
Die Trommler


Das historische wissenschaftliche Buch aus der DDR über das politische System der USA ist ein wahrer Schatz.

Es wurden da schon Zustände des politischen Systems der USA, einschließlich des Verfalls der bürgerlichen Demokratie, thematisiert, über die heute im Zusammenhang mit Trump debattiert wird.
Es wird so getan, als ob der Abbau der Demokratie in den USA mit Trump zusammenhängt. Da treten diese Zustände nur drastischer zu Tage, als unter anderen Präsidenten.
Zum Vergleich habe ich zwei Artikel aus der bürgerlichen Wochenzeitung DIE ZEIT in diese Ausgabe aufgenommen.
Die Texte sind lang, aber bei wissenschaftlichen Betrachtungen ist das so. Vielleicht gibt es Interessierte, die auch ein historisches Buch zu Rate ziehen, um mit Debatten der heutigen Zeit zu vergleichen.
Petra Reichel
Zum behandelten Thema in dieser Ausgabe von DIE TROMMLER habe ich einen Artikel aus DIE ZEIT vom 29.10.2026 gefunden.
Diese Debatten werden aktuell im Zusammenhang mit Trump geführt. Die Behandlung des Themas im historischen wissenschaftlichen Buch aus der DDR aus der Zeit der 1970er Jahre zeigt auf, dass schon damals die bürgerliche Demokratie unterlaufen worden ist, um den Interessen des Großkapitals gerecht zu werden. Heutzutage unter Trump kommt dies deutlicher zu Tage, so dass auch in bürgerlichen Medien und Kreisen drüber debattiert wird. Nachfolgend der Artikel aus der ZEIT. Da kann man mit dem historischen Beitrag aus dem wissenschaftlichen Buch aus der DDR vergleichen.
DIE ZEIT vom 29.10.2026 Autorin Juliane Schäuble

Test für die Demokratie
Wo welche Mehrheiten auf dem Spiel stehen – und warum es bei den Midterms auch um die Zukunft freier Wahlen geht
Am kommenden Dienstag gehen mehr als 100 Millionen US-Amerikanerinnen und -Amerikaner zur Wahl. Sie stimmen über Abgeordnete, Senatoren, Gouverneure und viele Sachfragen ab. Aber im Zentrum steht die Frage, wie die Menschen die zweite Amtszeit von Donald Trump bewerten.
Wer wird gewählt?
Neu vergeben werden alle 435 Sitze im US-Repräsentantenhaus, wo die Amtszeit lediglich zwei Jahre beträgt. Die Republikaner starten mit einem knappen Vorsprung: Für eine Mehrheit von 218 Abgeordneten brauchen die Demokraten nur drei Sitze mehr, als sie derzeit haben.
Auch stehen 35 der 100 Sitze im US-Senat zur Wahl. Senatoren amtieren sechs Jahre, alle zwei Jahre wird ein Drittel der Kammer neu bestimmt. Die Republikaner halten aktuell 53 Sitze, die Demokraten 47 (einschließlich zweier Unabhängiger, die eine Fraktionsgemeinschaft mit den Demokraten bilden). Die Demokraten brauchen für eine Mehrheit also vier zusätzliche Sitze.
Außerdem finden in vielen Bundesstaaten Gouverneurs-, Parlaments- und Kommunalwahlen sowie Referenden über Sachfragen statt.
Wie stehen die Umfragen?
Traditionell verliert bei den Zwischenwahlen die Partei des amtierenden Präsidenten, in diesem Jahr wären es also die Republikaner. Glaubt man den Umfragen – wobei Skepsis durchaus angebracht ist –, werden die Midterms zu einer Protestwahl gegen Donald Trump, obwohl er selbst auf keinem Stimmzettel steht. Trumps Zustimmungswerte sind auf einem historischen Tief. Nur noch rund 30 Prozent der US-Amerikaner sind mit seiner Amtsführung zufrieden. 48 Prozent der demokratischen Wähler geben in Umfragen an, dass sie vor allem Trump abstrafen wollen. Umgekehrt sagen nur 38 Prozent der Republikaner, sie wollten in erster Linie abstimmen, um ihren Präsidenten zu unterstützen.
Wo wird es spannend?
Beim Repräsentantenhaus scheint es derzeit bloß noch darum zu gehen, wie groß die Mehrheit der Demokraten ausfallen wird. Einige Experten erwarten einen Zugewinn von rund zehn Sitzen, der unabhängige Cook Political Report hält sogar bis zu 22 für möglich. Besonders spannend wird es in den 17 Wahlbezirken, die der Cook-Bericht als »völlig offen« einstuft. Zwölf dieser Bezirkssitze gehören derzeit Republikanern. Dazu zählt etwa jener der Republikanerin Mariannette Miller-Meeks in Iowa: Vor zwei Jahren gewann sie mit nur 799 Stimmen Vorsprung. Auch in Pennsylvania, Michigan und Virginia gibt es hart umkämpfte Bezirke. Schon wenige dieser Rennen könnten entscheiden, wie komfortabel die demokratische Mehrheit ausfällt.
Im Senat ist die Lage komplizierter. Der Report rechnet für sieben Rennen mit einem knappen Ausgang: Alaska, Iowa, Kansas, Maine, Michigan, Ohio und Texas. Besonders aufmerksam werden Texas, Michigan und Maine beobachtet. In Texas soll der Newcomer James Talarico beweisen, dass die Demokraten auch in traditionellen Hochburgen der Republikaner gewinnen können. Siegt Abdul El-Sayed in Michigan, würde er demonstrieren, dass linker Populismus auch in einem umkämpften Flächenstaat erfolgreich sein kann. In Maine wiederum wirbt die moderate Republikanerin Susan Collins für ihre Wiederwahl – mit dem Argument, nur sie sei in der Lage, Trumps Politik in ihrem Bundesstaat abzufedern. Auf einmal erscheinen sogar Senatsrennen in traditionell erzkonservativen Bundesstaaten wie Kansas, Iowa und Mississippi keineswegs entschieden.
Wie wichtig werden diese Midterms?
Die Wahlen zur Halbzeit der Amtsperiode eines US-Präsidenten werden oft als weniger relevant angesehen als die Präsidentschaftswahlen. In der Regel ist auch die Wahlbeteiligung geringer. Dabei entscheiden die Machtverhältnisse im Kongress über den Handlungsspielraum des Präsidenten: Sollte mindestens eine der beiden Kammern künftig unter Kontrolle der Demokraten stehen, wäre Trumps Fähigkeit, Gesetze zu erlassen, stark eingeschränkt. Er könnte zwar weiter unter Umgehung des Parlaments per Dekret regieren, in vielerlei Hinsicht wäre er jedoch stärker auf Kompromisse mit den Demokraten angewiesen.
Am kommenden Dienstag geht es aber auch um das Fundament der Demokratie. Um die Frage, wer sicherstellt, dass Wahlen künftig frei und fair ablaufen – und dass ihr Ergebnis am Ende anerkannt wird. Wahlen werden in den USA von den Bundesstaaten organisiert. In diesem Jahr stimmen Wählerinnen und Wähler in 24 Staaten direkt über ihre Wahlleiter ab.
Welche Bedeutung das hat, zeigten die Ereignisse nach der Präsidentschaftswahl 2020, die in den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 mündeten: Donald Trump und seine Verbündeten versuchten nach der verlorenen Wahl damals, Wahlbeamte in einzelnen Bundesstaaten unter Druck zu setzen und das Ergebnis der Präsidentschaftswahl zu kippen. Seitdem ist die Frage, wer Wahlen organisiert, auszählt und zertifiziert, ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung gerückt.
Kann sich die Stimmung noch drehen?
Beide Seiten versuchen in den letzten Tagen alles, um ihre Wähler an die Urnen zu bringen. Die Republikaner setzen darauf, dass Trump seine Anhängerschaft mobilisieren kann. Ihre Auftritte und die Werbespots, in denen die Demokraten als radikal, sozialistisch oder kommunistisch dargestellt werden, geraten immer schriller. Umgekehrt hoffen die Demokraten darauf, in besonders umkämpften Swing-States wie Michigan und Pennsylvania von der Verärgerung der Bürger zu profitieren: über Trumps Zollpolitik, über den unpopulären Irankrieg und über die steigenden Gesundheitskosten. Jeder Tankstellenbesuch erinnert daran, dass trotz Trumps Versprechen, der Krieg werde »bald« nach den Midterms erfolgreich abgeschlossen sein, kein Ende absehbar ist – und dass damit erst mal keine Entspannung bei den Energiepreisen zu erwarten ist. Für viele US-Amerikaner hat die Wahl längst begonnen. Schon in den Wochen vor dem offiziellen Wahltag können Millionen Wähler ihre Stimme abgeben, persönlich oder per Briefwahl. Und sie nutzen diese Möglichkeit zunehmend: Einige Bundesstaaten verzeichnen bereits jetzt deutlich mehr vorzeitig abgegebene Stimmen als zum gleichen Zeitpunkt bei den Zwischenwahlen 2022.
Originalartikel aus DIE ZEIT vom 29.10.2026

Zum behandelten Thema in dieser Ausgabe von DIE TROMMLER habe ich einen Artikel aus DIE ZEIT vom 29.10.2026 gefunden.
Diese Debatten werden aktuell im Zusammenhang mit Trump geführt. Die Behandlung des Themas im historischen wissenschaftlichen Buch aus der DDR aus der Zeit der 1970er Jahre zeigt auf, dass schon damals die bürgerliche Demokratie unterlaufen worden ist, um den Interessen des Großkapitals gerecht zu werden. Heutzutage unter Trump kommt dies deutlicher zu Tage, so dass auch in bürgerlichen Medien und Kreisen drüber debattiert wird. Nachfolgend der Artikel aus der ZEIT. Da kann man mit dem historischen Beitrag aus dem wissenschaftlichen Buch aus der DDR vergleichen.
DIE ZEIT vom 29.10.2026, Autor Jörg Lau
Ist das der Anfang vom Ende?
Donald Trump wird wohl einen Preis für seine Politik zahlen. Womöglich macht ihn das nur noch gefährlicher
Kommt jetzt endlich die Abrechnung? Werden die Amerikaner die Zwischenwahlen nutzen, um den Republikanern – und damit Donald Trump – eine Niederlage zu bereiten? Wenige Tage vor den Midterms scheint es möglich, dass die Partei des Präsidenten hart abgestraft wird, selbst in angestammten Wahlbezirken und Bundesstaaten, die sie jahrzehntelang beherrscht hat.
Liegen die Demoskopen also nicht völlig daneben und dreht keine October surprise mehr den Trend, könnte die kommende Dienstagnacht ein historischer Moment werden. Ein Verlust der Macht im Kongress würde den Anfang vom Ende der Trump-Ära einläuten. Und doch drohen genau dann die gefährlichsten zwei Jahre seiner irrlichternden Präsidentschaft.
Zwar wird man die Erleichterung mit Händen greifen können, ganz besonders bei den traditionellen Freunden Amerikas: Engste Alliierte kujoniert Trump ja mit ruinösen Zöllen, dazu bedroht er Kanada und Grönland mit Annexion. Washingtons Partner in Ottawa, Brüssel, Berlin, Kopenhagen und vor allem in Kyjiw werden große Mühe haben, ihre Genugtuung über Trumps Demütigung zu verbergen.
Es wäre allerdings gefährlich, sich lange mit solchem Wohlgefallen aufzuhalten. Denn der Kongress kann wenig tun, um Trump in der Außenpolitik einzuhegen. Die Welt muss sich deshalb auf ein noch unberechenbareres Amerika einstellen, wenn Trump eine deutliche Abfuhr erhält. Zurückweisung wirkt auf diesen Mann bekanntlich nicht mäßigend.
Weil das amerikanische System der außenpolitischen Macht des Präsidenten kaum Grenzen setzt, wird Donald Trump unabhängig vom Wahlergebnis seinen aggressiven Kurs fortsetzen können. Und die Vorbereitungen laufen schon.
Trump hat im Pentagon Pläne erstellen lassen, den Iran gleich nach den Wahlen erneut anzugreifen. Sein Außenminister und Sicherheitsberater Marco Rubio schreibt auf dem sozialen Netzwerk X, die Zeit für »positiven Wandel in Kuba« sei gekommen. Er rät den Kubanern, »ihr Schicksal zum Besseren zu wenden, durch eine diskrete Partnerschaft mit der CIA«.
Zugleich vollzieht die Trump-Regierung einen Seitenwechsel in der zentralen europäischen Sicherheitskrise: Die Ukraine wird mit immer neuen Schikanen unter Druck gesetzt. Trump hat ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien für die hohen Dieselpreise verantwortlich gemacht, obwohl sein Irankrieg die Hauptursache ist. Überlebenswichtige Geheimdienstinformationen wurden zurückgehalten, Elon Musks Satelliteninternet Starlink und die militärische Variante Starshield wurden gedrosselt. Trump forderte öffentlich, Selenskyj auszutauschen. Im Gegenzug pries sein Golffreund und Unterhändler Steve Witkoff den russischen Diktator in Moskau als »Menschenfreund«. Wladimir Putin kann sich unterdessen auf Milliarden US-Dollar aus einem Diesel-Deal für seine Kriegskasse freuen.
Dies ist, so hart muss man es sagen, ein offener Verrat an der Ukraine und Europa.
Er ist das deutlichste Indiz für eine geopolitische Kontinentaldrift zwischen den USA und Europa, die noch mindestens zwei Jahre lang ungebremst weitergehen kann, egal was der Kongress dazu sagt. Ob die Nato Trumps Bruch mit Europa überstehen kann, ist vollkommen offen – auch wenn europäische Politiker mangels Alternativen klugerweise öffentlich das Gegenteil behaupten.
Die USA sind dabei, sich vom Schutzpatron in einen Gegner deutscher und europäischer Interessen zu verwandeln. Trumps Amerika ist keine Ordnungsmacht, sondern ein globaler Quell des Chaos. Die europäischen Alliierten müssen unabhängiger von den USA werden. Das Gleiche gilt für Amerikas Partner am Golf und in Asien, die jetzt auch erleben, dass man den USA nicht vertrauen kann. Risikominderung (»derisking«) ist das Gebot der Stunde, nicht nur gegenüber Russland und China, sondern auch gegenüber Amerika, egal wie die Midterms ausgehen. Trumps Ära mag dem Ende entgegengehen. Doch Amerika wird noch lange mit der Schadensabwicklung beschäftigt sein. Eine starke demokratische Mehrheit im Kongress wäre immerhin die Voraussetzung für eine Selbstkorrektur des amerikanischen politischen Systems.
