverteilung. Diese Kontroversen, die auf die Gesetzgebung, die Bewilligung von finanziellen Mitteln und die Funktionsfähigkeit des zentralen staatlichen Machtmechanismus in bedeutendem Maße einwirken, widerspiegeln Differenzen innerhalb der Monopolbourgeoisie. Infolge der sich verschärfenden ökonomischen Widersprüche, des erzwungenen Rücktritts von Richard Nixon und der Tatsache, dass der Aggression der USA in Indochina ein Ende gesetzt worden ist, verlagert sich der Schwerpunkt der Meinungsverschiedenheiten auf die Frage nach den unter den gegenwärtigen Bedingungen geeigneten Methoden, um die Herrschaft weiter ausüben zu können, sowie der Wirtschaftspolitik. Die „Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus im Kampf gegen den Komplex von Krisenerscheinungen ist durch schroffes Hin und Her gekennzeichnet und ruft unter der herrschenden Klasse ungewöhnlich heftige Divergenzen in einzelnen Fragen hervor“61. Mit dem wachsenden Widerstand der Bevölkerung gegen die Krisenlasten – unter anderem gegen die Kürzung der Sozialprogramme durch den Präsidenten – sehen sich gerade auch die Abgeordneten und Senatoren des Kongresses zugleich mit vielfältigen politischen und sozialen Forderungen ihrer Wähler konfrontiert.

61 V. Perlo, Die Schärfe der ökonomischen Widersprüche in den USA, a. a. O., S. 483.

Entnommen aus: „Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie – USA“ , Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin/DDR 1976

Bearbeitet von Petra Reichel

Original-Autor Ekkehard Lieberam

Der Beginn der Krise der Bürgerlichen Demokratie mit der Machtergreifung des Monopolkapitals 1898 bis 1917/18

Im Letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nahm die wirtschaftliche Entwicklung in den USA einen außerordentlichen Aufschwung. Der Kapitalismus, frei von den Fesseln der Sklaverei und der Vorherrschaft der Plantagenbesitzer und umfassen gefördert durch die von den Klasseninteressen des Großkapitals geleitete Politik der Bundesregierung, konnte sich nun ungehindert entfalten. Besonders günstige Bedingungen, um alle Landesteile schnell zu industrialisieren und einen aufnahmefähigen Markt zu schaffen, waren der natürliche Reichtum des Landes an wichtigen Bodenschätzen, wie Kohle, Erz, Erdöl und Gold, das rasche Erschließen neuer riesiger Gebiete im Westen des Kontinents. Eine weitere Voraussetzung bestand in dem sprunghaft zunehmenden Strom an Einwanderern1, die als dringend benötigte Arbeitskräfte in der Industrie und Landwirtschaft und als Konsumenten einen beachtlichen ökonomischen Faktor darstellten.

1 In der Zeit von 1860 bis 1900 wanderten über 14 Millionen Menschen in die USA ein. In diesem Zeitraum stieg die Bevölkerung der USA von 31 Millionen auf 76 Millionen. Die Zahl der registrierten Industriearbeiter erhöhte sich auf fast das Dreifache.

Diesen Prozess mögen folgende Angaben verdeutlichen: Das Eisenbahnnetz, das außerordentlich bedeutsam war, sowohl um das Land zu industrialisieren als auch einen Binnenmarkt zu schaffen, dehnte sich mit der Inbetriebnahme der Union Pacific (1969), der Atchison-Topeka-Santa Fé (1881), der Northern Pacific (1882), der Great Northern (1893) und der Strecke von Chicago nach St. Paul (1910) rasch aus und umfasste mit etwas mehr als 400 000 Kilometern im Jahre 1910 über die Hälfte des Schienenweges der gesamten Erde.

Die Eisen- und Stahlproduktion stieg in nur zwanzig Jahren von knapp 200 000 Tonnen im Jahre 1874 auf einen jährlichen Durchschnitt von fasst 9,5 Millionen Tonnen in den Jahren 1895 bis 1900. Die Stahlproduktion der USA lag 1870 noch wesentlich unter der Großbritanniens und Frankreichs; zwei Jahrzehnte danach hatte sie beide überholt.2

2 W.Z. Foster, Abriss der politischen Geschichte beider Amerika, Berlin 1957, S. 345 ff.

Schnell entwickelten sich auch die Gold-, Silber-, Kupfer-, Blei-, und Zinkgewinnung sowie die neuen Industriezweige der Erdölförderung und -verarbeitung, die Chemieindustrie und Elektroindustrie. Gegen Ende des Jahrhunderts, im Jahre 1894, nahmen die USA im Umfang der Industrieproduktion den ersten Platz in der Welt ein; sie hatten alle anderen Länder überflügelt.

Diese Angaben belegen nicht nur, dass sich der Kapitalismus in den USA in hohem Tempo entwickelte und das Land zur führenden kapitalistischen Industriemacht aufstieg. Sie weisen zugleich darauf hin: Der Kapitalismus der USA begann in sein imperialistisches Stadium überzugehen. Die stürmische Entwicklung des Kapitalismus in den USA im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vollzog sich wie in allen anderen industriell entwickelten kapitalistischen Ländern auf der Grundlage der ebenfalls rasch voranschreitenden Konzentration der Produktion und Zentralisation des Kapitals. Damit bestätigte sich erneut die Allgemeingültigkeit dieses von Karl Marx entdeckten und formulierten Gesetzes. Die verstärke Konzentration der Produktion und zunehmende Zentralisation des Kapitals führte unvermeidlich gesetzmäßig zu Monopolen, zu Monopolisierung erst des einen Bereichs, dann weiterer und schließlich aller Bereiche der Wirtschaft.

In seinem klassischen Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ charakterisierte W.I. Lenin diesen geschichtlichen Prozess mit folgenden Worten: „Die wichtigsten Ergebnisse der Geschichte der Monopole sind demnach: 1. IN den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts- die höchste, äußerste Entwicklungsstufe der freien Konkurrenz; kaum merkliche Ansätze zu Monopolen. 2. Nach der Krise von 1873 weitgehende Entwicklung von Kartellen, die aber noch Ausnahmen, keine dauernden, sondern vorübergehende Erscheinungen sind. 3. Aufschwung am Ende des 19. Jahrhunderts und Krise von 1900-1903: Die Kartelle werden zu einer der Grundlagen des ganzen Wirtschaftslebens. Der Kapitalismus ist zum Imperialismus geworden.“3

3 W. I. Lenin, Werke, Bd. 22, Berlin 1960, S. 206.

In den USA hatte, wie bereits erwähnt, mit der Konzentration im Eisenbahnwesen eine Monopolbildung bereits vor dem Bürgerkrieg begonnen.4 Besonders nach der Krise von 1873 bildeten sich in Stärkerem Maße sogenannte Pools, die als die „erste spezifische Form monopolistischer Entwicklung, die wir in weiterer Verbreitung finden“5, gekennzeichnet werden kann. Diese Pools stellten kartellartige Verbindungen dar, mit deren Hilfe die Kapitalisten Produktionsumfang, Preise und Gewinnverteilungen absprachen. Zu Beginn der achtziger Jahre des (vor)vorigen Jahrhunderts entstand in den USA schließlich als eine der bedeutendsten Monopolformen der Trust. Kuczynski charakterisiert den Trust folgendermaßen: „Diese Form der Monopolisierung ist weit höherer Ordnung als der Pool, der nur eine Kartellform, eine Vereinigung zahlreicher selbstständiger Firmen darstellt. Der Trust ‚konsolidiert‘ verschiedene Firmen, macht sie zu einem in jeder Beziehung einheitlich geleiteten Unternehmen.“6 Es entwickelten sich in diesen Jahren schnell aufeinanderfolgend mächtige Trusts, wie die von Rockefeller 1870 gegründete Standard Oil Company, die binnen kurzem etwa 90 Prozent der Erdölproduktion und -verarbeitung kontrollierte, ebenso Trusts in der Kohle-, Eisen-, und Kupferindustrie, der Tabak- und der Zuckerindustrie sowie im Verkehrswesen.

4 Zur Geschichte der Monopole in den USA vgl. J. Kuczynski, Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus, Bd. 30, Darstellung der Lage der Arbeiter in den Vereinigten Staaten von Amerika seit 1898, Berlin 1966, S. 2 ff.

5 a. a. O., S. 3

6 ebenda

Die entscheidenden Jahre im Monopolisierungsprozess in den USA waren jedoch die Jahre 1898 bis 1902. In diesem kurzen Zeitraum hatten sich die Monopole zum mächtigen, die Wirtschaft der USA im starken Maße kontrollierenden und beherrschenden Faktor herausgebildet. Das zeigt auch die folgende Übersicht über den Prozess der Konzentration der Produktion durch die Zusammenschlüsse von Betrieben und die Zentralisation des Kapitals in diesen neugeschaffenen Monopolunternehmen.

Industrielle Zusammenschlüsse 1890 bis 19047


Jahr                                         Zahl der Zusammenschlüsse                            Kapital (in Mill. Dollar)

1890                                                                  11                                                        137,6

1891                                                                 13                                                        133,6

1892                                                                 12                                                        170,0

1893                                                                   5                                                        156,5

1894                                                                  –                                                           –

1895                                                                   3                                                           26,5

1896                                                                   3                                                           14,5

1897                                                                   6                                                           75,0

1898                                                                  18                                                        475,3

1899                                                                  78                                                      1 886,1

1900                                                                  23                                                         294,5

1901                                                                  23                                                      1 632,3

1902                                                                  26                                                         588,9

1903                                                                    8                                                         137,0

1904                                                                    8                                                         236,2


7 a.a.O., S.10

An dieser Aufstellung ist deutlich abzulesen, wie sich seit 1898 in der schon seit einiger Zeit feststellbaren Konzernbildung ein qualitativer Sprung vollzog, sowohl hinsichtlich der Zahl der Betriebszusammenschlüsse als auch in der Höhe des von ihnen beherrschten Kapitals. Diese Phase außerordentlicher intensiver Monopolisierung dauerte bis zum Jahre 1902. Von da an verlangsamte sich der Konzentrationsprozess zunächst, bis er während des ersten Weltkrieges erneut einen gewaltigen Aufschwung nahm. IN seiner Analyse der geschichtlichen Herausbildung des Imperialismus hebt Lenin das Jahr 1898 als jenen Zeitpunkt hervor, von dem an die Monopole, die bereits vereinzelt bestanden bzw. schon teilweise in bestimmten Wirtschaftszweigen vorherrschten, ihre Herrschaft antraten. Lenin führte aus: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus Amerikas und Europas und der Folge auch Asiens hat sich in den Jahren 1898 bis 1914 voll herausgebildet.“8 Als der Beginn der Herrschaft der Monopole in den USA nennt Lenin hier ausdrücklich das Jahr 1898.

8 W. I. Lenin, Werke, Bd. 23, Berlin 1957, S. 103

Der besonders ausgeprägte Monopolisierungsprozess dieser Jahre erfasste jedoch nicht nur den Bereich der Industrieproduktion, sondern nicht minder auch das Bank- und Versicherungswesen. Der 1871 gegründete Morgan-Bankkonzern war um die Jahrtausendwende (vorvorige Jahrtausendwende P.R.) bereits eines der mächtigsten Bankunternehmen der Welt, das über das Bank- und Versicherungsgeschäft hinaus auch Industriekonzerne und Eisenbahngesellschaften kontrollierte. Andererseits schwangen sich einflussreiche Konzernherren der Industrie wie Rockefeller zugleich zu bedeutenden Finanziers auf, so dass die Verflechtung von Großindustrie und Hochfinanz zu einem wesentlichen Merkmal dieser oft gigantischen Monopolunternehmen wurde. Am Ende dieser ersten Phase außerordentlich intensiver Monopolisierung, im Jahre 1903, verfügten die Morgan- und die Rockefeller-Gruppe als die beiden mächtigsten Bankkonzerne der USA über Direktorenstellen in 112 Banken, Eisenbahngesellschaften, Versicherungen und Industriegesellschaften mit einem Kapital von mehr als 22 Milliarden Dollar.9

9 W.Z. Foster, a. a. O., S. 351.

Das Wirken des Gesetzes der Konzentration der Produktion und Zentralisation des Kapitals und die sich auf dieser Grundlage austobende subjektive Macht- und Raffgier der Monopolisten ergaben unvermeidlich, dass sich schon um die Jahrhundertwende der Hauptreichtum des Landes in den Händen der Konzernherren befand. Wie die amerikanischen Historiker Charles und Mary Beard bemerken, „besaß Ende des Jahrhunderts ein Zehntel der amerikanischen Bevölkerung neun Zehntel des Reichtums“10. Als sich die Monopole in Industrie und Bankwesen ausdehnten und eng verflochten, entstand in den USA eine mächtige Unternehmervereinigung, die 1895 gegründete National Association of Manufactures (NAM). Die NAM stellte sich von Anfang an die Aufgabe, als Klassenorganisation des Monopolkapitals bestimmenden Einfluss auf die Außen- und Innenpolitik des Staates, auf dessen Gesetzgebung und die sonstigen, die Monopolinteressen berührenden Fragen zu nehmen. Als sich der Imperialismus in den USA weiter herausbildete, folgten diesem ersten Monopolverband noch andere.

10 C. A. und M. R. Beard, The Rise of American Civilization, Bd. II, New York 1942, S. 383 f. 

Schon in jener Zeit, da sich die großen Monopolunternehmen noch im Innern des Landes zum beherrschenden Wirtschaftsfaktor herausbildeten, suchten sie bereits nach Einflusssphären im Ausland. Dabei trafen sie im nunmehr einsetzenden Kampf um Absatzmärkte und Kapitalanlagesphären auf die schärfste Konkurrenz anderer ausländischer oder internationaler Monopole. So heißt es im Band 7 der „Weltgeschichte“: „Der Kampf zwischen den beiden großen Erdöltrusts – der englisch-holländischen Royal Dutch Shell und der amerikanischen Standard Oil – entfaltete sich in Mexiko, Indonesien, in Venezuela, in Rumänien und Galizien, er entbrannte überall dort, wo Erdölvorkommen entdeckt und Erdölprodukte verkauft wurden.“11 Gleichzeitig entstanden internationale Kartelle, die darauf abzielten, die Märkte und Profite aufzuteilen. 1907 schlossen der USA-Elektrokonzern General Electric und die deutsche AEG einen Vertrag über die Aufteilung der Interessensphären. Rockefeller als Beherrscher der Erdölindustrie der USA sowie Rothschild und Nobel als Herrscher über die Erdölquellen des zaristischen Russlands kamen gleichfalls über ihre jeweiligen Absatzmärkte überein, wie das auch der Chemiekonzern DuPont mit den europäischen Konzernen der Sprengstoffherstellung tat.

11 Weltgeschichte, Bd. 7, Berlin 1965, S. 323.

Das wachsende Interesse der amerikanischen Konzerne an Kapitalinvestitionen im Ausland war die Ursache dafür, dass der Kapitalexport aus den USA auf 12,6 Milliarden Mark im Jahre 1913 und 14,8 Milliarden Mark im darauffolgenden Jahr stieg. Dem standen zu jener Zeit aber noch 28 Milliarden Mark gegenüber, die ausländische, besonders englische Unternehmen in den USA investiert hatten.12 Erst im Verlaufe des ersten Weltkrieges änderte sich dieses Verhältnis entscheidend zugunsten des Kapitalexports aus den USA, so dass die USA nun von einer „Schuldner- „zu einer „Gläubigernation“ wurden.13

12 J. Kuczynski, a. a. O., S. 13.

13 a. a. O., S. 22 f.

In den USA hatten sich um die Jahrhundertwende die ökonomischen Merkmale des Imperialismus als des neuen historischen Stadiums in der Entwicklung des Kapitalismus ausgeprägt. Die von Lenin definierten fünf grundlegenden Merkmale des Imperialismus sind auch für den Imperialismus der USA uneingeschränkt gültig. Es sind dies: „1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, dass sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen; 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis dieses ‚Finanzkapitals‘; 3. Der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung; 4. Es bilden sich internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen, und 5. Die territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet.“14 

14 W. I. Lenin, Werke, Bd. 22, a. a. O., S. 270 f.

Wie ging nun im politischen Bereich die Übernahme der Macht durch die Monopole in den USA in der Periode von 1898 bis 1917/18 vonstatten? Dabei ist vor allem zu untersuchen, was sich mit der ökonomischen und politischen Machtergreifung durch das Monopolkapital in der Außen- und Innenpolitik, im politischen Mechanismus und im Schicksal der bürgerlichen Demokratie veränderte, weil das die elementaren Lebensbedingungen von Millionen werktätiger Menschen in den USA betraf.

Die Machtergreifung durch die Monopole in der Periode 1898 bis 1917/18

In der Ökonomik der USA waren die letzten Drittel des 19. Jahrhunderts grundlegende Veränderungen vor sich gegangen. Sie führten dazu, dass der Kapitalismus am Ende des Jahrhunderts in sein Imperialistisches Stadium eintrat. Diese Entwicklung musste sich gesetzmäßig auch und besonders in der Politik ausdrücken. Sowohl in der Außen- wie in der Innenpolitik der USA lässt sich in der Tat faktisch auf das Jahr feststellen, wie die Klasseninteressen und -ziele des Finanzkapitals alle grundlegenden politischen Entscheidungen der Bundesregierung und anderer zentraler staatlicher Machtorgane zu bestimmen begannen. Das geschah aggressiv und expansiv nach außen sowie reaktionär und antidemokratisch nach innen. Und dies in dem Maße, wie die Monopole, ausgehend von der zunehmenden Beherrschung der Wirtschaft, maßgeblichen und schließlich entscheidenden Einfluss auf den politischen Mechanismus und die Politik der USA gewannen. Die Periode von 1898 bis 1917/18 umfasst jenen Zeitraum, in dem die Monopolbourgeoisie mit den Kapitalisten der freien Konkurrenz darum rang, den Staat als Instrument ihrer spezifischen Klasseninteressen zu beherrschen. Diesen Kampf entschied die Monopolbourgeoisie während des ersten Weltkrieges endgültig zu ihren Gunsten. Lenin bezeichnete nicht zufällig den spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 als entscheidendes geschichtliches Ereignis für den Eintritt des Kapitalismus der USA in sein imperialistisches Stadium, als er schrieb: „Der Spanisch-Amerikanische Krieg (1898), der Burenkrieg (1900-1902), der Russisch-japanische Krieg (1904-1905) und die Wirtschaftskrise in Europa im Jahre 1900 – das sind die wichtigsten historischen Marksteine der neuen Epoche der Weltgeschichte.“15

15 W. I. Lenin, Werke, Bd. 23, a. a. O., S. 103.

1898 begann der erste imperialistische Krieg der Geschichte, und die Macht, die ihn auslöste und führte, war die Monopolbourgeoisie der USA! In diesem Krieg widerspiegelte sich die radikale Wende in der Stellung der USA im Geschichtsprozess. Um die Tragweite dessen ermessen zu können, sollen Ursachen und Ergebnisse dieses ersten vom Imperialismus herbeigeführten Krieges kurz genannt werden. Bürgerliche Quellen stellen die Ereignisse, die zu diesem Krieg führten, vorzugsweise so dar, als wären die USA widerstrebend und zögernd sowie durch mehr oder weniger unglückliche, in sich verkettende Umstände in den Krieg gegen Spanien und dessen überseeische Kolonien im karibischen und pazifischen Raum hineingezogen worden. Insbesondere fehlt es nicht an Versuchen, die angeblich so tragischen „Gewissenskonflikte“ führender Staatsmänner (Staatsfrauen gab es damals nicht. P.R.), einschließlich des Präsidenten der USA, über die endgültige Annexion der Philippinen und anderer Kolonien zu schildern. Ein markantes Beispiel dieser Apologie imperialistischer Kolonialpolitik der USA demonstriert der bürgerliche Staats- und Verfassungsrechtler Friedrich Glum in seiner Schrift „Die amerikanische Demokratie“, die laut Vorwort kein oberflächliches, sondern ein wissenschaftlich begründetes Bild der Geschichte, Verfassung, Gesellschaft und Politik der USA geben soll. Er schreibt, dass der damalige Präsident der USA lange zögerte, bis „er seinen methodistischen Mitbrüdern mitteilte, dass er sich eines Nachts im Gebet dazu (zur Annexion der Philippinen – d. Verf.) durchgerungen habe, 1. weil man sie nicht Frankreich oder Deutschland überlassen könne, den amerikanischen Rivalen im Orient, 2. Dass man sie nicht Spanien zurückgeben könne, weil dies feige und unehrenhaft sei, 3. Dass man sie nicht den Philippinos überlassen könne, weil diese unfähig zu Selbstregierung seien und es bald Anarchie und Misswirtschaft dort geben werde und 4. Dass daher nichts anderes übrigbliebe, als alle Inseln zu nehmen und die Philippions zu erziehen, sie auf eine höhere Stufe zu bringen und sie zu christianisieren“16

16 F. Glum, Die amerikanische Demokratie, Bonn 1966, S. 139.

Hier sind zusammengefasst alle jene „Argumente“ zu finden, mit denen heute wie zu jener Zeit den um ihre Befreiung vom Kolonialjoch und von jeder Art imperialistischer Unterdrückung kämpfenden Völkern ihr Recht auf Selbstbestimmung bestritten wird! Es sei den USA, so behauptet Glum im gleichen Zusammenhang, keine andere Wahl geblieben, als diesen Krieg zu führen: „Die amerikanische Regierung war über Nacht in die Versuchung geführt worden, aus der Isolationspolitik herauszutreten und zu einer Weltmacht im Pazifischen Ozean und in der Karibischen See zu werden. Sie konnte sich ihr nicht entziehen.“17 Die Herrschaft über die Inseln Kuba und Puerto Rico sowie über die Philippinen und Marianen sollte den USA wichtige Rohstoffe wie Zuckerrohr verschaffen und ihnen günstige Kapitalanlagesphären sowie bedeutsame militärisch-strategische Schlüsselpositionen sichern, um den Einfluss des Monopolkapitals auf Mittelamerika und auf Ostasien auszudehnen. Das war die „Versuchung“ für das Monopolkapital der USA, das in dem damaligen Präsidenten McKinley bereits einen seiner ersten Interessenvertreter an der Spitze des Weißen Hauses besaß. Deshalb lehnten die USA auch alle Einlenkungsversuche der spanischen Kolonialmacht ab und lösten den Krieg bewusst aus. Der Sieg in diesem Krieg fiel den USA leicht zu, da ihnen in Spanien ein ökonomisch schwacher, politisch korrupter und militärisch hoffnungslos unterlegener Gegner gegenüberstand. 

17 a. a. O., S. 138

Als der spanisch-amerikanische Krieg begann, hatte Puerto Rico gerade die Unabhängigkeit errungen, und die Volksmassen Kubas und der Philippinen führten einen hartnäckigen, aber aussichtsreichen Befreiungskampf gegen die spanischen Kolonialherren. Präsident McKinley verdankte seine Wahl als republikanischer Präsidentschaftskandidat im Jahre 1896 auch der Tatsache, dass er sich für die Unabhängigkeit dieser Länder aussprach. Er sicherte diesen Ländern die Unabhängigkeit zu, sobald der Krieg gegen Spanien beendet sei. Aber was schon bei den Kapitulationsverhandlungen mit den spanischen Behörden, von denen die USA die Vertreter der kubanischen Revolution ausgeschlossen hatten, zu erkennen war, wurde bei dem am 10. Dezember 1898 zwischen den USA und Spanien abgeschlossenen Friedensvertrag vollends sichtbar: Die Monopolbourgeoisie der USA hatte das morsche spanische Kolonialregime beseitigt, um ihre eigene Kolonialherrschaft in den ehemaligen spanischen Kolonien zu errichten. Die USA verwandelten Puerto Rico, die Philippinnen und Guam, die größte Marianen-Insel, in ihre Kolonien. Kuba erklärte sich zwar formell unabhängig, de facto und im Folgenden auch de jure jedoch dem Protektorat der USA unterstellt. Das nach dem Senator Platt benannte „Amendment“, ein im Jahre 1901 auf Beschluss des amerikanischen Kongresses in die Verfassung Kubas (!) aufgenommener Zusatzartikel, gab den USA das Recht, ein Veto gegen ihnen missliebige diplomatische und finanzielle Beziehungen Kubas zu anderen Staaten einzulegen. Es berechtigte sie, eine Regierung Kubas einzusetzen, die jederzeit den „Schutz von Leben, Eigentum und individueller Freiheit“ garantierte. Außerdem maßten sich die USA das Recht an, auf Kuba Flottenstützpunkte zu errichten. Damit konnte sie die inneren Angelegenheiten Kubas kontrollieren und notfalls intervenieren. Die von den Monopolisten der USA betrogenen Volksmassen dieser Länder erkannten, dass im Ergebnis dieses Krieges nur die ausländischen Unterdrücker und Ausbeuter ausgewechselt worden waren. Auf den Philippinen begann ein längerer bewaffneter Volkskampf gegen die USA-Besatzung. Die neue imperialistische Kolonialmacht unterdrückte ihn jedoch blutig. Erwähnt werden soll jedoch auch, dass dieser Krieg und die allgemein um sich greifende Beunruhigung, die das Vordringen der Monopole in Ökonomie und Politik hervorrief, die bürgerliche Opposition gegen die Monopole in den USA verstärkten. Diese Opposition zeigte sich aber außerstande, den rasch voranschreitenden Monopolisierungsprozess aufzuhalten, geschweige denn ernsthaft einzuschränken. Der spanisch-amerikanische Krieg bewies, dass die USA eine imperialistische Weltmacht geworden waren. Und als imperialistische Weltmacht waren die USA zugleich eine imperialistische Kolonialmacht. Die USA kämpften aktiv dafür, dass die Welt neu aufgeteilt wird. Sie unterwarfen den Profil- und Herrschaftsinteressen der immer mächtiger und raubgieriger werdenden Monopole nicht nur die Volksmassen in den USA, sondern auch andere Völker und Länder. Dabei bevorzugten die USA im Unterschied zu den anderen imperialistischen Kolonialmächten, die vornehmlich die „Kanonenbootpolitik“ anwandten, die „Dollardiplomatie“. Sie griffen vorwiegend zu der Methode, fremde Völker finanziell und ökonomisch zu versklaven. Das ändert jedoch nichts am Wesen der Sache. Ein reichliches Jahrhundert war gerade vergangen, da Nordamerika selbst noch eine Kolonie war. Seine besten Vertreter führten einen opfervollen kolonialen Befreiungskampf gegen die Englische Krone, dessen siegreicher Ausgang den antifeudalen Kampf in Europa, Mittel- und Südamerika bedeutend beflügelte. Vor kaum mehr als drei Jahrzehnten hatten die USA in einer zweiten noch opferreicheren bürgerlichen Revolution die Fesseln der Sklaverei, jenes jahrhundertealte Zeichen des Kolonialismus, abgeworfen. Und nun, zur Jahrhundertwende, waren sie selbst eine Kolonialmacht geworden, die imperialistische Eroberungskriege führte, sich fremde Völker unterwarf und deren Freiheitkampf blutig unterdrückte! Dieser radikale Umschwung in der geschichtlichen Stellung dieses großen Landes bedeutete einen tiefen unüberwindbaren Bruch mit allen progressiven, bürgerlich-demokratischen Errungenschaften und Traditionen der amerikanischen Geschichte. Er war nicht das Produkt einer einsamen nächtlichen Erscheinung des Präsidenten oder anderer erdachter oder tatsächlich sich ereignender zufälliger Begebenheiten. Er war und ist das Ergebnis der Machtergreifung des Monopolkapitals!

Der Beginn der Krise der bürgerlichen Demokratie in den USA

Mit dem Beginn der Herrschaft des Monopolkapitals setzte auch in den USA die Krise der bürgerlichen Demokratie ein, die „Wendung von der Demokratie zur politischen Reaktion“, zur „‘Negation‘ der Demokratie überhaupt, der ganzen Demokratie“18, wie es Lenin als wesentliche Veränderung im politischen Überbau des Kapitalismus beim Eintritt in sein imperialistisches Stadium bezeichnete.

18 W. I. Lenin, Werke, Bd. 23, a. a. O., S. 34.

Die Machtübernahme durch das Monopolkapital zu Beginn dieses Jahrhunderts markierte den Beginn einer Zeit brutalster, menschenfeindlicher Reaktion im Innern und nach außen, insbesondere nachdem der Imperialismus der USA seit dem ersten Weltkrieg nicht nur die ökonomisch stärkste kapitalistische Macht, sondern auch zur führenden Kraft im Kampf der Weltreaktion gegen den Fortschritt geworden war. Lenin wies in seinem bereits erwähnten „Brief an die amerikanischen Arbeiter“ auf die revolutionäre Bedeutung des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges hin. Er kennzeichnete dabei diese reaktionäre Wende in der Rolle der USA im Geschichtsprozess durch die Machtergreifung des Monopolkapitals: „Seitdem sind etwa 150 Jahre vergangen. Die bürgerliche Zivilisation hat all ihre herrlichen Früchte gezeitigt. Hinsichtlich des Entwicklungsstandes der Produktivkräfte der vereinten menschlichen Arbeit, der Anwendung von Maschinen und aller Wunder der modernen Technik hat Amerika unter den freien, zivilisierten Ländern den ersten Platz eingenommen. Aber zugleich rückte Amerika auch hinsichtlich der Tiefe des Abgrunds, der zwischen einer Handvoll skrupelloser, in Laster und Luxus erstickender Milliardäre und den Millionen er ewig an der Grenze des Elends lebenden Werktätigen klafft, mit an die erste Stelle. Das amerikanische Volk, das der Welt das Vorbild eines revolutionären Krieges gegen die feudale Sklaverei gegeben hatte, geriet in die moderne, die kapitalistische Lohnsklaverei unter einer Handvoll Milliardäre, und so kam es, dass es die Rolle eines gedungenen Henkers spielte, der 1898, dem reichen Pack zuliebe, unter dem Vorwand, die Philippinen zu ‚befreien‘, diese abwürgte und jetzt, 1918, der Russischen Sozialistischen Republik unter dem Vorwand, sie vor den Deutschen zu ‚schützen‘ an die Gurgel fährt.“19

19 W. I. Lenin, Werke, Bd. 28, Berlin 1959, S. 49.

Der schnelle Ausbau des Militärapparates wie des staatlichen Machtapparates, um die Volksmassen niederzuhalten, drückte die reaktionären Veränderungen im politischen Überbau der USA aus. Die in bürgerlichen Quellen enthaltenen Angaben über die Anzahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst der USA sind außerordentlich schwankend. Als einigermaßen zutreffend können die Zahlen gelten, die der österreichische Staats- und Verfassungsrechtler Felix Ermacora nennt.

Nach Angaben des bürgerlichen Politikwissenschaftlers Kur C. Shell hat sich allein die Zahl der Angestellten der Bundesregierung der USA von 231 000 im Jahre 1901 auf 590 000 im Jahre 1930 und auf zwei Millionen 1950 erhöht.20

20   K.C. Shell, Das politische System der USA, Stuttgart/Westberlin/Köln/Mainz 1975, S. 51.

Der Staatsapparat der USA war in den siebziger und achtziger Jahren des (vorvorigen P.R.) Jahrhunderts noch nicht von einem besonders ausgeprägten militärisch-bürokratischen Apparat gekennzeichnet. Die Situation änderte sich jedoch mit Beginn der Herrschaft der Monopole und ihrer Interessen dienenden imperialistischen Politik nach außen und innen. 

Das Verwaltungspersonal in den USA 1900-1950 21

Jahr             Bevölkerung (in 1000)      Zahl           Bedienstete                   Erwerbstätige

                                                                                     Auf 1000                       Zahl                  davon

                                                                                    Einwohner                     in 1 000    Bedienstete  

                                                                                                                                   In Prozent


1900           76 100                               1 215 000              15,95                29 164                  4,17

1910           92 400                               1 893 000              20,50                36 786                  5,15

1920         106 500                               2 623 000              24,60                41 731                 6, 28

1930         123 200                               3 675 000              29,80                48 206                 7, 63

1940         132 100                               4 425 000              33,50                53 449                 8, 28

1950         151 700                               5 755 000              37,90                63 021                 9, 13


21 F. Ermacora, Allgemeine Staatslehre, Westberlin 1970, S. 487.

Die USA verfügten Ende der achtziger Jahre (des vorvorigen Jahrhunderts P.R.) nur über schwache Seestreitkräfte. Das Verhältnis zwischen den Seestreitkräften der USA und denen Großbritanniens betrug zu jener Zeit etwa 1 zu 5. Aber schon wurde in der Presse und im Kongress gefordert, mindestens ebenso starke Seestreitkräfte zu schaffen. Und es fanden sich alsbald auch ideologische Wegbereiter der neuen, imperialistischen Expansionspolitik wir der Kapitän Mahan, der in zahlreichen Abhandlungen „nachwies“, dass nur Staaten, die über starke Kriegsflotten verfügen, die Weltherrschaft erringen könnten. Die Politiker und Ideologen des Monopolkapitals verkündeten bereits in der Periode von 1898 bis zum Vorabend des ersten Weltkrieges lauthals den Anspruch der USA auf die Weltherrschaft, wie die folgenden Zitate, die die Beispiele für viele weitere sind, beweisen.

Am 27. April 1898, wenige Tage nach Beginn des spanisch-amerikanischen Krieges, erklärte USA-Senator Beveridge: „Die Vorsehung hat uns unsere Politik vorgeschrieben; der Handel der Welt muss und wird unser sein… Wir werden in der ganzen Welt Handelsniederlassungen als Verteilerzentren für amerikanische Erzeugnisse einrichten…Wir werden eine Kriegsmarine aufbauen, die unserer Größe entspricht. Große Kolonien, die sich selbst verwalten, unsere Fahne führen und mit uns Handel treiben, werden aus unseren Handelsniederlassungen erwachsen. Auf den Flügeln unserer Wirtschaft wird unsere Lebensweise unserem Handel folgen. Und amerikanisches Gesetz, amerikanische Ordnung, amerikanische Zivilisation und die amerikanische Flagge werden sich an Küsten entfalten, die, so lange von Verdammnis und Dunkel umfangen, hinfort diese Werkzeuge Gottes schön und hell sein werden.“22Im gleichen Geiste rief Senator Cabot Lodge am 7. Januar 1901 aus: „Man kann den Vormarsch der USA nicht abstoppen. Das amerikanische Volk und die ökonomischen Kräfte, die allem zugrunde liegen, tragen uns vorwärts zur ökonomischen Suprematie über die Welt.“23 Um die Politik der Expansion und Aggression nach außen zu betreiben und im Innern gegenüber den Volksmassen abzusichern, brauchte die herrschende Klasse der USA einen starken militärischen und sonstigen staatlichen Unterdrückungsapparat. Seine Aufgabe und Ausrichtung besaß von Anfang an menschenfeindlichen und antidemokratischen Charakter.

22 Zitiert nach: V. Perlo, Der amerikanische Imperialismus, Berlin 1953, S. 10 f.

23 Zitiert nach:  A. Leontjew, „USA- Expansion früher und heute“, Neue Zeit, 22/1947, S. 9. 

Ein weiterer Ausdruck der mit der Machtergreifung des Monopolkapitals einhergehenden Veränderungen im politischen Überbau der USA war die Umgestaltung des bürgerlichen Parteiensystems zu einem wirksamen Instrument im Dienste der Monopole. Darauf, dass sich das bürgerliche Zweiparteiensystem der „Republikaner“ und „Demokraten“ in seinen Grundzügen bereits vor dem Bürgerkrieg herausgebildet hatte, ist bereits verwiesen worden. 1854 gründeten Gegner der Sklaverei, die sich mit ihr eine Organisation zur Verteidigung gegen das politische und ideologische Vordringen der reichen Plantagenbesitzer des Südens schaffen wollten, die Republikanische Partei. Sie nahm im Wesentlichen die Interessen der Industriebourgeoisie wahr. Aber auch die werktätige Bevölkerung unterstützte sie beträchtlich. Die Demokratische Partei, die schon 1828 gegründet worden war, vereinigte vor allem die sklavenhaltenden Plantagenbesitzer des Südens sowie die mit ihnen verbundenen Angehörigen der Handels- und Industriebourgeoisie des Nordens. Ihre Anhängerschaft war ein erheblicher Teil der kleinen Farmer und des städtischen Kleinbürgertums. Die Partei spaltete sich jedoch vor dem Bürgerkrieg, als Befürworter und Gegner über die weitere Ausbreitung der Sklaverei in Streit gerieten. Das wiederum trug dazu bei, dass die Demokraten bei den Präsidentschaftswahlen des Jahres 1860 eine Niederlage erlitten. Nach dem Bürgerkrieg, als die Bourgeoisie gesiegt hatte, als die politische Vorherrschaft der Plantagenbesitzer beseitigt worden war und die kapitalistischen Produktionsverhältnisse sich ungehemmt entfalten konnten, trat eine erste Veränderung im sozialen Wesen und den Zielen dieser beiden Parteien ein. Die bürgerlich-demokratischen Kräfte verloren zunehmend den Einfluss auf die politische Linie der Republikanischen Partei oder wurden völlig aus der Partei hinausgedrängt. Die Großbourgeoisie aus Industrie und Bankwesen beherrschte die Partei nun völlig. Von 1861 bis 1865, von 1869 bis 1885, von 1889 bis 1893 und dann wieder von 1897 bis 1913 stellte die Republikanische Partei den Präsidenten der USA. Die Demokratische Partei behielt ihren Einfluss im Süden; sie konnte ihn nach der Rekonstruktionsperiode sogar noch festigen. Sie errichtete über das gesamte Gebiet des Südens faktisch eine Einparteienherrschaft.

Unter den Bedingungen des Kapitalismus der freien Konkurrenzbreiteten sich in den USA rasch alle jenen Erscheinungen bürgerlichen Parteienwesens und bürgerlichen Parlamentarismus aus wie die rücksichtslose Jagd nach einträglichen Posten im Staatsapparat, die Ämterverteilung durch Bestechung und andere Formen der Korruption, die schamlose Ausplünderung der Staatskassen zugunsten weniger Privilegierter, die Ausnutzung öffentlicher Ämter für Spekulationen aller Art, die Diffamierung und Ausschaltun des politischen Konkurrenten bis hin zu physischer Beseitigung durch Mord usw.

Karl Marx unterzog in seinem Werk „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ diese jeder bürgerlichen Demokratie als Staatsform der Herrschaft der Bourgeoisie wesenseigenen Erscheinungen einer eingehenden Analyse und Kritik. In den USA traten diese gesetzmäßigen Erscheinungen der Kapitalherrschaft besonders krass, ausgeprägt und den gesamten politischen Mechanismus durchdringend hervor. Erwähnt sei hier vor allem das für die USA besonders charakteristische „spoils system“ (Beutesystem). Danach verteilte die bei den Wahlen jeweils siegreiche Partei nach dem Motto „Dem Sieger gehört die Beute“ die Posten und Pfründen des Regierungs- und Verwaltungsapparates unter ihren Anhängern.

Das „spoils system“, dessen Tradition auf die Zeit der Staatsgründung der USA zurückgeht, prägte sich schon in den Jahren der „Jacksonian Democracy“ aus. Die damit verbundene politische Korruption nahm in den achtziger Jahren (des vorvorigen Jahrhunderts P.R.) solche Ausmaße an, dass es zu erheblichen Unruhen in der Öffentlichkeit kam. Deshalb sahen sich die republikanischen Präsidenten Hayes (1877 bis 1881) und Arthur (1881 bis 1885), der als Vizepräsident an die Stelle des 1881 ermordeten Präsidenten Garfield trat, gezwungen, durch den „Pendleton Act“ von 1883 eine Reform zu beschließen, die das „spoils system“ durch das „merit system“ (die Berufung in öffentliche Ämter nach „Verdienst und Leistung“) ablösen sollte. Mit diesem Gesetz wurden bestimmte Elemente des bürgerlichen Berufsbeamtentums in den Staatsapparat der USA eingeführt, das sich jedoch nur auf einen geringen Teil der Staatsbeamten erstreckte. Das „Beutesystem“ und die politische Korruption verschwanden damit keineswegs. Vielmehr erhielten die „Parteimaschinen“ der „Republikaner“ und „Demokraten“, die alle Mittel und Methoden anwandten, um den Sieg in den Wahlen sicherzustellen und die lukrativsten Posten zu erobern, gerade seit den achtziger und neunziger Jahren (des vorvorigen Jahrhunderts P.R.) eine zunehmende Bedeutung. Die „Parteimaschinen“ waren das Instrument der lokalen und überregionalen Bosse der „Republikaner“ und „Demokraten“, um ein korruptes Regime mit dem Ziel zu errichten, alle politischen Ämter für die persönliche Bereicherung auf allen Ebenen des Staates zu nutzen. Friedrich Engels charakterisierte das bürgerliche Zweiparteiensystem der USA in den achtziger Jahren (den vorvorigen Jahrhunderts P.R.)mit den Worten: „Und dennoch haben wir hier zwei große Banden von politischen Spekulanten, die abwechselnd die Staatsmacht in Besitz nehmen und mit den korruptesten Mitteln und zu den korruptesten Zwecken ausbeuten – und die Nation ist ohnmächtig gegen diese angeblich in ihrem Dienst stehenden, in Wirklichkeit aber sie beherrschenden und plündernden zwei großen Kartelle von Politikern.“24

24 K. Marx/F. Engels, Werke, Bd. 17, Berlin 1962, S. 624.

So war die Situation am Vorabend des Imperialismus. Das Monopolkapital fand, als es die Macht ergriff, folglich ein weitgehend entwickeltes bürgerliches Zweiparteiensystem vor. Die innere Struktur dieses Systems, seine enge Verflechtung mit dem gesamten politischen Mechanismus und nicht zuletzt die von allen bürgerlich-humanistischen Vorstellungen gelöste Moral seiner Führer waren außerordentlich geeignet, um die monopolkapitalistischen Interessen durchzusetzen. Die großen Monopolisten der USA nutzten dieses Zweiparteiensystem deshalb auch weitgehend und raffiniert aus, um in der Zeit von 1898 bis 1917/18 den Staatsapparat in die Hand zu bekommen und endgültig die politische Herrschaft zu erobern. In dieser Periode begannen sich daher auch die Unterschiede zwischen diesen beiden großbürgerlichen Parteien weiter zu verringern.

Die mächtigsten Monopole nutzten das bestehende Zweiparteiensystem insbesondere, um Vertreter ihres Vertrauens oder zumindest solche Personen, die ihren Interessen nicht zuwiderhandelten, an die Spitze der zentralen Exekutivorgane zu stellen. Alle Präsidenten dieser Periode der Machtergreifung des Monopolkapitals (selbstverständlich erst recht der folgenden Jahrzehnte bis zur Gegenwart), sowohl William McKinley, Theodore Roosevelt und William Taft als auch Woodrow Wilson, erwiesen sich, wenn auch mit unterschiedlichen subjektiven Fähigkeiten, als solche Vertrauenspersonen. So erklärte der Eisenbahnkönig James J. Hill, einer der mächtigsten und einflussreichsten Monopolisten der USA, schon zu jener Zeit mit aller Offenheit, dass der Präsident der USA faktisch Vorsitzender des Aufsichtsrates des „großen ökonomischen Konzerns“ (corporation) „mit dem Namen ‚Unites States of America‘“ sei.25

25 Zitiert nach: J. Kuczynski, a. a. O., S. 19.

In der bürgerlichen staats- und verfassungsrechtlichen Literatur wird der „anti-trust legislation“ (Anti-Trustgesetzgebung) des letzten Jahrzehnts des 19. Und des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts ein besonderer Platz eingeräumt. Sie soll vor allem beweisen, dass die Politik der USA-Regierungen in jener Periode nicht den Interessen der Monopole, sondern dazu gedient habe, den „Missbrauch“ von Monopolmacht an einem nicht näher bezeichneten „Gemeinwohl“ zu verhindern. 

Soll die „anti-trust legislation“ richtig in die politischen Verhältnisse jener Zeit eingeordnet werden, so ist es erforderlich, zunächst auf folgenden Faktor hinzuweisen. In den achtziger Jahren (des vorvorigen Jahrhunderts P.R.) entstand in den USA eine relativ starke bürgerliche Opposition gegen den wachsenden Einfluss der Monopole im wirtschaftlichen und politischen Leben. Sie richtete sich besonders gegen die rücksichtslosen Praktiken bei der Preisgestaltung und die korrupten Methoden in der Politik. Diese oppositionelle Bewegung war in sich sehr differenziert; sie umfasste Kapitalisten der freien Konkurrenz, die sich gegen das Vordringen der monopolistischen Konkurrenten wehrten, bürgerliche Humanisten, die mit Abscheu auf die um sich greifende Korruption und Verrohung des gesellschaftlichen Lebens reagierten; es waren ferner besorgte Angehörige der Bourgeoisie, die befürchteten, dass sich durch den „Missbrauch“ von Monopolmacht die sozialen Gegensätze verschärften, und nicht zuletzt zahlreiche Intellektuelle, die oft außerordentlich mutig und schonungslos die Missstände in der Verwaltung des Landes und in den Parteien sowie die Konzernpraktiken anprangerten. Zu diesen antimonopolistischen Kräften zählten viele aufrechte, ehrliche Bürger der USA; die bürgerliche Opposition dieser Periode ist überhaupt zu den im amerikanischen Volk lebendigen Traditionen der Bewegung gegen die Monopole zu rechnen.

Diese Bewegung, die der wissenschaftlichen Lehre und der politischen Bewegung der revolutionären Arbeiterbewegung im Wesentlichen fernstand, vertrat allgemein die Position, zu den Verhältnissen des Kapitalismus der freien Konkurrenz zurückzukehren. Das war letztlich auch die Ursache, weshalb ihr Einfluss bereits vor dem ersten Weltkrieg zurückging. Die durch diese Opposition mobilisierte Öffentlichkeit war jedoch stark genug, um ein bestimmtes Eingreifen der Regierung zu erzwingen.

Nicht wenige Vertreter der Opposition waren subjektiv ehrlich der Auffassung, dass, wenn der Staat eingreife, das Vordringen der Monopole gestoppt, deren Praktiken unterbunden und der „Missbrauch“ von Monopolmacht eingeschränkt werden könnte. So kam es, dass im Jahre 1887 der „Interstate Commerce Act“ verabschiedet wurde. Dieses Gesetz sah angesichts der steigenden Entrüstung der Massen über die monopolistische Tarifgestaltung der großen Eisenbahngesellschaften vor, das Eisenbahnwesen der USA der Bundesaufsicht zu unterstellen, einer aus elf Personen bestehenden staatlichen Behörde, der „Interstate Commerce Commission“. Die Aufgabe dieser Kommission sollte darin bestehen, die Tarife zu überwachen sowie die Investitionen und Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen der Eisenbahngesellschaften zu kontrollieren. Die als „unabhängig“ propagierte „Interstate Commerce Commission“ entwickelte sich ebenso wie ähnliche staatliche Kommissionen für andere Bereiche (so die 1934 gebildete „Federal Communications Commission“ für das Telegraphen-, Telefon-, und Funkwesen, die 1930 gegründete „Federal Power Commission“ für den Bereich der Energieversorgung und die 1934 eingesetzte „Securities and Exchange Commission“ für das Börsenwesen) alsbald zu einem Organ, das die Interessen der Eisenbahnmonopole im Staatsapparat der USA vertrat. Mit anderen Worten: IN Gestalt dieser und anderer staatlicher Kommissionen bildeten sich im politischen System der USA spezielle Organe heraus, die dazu dienten, die Interessen bestimmter Monopole oder Monopolgruppen unmittelbar wahrzunehmen. Wie nicht anders zu erwarten war, verhinderten weder diese Kommissionen noch andere Bundesgesetze zur staatlichen Aufsicht über die Eisenbahngesellschaften die monopolistischen Praktiken im Bahnwesen. Als entscheidender Schritt der „anti-trust legislation“ werden in der bürgerlichen staats- und verfassungsrechtlichen Literatur jedoch der 1890 erlassene „Sherman anti-trust Act“, der „Hepburn Act“ von 1906, der „Federal Reserve Act“ von 1913 sowie der „Clayton Act“ des Jahres 1914 bezeichnet. Gerade diese Gesetze sind aber charakteristische Beispiele für die mit der Kartellgesetzgebung immer wieder angekündigten monopoleinschränkenden, tatsächlich jedoch erreichten monopolfördernden Maßnahmen. Der „Sherman Act“ untersagte, Preise, Märkte usw. abzustimmen, wie das in den bislang bestehenden Monopolreformen des Pools und Kartells üblich war. Abgesehen davon, dass es auch weiterhin hinreichende Möglichkeiten für Kartellabsprachen gab26, gingen die Industrie- und Finanzkapitalisten verstärkt dazu über, eine andere Monopolform anzuwenden: die Holdinggesellschaften. In der Holdinggesellschaft übt der Konzern durch den Besitz von Aktien die monopolistische Kontrolle über eine Anzahl juristisch selbstständiger Unternehmen aus. Der „Sherman Act“ führte die Monopolisten zu einer neuen wesentlichen Monopolform, und die Periode ab 1890 wurde zur entscheidenden Zeit der Monopolbildung in den USA!

26 Selbst Prozesse gegen Monopolunternehmen, die unter den Präsidenten Roosevelt und Taft durchgeführt wurden, hemmten den Monopolisierungsprozess nicht im Geringsten. Außerdem entschärfte das Oberste Gericht der USA die Bestimmungen des „Sherman Acts“ noch, indem es in Verfahren gegen den Öl- und den Tabaktrust erklärte, ein Unternehmen verstoße noch nicht dadurch gegen den „Sherman Act“, wenn es eine „marktbeherrschende“ Stellung einnehme. Es müsse ihm vielmehr erst ein „Missbrauch wirtschaftlicher Macht“ nachgewiesen werden können. Damit war das Ermessen der Gerichte ein weitgehender Spielraum gegeben, den sie als Klassengerichte auch im Interesse des Schutzes der Monopole weitgehend ausnutzten.

Ähnliche Ergebnisse zeitigten auch die anderen Anti-Trustgesetze. Er „Hepburn Act“ sollte die gesetzlichen Befugnisse der „Interstate Commerce Commission“ zur Kontrolle der Eisenbahngesellschaften erweitern, womit dokumentiert wurde, dass die bisherigen Regelungen wirkungslos geblieben waren. Auch mit diesem Gesetz konnte die Lage nicht geändert werden. Der „Federal Reserve Act“ versprach- als Reaktion der Bundesregierung auf die scharfen Kritiken der Öffentlichkeit an den Praktiken der Monopolbanken- das gesamte Bankwesen unter Bundesaufsicht zu stellen. Es entstanden zwölf regionale Bundesbanken mit einem zentralen Gouverneursrat an der Spitze.

Erstens führte die Schaffung des Bundesbankensystems zu einer wesentlichen Zentralisation von Finanzmitteln in den Händen des Staates, der diese Mittel vor allem für den Kapitalexport und dafür verwandte, um die imperialistische Expansionspolitik zu verwirklichen-

In den beiden ersten Artikeln des Gesetzes heißt es: „1. Jeder Vertrag, der eine Kombination in der Form von Trusts darstellt oder auf andere Weise..zur Beschränkung des Handels unter den Einzelstaaten oder mit ausländischen Nationen beiträgt, wird hiermit als ungesetzlich erklärt…2. Jede Person, die monopolisiert oder versucht, jede Art des Handels unter den Einzelstaaten oder mit ausländischen Nationen zu monopolisieren, soll als eines Vergehens schuldig betrachtet werden.“

Zweitens blieben die Monopolbanken der Morgan, Rockefeller, Mellon usw. Ungeschoren. Das „Federal Reserve System“ führte sogar dazu, dass sich Staat und Monopole auf dem Gebiet des Bankwesens noch enger verbanden. Dabei konnten die Monopolbanken mit der Regierung in Washington höchst profitable Geschäfte tätigen, so bei der Ausplünderung der eroberten Kolonien und durch die sich am Vorabend des ersten Weltkrieges verstärkende Aufrüstung. Der „Clayton Act“ schließlich, von Woodrow Wilson dem Kongress vorgelegt, untersagte erneut die ineinander übergreifenden Aufsichtsrats- und Direktorenposten in den Industriekonzernen (Korporationen), Banken, Eisenbahngesellschaften und städtischen Versorgungseinrichtungen. Auch dieses Gesetz blieb wirkungslos. Th. Roosevelt, der 1901 als erster Präsident der USA in einer Botschaft an den Kongress die Existenz der Monopole rechtfertigte und lediglich einen Unterschied zwischen „guten“ und „schlechten“ Trusts gelten lassen wollte, musste schließlich öffentlich eingestehen, dass die Anti-Trustgesetze „genauso wirksam (seien) wie eine päpstliche Bulle gegen einen Kometen“27.

27 Zitiert nach: Weltgeschichte, Bd. 7, Berlin 1965, S.481.

Die Monopolisten der USA versuchten demgegenüber mehrfach, Organisationen der Arbeiter wie die Gewerkschaften als „Monopolorganisation“ abzustempeln, die der Anti-Trustgesetzgebung unterworfen werden müssten. Das war jedoch nur eine der Methoden, mit denen die Monopolbourgeoisie in der Periode ihrer Machtergreifung den Klassenkampf gegen das Proletariat und seine Organisationen führte. Die Methoden des Kampfes der Monopole gegen die Arbeiterbewegung reichte von sozialer Demagogie und Korrumpierungen einer ziemlich breiten Schicht von Arbeitern, der Arbeiteraristokratie, über die Einschleusung gekaufter Gangster und Provokateure in die Organisationen der Arbeiter bis zum offenen und brutalsten Terror, der auch vor dem Mord an Arbeiterführern, dem zügellosen Einsatz von Militär und Polizei gegen Streikende und deren Frauen und Kinder und vor anderen Gewaltakten nicht haltmachte. Die Versuche der Monopole, die Arbeiter unter anderem durch die Einführung der Fließbandproduktion und die Anwendung des Taylor-Systems, mit dem – wie Lenin feststellte- aus dem Arbeiter „die dreifache Arbeit in derselben Arbeitszeit“28herausgepresst wurde, intensiver auszubeuten, verschärfte den ökonomischen Arbeitskampf, den die Monopole mit äußerster Brutalität führten, außerordentlich. Die Monopolisten der USA schreckten zur Durchsetzung ihrer Herrschaft vor keinerlei Mittel und Methoden zurück, um den Widerstand der Arbeiter, der kleinen Farmer und der anderen Werktätigen zu brechen.

28 W. I. Lenin, Werke, Bd. 18, Berlin 1962, S. 588.

Das alles vollzog sich unter dem politischen Aspekt der aus einer bürgerlichen Revolution hervorgegangen Republik. Als Lenin diese Periode in der Arbeit „Über den Staat“ charakterisierte, wie er besonders darauf hin: „Eine der demokratischsten Republiken der Welt sind die Vereinigten Staaten von Nordamerika, und nirgends äußert sich so wie in diesem Lande (wer dort noch vor 1905 gewesen ist, hat sicherlich eine Vorstellung davon) – nirgends äußert sich die Macht des Kapitals, die Macht des Häufleins von Milliardären über die ganze Gesellschaft zu brutal, ist sie mit so unverhüllter Bestechung verbunden, wie gerade in Amerika.“29 Als das Monopolkapital die Macht ergriff und sie ausübte, drückte das dieser Staatsform kapitalistischer Klassendiktatur den Stempel der Reaktion und des Verfalls auf.

29 W. I. Lenin, Werke, Bd. 29, Berlin, 1961, S. 477.

Zu einer Zeit, da der Weltkapitalismus in sein imperialistisches Stadium eingetreten war und seine Gesellschaft, Politik und Ideologie von unüberwindbarer Fäulnis ergriffen wurden, da der Imperialismus der USA sich zur Hauptkraft des Kampfes der Weltreaktion gegen den gesellschaftlichen Fortschritt entwickelte, wurde auf einem Sechstel der Erde das kapitalistische Weltsystem bereits durchbrochen. Der Sozialismus entwickelte sich, der ein für allemal die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt und erstmals in der Geschichte der Menschheit an die Stelle der Freiheit und Demokratie für die Ausbeuter die Freiheit und Demokratie für die Werktätigen setzt. 

Entnommen aus: „Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie – USA“ , Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin/DDR 1976

Bearbeitet von Petra Reichel


Anmerkungen von Petra Reichel

Der Kapitalismus ist als Sieger aus dem Wettstreit der Systeme hervorgegangen. Der Sozialismus ist als Weltsystem zusammengebrochen. 

Heute ist die neue Technik die Entwicklungsbasis des modernen Kapitalismus in den USA. Heute haben die Tech-Milliardäre eine enorme Machtfülle. Kritiker tun so, als wäre das ein Phänomen der heutigen Zeit. Das kann man manchmal auch Publikationen entnehmen, welche die Intelligenz als Publikum haben. Doch wie wir hier sehen, ist das kein neues Phänomen, sondern das gleiche wie vor mehr als hundert Jahren, nur im modernen Gewand verpackt und auf einem Geschäftsfeld der modernen Zeit agierend.

Über andere Länder herrschen die USA nach wie vor, wenn auch nicht mehr formal als Kolonialmacht. Wenn einige Länder ihren eigenen Weg gehen wollen, werden sie wirtschaftlich abgeschnitten, überfallen, mit Krieg überzogen, ihre Präsidenten entführt oder gleich ermordet. Bewundernswert ist Kuba, bzw. das kubanische Volk, das trotz bitterster Not, bedingt durch die Wirtschaftsblockade der USA, das an der Unabhängigkeit festhält und tapfer die Stellung hält.

Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch: „Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie – USA“

Fußnoten:

Vorwort August 2026

Hier geht es nicht um den Verlauf und Schlachten des Bürgerkrieges in den USA. In diesem Kapitel werden die Interessengegensätze der Industriebourgeoisie des Nordens und der Sklavenhalteraristokratie aufgezeigt.

Nach dem Bürgerkrieg gab es zwar progressive Gesetze, die aber das Papier nicht wert waren. Die ehemalige Sklavenhalteraristokratie des Südens hatte kein Interesse daran etwas für die Farbigen zum Positiven zu ändern.

Eine unrühmliche Rolle spielte das Oberste Gericht der USA, was in diesem Kapitel geschildert wird.

Das war der Anfang des Rassismus in den USA. Es bedurfte noch vieler Kämpfe und es dauerte lange Zeit, bis sich die Situation zum Positiven geändert hat.

In dem Buch wird gesagt, des die Rassentrennung im Interesse der Kapitalisten lag, um zu spalten. Nun ja, heute können sich die Kapitalisten so eine Politik nicht mehr leisten. 

Soweit in aller Kürze. Es ließe sich noch viel dazu sagen.

Petra Reichel

Siehe auch Inhaltsverzeichnis

Die Festigung der bürgerlichen Demokratie in der bürgerlichen Revolution von1861 bis 1865 (Bürgerkrieg)

Der bürgerliche Nationalstaat und seine Organe (Verwaltung, Gesetzgebung, Rechtsprechung) hatten sich nunmehr konstituiert, und der gesamte in der Verfassung verankerte Mechanismus des politischen Systems war in Gang gesetzt. Damit endete zugleich eine entscheidende Etappe der Herausbildung der bürgerlichen Demokratie in den USA. Es hieße jedoch die Entstehung der bürgerlichen Demokratie in den USA als politische Erscheinungsform kapitalistischer Klassenherrschaft unvollständig charakterisieren, wenn sie auf die Ergebnisse der ersten amerikanischen bürgerlichen Revolution von 1775 bis 1783 reduziert würde. Erst der Sieg des Systems der freien Lohnarbeit und die Erringung der uneingeschränkten politischen Herrschaft der Industriebourgeoisie in der zweiten bürgerlichen Revolution von 1861 bis 1865 prägten die bürgerliche Demokratie in den USA des vorimperialistischen Kapitalismus klassenmäßig voll aus. Vor allem, wenn der gegenwärtige politische Machtmechanismus des USA-Imperialismus den politischen Errungenschaften der beiden bürgerlichen Revolutionen gegenübergestellt wird, so verdeutlicht das die tiefe und unüberwindbare Krise der bürgerlichen Demokratie unter den Bedingungen der Finanzoligarchie. 

Auf die Entwicklung der bürgerlichen Demokratie in den USA in der Periode zwischen den beiden bürgerlichen Revolutionen und im Ergebnis der Revolution von 1861 bis 1865 wirkten eine Reihe von Faktoren ein. Die Geschichte der bürgerlichen Demokratie in den USA von 1783 bis 1861, seit dem Ende der ersten bis zum Beginn der zweiten bürgerlichen Revolution, ist vor allem die Geschichte des sich trotz aller zeitweiligen Kompromisse ständig verschärfenden Kampfes zwischen den sklavenhaltenden Plantagenbesitzern und der aufstrebenden Industriebourgeoisie. Die Plantagenbesitzer, die das Übergewicht in den entscheidenden staatlichen Machtpositionen besaßen, konnten in der Innen- wie in der Außenpolitik weitgehend ihre Interessen durchsetzen. 1 Andererseits drängte die Industriebourgeoisie mit ihrem ökonomischen Erstarken zur vollen politischen Herrschaft.

1 K. Marx stellte bei Ausbruch des Bürgerkrieges in den USA fest: „Wie in der innern, so diente in der auswärtigen Politik der Vereinigten Staaten das Interesse der Sklavenhalter als Leitstern.“ (K. Marx/F. Engels, Werke, Bd. 15, Berlin 1961, S. 334.)

Um die Tiefe des fundamentalen Konflikts, der schließlich zum Bürgerkrieg führte, zu veranschaulichen, ist ein Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung nach der Gründung der USA unumgänglich. Die Periode von den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts bis zu den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts erwies sich als eine Zeit stürmischen Wachstums der Industrie, des Finanz- und Verkehrswesens sowie der Landwirtschaft.  In diesen Jahrzehnten entstand in den USA eine bedeutende kapitalistische Wirtschaft. Die industrielle Produktion – die Grundlage jeder kapitalistischen Entwicklung – nahm in den USA mit dem Ende des 18. Jahrhunderts in den nordöstlichen Bundesstaaten einsetzenden industriellen Revolution einen außerordentlichen Aufschwung.

Die industrielle Revolution begann in den USA, ähnlich wie in England, in der baumwollverarbeiteten Industrie. IN den USA entstand 1790 die erste Baumwollfabrik. Erhöhte sich die Zahl der Spindeln von 20 000 im Jahre 1800 auf 130 000 im Jahre 1815, so erreichte sie 1830 1 247 000 und 1840 2 285 000.2  Die baumwollverarbeitende Industrie Englands war zu jener Zeit der Nordamerikas zwar noch überlegen, jedoch seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts konkurrierenden Baumwollerzeugnisse aus den USA bereits erfolgreich mit vergleichbaren englischen Produkten.

2 Zahlenangaben nach: Weltgeschichte, Bd. 6, Berlin 1969, S. 277; J. Kuczynski, Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus, Bd. 29, Darstellung der Lage der Arbeiter in den Vereinigten Staaten von Amerika von 1775 bis 1897, Berlin 1966, S. 62

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm auch nach ersten bescheidenen Anfängen die Eisenindustrie einen bedeutenden Aufschwung. Die Produktion von Roheisen stieg von 30 000 Tonnen im Jahre 1790 auf 55 000 im Jahre 1810 und 290 000 im Jahre 1840. Lediglich England stand in der Eisenproduktion (1840= 1 396 000 Tonnen) noch vor den USA, die jedoch ihrerseits den Stand Deutschlands (1840=167 000 Tonnen) schon beträchtlich übertrafen.3 Mit der Entwicklung der Eisenindustrie und wenig später der Anwendung von Dampfkraft stieg auch die Kohleproduktion in den USA. Verglichen mit England und Deutschland, ergibt sich das folgende Bild:

Kohleproduktion 1800 bis 1840 (1 000 t) 4

Jahr                     USA           England         Deutschland


1800                    100                     10 100                 300

1820                    300                     12 500               1 500

1840                 2 200                     30 300               3 400


3 Zahlenangaben nach: Weltgeschichte, Bd. 6, Berlin 1969, S. 277; J. Kuczynski, Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus, Bd. 29, Darstellung der Lage der Arbeiter in den Vereinigten Staaten von Amerika von 1775 bis 1897, Berlin 1966, S. 62

4 a.a. O., S. 65

Von überragender Bedeutung dafür, dass sich die kapitalistische Wirtschaft entfalten und sich ein innerer Markt in den USA herausbilden konnte, war die Entwicklung des Verkehrswesens. Von der sofortigen Inangriffnahme dieses Problems hingen wesentlich der rasche Aufschwung von Industrie und Handel sowie die Besiedlung der noch unerschlossenen weiten Territorien ab. Schon bald nach der Revolution von 1776, al ein Straßennetzt auf dem Land errichtet und große Kanäle gebaut wurden, verbesserte sich das Verkehrswesen entscheidend. Zu nennen ist hier besonders der Bau der Cumberlandstraße, eine der Hauptverkehrsadern nach dem Westen, sowie der 1825 fertiggestellte 580 km lange Eriekanal, der die Großen Seen mit dem Hafen von New York verband. Der Dampfschiffverkehr auf den Flüssen entwickelte sich ebenfalls rasch, nachdem 1807 auf dem Hudson das erste, von Fulton gebaute Dampfschiff der Welt vom Stapel gelaufen war. Eine besondere Bedeutung beim Ausbau des Verkehrswesens kam jedoch der 1828 begonnenen Errichtung eines ausgedehnten Eisenbahnnetzes zu. Mit einem Eisenbahnstreckennetzt von mehr als 30 000 Meilen vor Beginn des Bürgerkrieges hatten die USA alle anderen Länder überflügelt.