In der amerikanischen Innenpolitik gibt es eine ähnliche Paradoxie wie in der Außenpolitik: Tritt das bestmögliche Ergebnis ein und die Demokraten gewinnen beide Häuser des Kongresses, könnte es erst richtig brenzlig werden. Denn je klarer die Ablehnung, umso größer Trumps Rachedurst. Er hat noch nie ein unvorteilhaftes Wahlergebnis anerkannt. Nach der verlorenen Präsidentschaftswahl vor sechs Jahren hat er einen Mob aufgewiegelt, das Kapitol zu stürmen, um die Bestätigung des Resultats durch den Kongress zu verhindern. Nichts spricht dafür, dass Trumps Endspiel auf der politischen Bühne weniger zerstörerisch verlaufen wird als die desaströsen ersten sechs Jahre seiner Herrschaft.
Trump hat die Midterms zum Referendum über sich selbst erklärt: »Stellt euch vor, ich stünde auf dem Wahlzettel«, rief er den Wählern landauf, landab zu, wahrscheinlich im Glauben, die Sache so noch drehen zu können. Wenn die Wähler ihn nun beim Wort nehmen und die Sache gerade deshalb zum Debakel gerät, liegt es für Trump nahe, den demokratischen Prozess als solchen anzugreifen. Es ist ohnehin eine seiner Leidenschaften.
Sofort nach der Rückkehr ins Weiße Haus hat Trump pausenlos das amerikanische Wahlsystem angegriffen. Eine merkwürdige Obsession, weil er so ja auch seinen eigenen (unbestrittenen) Wahlsieg von 2024 ins Zwielicht rückt. Nach Zählung der New York Times hat Trump in den letzten zwei Jahren an 449 Tagen Falschbehauptungen über manipulierte, »gestohlene« oder unzuverlässige Wahlen verbreitet. Seine Botschaft ist letztlich die aller Autokraten: Die Korrektheit von Wahlen erkennt man daran, dass der Boss selbst (oder seine Partei) gewinnt. In diesem Geist hat Trump seinen Justizminister Todd Blanche angewiesen, die Senatswahl in Alaska schon vor dem Wahltag anzufechten, denn dort steht das Duell auf der Kippe. Für den Fall, dass der republikanische Amtsinhaber verlieren sollte, verlangt der Justizminister also jetzt bereits eine »Untersuchung«. Trump nutzt das Justizministerium, das die Rechtmäßigkeit des demokratischen Prozesses überwachen soll, zu dessen Unterminierung. Es ist eine geradezu orwellsche Verdrehung der Prinzipien des Rechtsstaats und der Gewaltenteilung.
Und hier liegt denn auch die tiefere Bedeutung dieser Zwischenwahlen, ihr eigentliches Thema, das auf keinem Wahlzettel steht: Funktionieren die berühmten Sicherungsmechanismen der amerikanischen Verfassung überhaupt noch – die Checks and Balances?
Die spannendsten Wahlduelle dieser Zwischenwahlen drehen sich um ganz konkrete Themen: die inflationär gestiegenen Lebenshaltungskosten. Die abstoßenden Grausamkeiten der ICE-Agenten, die in amerikanischen Städten Jagd auf Einwanderer machen. Trumps illegale Kriege und die beispiellose Korruption seines Clans.
Doch über dem nächsten Dienstag steht die größere Frage, ob die Midterms ihre verfassungsmäßige Funktion erfüllen können – das Kräfteverhältnis zwischen Exekutive und Legislative, zwischen Präsident und Parlament, mitten in einer Amtszeit neu zu kalibrieren. Die Wähler können den Einfluss des Präsidenten auf die Gesetzgebung erheblich einschränken.
In den letzten Jahrzehnten haben die Amtsinhaber bei den Midterms oft Verluste eingefahren. Es ist fast schon eine Tradition: George W. Bush verlor 2006 wegen des unpopulären Kriegs im Irak die Mehrheit in beiden Häusern, Barack Obama 2010 die Mehrheit im Repräsentantenhaus, vor allem wegen der Finanzkrise und seiner umstrittenen Gesundheitsreform. Beide Präsidenten signalisierten reuig, sie hätten »verstanden«, und orientierten sich in die Mitte. Ohne eigene Mehrheit ist der Präsident gezwungen, die Gegenseite zu umwerben, um überhaupt noch Gesetze durchs Parlament zu bringen.
Eigentlich.
Niemand erwartet, dass Donald Trumps verbleibende Jahre sich in das vertraute Muster einer lame-duck-Präsidentschaft fügen werden. Trump regiert jetzt schon weitgehend ohne das Parlament, obwohl er Mehrheiten in beiden Häusern hat. Er könnte also Gesetze durchs Parlament bringen, tut es aber nicht. Trump hält sogar den gesetzgeberischen Negativrekord der letzten 70 Jahre. Dagegen hat er in seinen ersten 100 Tagen 142 Dekrete (executive orders) erlassen, so viele wie keiner seiner Vorgänger. Das geht ohne Parlament, es ist einer der vielen monarchischen Züge des US-Präsidialsystems. Trump liebt es, diese Anordnungen vor laufenden Kameras mit eigens dafür beschafften dicken Filzmarkern zu unterschreiben. Trump behandelt Parlamentarier wie Claqueure, die seine Herrschaft zu beglaubigen, aber nicht zu kontrollieren haben. Das zeigt sich am krassesten darin, wie er sich über die Haushaltshoheit hinwegsetzt, die wichtigste Machtbefugnis der Legislative. Trump streicht bewilligte Gelder einfach oder lenkt sie nach Belieben um, obwohl laut der Verfassung der Kongress das Recht hat, über die Staatsausgaben zu entscheiden. Dagegen wurden zahlreiche Klagen eingereicht, doch der Supreme Court hat Trump bisher gestützt.
Der Bedeutungsschwund des Kongresses ist nicht allein Trumps Schuld. Das Parlament selbst hat sich unter der republikanischen Mehrheit der Willkür unterworfen. Trumps Strafzölle wurden hingenommen, obwohl die Zollgewalt laut Verfassung beim Kongress liegt. Gegen den Irankrieg wurden zwar Resolutionen verabschiedet, die Trump jedoch ignorierte. Seine wiederholte Missachtung des War Powers Act – des ausschließlichen Rechts des Parlaments, Krieg zu erklären – hat man sich gefallen lassen. Der Zerstörung ganzer Bundesbehörden durch Elon Musk (dessen DOGE-Vandalen USAID zerlegten, das Institut für Entwicklungszusammenarbeit) schauten die Parlamentarier zu. Der Kongress hat sich selbst verzwergt.
Die Demokraten wollen das nach der Wahl rückgängig machen und versprechen, Trump und seinen Leuten mit zahlreichen Untersuchungsausschüssen zu Leibe zu rücken und so eine Ära der Straflosigkeit zu beenden. Nimmt der Kongress seine in der Verfassung festgeschriebenen Kontrollbefugnisse ernst, kommen tatsächlich stressige Zeiten auf die Regierung zu. Parlamentsausschüsse können per strafbewehrter Vorladung Aussagen erzwingen und die Herausgabe von Dokumenten durchsetzen. Dem Kriegsminister Pete Hegseth droht womöglich ein Amtsenthebungsverfahren wegen seines inkompetenten Managements im Pentagon, vielleicht auch Donald Trump, der allerdings bereits zwei Impeachments überlebt hat.
Die schamlose Korruption bewegt viele Amerikaner, darunter selbst Maga-Anhänger. Während viele Bürger unter der galoppierenden Inflation leiden, macht die Trump-Familie sich den Staat zur Beute und steigert ihren Reichtum in schwindelnde Höhen. Trump hat sein Vermögen nach einer Schätzung von Forbes im Amt um mindestens 2,7 Milliarden Dollar gesteigert. Sein Sohn Eric hat seines seit der Wiederwahl des Vaters verzehnfacht, Donald Jr. kommt auf das Sechsfache. Das ist ein offensichtlicher Verrat am Slogan America First. Wenn die Demokraten den Kongress tatsächlich erobern, wird es ihnen an Material für Hearings in den Untersuchungsausschüssen sicher nicht mangeln. Trump wird als Präsident auf Abruf mit großer Sicherheit um sich schlagen, wenn das Parlament ihm und seiner Kamarilla nachstellt.
Trumps Zerstörungswerk aufzuarbeiten, ist von Bedeutung, weit über Amerika hinaus. Denn Möchtegern-Tyrannen, die sich für unantastbar halten, gibt es auch anderswo. Ein Machtwechsel im Kongress wäre deshalb ein Hoffnungszeichen für alle, denen die freiheitliche Demokratie am Herzen liegt.
Darum interessieren sich Menschen in aller Welt für die Kopf-an-Kopf-Rennen in Arizona, Michigan und Texas: Die Hoffnung ist, dass man auch gegen einen enthemmten Populisten Wahlen gewinnen kann. Selbst wenn Elon Musk, der reichste Mann der Welt, Hunderte Millionen Dollar in die Kampagnen pumpt und Algorithmen als Hassverstärker einsetzt.
Vielleicht waren die Nachrufe auf Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit ja doch verfrüht? Es steht nicht geschrieben, dass der Marsch in den Autoritarismus immer weitergehen muss. Der Kampf gegen den Illiberalismus ist nicht entschieden. Die Selbstzerstörung der Demokratie ist – vielleicht – umkehrbar.
Original-Artikel aus DIE ZEIT vom 29.10.2026
Autoritäre Wandlungen des Regierungssystems

Die herrschenden imperialistischen Kreise der USA reagierten, wie bereits dargestellt, vor allem seit den 1930er Jahren sehr umfassend auf die wachsenden Anforderungen der Monopole an den bürgerlichen Staat. Sie taten dies, indem sie die in den USA vorhandene spezifische Form des präsidialen Regierungssystems mit den „Presidential Powers“, den weitgehenden und schwer kontrollierbaren Machtbefugnissen des Präsidenten, ausbauten und ausnutzten, um so ihre Herrschaft zu sichern. Unter dem Mantel des Präsidialsystems bereitete das USA-Monopolkapital schrittweise autoritäre und teilweise faschistische Herrschaftsformen und -methoden vor und wandte sie verstärkt an. In der theoretischen Zeitschrift der Kommunistischen Partei der USA „political affairs“ wird dies als ein „langwährender Prozess“ bezeichnet, „in dem Präsidenten der Demokratischen wie der Republikanischen Partei mitgewirkt haben“.1 Den bisherigen Höhepunkt (1970er Jahre P.R.) erreichte diese Entwicklung unter Präsident Nixon und äußerte sich am spektakulärsten, krassesten in der Watergate-Affäre.
1 J. Lawler, „Watergate: The Eighteenth Brumaire of Richard Nixon“, political affairs, February 1974, S. 41; vgl. W. Menzel, „Zur Krise des politischen Herrschaftssystems der USA“, IPW-Berichte 10/1975, S. 46 ff.
Die eigentlichen Ursachen für die autoritären Wandlungen der Regierungsform der USA sind die monopolkapitalistischen Eigentums- und Machtverhältnisse und das der Monopolbourgeoisie innewohnende Streben, demokratische Institutionen einzuschränken oder ihrem Einfluss zu unterwerfen und die staatliche Macht zu konzentrieren. Das Verständnis und der Stil des jeweiligen Präsidenten für die Führung dieses Amtes können dabei durchaus mehr oder weniger begünstigend wirken. Entscheidende Veränderungen im Verhältnis der drei zentralen Staatsgewalten – Präsident, Kongress und Oberstes Gericht- hinsichtlich der Modifizierung des föderalistischen Staatsaufbaus und der Herrschaftsmethoden gehen vom jeweiligen Präsidenten unabhängig vor sich. Diese Veränderungen sind Ausdruck dafür, dass die Staatsform in den USA den Bedürfnissen der Monopolbourgeoisie angepasst wird. Sie sind jedoch auch ein günstiger Nährboden für solche Erscheinungen wie Watergate, die den Volksmassen „die Korruption, das totale Fehlen von sozialem Bewusstsein, die Verschwörermentalität, die Gangstermoral, die Handlungen von Verzweiflung offenbart hat, die alle den Verfall des Kapitalismus… in der Periode seiner allgemeinen Krise widerspiegeln“2
2 G. Halll, The Conspiray That Led to Watergate, political affairs, June 1973, S. 5.
Das ist in erster Linie der Zusammenhang, in den auch die Watergate-Affäre gestellt werden muss. Zugleich ist allerdings nicht zu übersehen, dass die entspannungsfeindlichen Kräfte der USA Watergate sofort ausnutzten, um gegen einen Präsidenten vorzugehen, der das internationale Kräfteverhältnis realistisch einschätzte und deshalb auf Teilgebieten Weichen für eine friedliche Koexistenzpolitik stellte und weitere Weichen stellen wollte.
Watergate war und ist nicht, wie hin und wieder angenommen wird, nur jener Komplex von Vorgängen, die sich aus dem am 17. Juni 1972 begangenen Einbruch im Watergate-Hotel, dem Hauptquartier der Demokratischen Partei in den Präsidentschaftswahlen 1972, und den nachfolgenden Manövern, um diese Affäre zu vertuschen, zusammensetzt.
Watergate schließt auch jene Vorgänge ein, die selbst nach amerikanischen Vorstellungen den Rahmen illegaler Aktionen im Wahlkampf sowie illegaler Wahlkampfzuwendungen gesprengt hatten und die vom Komitee zur Wiederwahl des Präsidenten („Commitee to Re-Elect the President“), dem Präsidenten selbst von zahlreichen seiner engsten Mitarbweiter verantwortet werden mussten. Dabei wird gerade daran, wie das genannte Komitee zusammengesetzt war- von 23 Abteilungsleitern kommen 17 direkt aus dem White House Office- deutlich, wie weit die Verschmelzung von Staatsspitze und Parteibürokratie in den USA vorangetrieben werden kann.
Zu Watergate gehört ferner die Affäre „Klempner“, die sowohl Gespräche innerhalb des Weißen Hauses abhörten als auch jene Personen überwachten, die die Nixon-Regierung als ihre innenpolitischen Gegner betrachtete und denen deshalb ihr besonderes Interesse galt. In diesem Zusammenhang ist auch auf die Einleitung von Verfahren gegen derartige Gegner wegen angeblicher Steuerhinterziehung hinzuweisen, um sie unter Druck zu setzen. Bekannt geworden sich auch zahlreiche vom Komitee zur Wiederwahl des Präsidenten eingeleitete Intrigen, um den Nixon genehmen Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei George McGovern gegenüber Senator Edmund S. Muskie zu begünstigen und dann während des Wahlkampfes den gleichen McGovern als „Linksradikalen“ zu verdächtigen.3
3 P. Lösche, „Watergate – Einige Überlegungen zur Krise des amerikanischen Regierungssystems“, Das Parlament (Bonn), 24.5.1975, Beilage, S. 13.
Mehr oder weniger eng mit Watergate sind noch weitere Skandalaffären verbunden: So, als am 3. September 1971 zwei damalige Mitarbeiter des Weißen Hauses in die Praxis des Psychiaters von Daniel Ellsberg, Lewis Fielding, einbrachen. Gegen Ellsberg, der die Pentagon-Papiere an die „New York Times“ weitergegeben hatte, sollte belastendes Material beschafft werden. Weiterhin der Fall der an Skandalen reichen ITT (1971/72). Der ITT-Konzern hatte versprochen, für die Wahlkampagne der Republikaner 400 000 Dollar zu spenden. Als Gegenleistung sollte Richadrd Nixon die Einleitung des Revisionsverfahrens vor dem Obersten Gericht verhindern. Es bestand Grund zur Annahme, dass dieser Konzern mit dem Verfahren wegen Verstoßes gegen die Anti-Trustbestimmungen verurteilt werden würde. Und schließlich betraf das Spiro T. Agnew. Agnew war der erste im Amt befindliche Vizepräsident der USA, der wegen eines kriminellen Delikts zu einer Freiheitsstrafe (auf Bewährung) und zu einer hohen Geldstrafe verurteilt wurde. Dabei bewahrte ihn das Schuldbekenntnis im harmlosesten Punkt der Anklage (Steuerhinterziehung) vor einer weiteren Strafverfolgung und höheren Strafe (wegen Bestechung und Erpressung).
Die Watergate-Affäre erstreckte sich nicht allein auf den Präsidenten und seine Minister, sondern berührte unmittelbar alle entscheidenden Verfassungseinrichtungen (auch beide Häuser des Kongresses und das Oberste Gericht) sowie die zwei großen bürgerlichen Parteien in ihren Wechselbeziehungen. Vor allem aber hat Watergate bloßgelegt, dass der Verfall der bürgerlichen Demokratie in den USA sich auf der Grundlage einer besonders ausgeprägten Verquickung von Politik, Profit und persönlicher Bereicherung vollzieht. Nixon hatte die präsidiale Macht so weit ausgedehnt, dass die Existenz der bürgerlichen Demokratie in den USA in Frage gestellt war. Mit allem Ernst weist James E. Jackson, Mitglied des Nationalkomitees der Kommunistischen Partei der USA, darauf hin, dass das Watergate-Komplott zu „einer geheimen Marschroute für die Institutionalisierung einer besonderen, amerikanisierten modernen Version des Faschismus führen sollte…Diese Marschroute zum Faschismus in Form eines Trojanischen Pferdes sollte ohne Faschisten und ohne faschistische Partei realisiert werden.“4 Gerade unter diesem Gesichtspunkt signalisieren die Ereignisse um Watergate und der Ausbau der Präsidialmacht unter Nixon, worauf noch näher einzugehen ist, alarmierend das Ausmaß der reaktionären Entartung der bürgerlich-republikanischen Staatsform der USA. Die für die Machtausübung bestimmenden staatlichen Institutionen wiesen besonders unter Nixon eine ausgesprochen antidemokratische Struktur auf (der Beraterstab des Präsidenten und der Nationale Sicherheitsrat). Sie unterlagen keiner demokratischen Kontrolle und drohten selbst die bürgerlich-demokratische Hülle ganz zu sprengen.
4 Zitiert nach: A. Lockshin, „Die CIA – Instrument der USA-Außenpolitik“, Einheit, 8/1975, S. 931.
Diese Situation hat sich auch mit dem erzwungenen Rücktritt von Richard Nixon grundsätzlich nicht geändert. Die Kommunistische Partei der USA schätzte auf ihrem XXI. Parteitag ein, dass das „Committee of Forty“, (das 40er Komitee, ein Bestandteil des Nationalen Sicherheitsrates) „eine US-Version der Junta, die in anderen Ländern eine Diktatur errichteten“5, darstellt. Und dieses Komitee besteht auch heute (1970er Jahre P.R.) noch!
5 Draft Main Political Resolution for the 21st National Convention, Communist Party USA, o. O., February 1, 1975, S. 23.
Gerald Ford übernahm alle wichtigen Herrschaftsinstitutionen und -methoden seiner Vorgänger. Die von ihm durchgesetzte Wahl des Multimillionärs Nelson A. Rockefeller als Vizepräsident der USA gibt Aufschluss darüber, wie ernst das Monopolkapital seine Situation beurteilt. Es übertrug nunmehr einem, der dem engsten Führungskreis angehört, die Aufgabe, in diesem Staatsamt rechtzeitig vorbeugen zu helfen, dass die autoritäre Macht des präsidialen Kerns der Exekutive nicht aufgeweicht würde. Die Auseinandersetzung um Watergate hat sicherlich dazu beigetragen, Teilen der Bevölkerung der USA das Ausmaß des Verfalls der bürgerlichen Demokratie bewusst zu machen. Auch hat die Proteststimmung gegen die Verantwortlichen der Watergate-Affäre die Defensive der herrschenden imperialistischen Kreise in den USA verstärkt und sie gezwungen, einige kosmetische Korrekturen vorzunehmen (zum Beispiel hinsichtlich der Geheimdienste) und ein wenig den Schleier zu lüften, der ansonsten sorgsam die vielfältigen Deformationserscheinungen der Staatsform der bürgerlichen Demokratie verdeckt. Die grundlegenden gesellschaftlichen Verhältnisse und politischen Faktoren, die der Boden für die Watergate-Affäre waren – das Zusammenwirken zwischen Monopolen und Staatsspitze, die antidemokratischen Strukturen der Präsidialmacht, das in besonderer Weise von Korruption geprägte politische System des USA-Imperialismus und vieles andere -, existieren jedoch auch weiterhin.
Das von bürgerlichen Politologen, Historikern und Journalisten geprägte Schlagwort von der durch Watergate ausgelösten „Selbstkorrektur“ des politischen Systems6, wie zum Beispiel in einer Schlagzeile der „New York Times“ vom 11. August 1974 „The Constitution is alive and well“ zum Ausdruck kam, geht deshalb auch völlig an den Tatsachen vorbei. Es beruht darauf, dass die klassenmäßigen Wurzeln der mit Watergate verbundenen Vorgänge negiert werden, und dient letztlich dazu, deren Ursachen zu verschleiern. Die These von der angeblichen Selbstkorrektur des politischen Systems geht überdies von einer einengenden Position aus, die die Watergate-Affäre weitgehend als Mischung von Kriminalgroteske und Verfassungskonflikt zwischen Präsident und Kongress herunterspielt. Damit soll die Illusion erzeugt und erhalten werden, der Kongress habe „demokratischeren“ Charakter als der Präsident. In der politischen Realität ist der Kongress von den wahren Interessen der Volksmassen zumeist ebensoweit entfernt wie der Präsident. Auch die häufig behauptete „größere Redlichkeit“ der Abgeordneten und Senatoren trifft keinesfalls zu, denn im Repräsentantenhaus und im Senat sind Korruption und andere Missbräuche ähnlich häufig wie in der Führungsspitze des Weißen Hauses. Die nunmehr verbreitete Auffassung vom bevorstehenden „Ende der politischen Krise“ widerspricht gleichermaßen der Wirklichkeit, da die Ereignisse seit dem Präsidentenwechsel bestätigen, dass die Kontroversen zwischen Präsident und Kongress anhalten und die politischen Probleme und Krisenerscheinungen weiterbestehen.
6 Newsweek vom 9.12. 1974.
Der Verfassungskonflikt, der sich in der Watergate-Affäre äußert, und überhaupt die Auseinandersetzungen zwischen dem Präsidenten und dem Kongress in den letzten sechs Jahren sind in erster Linie als Fraktionskämpfe zwischen verschiedenen Monopolgruppierungen sowie von ihnen beherrschter staatlicher Institutionen zu werten. Es handelt sich keineswegs etwa um einen Kampf, der zum Ziel hat, demokratischere Elemente in das politische System des USA-Imperialismus einzuführen. Hauptfeld dieser Auseinandersetzungen ist – neben der Wirtschafts- und Sozialpolitik – die künftige Politik gegenüber der Sowjetunion, der sozialistischen Staatengemeinschaft. Gegenwärtig existiert ganz offensichtlich keine Übereinstimmung zwischen den verschiedenen Gruppierungen der Monopolbourgeoisie hinsichtlich der zukünftigen Militär-, Handels- und Außenpolitik gegenüber der sozialistischen Staatengemeinschaft wie im Wesentlichen bis 1960/61. (Was ja dann geworden ist, wissen wir nun. P.R.)
Nixon hat parlamentarische Kontrollrechte in besonders krasser Weise missachtet. Es trifft auch zu, dass Abgeordnete und Senatoren im Kongress, zunächst nur zögernd, später massiver, gegen den schwindenden Einfluss dieser Verfassungsinstitution zugunsten der Exekutive aufbegehrten. Die Behauptung, dass eine „Selbstkorrektur“ erfolgt sei, als der Präsident abgelöst wurde, und dass sich das Verhältnis zwischen Kongress und Präsidenten verändert habe, nährt jedoch unreale Vorstellungen, die darin bestehen, dass nun wieder eine den Prinzipien der Verfassung der USA entsprechende „funktionierende Gewaltenteilung“ entstehe.
Die staatsrechtliche Entwicklung der USA in diesem (vorigen P.R.) Jahrhundert hat „längst den formalen Rahmen der verfassungsmäßigen Gewaltenteilung überschritten“7. Aber Watergate wie auch die Tatsache, dass die enorm ausgeweiteten „Presidential Powers“ unter Gerald Ford beibehalten werden, kennzeichnen deutlich, wie die Exekutive auf Kosten der Legislative ihre Macht erweitert und gefestigt hat. Diese Entwicklung hat sich, wie schon erwähnt, unter dem Deckmantel des verfassungsrechtlich vorgezeichneten präsidialen Regierungssystems intensiv vollzogen. Die geltenden Grundsätze der Verfassung der USA über die Trennung der Gewalten („separation of powers“) sowie das System von Hemmungen und Gegengewichten („checks and balances“) zwischen den drei zentralen Gewalten stehen jedoch im Widerspruch zu grundlegenden Veränderungen im Verhältnis dieser Gewalten, wie sie sich unter den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus herausgebildet haben. Das trifft besonders darauf zu, dass sich der Präsident solche Rechte und Kompetenzen des Kongresses weitgehend angeeignet hat, wie das Gesetzgebungs- und Budgetrecht, die Zuständigkeiten für Kriegserklärungen und Fragen der Außenpolitik sowie die Abschirmung des präsidialen Kerns der Exekutive gegen irgendwelche „Hemmungen“ des Kongresses.
7 S. B. Tschetwerikow, Wer macht die Politik der USA und wie?, Moskau 1974, S. 53 (russ.).
Die Kompetenzbeschränkungen dienten seinerzeit, als die Verfassung der USA ausgearbeitet und verteidigt wurde, dazu, den demokratischen Charakter der zu schaffenden Staatsordnung hervorzuheben. Die Trennung der Gewalten und deren gegenseitige Hemmung seien notwendig, so wurde gesagt, um bestimmten, der „menschlichen Natur“ entspringenden negativen Charaktereigenschaften, wie Ehrgeiz, Egoismus und Machtgelüste, Grenzen zu setzen.8 James Madison behauptete geradezu, eine solche Staats- und Verfassungsstruktur mit geschaffen zu haben, die die „menschlichen Schwächen“ gewissermaßen neutralisiert und davon ausgeht, „das Fehlen edler Motive durch die Förderung rivalisierender Interessen auszugleichen“9 . Aber bereits damals wurden Konsequenzen dieser Theorie negiert, wenn sie der Bourgeoisieherrschaft hätten gefährlich werden können. Die Einrichtung des Senats als Gegengewicht zu Repräsentantenhaus, die Wahl des Präsidenten, die vom Parlament nicht beeinflusst werden kann, und ähnliches machen das deutlich. Das Misstrauen der amerikanischen Verfassungsväter galt dem Kampf der Volksmassen und insofern auch einer Legislative, die sich der Interessen des Volkes annehmen könnte: „Gefährlicher Ehrgeiz (lauert) viel öfter hinter dem so bedrohlich scheinenden Eifer für die Macht und Stärke der Regierung.“10
8 Die Verfassungsgeber der USA übernahmen dabei weitgehend die Lehren von Montesquieu (1689-1755), wie dieser in seinem Werk „De L’esprit des Lois“ (Vom Geist der Gesetze) entwickelt hatte.
9 The Federalist, Nr. 51. In: A. Hamilton/J. Madison/J. Jay, Der Föderalist, hrsg. Von F. Ermacora, Wien 1958, S. 297, 298
10 A. Hamilton, The Federalist, Nr. 1, a. a. O., S. 35.
In der Verfassungskonzeption von der Teilung der Gewalten besteht in der Vergangenheit und Gegenwart das fiktive und illusionierende Moment darin, dass die Kernfrage einer demokratischen Staats- und Verfassungsentwicklung, die Eigentums- und Machtfrage, überhaupt nicht gestellt wird. Stattdessen wird das Problem einer demokratischen Regierungsform als eine „richtige“ Verteilung der Rechte und Kompetenzen zwischen den drei zentralen Gewalten dargestellt. Auf diese Weise sollen die bestehenden Machtverhältnisse verschleiert werden. Der Staat und die Verfassung werden, „der menschlichen Natur“ völlig entsprechend heiliggesprochen.