Schon diese Angaben weisen nach, dass sich die USA in den ersten Jahrzehnten des vorigen (vorvorigen P.R.) Jahrhunderts einen wichtigen Platz neben den größten und industriell am fortgeschrittensten kapitalistischen Staaten Europas erobert hatten. Dennoch waren die USA insgesamt gesehen in dieser Periode ein Land, in dem die Landwirtschaft in der Volkswirtschaft vorherrschte, ein Land, das noch in starkem Maße auf die Einfuhr wichtiger Industriegüter angewiesen war. Bedeutsamer für die weitere Entwicklung der USA war es jedoch, dass sich der Kapitalismus hier im gleichen Zeitraum wesentlich schneller entwickelte als in den wichtigsten Staaten Europas. IN der Zeit von 1827 bis 1858 hatte sich die Industrieproduktion in den USA auf das Achtfache erhöht, in England war sie nicht einmal auf das Zweieinhalbfache gestiegen. IM Jahre 1860 hatten die USA bereits alle anderen kapitalistischen Staaten außer England dem Umfang der Industrieproduktion nach überholt.

Mit der Entwicklung der kapitalistischen Ökonomik setzte sich die dem Kapitalismus innewohnenden Gesetzmäßigkeiten, Triebkräfte und Widersprüche immer stärker im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben durch. Das traf ebenfalls und besonders auf die politischen Verhältnisse der USA zu.

Mit der Entfaltung der industriellen Produktion, beschleunigt durch die industrielle Revolution, bildeten sich auch in den USA die beiden Grundklassen der kapitalistischen Gesellschaft, die Industriebourgeoisie und das Proletariat heraus. Kuczynski gibt an, dass in den industrialisierten Staaten des Nordens der USA vor dem Bürgerkrieg etwas mehr als 100 000 Industriebetriebe mit insgesamt mehr als einer Million Arbeitern und Kapitalinvestitionen von fas 850 Millionen Dollar bestanden. 5Außerordentlich bedeutsam war dabei, dass bereits in dieser Periode in einer Reihe von Industriezweigen „eine ausgesprochene Tendenz zur Ausmerzung der Klein- und Mittelbetriebe und zur Schaffung von großen Betriebseinheiten“ 6 festzustellen ist. Kuczynski schätzt das folgendermaßen ein: „Dieser Prozess bedeutet nicht, dass man bereits mit der Bildung von Trusten und monopolartigen Einrichtungen begonnen hatte – obgleich sich bereits einzelne embryonale Anfänge zeigen, wie etwa in der Tatsache, die die ‚Boston Associates‘, die 15 Familien umfassten, 1850 etwa 20 Prozent der Baumwollspindeln im Lande und 30 Prozent des Eisenbahnnetzes von Massachusetts kontrollierten. Er deutet aber das große Ausmaß der Konzentration von Kapital an…Seit dieser Zeit ist insbesondere die Produktion von Textilien, Eisen und Stahl in der Hauptsache in großen Betrieben durchgeführt worden. Natürlich war eine solche Entwicklung nicht möglich, ohne dass die gesellschaftliche Position und die allgemein politische wie auch die wirtschaftliche Macht der Großkapitalisten außerordentlich stärkten.“ 7 Eine strake Triebkraft der Kapitalkonzentration in den USA in dieser Periode ergab sich aus den hohen Aufwendungen im Verkehrswesen, namentlich im Eisenbahn- und Schifffahrtwesen. Diese Aufwendungen förderten die Bildung von Kapitalgesellschaften und enge Beziehungen des Industrie- und Handelskaptals zum Bankkapital.

5 a. a. O., S. 126

6 a. a. O., S. 113

7 a. a. O., S. 113 f. 

Eine besondere Role nahm in diesem Zusammenhang die Bank der USA, die United States Bank, ein, die auf Initiative des ersten Finanzministers der USA, Hamilton, gegründet worden war. Sie hatte sich, gestützt auf die Finanzmittel des Bundesstaates und ausgehend von den Vorstellungen Hamiltons und anderer großbürgerlicher Kräfte, zu einem mächtigen Instrument des Großkapitals entwickelt. Mit ihrer Hilfe wurden nicht nur die Mittel- und Kleinbourgeoisie in zum Teil starker wirtschaftlicher Verschuldung gehalten, sondern auch vor allem die kleinen Farmer und die Arbeiter ausgeplündert. Einflussreiche großbürgerliche Kräfte im Kongress und in der Regierung der USA unterstützten die Bank. Der Druck der US-Bank, der Kapitalgesellschaften und der größeren Betriebe sowie andere soziale und politische Auswirkungen der industriellen Revolution lasteten so stark auf den Farmern, dem städtischen Kleinbürgertum und den Arbeitern, dass schon Ende der zwanziger Jahre des (vorvorigen P.R.) vorigen Jahrhunderts im Norden der USA eine Volksbewegung gegen die Macht des Großkapitals in der Industrie, im Bank- und Verkehrswesen entstand. Diese Bewegung rief zum Kampf gegen „das Monopol“ auf, wobei sie unter Monopol jede wirtschaftliche Machtkonzentration verstand; sie wird auch als „Bewegung des Jacksonian Democracy“ bezeichnet.

In der bürgerlichen staats- und verfassungsrechtlichen Literatur wird die Präsidentschaft Andrew Jacksons – Jackson wurde 1828 nach einem heftigen innenpolitischen Kampf in das höchste Staatsamt der USA gewählt – gern als der „Anbruch der unverfälschten Demokratie in den Vereinigten Staaten“, als das „erste Zeitalter des ‚Mannes auf der Straße‘“ 8 glorifiziert. Jacksons Präsidentschaft habe zu einem „Frontalangriff auf die Herrschaft jeder Art von Elite“ 9 und einer „sozialen Gelichstellung der Klassen“ 10 in den USA geführt. Diese und ähnliche Aussagen tragen in starkem Maße apologetischen Charakter; sie dienen dazu, das imperialistische Wesen der politischen Verhältnisse in den USA der Gegenwart zu verschleiern und dies Verhältnisse als Weiterführung und schließlich gar als Vollendung jener angeblichen „unverfälschten Demokratie“ für alle Klassen und Schichten zu preisen. Allein schon dieser Missbrauch bürgerlich-demokratischer Bewegungen für völlig entgegengesetzte imperialistische Interessen und Ziele gebietet, die objektive historische Rolle dieser Bewegung und der sie tragenden Kräfte hervorzuheben.

8 K. Loewenstein, Verfassungsrecht und Verfassungspraxis der Vereinigten Staaten, Westberlin/Göttingen/Heidelberg 1959, S. 19

9 C.J. Friedrich, Der Verfassungsstaat der Neuzeit, Westberlin/Göttingen/Heidelberg 1953, S. 33.

10 F. Glum, Die amerikanische Demokratie, Bonn 1966, S. 122.

Die „Bewegung der Jacksonian Democracy“ war, besonders in der ersten Periode der achtjährigen Präsidentschaft Jacksons, in hohem Maße eine Bewegung, deren Zeil darin bestand, bürgerlich-demokratische Reformen durchzusetzen. Sie beabsichtigte nicht nur, die privilegierte Stellung der Bank der USA und den Interessen des Großkapitals dienende Politik einzuschränken 11, sondern sie beinhaltete auch vor allem die Forderung, die politischen Rechte für die Volksmassen zu erweitern. Im Ergebnis dieses Kampfes wurde das Wahlrecht ausgedehnt, indem in den neugeschaffenen Staaten allen weißen Männern das allgemeine Wahlrecht gewährt und in den nördlichen Bundesstaaten der Vermögenszensus bei den Wahlen aufgehoben werden musste. Dadurch besaßen bis 1840 etwa die Hälfte aller weißen Bürger der USA die Stimmberechtigung. Über diese Bewegung tragenden soziale Kräfte heißt es in der von sowjetischen Wissenschaftlern herausgegeben „Weltgeschichte“: „Wenn im Westen die Farmer die entscheidende Rolle im Kampf spielten, so waren dies im Osten das städtische Kleinbürgertum und die junge sich eben herausbildende amerikanische Arbeiterklasse, die damals die historische Arena betrat.“ 12

11 Sein Auftreten gegen die Vorherrschaft der Bank der USA sicherte Jackson den Sieg bei den Präsidentschaftswahlen 1832, 1834 wurden dieser Bank die staatlichen Einlagen entzogen und auf die kleineren Banken der Bundesstaaten verteilt. 1836 lief das Gesetz ab, das der Bank der USA besondere Privilegien einräumte.

12 Weltgeschichte, Bd. 6, a. a. O., S. 283.

In diese Zeit fiel auch die Gründung politischer Parteien. 1828 entstand die Partei der „demokratischen Republikaner“, die Demokratische Partei, in der damals vor allem gegen die Großbourgeoisie eingestellte Kräfte vertreten waren: Farmer, Vertreter des städtischen Kleinbürgertums und ein Teil der Arbeiter, jedoch auch Plantagenbesitzer. IN jenen Jahren besuchte der französische bürgerliche Historiker Alexis de Tocqueville, selbst ein Anhänger der konstitutionellen Monarchie, die USA und schreib unter dem unmittelbaren Eindruck der „Jacksonian Democracy“ das Buch „De la Democratie en Amerique“ (1835). In diesem Werk beschrieb er detailliert die damaligen staats- und verfassungsrechtlichen Verhältnisse der USA. Er bekundete seine „felsenfeste Überzeugung…, dass die demokratische Revolution, deren Zeuge wir sind, eine unwiderstehliche Tatsache ist, gegen die anzukämpfen weder wünschenswert noch klug ist“. 13

13 A.C. Toqueville, Die Demokratie in Amerika, Eine Auswahl hrsg. Von F.A. von der Heydte, Regensburg 1955, S. 56. Konservative Historiker und Juristen der Gegenwart nutzen die Schrift Tocquevilles mit Vorliebe zur apologetischen Verherrlichung der USA als Land „wahrer Freiheit und Demokratie“.

Einen beachtlichen Platz der bürgerlich-demokratischen Bewegung der zwanziger und dreißiger Jahre der (vorvorigen P.R.) vorigen Jahrhunderts nahmen die Arbeiter ein. Sie beeinflussten in bedeutendem Maße die Forderungen und Aktivitäten dieser Bewegung besonders in New York und einigen anderen Städten des Nordostens der USA. Überhaupt breitete sich in den Jahren der „Jacksonian Democracy“ die Gewerkschaftsbewegung rasch aus, nachdem im Jahre 1827 in Philadelphia die Gewerkschaft der Mechaniker gegründet worden war. Foster stellt dazu fest: „Der erste wirkliche Aufschwung des Gewerkschaftswesens erfolgte in der Periode von 1825-1837…Gewerkschaften der Drucker, Bauarbeiter, Schuh- und Textilarbeiter, Bäcker, Schneider, Seeleute, Hafenarbeiter, Fuhrleute und anderer Berufe schossen überall in die Höhe…Der erste zentrale Gewerkschaftsrat wurde 1833 in New York gegründet; ihm folgten in verschiedenen Städten bald örtliche Räte. Fünf verschiedene Gewerbe schufen sich Gewerkschaften im Landesmaßstab, und im Jahre 1834 wurde die National Trades Union, die erste nationale Arbeiterföderation in den Vereinigten Staaten gebildet. Im politischen Leben war die Arbeiterbewegung durch kampffähige örtliche Arbeiterparteien vertreten, die in New York, Philadelphia und anderwärts organisiert wurden. Diese Parteien eifrige Anhänger Jeffersons, unterstützten Jackson, insbesondere nach 1832, und die Gewerkschaften entfalteten ihre Wirksamkeit in der demokratischen Atmosphäre, die durch Jacksons Sieg über die kapitalistische Reaktion geschaffen worden war.“ 14

14 W. Z. Foster, Abriss der politischen Geschichte beider Amerika, Berlin 1967, S. 507 f.

Einen ernsten Rückschlag erlitt die junge Arbeiterbewegung jedoch mit der großen Wirtschaftskrise des Jahres 1837, als sich fast alle Gewerkschafts- und örtlichen Parteiorganisationen auflösten. Es erwies sich, dass es die Arbeiter noch nicht verstanden hatten, ihre Organisationen in Zeiten tiefer Krisen zusammenzuhalten. Die Arbeiterbewegung blieb – insgesamt gesehen – in dieser Periode ein Anhängsel der bürgerlich-demokratischen Bewegung. Ihre Programme waren weitgehend auf soziale und politische Reformen gerichtet. Auch beeinflusste der utopische Sozialismus, die Auffassungen von Robert Owen und Charles Fourier, erheblich die junge Arbeiterbewegung der USA. Auch wenn es in jener Periode bereits zu sozialen Kämpfen zwischen Bourgeoisie und Proletariat kam, die sich besonders in der großen Streikbewegung für die Einführung des zehnstündigen Arbeitstages und für eine Erhöhung der Löhne ausdrückten, so war der Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat noch nicht der beherrschende. Die Arbeiterbewegung befand sich noch in den Anfängen ihrer Entwicklung, noch war die Arbeiterklasse nicht klassenbewusst! Außerdem stand die Bourgeoisie als Klasse noch auf der Seite des gesellschaftlichen Fortschritts, war sie in der Lage, Aufgaben der bürgerlichen Revolution zu lösen!

Der bestimmende gesellschaftliche Konflikt, der auch die politischen und ideologischen Verhältnisse prägte, bestand im Konflikt zwischen den herrschenden Klassen der USA. Die sklavenhaltenden Plantagenbesitzer vornehmlich des Südens standen der sich auf das System der Lohnarbeit stützenden industriellen Bourgeoisie des Nordens gegenüber. Dieser Konflikt widerspiegelte einen antagonistischen Widerspruch in der ökonomischen Basis.

Wie bereits erwähnt, hatte die kapitalistische Wirtschaft in den nördlichen Bundesstaaten der USA besonders in den zwei Jahrzehnten von 1840 bis 1860 einen außerordentlichen Aufschwung genommen. Von den bürgerlichen Ideologen werden diese Jahre ob der fast unerschöpflichen Ausdehnung der Industrie und der Profite auch das „goldene Zeitalter“ genannt. Eine ganz andere Struktur kennzeichnete dagegen die Wirtschaft in den südlichen Bundesstaaten, die im Wesentlichen auf der Baumwollerzeugung auf der Grundlage von Sklavenarbeit in den großen Plantagen beruhte. Sklaverei und Sklavenhandel stellten schon vor dem Unabhängigkeitskrieg einen beachtlichen Faktor im ökonomischen und gesellschaftlichen Leben dar. Sie erreichten aber erst mit der Erfindung der Baumwollentkörnungsmaschine (1793) eine große Verbreitung. Bisher hatte ein Sklave fast einen ganzen Arbeitstag verwenden müssen, um ein Pfund Rohfaser zu entkörnen. Mit dieser Maschine konnte er jedoch 150 und später, als Dampfkraft angewendet wurde, 1 000 Pfund entkörnen. Infolgedessen entwickelte sich die Baumwollproduktion sehr schnell. Damit verbunden war eine ebenso bedeutende Zunahme der Zahl der Sklaven. Von 462 000 im Jahre 17772 erhöhte sich diese Zahl auf mehr als eine Million im Jahre 1810 und auf etwa vier Millionen im Jahre 1860.15 Mit der erheblichen Ausweitung der Sklaverei verstärkten die Sklavenhalter aber auch ihre ökonomische Macht. Vor Ausbruch des Bürgerkrieges gab es etwa 400 000 Sklavenhalter. Davon besaß jedoch nur eine kleine Schicht von 1 500 bis 2 000 und mehr Sklaven. Diese Sklavenhalteraristokratie konzentrierte in ihren Händen Reichtum und Macht im Süden. Sie herrschte nicht nur über das Heer der Sklaven, sondern auch über Millionen „armer Weißer“, die, ruiniert und deklassiert, von Gelegenheitsarbeit und Raubzügen lebten und, wie Marx feststellte, mit den Plebejern der verfallenden römischen Sklavenhaltergesellschaft vergleichbar waren.

15 Zahlenangaben nach: W. Z. Foster, a. a. O., S. 410 f.

Diese Sklavenhalteraristokratie des Südens führte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen außerordentlich scharfen politischen Kampf nicht nur, um die Sklaverei zu verteidigen, sondern auch, um sie auf die neuen Staaten des Westens der USA auszudehnen. Die starken Positionen, die sie in den wichtigsten zentralen staatlichen Institutionen besaß, begünstigten diese Offensive. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass in dem Zeitraum zwischen dem Unabhängigkeitskrieg und dem Bürgerkrieg über insgesamt fünf Jahrzehnte der Süden den Präsidenten der USA stellte oder, anders gesagt, dass elf Präsidenten Vertreter des Südens waren (die politische Hegemonie des Südens erreichte unter der Präsidentschaft von James C. Buchanan in den Jahren 1856 bis 1860 ihren Höhepunkt). Die Mehrzahl der Beamten des Apparates der Bundesregierung bestand aus Vertretern des Südens. Die Sklavenhalterstaaten besaßen die Überzahl im Senat im Washington und verfügten über die Mehrheit der Stimmen im Obersten Gericht der USA. Es erübrigt sich, besonders darauf hinzuweisen, dass sie die Regierungstätigkeit, die Führung der Geschäfte im Senat und die Rechtsprechung durch das Oberste Gericht selbstverständlich als Handhaben ansahen, um ihre eng begrenzten Klasseninteressen durchzusetzen. Das verdeutlichte besonders ihre Haltung zu den neuen Territorien, auf die sich das Staatsgebiet der USA zu Beginn des 19. Jahrhunderts auszudehnen begann.

Es ist kein Zufall, dass es zu den ersten heftigen Zusammenstößen zwischen dem verfallenden Sklavenhaltersystem und dem sich stürmisch entwickelnden kapitalistischen System der freien Lohnarbeit vor allem hinsichtlich des gesellschaftlichen und politisch-staatlichen Status der neuen Territorien kam. Bei der Inbesitznahme der neuen Territorien bedienten sich die USA aller jener Mittel des Landerwerbs, die die Geschichte der Ausbeutergesellschaften je hervorgebracht hat: vom Kauf „mit vorgehaltener Pistole“, einer Methode, die, wie Foster bemerkt, „sowohl gegenüber rivalisierenden Kolonialmächten wie gegenüber den Indianern“ 16 angewandt wurde, bis zum „gewaltigen Diebstahl“ fremden Landes durch kriegerische Eroberungszüge17. Es kann hier nur erwähnt werden, dass die Inbesitznahme neuer Territorien besonders im Westen des Landes mit systematischen und blutigen Ausrottungsfeldzügen gegen die Indianer einherging.18 Zu letzterem weiß das renommierte bürgerliche „Staatslexikon“ der BRD lediglich lakonisch festzustellen: „Zur Zeit der Entdeckung Amerikas gab es ca. 1 Mill. Indianer, 1870 rd. 26 000.“19

16 W.Z. Foster, a. a. O., S. 313. Durch eine solche Art von „Kauf“ gelangten die USA beispielsweise im Jahre 1803 in den Besitz des Gebietes von Louisiana, das mit einer Fläche von 2,6 Millionen Quadratkilometern nahezu ein Drittel des heutigen Gebietes der USA umfasst.

17 Mit dieser Methode beraubten die USA im Jahre 1946 Mexiko der Hälfte seines Gebietes, ein Vorgang, den Foster zutreffend als einen der „schandbarsten Vorfälle in der Geschichte der Vereinigten Staaten“ bezeichnet (a. a. O., S. 314).

18 Ausführlich dazu: H. Aptheker, „Zum Klassencharakter der amerikanischen Revolution“, Probleme des Friedens und des Sozialismus, 1975/7.

19 Staatslexikon, hrsg. Von der Görres-Gesellschaft, 6. Aufl., Bd. 8, Freiburg 1963, S. 47.

Vor allem auf Grund des riesigen Landerwerbs und des wachsenden Stroms von Einwanderern vorrangig aus Europa wie auch durch die Einfuhr von Sklaven afrikanischen Ursprungs, die zwar seit 1808 durch ein Bundesgesetz verboten war, aber mit Duldung der Regierung ständig zunahm (15 000 Sklaven wurden allein 1859 eingeführt), erhöhte sich die Bevölkerungszahl der USA in diesen Jahrzehnten sprunghaft: von 3,9 Millionen im Jahre 1790 auf 7,2 im Jahre 1810, auf 12,9 im Jahre 1830 und 23,2 Millionen im Jahre 1850.

Hauptsächlich für die Sklavenhalter des Südens gab es elementare ökonomische und entsprechende politische Gründe, weshalb sie daran interessiert waren, dass das Territorium ständig ausgedehnt wurde. Karl Marx deckte in seiner prinzipiellen Analyse des Konflikts, der im nordamerikanischen Bürgerkrieg schließlich offen ausbrach, vor allem „das ökonomische Gesetz das die beständige Erweiterung des Territoriums der Sklaverei gebietet“20 auf. Er stellte dazu fest: „Die durch Sklaven betriebene Kultur der südlichen Ausfuhrartikel, Baumwolle, Tabak, Zucker usw. ist nur ergiebig, solange sie mit großen Gängen von Sklaven, auf massenhafter Stufenleiter und auf weiten Flächen eines natürlich fruchtbaren Bodens, der nur einfache Arbeit erheischt, ausgeführt wird. Intensive Kultur, die weniger von der Fruchtbarkeit des Bodens als von Kapitalanlagen, Intelligenz und Energie der Arbeit abhängt, widerspricht dem Wesen der Sklaverei.“ 21 Die Erschöpfung des Bodens, hervorgerufen durch den Raubbau, so bemerkte Karl Marx, veranlasste bereits nicht wenige Sklavenhalterstaaten des äußersten Südens und Südwestens zu exportieren. So wurde „der Erwerb neuer Territorien nötig, damit ein Teil der Sklavenhalter mit den Sklaven neue fruchtbare Ländereien besetze, und damit dem zurückgebliebenen Teil ein neuer Markt für die Sklavenzucht, also den Verkauf von Sklaven, geschaffen werde“22. Das bedeutet: Die „fortwährende Ausdehnung des Territoriums und fortwährende Verbreitung der Sklaverei über ihre alten Grenzen hinaus ist ein Lebensgesetz für die Sklavenhalterstaaten der Union“.23

20 K. Marx/F. Engels, Werke, Bd. 15, a. al. O., S.336.

21 a. a. O., S.335 f.

22 a. a. O., S. 336

23 a. a. O., S. 335

Zu dieser ökonomischen Triebkraft, ständig das Territorium zu erweitern und immer neue Sklavenhalterstaaten zu schaffen, kommt ein für die Herrschaft der Sklavenhalteraristokratie ebenso wichtiger politischer Faktor hinzu. Die Sklavenhalter mussten – um ihre materiellen Existenzbedingungen aufrechterhalten zu können – ihr Übergewicht in den zentralen staatlichen Organen zu erhalten und zu erweitern suchen. Die Vertretung der Einzelstaaten im Repräsentantenhaus war von der Bevölkerungszahl der jeweiligen Staaten abhängig. Aber die Bevölkerung der Staaten, in denen keine Sklaverei herrschte, wuchs wesentlich schneller als in den Sklavenhalterstaaten. Die Zahl der Mitglieder des Repräsentantenhauses, die die Nordstaaten vertraten, würde bald die der Südstaaten übertreffen. Anders dagegen im Senat, in dem jeder Einzelstaat die gleiche Zahl von Vertretern besaß. Mit noch mehr Sklavenhalterstaaten gegenüber den „freien“ Staaten konnte der Süden also über die Mehrheit der Stimmen im Senat verfügen. Das war angesichts der verfassungsrechtlichen Stellung des Senats eine Schlüsselfrage der Einflussnahme auf die Regierungspolitik. Dazu bemerkte Karl Marx in seiner Analyse der Ursachen des Bürgerkrieges: „Um seinen Einfluss im Senat und durch den Senat seine Hegemonie über die Vereinigten Staaten zu behaupten, bedurfte der Süden also einer fortwährenden Bildung neuer Sklavenhalterstaaten. Diese war aber nur möglich durch die Eroberung von fremden Ländern, wie im Falle von Texas, oder durch die Verwandlung der Vereinigten Staaten angehörigen Territorien erst in Sklaventerritorien, später in Sklavenstaaten, wie im Falle von Missouri, Arkansas usw.“ 24

24 a. a. O., S. 336 f.

Die Sklaverei auf die ursprünglichen Sklavenhalterstaaten zu begrenzen, musste folglich nach dem genannten ökonomischen Gesetz zu deren allmählichem wirtschaftlichem Erliegen führen und politisch das Übergewicht der Sklavenhalterstaaten im Senat und in anderen zentralen Organen des Bundes beseitigen.

Auf der anderen Seite konnte die Großbourgeoisie des Nordens, wenn man von einigen ihrer mit den Sklavenhaltern des Südens wirtschaftlich verflochtenen Vertreter absieht, weder ökonomisch noch politisch daran interessiert sein, die neu erworbenen Territorien der Sklaverei und den Sklavenhaltern zu überlassen. Ihr ging es darum, in diesen Territorien und Staaten einen Markt für Industrieerzeugnisse zu schaffen (und dort bot sich ein sehr aufnahmebereiter Markt an), die industrielle Produktion dort selbst zu entwickeln (und dazu wurden freie Lohnarbewiter und keine Sklaven gebraucht) und aus diesen und anderen Gründen selbstverständlich diese Gebiete auch unter ihre politische Kontrolle zu bringen.

Der Konflikt musste sich unausweichlich daran entzünden, ob die neu entstehenden Staaten Sklavenhalterstaaten oder „freie“ kapitalistische Staaten werden sollten. Und dieser Streit ließ nicht lange auf sich warten.

Die Befürworter und Gegner der Sklaverei setzten sich erbittert sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Kongress darüber auseinander, welchen Status die neuen Staaten Missouri (1821) und Maine (1820) haben sollten. Nach einem im Jahre 1820 abgeschlossenen Abkommen – dem sogenannten Missourikompromiss – wurden Missouri als Sklavenhalterstaat und Maine als „freier Staat“ in die Union aufgenommen. Nördlich der Linie 36o 30‘ nördlicher Breite und westlich vom Missouri war die Sklaverei untersagt. Dieser Kompromiss, der Anhänger und Gegner der Sklaverei vorübergehend versöhnte, konnte den Widerspruch jedoch nicht lösen. Das Gebiet, in dem die Sklaverei zugelassen war, erweiterte sich sogar um mehrere geographische Längengrade. Der vier Jahre später zum Präsidenten der USA gewählte John Quincy Adams schreib dazu am 3. März 1820 in sein Tagebuch: „Ich habe dieses Missourikompromiss befürwortet in der Überzeugung, dass unter der gegenwärtigen Verfassung nicht mehr erreicht werden kann, und ich war ganz und gar nicht gesonnen, die Union aufs Spiel zu setzten. Aber vielleicht wäre es klüger und kühner gewesen, wenn man das Sklavenverbot für Missouri so weit getrieben hätte, bis ein Staatenkonvent zur Revision und Verbesserung der Verfassung dabei herausgekommen wäre..Sollte die Union sich einmal auflösen, so wird es gerade die Sklavenfrage sein, an der sie unfehlbar zerbrechen muss. Einstweilen ist der Streit immerhin eingeschläfert.“ 25

25 Zitiert nach: A. B. Hart, Source Book of American History, New York 1925, S. 235.

Es war jedoch nicht der letzte Kompromiss, den der Süden dem Norden aufzwingen konnte. Einen Höhepunkt erreichte die politische Offensive des Südens mit der von beiden Häusern des Kongresses im Jahre 1854 verabschiedeten sogenannte Kansas-Nebraska-Bill. Dieses Gesetz annullierte faktisch das Missouriabkommen, in es, unabhängig von einer gegraphischen Begrenzung der Entscheidung der Ansiedler überlassen blieb, ob in einem Territorium die Sklaverei eingeführt wurde oder nicht. Damit war, wie Karl Marx bemerkte erstmals in der Geschichte der USA jede geographische und juristische Schranke für die Ausbreitung der Sklaverei in den Territorien beseitigt.26

26 Vgl. K. Marx/F. Engels, Werke Bd. 15, a. a. O., S. 332, 307.

Das oberste Gericht der USA, in dem der Süden mit fünf von insgesamt neun Richtern die Majorität besaß, entschied im Jahre 1857 in dem berüchtigten Fall Dredd-Scott, dass ein Sklave, der seinem Herrn in einen „freien“ Staat folgt, sich damit nicht aus der Sklaverei befreit. Begründet wurde das damit, dass die Verfassung den Sklaven als Eigentum anerkenne und die Behörden verpflichtet seien, das Eigentum zu schützen. Mit diesem Urteil setzte sich das Oberste Gericht der USA noch über die in der Kansas-Nebraska-Bill gezogene Schranke hinweg, die immerhin noch vom Willen der Mehrheit der Einwohner abhängig machte, ob die Sklaverei eingeführt wird oder nicht. Auch wurde das aus dem Jahre 1850 stammende Gesetz über flüchtige Sklaven (Fugitive Slawe Law) verschärft angewandt. Das Gesetz legte eine Belohnung für das Einfangen geflohener Sklaven fest und sah vor, in allen Staaten Bevollmächtigte einzusetzen, die geflohene Sklaven einzufangen hatten. Mit der politischen Offensive der Sklavenhalteraristokratie ging deren ideologische Offensive einher, um sowohl die Existenz der Sklaverei als auch die Gründung neuer Sklavenhalterstaaten zu rechtfertigen. Einer der führenden Vertreter der Politik und Ideologie der Sklavenhalteraristokratie des Südens, von bürgerlichen Historikern auch als der unbestrittene geistige Führer des Südens bezeichnet, war John C. Calhoun, von 1825 bis 1832 Vizepräsident der USA. Seine staatstheoretischen Auffassungen, die vor allem in seinen beiden Abhandlungen „Disquisition on Government“ (1848) und „Discours of the Constitution and Government of the United States“ (1849) niedergelegt sind, entwickelten sich zu einer beachtlichen ideologischen Waffe des reaktionären Südens. Er bezeichnete die Sklaverei offen als „die sicherste und beständigste Grundlage, die es auf der Welt für eine freie Regierung gibt“27.

27 Zitiert nach: B.F. Wright, Source Book of American political Theory, New York 1929, S. 466.

Mit seiner „Nullfikationstheorie“, die das Recht jedes Einzelstaates begründen sollte, Maßnahmen der Bundesregierung als verfassungswidrig und ungültig zu erklären, trug er dazu bei, den bis zur Sezession reichenden Widerstand der Südstaaten ideologisch zu motivieren. 28 Calhoun bekämpfte vor allem die „große Gefährlichkeit“ der Naturrechtslehre und wandte sich gegen die Ideen der Unabhängigkeitserklärung, als er in seiner Schrift „Disquisition on Government“ feststellte: „Diese großen und gefährlichen Irrtümer haben ihre Wurzel in der vorherrschenden Meinung, dass alle Menschen frei und gleich geboren sind.“29 Er sah daher auch ganz folgerichtig in der Demokratie der griechischen Sklavenhalter das Ideal der Demokratie: „Der Gedanke, dass alle Menschen frei und gleich geschaffen seinen, widerspricht allen biologischen und gesellschaftlichen Tatsachen. Demokratie ist nur möglich in einer Gesellschaft, die die Ungleichheit als ein Naturgesetz anerkennt, aber in der die Tüchtigen und Fähigen in einer freiwilligen Partnerschaft für das gemeinsame Gute eintreten. Dies war das griechische Ideal und dies Ideal hat die griechische Zivilisation geschaffen.“30 Wie andere Sklavenhalterideologen führte auch Calhoun die elende soziale Lage der Arbeiter und freien Afroamerikaner des Nordens als Argument für die Beibehaltung der Sklaverei im Süden, wo der Herr auf patriarchalische Weise für den Sklaven als sein Eigentum sorge, ins Feld. Mit ausgesprochen reaktionärer Genugtuung brachte er in der Senatsdebatte am 10. Januar 1838 die geistige Grundhaltung der Aristokratie des Südens gegenüber den Kapitalisten des Nordens zum Ausdruck, als er angesichts der Streikbewegung in den nördlichen Bundesstaaten den Vertretern der Bourgeoisie zurief: „Bei uns kann der Kampf zwischen Arbeit und Kapital gar nicht Statthaben.“31 

28 South Carolina gab 1832 mit seinem Nullifikationsbeschluss gegen die Kapitalisten des Nordens begünstigenden Schutzzölle und der Drohung, aus der Union auszutreten, bereits ein erstes Signal für die spätere Sezession.

29 Zitiert nach: B.F. Wright, a. a. O., S. 513.

30 Zitiert nach: F. Glum, a. a. O., S. 120

31 Zitiert nach: B. F. Wright, a. a. O., S. 466.

Als ein weiteres Beispiel der zutiefst reaktionären Ideologie der Sklavenhalter sei schließlich noch die Auffassung eines anderen Offiziellen des Südens, des Gouverneurs von South Carolina, Mc Duffie, angeführt. In einer Adresse an das Parlament dieses Staates erklärte er im Jahre 1835 unter anderem: „Keine menschliche Einrichtung entspricht nach meiner Meinung deutlicher dem Willen Gottes als häusliche Sklaverei, und keine seiner Verordnungen ist mit lesbareren Zeichen geschrieben als diejenige, die die afrikanische Rasse zu dieser Stellung bestimmt… Dass der afrikanische Neger von der Vorsehung dazu bestimmt ist, die Stellung dienstbarer Abhängigkeit einzunehmen, ist nicht weniger offensichtlich. Es steht auf seinem Gesicht geschrieben, auf seiner Haut gestempelt und geht deutlich aus der geistigen Unterlegenheit und natürlichen Sorglosigkeit dieser Rasse hervor…Häusliche Sklaverei ist daher keineswegs ein politisches Übel, sondern der Eckstein unseres republikanischen Gebäudes.“32 Es kennzeichnete das Kräfteverhältnis innerhalb der herrschenden Klassen, dass die Sklavenhalter, die sich politisch in der Offensive befanden, zugleich alles unternahmen, um die Existenz und Aufrechterhaltung des Sklavenhalterstaates auch theoretisch-ideologisch zu rechtfertigen. Demgegenüber vermochten die Kräfte der Bourgeoisie in dieser Phase nicht, nennenswert zur bürgerlichen Staatstheorie beizutragen.

32 Zitiert nach: A. B. Hart, a. a. O., S. 244 ff.

Andererseits erhielt jedoch die politische Bewegung gegen die Sklaverei zunehmenden Auftrieb. Es kam zu Verschwörungen und Aufständen unter den Sklaven selbst, und es entstanden bürgerliche Bewegungen, die sich zum Ziel setzten, die Sklaverei abzuschaffen. 1833 wurde die „Amerikanische Antisklaverei-Gesellschaft“ gegründet. Sie berief sich in ihrer Proklamation vom 4. Dezember des gleichen Jahres ausdrücklich auf die in Unabhängigkeitserklärung verkündeten unveräußerlichen natürlichen Rechte jedes Menschen und erklärte die Sklaverei als mit den „Grundsätzen der natürlichen Gerechtigkeit, des Christentums und unserer republikanischen Regierungsform“33 unvereinbar. Mit Hilfe dieser Organisation von Abolitionsisten34 (Gegner der Sklaverei) erlangten Zehntausende von Slaven afrikanischen Ursprungs die Freiheit. 1848 entstand die Partei der Free Soilers (free soil= freier Boden), eine bürgerlich-demokratische Partei. Sie stellte die Forderung, in den neuen Territorien die Sklaverei zu verbieten und das Land unentgeltlich an die Siedler aufzuteilen. 1854 wurde die Republikanische Partei gegründet. Sie vertrat vor allem die Interessen der Industriebourgeoisie des Nordens und betrachtete es als ihre Aufgabe, die Sklavenhalter von der politischen Macht zu verdrängen sowie die Sklaverei zu beschränken und allmählich abzubauen. Sie setzte sich auch für die unentgeltliche Abgabe von Land im Westen an die Siedler ein. Unterstützung erhielt die Republikanische Partei durch Arbeiter und andere Schichten der werktätigen Bevölkerung. Im Jahre 1860 wurde der Kandidat dieser Partei, Abraham Lincoln, zum Präsidenten der USA gewählt.

33 Zitiert nach: W. Macdonald, Documentary Source Book of American History 1606-1913, New York 1923, S. 353.

34 Eine marxistische Einschätzung der Abolitionisten gibt H. Ihde, Von der Plantage zum schwarzen Ghetto, Geschichte und Kultur der Afroamerikaner in den USA, Leipzig/Jena/Berlin 1975, S. 63 ff.

Den Sieg der Republikanischen Partei bei den Präsidentschaftswahlen von 1860 nahmen die Sklavenhalter des Südens zum Anlass der Sezession, des Austritts aus der Union. Als erster Sklavenhalterstaat erklärte der Konvent von South Carolina am 20. Dezember 1860, „der bisher unter dem Namen ‚Vereinigte Staaten von Amerika‘ bestehende Bund zwischen South Carolina und anderen Staaten wird hiermit aufgelöst“35. Diesem Schritt schlossen sich zunächst Alabama, Florida, Georgia, Louisiana und Mississippi36 an, die am 4. Februar 1861 auf dem Kongress in Montgomery die „Konföderierten Staaten von Amerika“ proklamierten und eine provisorische Verfassung annahmen. Diese Verfassung verkündete getreu der politischen und ideologischen Einstellung der Sklavenhalteraristokratie die Sklaverei zur „Grundlage der Zivilisation“. Mit der Proklamation dieser Konföderation, der Wahl Jefferson Davis‘ zu ihrem Präsidenten sowie der Annahme einer Verfassung, die nach den Worten des Vizepräsidenten der Konföderation, Alexander Stephens, erstmals die Sklaverei in ein sich selbst gutes Institut und als das Fundament des gesamten Staatsgebäudes anerkannt habe, kam der nunmehr offen aufgebrochene gesellschaftliche und politische Konflikt zwischen dem System der Sklaverei im Süden und dem kapitalistischen System der freien Lohnarbeit im Norden auch staats- und verfassungsrechtlich zum Ausdruck.

35 Zitiert nach: W. Macdonald, Select Documents illustrative of the history of the USA 1776-1861, New York 1898, S. 441.

36 Wenig später folgten Texas sowie Arkansas, North Carolina, Tennessee und Virginia (mit Ausnahme des westlichen Teils).

Die Aristokratie des Südens benutzte die Sezession jedoch nicht allein dazu die Sklaven verschärft zu unterdrücken, sondern auch „zur Umwälzung der inneren Verfassung der Sklavenstaaten, zur völligen Unterwerfung des Teils der weißen Bevölkerung, der unter dem Schutz und der demokratischen Verfassung der Union noch einige Selbstständigkeit behauptet hatte“37. 

37 K. Marx/ F. Engels, Werke, Bd. 15, a. a. O., S. 334.

Sie folgte damit dem ökonomischen Lebensgesetz der Sklaverei und sah in der Konföderation die politische und staatlich-rechtliche Ausgangsposition für die von ihr angestrebten Reorganisation der USA auf Grundlage der Sklaverei und der politischen Herrschaft der Sklavenhalter. Der von ihnen ausgelöste Bürgerkrieg38 war daher seitens des Südens, wie Karl Marx feststellte, ‚im eigentlichen Sinne des Wortes ein Eroberungskrieg zur Ausbreitung und Verewigung der Sklaverei“39. Das Wesen dieses Bürgerkrieges charakterisierte Marx mit den Worten: „Der gegenwärtige Kampf zwischen Süd und Nord ist nichts als ein Kampf zweier sozialer Systeme, des Systems der Sklaverei und des Systems der freien Arbeit. Weil beide Systeme nicht länger friedlich auf dem nordamerikanischen Kontinent nebeneinander hausen können, ist der Kampf ausgebrochen. Er kann nur beendet werden durch den Sieg des einen oder anderen Systems.“ 40 Der Bürgerkrieg von 1861 bis 1865, dessen Verlauf hier nicht nachgezeichnet werden kann41, endete mit dem vollen Sieg der kapitalistischen Produktionsverhältnisse verkörpert gegenüber den auf der Sklaverei beruhenden Verhältnissen, auch wenn diese als Elemente einer kapitalistischen Basie bestehen, die historische wesentlich höhere Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung.

38 Der Bürgerkrieg begann am 12. April 1861 mit einem Angriff von Streitkräften der Konföderation auf das von Truppen der Bundesregierung besetzte Fort Sumter in South Carolina.

39 K. Marx/F. Engels, Werke, Bd. 15, a. a. O., S. 344 f.

40 a. a. O., S. 346

41 Vgl. dazu vor allem: H. Aptheker, The American Civil War, New York 1961.

Von Bedeutung ist, dass sich als wesentliches Ergebnis des Bürgerkrieges die Klassenherrschaft der Bourgeoisie und die bürgerliche Demokratie als Form dieser Klassenherrschaft entscheidend festigten.

Das ergab sich vor allem aus dem Wesen des Bürgerkrieges als einer bürgerlichen Revolution. Im Ergebnis dieser siegreich verlaufenden Revolution in der Geschichte der USA-, deren große weltgeschichtliche, fortschrittliche Bedeutung W. I. Lenin in seinem „Brief an die amerikanischen Arbeiter“ würdigte42, überwand die Industriebourgeoisie des Nordens die dominierende politische Macht der Sklavenhalteraristokratie des Südens und ergriff selbst uneingeschränkt die politische Macht. Die Entfernung der Sklavenhalter und ihrer Vertreter aus den entscheidenden zentralen staatlichen Organen reinigte gewissermaßen die bereits im Ergebnis des Unabhängigkeitskrieges von 1775 bis 1783 geschaffene bürgerliche Demokratie vom politischen Element der sklavenhaltenden Ausbeuterklasse und brachte die Industriebourgeoisie des Nordens die Herrschaft.

42 Vgl. W. I. Lenin Werke, Bd. 28, Berlin 1959, S. 56.

Damit war die wesentlichste politische Bedingung für die rasche und ungehemmte kapitalistische Entwicklung der USA geschaffen. Die bürgerlich-demokratischen Züger dieser Revolution zeigten sich vor allem darin, dass ihr Hauptstoß darauf gerichtet war, die Sklaverei abzuschaffen. Diese demokratischen Züge der bürgerlichen Revolution prägten sich besonders durch die Rolle der Volksmassen aus: der Sklaven, der kleinen Farmer, der Arbeiter und Handwerker. Denn sie hatten am siegreichen Verlauf des Bürgerkrieges und der Abschaffung der Sklaverei43 den entscheidenden Anteil. Noch in der ersten Etappe des Krieges wandten sich die Kapitalisten des Nordens lediglich gegen die weitere Ausbreitung der Sklaverei, nicht aber gegen deren Abschaffung überhaupt. Sie hegten noch immer die Hoffnung, sich mit den sklavenhaltenden Plantagenbesitzern des Südens aussöhnen zu können, und meinten, die Union zu erhalten sei wichtiger als die Frage der Sklaverei zu lösen. In diesem Sinne schrieb Lincoln noch am 22. August 1862 in einem Brief an den Herausgeber der „New York Tribune“: „Mein höchstes Ziel in diesem Kampf ist die Rettung der Union, nicht der Schutz oder die Vernichtung der Sklaverei. Wenn ich die Union erretten könnte, ohne einen einzigen Sklaven zu befreien, würde ich es tun; und wenn ich sie retten könnte durch die Befreiung aller Sklaven, würde ich es tun; und wenn ich sie retten könnte, indem ich die einen befreite und die anderen nicht, so würde ich dies tun.“44

43 Im XIII. Amendment (Zusatzartikel) zur Verfassung wurde 1865 das Verbot der Sklaverei für das gesamte Territorium der USA verfassungsrechtlich ausgesprochen.

44 Zitiert nach: N. M. Butler, Der Aufbau des amerikanischen Staates, . O. 1926, S. 215.

War die Bourgeoisie der Hegemon der Revolution, so waren die Farmer, Arbeiter und die um ihre Befreiung ringenden Sklaven die treibende, vorwärtsdrängende Kraft. Von je 1 000 Soldaten in den Streitkräften des Nordens waren durchschnittliche 420 Arbeiter und 490 Farmer. In ihren Reihen kämpften aber auch revolutionäre Emigranten aus Europa, so die deutschen Revolutionäre Joseph Weydemeyer als Oberst und August Willich als Brigadegeneral, beide Schüler von Karl Marx und Friedrich Engels. Vor allem in England, aber auch in anderen kapitalistischen Staaten kam es zu demonstrativen Aktionen der Arbeiterklasse, um die gerechte Sache des Nordens zu unterstützen. In den USA selbst leisteten die Sklaven den Streitkräften der Unionsregierung vielfache Unterstützung.

Erst die nachhaltigen Forderungen der Volksmassen, nicht zuletzt aber auch militärische Erwägungen veranlassten die Regierung Lincoln, am 22. September 1862 jene Emanzipations-Proklamation zu erlassen, die allen Sklaven, die sich im Eigentum der Sezessionisten befanden, ab 1. Januar 1863 die Freiheit gewährte. Diese Proklamation erkannte den etwa 3,5 Millionen Sklaven des Südens die allgemeinen Bürgerrechte zu. Am 20. Mai 1862 war die „Homestead Bill“ (Heimstättengesetz) erlassen worden. Danach erhielt jeder Bürger der USA oder jeder Einwanderer gegen die geringe Gebühr von 10 Dollar unentgeltlich 65 Hektar Land aus dem Staatsfonds zugewiesen. Diese bürgerlich-demokratische Maßnahme entsprach einer jahrzehntealten Forderung der Farmer und Arbeiter. Auf der Grundlage dieses Gesetzes erhielten die Siedler bis zum Jahre 1900 etwas mehr als 80 Millionen Hektar Land. Einen beträchtlichen Teil dieses Landes raubten allerdings später kapitalistische Bodenspekulanten den verschuldeten kleinen Farmern erneut.

Die Emanzipations-Proklamation und die „Homestead Bill“ leiteten eine neue revolutionäre Etappe des Bürgerkrieges ein und trugen schließlich entscheidend zum Sieg des Nordens bei. Am 9. April 1865 kapitulierter der Befehlshaber der Südstaaten, General Lee, bei Appomattox in Virginia. Fünf Tage danach am 14. April, wurde Abraham Lincoln, der 1864 erneut Präsident der USA geworden war, von einem fanatischen Anhänger des Südens ermordet. Aber damit konnte die Niederlage der Sklavenhalter nicht mehr rückgängig gemacht werden. Die historische Bedeutung Abraham Lincolns, von Karl Marx namens der Internationalen Arbeiter-Assoziation in zwei Adressen gewürdigt45, besteht darin, dass er sich mit den bürgerlich-demokratischen Maßnahmen seiner Regierung an die Spitze des historisch gebotenen gesellschaftlichen Fortschritts stellte. Treffend charakterisiert Kuczynski die geschichtliche Bedeutung Lincolns mit den Worten, „zu kapitalistisch, um die Revolution auch nur einen Schritt über das Ziel der Abschaffung der Sklaverei hinausführen zu wollen, zu demokratisch, um die Rolle der Werktätigen in diesem Kampf zu verkennen, wurde er zu einem großen, dem historischen Moment voll entsprechenden Führer seines Volkes“46.

45 Vgl. K. Marx/F. Engels, Werke, Bd. 16, Berlin 1962, S. 18 ff., 98 f.

46 J. Kuczynski, a. a. O., S. 82.

Als Hegemon der bürgerlichen Revolution spielte die Bourgeoisie im Bürgerkrieg noch eine historisch progressive Rolle. Ihre bedeutsamen demokratischen Züge erhielt diese bürgerliche Revolution durch die aktive Mitwirkung der kleinen Farmer und Arbeiter, die von der Bourgeoisie wichtige soziale und politische Zugeständnisse abringen konnten. Die Hauptergebnisse dieser Revolution bestanden darin, dass die sklavenhaltenden Plantagenbesitzer von der Kontrolle über die gesetzgebenden und ausübenden Staatsorgane entfernt wurden, dass die ökonomische und politische Herrschaft der Industriebourgeoisie im ganzen Lande endgültig gesichert werden konnte und eine Millionenarmee neuer Lohnarbeiter entstand, indem die Sklaverei abgeschafft sowie die Bodenfrage auf der Basis des Heimstätten-Gesetzes bürgerlich-demokratisch gelöst wurde. Sie festigten die sozialökonomischen und politischen Grundlagen der bürgerlichen Demokratie in den USA. Wie sich diese bürgerliche Revolution auf das politische Gefüge und die staats- und verfassungsrechtlichen Verhältnisse der USA ausgewirkt hat, kann jedoch nur dann richtig eingeschätzt werden, wenn die Ergebnisse der dem Bürgerkrieg folgenden Periode der Rekonstruktion des Südens mit in die Betrachtung einbezogen werden.

Es erwies sich sehr schnell, dass es in der Bourgeoisie des Nordens unterschiedliche Auffassungen dazu gab, wie mit den zwar militärisch und politisch geschlagenen, ökonomisch aber keineswegs entmachteten Sklavenhaltern zu verfahren sei. Die bürgerliche Revolution konsequent zu vollenden hätte erfordert, die Plantagenbesitzer ökonomisch zu entmachten. Das Mittel dazu war, die Plantagen zu enteignen und sie an die ehemaligen Sklaven afrikanischer Herkunft und die armen Weißen des Südens aufzuteilen. Dem trug weitgehend ein bürgerlich-radikaler Flügel in der Republikanischen Partei Rechnung der, geführt von Thaddeus Stevens und unterstützt von dem Führer der Afroamerikaner Frederick Douglass, forderte, die Plantagenbesitzer ökonomisch zu entmachten und die bürgerlichen Rechte für die ehemaligen Sklaven durchzusetzen. Gegen diese Forderungen wandte sich entschieden der Flügel der Republikanischen Partei, der die Interessen der Großbourgeoisie vertrat, und aus leicht zu durchschauenden Gründen auch die mit der Aristokratie des Südens ökonomisch eng verflochtenen Kapitalisten des Nordens. Hinzu kam, dass nachdem Lincoln am 14. April 1865 ermordet worden war, dessen Vizepräsident Andrew Johnson, ein Mitglied der Demokratischen Partei, die Präsidentschaft ausübte. Johnson konnte bis zur nächsten Wahl im Jahre 1868 eine Politik weitgehender Zugeständnisse an die Plantagenbesitzer des Südens verfolgen.

Die revolutionäre bürgerlich-demokratische Forderung, die Plantagenbesitzer zu enteignen, blieb unerfüllt, so dass die Plantagenbesitzer ökonomisch mächtig blieben. Sie konnten daher in der Folgezeit die ehemaligen Sklaven sowie die armen Weißen als Pächter parzellierten Bodens sogar wieder in ihre ökonomische Abhängigkeit bringen. Damit bestand die ökonomische Grundlage fort, um die Afroamerikaner im Süden weiterhin zu unterdrücken und auszubeuten – nunmehr in Gestalt des Pachtsystems, das die kleinen Pächter in die Verschuldung gegenüber den Großgrundbesitzern trieb.

Aber auch im politischen Gefüge der Staaten der ehemaligen Konföderation veränderte sich zunächst im Wesentlichen nichts. Einige Verfügungen Präsident Johnsons begünstigten sogar die politischen Interessen der Plantagenbesitzer des Südens. Bereits kurze Zeit nach der Ermordung Lincolns amnestierte Johnson den überwiegenden Teil der Konföderationsarmee.47 Eine andere Verfügung besagte, dass jene Staaten des Südens, in denen sich mindestens zehn Prozent der stimmberechtigten Bürger für die Bundesregierung in Washington aussprachen, wieder der Union beitreten und eine eigene Staatenregierung bilden durften.

47 Die Amnestie betraf nicht die hohen Offiziere und Beamte der Südstaaten sowie die Besitzer von Eigentum im Wert von mehr als 20 000 Dollar.

Auf Grund dessen waren in den meisten Südstaaten unmittelbar nach dem Bürgerkrieg wieder Regierungen gebildet worden, in denen überwiegend die Angehörigen und Vertreter der alten Sklavenhalteraristokratie erneut Geschäfte führten. Sie besaßen sogar die Frechheit, ihre Repräsentanten wieder in den Kongress nach Washington zu entsenden, so den ehemaligen Vizepräsidenten und sechs ehemalige Minister der Konföderation, vier ehemalige Generäle und fünf ehemalige Obersten der Konföderationsarmee sowie achtundfünfzig ehemalige Mitglieder des Kongresses der Konföderation!48  Ermuntert von dem Wohlverhalten, wenn nicht der direkten Unterstützung Präsident Johnsons und anderer Mitglieder der Regierung, erließen die Plantagenbesitzer noch in den Jahren 1865 bis 1866 in nahezu allen ehemaligen Konföderationsstaaten sogenannte Schwarze Gesetze. Nach diesen Gesetzen konnten unter dem Vorwand, die Landstreicherei zu unterbinden, Afroamerikaner zur Zwangsarbeit verpflichtet werden.

48 Angaben aus H. Ihde, a. a. O., S. 82.

Diese und andere Maßnahmen der Plantagenbesitzer waren der unverhohlene Ausdruck konterrevolutionärer Bestrebungen, zielten sich doch eindeutig darauf ab, die im Bürgerkrieg errungenen politischen Machtpositionen der Kapitalisten des Nordens zu untergraben, die bürgerlich-demokratischen Errungenschaften der Abschaffung der Sklaverei aufzuheben und die Sklavenhalterdiktatur wiederherzustellen. Besonders die provokatorischen Versuche der reaktionären Plantagenbesitzer, ihre Vertreter wieder in den Kongress nach Washington zu schicken, zeigten die drohende Gefahr, dass die alten politischen Machtverhältnisse restauriert würden.

Infolgedessen erforderten es die elementaren Interessen der Industriebourgeoisie des Nordens, die konterrevolutionären Umtriebe der reaktionären Plantagenbesitzer des Südens zu bekämpfen. Es war wiederrum der radikale Flügel der Republikanischen Partei unter Stevens, der, aktiv unterstützt von der Masse der kleinen Farmer, des städtischen Kleinbürgertums und der Arbeiter, an der Spitze dieses Kampfes stand. Stevens und seine Anhänger setzten nach heftigen Auseinandersetzungen im Kongress einen neuen Plan zur Rekonstruktion des Südens durch. Danach gliederte sich der Süden in fünf Militärdistrikte, in denen das 1867 erlassene Militärgesetz galt.

Der Süden war jetzt erobertes und besetztes Gebiet, das unter militärischer Verwaltung stand.49 Gleichzeitig wurden die Delegierten der Südstaaten wieder aus dem Kongress ausgeschlossen.

49 Im Jahre 1877 zog Präsident Hayes die letzten Besatzungstruppen aus dem Süden ab.

Nicht die konterrevolutionären Versuche einer Restauration der Sklavenhalterdiktatur, sondern die nun folgende Rekonstruktionsperiode gehört nach den Aussagen bürgerlicher Historiker, Staats- und Verfassungsrechtler „zu den unerfreulichen Kapiteln der amerikanischen Geschichte“50. Denn nach dem Wahlsieg der Republikanischen Partei im Jahre 1866, so heißt es weiter, „ergingen, gegen Johnsons Veto, die ungemein strengen Rekonstruktionsgesetze, die den nichtrekonstruierten Süden unter Militärdiktatur stellten und ihm die Unionsbedingungen zur Wiederzulassung förmlich aufzwangen“51. 

50 K. Loewenstein, a. a. O., S. 24.

51 ebenda

Wie verhielt es sich aber tatsächlich?

Die Republikanische Partei hatte nach einem erbitterten Wahlkampf bei den Kongresswahlen von 1866 einen klaren Sieg errungen. Sie erhielt 143 Sitze im Repräsentantenhaus und 11. Sitze im Senat. Eine Folge des Wahlausgangs war es, dass der Konflikt zwischen dem Präsidenten und dem Kongress offen ausbrach.  Johnson hatte unmittelbar nach den Kongresswahlen Kriegsminister Stanton, der die Politik des radikalen Flügels der Republikanischen Partei unterstützte, abgesetzt. Als Antwort verabschiedete der Kongress ein Gesetz, das es dem Präsidenten verbot, Beamte, die im Auftrage des Kongresses handelten, abzulösen. Schließlich erhoben die Republikaner gegen Präsident Johnson Staatsanklage (impeachment) mit dem Ziel, ihn schuldig zu sprechen und absetzen zu lassen. Diesem Schicksal konnte Johnson noch entgehen, weil ihn der Senatsausschuss mit einer Stimme Mehrheit freisprach.52

52 In der Verfassungsgeschichte der USA wurde bisher  zweimal Staatsanklage gegen einen Präsidenten erhoben (Stand 1976 P. R.): gegen Johnson (1868) und gegen Nixon (1973). Nach heutigem Stand noch 1998 gegen Clinton, 2021 gegen Trump, P.R. 

Was bürgerliche Juristen bei der 1867 beginnenden Rekonstruktion des Südens abwertend als „Aufzwingen der Unionsbedingungen zur Wiederzulassung“ der Südstaaten bezeichnen, war nichts anderes als die geforderte Zustimmung, die Sklaverei abzuschaffen und den Afroamerikanern bürgerliche Rechte zu gewähren. Der Rekonstruktionsplan sah vor, dass ein Staat der ehemaligen Konföderation nur dann wieder in die Union aufgenommen werden sollte, wenn er das XIII. und XIV. Admendment (Zusatzartikel) der Verfassung anerkannte und ratifizierte.

Der im Jahre 1865 in Kraft getretene XIII- Zusatzartikel der Verfassung spricht das Verbot der Sklaverei in den USA aus. Er lautet: „Abschnitt 1: Weder Sklaverei noch Zwangsdienstbarkeit darf, außer der Strafe für ein Verbrechen, dessen betreffende Person in einem ordentlichen Verfahren für schuldig befunden worden ist, in den Vereinigten Staaten oder in irgendeinem ihrer Hoheit unterworfenen Gebiet bestehen. Abschnitt 2: Der Kongress ist befugt, diesen Zusatzartikel durch entsprechende Gesetze zur Durchführung zu bringen.“ Das im Jahre 1868 in Kraft getretene XIV. Amendment erkannte allen in den USA geborenen oder eingebürgerten Personen – und damit auch den Farbigen – das Bürgerrecht zu. Weiterhin schloss er frühere Beamte der Südstaaten von der Bekleidung öffentlicher Ämter aus und lehnte ab, die Schulden der Konföderation anzuerkennen. Schließlich bestimmte das im Jahre 1870 in Kraft getretene XV. Amendment, dass einem Bürger der USA das Wahlrecht „nicht auf Grund der Rassenzugehörigkeit, Hautfarbe oder vormaliger Sklaverei vorenthalten oder eingeschränkt werden“ darf. Damit erhielten die Farbigen des Südens, das Heißt etwa 40 Prozent der Bevölkerung dieses Gebietes, erstmals in der Geschichte das Wahlrecht.

Auf der Grundlage dieser Bestimmungen wurden – aktiv unterstützt von den progressiven Kräften der Unionsarmee und der Republikanischen Partei – in den Südstaaten neue Parlamente gewählt und Regierungen gebildet. Bürgerliche Historiker und Juristen gefallen sich darin, diese Periode als „Herrschaft der N..“, als „Ära des Terrors“, des Mobs und des Chaos“ zu verunglimpfen. Auch der bereits zitierte Autor macht „die Auswüchse der neuen Regierungen, die sich aus den politisch unerfahrenen N..und aus Geldgier und Raublust eingewanderten Weißen aus dem Norden (carpet baggers) rekrutierten“, dafür verantwortlich, dass „in kurzem die Herrschaft der Weißen wiederhergestellt wurde“.53

53 K. Loewenstein, a. a. O., S. 24.

Diese Diffamierungen, die die Restauration der Herrschaft der weißen Plantagenbesitzer als Wiederherstellung von „Ruhe und Ordnung“ verherrlichten, sind eine Methode, die die Ideologen der Ausbeuterklassen bis in die Gegenwart anwenden, um die revolutionären Kräfte zu verleumden. 

Die ideologisch hochgespielten Behauptungen über eine angebliche „Herrschaft der N..“ in der Rekonstruktionsperiode von 1867 bis 1877 entbehrten auch der sachlichen Grundlage, wie auch aus den folgenden Angaben hervorgeht. Während beispielsweise die Zahl der wahlberechtigten Afroamerikaner die Zahl der weißen Wähler übertraf, stellten die Afroamerikaner ein einem dieser Staaten auch die Mehrheit der Delegierten zu den verfassungsgebenden Versammlungen der Jahre 1867 und 1868.

Delegierte zu den verfassungsgebenden Versammlungen der Südstaaten54

Staat                Farbige              Weiße        Gesamtzahl           Farbigendelegierte in   Prozent


South Carolina     76                       48                     124                            61

Louisiana             49                       49                      98                           50

Florida                 18                        27                      45                           40

Virginia                 25                       80                    105                            24

Georgia                  33                      137                   170                            19

Mississippi             17                        83                   100                            17

Alabama                18                        90                   108                            17

Arkansas                 8                        58                      66                           12

North Carolina         6                        81                      90                            10


54 Zitiert nach: H. Ihde, a. a. O., S. 83.

In den drei Südstaaten (South Carolina, Louisiana und Mississippi) übten Afroamerikaner die Funktion des Vizegouverneurs aus. In das Repräsentantenhaus und den Senat in Washington wurden 20 bzw. zwei Afroamerikaner gewählt.

Unter dem Einfluss des radikalen Flügels der Republikanischen Partei erließ der Kongress in den Jahren der Rekonstruktion mehrere Gesetze, um die Farbigen mit den anderen Bürgern juristisch gleichzustellen. So erging bereits 1866 ein Gesetz „zum Schutze der bürgerlichen Rechte aller Personen und zur Bereitstellung der Mittel, sie durchzusetzen“. Dieses Gesetz drohte Strafen für diejenigen an, die die Ausübung der Bürgerrechte behinderten. Es sah auch vor, dass seine Bestimmungen von den Bundesgerichten und von der Bundesregierung zu erzwingen sind. Der Kongress, der in der zweiten Sektion des XV. Amendments zur Verfassung ermächtigt worden war, das uneingeschränkte Wahlrecht für alle Bürger der USA durch weitere Gesetze durchzusetzen. Verabschiedete insgesamt sieben „Federal Civil Rights Acts“. Unter diesen Bürgerrechtsgesetzen befanden sich der „Enforcement Act“ von 1870, der eine Reihe bundesrechtlicher Bestimmungen über die Wahlberechtigung vorsah und darüber, wie Wahlen im Bund und in den Staaten durchzuführen sind. Es handelte sich weiter um den Act von 1871, auch „Klu-Klux-Klan-Act“ genannt, durch den alle Handlungen, die geeignet waren, Bürger ihrer verfassungsmäßigen Rechte zu berauben, unter Strafe gestellt wurden. Schließlich zählt zu diesen Gesetzen der „Civil Rights Act“ von 1875, der alle Farbigen, wenn sie öffentliche Verkehrsmittel benutzten und Gaststätten, Theater usw. besuchten, den Weißen gleichstellen sollte.

Man hätte nun annahmen müssen, dass auf der Grundlage dieser ohne Zweifel progressiven Bürgerrechtsgesetze die Verfassungsgebote über die Gleichstellung aller Bürger der USA mit Nachdruck durchgesetzt worden wären. Schätzen doch auch bürgerliche Autoren ein, dass damit „der Kongress den Bundesbehörden schneidige Waffen in die Hand (gab), um die Gleichstellungsbestimmungen des XIV. und XV. Amendments gegen südstaatliche Obstruktion durchzusetzen und die Emanzipation der Farbigen zu verwirklichen“55. 

55 K. Loewenstein, a. a. O., S. 580.

Es erwies sich jedoch, dass auch relativ progressive juristische Akte, wenn sie nur auf dem Papier stehen und nicht konsequent durchgesetzt werden, letztlich wirkungslos bleiben müssen.

Die Bourgeoisie als Klasse war nicht oder – richtiger gesagt – nicht mehr die gesellschaftliche Kraft, die diese unter bürgerliche-radikalem Einfluss entstandenen Gesetze hätte konsequent verwirklichen können. Sie war mit dem erreichten, ihre politische Herrschaft im ganzen Lande zu sichern, vollauf zufrieden und ließ zu, dass die Großgrundbesitzer des Südens die fortschrittliche Bürgerrechtsbewegung offen sabotierten und vereitelten. Diese Großgrundbesitzer, im ungeschmälerten Besitz ihrer ökonomischen Macht, verstanden es auch, ihre alten politischen Machtpositionen im Süden wiederzugewinnen. Aus dem gesamten ehemaligen konföderierten Süden entstand nach der Rekonstruktionsperiode der „Solid South“ mit der Einparteienherrschaft der Demokratischen Partei und einer besonders reaktionären politischen Tradition, deren Wirkungen bis in das politische und gesellschaftliche Leben der USA in der Gegenwart reichen. (Stand 1976 P.R.)