Das mit den „Machtgelüsten des Menschen“ motivierte System der Trennung der Gewalten, der Hemmungen der Gleichgewichte, wie es 1787 geschaffen wurde, stimmt sicher mit dem Bild des egoistischen, auf Vorteil und Profit bedachten Bourgeois überein. Es diente der erklärten Absicht der Verfassungsväter, zu verhindern, dass die bestehenden Eigentumsverhältnisse beseitigt werden. Es steht jedoch damit noch nicht mit den Anforderungen des Monopolkapitals an der Form und Struktur des zentralen Staatsmechanismus unter den Bedingungen des staatsmonopolitischen Kapitalismus im Einklang. Die verfassungsrechtliche Aufteilung der Kompetenzen zwischen Exekutive, Legislative und Justiz hat sich kaum durch Verfassungsänderungen11, sondern auf dem Wege verändert, dass sich der Präsident Befugnisse und Privilegien aneignete und sie zum Teil verfassungsrechtlich sanktionieren ließ. Deshalb können sich jene politischen Kräfte, die sich heute aus unterschiedlichen Gründen gegen die autoritäre Macht des Präsidenten wenden, auf einige Bestimmungen der Verfassung der USA berufen.
11 Änderungen bzw. Ergänzungen der USA-Verfassung erfordern ein kompliziertes Verfahren. Die im 20. Jahrhundert bisher in Kraft getretenen 11 Verfassungszusätze (Amendments) berührten nur in geringem Maße die Bürgerrechte und den Staatsmechanismus: XVII. Amendment (1913) – direkte Wahl der Senatoren, XIX. Amendment (1920) – Einführung des Frauenwahlrechts, XX. Amendment (1951) – Begrenzung der Amtsdauer eines Präsidenten auf zwei Amtsperioden (acht Jahre), XXIII. Amendment (1961) – bei Präsidentschaftswahlen erhält die Bundeshauptstadt Washinton das Wahlrecht, XXIV. Amendment (1967) – Nachfolge bei vorzeitiger Beendigung der Präsidentschaft, XXVI. Amendment (1974) – Herabsetzung des Wahlalters auf 18 Jahre.
Wenn in den folgenden Abschnitten die veränderten Strukturen, Kompetenzen und Wechselbeziehungen zwischen Präsidialgewalt, Kongress und Oberstem Gericht untersucht werden, so ist dabei auch zu beachten, dass es nicht um Kompetenzverschiebungen schlechthin geht, sondern dass alle drei Gewalten eng mit dem Monopolkapital, dessen Verbänden und Institutionen zusammenwirken und dadurch das Klassenwesen wie auch die Funktionsweise des Regierungssystems bestimmen.
Natürlich gibt es in den USA wie in anderen imperialistischen Ländern mannigfaltige Organisationen, die auf die staatlichen Entscheidungen und Institutionen Einfluss zu nehmen suchen. So konnte bekanntlich selbst ein so obskurer Verein wie die „Anti-Saloon-League“ im Jahre 1919 im XVIII. Amendment zur Verfassung, das 1933 wieder aufgehoben wurde, erreichen, dass die Herstellung, der Verkauf und der Transport von Alkohol in den USA verboten wurden. Die bürgerliche Theorie von den „pressure groups“, die auf derartige Erscheinungen hinweist und die Veteranenvereinigungen und Gewerkschaften auf die gleiche Stufe mit den Monopolverbänden stellt, unterschlägt, dass der Einfluss, der die Gesetzgebung und Staatspolitik tatsächlich bestimmt, alleine von Konzernen und deren Organisationen ausgeht. Diese nutzen die Wahlen als „Kapitalinvestitionen in der Politik“, verfügen über enge Beziehungen zu den Abteilungen der Exekutivbüros des Präsidenten und zu den Ministerien. Sie beherrschen weitgehend das Beirätesystem und die Regulierungskommissionen und nehmen entscheidenden Einfluss auf die Tätigkeit des Senats, des Repräsentantenhauses und des Obersten Gerichts. Sie sind zumeist, wenn sie nicht auf den Widerstand anderer Kapitalgruppen stoßen, in der Lage, ihnen genehme Gesetze oder Verordnungen durchzudrücken, erwünschte staatliche Aufträge zu erhalten, gegen ihre Interessen gerichtete gesetzgeberische Vorhaben zu Fall zu bringen oder zu verhindern, dass verabschiedete Gesetze durchgeführt werden.12
12 Nach jüngsten Untersuchungen können die Lobbyisten bei ihren Bemühungen um Einfluss auf die Gesetzgebung und die Vergabe von staatlichen Aufträgen in 90 von 100 Fällen einen vollständigen oder teilweisen Erfolg verzeichnen. Vgl. S. Peregudow/ K. Cholodkowski, „Zu aktuellen Tendenzen im System der politischen Herrschaft der Monopole“, Mirowaja ekonomika imeshdunarodyje otonoschenija, 8/1975, S. 61.
Auch in den USA bestehen Verbände der Produktionsmittelbesitzer, die ihre entscheidende Aufgabe darin sehen, Einfluss auf die Wirtschafts-, Steuer-, Sozial- und Außenpolitik zu nehmen. Sie sind Teil des politischen Systems des Imperialismus. Dazu gehören: die Handelskammer der USA (Chamber of Commerce of the United States), in der 4 000 Handelskammern und 25 000 Mitgliederfirmen zusammengeschlossen sind, die Vereinigung der gewerblichen Wirtschaft (National Association of Manufactures) mit 19 000 Firmen sowie das Komitee für wirtschaftliche Entwicklung (Commitee for Economic Development), dem 200 Vertreter der führenden Konzerne angehören.13 In den USA haben darüber hinaus eine Reihe von Gruppierungen des Großkapitals einen bedeutenden Einfluss, die sich auf territorialer Grundlage (Finanzgruppen) oder funktionaler Grundlage (zum Beispiel der Zusammenschluss von Rüstungsmonopolen in der National Security Industrial (Association) herausgebildet haben.14 Auch gründen die mächtigsten Konzerne bzw. bestimmte Monopolgruppen spezielle Institute und Stiftungen, um ihren politischen Einfluss zu erhöhen. Eines dieser Institute ist das American Petroleum Institute, das als politisches Instrument der großen Ölkonzerne (neben 350 weiteren Aktiengesellschaften sind an diesem Institut beteiligt: Exxon, Mobil, Shell, Standard Oil of Indiana, Texaco, Gulf und Standard Oil of California) anzusehen ist. Dieses Institut unterhält allein in Washington einen Stab von 200 Mitarbeitern und Büros in Dallas und New York.
13 Vgl. Ralph Nader Congress Project, M. J. Green, J. M. Fallows, D. R. Zwick, Who runs Congress?, Toronto/New York/London 1972, S. 33.
14 Vgl. S. Peregudow/ K. Cholodkowski, a. a. O.
Die Verbände, Gruppen und Stiftungen des Monopolkapitals der USA bereiten maßgebende Entscheidungen des Staates vor. Der politische Apparat des Monopolkapitals nimmt Einfluss auf die Exekutive, das Parlament und die Justiz und prägt deren gesetzgeberische und politische Maßnahmen. Dabei führen die verschiedenen Gruppierungen und Verbände des Monopolkapitals einen zum Teil erbitterten Kampf, um die für sie wichtigen Staatsorgane zu beherrschen.
Die nichtstaatlichen Institutionen, Foren, in denen führende Repräsentanten des Staates der Monopole, der politischen Wissenschaften und der Parteien zusammenwirken, übernehmen wichtige Aufgaben bei der staatsmonopolistischen Willensbildung. Ein typisches Beispiel dafür sind die sogenannten Bilderberg-Tagungen, die mindestens einmal im Jahr unter strengster Geheimhaltung abgehalten und auf denen Grundfragen der USA-Politik erörtert werden. Ihren Namen erhielten diese Beratungen nach dem Hotel „Bilderberg“ in Oosterbeek (Niederlande), in dem 1954 das erste Treffen dieser Art stattfand.
Themen von Konferenzen waren: „Das ‚Gleichgewicht der Macht‘ im Lichte der letzten internationalen Entwicklungen“, „Möglichkeiten der Veränderung der Rolle Amerikas in der Welt“ oder „Der Beitrag der Wirtschaft zur Lösung des Problems der sozialen Instabilität“.
Die Bilderberg-Tagungen waren und sind ein entscheidendes Instrument, um vor allem die USA-Politik den sich verändernden Realitäten anzupassen und zugleich mit maßgebenden Repräsentanten, insbesondere der NATO-Staaten, bevorstehende Entscheidungen abzustimmen.
Von den 39 Mitglieder des Lenkungsausschusses der Bilderberg-Gruppe kommen 15 aus den USA. Sie alle sind im Rat für auswärtige Beziehungen (Council on Foreign Relations) vertreten, der sehr eng mit dem Rockefeller-Imperium verbunden ist und die Aktivitäten der USA-Außenpolitik maßgeblich beeinflusst. Zu den jeweils 100 bis 300 Teilnehmern gehörten – das kennzeichnet die Bedeutung dieser Foren- führende staatliche Repräsentanten der USA, wie G. Ford, H. Kissinger, W. Fulbright, prominente Angehörige der Fiananzligarchie, die David Rockefeller, H. Ford II., sowie Ideologen der USA-Globalstrategie, wie Z. Brzezinski.15
15 Congressional Record vom 15.9. 1971 (Jahrgang 117, S. 9615 f.).
Teilnehmer aus Frankreich waren zum Beispiel G. d’Estaing, G. Defferre, Baron Edmond d’ Rothschild. Aus der BRD nahmen mehr oder weniger regelmäßig teil: H. Abs, H.G. Sohl, A. C. Springer, H. Schmidt, F. J. Strauß, R. Löwenthal, K. Mehnert.(Klaus Mehnert war meiner Erinnerung nach ein unangenehmer Zeitgenosse. Als Journalist und Publizist war er ein antikommunistischer Hetzer. Seine Methode war die „feine Klinge“. Man konnte seine Inhalte nicht „greifen“, um sie zu widerlegen, da er geschickt tatsächlich negatives in den damaligen sozialistischen Ländern mit antikommunistischer Hetze vermischt hatte. Klaus Mehnert hatte auch mit dem BND zu tun. – siehe Wikipedia– P.R.)
(Die Denkfabriken (Thinktanks) in den USA werden als selbstverständlich gesehen. Um die Bilderberg-Tagungen gibt es Verschwörungstheorien. Seien es die Denkfabriken (Think-Tanks), die Bilderberg-Tagungen und vieles andere mehr. In der DDR wussten wissenschaftlich Tätige und Verantwortliche seit den 1970er Jahren, dass diese Institutionen die bürgerliche Demokratie aushebeln und die Interessen des Großkapitals vertreten. P.R.)
Der Ausbau der Präsidialmacht
In den USA wie auch in den anderen imperialistischen Ländern werden unter den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus, der weltweiten Klassenauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus (Diese ist vom Kapitalismus gewonnen worden. P.R.) sowie der wissenschaftlich-technischen Revolution schnell wachsenden Aufgaben des Staates zum überwiegenden Teil von der Exekutive übernommen. Nur sie verfügt über einen entsprechenden Apparat, um die Volksmassen niederzuhalten und im Interesse der Monopole Eingriffe in die Wirtschaft und in andere gesellschaftliche Bereiche vorzunehmen.
Wenn auch die Ausweitung der Präsidialmacht als Kern der Exekutive immer wieder auf Hindernisse, auch auf den Widerstand des Kongresses, stößt, so stellt das ihre beherrschende Stallung im zentralen Staatsmechanismus, den Anspruch der Exekutive, dass sie „die vorrangige und entscheidende Rolle spielt und an die Stelle der beiden anderen Regierungsgewalten treten kann“16, keineswegs in Frage.
16 Draft Main Political Resolution…, a. a. O., S. 23.
Es ist bereits darauf verwiesen worden, dass bestimmte, vor nahezu 190 Jahren geschaffene Grundstrukturen des Staatsaufbaus in den USA in diesem Jahrhundert die Entwicklung des Staates spezifisch geprägt haben. Der Präsident und sein Apparat wurden zum Zentrum staatsmonopolistischer Machtausübung, der Präsident selbst zum „Oberhaupt der amerikanischen Milliardäre“17. Seine Befugnisse und ihr Ausbau gestalteten sich zum Dreh- und Angelpunkt der Konzentration und Zentralisation staatlicher Macht in den USA.
17 W. I. Lenin, Werke, Bd. 28, Berlin 1959, S. 57.
„Wo sie (die Präsidentschaft – d. Verf.) einst Gegenstand des antimonarchischen Argwohns war“ – so sehen es bürgerliche Staatswissenschaftler der USA – , „regiert der Präsident heute als der amerikanische ‚König‘….Wo einst die Legislative als die führende Institution des amerikanischen Staates angesehen wurde, spielt heute der Präsident die zentrale Rolle.“18
18 C. P. Magrath/E. E. Cornwell/J.S. Goodman, The American Democracy, Second Edition, New York/London 1973, S. 288.
Mehrere politische und verfassungsrechtliche Faktoren begünstigen diese Entwicklung. In der Funktion des Präsidenten vereinigen sich sowohl die Funktion des Ministerpräsidenten als auch die des Staatspräsidenten. In seinen Händen liegt ohne Einschränkung die exekutive Gewalt. Die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika bestimmt: „Die vollziehende Gewalt liegt beim Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika“ (Artikel II, Abschnitt 1). Der Präsident ist gegenüber dem Senat und dem Repräsentantenhaus im eigentlichen Sinne nicht rechenschaftsplichtig.19 Er kann nicht einmal veranlasst werden, vor dem Kongress zu erscheinen. Die Minister werden allein von ihm ernannt, können von ihm jederzeit entlassen werden und sind an seine Weisungen gebunden. Das bestehende Zweiparteiensystem, die finanzielle Abhängigkeit der Präsidentschaftskandidaten von den großen Konzernen und das Wahlrecht gewährleisten zuverlässig, dass die Spitze der Exekutive stets von einem den Monopolinteressen ergebenden Politiker eingenommen wird. Zugleich bedingt die Struktur dieses Parteiensystems, dass die Politik des Präsidenten faktisch keiner Kontrolle der Parteiorganisation oder Parteimitglieder unterliegt.