Wie konnte es zu dieser Entwicklung noch während und im Anschluss an die Rekonstruktionsperiode kommen?

Der konterrevolutionäre Angriff der reaktionäre Plantagenbesitzer auf die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution erfolgte im Wesentlichen auf zwei Wegen: einmal auf dem Wege der unmittelbaren terroristischen Verfolgung der ihre verfassungsmäßigen Rechte wahrnehmenden Farbigen und zum anderen durch eine zutiefst reaktionäre Rechtsprechung des Obersten Gerichts. Das Oberste Gericht erklärte in der Zeit zwischen 1873 und 1896 alle Gesetze, die die Farbigen juristisch gleichstellten, für ungültig und legalisierte erneut die Entrechtung der Farbigen.

Um ihre gefährdenden Positionen zu sichern und die freigelassenen ehemalgien Sklaven einzuschüchtern und niederzuhalten, schufen die Plantagenbesitzer des Südens mit Hilfe von Offizieren der geschlagenen Konföderationsarmee schon kurz nach dem Bürgerkrieg eine Reihe geheimer Terrororganisationen, unter denen der „Ku-Klux-Klan“ und die „Knights of the White Camelia“ sich als besonders barbarisch hervortaten. Diese Geheimgesellschaften gingen nicht nur gegen Farbige, sondern auch gegen Vertreter des radikalen Flügels der Republikanischen Partei, Angehörige der Unionsarmee, die zur Unterstützung des Rekonstruktionsprogramms in die Südstaaten kamen, sowie gegen andere progressive Kräfte vor. Sie wandten alle Mittel und Methoden des Terrors an, von der Brandstiftung über Misshandlungen, Folterungen, Hinrichtungen bis zum hinterhältigen Mord.

Über das verbrecherische Treiben dieser Geheimgesellschaften gibt es auch in bürgerlichen Quellen aufschlussreiche Angaben, wenngleich es auch nicht an Autoren fehlt, die diese weißen Terrororganisationen in die Nähe einer „Volksjustiz“ zu rücken versuchen, die sich die Aufgabe gestellt habe, „Delikte der Schwarzen schnell und nachdrücklich ahnden zu können“56.

56 So der seinerzeitige (um 1976 P.R.) Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag der BRD, K. Carstens, später Bundespräsident, in seiner Habilitationsschrift (K. Carstens, Grundgedanken der amerikanischen Verfassung und ihre Verwirklichung, Westberlin 1954, S. 200).

Nach Angaben bürgerlicher Quellen breitete sich die von den Terrororganisationen betriebene „Lynchjustiz“ nicht nur über die Staaten des Südens, sondern bis auf wenige Ausnahmen über alle Staaten der USA aus.57 

57 Vgl. K. Loewenstein, a. a. O., S. 585.

Der marxistische Amerikanist Ihde erwähnt, dass sich allein in den Jahren 1868 bis 1871 in acht Bezirken des Staates Florida 235 Lynchmorde feststellen ließen. In der Stadt Vicksburg im Staate Mississippi wurden 1874 vor den Wahlen zum Stadtparlament allein in einer Woche 200 Farbige von diesen Terrororganisationen umgebracht.58 Dabei ist noch zu bemerken, dass es der Widerstand der Vertreter der Südstaaten im Senat der USA verhinderte, die Zahl der Lynchfälle auch nur statistisch zu erfassen, geschweige denn ernsthaft Schritte einzuleiten, um diese verbrecherischen Gewalttaten zu bekämpfen.59 So wurde zwar der „Ku-Klux-Klan“ im Jahre 1871 durch ein vom Kongress verabschiedetes Gesetz verboten. Das hinderte diese Organisation aber keineswegs daran, illegal, jedoch weitgehend unbehelligt durch die Bundesbehörden, ihre terroristische Aktivität fortzusetzen und in den folgenden Jahren sogar noch wesentlich auszudehnen.

58 Vgl. H. Ihde, a. a. O., S. 84.

59 Vgl. M. R. Konvitz, The Constitution and Civil Rights, New York 1947, S. 101.

Es blieb jedoch nicht dabei, Gewaltmethoden anzuwenden, um die Farbigen und Bürgerrechtler einzuschüchtern und zu verfolgen. Gerade die USA bieten anhand der Rassenfrage ein besonders markantes Beispiel dafür, wie in einer bürgerlichen Demokratie außergerichtlicher Terror und gerichtliche Verfolgung Hand in Hand gehen, sich gegenseitig ergänzen und so ein eng miteinander verflochtenes System der Unterdrückung der Werktätigen bilden. Dieser Mechanismus von außergerichtlichem und gerichtlichem Terror, der sich herausbildete, um die freigelassenen ehemaligen Sklaven niederzuhalten, blieb in der Folgezeit keineswegs darauf beschränkt. Er wurde in der Weise ausgebaut, alle demokratischen Kräfte, vor allem die revolutionären Kräfte der Arbeiterklasse verfolgen zu können.

Es mag als Ironie erscheinen, dass gerade das höchste Gericht der USA die herausragende Rolle dabei spielte, die Afroamerikaner und Bürgerrechtler gerichtlich zu verfolgen. Das Oberste Gericht rechtfertigte nicht nur die reaktionäre Gesetzgebung der Südstaaten, die der afroamerikanischen Bevölkerung die juristische Gleichstellung verweigerte. Es erklärte auch die durch den Kongress der USA auf der Grundlage des XIII., XIV. und XV. Amendments zur Verfassung erlassenen „Federal Civil Rights Act“ für verfassungswidrig und setzte selbst die Zusatzartikel, die geltendes Verfassungsrecht sind, faktisch außer Kraft. Das Ergebnis dieses Vorgehens fasst der bürgerliche Staats- und Verfassungsrechtler Karl Loewenstein mit folgenden Worten zusammen: „Die gesamte Emanzipationsbewegung war um 1880 herum, teils durch den aktiven Widerstand der weißen Bevölkerung, teils durch die Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofes, nicht mehr das Papier wert, auf das sie mit soviel Blut geschrieben worden war.“60

60 K. Loewenstein, a. a. O., S. 25.

Die Afroamerikaner wurden vom Obersten Gericht und von der Staatengesetzgebung im Wesentlichen in drei Richtungen juristisch diskriminiert: indem die farbige Bevölkerung teilweise oder vollständig daran gehindert wurde, ihr Wahlrecht auszuüben, indem sie legalisierten, dass „Farbige und Weiße“ in öffentlichen Einrichtungen, Verkehrsmitteln usw. getrennt wurden, sowie indem die Afroamerikaner im Berufsleben juristisch diskriminiert wurden.

Im absoluten Gegensatz zum XV. Amendment zur Verfassung, nach dem niemand wegen seiner Rasse oder seines Geschlechts von einer Wahl ausgeschlossen werden darf, erließen die Parlamente der Südstaaten Gesetze und Vorschriften, die die Teilnahme der Afroamerikaner an den Wahlen stark einschränken bzw. völlig verhinderten. Besonders berüchtigt wurde die von mehreren Staaten des Südens verabschiedete „Großvaterklausel“61. Sie bestimmte, dass Personen, die nicht lesen und schreiben konnten, von der Wahl ausgeschlossen waren, mit Ausnahme jener, deren Vorfahren, also Väter oder Großväter, schon vor dem Jahre 1861 das Wahlrecht besaßen. Da zu diesem Stichjahr aber noch die Sklaverei bestand, fielen folglich alle inzwischen Freigelassenen unter diese Bestimmung. Aufgrund der diskriminierenden „Großvaterklausel“ sank allein im Staate Louisiana die Zahl der registrierten farbigen Wähler von 130 344 auf 5 320.

61 Diese Klausel wurde erst im Jahre 1915 vom Obersten Gericht mit der Begründung für ungültig erklärt, dass sie gegen die Grundrechte im XIV. und XV. Amendment verstoße.

Eine weitere Methode, die afroamerikanische Bevölkerung von den Wahlen fernzuhalten, war, eine Wahlsteuer (polltax) zu erheben. Um wählen zu können, musste die betreffende Person eine Abgabe entrichten; eine Bestimmung, die sich nicht nur gegen die afroamerikanische Bevölkerung, sondern auch gegen die arme weiße Bevölkerung richtete.62 

62 Aufschlussreich dazu wiederum K. Loewenstein: „Die Bestimmung war nicht nur gegen die N.. gerichtet, sondern auch gegen das damals von der radikalen agrarischen Reformbewegung der Populisten aufgehetzte weiße Proletariat, das die herrschenden Oberschichten von der Wahlurne ferne halten wollten.“ (K. Loewenstein, a. a. O., S. 586.)

Das Oberste Gericht der USA hat die Wahlsteuer nicht nur einmal, sondern in ständiger Rechtsprechung für zulässig und als zu den Grundrechten der Verfassung nicht in Widerspruch stehend erklärt. Die Wahlsteuer für ungültig zu erklären, lehnte es ab und begründete das damit, dass dies ein Eingriff in die Souveränität der einzelnen Staaten sei.

Einige Staaten machten die Teilnahme an Wahlen von einer „Intelligenzprüfung“ abhängig, der sich der potentielle Wähler unterziehen musste. Alabama verlangte beispielsweise, dass der Betreffende die Verfassung zu lesen und zu kommentieren in der Lage war. Da Kommissionen der Weißen dies „Intelligenzprüfung“ durchführten, ist nicht schwer zu erraten, dass die afroamerikanische Bevölkerung, insofern sie sich überhaupt dieser gezielten Diskriminierung stellte, solcherart Prüfungen nicht bestehen konnte.

Die Rassendiskriminierung prägte sich besonders aus, als die sogenannte Formel „seperate and equal“ eingeführt wurde. Diese Formel besagte, dass die Rassen alle öffentlichen Verkehrsmittel und Einrichtungen wie Schulen, Theater, Restaurants usw. gleich, aber getrennt zu benutzen haben. Diese auch als Jim-Crow-System berüchtigte Methode der Rassentrennung, die die „Schwarzen Gesetze“ aus der Zeit unmittelbar nach dem Bürgerkrieg ablöste, wurde in den folgenden Jahren ständig weiter ausgebaut. Das Oberste Gericht billigte und bekräftigte sie ausdrücklich unter anderem in dem Verfahren Louisville Railroad gegen Mississippi im Jahre 1890 und Plessy gegen Ferguson im Jahre 1896. Das höchste Gericht der USA behauptete sogar im letztgenannten Entscheid, dass die zwangsweise Trennung der Rassen die afroamerikanische Bevölkerung keineswegs diskriminiere, sondern sie mit den Weißen gleichstelle!

Schließlich wurde noch sehr lange Zeit die werktätige farbige Bevölkerung im Berufsleben erheblich diskriminiert. Ihr wird, wenn schon nicht formell, so doch faktisch erschwert bzw. unmöglich gemacht, bestimmte Berufe zu ergreifen und öffentliche Ämter zu bekleiden. Indem Afroamerikaner eine geringere Entlohnung als ihre weißen Kollegen erhalten, werden sie härter von der kapitalistischen Ausbeutung und der Arbeitslosigkeit betroffen usw.

Es wurde bereits erwähnt, dass sich bei all dem das Oberste Gericht nicht darauf beschränkte, die die farbige Bevölkerung diskriminierende Gesetzgebung der südlichen Staaten zu bekräftigen. In seiner Rechtsprechung suchte es vielmehr die Bürgerrechtsgesetze des Bundes außer Kraft zu setzen und die in den Zusatzartikeln der Verfassung allen Bürgern der USA zugestandenen Grundrechte einzuschränken.

So begrenzte das Gericht in den sogenannten Slaughterhouse-Fällen des Jahres 1873 drastisch die Bestimmungen des XIV. Amendments zur Verfassung, als es im Urteilsspruch behauptete, dass es zwei Arten von Bürgereigenschaften und -rechten gäbe, jene des Bundes und jene der einzelnen Staaten. Beide würden auf unterschiedlichen Bedingungen und Merkmalen beruhen. Der Bund schütze nur die Rechte seiner Bürger, während die Bürger der einzelnen Staaten von den Bundesrechten unberührt blieben. Mit dieser juristischen Konstruktion, die Rechte der Bürger des Bundes von den Rechten der Bürger der Staaten zu trennen, war unter dem Schein einer rechtlichen Begründung der Weg bereitet, um Bundesgesetze auf der Ebene der einzelnen Staaten zu umgehen und im Widerspruch zu Bundesgesetzen stehende Staatengesetzgebung zu rechtfertigen. In dem Verfahren Vereinigte Staaten gegen Cruiksbank erklärte das Oberste Gericht im Jahre 1876 den „Enforcement Act“ von 1870 als unzulässigen Eingriff in die Souveränität der Staaten und damit für ungültig. Dieser Act beinhaltete bundesrechtliche Bestimmungen über die in den Staaten zu treffenden Wahlrechtsvoraussetzungen und die Durchführung von Wahlen, gleichgültig, ob für den Bund oder die Staaten. Es sei an dieser Stelle bemerkt, dass dieses Argument vom unzulässigen Eingriff überhaupt eine bevorzugte Begründung des höchsten Gerichts der USA darstellte, um die Gültigkeit bestimmter Bundesgesetze für die Staaten zu bestreiten.

In einem weiteren Entscheid des Jahres 1876, im Verfahren Vereinigte Staaten gegen Reese, wandte sich das Oberste Gericht direkt gegen das XIV. und XV. Amendment zur Verfassung. Es erklärte unumwunden, dass in diesen Artikeln den Afroamerikanern keine verfassungsmäßigen Rechte, wie etwa das Wahlrecht, zugewiesen worden wären. Diese beiden Zusatzartikel seien lediglich dahingehend auszulegen, dass, wenn bereits bestehende Rechte ausgeübt würden, diese nicht durch eine den Zusatzartikeln widersprechende Staatengesetzgebung eingeschränkt werden dürften. Mit dieser den Sinn des XIV. und XV. Amendments völlig ins Gegenteil verkehrenden Auslegung hatte das höchste Gericht der USA ein weiteres Argument gefunden, um die reaktionäre Rassendiskriminierung juristisch zu rechtfertigen.

Den entscheidenden Schlag gegen die Bürgerrechtsbewegung von 1875 führte das Oberste Gericht schließlich in den sogenannten Civil Rights Cases des Jahres 1883. In den fünf Fällen, die diesen Verfahren zugrunde lagen, war Farbigen der Zutritt zu einem Theater, zu Hotels und zu einem bestimmten Eisenbahnwagen verwehrt worden. Das Gericht entschied, dass das XIII. und XIV. Amendment zur Verfassung nicht verbiete, die Rassen in gesonderten Unterkünften zu trennen. Folglich, so erklärte das Oberste Gericht mit schon nicht mehr zu überbietenden Zynismus, sei der „Civil Rights Act“ von 1875, der für Farbige die gleichen Bürgerrechte wie für Weiße vorsah, als Eingriff in die den Staaten nach dem XV. Amendment übertragenen Zuständigkeiten rechtswidrig und als „der Verfassung der USA widersprechend“ nicht anwendbar. In der ebenfalls 1883 gefällten Entscheidung im Verfahren Vereinigte Staaten gegen Harris bekräftigte das Gericht, dass sich Privatpersonen nicht strafbar machten, wenn sie sich zusammenschließen, um die den Farbigen im XIV. und XV. Amendment gewährten Bürgerrechte einzuschränken. Voraussetzung dabei sei, dass der betreffende Staat keine Gesetze erlassen habe, die im Widerspruch zur Verfassung der USA stehen. Was verfassungsgemäß und was verfassungswidrig ist, bestimmt jedoch das Oberste Gericht! Von einem der höchsten Richter der USA, Chefrichter Huges, stammte auch der Ausspruch: „Wir stehen unter einer Verfassung, aber was die Verfassung ist, bestimmen die Richter.“63 Das Oberste Gericht erklärte die Rassendiskriminierung ausdrücklich als verfassungsmäßig und gegen sie gerichtete Bürgerrechtsgesetzgebung des Bundes für verfassungswidrig und damit als aufgehoben! Wahrlich, eine überzeugende Demonstration reaktionärer Klassenjustiz!

63 Ch. E. Hughes, Adresses and Papers, o. O. 1916, S. 185 f.

Zweierlei bleibt zu bemerken: Einmal ist festzuhalten, dass sich diese Entwicklung, die die farbige Bevölkerung erneut zu Menschen ohne oder äußerst eingeschränkten Bürgerrechten stempelte, auf dem Boden der bürgerlichen Demokratie vollzog. Diese bürgerliche Demokratie hatte in den USA mit dem Sieg über die Sklavenhalter einen beachtlichen Erfolg errungen. Aber die klassenmäßigen Grenzen, die jeder bürgerlichen Demokratie als Form der Herrschaft der kapitalistischen Ausbeuterklassen eigen sind, traten in den USA im besonderen Maße in der Rassendiskriminierung als einem spezifischen Ausdruck der Sozialen Gegensätze der kapitalistischen Gesellschaft in Erscheinung. Und dies ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte der USA, sondern eine der ungelösten Gegenwartsfragen dieses Landes.

Zum anderen bestätigt die Geschichte der bürgerlichen Demokratie in den USA auf besonders drastische Weise, dass Rassenunterdrückung nur eine Form sozialer Unterdrückung durch die kapitalistische Klassenherrschaft ist. Die Unterdrückung und Ausbeutung der Afroamerikaner und anderer farbiger Minderheiten ist wesentlicher Bestandteil der Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiterklasse und aller anderen Werktätigen. Daher ist der Befreiungskampf der Farbigen objektiv – wenn auch subjektiv noch immer nicht erkannt- untrennbar mit dem sozialen und politischen Kampf der Arbeiterklasse und der anderen werktätigen Klassen und Schichten verbunden. Dafür liefern die Kämpfe der Werktätigen der USA selbst den Beweis.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nahmen die Klassenkämpfe in den USA mehrfach erbitterte Formen an. Nach dem Bürgerkrieg kämpfte die Arbeiterklasse in den USA für den Achtstundentag und andere soziale und politische Forderungen. 1866 wurde, um diese Aktionen zu unterstützen, die National Labor Union gegründet, die auch Verbindungen zur I. Internationale aufnahm. Es gelang ihr jedoch nicht, die weißen und farbigen Proletarier in einer Organisation zusammenzufassen. Die kleinbürgerliche Ideologie und Politik ihrer Führer war die Ursache, dass diese an Bedeutung verlor und sich 1872 auflöste.

Die 1869 geründete Organisation der Knights of Labor (Ritter der Arbeit) forderte die „völlige Befreiung der Schöpfer des Reichtums aus der Knechtschaft und dem Elend der Lohnsklaverei“64. Ihre Führer wandten sich jedoch gegen den politischen Kampf und lehnten Streiks wie auch andere Formen des sozialen Kampfes der Arbeiterklasse ab. Dennoch waren die Knights of Labor die erste Massenorganisation der amerikanischen Arbeiter, die auch farbige Arbeiter zu ihren Anhängern zählte.

64 Weltgeschichte, Bd. 7, Berlin 1965, S. 254.

In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts begann sich auch, nachdem es bereits einige Vorläufer vor und nach dem Bürgerkrieg gegeben hatte, die sozialistische Bewegung in den USA zu entwickeln. 1876 gründeten Mitglieder der amerikanischen Sektion der I. Internationale die Workingmen’s Party of America (Arbeiterpartei Amerikas), die sich ein Jahr später in Socialist Labor Party (Sozialistische Arbeiterpartei) umbenannte. Unter dem Einfluss marxistischer Kräfte nahm diese Partei zunächst aktiv am Kampf der amerikanischen Arbeiterklasse teil. Es herrschten jedoch opportunistische, von Lassalle beeinflusste Kräfte vor, die verhinderten, dass sich diese Partei zu einer revolutionären Klassenorganisation der Arbeiter entwickelte. Die Arbeiterbewegung in den USA brachte in jener Periode aber auch einen solchen populären Vertreter ihrer Interessen wie den Sozialisten Eugene Debbs hervor, der mit an der Spitze bedeutender Streiks stand und 1893 die American Railway Union (Amerikanische Eisenbahnunion) gründete. Die Großbourgeoisie der USA wandte gegen die aufstrebende Arbeiterbewegung alle Mittel und Methoden an, über die sie verfügte. Sie setzte Militär und Polizei gegen Streikende ein und ließ durch eine reaktionäre Klassenjustiz anlässlich des großen Bergarbeiterstreiks 1874/75 zehn Bergleute zum Tode und weitere siebzehn zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilen. In ihrem Kampf zu Unterdrückung des Proletariats standen der Großbourgeoisie neben den anderen Organen des Staates erneut die Gerichte, besonders das Oberste Gericht zur Seite, das, wie selbst Konservative bürgerliche Autoren eingestehen, „in dem sozialen Kampf dieser Jahrzehnte…oft für das Großkapital und…weitgehend auch gegen die arbeitende Bevölkerung Stellung genommen“ hat.65 

65 Zitiert nach: K. Carstens, a. a. O., S. 98.

Entnommen aus: „Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie – USA“ , Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin/DDR 1976

Bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch: „Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie – USA“

Fußnoten:

Vorwort Juli 2026

Diese Ausgabe befasst sich nun mit der Verfassung der USA von 1787. 

Damals waren die demokratischen Rechte nur reichen Männern vorbehalten. Außerdem waren die Sklaven und die indigene Bevölkerung von diesen Rechten ausgenommen.

Das Wahlrecht war an den Besitz gebunden. Das wird im Beitrag genau erläutert.

Trotz dieser Einschränkungen, über die wir uns heutzutage empören, waren die damaligen Ereignisse in den USA ein Fortschritt in der damaligen Zeit.

Beitrag entnommen aus dem Buch „Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie – USA“

Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin/DDR 1976

Die Verfassung (der USA P.R.) von 1787 als Ausdruck der Errungenschaften und Schwächen des revolutionären Unabhängigkeitskrieges

(Teil 2)Die dreizehn Kolonien hatten sich mit der Unabhängigkeitserklärung zu souveränen, selbständigen Staaten erklärt und damit die zunächst entscheidende politische und juristische Voraussetzung dafür geschaffen, dass sich die kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA entwickeln konnten. Für die Handels- und Gewerbebourgeoisie sowie die Plantagenbesitzer als die führenden Kräfte dieser bürgerlichen Revolution stellte sich nun die Frage, wie ihre politische Herrschaft organisiert, wie das neue Staatswesen in seinen Institutionen und Formen beschaffen sein sollte. Die Antwort gab der Verlauf der revolutionären Ereignisse und die Verteilung der Klassenkräfte in dieser ersten bürgerlichen Revolution auf amerikanischen Boden. Die Struktur und die Formen des jungen Staates und der gesamte Mechanismus seiner politischen Institutionen, wie sie sich in der Verfassung von 1787 juristisch manifestierten, waren wesentlich bestimmt von dem Kräfteverhältnis in den herrschenden Klassen sowie von den schon in der Periode der Staatsentstehung einsetzenden Klassenauseinandersetzungen zwischen der Handels- und Gewerbebourgeoisie sowie den Plantagenbesitzern einerseits und den kleinen Farmern, Handwerkern sowie Lohnarbeitern andererseits. Dabei ist nicht außer acht zu lassen, dass sich die Herausbildung dieses neuen, kapitalistischen Staatswesens unter den Bedingungen eines revolutionären, antikolonialen Befreiungskrieges vollzog.

Auf Empfehlung des Kontinentalkongresses gab sich die Mehrzahl der nunmehr selbstständigen Staaten eigene Verfassungen: so New Hampshire am 05. Januar 1776, South Carolina am 26. März 1776, Virginia am 29. Juni 1776, New Jersey am 02. Juli 1776, Maryland am 08. November 1776, North Carolina am 18. Dezember 1776, Georgia am 05. Februar 1777, New York am 20. April 1777 und Massachusetts am 16. Juni 1780. Lediglich Connecticut und Rhode Island ersetzten die königlichen Charters erst 1819 bzw. 1842 durch eigene Verfassungen.

Die meisten dieser Verfassungen enthielten Erklärungen über die Gewährung bürgerlicher Grundrechte. Am 12. Juni 1776 verabschiedete der Konvent von Virginia ohne Gegenstimmen die „Bill of Rights“, die als Progressivste bürgerlich-demokratische Grundrechtserklärung der Einzelstaaten gelten kann. Sie übte einen bedeutenden Einfluss auf das staatstheoretische Denken am Vorabend der bürgerlichen Revolution in Frankreich und in anderen Ländern Europas aus.

Das bürgerliche Klassenwesen der in den Grundrechtserklärungen und Verfassungen proklamierten Volkssouveränität zeigte sich vor allem darin, dass, nur unwesentlich variiert, der Erwerb und der Schutz des Privateigentums als eines der wichtigsten Grundrechte genannt und die Wahl in öffentliche Ämter von Eigentumsnachweisen abhängig gemacht wurde. Die Verfassungen selbst oder die ihnen folgenden Wahlgesetze bezeichneten im Wesentlichen vier Arten dieses Eigentumsnachweises: Eigentum ohne nähere Bestimmung der Höhe und Form; freier Grundbesitz unbestimmter oder bestimmter Größe; eine Kombination von freiem Grundbesitz und sonstigem Eigentum sowie schließlich die Zahlung von Steuern. Dazu seien folgende Beispiele genannt: Nach der Verfassung von Georgia musste jeder Wähler, mindestens 10 Pfund Sterling haben und Steuern zahlen. Wollte er sich als Kandidat für das Abgeordnetenhaus aufstellen lassen, musste er über mindestens 250 Acre (1 Acre=0,40ha) freien Grundbesitz oder über sonstiges Eigentum in einer Höhe von 250 Pfund Sterling verfügen. Die Verfassung von South Carolina legte fest, dass nur derjenige an den Wahlen zum Abgeordnetenhaus teilnehmen darf, der wenigstens 50 Acre freien Grundbesitz hat oder entsprechende Steuerabgaben leistet. Wer sich dort als Kandidat für das Gouverneursamt aufstellen lassen wollte, musste freien Grundbesitz im Wert von 10 000 Pfund Sterling nachweisen. Die Verfassung von Maryland bestimmte, dass nur jene Bürger für die Wahlen zum Abgeordnetenhaus wahlberechtigt sind, die über 50 Acre freien Grundbesitz oder über Eigentum in einer höhe von 30 Pfund Sterling verfügen. Kandidaten für einen Sitz im Abgeordnetenhaus mussten ein Eigentum in Höhe von 500 Pfund Sterling besitzen. Die Verfassung von New York sah vor, dass nur die Bürger an den Wahlen zum Abgeordnetenhaus teilnehmen dürfen, die freien Grundbesitz im Wert von 20 Pfund Sterling haben oder Steuerzahler sind und regelmäßige Einnahmen aus Hausbesitz beziehen.

Der Kontinentalkongress, der den Einzelstaaten die Annahme der Verfassungen empfohlen hatte, unternahm zugleich Schritte in Richtung auf einen engeren Zusammenschluss der dreizehn Staaten, der sich vor allem aus den Erfordernissen des Krieges gegen England ergab. Ein Ergebnis dieser Bemühungen waren die „Articles of Confederation“ (Konföderationsartikel), die der Kongress im Jahre 1777 verabschiedete. Sie traten nach einer sich lange hinziehenden Ratifizierung durch die Einzelstaaten am 01. März 1781 in Kraft und werden als erste Verfassung der USA bezeichnet.

Die USA traten damit zunächst in der Staatsform eine Konföderation eine Zwischenstufe zwischen der Einzelstaatlichkeit der dreizehn ehemaligen englischen Kolonien und dem bundesstaatlichen Aufbau der USA dar, wie er seit der Verfassung von 1787 besteht.

Der Staatenbund setzte sich nach Artikel II der Konföderationsartikel aus souveränen, voneinander unabhängigen Einzelstaaten zusammen. Der Kongress, in dem jeder Staat eine Stimme hatte, verband sie lediglich locker miteinander. Wie sich bald zeigte, war von entscheidender Bedeutung, dass die Staaten die uneingeschränkte Kontrolle über alle Steuern und sonstigen Abgaben sowie Befugnisse zur Regelung des Handels behielten. Die äußerst geringen Rechte der Zentralinstanz beschränkten sich darauf, Münzen, Gewichte und Maße zu bestimmen, das Postwesen einzurichten, Streitigkeiten zwischen den einzelnen Staaten zu schlichten und auf die, wie es hieß, „Handhabung der indianischen Angelegenheiten“. Lenzeres war angesichts der nach der Staatsgründung einsetzenden gewaltigen Ausdehnung des Gebietes der USA auf Kosten einer systematischen und barbarischen Vertreibung und Ausrottung der indigenen Bevölkerung für die herrschenden Klassen von besonderer Bedeutung.

Die Konföderationsartikel, durch die die Einzelstaaten faktisch die politische Selbstständigkeit behielten, während den zentralen Instanzen nur geringfügige Befugnisse zugestanden wurden, erwiesen sich für die Bedürfnisse der kapitalistischen Entwicklung nahezu in jeder Hinsicht als unzureichend. Sie erschwerten vor allem außerordentlich den Krieg gegen die englische Kolonialarmee. Die völlige finanzielle Abhängigkeit der Zentralinstanzen von den Einzelstaaten, die ihrerseits eifersüchtig über ihr Recht der Eintreibung von Abgaben wachten, machte es faktisch unmöglich, die notwendigen Mittel für die Ausrüstung der revolutionären Streitkräfte aufzubringen.

Von der tiefen Krise, in die das gerade erst entstandene Staatswesen dadurch geraten war, zeugt ein Brief des damaligen Oberbefehlshabers der Streitkräfte, George Washington.

Washington schrieb am 08. Juli 1783: „Ich bin sicher, wenn der Kongress nicht entsprechende Machtvollkommenheiten für die allgemeinen Belange der föderierten Union gegeben werden, werden wir uns bald in kleine Teile auflösen und in den Augen Europas verächtlich, vielleicht sogar zum Spielball seiner Politik werden…Mit einem Wort: ich glaube, dass das Blut und das Geld, das dahingegeben wurde, ohne rechten Zweck verschwendet worden ist, wenn wir nicht dadurch besser zusammengekittet werden können; und das kann nicht geschehen, wenn den Vorschlägen der obersten Gewalt so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.“ 50

50 Zitiert nach: A. Rein, Die drei großen Amerikaner Hamilton, Jefferson, Washington, Hamburg 1923, S. 157

Zutreffend stellt Foster fest, dass es erst des „heftigen Druckes der Revolution“ bedurfte, „um diese partikularistische Entwicklung zu überwinden“. 51

51 W.Z. Foster, a.a. O., S. 282

Die Herausbildung des bürgerlichen Nationalstaates der USA in Gestalt eines Bundesstaates „wurde schließlich mur unter größten Schwierigkeiten und unter Hochdruck des Revolutionskrieges erreicht, als es um Sein oder Nichtsein ging“. 52

52 ebenda

Es war jedoch nicht allein die offensichtlich gewordene Unfähigkeit der Staatsform der Konföderation, den Erfordernissen des revolutionären Befreiungskrieges und der kapitalistischen Entwicklung ausreichend Rechnung zu tragen, die die führenden bürgerlichen Kräfte zu einer Revision der Staatsverfassung drängte. Hinzu kam als weiterer wesentlicher Faktor, dass sich die sozialen Gegensätze im Lande selbst verschärften. Sichtbarer Ausdruck dessen war der Volksaufstand in Massachusetts im Jahre 1786 unter Führung des Veteranen der Revolution, Daniel Shays. Die kleinen Farmer, die Handwerker und Lohnarbeiter, die Soldaten – sie stellten sie Masse der Kräfte, die den antikolonialen Befreiungskampf zum Sieg führten – sahen sich um die erhofften Früchte ihres Kampfes betrogen. Während die kleinen Farmer immer mehr verschuldeten und unter dem Einfluss der Inflation und ökonomischen Depression sowie der allgemeinen wirtschaftlichen Zerrüttung das Lebensniveau der Volksmassen sank, strichen die kapitalistischen Kriegsgewinnler und Spekulanten, sei es als Piraten und Kaufleute oder als Heereslieferanten, hohe Profite ein. Das alles verstärkte die Unzufriedenheit der Massen des amerikanischen Volkes und führte schließlich zu dem als Shays-Rebellion bezeichneten Aufstand der besitzlosen gegen die Besitzenden.

Diese örtlich sehr begrenzte Bewegung blieb jedoch ohne Erfolg (noch bestand keine Arbeiterklasse, die berufen ist, die kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu überwinden). Die Erhebung der Armen hinterließ jedoch bei den herrschenden Klassen Angst und Schrecken und veranlasste bürgerliche Autoren rückblickend zu Einschätzungen wie der folgenden: „Die Shys‘ Rebellion hat wesentlich dazu beigetragen, den wohlhabenden, für ihr Eigentum und ihre Bevorrechtung fürchtenden Bürgern die Einführung eines eine feste Ordnung aufrichtenden Regimes für die ganze Union als notwendig erscheinen zu lassen“ 53

53 F. Glum, a. a. O., S. 72.

Vertreter der herrschenden Klassen, der Handels- und Gewerbebourgeoisie und sklavenhaltender Plantagenbesitzer, aus fünf Staaten traten im September 1776 in Annapolis in Maryland zu einem Konvent zunächst mit dem Ziel zusammen, über eine einheitliche Regelung der Handelsbeziehungen zwischen den einzelnen Staaten zu beraten. Alexander Hamilton, Delegierter des Staates New York, erklärte jedoch, dass wegen der engen Verbindung der Handelsfragen mit anderen politischen Fragen ein allgemeiner Konvent aller Staaten erforderlich sei. Ihm ging es darum, die Konföderationsartikel dahingehend zu revidieren, dass die zentralen Bundesorgane gestärkt würden. Dem folgend, rief die Versammlung von Annapolis dazu auf, einen Konvent aller Staaten der Konföderation zu dem „besonderen und alleinigen Zweck“ einzuberufen, die Konföderationsartikel zu überprüfen und einen „Pan zu Abhilfe etwa sich herausstellender Mängel“ zu beraten. 54

54 Zitiert nach: H.S. Commager, Documents of American History, New York 1963, S. 132 ff.

Der unter Vorsitz von George Washington am 25. Mai 1787 in Philadelphia eröffnete Konvent verabschiedete am 17. September 1787 die Verfassung der USA.

Manche bürgerliche Autoren meinen, dass die 55 Delegierten des Verfassungskonvents von Philadelphia an Zusammensetzung und Qualität ein Gremium bildeten, „wie es großartiger für dien Verfassungswerk kaum geschaffen werden konnte“. 55

55 F. Glum, a. a. O., S. 54.

Solche Äußerungen sind jedoch wohl mehr zu jenen Deklamationen zu rechnen, die das geschichtlich bedingte Klassenwesen der Verfassung der USA negieren und ihr den Glorienschein des Idealbildes einer Verfassung verleihen sollen.

In ihrer sozialen Zusammensetzung repräsentierten die Delegierten des Verfassungskonvents die herrschenden Klassen, die Handels- und Gewerbebourgeoisie und die sklavenhaltenden Plantagenbesitzer. Kuczynski gibt folgende soziale Zusammensetzung des Konvents von Philadelphia an: 28 Anwälte, 13 Kaufleute oder 8 Plantagenbesitzer und 6 andere. Die Anwälte waren entweder selbst Kaufleute oder Plantagenbesitzer bzw. deren Vertreter. Eine andere, ebenfalls von Kuczynski angegebene Einschätzung weist aus: 14 Landspekulanten, 24 Geldverleiher, 15 Sklavenbesitzer, 40 Regierungsanleihen-Besitzer und 11 Geschäftsleute 56, woraus ersichtlich wird, dass nicht wenige der ehrenwerten Delegierten sich gleichzeitig auf mehreren Ebenen kapitalistischen Profitstrebens versuchten.  Der bürgerliche Staats- und Verfassungsrechtler Karl Loewenstein kommt zu dem Ergebnis: „Fast alle hatten kapitalistische Interessen…Eine Vertretung des kleinen Mannes, ob Farmer oder Handwerker, fehlte völlig.“ 57

56 J. Kuczynski, a. a. O., S. 54.

57 K. Loewenstein, Verfassungsrecht und Verfassungspraxis der Vereinigten Staaten, Westberlin/Göttingen/Heidelberg 1959, S. 9. Ähnlich auch K.L. Shell, Das politische System der USA, Stuttgart/Westberlin/Köln/Frankfurt am Main 1975, S. 18; und D.G. Smith, The Convention and the Constitution, New York 1965, S. 25

Deutlicher noch wird in einer neueren Abhandlung der bürgerliche Politikwissenschaftler Hans J. Kleinsteuber, wenn er feststellt: „…ein hoher Anteil (der Delegierten des Verfassungskonvents – d. Verf.) zählte zur Geldaristokratie und war Geschäftsmann oder Sklavenhalter. Ihre Vorstellungen waren anti-royalistisch und republikanisch, aber ebenso anti-demokratisch und gegen die Interessen der Mehrheit der Amerikaner gerichtet- Farmer und Handwerker, die um ihre soziale Gleichberechtigung rangen.“ 58

58 H.J. Kleinsteuber, Die USA – Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Eine Einführung, Hamburg 1974, S. 17.

In der Tat bleibt festzuhalten: Unter den Delegierten des Verfassungskonvents gab es auch nicht einen Interessenvertreter der kleinen Farmer, Handwerker oder Lohnarbeiter, geschweige denn der Afro-Amerikaner oder der indigenen Bevölkerung.

Die Zusammensetzung des Konvents hatte selbstverständlich nicht zufällig dieses Bild. Der herrschenden Klasse ging es mit diesem Konvent gerade darum, nach dem Sieg der bürgerlichen Revolution ihre politische Herrschaft allseitig zu festigen und die politischen und juristischen Institutionen so zu organisieren, dass sich die kapitalistischen Verhältnisse möglichst ungehemmt entwickeln konnten. Man kann Kleinsteuber zustimmen, wenn er erklärt, dass die politische Praxis davon ausging, „die im Unabhängigkeitskrieg entstandene sozialrevolutionäre Unruhe auszubremsen“, und dass sie sich dazu „auch erprobter Institutionen und Verfahrensweisen der angelsächsisch-politischen Tradition“ bediente. 59

59 a. a. O., S.18

Das bedeutet jedoch wiederum nicht, dass die Delegierten des Konvents über den nun im konkreten einzuschlagenden Weg übereinstimmender Auffassung gewesen wären. Es kam vielmehr zu scharfen Auseinandersetzungen, die sich auch nach der Unterzeichnung der Verfassung bis zu ihrer endgültigen Ratifizierung durch die einzelnen Staaten in der Presse niederschlugen.

Im Wesentlichen standen sich zwei Auffassungen über die Gestaltung der politischen Herrschaft der Kapitalisten gegenüber, repräsentiert einerseits von der Gruppe um Hamilton und Madison und zum anderen von der um Jefferson, der auf Grund seiner diplomatischen Mission in Frankreich nicht selbst am Verfassungskonvent teilnehmen konnte.

In der bürgerlichen Literatur wird Alexander Hamilton oft als „genialer Vorkämpfer der Verfassung“, als „Schöpfer des amerikanischen Industriestaates“ und „first american businessman“ bezeichnet. Welche Klassenkräfte und -interessen vertrat er jedoch tatsächlich? Hamilton war der Interessenvertreter der reichen Kaufleute und der sich herausbildenden Industriebourgeoisie. Als einer der Führer der Partei der Föderalisten, deren Kern Großkaufleute und Spekulanten bildeten, war er einer der konsequentesten Befürworter und aktivsten Förderer der kapitalistischen Industrialisierung Nordamerikas. Er erkannte deren Erfordernisse hinsichtlich der Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie des Aufbaus der staatlichen Struktur. Als erster Finanzminister der neuen Bundesregierung unter Präsident Washington betrieb er daher auch eine konsequente Politik der Förderung industriellen Entwicklung mittels staatlicher Kredite und Schutzzölle, der Regelung der Kriegsschulden und Reorganisierung des Währungssystems zugunsten der Handels- und Industriebourgeoisie und der umfassenden Entwicklung des Handels. Hamilton setzte gegen den Widerstand der auch in der Regierung vertretenen agrarisch orientierten Kräfte der herrschenden Klassen die Errichtung einer Nationalbank der USA durch, deren Aufgabe darin bestand, die kapitalistische Industrialisierung finanziell zu unterstützen.

Hamilton sah voraus, dass sich mit der raschen Entwicklung des Kapitalismus die sozialen Gegensätze zwischen Bourgeoisie und Proletariat (altes Wort für Arbeiter/ Arbeiterklasse P.R.) entwickeln würden. Um den Kapitalismus zu entwickeln und die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse vor den Volksmassen schützen zu können, trat er daher für eine starke zentralistische Exekutivgewalt wie überhaupt für eine starke kapitalistische Staatsmacht ein. Im Staat sah er ein wichtiges und nützliches Instrument, das den Interessen der Mächtigen, deren Macht sich auf das Eigentum gründet, zu dienen hätte.

Hamilton ging davon aus, dass „die Hauptquelle aller Spaltungen…stets die ungleiche Verteilung des Eigentums“ sei. 60

60 A. Hamilton/J. Madison/ J. Jay, Der Föderalist, hrsg. Von F. Ermacora, Wien 1958, S. 74.

Diese „ungleiche Verteilung des Eigentums „sei jedoch das Ergebnis „verschiedener und ungleicher Fähigkeiten“ der Menschen. 61

61 ebenda

Die wichtigste Aufgabe des Staates bestehe daher darin, die Menschen in der Entwicklung und Nutzung ihrer ungleichen Fähigkeiten zu schützen und zu fördern und die aus der ungleichen Verteilung des Eigentums unvermeidlich auftretenden Konflikte zu regulieren.

Hamilton hielt es nach seinen eigenen Worten für undenkbar, dass eine Regierung die Belange der Eigentümer nicht erfülle oder gar den Interessen der Eigentümer zuwiderhandle. Die Grundsätze der Staatsauffassung legte Hamilton am 19. Juni 1787 in einer Rede vor dem Verfassungskonvent dar. Dort erklärte er: „Alle Gemeinwesen bestehen aus den wenigen und den vielen. Erstere sind die Reichen und Wohlgeborenen, die anderen sind die Masse des Volkes. Die Stimme des Volkes soll, wie behauptet wird, Gottes Stimme sein, aber so allgemein diese Lehre angeführt und geglaubt wird, in Wirklichkeit stimmt sie nicht. Das Volk ist ungestüm und wechselhaft, es urteilt und entscheidet selten richtig. Man gebe daher der ersten Klasse einen Besonderen und dauernden Anteil an der Regierung. Sie wird das unstete Wesen der zweiten in Schach halten.“ 62

62 Zitiert nach: B.F. Wright, Source Book of American political Theory, New York 1929, S. 188.

In der gleichen Rede stellte er fest, dass er „die britische Regierungsform für die beste jemals auf der Welt geschaffene“ halte, da sie gleichermaßen „öffentliche Stärke und individuelle Sicherheit“ gewährleiste. 

Tatsächlich war Hamilton wie auch andere Vertreter des aufstrebenden Industriekapitalismus bereit, in den USA eine konstitutionelle Monarchie nach englischem Vorbild einzuführen. Er sah in dieser Staatsform den wirksamsten Schutz vor den Volksmassen. Angesichts der Aussichtslosigkeit eines solchen Vorhabens in einem Lande, das sich gerade von den kolonialen Fesseln einer Monarchie befreit hatte, sprach er sich dann jedoch für die republikanische Staatsform aus.

Hamilton brachte am klarsten die politischen Interessen jener Kräfte der herrschenden Klasse zum Ausdruck, die für eine bürgerliche Republik mit einer starken Zentralgewalt und möglichst geringen demokratischen Zugeständnissen an die Volksmassen eintraten. Das geht insbesondere aus der von ihm gemeinsam mit James Madison und John Jay in den Jahren 1787 und 1788 verfassten Artikelserie, den „Publius-Briefen“, hervor, die unter dem Namen „The Federalist“ 63 bekanntgeworden ist und in der bürgerlichen Literatur als die „Bibel des Republikanismus“ und als der noch immer „beste Kommentar“ zu Verfassung bezeichnet wird. Loewenstein sieht in den Federalist Papers „einen der tiefsinnigsten Beiträge zur Analyse des modernen Staates überhaupt, der sich neben den großen staatstheoretischen Abhandlungen von Aristoteles, Cicero, Locke und Montesquieu wohl sehen lassen kann“. 64

63 Vgl. C. Rossiter (Hrsg.), The Federalist Papers, New York 1961

64 K. Loewenstein, a. a. O., S. 10.

Einem solchen Vergleich hält diese Artikelserien jedoch keineswegs stand. Sie wurde geschrieben, um die nach der Unterzeichnung der Verfassung durch den Konvent in mehreren Staaten der USA aufgetretenen Widerstände und Zweifel zu überwinden und die endgültige Ratifizierung zu ermöglichen. Ihre Verfasser argumentierten vor allem für eine starke Bundesexekutive und die Institutionalisierung des bürgerlichen Prinzips der Gewaltenteilung.

Hamilton schreib in Nr. 70 von „The Federalist“: „Tatkraft in der vollziehenden Gewalt ist ein Hauptmerkmal bei der Begriffsbestimmung einer guten Regierung…Die Bestandteile, welche die Tatkraft in der vollziehenden Gewalt bilden, sind: erstens Einheit, zweitens Dauer, drittens angemessene Vorkehrung zu ihrer Unterstützung, viertens hinreichende Vollmachten…Die Politiker und Staatsmänner, die am höchsten wegen ihrer gesunden Grundsätze und ihrer gerechten Ansichten gefeiert worden sind, haben sich für eine vollziehende Einzelperson und für eine vielköpfige gesetzgebende Körperschaft ausgesprochen.“ Seine Verachtung des einfachen Volkes, das nach seiner Meinung strikt von den staatlichen Angelegenheiten ferngehalten werden müsse, kam unter anderem darin zum Ausdruck, dass er das Volk als eine „große Bestie“ verunglimpfte.

Führende Vertreter der Partei der Föderalisten erwiesen sich zugleich als Gegner des revolutionären Frankreichs, dessen „Radikalismus und „Demokratismus“ sie als gefährlich für die bereits verankerte bürgerliche Ordnung in den USA ablehnten. Sie orientierten sich, den Interessen der Großkaufleute und Industriekapitalisten entsprechend, an England. Hamilton bezog sich auf die revolutionären Ereignisse in Frankreich, besonders auf die Hinrichtung Ludwig XVI., als er in einem Brief vom Mai 1793 schrieb:

„Es kann nicht ohne Gefahr und Unzuträglichkeiten für unsere Interessen sein, zu proklamieren, dass wir vom gleichen Geist beseelt sind, der seit einiger Zeit die Maßnahmen derer unselig missleitet hat, die die Angelegenheiten Frankreichs lenken.“ 65

65 Zitiert nach: W. Gerhard, Das politische System Alexander Hamiltons, o.O., o. J., S- 106

Deutlich wandte sich auch ein anderer Führer der Föderalisten, John Adams, Nachfolger Washingtons auf dem Präsidentenstuhl, gegen die Ideen, die die Französische Revolution vorbereiteten, deren gefährliche Auswirkungen er in dem Aufstand der Armen unter der Führung Shays‘ sah. John Adams erklärte in einem Brief an Jefferson vom 13. Juli 1813: „Als die französische Notabelnversammlung zusammentrat…; als ich ferner sah, dass Shays‘ Aufstand in Massachusetts ausbrach, …als ich sah, dass die Neigungen in Amerika vom französischen Feuer ergriffen wurden, da war ich entschlossen, meine Hände von all dieser Gemeinheit nach Kräften rein zu waschen.“ 66

66 Zitiert nach: B.F. Wright, a. a. O., S. 288.

Unter der Präsidentschaft John Adams‘ verabschiedete der Kongress 1798 die „Alien and Sedition Acts“, Gesetze, die kritische Äußerungen, die „geeignet sind, die Regierung, den Kongress oder den Präsidenten herabzusetzen, in Misskredit zu bringen oder Hass gegen sie zu erregen“, unter Strafe stellten und die Ausweisung politisch verdächtiger Ausländer ermöglichten. Diese Gesetze sollten vor allem verhindern, dass sich die Ideen der Französischen Revolution in den Volksmassen der USA verbreiteten. Das fürchteten die Föderalisten vor allem.

Die kleinen Farmer und das städtische Kleinbürgertum, die ihre Hoffnungen auf die Republikanische Partei unter Führung von Thomas Jefferson setzten, lehnten die unverblümt auf die Interessen der Großkaufleute, Spekulanten und Industriekapitalisten ausgerichtete Politik der Partei der Föderalisten ab.

Jefferson, dem auch sein politischer Gegner John Adams eine „unwandelbar freundliche Meinung über die Französische Revolution“ 67 bescheinigte, trat für eine Demokratisierung des politischen Lebens in den USA ein. Selbstverständlich gingen auch Jeffersons Vorstellungen niemals über den Rahmen der bürgerlichen Demokratie hinaus. Seine bürgerlich-demokratischen Ideen, die sich besonders während seiner Präsidentschaft (1800 bis 1808) auch in der Politik der USA Niederschlugen, spielten jedoch eine progressive Rolle in der Geschichte der USA- In der Verfassungsdiskussion wandte sich Jefferson gegen Bestrebungen. Eine starke zentralistische Bundesexekutive zu schaffen. Vor allem kritisierte er, dass die vom Konvent ausgearbeitete Verfassung keine Bestimmungen über die bürgerlichen Grundrechte enthielt. Von Paris aus schrieb er in einem Brief vom 18. März 1789: 

67 ebenda

„Ich gehöre zu denen, die es für einen Mangel halten, dass die wichtigen Rechte, die nicht durch den Verfassungstext selbst sichergestellt worden sind, nicht durch eine ausdrückliche ergänzende Erklärung gesichert werden…Es ist das Recht, zu denken und unsere Gedanken in Wort oder Schrift zu äußern, dass Recht auf freien Verkehr, das Recht auf Freiheit der Person… Wir dürfen jetzt aussprechen, dass uns eine Erklärung der Rechte, als Ergänzung der Verfassung an den Punkten, wo sie Stillschweigen wahrt, zu unserer Sicherheit fehlt.“ 68

68 a. a. O. S. 257

Die im Jahre 1787 verabschiedete und aus sieben Artikeln bestehende Verfassung der USA sanktionierte die wesentlichen Ergebnisse des Unabhängigkeitskrieges von 1775 bis 1783, der ersten bürgerlichen Revolution Amerikas. In ihr wurden die beiden hauptsächlichen Resultate dieser Revolution juristisch verankert: die Erringung der nationalen Unabhängigkeit von der englischen Kolonialmacht und die Konstituierung des bürgerlichen Nationalstaates in der politischen Form einer Republik. Die Verfassung von 1787 bekräftigte, dass es keine Restauration der alten sozialen und politischen Verhältnisse mehr geben darf, und stellte jeden Anschlag auf das soeben Errungene als Hochverrat unter Strafe. Sie trug damit wesentlich dazu bei, dass sich die neuen sozialpolitischen Verhältnisse konsolidieren konnten. In ihrer konkreten juristischen Ausgestaltung drückte die Verfassung politisch-juristisch den Kompromiss der vor allem in Norden ansässigen Handels- und Gewerbebourgeoisie mit den Plantagenbesitzern des Südens aus. 69 Der Verfassungskonvent sprach sich, nicht zuletzt unter dem Einfluss der Plantagenbesitzer, die eine Machtkonzentration in den Händen der Großkaufleute und Kapitalisten zu verhindern suchten, nicht für die von Hamilton und seinen Anhängern angestrebte allmächtige Bundesexekutive aus. Die Verfassung verankerte vielmehr ein Föderativsystem, eine bundesstaatliche Struktur der USA, das den einzelnen Staaten unter der Oberhoheit der zentralen Bundesorgane noch ein hohes Maß Autonomie beließ. Die Zuständigkeiten des Bundes werden im ersten Artikel der Verfassung katalogartig aufgezählt. Darüber hinaus legte der X. Amendment (der 10. Zusatzartikel) der Verfassung fest, dass alle nicht dem Bund zugewiesenen Zuständigkeiten und solche Zuständigkeiten, die den Einzelstaaten nicht ausdrücklich entzogen sind, den Einzelstaaten verbleiben. Diese Zuständigkeitsverteilung hat es aber nicht verhindert, dass der Bund seine Befugnisse auf Kosten der Einzelstaaten seither wesentlich ausdehnen konnte.

69 Eine materialistische Analyse der Entstehung der Verfassung gibt Ch. A. Beard, An Economic Interpretation oft he Constitution oft he United Staates, New York 1913. Von den zahlreichen Abhandlungen bürgerlicher Autoren seien genannt: W.A. Harbison/ A.H. Kelly, The American Constitution. It’s Origins ans Development, New York 1970; K. v. Beyme, Das präsidentielle Regierungssystem der Vereinigten Staaten in der Lehre der Herrschaftsformen, Karlsruhe 1967.

Artikel I der Verfassung enthält ferner die Bestimmungen über das gesetzgebende Organ, den aus zwei Häusern, dem Repräsentantenhaus und dem Senat, bestehenden Kongress. Das Repräsentantenhaus setzt sich aus den von den wahlberechtigten Bürgern gewählten Abgeordneten zusammen, wobei sich die Anzahl der Abgeordneten, die aus jedem Staat gewählt werden können, nach der Bevölkerungszahl des Staates bestimmt. Der Senat wird nach der Verfassung von 1787 von den gesetzgebenden Körperschaften der Einzelstaaten für sechs Jahre gewählt. Das XVII. Amendment aus dem Jahre 1913 legt fest, dass die Mitglieder des Senats durch die wahlberechtigten Bürger der Einzelstaaten gewählt werden. Eine bedeutsame Rolle spielen die Kongressausschüsse, die den einzelnen Fraktionen und Gruppen der herrschenden Klasse als Organe dienen, um ihre Interessen in der offiziellen Politik der USA umzusetzen.

Artikel I der Verfassung enthält ferner die Bestimmungen über das gesetzgebende Organ, den aus zwei Häusern, dem Repräsentantenhaus und dem Senat, bestehenden Kongress. Das Repräsentantenhaus setzt sich aus den von den wahlberechtigten Bürgern gewählten Abgeordneten zusammen, wobei sich die Anzahl der Abgeordneten, die aus jedem Staat gewählt werden können, nach der Bevölkerungszahl des Staates bestimmt. Der Senat wird nach der Verfassung von 1787 von den gesetzgebenden Körperschaften der Einzelstaaten für sechs Jahre gewählt. Das XVII. Amendment aus dem Jahre 1913 legt fest, dass die Mitglieder des Senats durch die wahlberechtigten Bürger der Einzelstaaten gewählt werden. Eine bedeutsame Rolle spielen die Kongressausschüsse, die den einzelnen Fraktionen und Gruppen der herrschenden Klasse als Organe dienen, um ihre Interessen in der offiziellen Politik der USA umzusetzen.

Artikel III der Verfassung bestimmt die Zuständigkeit der Bundesgerichte. Er besagt, dass die Bundesrichter vom Präsidenten mit Zustimmung des Senats ernannt werden und die Bundesgerichte aus einem Obersten Gericht (Supreme Court) und Untergerichten bestehen. Entgegen Behauptungen bürgerlicher Juristen sieht die Verfassung die im Gerichtswesen der USA ausgeprägte Praxis der richterlichen Prüfung von Gesetzen nicht vor. In Artikel III heißt es: „Die richterliche Gewalt der Vereinigten Staaten liegt beim Obersten Gericht und bei solchen unteren Gerichten, deren Errichtung der Kongress von Fall zu Fall anordnen wird.“ Schon bald, nachdem die Verfassung angenommen worden war, begann sich jedoch die Praxis des richterlichen Prüfungsrechts („judicial review“) durchzusetzen. So legte der „Judiciary Act“ von 1798 fest, dass die Bundesgerichte zugleich die Berufungsinstanz für Entscheidungen der Gerichte der Einzelstaaten sind. Der damalige Chefrichter Marshall, ein Anhänger der politischen Ideen Hamiltons, nutzte dieses Gesetz, um ein Kontrollrecht des Obersten Gerichts über die von den Legislativen der Einzelstaaten erlassenen Gesetze zu beanspruchen. Marshall ging jedoch noch einen Schritt weiter und formulierte 1803 in dem seither im Gerichtswesen der USA oft zitierten Verfahren Marburg gegen Madison erstmals ein Recht des Obersten Gerichts zu Überprüfung von Bundesgesetzen. Die Erhebung des Obersten Gerichts zum Kontrollorgan über die Tätigkeit der Legislative stand im scharfen Gegensatz zu den Auffassungen Jeffersons und seiner Anhänger, die der Legislative das alleinige Recht der Gesetzgebung und Verfassungsinterpretation zugestanden und die richterliche Tätigkeit der Verfassung und den von der Legislative erlassenen Gesetzen unterordneten. In der Folgezeit setzte sich jedoch, gerechtfertigt durch die bürgerliche Verfassungstheorie, die Praxis des richterlichen Prüfungsrechts als die Befugnis, „über die Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen und andere Regierungsaktionen zu entscheiden“ 70 durch. Das richterliche Prüfungsrecht entwickelte sich zu einem wirksamen Instrument, um solche Gesetze außer Kraft zu setzen, die den herrschenden Kräften nicht genehm waren.

70 Ch. L. Black, The People and the Court, Englewood Cliffs, Neue Justiz, 1960/7, S. 2.

Die 1787 verabschiedete Verfassung stieß auf erheblichen Widerstand mehrerer Staaten und der werktätigen Schichten des amerikanischen Volkes. Das verzögerte ihre endgültige Ratifizierung. Erst als die zusätzliche Annahme eines Kataloges bürgerlicher Grundrechte zugesagt wurde, bestätigten die einzelnen Staaten die Verfassung. Die Annahme der „Bill of Rights“ im Jahre 1781, die als die ersten zehn Amendments Bestandteil der Verfassung sind, ist ein Ausdruck dafür, dass in dieser ersten amerikanischen Revolution das bürgerlich-demokratische Element, getragen von einer starken Schicht kleiner Farmer und des städtischen Kleinbürgertums, eine wesentliche Rolle spielte.

Die Verfassung dokumentierte jedoch zugleich die Beschränktheit der bürgerlichen Demokratie in den USA. Nicht nur die Frauen waren vom allgemeinen Stimmrecht ausgeschlossen; durch Eigentumsnachweise, Wahlsteuern und Bildungsprüfungen war auch einem beträchtlichen Teil der Männer das Stimmrecht verwehrt. Kuczynski gibt an, dass zur Zeit der Annahme der Verfassung nur wenig mehr als die Hälfte der Weißen das Stimmrecht besaß. 71 Und Foster kommt zu dem Ergebnis, dass, bedingt noch durch den Ausschluss von Afroamerikanern und anderen, zu diesem Zeitpunkt in den USA bei einer Bevölkerung von drei Millionen nicht mehr als 120 000 das Stimmrecht erhielten. 72

71 J. Kuczynski, a. a. O., S. 48.

72 W. Z. Foster, a. a. O., S. 241.

Das „indenture system“, das die eingewanderten armen Weißen so lange in Schuldsklaverei hielt, bis sie ihre Schulden bezahlt hatten, die häufig durch die Kosten der Überfahrt von Europa und die Gründung einer Existenz entstanden waren, blieb ebenfalls bestehen.

Welche Beschränkungen die bürgerliche Demokratie in den USA kennzeichneten, zeigt sich vor allem daran, welche Stellung die Verfassung zur Sklaverei 73 einnahm. Es gab wohl hervorragende progressive Kräfte der Bourgeoisie wie Benjamin Franklin, Thomas Paine oder Samuel Adams, die mit Entschiedenheit die Abschaffung dieser nach Paines Worten „Abscheu erregenden Einrichtung“ forderten. Auch hatten George Washington und Thomas Jefferson, beide Plantagenbesitzer des Südens, ihren Sklaven die Freiheit gegeben. 74 Aber schon im Kriege, als viele Sklaven mit der Befreiung vom englischen Kolonialjoch auch ihre Freiheit erhofften, verschärften sich vielfach die Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Sklaven. Bei der Ausarbeitung der Verfassung selbst konnten sich die sklavenhaltenden Plantagenbesitzer des Südens insofern durchsetzen, als sie eine Bestimmung erreichten, dass hinsichtlich der Sklaverei zunächst bis 1808 der bestehende Zustand erhalten bleiben sollte. Außerdem legte die Verfassung in Artikel IV, Sektion 2 Paragraph 3, zur Sklaverei sinngemäß fest, dass Sklaven, die aus Sklavenhalterstaaten in „freie“ Staaten entlaufen, von diesen an ihre Herren auszuliefern sind, auch wenn in den „freien“ Staaten die Sklaverei gesetzlich untersagt ist. Die Auslegung dieser Klausel durch eine reaktionäre Rechtsprechung des Obersten Gerichts der USA ermächtigte in den folgenden Jahrzehnten faktisch die Sklavenhalter, die Sklaverei auf das gesamte Gebiet der USA auszudehnen.

73 Marxistische Einschätzungen zur Geschichte sowie zur politischen, rechtlichen und kulturellen Stellung der Sklaven afrikanischen Ursprungs in den USA geben vor allem H. Aptheker, Essays in the History oft he American Negro, New York 1945; ders. The Negro today, New York 1962, ders, American Negro Slave Revolts, New York 1963; W. Z. Foster, The Negro People in American History, New York 1954. Weiter sei an neuerer marxistischer Literatur genannt: H. Ihde, Von der Plantage zum schwarzen Ghetto, Geschichte und Kultur der Afroamerikaner in den USA, Leipzig/ Jena/Berlin 1975; C. Lightfoot, Der Kampf für die Befreiung der Afroamerikaner, Berlin 1973; H. Winston, Zur Strategie des Befreiungskampfes der Afroamerikaner, Berlin 1975.

74 Im Jahr seiner Wahl zum ersten Präsidenten der USA, 1789. Besaß George Washington noch mehr als 200 Sklaven.

Die Verfassung unterließ es, die Sklaverei zu verbieten. Es blieb ein Versäumnis der Revolution, die Frage der Sklaverei nicht zu lösen, sondern zugunsten der Sklavenhalter zu beantworten. Das war ein Grund dafür, weshalb die amerikanische bürgerliche Revolution nicht die Reife der Französischen Revolution erreichen konnte. Friedrich Engels stellte zu diesem Versäumnis der amerikanischen Revolution fest, dass „es für den spezifisch bürgerlichen Charakter dieser Menschenrechte bezeichnend ist, dass die amerikanische Verfassung, die erste, welche die Menschenrechte anerkennt, in demselben Atem die in Amerika bestehende Sklaverei der Farbigen bestätigt: die Klassenvorrechte werden geächtet, die Racenvorrechte geheiligt“. 75 Die Revolution konnte die Frage der Sklaverei nicht lösen, weil sie den die Plantagenwirtschaft betreibenden Großgrundbesitz, die ökonomische Grundlage der Sklaverei in den USA, nicht beseitigte. Sie war nicht in der Lage, die widersprüchliche Verbindung von Sklaverei und kapitalistischen Verhältnissen76, die sich bereits unter kolonialen Bedingungen herausgebildet hatte, zu durchbrechen. Erst als im ersten und zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts die kapitalistischen Verhältnisse einen höheren Reifegrad erreicht hatten und die Verhältnisse der Sklaverei zur absoluten Fessel ihrer weiteren Entwicklung geworden waren, weitete sich dieser gesellschaftliche Widerspruch zum beherrschenden Konflikt des politischen Lebens und der Verfassungsgeschichte in den USA aus. In Form des Bürgerkrieges und dessen Ergebnissen löste sich schließlich dieser Konflikt.

75 K. Marx/F. Engels, Werke, Bd. 20, Berlin 1962, S. 98

76 Vgl. dazu J. Kuczynski, a. a. O., S. 2, 7.

Die bürgerliche Revolution von 1775 bis 1783 hielt nicht nur die Sklaverei aufrecht. Sie überließ auch den sklavenhaltenden Plantagebesitzern des Südens entscheidende politische Machtpositionen in der Verwaltung und Rechtsprechung des amerikanischen Bundesstaates. Das war ein anderer wesentlicher Faktor, der mit dem Erstarken der Kapitalistenklasse des Nordens in den Jahrzehnten nach der Verabschiedung der Verfassung die Widersprüche zwischen den Industriekapitalisten und den Plantagenbesitzern verschärfte.

Insgesamt bedeutete jedoch der Unabhängigkeitskrieg von 1775 bis 1783 die erste bürgerliche Revolution auf amerikanischem Boden, die zugleich der „erste erfolgreiche Aufstand gegen die Kolonialherrschaft in der neuen Geschichte“ war, einen entscheidenden geschichtlichen Markstein „auf dem Wege zur Befreiung von kolonialem und nationalen Joch, zum Sieg über den Rassismus und das Elitedenken in allen seinen Erscheinungsformen, auf dem Wege zur Befreiung der Arbeiterklasse“. 77

77 H. Aptheker, „Zum Klassencharakter der amerikanischen Revolution“, a. a. O., S. 982

(Na, da war Herbert Aptheker sehr optimistisch. P.R.)