19 Nach Artikel 1, Abschnitt 3 der Verfassung hat allerdings der Senat das Recht, Amtsanklage auch gegen den Präsidenten zu erheben. Eine Amtsenthebung erfordert eine Zweidrittelmehrheit im Senat. Ein derartiges impeachment wurde bisher noch nie bis zum Ende durchgeführt. Richard Nixon kam einer Amtsenthebung durch seinen Rücktritt zuvor.
Natürlich ist die beispiellose Machtfülle, die in den Händen des Präsidenten der USA konzentriert ist, keine neue Erscheinung. Mark Twain schrieb schon in der Zeit des Übergangs vom vorimperialistischen Kapitalismus zum Imperialismus: „Unser Monarch ist stärker, despotischer und selbstherrlicher als irgendein Mensch in Europa. Seine Befehle aus dem Weißen Haus werden weder durch Gesetz noch Tradition gezügelt, er kann den Kongress im Zaum halten…Er kann die Zentralgewalt verstärken und konzentrieren und die Staaten ihrer Rechte berauben…Er kann den Obersten Gerichtshof mit seinen Anhängern besetzen.“20 Neu ist allerdings der Klasseninhalt der Präsidialmacht der USA als „Zentrale des Militär-Industrie-Komplexes und des Monopolkapitals im Allgemeinen“21. Nicht zu übersehen ist auch, dass der Kompetenzzuwachs des Präsidenten (auf Kosten des Kongresses und der Einzelstaaten) in der Gegenwart eine neue Stufe erreicht hat und dass der direkt vom Präsidenten geleitete staatliche Apparat wesentlich ausgeweitet wurde. Die Parlamentarisch weitgehend unabhängige mit zahlreichen Rechten ausgestattete Präsidialmacht erwies sich beim Übergang zum staatsmonopolistischen Kapitalismus als geeignete Institution, um die Macht der Exekutive gegen das Volk und gegen die traditionellen parlamentarischen Institutionen maßlos auszudehnen. Die Weichen dafür wurden in den ersten Jahrzehnten dieses (des vorigen P.R.) Jahrhunderts, insbesondere in der Zeit des „New Deal“, gestellt. „Präsident Roosevelt“, so betonte Gus Hall, „war ein Krisenpräsident. Zur gleichen Zeit, als er sich zu Projekten sozialer Wohlfahrtsprogramme gezwungen sah, initiierte er in der Tat – vor allem in seiner zweiten Amtsperiode – viele dieser autoritären Staatskonzepte. Präsident Truman fügte den ‚nationalen Notstand‘ als Schild hinzu, hinter dem die Exekutive sich weitere Machtbefugnisse aneignete. Und jeder Präsident hat seitdem einiges zu dieser Polizeistaat-Struktur beigetragen. Jeder Präsident hat seitdem dem Gebäude eines Staates im Staate Ziegelsteine hinzugefügt.“22 Vor allem die Eskalation der Aggressionspolitik des USA-Imperialismus nach 1945 beschleunigte den Ausbau der Präsidialmacht.
21 Draft Main Political Resolution…, a. a. O., S. 23.
22 G. Hall, Watergate und the Fascist Danger, political affairs, August 1973, S. 10.
Das Anwachsen der Macht der Exekutive ist ein Prozess, der so eng mit der staatsmonopolistischen Entwicklung in den USA verbunden ist, dass er im Rahmen der bestehenden ökonomischen und politischen Machtverhältnisse nicht rückgängig gemacht werden kann. Zwar gelingt es dem Kongress durchaus, in dieser oder jener Frage Entscheidungen des Präsidenten zu durchkreuzen. Insgesamt gehören jedoch Zeiten der „Kongressregierung“, das heißt einer vorrangigen Bestimmung der Gesetzgebung, des Budgets und der Politik durch den Kongress, der Vergangenheit an. Der zentrale staatliche Exekutivapparat von heute (1970er Jahre P.R.), der etwa zwei Millionen Staatsangestellte umfasst, jährlich mehr als 100 Milliarden Dollar verschlingt und an dessen Spitze der Präsident mit seinen Beraterstäben, Ministerien, Bundesbehörden und Kommissionen steht, bestimmt die Staatspolitik, den Bundeshaushalt und überwiegend auch die Gesetzgebung. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die in den (damals P.R.) letzten Jahrzehnten entstandene „unsichtbare Regierung“. Die KP der USA rechnet dazu vor allem den politischen Beraterstab des Präsidenten, den zentralen Apparat zur Steuerung der Wirtschaft, den eng mit den Rüstungsmonopolen verflochtenen Apparat des Pentagons und das System der Geheimdienste, das in besonderem Maße den Niedergang der bürgerlichen Demokratie in den USA verkörpert. Das Zentrum dieser „unsichtbaren Regierung“ ist der „Nationale Sicherheitsrat“23.
23 Vgl. Das neue Programm der kommunistischen Partei der USA, Berlin 1971, S. 19; G. Hall, Der amerikanische Imperialismus in der Welt von heute, Berlin 1972, S. 130 f.
Zu den wirksamsten „unsichtbaren“ Formen unmittelbarer Beteiligung von Vertretern der Monopole an den staatlichen Entscheidungen sind die zahlreichen Beiräte bei den Exekutivorganen, einschließlich der Ministerien und des Präsidenten, zu zählen. Es existieren etwa 3 200 derartige Beiräte, denen 20 000 Mitglieder angehören.24
24 Vgl. S. B. Tschetwerikow, a. a. O., S. 17.
Der unmittelbare persönliche Mitarbeiterstab des USA-Präsidenten, der über alle Grundfragen der Inne- und Außenpolitik, der Gesetzgebung wie des Haushalts entscheidet, wurde im 20. Jahrhundert zur staatlichen Schaltzentrale des präsidialen Regierungssystems. Zum Beraterstab des Präsidenten als Kern des Büros des Weißen Hauses (White House Office) zählten unter Franklin D. Roosevelt elf, und Harry S. Truman 13, und John F. Kennedy 20 und unter Richard M. Nixon 48 Mitarbeiter.25 (Stand damals P.R.) Neben des Assistenten des Präsidenten gehören die Leiter maßgeblicher Behörden des Exekutivbüros des Präsidenten (Executive Office of the President) zum Beraterstab des Präsidenten, die damit – wie der Präsident selbst – im Gegensatz zu den Ministern (secretaries) und anderen leitenden Staatsangestellten das sogenannte executive privilege für sich in Anspruch nehmen, das heißt keiner Kontrolle des Kongresses (zum Beispiel durch Befragungen) unterliegen. Amerikanische Soziologen schätzen ein: „Die wirklichen Entscheidungen werden…mehr und mehr vom Beraterstab des Präsidenten gefällt.“26 Die Ratgeber des Präsidenten sind dafür verantwortlich, die einzelnen Verwaltungszweige zu überwachen. Zum staatlichen Apparat des Präsidenten, dem „Executive Office of the President“, gehören weitere 14 Büros und Räte, so der „Nationale Sicherheitsrat“, der „Rat der Wirtschaftsberater“, der „Rat für internationale Wirtschaftspolitik“ sowie das „Büro für Verwaltungs- und Budgetangelegenheiten“. Mehrere Räte und Büro, die sich mit innenpolitischen Fragen beschäftigen, so auch der „Rat für Umweltschutz“, wurden erst unter Präsident Nixon geschaffen. Insgesamt beschäftigte das Exekutivbüro des Präsidenten 1971 nahezu 3 000 Mitarbeiter, davon allein das „Büro des Weißen Hauses“ 550. Die Mitarbeiterzahl des „Büros für Verwaltungs- und Budgetangelegenheiten“ erhöhte sich Anfang der 1970er Jahre auf etwa 1 000.
25 Vgl. P. Lösche, a. a. O., S. 9.
26 Ralph Nader Congress Project…, a. a. O., S. 104.
Dem Präsidenten unterstehen weiterhin elf Ministerien (Departments), deren Minister dem Kabinett des Präsidenten angehören. Dieses Kabinett hatte, insbesondere unter Nixon, nur untergeordnete Bedeutung. Weiterhin existieren 50 Exekutivbehörden (executive agencies), die sowohl einzelnen Ministern als auch dem Präsidenten direkt unterstehen. Bürgerliche Politologen vergleichen die hierarchische Struktur der Exekutive in Washington, wie sie sich unter den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus herausgebildet hat, recht zutreffend mit „konzentrisch um das Weiße Haus errichteten Mauern“27.
27 P. Lösche, a. a. O., S. 13.
Das entsprechende zentrale Organ zur Regulierung der Wirtschaft ist das „Büro für Verwaltungs- und Budgetangelegenheiten“. Seine Aufgabe ist es, den jährlichen Bundeshaushalt aufzustellen, dessen Vollzug zu kontrollieren und Vorschläge zu Verbesserung der Arbeit der Bundesbehörden zu erarbeiten.28
28 Vgl. A. I. Dejkin, „Presidential Office of Management and Budgets“, S Scha A (Moskau), 3/1973, S. 119 ff.
Als selbstständige, vom Finanzministerium getrennte Haushaltsbehörde entstand das Budgetbüro schon im Jahre 1921. Unter Präsident Roosevelt wurde es im Jahre 1939 zu einem direkten Instrument der Präsidialgewalt ausgebaut und im Jahre 1970 zum „Büro für Verwaltungs- und Budgetangelegenheiten“ erweitert und mit neuen Aufgaben betraut. Allein von 1950 bis 1971 wuchs der Bundeshaushalt auf mehr als das Fünffache. Ein entscheidendes Anliegen der zentralen staatlichen Exekutive wurde die wirtschaftliche Regulierung und Programmierung. Als Organ zur Koordinierung der Wirtschaftspolitik des Präsidenten übernahm es das „Büro für Verwaltungs- und Budgetangelegenheiten“ auch die Aufgabe, die Regierungsprogramme auszuarbeiten und zu kontrollieren. Die Programme hatten sich seit den Zeiten ihrer Entstehung – im Zusammenhang mit der Politik des „New Deal“ – zahlenmäßig rapide erhöht. Bis Ende der 1960er Jahre nahmen sie im Zusammenhang mit der von Lyndon B. Johnson verkündeten Konzeption von der „Großen Gesellschaft“ gegenüber den 1950er Jahren von etwa 140 auf 1 500 zu!29 Jeder Gesetzentwurf eines Ministeriums benötigt, bevor er dem Kongress zugeleitet wird, die Zustimmung des „Büros für Verwaltungs- und Budgetangelegenheiten“.
29 Derartige Bundesprogramme, die insbesondere auch einer krassen Verschärfung der sozialen Widersprüche vorbeugen sollen, sind eine spezifische Form staatsmonopolistischer Regulierungsmaßnahmen in den USA. Das überwiegende Scheitern dieser Programme ist Bestandteil der politischen Krise in den USA. Geklagt wird darüber, dass Millionen Dollar „für Bemühungen um Sozialreformen vergeudet (werden), die sich nicht bewährten, für Wohnungsbauprogramme, bei denen die Zahl der Spekulanten, die sich bereicherten, größer war als die Zahl der Armen, die anständige neue Wohnungen bekamen“ (New York Times vom 10.7.1972).
Seit den 1930er Jahren beschäftigt sich in den USA ein ganzes System von Bundesbehörden mit Fragen der Wirtschaftsregulierung sowie mit solchen ökonomischen Fragen wie der Steuer- und Kreditpolitik, mit Massenaufkäufen von Waren, mit Vertragsarbeiten vor allem im Bereich des Militärwesens, mit der Investitionslenkung, mit der Entwicklung von Wissenschaft und Technik usw. Diese Behörden sind das Finanz-, das Hanels-, das Wirtschafts-, das Verteidigungs- und das Arbeitsministerium, das „Federal Reserve System“ und der 1946 beim Präsidenten gebildete Wirtschaftsrat. Dem Wesen nach geht es darum, den großen Monopolen Maximalprofite zu gewährleisten. Anfang der 1970er Jahre unternahm Nixon große Anstrengungen, um den Apparat der Wirtschaftsregulierung auszubauen und weiter zu zentralisieren. Der Kongress lehnte jedoch seinen Plan ab, vier große Ministerien für Wirtschaftspolitik zu schaffen (für wirtschaftliche Angelegenheiten, für kommunale Entwicklung, für menschliche Ressourcen und für Naturressourcen). Diese Ministerien gedachte Nixon mit seinem eigenen unmittelbaren Machtapparat zu verbinden, gegebenenfalls, indem er die Minister in seinen Beraterstab aufnehmen würde.
Die ökonomische Tätigkeit des Staates in den USA äußert sich am unmittelbarsten in der Tätigkeit des Verteidigungsministeriums, des Pentagons, die auf die Militarisierung der Wirtschaft gerichtet ist. Etwa 15 000 Angestellte des Pentagons beschäftigen sich allein damit, Verträge mit der Rüstungsindustrie abzuschließen, und 40 000 Mitarbeiter befassen sich mit der Gewährleistung von Rüstungsaufträgen (jährlich über 40 Milliarden Dollar). Das Pentagon kontrolliert Eigentumswerte in Höhe von 200 Milliarden Dollar. Sein Landbesitz ist größer als die Flächen der Staaten Rhode Island, Delaware, Connecticut, New Jersey, Massachusetts, Maryland, Vermont und New Hampshire zusammen.30
30 Vgl. 18. Parteitag der Kommunistischen Partei der USA, 22.-26. Juni 1966, Berlin 1967, S. 25.
Zwischen dem Pentagon und anderen staatlichen Institutionen einerseits und der Rüstungsindustrie andererseits findet ein reger Austausch von Mitarbeitern statt. „Eine Karriere in der Wirtschaft ist heute das erstrebenswerte Ziel für Tausende von Offizieren, während Industriekapitäne und ihre Anwälte laufend in hohe bürokratische Ämter des Verteidigungsministeriums und der Staatssicherheitsbehörden kommen, dort gewöhnlich lange genug bleiben, um die Richtlinien der Politik zu bestimmen, bevor sie in die Industrie zurückkehren.“31 Mit Unterschieden in den einzelnen Nachkriegsregierungen hatte der Militär-Industrie-Komplex seine Vertreter als Abteilungsleiter und stellvertretende Minister auch in einigen anderen Ministerien, vor allem aber im „Nationalen Sicherheitsrat“.