Entnommen aus dem Buch „Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie – USA“ ; Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin/DDR 1976, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Autor Prof. Dr. sc. Karl-Heinz Röder

Original-Text aus dem Buch „Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie – USA“

Fußnoten

Vorwort Juni 2026

Dieses Jahr wird 250 Jahre USA gefeiert. Ein Grund zur Propaganda. Aus diesem Anlass beschäftigt sich auch DIE TROMMLER mit diesem Thema. 

Anhand des Buches „Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie -USA“ präsentiert DIE TROMMLER eine längere Abhandlung, über die Anfänge der USA aus Sicht der Akademie der Wissenschaften der DDR, Institut des Staates und des Rechts, Berlin/DDR.

Dieses Buch war aus Anlass der 200jährigen Bestehens der USA herausgekommen. Zum 250jährigen Bestehen ist dieses Buch noch genauso aktuell. Da es die DDR und dieses Institut nicht mehr gibt, ist dieses Buch ein wertvoller Schatz, um die Anfänge der USA aus einer anderen Sicht zu betrachten.

Dieser Beitrag ist ein langer Beitrag, aber sehr interessant. Im nächsten TROMMLER gibt es den zweiten Teil zum Thema. Man muss sich die Zeit nehmen, um die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Unter anderem wird der Historiker Herbert Aptheker zitiert.  Er ist einer der Wenigen, der als US-Amerikaner nicht die Geschichte aus Sicht der Sieger propagiert. Leider lebt er nicht mehr. Näheres siehe Wikipedia. Solche Historiker und Historikerinnen braucht die Welt weiterhin dringend.

Die Unabhängigkeitserklärung der USA proklamierte die Gleichberechtigung aller Menschen schloss aber nicht nur die Sklaven von allen Rechten aus. Ihre Unterzeichner gingen auch davon aus, dass diese Rechte im Wesentlichen den Männern, nur im beschränkten Maße den Frauen und bei den Männern vorrangig den Besitzenden zuzuerkennen seien. Dennoch waren die Ideen der Unabhängigkeitserklärung, gemessen an den historischen Erfordernissen ihrer Epoche, der Epoche des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus, ein wesentlicher Schritt nach vorn mit entscheidender Wirkung.

Jefferson hatte in den Entwurf der Unabhängigkeitserklärung einen Absatz aufgenommen, der sich scharf gegen den von der englischen Krone betriebenen Sklavenhandel und damit im Kern gegen die Sklaverei überhaupt wandte. Doch das kollidierte mit den Interessen von Kaufleuten und Reedern des Nordens sowie der Sklavenhalter im Süden. So musste Jefferson den Passus auf Verlangen der Mehrheit der Abgeordneten im Kongress streichen.

Die Herausbildung der bürgerlichen Demokratie im Ergebnis der bürgerlichen Revolution von 1775 bis 1783 (Unabhängigkeitskrieg)

Teil 1: Die Bedeutung der Unabhängigkeitserklärung für die Entstehung des bürgerlichen Nationalstaates der USA

Die politische Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika im 18. Und 19. Jahrhundert wird entscheidend von der allgemeinen historischen Gesetzmäßigkeit geprägt, dass die entstehenden kapitalistischen Produktionsverhältnisse, um sich zu festigen und voll entfalten zu können, ihren eigenen politischen und juristischen Überbau insbesondere in Gestalt des bürgerlichen Nationalstaates und der bürgerlichen Rechtsordnung erfordern. Diese für die Herausbildung des Kapitalismus allgemeingültige Gesetzmäßigkeit setzte sich in den USA unter spezifischen historischen Bedingungen durch. Sie waren vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es keine feudale Vergangenheit gab. Zugleich existierte jedoch die Sklaverei, nicht als eine historische vorangegangene Gesellschaftsformation, sondern als widerspruchsvoller Bestandteil der sich entwickelnden kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Sie waren weiterhin von dem völligen oder teilweisen Fortfall eines Bodenmonpols bestimmt. 1

Wird das Entstehen der USA allgemein dadurch charakterisiert, dass hier „Die Geschichte anfängt mit den im 17. Jahrhundert schon herausgearbeiteten Elementen der modernen bürgerlichen Gesellschaft“2, so trifft dies nicht weniger auf die Herausbildung der bürgerlichen Demokratie, des bürgerlichen Nationalstaates und des bürgerlichen Rechtssystems der USA zu.

Die Vereinigten Staaten von Amerika traten als bürgerlicher Staat in die Weltgeschichte ein. Seine Existenz war nicht das Ergebnis der Überwindung eines Feudalstaates, wohl aber das Resultat zweier siegreicher bürgerlicher Revolutionen. Die eine Revolution verlief in Form eines revolutionären kolonialen Befreiungskrieges und die andere in der eines Bürgerkrieges.

Die Herausbildung und Festigung der bürgerlichen Demokratie, des bürgerlichen Nationalstaates und des bürgerlichen Rechtssystems in den USA wurden in ihren allgemeinen Wesensmerkmalen und spezifischen Besonderheiten entscheidend von dem Charakter, dem Verlauf und den Ergebnissen jener beiden Revolutionen bestimmt. Deshalb muss diesen Revolutionen bei der Einschätzung der politischen und juristischen Institutionen und Anschauungen, wie sie sich in dieser Periode in den USA herausgebildet haben, eine Schlüsselstellung eingeräumt werden.

Die ersten Elemente der neuen politisch-staatlichen und juristischen Institutionen entstanden, als sich die kapitalistischen Produktionsverhältnisse in den englischen Kolonien Amerikas allmählich entwickelten.3 Auf diese Periode soll daher zunächst die Aufmerksamkeit gelenkt werden.

Bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts gründeten Franchis Drake im heutigen Kalifornien und Walter Raleigh im heutigen Virginia erste englische Niederlassungen auf amerikanischem Boden. Konnten sich diese Ansiedlungen zunächst auch nicht halten, so nahm die englische Kolonisation Nordamerikas zu Beginn des 17. Jahrhunderts doch einen raschen Aufschwung. Ohne die bewegte Geschichte der einzelnen Kolonien, in denen sich zum Teil erst nach mehreren erfolglosen Versuchen der Siedler Dauerniederlassungen bildeten, hier näher zu verfolgen, wie erwähnt, dass im Jahre 1607 mit der Kolonie Virginia die erste auf eine königliche Charter (die Charter – Erlass- stammt aus dem Jahre 1606) zurückgehende englische Kolonie Nordamerikas entstand. Wenig später erfolgte die Gründung der Kolonien Massachusetts, Rhode Island, Connecticut und Maryland. Bis zum Jahre 17333 hatten sich schließlich jene 13 englischen Kolonien herausgebildet, die sich 1776 als die Vereinigten Staaten von Amerika konstituierten.4 

Die ökonomische Basis der Kolonien wies bei allen gemeinsamen Wesensmerkmalen, die sich aus der Herausbildung kapitalistischer Produktionsverhältnisse ergaben, recht unterschiedliche Züge auf. In allen Kolonien existierten zum Beispiel große Landbesitzungen. Am stärksten zeigte sich diese Erscheinung im Süden. Dort waren die großen Plantagen der Sklavenhalter vorherrschend. In anderen Kolonien versuchten einige Großgrundbesitzer feudal-aristokratische Verhältnisse zu schaffen; andere gaben ihre Ländereien in Erbpacht oder teilten sie in kleinere Parzellen auf und verkauften sie.5 

Ausdruck des Klassenkampfes war es, dass andererseits landsuchende Siedler noch nicht von Weißen besetztes Land in Besitz nahmen, zumeist indem sie es den Ureinwohnern einfach wegnahmen. Besonders im Norden und später im Westen entstand dadurch eine landwirtschaftliche Produktion, die häufig von Bauern auf einem kleinen Stück Land betrieben wurde. Damit war eine ökonomische Basis geschaffen, aus der sich schließlich im entscheidenden Maße die radikal-demokratischen Züge der bürgerlichen Revolution Nordamerikas herausbildeten. „So nahm schon im Jahre 1635 eine Gruppe von Kolonisten in Massachusetts, die mit Beschränkungen auf agrarischem und politischem Gebiet sowie mit den religiösen Verfolgungen der Puritaner unzufrieden waren, unrechtmäßigerweise Land in Besitz und gründete die Kolonie Connecticut. Auf dieselbe Weise gründete 1636 eine andere Gruppe von Kolonisten unter Führung von Williams die Kolonie Rhode Island. Das waren die ersten Squatter, in denen sich die Tendenz des sogenannten ‚amerikanischen‘ Entwicklungsweges des Kapitalismus in der Landwirtschaft verkörperte. Er ist gekennzeichnet durch freies bäuerliches Eigentum an Grund und Boden und durch eine von feudalen Überesten freie Entwicklung der kapitalistischen Verhältnisse.“6

Besonders in Hafenstädten der Ostküste, so vor allem in Boston, Philadelphia und New York, entwickelte sich mit der Ausbreitung von Handel und Gewerbe, Piraterie und Schmuggel die Handels-, Bank- und später die Industriebourgeoisie.

Der politische Überbau über den Basisverhältnissen der einzelnen Kolonien war, worauf besonders Kuczynski hinweist7, kompliziert. Das bedingten allein schon die großen geografischen Entfernungen und das gering entwickelte Verkehrs- und Nachrichtenwesen. Die Kolonien standen nur in lockeren Beziehungen zueinander und wurden auch getrennt voneinander verwaltet.

Die amerikanischen Kolonien übernahmen die entscheidenden politischen und juristischen Einrichtungen, wie die Verwaltung, die parlamentarischen Körperschaften, die Gesetze (das Common Law) und die Rechtsprechung, von England als der „Metropole“. So entstand im Jahre 1619 in Virginia die erste parlamentarische Körperschaft auf amerikanischem Boden in der Form einer gewählten Siedlervertretung. Die Wahl dieses Parlaments von 22 Abgeordneten, dem eingewanderte Mitglieder des englischen Adels und reiche Kaufleute angehörten-die armen weißen Siedler waren von der Wahl ausgeschlossen-bedurfte noch der Bestätigung durch die Virginia Company in London. In ihrer „Verordnung für Virginia“ aus dem Jahre 1621 forderte die Virginia Company die parlamentarischen Körperschaften der Kolonie auf, „möglichst vollständig Regierungsweise, Gesetze, Sitten, Gerichtsverfahren und sonstige Justizverwaltung dem im Königreich England herrschenden Brauch anzunähern und anzugleichen, wozu wir auch durch seiner Majestät Freibrief angehalten sind“8.

Die Abgeordneten der Kolonie Virginia betonnten jedoch bereits 1623 ihr Recht, die Steuern selbst festzulegen und zu erheben, eine Forderung, die zweifellos schon den ersten Keim einer Einschränkung der kolonialen Hoheitsbefugnisse der englischen Krone enthielt.

Die Rechtsstellung der Kolonien wies gewisse Unterschiede auf, so die einer Kronkolonie, einer Eigentümerkolonie oder einer Freibriefkolonie. Kronkolonien waren unmittelbares Eigentum der englischen Krone. Die für das englische Königshaus bedeutendste Kronkolonie war Virginia. Zunächst befand sie sich im Besitz von Aktiengesellschaften, ehe der englische König Jacob I. sie 1624 in eine Kronkolonie umwandelte. Die Besiedlung Virginias erfolgte auf kapitalistischer Grundlage durch zwei Aktiengesellschaften, die in London bzw. Bristol ihren Sitz hatten. Zwischen diesen beiden Gesellschaften mit einigen hundert Aktionären wurde ebenfalls auf Grund einer königlichen Charter nordamerikanisches Siedlungsgebiet aufgeteilt. Dabei erhielt die Londoner Gesellschaft Süd-Virginia und die Bristoler Gesellschaft Nord-Virginia.

Das sich herausbildende Grundeigentum war die Basis für das Entstehen der sogenannten großen Familien wie der Byrds und Washingtons, die als führende Vertreter der herrschenden Klasse später maßgeblichen Einfluss auf die Politik der Vereinigten Staaten von Amerika nahmen.

Virginia stellte auch in seiner politisch-juristischen Struktur das ausgeprägteste Beispiel einer englischen Kronkolonie auf amerikanischem Boden dar: An der Spitze stand der vom englischen König eingesetzte Gouverneur, der die erste Kammer, den Staatsrat ernannte. Weiße Großgrundbesitzer, Kaufleute und Beamte gingen in Wahlen als Abgeordnete der zweiten Kammer, der Allgemeinen Versammlung, hervor. Diese Kammer besaß die Gesetzgebungsbefugnis. Gegen die Beschlüsse der Allgemeinen Versammlung konnte der Gouverneur Einspruch erheben.

Eigentümerkolonien waren jene (so Delaware, Maryland, Pennsylvania), in denen der englische König durch einen Erlass (Charter) Handelsgesellschaften oder einzelnen Vertretern des Adels den Grund und Boden der Kolonie übertrug und sich selbst lediglich bestimmte lehensrechtliche Befugnisse vorbehielt. So erhielt der zweite Lord Baltimore und der erste „Lord Proprietor of Maryland“, Cecil, dessen Vater ein Freund von Jacob I. war, das gesamte Gebiet von „Mary’s Land“ als Besitz mit dem Recht der „persönlichen Regierung“. Die Baltimores hatten in der Eigentümerkolonie Maryland damit auch das Recht Beamte zu ernennen, Münzen auszugeben und Adelstitel zu verleihen. Nach dem Vorbild Marylands wurde auf Grund einer königlichen Charter auch die Eigentümerkolonie Pennsylvania, eine der reichsten Kolonien an der amerikanischen Westküste, von dem wohlhabenden Quäker William Penn gegründet. Die Familie Penn verfügte bald über den größten Landbesitz in den amerikanischen Kolonien. Besonders charakteristisch für die politisch-juristischen Überbaueinrichtungen der Eigentümerkolonien waren die Institutionen der Kolonie Pennsylvania.

Bereits in seinem ersten „Frame of Government“ (1632) setzte sich William Penn als Gouverneur seiner Kolonie ein. Die von ihm wenig später erlassene „Charter of Privileges“ (1700), die bis 1776 die Verfassung dieser Kolonie blieb, sah einen Gouverneur, einen Rat (Council) und eine Versammlung (Assembly) vor. Den Rat wählten die wohlhabenden Steuerzahler. In die Versammlung kamen je vier gewählte Personen aus jeder Grafschaft nach einem Wahlrecht, das auf einem Eigentumszensus beruhte.

Freibriefkolonien schließlich waren solche, in denen die Siedler, die zumeist aus religiösen Gründen England verlassen hatten, unter der Oberhoheit der Krone auf Grund eines königlichen „Freibriefes“ eine stärker ausgeprägte Selbstverwaltung ausübten (New Plymouth in Massachusetts, New Haven in Connecticut und die verschiedenen Rhode-Island-Gründungen).

Im Freibrief, den Karl II. 1663 für Rhode Island erteilte und der bis zur Verfassung von 1842 galt, heißt es: „Um das hoffnungsvolle Unternehmen Unserer genannten treuen und geliebten Untertanen zu unterstützen und ihnen freie Ausübung und Genuss aller ihrer bürgerlichen und religiösen Rechte…zu gewährleisten und ihnen die Freiheit im wahren christlichen Glauben und Gottesverehrung zu erhalten, …erklären wir hiermit,…dass niemand innerhalb der genannten Kolonie künftig wegen irgendwelcher religiöser Meinungsunterschiede belästigt, bestraft, beunruhigt oder vorgeladen werden darf, sofern er nicht den bürgerlichen Frieden der genannten Kolonie tatsächlich stört.“9

Zu den Siedlern, die aus religiösen Gründen England verlassen und bereits in Holland Zuflucht gesucht hatten, gehörten auch jene 41 Männer vornehmlich bürgerlicher Herkunft, die mit ihren Familien und ihrer Dienerschaft als „Pilgerväter“ am 22. Dezember 1620 mit der „Mayflower“ am Plymounthfelsen landeten und sich in einem Vertrag gegenseitig verpflichteten, als treue Untertanen der englischen Krone, jedoch nach selbstgegebenen Gesetzen das Land zu besiedeln. Dieser als „Mayflower Covenant“ bezeichnete Vertrag vermittelt einen charakteristischen Einblick in die Vorstellungen jener ersten Siedler der englischen Kolonien Nordamerikas: „Wir die Unterzeichner dieses, treue Untertanen unseres erhabenen Herrschers und Herrn König Jakob I., …haben zur Ehre Gottes und zur Ausbreitung des christlichen Glaubens und zum Ruhm von König und Vaterland eine Fahrt unternommen, um die erste Kolonie in den nördlichen Teilen von Virginia zu gründen. Und wir kommen hiermit feierlich und wechselseitig, vor Gottes Angesicht und voneinander, überein und vereinigen uns selbst zu einem bürgerlichen politischen Körper; zur besseren Ordnung unter uns und zu Schutz und Förderung der obengenannten Absichten; und kraft dieses wollen wir von Zeit zu Zeit verordnen, errichten und einrichten rechte und billige Gesetze, Verfügungen, Erlasse, Einrichtungen und Ämter, wie es uns am zuträglichsten und zweckmäßigsten für das allgemeine Wohl der Kolonie erscheint“10

Der „Mayflower Covenant“ enthielt somit bereits erste Vorstellungen über eine Verfassung.

Bei allen Unterschieden überwogen jedoch die Gemeinsamkeiten in den Institutionen des politisch-juristischen Überbaus der Kron-, Eigentümer- und Freibriefkolonien. So übten stets die Gouverneure, ob von der englischen Krone oder den Eigentümer eingesetzt, die exekutive Gewalt aus. Sie kontrollierten die gesamte innere Verwaltung der Kolonien und verfügten über das Kommando der kolonialen Streitkräfte. Als Vertreter der englischen Krone besaßen sie das Recht, untergeordnete Beamte zu ernennen. Sie kontrollierten auch den Außenhandel der Kolonien. Die gesetzgebenden Organe bestanden im Allgemeinen aus zwei Kammern, und zwar aus einem vom Gouverneur ernannten Oberhaus (Council) und einem durch einschränkende Wahlzensen (Eigentum, Rasse) gewählten Unterhaus (Assembly). Das Unterhaus besaß das Recht, Gesetze zu erlassen. Gegen die Gesetze konnten jedoch der Gouverneur Einspruch einlegen, und sie bedurften in allen Kolonien, außer in Connecticut, Maryland und Rhode Island, bevor sie rechtskräftig wurden, der Zustimmung des englischen Königs. Zugleich war der königliche Privy Council als höchste Berufungsinstanz berechtigt, Entscheidungen der kolonialen Gerichte zu revidieren.

Die sich in den Kolonien herausbildenden politischen und juristischen Institutionen schlugen sich juristisch in Verfassungen nieder, von denen vor allem die „Fundamental Orders of Connecticut“ (1638) hervorzuheben sind.11

Unter dem „Dach“ des durch England errichteten Kolonialstatus verschärften sich insbesondere in der Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmend die ökonomischen, politischen und ideologischen Widersprüche zwischen England und den amerikanischen Kolonien. In den eineinhalb Jahrhunderten von der ersten Besiedlung durch Einwanderer aus Europa bis zum Vorabend der ersten bürgerlichen Revolution auf amerikanischem Boden war die Bevölkerungszahl, gemessen an damaligen Verhältnissen, beträchtlich gestiegen. Betrug sie im Jahre 1610 nur 350 (Virginia), 1650 etwas mehr als 50 000 und 1700 251000, so war sie bis zum Jahre 1770 bereits auf 2,1 Millionen Menschen gestiegen.12

Allein in zwei Jahrzehnten, von 1750 bis 1770, hatte sich die Bevölkerung in den amerikanischen Kolonien von 1,2 auf mehr als 2 Millionen Menschen erhöht. Die meisten arbeiteten in der Landwirtschaft. Besonders in den Plantagen betriebene landwirtschaftliche Großwirtschaft erzeugte Produkte für den Export. Hauptausfuhrartikel im Jahre 1770 waren Tabak, Weizen, Mehl, Brot, Fisch, Reis und Indigo.

Daneben verstärkte sich jedoch die gewerbliche Produktion, und hier vor allem der Schiffbau und die Eisenherstellung. Namentlich der Schiffbau und er sich ausdehnende Handel der Kolonien auf eigenen Schiffen entwickelte sich bald zu einer ernsthaften Konkurrenz für das englische „Mutterland“. Der Anteil der englischen Kolonien an der Erzeugung von Eisen betrug 1775 bereits ein Siebentel der Weltproduktion.

Die ökonomische Entwicklung der Kolonien und die Bedürfnisse ihrer weiteren Entfaltung widersprachen auf diese Weise mehr und mehr den Interessen und der Politik der englischen Kapitalisten und Grundherren, die, wie der amerikanische marxistische Historiker Willam Z. Foster feststellt, davon ausgingen, „dass die amerikanischen Kolonien mitsamt ihren Einwohnern eigens zum besonderen Nutzen der englischen herrschenden Klassen geschaffen worden seien“. Deshalb scheuten diese auch keine Mühe, „die unabhängige wirtschaftliche und politische Entwicklung der Kolonien zu ersticken“.13

Der englische König George I. erklärte in seiner Thronrede vom 19. Oktober 1721 unumwunden, seine Politik sei darauf gerichtet, die Kolonien in die sie mit denen Englands „direkt in Konkurrenz treten würden“. 14

Die Politik der herrschenden Klassen Englands zielte vor allem darauf ab, sich die Kolonien als Rohstoffquelle für die englische Industrie wie auch als gesicherten, ausdehnungsfähigen Markt für englische Industrieprodukte zu erhalten. Dem diente eine Anzahl vom englischen Parlament erlassener Gesetze, die jeden Handel der Kolonien mit anderen Ländern mit solchen Waren, die England selbst benötigte, verboten, die Ausfuhr von Fertigwaren und selbst die Produktion bestimmter Fertigwaren in den Kolonien untersagten und den Handel mit den Kolonien englischen Schiffen und Kaufleuten vorbehielten. Als ein Beispiel englischer Kolonialpolitik sei die gegen die nordamerikanischen Wollmanufakturen gerichtete Verordnung von 1699 genannt, in der es hieß: „Nach dem 1. Dezember 1699 darf keine Wolle, noch Artikel aus Wolle oder mit Wolle gemischt, falls sie Erzeugnis einer englischen Plfanzung in Amerika sind, in ein Schiff oder Fahrzeug unter irgendeinem Vorwand verladen, noch auf ein Pferd, einen Karren oder ein anderes Fuhrwerk geladen werden, um aus einer englischen Pflanzung in eine andere oder an irgendeinen anderen Ort verfrachtet zu werden.“15

Foster stellt dazu fest: „Von Anfang an hatten die englischen Herrscher immer wieder Schifffahrtsgesetze erlassen, die den englischen Schiffseignern das Monopol am Kolonialhandel gewährten; dazu kamen Handelsgesetze, die den englischen Kaufleuten den rentabelsten Kolonialhandel zu Monopolpreisen vorbehielten, Industriegesetze, die die Interessen der englischen Fabrikanten auf Kosten der Fabrikanten in den Kolonien schützten, und Finanzgesetze, die den Kolonien die Ausgabe von Papiergeld verboten und darauf angelegt waren, die kolonialen Schuldner in Abhängigkeit von den englischen Gläubigern zu halten, usw.“16

Unzufriedenheit mit der Politik des „Mutterlandes“ breitete sich jedoch nicht nur bei den Reedern, Kaufleuten, die oft zugleich Piraten waren, und den Gewerbetreibenden der Kolonien aus, sondern auch bei den Plantagenbesitzern des Südens. Da sie vom Export ihrer Erzeugnisse nach England abhingen, mussten sie hinnehmen, dass die englischen Kapitalisten Willkürlich die Preise für Waren festsetzten, die aus den amerikanischen Kolonien nach England verkauft oder von dort bezogen werden mussten. Die Kolonialgesetze wie auch die gesamte Politik Englands gegenüber den amerikanischen Kolonien wirkten sich jedoch in erster Linie nachteilig auf die Lage der Werktätigen, besonders der kleinen Farmer, des städtischen Kleinbürgertums und der Lohnarbeiter aus.17

Das trat besonders deutlich hervor, als die englischen herrschenden Klassen nach dem Ende des siebenjährigen Krieges gegen Frankreich (1763) im wesentlich stärkeren Maße dazu übergingen, die Kolonien auszuplündern und darüber hinaus noch einen großen Teil der Kriegslasten auf die Kolonien abzuwälzen. Die jahrzehntelangen Kriege Englands vom Ende des 17. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts hatten das „Mutterland“ davon abgehalten, sich intensiver mit den amerikanischen Kolonien zu befassen. Das nutzten die amerikanischen Kapitalisten, aber auch die vom wirtschaftlichen Aufschwung der Kolonien profitierenden Kolonialbeamten aus, um die Kolonialgesetze zu umgehen und ihre eigenen ökonomischen Interessen zu verfolgen. Die amerikanischen Reeder und Kaufleute zogen ebenfalls beträchtliche Profite aus Handel, Schmuggel und Piraterie, die sie während der Kriege Englands immer ausgedehnter betrieben. Die reiche Oberschicht sah diese Vorteile gefährdet, als sich die englischen herrschenden Klassen stärker den amerikanischen Kolonien zuwandten. So hatte schon der 1764 vom englischen Parlament erlassene „Revenue Act“ scharfe Proteste in den Kolonien hervorgerufen, die sich wesentlich verstärkten, als 1765 der „Stamp Act“ folgte. Danach wurde eine Stempelsteuer auf alle Drucksachen und juristischen Dokumente erhoben. Das betraf nicht nur die Oberschicht der Kolonien, sondern die gesamte Bevölkerung. Ähnliche Erbitterung rief der im gleichen Jahr erlassene „Quartering Act“ über die Einquartierung englischer Soldaten in den Wohnungen der Bevölkerung hervor.

Diese und andere Maßnahmen, die sich mit einer höchst arroganten Haltung der herrschenden Klassen Englands gegenüber der Entwicklung in den Kolonien vereinten, verstärkten rasch die oppositionelle Haltung aller Klassen und Schichten in den Kolonien. Es kam zu ersten Zusammenstößen mit den englischen Soldaten, wobei das „Boston Massacre“ vom 5. März 1770, bei dem Soldaten vier Arbeiter töteten, für die Entwicklung der revolutionären Situation besondere Bedeutung erhielt. Die englische Krone erließ 1773 den „Tea Act“, der der East India Company das Einfuhrmonopol für Tee in die amerikanischen Kolonien einräumte und eine hohe Importsteuer für Tee auferlegte. Daraufhin warf eine als amerikanische Ureinwohner verkleidete Gruppe (zur Verkleidung siehe Wikipedia) von Männern auf Initiative des wohlhabenden Schiffseigentümers und Schmugglers Hancock die Teeladung von im Hafen von Boston ankernden englischen Schiffen ins Wasser. Nach diesem auch als Bostoner „Tea-Party“ bezeichneten Zwischenfall sprach die englische Regierung davon, dass nunmehr Krieg gegen die Rebellen geführt werden müsse.

Die Vernichtung von Tee bei der Boston Tea Party, Lithografie von Sarony & Major, 1846

Bildquelle: Von Nathaniel Currier – https://springfieldmuseums.org/collections/item/the-destruction-of-tea-at-boston-harbor-nathaniel-currier/, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6354651

Bild entnommen aus Wikipedia

Am 19. April 1775 kam es an einer Brücke bei Lexington (Concord) zu einem Gefecht zwischen Farmern und englischen Soldaten, das seinen Widerhall in der ganzen Welt fand: „Heard around the world“. Der Unabhängigkeitskrieg des amerikanischen Volkes gegen das englische Kolonialjoch, die erste bürgerliche Revolution auf amerikanischem Boden, war ausgebrochen.

Schon in seinem 1748 erschienenen Reisebericht über die englischen Kolonien hatte der schwedische Naturwissenschaftler Peter Kalm festgestellt: „Engländer, und zwar nicht nur in Amerika geborene, sondern sogar aus Europa zugereiste, sagten mir, dass die englischen Kolonien in Nordamerika in etwa dreißig oder fünfzig Jahren imstande sein dürften, ein selbstständiges, von Altengland völlig unabhängiges Staatswesen zu bilden.“18

Dabei war es keineswegs so, dass die führenden Kräfte in den englischen Kolonien – selbst dann nicht, nachdem das englische Parlament verschärfende Gesetze erlassen hatte – sich sofort vom „Mutterland“ trennen und einen unabhängigen Staat bilden wollten. Sie traten vielmehr zunächst für eine eigenständige kapitalistische Entwicklung unter der Vorherrschaft der englischen Krone ein, wobei über Charakter und Umfang dieser Oberhoheit schon unterschiedliche Auffassungen bestanden.

Der Konflikt zwischen den Kolonien und dem „Mutterland“ spiegelte sich ideologisch vor allem in den politischen Theorien der führenden Theorien der bürgerlichen Kräfte in den Kolonien wider. Das betraf besonders ihre Auffassungen über die Rechte und Freiheiten der Bürger in den Kolonien, über die Grenzen der Verbindlichkeit der vom englischen Parlament erlassenen Gesetze und über die von der Vertragstheorie ausgehende Gleichstellung der parlamentarischen Körperschaften der Kolonien mit dem Parlament in London unter der Oberhoheit der englischen Krone.

So forderte der Bostoner Kaufmann und Jurist Adams, dass die vom englischen Parlament erlassenen und die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonien knebelnden Gesetze für ungültig erklärt werden müssten, weil sie ohne Billigung der Kolonien zustande gekommen seien, die keine eigenen Abgeordneten in das Parlament nach London entsenden durften. In der Bostoner Stadtversammlung bekannte sich Samuel Adams aber auch bereits zum Selbstbestimmungsrecht, das -konsequent verwirklicht – nur die Unabhängigkeit von England bedeuten konnte. In der gesetzgebenden Körperschaft von Virginia verkündete der Abgeordnete Patrick Henry das Recht auf Selbstbesteuerung als ein Naturrecht, das den Bürgern der Kolonien durch die Steuergesetzgebung des englischen Parlaments nicht beschnitten werden dürfe. John Dickinson aus Pennsylvania suchte deinen Kompromiss, indem er zwischen „äußerer“ und „innerer“ Besteuerungsunterschied. Er räumte dem englischen Parlament die Befugnis der Handels- und Zollgesetzgebung, den Kolonien aber alle anderen Rechte der Steuergesetzgebung ein. Und James Otis aus Boston glaubte das englische Parlament zu einer für die Kolonien vorteilhafteren Gesetzgebung veranlassen zu können, wenn es den Vorrang der verfassungsmäßigen Rechte und Freiheiten vor den Entscheidungen des Parlaments betonen würde.