31 G. Kolko, Hintergründe der US-Außenpolitik, Frankfurt am Main 1971, S. 48.
Der Militär-Industrie-Komplex drückt den volksfeindlichen und aggressiven Charakter des imperialistischen Staates offen aus. Er durchdringt die gesamte Tätigkeit der zentralen staatlichen Institutionen. Von ihm gehen entscheidende antisoziale und militärische Wirkungen auf die Innen- und Außenpolitik der USA aus. Alle Rüstungsprogramme müssen über die Bühne des Kongresses gehen. Initiiert und formuliert werden sie jedoch zumeist von den Rüstungsmonopolen und dem eng mit diesem verbundenen Apparat des Pentagons. Den letzten Schliff gibt ihnen der Präsident der USA und der unter seinem Vorsitz tagende „Nationale Sicherheitsrat“. Nachdem der Präsident zugestimmt hat, ist es die Aufgabe von über 300 Mitarbeitern des Pentagons, die Rüstungsprogramme im Kongress durchzubringen.32
32 Vgl. D. Senghaas, Rüstung und Militarismus, Frankfurt am Main 1972, S. 170.
Das System der Spionagedienste und ihre Verbindung mit der Präsidialgewalt ist ebenfalls ein Charakteristikum des staatsmonopolistischen Kapitalismus. Vor allem CIA, FBI und DIA (der 1961 gegründete zentrale militärische Geheimdienst), deren Tätigkeit in den letzten Jahrzehnten gewaltig ausgeweitet wurde, haben die staatliche Entwicklung in den USA, insbesondere den Trend, dass der Präsident die bürgerlich-demokratischen Rechte missachtet, wesentlich geprägt. Die Geheimdienste gehören mit zu jener „unsichtbaren Regierung“ in den USA, die faktisch außer Reichweite auch der parlamentarischen Institutionen existiert. Gegebenenfalls mit physischer Gewalt übernehmen sie es, die demokratische Bewegung im Innern zu überwachen und niederzuhalten. In der Außenpolitik suchen sie Intrigen, Putschen, Gewaltanwendung und Mord das Internationale Kräfteverhältnis zugunsten des USA-Imperialismus zu ändern. (Was ja schließlich gelungen ist. P.R.)
Der Ausbau der Macht des Präsidenten und der Exekutive wird verfassungsrechtlich dadurch ergänzt, dass die Kompetenzen des Präsidenten auf Kosten des Kongresses ausgeweitet werden. Der Präsident ist heute nicht nur der Chef der Exekutive. Er ist ohne Zweifel der eigentliche oberste Gesetzgeber. In seinen Händen liegt auch in bedeutendem Maße das Budgetrecht. Zwischen 1890 und 1940 gingen etwa 20 Prozent der wichtigsten Gesetze auf die Initiative der Exekutive und 30 Prozent auf das Zusammenwirken von Exekutive und Kongress zurück. In den letzten Jahrzehnten (Stand 1970er Jahre. P. R.) sind ungefähr 80 Prozent aller verabschiedeten wichtigen Gesetze ursprünglich vom Präsidenten und seinen Ministern eingebracht worden33, wobei der Kongress diese Entwürfe allerdings häufig erheblich veränderte. Die Exekutive bestimmt maßgeblich die Gesetzgebung, obwohl die Verfassung der USA bestimmt: „Alle in dieser Verfassung verliehene gesetzgebende Gewalt ruht im Kongress der Vereinigten Staaten, der aus einem Senat und einem Repräsentantenhaus beseht“ (Artikel I, Abschnitt 1). Zugleich hat der Präsident sein verfassungsmäßiges Recht, gegen vom Kongress verabschiedeten Gesetze sein Veto einzulegen. Dieses Recht nahm Andrew Jackson in den dreißiger Jahren des (vor-P.R.) vorigen Jahrhunderts zum ersten Mal wahr. Seit der Präsidentschaft Franklin D. Roosevelts war es häufig angewandt worden: von 1933 bis Anfang 1945 632mal, von 1945 bis 1951 175mal und von 1953 bis 1970 240mal. Von 1953 bis 1970 sind nur vier Vetos vom Kongress überstimmt worden!
33 Vgl. K. Loewenstein, Verfassungsrecht und Verfassungspraxis der Vereinigten Staaten, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1959, S. 370; Ralph Nader Congress Project…, a. a. O., S. 94
Die Inflationäre Art, wie der Präsident das Vetorecht angewandt und seit der Präsidentschaft von Harry S. Truman auch auf Steuergesetze ausgedehnt hat, kennzeichnet sowohl den Grad der Meinungsverschiedenheiten zwischen Kongress und Präsident als auch des Präsidenten autoritäre Machtausübung. Das Veto ist zudem nur das letzte Mittel des Präsidenten, um auf die Gesetzgebung einzuwirken. Über einzelne Abgeordnete, Senatoren, auch über Ausschussvorsitzende und zum Teil über den Fraktionsvorsitzenden der Partei des Präsidenten werden die von dem Beraterstab des Präsidenten, den Ministerien und Bundesbehörden ausgearbeiteten Gesetzentwürfe im Kongress eingebracht. „Wenn der Präsident die Verabschiedung eines Gesetzes erkaufen möchte, dann kann er das mit geringen Unkosten tun, zum Beispiel dadurch, dass er sich bei der Einweihung einer neuen Schule an der Seite eines Abgeordneten sehen lässt oder ihm nach der feierlichen Unterzeichnung eines Gesetzes, das für den Wahlkreis des Abgeordneten Mammuteinnahmen zu bringen verspricht, den Federhalter schenkt, der zur Unterschrift benutzt worden ist.“34
34 Ralph Nader Congress Project…, a. a. O., S. 95.
Ein wichtiges Mittel des Präsidenten, um in der Gesetzgebung den Kongress regelrecht auszuschalten, ist der Erlass von „executive orders“. Diese administrativen Verordnungen werden nur in den seltensten Fällen dem Kongress vorgelegt, der dann in der Regel zustimmt. So opponierten im Jahre 1971 zunächst mehrere Abgeordnete und Senatoren gegen eine Verordnung des Finanzministeriums „zur beschleunigten Abschreibung“, die den Konzernen Steuererleichterungen in Höhe von 3,9 Milliarden Dollar gewährte. Präsident Nixon legte daraufhin diese Verordnung dem Kongress vor, wo sie vom Abgeordneten Wilbur Mills, dem damaligen Vorsitzenden des „Ways and Means Committee“, des Lenkungsausschusses des Repräsentantenhauses, im Auftrag des Präsidenten durchgebracht wurde.
Administrative Verordnungen auf der Grundlage von gesetzlichen Ermächtigungen erweitern und ergänzen in der politischen Realität die Gesetzgebung außerordentlich. Insbesondere vermag der Präsident auf diesem Wege den Staatsapparat entscheidend zu verändern, da er ermächtigt ist, die Bildung von „provisorischen Behörden“ und von „Kontrollorganen der Wirtschaft“ selbst vorzunehmen. Seit der Amtszeit Franklin D. Roosevelts hat das Regieren mittels Verordnungen erheblich an Bedeutung gewonnen. Roosevelt erließ von 1933 bis 1944 3 703 „executive orders“. Im gleichen Zeitraum nahm der Kongress 4 553 Gesetze an. Anfang der 1970er Jahre existierten etwa 11 000 „executive Orders“. Das seit 1936 herausgegebene „Federal Register“, in dem diese Verordnungen veröffentlicht werden, ist heute (1970er Jahre P.R.) umfangreicher als die „Status at Large“, die Gesetzessammlung des Kongresses.
Der Präsident entwickelt sich nicht nur zum „obersten Gesetzgeber“, sondern nimmt auch weitgehend das Budgetrecht in Besitz. Die Mehrzahl der Vetos des Präsidenten reichtet sich in der Gegenwart (1970er Jahre P.R.) gegen Gesetze des Kongresses, die finanzielle Mehrausgaben vorsehen. Selbst vom Präsidenten bereits unterzeichnete Gesetze mit finanziellen Auswirkungen werden häufig „auf Eis gelegt“. Vor allem Präsident Nixon beanspruchte das Recht, die vom Kongress in einem Gesetz bewilligten Gelder zu „verwahren“, das heißt zu sperren. So bewilligte der Kongress im Jahre 1972 2, 2 Milliarden Dollar, 200 Millionen mehr, als die Regierung forderte, um „Minderbemittelten“ den Bezug verbilligter Lebensmittel zu ermöglichen. Daraufhin ordnete der Präsident an, das „Büro für Verwaltungs- und Budgetangelegenheiten“ habe die „zulässige Ausgabengrenze“ auf zwei Milliarden Dollar festzusetzen. 1970 gab die Regierung zur Überwachung verschmutzter Gewässer von den bewilligten 800 Millionen Dollar nur 262 Millionen aus; 1971 von den bewilligten 800 Millionen Dollar lediglich 475 Millionen. Anfang der 1970er Jahre ergab eine Untersuchung des Kongresses, dass vom Präsidenten insgesamt zwölf Milliarden Dollar – dazu gehörten „eingefrorene“ Mittel für Krebsforschung, Stadtsanierung und Schnellstraßenausbau – „verwahrt“ werden.35(Wir sehen hier, wie alt dieses Übel ist und dass dieses nicht von Trump ersonnen worden ist. P. R.)
35 Vgl. a. a. O., S. 114 f.
Seit dem Etatgesetz von 1921 liegt das Recht, einen „überregionalen Etat“ aufzustellen, bei der Exekutive. Vordem richteten die Ministerien oder Bundesbehörden ihre finanziellen Anforderungen direkt an den Kongress. Der Kongress arbeitete in den 1940er Jahren parallel dazu doch einmal einen „Etat der Legislative“ aus. Später stellte er derartiges Bemühen, bei der Aufstellung des Etats mitzuwirken, überhaupt ein.
Die wichtigsten Fragen der Haushaltsstrategie werden in den USA auf höchster Ebene ausgehandelt. An der „Budget Round“, einer Serie von Beratungen, die dem Aufstellen des Etats vorangehen, nahmen im Jahre 1972 die Leiter aller entscheidenden zentralen wirtschaftsregulierenden Organe teil: der Direktor des „Büros für Verwaltungs- und Budgetangelegenheiten“, sein Stellvertreter für Haushaltsfragen, der Finanzminister, der Vorsitzende des „Rates für Wirtschaftspolitik“ beim Präsidenten und der Vorsitzende des „Board of Governos of the Federal Reserve System“. In diesen Beratungen wird die Ausgabengrenze für jede Bundesbehörde und für jedes Ministerium festgelegt. Lediglich der Haushalt des Verteidigungsministers wird direkt zwischen Präsident und Fachminister erörtert und festgelegt.
Sicherlich besitzt der Kongress in weit höherem Maße, als dies bei andern Parlamenten der entwickelten kapitalistischen Länder der Fall ist, weite Möglichkeiten, immer noch die Haushalts- und Steuergesetzgebung zu beeinflussen, und sei es dadurch, dass er geforderte Mittel einfach nicht bewilligt. In häufig spektakulär aufgezogenen Kürzungen einzelner Etatsposten oder finanzieller Forderungen des Präsidenten nimmt er diese Möglichkeit wahr. Dies ändert jedoch nichts daran, dass der Kongress die Haushaltsstrategie des Präsidenten niemals grundsätzlich in Frage stellt und die Haushaltsgesetzgebung im Grunde in den Händen der vom Präsidenten der USA geführten Exekutive liegt.
Vom Präsidenten der USA wird heute im vollen Maße das Recht beansprucht, „die Außenpolitik zu führen“.36Auch in dieser Hinsicht, insbesondere im Zusammenhang mit dem Abschluss völkerrechtlicher Verträge und den imperialistischen Aggressionskriegen der USA im 20. Jahrhundert (Nun müssen wir das 21. Jahrhundert hinzurechnen. P.R.), wurden die Zuständigkeiten der Präsidialmacht faktisch ausgeweitet. Nach der Verfassung kann der Präsident nur, wenn eine Zweidrittelmehrheit im Senat dem zustimmt, Verträge mit ausländischen Staaten schließen. Außerdem müssen internationale Verträge mit finanziellen Auswirkungen sowie die Ausgaben für den diplomatischen Dienst vom Kongress sanktioniert werden. Und nur der Kongress hat das Recht, Kriege zu erklären.
36 Botschaft Fords über die Lage der Nation, Archiv der Gegenwart, vom 4.12.1975, S. 19234.
Aber der Präsident bestimmt heute eben auch die Außenpolitik. Seine Beauftragten führen Verhandlungen über internationale Verträge und schließen sie ab. Es ist Praxis geworden, dass der größte Teil der internationalen Abkommen, die faktisch Verträge („treaties“) sind, ohne Zustimmung des Senats als „executive agreements“ zumeist allein vom Präsidenten unter Umgehung des Senats abgeschlossen werden. Die ersten „executiv agreements“ wurden bereits im Jahre 1817 abgeschlossen. Im Jahre 1930 standen 25 „treaties“ neun „executive agreements“ gegenüber, und 1971 waren es schon 24 „executive agreements“ gegenüber 17 „treaties“.37 Heute (1970er Jahre P.R.) sind etwa 4 000 derartige Abkommen in Kraft.