Noch ging es den führenden bürgerlichen Kräften darum, die bedrückenden Kolonialgesetze für nichtig zu erklären, ohne damit auch den Bruch mit der englischen Krone zu vollziehen. Charakteristisch dafür sind die Beschlüsse des „Stempelsteuer-Kongresses“ vom 19 Oktober 1765, in denen die Vertreter von Connecticut, Delaware, Maryland, Massachusetts, New Jersey, New York, Pennsylvania, Rhode Island und South Carolina um die Rücknahme der Sondermaßnahmen, insbesondere der Stempelsteuer, ersuchten. Es heißt dort: „I. Dass die Untertanen seiner Majestät in diesen Kolonien der Krone Großbritanniens die Ergebenheit schulden, die für seine innerhalb des Rechs geborenen Untertanen Pflicht ist, und dass sie der erhabenen Körperschaft des Parlaments von Großbritannien alle schuldige Unterordnung zu leisten haben. II. Dass Seiner Majestät pflichtschuldige Untertanen in diesen Kolonien zu allen angeborenen Rechten und Freiheiten seiner im Königreich Großbritannien geborenen Untertanen berechtigt sind. III., Dass es ein unzertrennlicher Bestandteil der Freiheit eines Volkes und das unzweifelhafte Recht von Engländern ist, dass ihnen Steuern nur mit ihrer eigenen, persönlich oder durch ihre Vertreter erteilten Zustimmung auferlegt werden. IV.Dass die Bevölkerung dieser Kolonien im Unterhaus von Großbritannien nicht vertreten ist und wegen der räumlichen Entfernung nicht vertreten sein kann. V. Dass die Vertreter der Bevölkerung dieser Kolonien nur Personen sein können, die daselbst von ihr gewählt wurden, und dass ihr niemals Steurern auferlegt wurden noch verfassungsmäßig auferlegt werden können, außer durch ihre entsprechenden gesetzgebenden Körperschaften… VIII. Dass die Stempelsteuerakte, die den Einwohnern dieser Kolonien Steuern auferlegt, und mit ihr verschiedene andere Akte…, offenbar den Umsturz der Rechte und Freiheiten der Kolonisten erstreben. IX. Dass die durch verschiedene Parlamentsgesetze kürzlich auferlegten Abgaben wegen der besonderen Umstände dieser Kolonien außerordentlich schwere und drückende Lasten mit sich bringen…XII. Dass Wachstum, Wohlergehen und Glück dieser Kolonien vom vollen und freien Genuss ihrer Rechte und Freiheiten sowie von einem gegenseitig freundschaftlichen und gewinnbringenden Verkehr mit Großbritannien abhängen.“19

Besonders die Forderung „no taxation without representation“, die beinhaltete, dass keine Steuern ohne Zustimmung der Kolonien festgesetzt werden sollten bzw. dass die Kolonien die Steuern selbst festlegen, fand unter der Bevölkerung der Kolonien weite Verbreitung und Unterstützung. Sie brachte deutlich das Streben nach größerer Selbstständigkeit im Rahmen des englischen Königreichs zum Ausdruck. Auch solche bedeutenden politischen und geistigen Führer der ersten bürgerlichen Revolution Amerikas wie Benjamin Franklin und Thomas Jefferson traten noch, unmittelbar bevor der Unabhängigkeitskrieg ausbrach, für ein Verbleiben der Kolonien unter der Oberhoheit der englischen Krone ein. Voraussetzung sei allerdings, dass die englische Krone ihre Haltung gegenüber den Kolonien entscheidend ändere und den Kolonien die Rechte und Freiheiten für eine ungehinderte-kapitalistische– Entwicklung gewähre. Franklin legte 1770 seine These über die Unabhängigkeit der Kolonien vom englischen Parlament dar, das in „Machtanmaßung“ die „Autorität an sich gerissen“ habe, „Gesetze zu erlassen“.20

Wie Franklin sprach sich auch Thomas Jefferson 1774 in seiner Flugschrift „A summary view of the rights of Britisch America“ dafür aus, dass die Kolonien nicht mehr an die Gesetzgebung des englischen Parlaments gebunden sein sollten, jedoch noch dem englischen König unterstehen müssten. Der König sei aber als „oberster Beamter des Britischen Reiches“ der Souveränität des Volkes verpflichtet.21

Um so schärfer erfolgt jedoch nur wenig später auf der politischen und ideologischen Grundlage von Thomas Jefferson verfassten Unabhängigkeitserklärung („Declaration of Independence“) der völlige Bruch mit England und die Bildung eines unabhängigen bürgerlichen Nationalstaates. Was hatte diesen revolutionären Umschwung herbeigeführt? 

Die Erklärung liegt vor allem in der Verteilung der Klassenkräfte und in der Entwicklung der revolutionären Ereignisse selbst.

Die in den Kolonien herrschenden Klassen, die Großgrundbesitzer, die reichen Kaufleute und die Unternehmer, verhielten sich zu der historischen Aufgabe, den Kolonialstatus zu beseitigen und die politische Unabhängigkeit zu erringen, keineswegs einheitlich.

Da war zunächst die Gruppe der „Loyalisten“, die auf Seiten Englands stand und sich von Anfang an entschieden gegen jede revolutionäre Entwicklung wandte. Zu dieser Gruppe gehörten zahlreiche Großgrundbesitzer im Norden und Süden, jedoch auch Großkaufleute sowie die englischen Beamten und Angehörige der hohen anglikanischen Geistlichkeit. Über ihre Haltung und ihr Schicksal während und nach der Revolution schreibt Foster: „Im Verlaufe des ganzen Krieges sabotierten sie den Kampf, und am Ende des Krieges flohen etwa hunderttausend von ihnen nach Kanada, den Bahamas oder nach Großbritannien…Nach dem Krieg wurden viele von ihnen vom Volk enteignet. Dieser Verlauf der Dinge, so sagte Hardy, trug weitgehend dazu bei, die Bodenmonopole und grundbesitzende Aristokratie, die von der englischen Politik so gefördert worden waren, zu zerschlagen“.22

Bei den Kaufleuten, Unternehmern und Großgrundbesitzern, die mit der Revolution mitgingen, gab es auch einen konservativen und einen liberalen Flügel.23

Zum konservativen Flügel zählten der überwiegende Teil der Handelsbourgeoisie und des gewerblichen Bürgertums, das gerade von Armeeaufträgen profitierte, sowie ein nicht unerheblicher Teil der Großgrundbesitzer, darunter jene, die an England verschuldet waren und sich vom erfolgreichen Verlauf eines Krieges gegen England die Löschung ihrer Schulden versprachen. Die Mehrheit der offiziellen Führer im revolutionären Krieg, so George Waschington, zu Beginn des Unabhängigkeitskrieges selbst noch einer größten Sklavenbesitzer, Alexander Hamilton, John Jay und Joseph Galloway, gehörte diesen Kreisen an.

Zum liberalen Flügel der Bourgeoisie und Plantagenbesitzer bildeten solche bedeutenden Staatsmänner und Wissenschaftler ihrer Zeit wie Thomas Jefferson, zu diesem Zeitpunkt auch noch ein Sklavenbesitzer, Benjamin Franklin, Samuel Adams, Henry Gadsden und Isaac Sears.

Zunehmend revolutionären Charakter nahm die Bewegung gegen die englischen Kolonialfesseln jedoch vor allem durch die kleinen Farmer, Handwerker und Lohnarbeiter an, die zur „Hauptkraft des sich verschärfenden revolutionären Kampfes gegen das Mutterland“24 wurden.

„Die kleinen Farmer“, stellt Foster fest, „bildeten auch das Gros der Streitmacht der Revolution. Sie waren eine revolutionäre Kraft und kämpften nicht nur für die vollständige Unabhängigkeit von England, sondern auch gegen die Bodenmonopolisten in den Kolonien.“25

Der amerikanische marxistische Historiker Herbert Aptheker bezeichnet den organisierten Widerstand der Volksmassen als den wichtigsten Wesenszug der amerikanischen Revolution. Wenn auch genaue Angaben fehlen, spricht nach Aptheker alles dafür, dass mindestens 70 Prozent der Bevölkerung den revolutionären Kampf tatkräftig und bewusst unterstützten.26Aptheker nennt drei Hauptfaktoren, deren Zusammenwirken zur ersten bürgerlichen Revolution auf amerikanischem Boden führte: „Die waren erstens die Widersprüche zwischen der Kolonialmacht und den Kolonisten. Die waren zweitens die in den Kolonien entstandenen Widersprüche, in denen die Klassendifferenzierung zum Ausdruck kam, wobei jedes Mal, wenn diese Widersprüche zu einer politisch brisanteen Situation führten, die Macht Großbritanniens für den Schutz des ‚Status quo‘, gegen die Kräfte des Volkes gebraucht wurde. Die war drittens, dass sich im Verlaufe mehrerer Generationen die Empfindung herausbildete, zwischen dem ‚Amerikaner‘ und dem Engländer bestehe ein Unterschied; es formierte sich also eine neue Nation und folglich ein eigenständiges Nationalbewusstsein.“27

So bestätigte sich auch in der ersten bürgerlichen Revolution auf amerikanischem Boden, dass die werktätigen Massen oft konsequenter für die Durchsetzung der geschichtlichen Aufgabe, die vor den herrschenden Klassen stand, kämpften als die herrschenden Klassen selbst. „…sie wirkten gelegentlich gegen die herrschende Klasse für deren Interessen, die, da das Bürgertum der Bannerträger des Fortschritts war, auch die historischen Interessen der Werktätigen darstellten.“28

Der Druck der werktätigen Massen bewirkte einen raschen Verlauf der revolutionären Ereignisse. Auf dem 1. Kontinentalkongress der vom 5. September bis zum 26. Oktober 1774 in Philadelphia tagte, waren die Vertreter der herrschenden Klasse, die für einen Kompromiss mit England eintraten und eine bewaffnete Auseinandersetzung vermeiden wollten, noch in der Mehrheit. Unter den Abgesandten waren auch einige „Loyalisten“, die bald offen in das konterrevolutionäre Lager übergingen. In mehreren Resolutionen sprach sich der Kongress für die Rückkehr zu dem Zustand aus, der vor dem Erlass verschärfender Gesetze gegen die Kolonien, also vor 1763, bestanden hatte. Zugleich verabschiedete er eine „Erklärung der Rechte und Beschwerden“ (Declaration of Rights and Grievances) sowie eine Petition an den englischen König. Auch rief er die Kanadier auf, ein Bündnis mit den Kolonien einzugehen und ihre eigenen Rechte gegenüber der englischen Krone zu vertreten.

Ein Beschluss des 1. Kontinentalkongresses zu Philadelphia erlangte jedoch für die Herausbildung der neuen Staatsorgane im revolutionären Unabhängigkeitskrieg besondere Bedeutung. Unter der Bezeichnung „The Association“ entstand ein System von „Überwachungsausschüssen“, die den Boykott englischer Waren kontrollieren sollten. Diese Ausschüsse, die den bereits ein Jahr zuvor gebildeten „Korrespondenzausschüssen“ unterstellt wurden, spielten in der Entwicklung der Revolution eine bedeutsame Rolle. Sie koordinierten bald alle antienglischen Aktivitäten, hielten die Verbindungen zwischen den einzelnen Kolonien aufrecht bzw. festigten sie und waren in der Bevölkerung propagandistisch, aufklärend tätig. Später bildeten sie sich in „Sicherheitsauschüsse“ um, die sowohl militärische als auch administrative und repressive Ermächtigungen zum Vorgehen gegen die konterrevolutionären Kräfte der „Loyalisten“ erhielten. Über die Tätigkeit des Bostoner „Korrespondenzausschusses“ schreibt der bürgerliche Historiker Willi Paul Adams: „Im November 1772 setzte das town meeting von Boston auf Anregung Samuel Adams‘ ein Committee of Correspondence von 21 Männern ein. Völlig unabhängig von Gouverneur und General Court konnte dieser Ausschuss so oft zusammentreten, wie er es für nötig hielt, und eine Politik betreiben, die er nur vor dem town meeting zu rechtfertigen brauchte. Der Ausschuss brachte politische Artikel in die Zeitungen und veröffentlichte eigene Handzettel und Plakate. Er forderte alle Gemeinden von Massachusetts zur Bildung gleichartiger Ausschüsse auf. Die Mehrzahl der Gemeinden folgte der Aufforderung, und das Bostoner Komitee entwickelte sich zu einer Informations- und Agitationszentrale, wie sie dem Gouverneur nie zu Diensten gestanden hatte.“29

Zusammenfassend charakterisiert Foster diese Organe folgendermaßen: „Für den Kampf gegen die Briten besaß die Kolonialbevölkerung bereits zur Zeit des Ausbruchs der Feindseligkeiten die Anfänge eines Regierungsapparates. Diese Organisation hatte sie während der letzten zehn Kampfjahre, die der Revolution vorangingen, geschaffen, ohne ihre wahre Natur und revolutionäre Bedeutung voll zu erkennen. Die Korrespondenzkomitees, die Sicherheitsausschüsse, die Provinzialversammlungen und Kontinentalkongresse, die die Kolonien neben den britischen politischen Machtorganen geschaffen hatten, wurden zum Kern der revolutionären Regierung, die nach 1776 voll ins Leben trat. Während die amerikanische Kolonialbevölkerung den Krieg mit England führte, nahm ihre noch in den Anfängen stehende Regierung allmählich Gestalt an.“30

Der Drang zur Unabhängigkeit war nun so stark und hatte mit dem Beginn des Krieges gegen England eine solche revolutionäre Zuspitzung erfahren, dass sich nach den Worten bürgerlicher Wissenschaftler „auch viele Konservative diesem Ruf anschließen mussten, um ihre bevorzugte Stellung in den Kolonien nicht zu verlieren“31.

Der 2. Kontinentalkongress, der am 10. Mai 1775 unter Vorsitz von John Hancock und der Assistenz von Benjamin Franklin, Thomas Jefferson und John Dickinson wiederum in Philadelphia zusammentrat, hatte aus der Entwicklung der Ereignisse die Konsequenzen zu ziehen. Er unterstellte die Miliz seiner Autorität und ernannte George Washington, der sich im englisch-französischen Krieg militärisch besonders hervorgetan hatte, zum kommandierenden General der Streitkräfte. Am 7. Juni 1776 beantragte Richard Henry Lee, Abgesandter aus Virginia, auf dem Kongress zu erklären, dass die Kolonien unabhängige Staaten seien. Nach heftigen Debatten nahm der Kongress diesen Antrag an und beauftragte Thomas Jefferson, die Unabhängigkeitserklärung abzufassen, die schließlich am 4. Juli 1776 verabschiedet wurde. 

Der 4. Juli ist seitdem der höchste nationale Feiertag der USA.

Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 und die Verfassung von 1787 sind die beiden wesentlichen politischen und juristischen Dokumente, mit denen die USA sich selbst ihre Geburt als bürgerliche Nation und kapitalistischer Staat bescheinigten. Charakter und Bedeutung dieser Akte wären nicht zu erhellen, wenn die historische Aufgabenstellung, die Errungenschaften, aber auch die Schwächen der ersten bürgerlichen Revolution auf amerikanischem Boden außer Betracht blieben, deren Auftakt eben die Unabhängigkeitserklärung und deren politisch-juristischer Abschluss die Verfassung bildeten.32

Die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung (Gemälde von John Trumbull, 1819)

Bild entnommen von Wikipedia

Bildquelle: Von John Trumbull – US Capitol, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=180069

Der Unabhängigkeitskrieg des amerikanischen Volkes, der 1775 begann und 1783 mit dem Frieden von Paris, in dem England die Unabhängigkeit der dreizehn Kolonien anerkannte, endete, war ein revolutionärer Befreiungskrieg. W.I. Lenin schrieb dazu in seinem „Brief an die amerikanischen Arbeiter“: „Die Geschichte des modernen, zivilisierten Amerikas wird durch einen jener großen, wahrhaften Befreiungskriege, wahrhaft revolutionären Kriege eingeleitet, deren es so wenige gegeben hat neben der riesigen Zahl der Raubkriege, die …durch den Streit der Könige, Gutsbesitzer und Kapitalisten wegen der Teilung der erbeuteten Länder oder zusammengeraubten Profite hervorgerufen worden waren. Das war der Krieg des amerikanischen Volkes gegen die englischen Räuber, die Amerika unterdrückten und in kolonialer Sklaverei hielten, genauso wie diese ‚zivilisierten‘ Blutsauger bis auf den heutigen Tag Hunderte Millionen Menschen in Indien, in Ägypten und in allen Ecken und Enden der Welt unterdrücken und in kolonialer Sklaverei halten.“33

Und Karl Marx wies auf die Bedeutung des Unabhängigkeitskrieges über den amerikanischen Kontinent hinaus hin, als er in seiner Adresse an Abraham Lincoln feststellte, dass auf dem Boden der englischen Kolonien in Amerika  „…zuerst der Gedanke einer großen demokratischen Republik entsprungen war, von dem die erste Erklärung der Menschenrechte ausging und der erste Anstoß zu der europäischen Revolution des 18. Jahrhunderts gegeben wurde.“34

Der Unabhängigkeitskrieg löste die entscheidende Aufgabe dieser bürgerlichen Revolution. Sie bestand darin, durch die Befreiung von den Fesseln des englischen Kolonialjochs in Übereinstimmung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse mit dem Charakter und Entwicklungsbedingungen der Produktivkräfte herzustellen. Sie bestand weiterhin darin, mit der Herausbildung eines nationalen Marktes und eines bürgerlichen Staates die wichtigsten Bedingungen dafür zu schaffen, dass sich die Produktivkräfte auf der Grundlage der kapitalistischen Produktionsverhältnisse schnell weiterentwickeln konnten. Dabei wurden auch die wenigen vorhandenen feudalen Elemente beseitigt.

Foster trifft dazu folgende Einschätzung: „Ihr (der Kolonien – d. Verf.) rasch wachsender Kapitalismus konnte nicht länger in den Fesseln gehalten werden, die England ihm angelegt hatte; so sprengte er diese Fesseln gewaltsam. Diese Revolution wurde zu einem bedeutenden Meilenstein in der geschichtlichen Entwicklung des Weltkapitalismus. Sie legte das Fundament für die rasche Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung in den neuen Vereinigten Staaten.“35

Die wichtigste Aufgabe der Revolution, die nationale Unabhängigkeit zu erringen und den bürgerlichen Nationalstaat – zunächst in Gestalt von dreizehn selbstständigen Staaten – zu schaffen, fand ihren politischen und ideologischen Niederschlag vor allem in der Unabhängigkeitserklärung. Es sind nicht jene glorifizierenden, weil von den historischen Grundlagen und Zusammenhängen gelösten Urteile bürgerlicher Historiker und Juristen über die amerikanische Unabhängigkeitserklärung als Verkörperung „wahrer Freiheit“ und „wirklicher Demokratie“, als des idealen Ausdruckes von Freiheit und Demokratie schlechthin, die dem Charakter dieses Dokuments gerecht werden. Diese Einschätzungen dienten und dienen vielmehr allzu oft der Apologie des Kapitalismus, besonders der Verschleierung der Krise der bürgerlichen Demokratie im Stadium des Imperialismus. Die historische Bedeutung der Unabhängigkeitserklärung von 1776 besteht darin, dass sie, anknüpfendend vor allem an die Ideen der bürgerlichen Aufklärung in England und Frankreich, das Recht des Volkes auf Revolution verkündete. Es heißt dort: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingerichtet werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass, wenn irgendeine Regierungsform sich für diese Zwecke als schädlich erweist, es das Recht des Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen und sie auf solchen Grundsätzen aufzubauen und ihre Gewalten in der Form zu organisieren, wie es zur Gewährleistung seiner Sicherheit und seines Glücks geboten zu sein scheint.“36

Die Unabhängigkeitserklärung als grundlegendes Dokument der amerikanischen Revolution ging folglich von einer Staatsauffassung aus, die es als vornehmliche Aufgabe des Staates ansieht, seinen Bürgern das Recht auf „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ zu gewähren. Sie entsprach damit der Tradition des philosophischen und politischen Gedankengutes der bürgerlichen Revolution in England und der Wegbereiter der bürgerlichen Revolution in Frankreich. Deren Vertreter erklärten den Schutz „des Lebens, der Freiheit und des Eigentums“ als die wesentliche Aufgabe des Staates. In der Unabhängigkeitserklärung erfuhr dieses Postulat insofern eine gewisse Abwandlung, als dort neben dem Recht auf Leben und Freiheit das Streben nach Glück unterstrichen wird. Selbstverständlich bedeutet das in keiner Weise, dass die führenden Kräfte der amerikanischen Revolution mit der Betonung des „Strebens nach Glück“ das Privateigentum nicht geschützt wissen wollten. Sie hielten die Existenz des Privateigentums für den unumstößlichen Grundpfeiler jeder „vernünftigen“ menschlichen Ordnung und sahen folglich in dessen Schutz eine der Hauptfunktionen des Staates. Zugleich brachten die Worte vom „Streben nach Glück“ jedoch auch die Vorstellung zum Ausdruck, dass es möglich sei, dem Staat allgemeinmenschliche Aufgaben zu übertragen.

Der revolutionäre Kern der Unabhängigkeitserklärung bestand in der Idee, dass das Volk nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet sei, ein Staatswesen zu beseitigen, das nicht in der Lage ist, die genannten Aufgaben wahrzunehmen, und an seiner Stelle ein neues, die Rechte des Volkes gewährleistendes Staatswesen zu errichten. Sollten diese Veränderungen nicht anders, als auf dem Wege der Revolution herbeizuführen sein, sei es das Recht und die Pflicht des Volkes die Revolution durchzuführen.

Es war gerade dieser große, fortschrittliche Gedanke der Unabhängigkeitserklärung, der, wie das Ereignis des kolonialen Befreiungskrieges selbst, dazu beitrug, den in Europa und auf dem amerikanischen Kontinent heranreifenden bürgerlichen Revolutionen beträchtlichen Aufschwung zu verleihen.37

Stellvertretend für andere sei hier nur ein Wort gegeben, der wie kaum ein anderer berufen ist, aus zeitgenössischer Sicht die Wirkung der amerikanischen Ereignisse auf das Frankreich am Vorabend der Revolution von 1789 wiederzugeben, dem damaligen Gesandten der USA in Paris, Benjamin Franklin: „Ganz Europa ist in dieser Sache auf unserer Seite, soweit Beifall und gute Wünsche es vermögen, ….Daher kann man bei uns überall die Bemerkung hören, dass unsere Sache die der ganzen Menschheit sei, deren Freiheit wir mit unserer eigenen verfechten.“38

Die Verkündung des Rechts auf Revolution drückte die Interessen der aufstrebenden Bourgeoisie aus, die als führende Klasse des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus zugleich den gesellschaftlichen Fortschritt vertrat. Darin bestand die geschichtliche Bedeutung dieses Rechts. Es konnte seinem geschichtlichen Wesen nach niemals über die Rechtfertigung der bürgerlichen Revolution, der Schaffung eines bürgerlichen Nationalstaates und der bürgerlichen Demokratie als der politischen Formen kapitalistischer Klassenherrschaft hinausgehen. Darin bestand seine historisch-klassenmäßige Begrenztheit. Und es wurde von da an von der Bourgeoisie bestritten und schließlich erbittert bekämpft, als die Arbeiterklasse das Recht auf Revolution als ihr grundlegendes Recht, die Fesseln kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung zu beseitigen und die von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen freie, sozialistische Gesellschaft zu schaffen, in Anspruch nahm und anwandte. Nicht anders steht es um das in der Unabhängigkeitserklärung verbriefte Recht auf nationale Selbstbestimmung. In seinem Zeichen traten die Vorkämpfer der amerikanischen bürgerlichen Revolution, unterstützt von den Massen des amerikanischen Volkes, zum Kampf gegen die englische Kolonialmacht an, der schließlich zum Sieg des bewaffneten Volkes über die stärkste Wirtschafts-, Handels- und Militärmacht jener Zeit führte.

In krassem Gegensatz zu den proklamierten Idealen der bürgerlichen Demokratie, die die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika begleiteten, missachtet die herrschende Klasse, als imperialistische Bourgeoisie zur Hauptkraft der Konterrevolution in der Welt geworden, das nationale Selbstbestimmungsrecht des eigenen Volkes wir fremder Völker. Zu Recht weisen daher die Kommunisten der USA heute (1976 P.R.) darauf hin, dass es gilt, für die Gewährleistung vieler demokratischer Rechte und Freiheiten, die in der Unabhängigkeitserklärung und Verfassung verankert worden sind, zu kämpfen. Für die amerikanische Arbeiterklasse und die gesamte fortschrittliche Menschheit ist daher „..die Unabhängigkeitserklärung nichts rein Amerikanisches, sondern ein Dokument von welthistorischer Bedeutung…Das ist der Grund, warum heute der 200. Jahrestag der amerikanischen Revolution gesetzmäßig mit den aktuellen Problemen des Kampfes aller Arbeiter und aller progressiven Kräfte für allgemeindemokratische Ziele verknüpft wird.“39

Thomas Jefferson, der die Unabhängigkeitserklärung entworfen hatte (Benjamin Franklin und John Adams als Mitbeauftragte hatten nur geringfügige Ergänzungen hinzugefügt), konnte sich auf das fortschrittliche philosophische, staats- und rechtstheoretische und politische Denken seiner Zeit stützen, Er selbst äußerte dazu: „Ihr (der Unabhängigkeitserklärung- d. Verf.) ganzes Ansehen beruht denn auf den übereinstimmenden Gefühlen der Stunde, wie sie ausgedrückt wurden in der Unterhaltung, in Briefen, in gedruckten Aufsätzen oder in den Grundbüchern des öffentlichen Rechts eines Aristoteles, Cicero, Locker, Sdney“.40

Jefferson war wie andere führende Vertreter der bürgerlichen Aufklärung in Nordamerika vor allem von dem bedeutenden Philosophen und politischen Theoretiker der englischen Revolution des 17. Jahrhunderts, John Locke, beeinflusst, dessen Ideen nach den Worten von Karl Marx „der klassische Ausdruck der Rechtsvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft im Gegensatz zur feudalen“41 waren und dessen Auffassung vom Staat „als Muster für die englische bürgerliche Konstitution“ diente.42

John Locke vertrat die Auffassung, dass die Menschen mit ursprünglichen und unveräußerlichen Rechten ausgestattet seien. Als jene unveräußerlichen Rechte sah er das Leben, die individuelle Freiheit sowie die Existenz des Privateigentums an. Er ging weiter davon aus, dass die Menschen freiwillig, um ihre Rechte wirksam zu gewährleisten, einen staatsgründenden Vertrag schließen. Die Herrschaft in diesem Staat sei darauf beschränkt, diese unveräußerlichen Rechte des Menschen zu wahren und zu fördern. Wird dieser Auftrag durch die Regierenden verletzt, beende das die Verpflichtung der Regierten, sich der Herrschaft zu unterwerfen. Damit sei gerechtfertigt, „den Himmel anzurufen“43, das heißt die Rechte selbst wahrzunehmen. Die von Jefferson ausgearbeitete Unabhängigkeitserklärung knüpft zum Teil wörtlich an die Formulierung der Schrift von John Locke „Zwei Abhandlungen über die Regierung“ (1960) an, dass das Volk nach „einer langen Kette“ willkürlicher Handlungen der Regierenden gestattet sei, selbst eine Änderung herbeizuführen.44 Locke selbst hatte das ihm nur in vagen Vorstellungen bekannte Amerika als die Verkörperung des ursprünglichen Naturzustandes bezeichnet: „So war zu Anfang, mehr als es heute der Fall ist, die ganze Welt ein Amerika..“ 45

Andererseits fielen gerade seine Ideen von den mit unveränderlichen Rechten ausgestatteten Menschen, die freiwillig einen Staatsverband gründen, um diese Rechte zu gewährleisten, bei den antikolonialen bürgerlichen Kräften in den Kolonien auf einen fruchtbaren Boden. Die führenden Köpfe der Revolution waren jedoch nicht nur nachhaltig von Lockes Auffassung über die allgemeinen Aufgaben des Staates beeinflusst. Sie legten weitgehend auch die von ihm entwickelten Vorstellungen über die Organisation des Staates, insbesondere über die Legislative und Executive sowie über das Gerichtswesen, der Struktur des aus der Revolution entstandenen bürgerlichen Staates zugrunde.

Anknüpfend an Locke und sich hierin von den französischen Materialisten unterscheidend, ging auch Jefferson, wie es die Unabhängigkeitserklärung zeigt, von einer deistischen Begründung des Naturzustandes aus. Zugleich beeinflussten Jefferson auch die Ideen des radikalsten Vertreters der amerikanischen bürgerlichen Aufklärung, des erst kurz vor Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges aus England eingewanderten Thomas Peine. Besonders dessen Schrift „Common Sense“ (1776), die nach zeitgenössischen Berichten von Hand zu Hand ging und für damalige Verhältnisse weiteste Verbreitung fand, war von bedeutender ideologischer Wirkung auf den kolonialen Befreiungskampf. „Eigene Regierung ist unser natürliches Recht“, betonte er in „Common Sense“.46 Peine, der die Monarchie als eine absurde Staatsform bezeichnete, forderte als einzig zweckmäßige Form staatlicher Organisation die demokratische Republik. Auf einen bis ins einzelne gehenden Vorschlag für eine Verfassung verzichtete er, da er meinte, die Ausarbeitung neuer Verfassungen für die einzelnen Staaten sei nach der Unabhängigkeitserklärung nicht mehr schwierig. Für die Einzelstaaten sah er die Errichtung von Einkammerlegislativen vor, die einem Kontinentalkongress unterzuordnen seien. Paine wollte auf eigenständige Exekutivorgane sowohl auf der Ebene der Einzelstaaten wie auf Bundesebene verzichten.

Die herrschenden Kräfte, die den flammenden Appell Paines für die Unabhängigkeit der Kolonien noch hinnahmen, lehnten dessen politische Vorstellungen schafft ab. John Adams schrieb, um den in den Massen populären radikaldemokratischen Ideen von „Common Sense“ entgegenzutreten, ebenfalls 1776 die Flugschrift „Thoughts on Government“, in der er für einen „ruhigen“ Übergang von der Kolonie zur Republik eintrat. John Adams brachte die Befürchtungen konservativer bürgerlicher Kräfte vor weitergehenden revolutionären Aktionen des Volkes zum Ausdruck. Der siegreichen Bourgeoisie war Paine entschieden zu radikal, zumal er sich in seinem politischen und literarischen Schaffen direkt an die Volksmassen wandte. Zur Kennzeichnung der heutigen Haltung bürgerlichen Ideologen der USA zu Paine kann folgende Feststellung in dem sowjetischen Werk „Geschichte der Philosophie“ gelten: „Den zeitgenössischen reaktionären Philosophen und Soziologen der USA ist Paine eine der verhasstesten Persönlichkeiten. Man lehnt ihn wegen seines ‚Demokratismus‘ und ‚Atheismus‘ ab und kritisiert ihn wegen seines ‚Materialismus‘.“ 47

Die Position Jeffersons, der mitten im politischen und geistigen Kampf seiner Zeit stand, war nicht frei von Widersprüchen. So vertrat er einerseits radikale bürgerlich-demokratische Anschauungen, die ein nicht unwesentliches Element der amerikanischen Revolution ausdrückten. Andererseits ging er jedoch auch Kompromisse mit der Großbourgeoisie und zum Teil selbst mit der Sklavenhalteraristokratie ein. Das zeigt der Vergleich zwischen dem von Jefferson verfassten Entwurf der Unabhängigkeitserklärung und der vom Kongress verabschiedeten Endfassung.

Jefferson hatte in den Entwurf der Unabhängigkeitserklärung einen Absatz aufgenommen, der sich scharf gegen den von der englischen Krone betriebenen Sklavenhandel und damit im Kern gegen die Sklaverei überhaupt wandte. An der betreffenden Stelle hieß es: „Er (der englische König George III. – d. Verf.) hat einen grausamen Krieg gegen die menschliche Natur selbst geführt, indem er die heiligsten Rechte des Lebens und der Freiheit in den Angehörigen eines ganzen Volkes verletzt hat, das ihn nie beleidigt hat, indem er sie gefangennahm und als Sklaven in eine andere Hemisphäre verschleppte oder sie auf ihrem Transport dorthin einem elenden Tode preisgab. Diese seeräuberische Kriegsführung, die Schmach heidnischer Völker, ist die Kriegführung des christlichen Königs von Großbritannien, der entschlossen ist, einen Markt einzurichten, wo Menschen gekauft und verkauft werden sollen.“48 Auf Verlangen einer Mehrheit der Abgeordneten beschloss der Kongress nach erregten Debatten, diesen Passus zu streichen. Jefferson beugte sich dieser Entscheidung. Er durchschaute durchaus die der Streichung des Absatzes über den Sklavenhandel zugrundeliegenden Interessen sowohl der Sklavenhalter des Südens wie der am Sklavenhandel profitierenden Reeder und Kaufleute des Nordens. Das geht aus seinen eigenen Worten hervor. Eine Verurteilung des Sklavenhandelts erfolgte, so Jefferson, nicht, im Interesser jener, „die nie einen Versuch gemacht hatten, die Sklaveneinfuhr zu beschränken, sondern im Gegenteil auch jetzt noch fortzusetzen wünschten. Und ich glaube, auch unsere Brüder vom Norden fühlten sich ein wenig von dieser Kritik getroffen; sie haben zwar dort sehr wenig Sklaven, aber sie haben sich im Transport an andere recht wacker beteiligt.“49

So enthielt schon die Unabhängigkeitserklärung zu Beginn der Revolution jene wesentliche Schwäche dieser ersten amerikanischen bürgerlichen Revolution: die Beibehaltung der Sklaverei. Die in der Unabhängigkeitserklärung proklamierte Gleichberechtigung aller Menschen schloss aber nicht nur die Sklaven von den gleichen Rechten aller aus. Ihre Unterzeichner gingen auch davon aus, dass diese Rechte im Wesentlichen den Männern, nur in beschränktem Maße den Frauen und bei den Männern vorrangig den Besitzenden zuzuerkennen seien. Dennoch waren die Ideen der Unabhängigkeitserklärung, gemessen an den historischen Erfordernissen ihrer Epoche, der Epoche des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus, ein wesentlicher Schritt nach vorn mit entscheidender revolutionärer Wirkung. 

Entnommen aus „Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie – USA“

Herausgeber: Akademie der Wissenschaften der DDR, Institut für Theorie des Staates und des Rechts, Berlin/DDR

Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin/DDR 1976

ORIGINAL-Autor: Prof. Dr. sc. Karl-Heinz Röder

Bearbeitet von Petra Reichel