37 Vgl. A. M. Schlesinger, The Imperial Presidency, Boston 1973, S. 313.
Mit dem Übergang des Kapitalismus in das imperialistische Stadium und mit der damit verbundenen wachsenden Aggressivität des USA-Imperialismus nahm der Präsident immer unverhüllter das Recht in Anspruch, ohne den Kongress zu fragen, bewaffnete Konflikte auszulösen. Theodore Roosevelt ließ die Panama-Kanal-Zone besetzen und stellte damit den Kongress vor vollendete Tatsachen. Woodrow Wilson schickte 1918 amerikanische Truppen nach Nordrussland und Sibirien, ohne sich um die Zustimmung des Kongresses zu kümmern. Harry S. Truman löste den Krieg gegen Korea aus, ohne die Meinung des Kongresses einzuholen. Die Aggression der USA in Indochina, in deren Verlauf von den USA Hunderttausende von Soldaten und Waffen im Werte von über 100 Milliarden Dollar eingesetzt wurden, ist vom Kongress zwar faktisch unterstützt, aber nicht ausdrücklich gebilligt worden. Um der von Präsident Johnson befohlenen Bombardierung Nordvietnams im Jahre 1964 den Anschein der Legalität zu geben, wurde eigens ein Angriff auf zwei US-Zerstörer im Golf von Nordvietnam vorgetäuscht. Repräsentantenhaus und Senat gaben daraufhin nahezu einstimmig eine „Gemeinsame Erklärung“ („Joint Resolution“) ab, die dem Präsidenten eine Generalermächtigung zur weiteren Kriegsführung gab. Sobald der Kongress Anfang der 1970er Jahre angesichts der Niederlage der USA auch nur die geringsten Schritte unternahm, um den Krieg gegen Vietnam und Kambodscha einzudämmen, setzte sich der Präsident darüber hinweg. Ein Gesetz zur Begrenzung der Macht des Präsidenten – im Oktober 1973 mit dem Hinweis im Kongress eingebracht, „unerklärte Kriege“ zu verhindern – scheiterte am Veto des Präsidenten, obwohl es den Einsatz von Militärangehörigen „lediglich“ auf 60 Tage begrenzen wollte.
Ungeachtet der Halbheiten und Kompromissbereitschaft des Kongresses wurde dennoch an seiner latenten und teilweise auch wirksamen Opposition gegen die vom Präsidenten verlangte erhöhte Militärhilfe für die Regimes in Kambodscha und Südvietnam in den Jahren 1974 und 1975 – bis zum Sturz dieser Regimes – deutlich, dass sich hinter den Kontroversen zwischen Kongress und Präsidenten um die Ausweitung der Präsidialmacht zum Teil ernste Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Monopolbourgeoisie darüber verbergen, wie die künftige Innen- und Außenpolitik zu gestalten ist. Vor allem dann – wie in der Watergate-Affäre und in Verbindung mit der Zunahme der Proteststimmung gegen den Krieg in Indochina-, wenn demokratische Bewegungen in den USA sich gegen antidemokratische und aggressive Handlungen des Präsidenten wandten, erlangten oppositionelle Aktivitäten des Kongresses unbestritten eine gewisse Bedeutung im Kampf für die Durchsetzung der Interessen der Volksmassen.
Die Deformation der vor 190 Jahren (Stand 1970er Jahr P. R.) geschaffenen Regierungsform, die sich gerade auch in der Übermacht des Präsidenten gegenüber den parlamentarischen Institutionen äußert, ist allerdings nicht dadurch zu korrigieren, wie liberale Kreise in den USA meinen, dass alles wieder in Ordnung käme, wenn „das Gleichgewicht zwischen Kongress und Präsidenten“ wiederhergestellt wäre.38 Der Weg zu einer größeren demokratischen Wirksamkeit auch der parlamentarischen Institutionen in den USA besteht in Wirklichkeit darin, die Ursachen für die Deformation des Regierungssystems zu beseitigen, das heißt die Macht der Monopole in diesen Institutionen wie überhaupt im Staat zurückzudrängen und zu beschneiden. Notwendig ist vor allem, dass die antimonopolistischen Kräfte Einfluss im Kongress und im Weißen Haus gewinnen.
38 Vgl. Ralph Nader Congress Project…, a. a. O., S. 130.
Der Kongress im Dienste der Kapitalinteressen
Nicht ganz zu Unrecht bezeichnen bürgerliche Staatswissenschaftler den Kongress der USA auch heute (1970er Jahre P. R.) noch als das mächtigste bürgerliche Parlament der westlichen Welt. Der Ausbau der Präsidialmacht auf Kosten auch der parlamentarischen Rechte des Senats und des Repräsentantenhauses ändert nichts an der Tatsache, dass im Unterschied zu anderen kapitalistischen Hauptländern, wie Frankreich und Großbritannien, in den USA die zwei Kammern des Kongresses im zentralen Staatsmechanismus durchaus noch einen bedeutsamen Faktor darstellen. Das trifft auf den Gesetzgebungsprozess wie auch auf die Kontrolle der Exekutive zu. Die sich häufenden Differenzen zwischen dem Kapitol und dem Weißen Haus – aber auch innerhalb des Kongresses – sind eine spezifische Erscheinungsform, in der Meinungsverschiedenheiten innerhalb der herrschenden Klasse der USA ausgetragen werden. Dabei beeinflusst die demokratische Bewegung für soziale Reformen (Damals war eine Reform tatsächlich eine Verbesserung, ein Fortschritt. Heute ist eine Reform eine Verschlechterung, ein Rückschritt. P.R.), für Bürgerrechte (Tatsächlich Bürgerrechte und keine sich so nennende konterrevolutionäre Bewegung. P.R.) und gegen Kriegspolitik des USA-Imperialismus eingeordnet ist. Für die Rolle des Kongresses im politischen Willensbildungsprozess der Bourgeoisie sind vor allem einige Momente wichtig, die im Folgenden betrachtet werden sollen.
Die einzelnen Monopolgruppen sind infolge der sehr weitgehenden Zentralisierung der staatlichen Macht in den Händen des Präsidenten und seiner Berater häufig daran interessiert, den Kongress als Gegengewicht zur Präsidialmacht zu nutzen. Dabei geht es natürlich nicht um Interessengegensätze grundsätzlicher Art. Aber in der Wirtschaftspolitik, zum Beispiel hinsichtlich „geeigneter“ Maßnahmen zur Krisenbekämpfung, der Politik gegenüber der sozialistischen Staatengemeinschaft, des Verhältnisses von Gewalt und sozialen Teilzugeständnissen, gibt es durchaus unterschiedliche Positionen innerhalb des Monopolkapitals. Außerdem suchen auch die nichtmonopolistischen Kreise der Bourgeoisie und die auf Klassenkollaboration eingestellten Gewerkschaften die zentralen staatlichen Entscheidungen zu beeinflussen. Denjenigen Monopol- und Kapitalgruppen, die ihre Interessen nicht über den Apparat des Präsidenten durchsetzen konnten, bleibt die Möglichkeit, den Kongress dafür zu aktivieren. Diese Möglichkeit nutzen zum Teil auch die aggressivsten Kreise des Monopolkapitals aus. Nixon handelte in voller Übereinstimmung insbesondere mit den Forderungen der Hersteller von Schwermaschinen und anderen Industrieausrüstungen, als er dafür eintrat, die Meistbegünstigungsklausel im Handel der USA mit der Sowjetunion zu gewähren. Dem Einfluss von Kreisen der Rüstungsindustrie und prozionistischen Kräften des Finanzkapitals sowie deren Vertretern im Senat und im Repräsentantenhaus war es zuzuschreiben, dass die maßgebenden Ausschüsse des Kongresses diese der Entwicklung von Beziehungen der friedlichen Koexistenz zwischen den USA und der UdSSR dienende Maßnahme mehrfach – so im September 1973 und Ende 1974 – ablehnten.
Für die Legislative der USA ist weiterhin typisch, dass der innere Parlamentsmechanismus keiner so starken Disziplinierung durch Partei- und Fraktionsführungen unterliegt, wie das in anderen entwickelten kapitalistischen Ländern der Fall ist. Dort, so zum Beispiel in Großbritannien, ist das bürgerliche Parlament häufig nur ein Instrument, das den Vorschlägen der Regierung und den von der Regierungsbürokratie getroffenen Entscheidungen einfach zustimmt. In den USA hat der Präsident nur geringe Möglichkeiten, die Fraktion seiner Partei, die noch dazu in den zwei Kammern des Kongresses nicht selten in der Minderheit ist, als Instrument seiner Politik einzusetzen. Da die Regierung nicht vom Kongress gewählt wird, fehlen in den USA die für nahezu alle anderen imperialistischen Länder mit einem bürgerlich-parlamentarischen System typische Allianz zwischen Mehrheitsfraktion und Regierung sowie auch jegliche feste Fraktionsdisziplin. Lediglich bei 32 Prozent aller namentlichen Abstimmungen im Jahre 1970 stand die Mehrheit der „Demokraten“ einer Minderheit der „Republikaner“ gegenüber. Sicher wählen die Abgeordneten und Senatoren der Demokratischen und der Republikanischen Partei sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat Fraktionsführer (Mehrheits- und Minderheitsführer) sowie deren Assistenten, die Whips (Einpeitscher). Die Autorität der Fraktionsführung ist jedoch sehr gering und hängt insbesondere vom politischen Geschick der Fraktionsführer ab.39
39 Vgl. K. H. Kahrs, US-Anatomie – Wie Amerika regiert wird, Köln 1972, S. 102.
Die schwach entwickelte Fraktionsdisziplin gestattet es dem Präsidenten, zeitweise auch mit den Abgeordneten zusammenzuarbeiten, die nicht seiner Partei angehören. So richtete Nixon im Jahre 1970 bei 156 namentlichen Abstimmungen eine Empfehlung an den „Demokratischen“ Kongress. Der Kongress entsprach in 77 Prozent aller Fälle der Empfehlung des Präsidenten! Die Organisiertheit und fehlende Fraktionsdisziplin haben zur Folge, dass die Monopole und die nichtmonopolistischen Kreise der Bourgeoisie ungehindert Einfluss auf alle Abgeordneten nehmen können, den diese sind in den seltensten Fällen an irgendwelche Fraktions- und Parteibeschlüsse gebunden. Spezielle Arbeitsgruppen oder Arbeitskreise der Fraktionen wie in anderen bürgerlichen Parlamenten, in denen Gesetzentwürfe der Fraktion ausgearbeitet werden, gibt es in den USA nicht. Deshalb sind auch die Ausschüsse des Kongresses von außergewöhnlicher Bedeutung für den Gesetzgebungsprozess, für die Umsetzung der ökonomischen Interessen der Monopole in gesetzgeberische Maßnahmen und für die Austragung von Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Monopolbourgeoisie. Das Ausschusssystem ist eng mit dem System des Lobbyismus und einem umfangreichen parlamentarischen Hilfsdienst verbunden. In den Ausschüssen werden die Gesetzentwürfe der Regierung, die Vorschläge der kapitalistischen Interessengruppen und Monopole behandelt und zum Teil erheblich verändert.
Das heutige (Stand 1970er Jahre P.R.) Ausschusssystem stellt eine Reaktion des Kongresses auf die außerordentlich gewachsenen Aufgaben des Staates im staatsmonopolistischen Kapitalismus dar. Im Jahre 1825 gab es lediglich 43 ständige Fachausschüsse („Standing Commitees“) des Repräsentantenhauses und des Senats, 1970 existierten in beiden Kammern insgesamt 305 Ausschüsse und Unterausschüsse (davon 17 ständige Fachausschüsse des Senats und 21 des Repräsentantenhauses). Diese Ausschüsse und der umfangreiche parlamentarische Hilfsdienst gestatten es dem Kongress der USA, einen gewissen Teil der Gesetzgebungsarbeit zu übernehmen, die in anderen imperialistischen Ländern in den Händen der Ministerialbürokratie liegt. Abgeordnete können sieben und Senatoren über 20 Assistenten beschäftigen, die ihr Gehalt vom Staat erhalten. Einzelne reiche Senatoren haben einen Beraterstab von über 100 Mitarbeitern und können dadurch die Tätigkeit des Kongresses bzw. einzelner Ausschüsse wirksam beeinflussen. Den Abgeordneten steht ein umfangreicher Hilfsdienst zur Abfassung von Gesetzen („Office of Legislative Services“ zur Verfügung. Jeder ständige Fachausschuss des Kongresses hat die Befugnisse und Rechte eines Untersuchungsausschusses. Wenn die Kongressausschüsse Missstände beim Fernsehen, in den Geheimdiensten oder in den Bundesbehörden aufdecken, zielen sie stets darauf, die Institutionen im Interesse der Herrschenden effektiver zu gestalten. Sie tragen dadurch bei, die Machtverhältnisse zu verschleiern, und spielen teilweise, wie einst der Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Betätigung, eine ausgesprochen reaktionäre Rolle. Die Ausschüsse spiegeln den nicht unbeträchtlichen politischen Einfluss des Kongresses wider. Eine besondere Bedeutung kommt dabei den Bewilligungsausschüssen von Senat und Repräsentantenhaus zu, sie sich mit Fragen des Haushalts und (vornehmlich gibt es Unterausschüsse, von denen es allein im Repräsentantenhaus zwölf gibt) mit der Überwachung der Bundesbehörden beschäftigen. Die Möglichkeit des Kongresses, finanziell wirksame Gesetze zu erlassen, die Haushalte der einzelnen Ministerien zu beeinflussen, in die Budgetgesetze neue Etatposten einzufügen bzw. vorhandene zu erhöhen oder zu kürzen, verleiht diesen Ausschüssen Entscheidungskompetenzen, wie sie kein Haushalts- oder Finanzausschuss eines anderen bürgerlichen Parlamentes besitzt.
Ein entscheidendes Kennzeichen des präsidialen Regierungssystems in den USA ist es demnach, dass sich ein Höchstmaß an politischer Machtkonzentration in den Händen von des von den parlamentarischen Institutionen weitgehend unabhängigen Präsidenten mit einem ausgesprochen aktiven bürgerlichen Parlament verbindet, an dessen Ergebenheit gegenüber den Interessen des Monopolkapitals kein Zweifel besteht. Die sekundäre Rolle, die dieses Parlament verglichen mit der Exekutive und deren Kern, der Präsidialgewalt, spielt, bedeutet nicht, dass der Kongress keine wichtigen Hebel des Gesetzgebungsprozesses besitzt, um den zentralen Staatsapparat zu beeinflussen, und sie auch nutzt. Nach der Intensität der kapitalistischen Widersprüche, nach dem Grad der Meinungsverschiedenheiten innerhalb der herrschenden Klasse über aktuelle innen- und außenpolitische Fragen und nach der parteipolitischen Konstellation gestaltet sich das Verhältnis Exekutive und Legislative von enger Zusammenarbeit, Kompromissbereitschaft bis hin zu mehr oder weniger Kontroversen. Die parlamentarischen Rechte sind nicht – wie dargestellt – unmittelbar verfassungsrechtlich, sondern in erster Linie durch politische Praxis der verschiedenen Präsidenten beschnitten worden. Deshalb hängt es in gewissem Maße von dem Kongress selbst ab, inwieweit er bestimmte, von der Präsidialgewalt beanspruchte und ausgeübte Rechte dem Präsidenten wieder streitig macht. Die Grenzen der Kontroversen zwischen dem Präsidenten und dem Kongress werden maßgeblich dadurch bestimmt, dass die für den staatsmonopolistischen Kapitalismus typische Verflechtung von Monopolen und imperialistischen Staat sich sowohl auf den Apparat des Präsidenten als auch auf den Kongress erstreckt.
Im Senat und im Repräsentantenhaus der USA sind im Unterschied zu nahezu allen anderen bürgerlichen Parlamenten weder kommunistische noch sozialdemokratische Abgeordnete vertreten. Auch institutionalisierte Gegensätze etwa zwischen einer konservativen Partei und einer betont sozialreformistischen Partei, wie sie für zahlreiche bürgerliche Parlamente mit einem Zwei- oder Dreiparteiensystem kennzeichnend sind, gibt es im Kongress nicht. Allenfalls kann man dort von einer extrem rechten militant-reaktionären Gruppierung, einer zentristischen und einer sogenannten liberalen Gruppierung sprechen. Im Kongress der USA nahmen in den 1960er Jahren 146 Besitzer von Industriebetrieben, 314 Konzern- und Firmenvertreter und 22 Großgrundbesitzer die Abgeordneten- und Senatorensitze ein. Im Jahre 1973 kamen 155 Abgeordnete und 22 Senatoren direkt aus der „Wirtschaft“, 221 der Abgeordneten und 68 Senatoren waren Juristen, und 38 bzw. elf kamen aus der Landwirtschaft. Lediglich drei Abgeordnete des Repräsentantenhauses waren Gewerkschaftsführer. Soweit die Juristen an Anwaltsfirmen beteiligt sind, fungieren sie als Interessenvertreter der von den Anwaltsfirmen vertretenen Konzern und Banken. Bezeichnenderweise gaben 50 Anwaltsfirmen, die einen Teilhaber im Kongress haben, an, 40 Banken, 31 Versicherungen, elf Gas- und ölunternehmen und zehn Immobilienmakler zu vertreten.40 Etwa 80 Prozent der 1 000 größten Konzerne der USA haben in Washington „ihre“ Lobbyisten: insgesamt über 5 000! Der Kongress, so schätzt Reinhard Lettau, Schriftsteller und ehemaliger Professor an der Universität San Diego, ein, ist praktisch ein „Vollzugsorgan von Pentagon/Industrie…, eine sehr große Anzahl von Narren denken, die lebten in einer Demokratie, während der Kongress oft Pentagon/Industrie mehr Gelder bewilligt, als diese über ihren Mittelsmann im ‚Weißen‘ Haus gefordert hatten“.41 Die Kongressabgeordneten sind nahezu alle entweder selbst Kapitalisten oder Manager des Monopolkapitals oder sind zumindest bereit, ihr Mandat zu nutzen, um mittels Gefälligkeiten gegenüber verschiedenen Monopolgruppen und den Kreisen der Bourgeoisie selbst an das große Geld und an materielle Vergünstigungen, die von den Lobbyisten geboten werden, heranzukommen. Mark Twain meinte einst sarkastisch: „Es könnte wahrscheinlich auf Grund von Tatsachen und Zahlen nachgewiesen werden, dass es mit Ausnahme des Kongresses keine ausgeprägte amerikanische Verbrecherklasse gibt.“42 „Kurz gesagt“, so resümiert Ferdinand Lundberg, „die Politiker im Kongress bosseln sich ein Erbvermögen zusammen. Und das scheint ihr einziger philosophischer Horizont zu sein.“43
40 Vgl. P. Gindew, Demokratie und ideologischer Klassenkampf, Berlin 1973, S. 52; H. J. Kleinsteuber, Die USA – Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Eine Einführung, Hamburg 1974
41 R. Lettau, Täglicher Faschismus, Leipzig 1973, S. 49 f.
42 Zitiert nach: Ralph Nader Congress Project…, a. a. O., S. 131
43 F. Lundberg, Die Reichen und die Superreichen, Hamburg 1969, S. 398.
In den USA beherrscht das Kapital die Legislative. Das aber wirkt sich tiefgreifend auf den Gesetzgebungsprozess, auf alle anderen Parlamentarischen Aktivitäten und auch auf das Verhältnis zum Präsidenten aus. Die Bedeutung des Kongresses für das Monopolkapital ist vor allem deshalb so groß, weil der Kongress – im Unterschied zu nahezu allen anderen bürgerlichen Parlamenten – ausgabenwirksame Gesetze einbringen und beschließen kann. Diese Gesetze binden die Exekutive, soweit der Präsident kein Veto einlegt oder die bewilligten Gelder „verwahrt“.
Gesetzentwürfe, die sich finanziell auswirken und nicht von der Exekutive eingebracht werden, gehen überwiegend auf die direkte Initiative von Monopolen und Wirtschaftsverbänden zurück. Zumindest suchen die Vertreter des Kapitals Gesetze, die ihre Interessen berühren, zu beeinflussen oder zu verhindern. 1971 forderten die Associated Milk Producccrs Inc., dass die staatlichen Subventionen für Milch, die in den Molkereien verarbeitet werden soll, um sechs Prozent (etwa 500 Millionen Dollar) erhöht werden. Der Landwirtschaftsminister lehnte dieses Ansinnen ab. Daraufhin mobilisierten die Lobbyisten der Milchwirtschaft zunächst die ihnen durch „Wahlspenden“ anlässlich der Kongresswahlen 1970 (insgesamt 500 000 Dollar) verpflichteten Abgeordneten. Nach acht Tagen lag dem Kongress bereits ein entsprechender Gesetzentwurf vor, den sofort 116 Mitglieder des Repräsentantenhauses unterstützten. Allerdings erübrigte sich dann ein Gesetz des Kongresses. Der Verband der Milchproduzenten spendete 255 000 Dollar für den Wahlfonds Nixons, und am 25. März beschloss das Landwirtschaftsministerium, die Milchsubventionen zu erhöhen. 44
44 Vgl. P. Gindew, Demokratie und ideologischer Klassenkampf, Berlin 1973, S. 52; H. J. Kleinsteuber, Die USA – Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Eine Einführung, Hamburg 1974, S. 80.
Anfang der 1970er Jahre bereitete der Kongress ein Krankenversicherungsgesetz vor, das die Krankenvorsorge für jeden USA-Bürger zum Rechtsanspruch (gegenwärtig haben 30 Millionen Amerikaner unter 65 Jahren keinen Krankenschutz) _ (1970er Jahre P.R.) machen sollte. Die reaktionäre American Medical Association, die die immensen Einnahmen ihrer Mitglieder gefährdet sah, vereitelte dieses Gesetz. Um ein derartiges Gesetz zu hintertreiben, hatte die Medizinische Gesellschaft bereits vorsorglich, während der Wahlkampagne 1972 die Summe von 600 000 Dollar in die Taschen von prominenten Politikern fließen lassen.45(Erst Obama ist es mit Obama-Care gelungen eine Verbesserung zu schaffen. Unter Trump sind wieder Verschlechterungen eingeführt worden. Siehe Beitrag der Tagesschau. P.R.)
45 Vgl. Daily Mail vom 30.12.1974
Die Liierung von Abgeordneten und herrschender Klasse entstellt auch den Inhalt wesentlicher Bestimmungen der USA-Verfassung von 1787, die den Kongress betreffen. Der Turnus von zwei Jahren, in dem die Abgeordneten des Repräsentantenhauses gewählt werden, sollte ursprünglich gewährleisten, dass die Abgeordneten mit dem Volk verbunden sind.46 Außerdem sollte auf diese Weise das Repräsentantenhaus – im Unterschied zum Senat- zu einer Institution „des Wandels“ werden. Weder das eine noch das andere ist politische Realität. Die kurze Legislaturperiode – so meinen die Verfasser der Studie „Wer beherrscht den Kongress?“ – gibt lediglich „den Interessengruppen die Möglichkeit, alle zwei Jahre mit ‚ihren‘ Abgeordneten abzurechnen“47. Und vom Wandel kann kaum eine Rede sein, wenn in der Regel etwa 90 Prozent der Abgeordneten des Repräsentantenhauses wiedergewählt werden. Selbst in den Novemberwahlen 1974, die unter dem Eindruck der Watergate-Affäre und der wachsenden wirtschaftlichen Krisenerscheinungen stattfanden, wurden zwar mehrere prominente Politiker abgewählt, insgesamt zogen jedoch nur 100 neue Abgeordnete in den Kongress ein.
46 Vgl. The Federalist, Nr. 52, a. a. O., S. 301 f.
47 Ralph Nader Congress Project…, a. a. O., S. 285.
Die Kommentatoren der amerikanischen Verfassung gaben vor, gerade das Repräsentantenhaus zu Institution der „große(n) Masse des Volkes der Vereinigten Staaten“ machen zu wollen.48 Heute ist es, ebenso wie das Präsidentenamt und der Senat, eine von der Monopolbourgeoisie beherrschte Institution.
48 The Federalist, Nr. 57, a. a. O., S. 243.
Der gemeinsame Klassencharakter der zentralen staatlichen Gewalten der USA bedingt unweigerlich die Relativität aller Gegensätze zwischen Präsidenten und Kongress. Die Auseinandersetzungen zwischen Exekutive und Legislative haben sich sicherlich seit Anfang der 1970er Jahre verstärkt. Einerseits wurde die Präsidialgewalt unter Präsident Nixon erweitert und erreichte, gerade in Bezug auf ihren autoritären Charakter, eine gefährliche Ausprägung. Andererseits kämpfte der Kongress mit einer vorher nicht gekannten Intensität darum, einige verlorengegangene Rechte zurückzugewinnen. Arthur M. Schlesinger, Historiker und einstiger Berater von Präsident Kennedy, wertete die Politik Nixons gegenüber dem Kongress als systematischen Versuch, wichtige Rechte des Kongresses unwirksam zu machen: „Der amerikanische Kongress hatte zwei Mittel, sich gegen den Präsidenten durchzusetzen, die Exekutive zu beaufsichtigen und gegen sie Untersuchungen einzuleiten. Nixon stellte dagegen die Doktrinen auf, dass der Präsident das Recht habe, bewilligte Gelder nicht auszugeben und Untersuchungen gegen Mitglieder seiner Administration nicht zuzulassen.“49
49 A. M. Schlesinger, „Nixon wollte ein gaullistisches Regime“ (Interview), Der Spiegel (Hamburg), 5/1974, S. 63.
Das Interesse der amerikanischen Öffentlichkeit an den Auseinandersetzungen zwischen Präsident und Kongress nahm nicht zuletzt deshalb zu, weil der Präsident, aber auch der Kongress, zunehmend Methoden und Tricks der politischen catch-as-catch-can anwandte. Das täuschte darüber hinweg, dass zumeist doch ein Kompromiss zugunsten des Präsidenten gefunden wurde. So hängte der Kongress beispielsweise Ende 1974 einen Beschluss, die Milliardenhilfe an die Türkei auszusetzen, einfach an ein vom Präsidenten eingebrachtes Gesetz zur Finanzierung der Bundesbehörden an. Das Veto von Präsident Ford – das Veto des Präsidenten betrifft immer nur das Gesetz insgesamt- hatte so unter anderem auch zu Folge, dass die Gehälter der Regierungsangestellten ohne gesetzliche Grundlage blieben. Im Jahre 1971 billigte der Kongress nur 40 der 202 vom Präsidenten unterbreiteten Gesetzesvorlagen. Das waren 20 Prozent gegenüber 46 Prozent im Jahre 1970 und 32 Prozent im Jahre 1969. Präsident Nixon, aber auch Ford nutzten ihr Vetorecht, um den Kongress regelrecht unter Druck zu setzen. Als sich der Kongress weigerte, einen Ausgabenplafonds von 250 Milliarden Dollar für das laufende Budgetjahr zuzustimmen, beantwortete das Nixon damit, dass er am 29. Oktober 1972 gegen neun Gesetze sein Veto einlegte und ankündigte, er werde einer Reihe von den noch ausstehenden rund 100 weiteren Gesetzen seine Zustimmung verweigern. Und Präsident Ford erklärte in seiner „Botschaft zur Lage der Nation“ Anfang 1975 ausdrücklich, er würde „nicht zögern, gegen jedes vom Kongress verabschiedete neue ausgabenwirksame Programm…Veto einzulegen“50.
50 Botschaft Fords über die Lage der Nation, a. a. O., S. 19231.
In der Regel, ausgenommen einige außenpolitische Auseinandersetzungen, enden alle derartigen Kontroversen mit einem Sieg des Präsidenten, zumindest aber mit einem Kompromiss. Im August 1972 kürzte zum Beispiel der Kongress den Haushalt des Verteidigungsministeriums um 1,7 Milliarden Dollar und erhöhte zugleich die Haushalte des Arbeitsministeriums und des Ministeriums für Gesundheit, Erziehung und Wohlfahrt. Der Sprecher der Mehrheitsfraktion der Demokratischen Partei im Senat erklärte, dass der Kongress damit seinen Willen zeige, „mehr für die Volksgesundheit, Schulen und Arbeitsbeschaffung und weniger für Waffenlieferungen an Verbündete zu tun“51. Als der Präsident jedoch sein Veto einlegte, gab der Kongress nach. Nur selten kommt im Kongress die erforderliche Zweidrittelmehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus zustande, um ein Veto des Präsidenten zurückzuweisen. Dennoch beunruhigte den Präsidenten, die Maßgebenden Repräsentanten des Monopolkapitals und auch Vertreter der politischen Wissenschaften in den USA zunehmend die aktive Rolle des Kongresses in der Innen- und Außenpolitik. Während in Wissenschaftskreisen die Sympathien Anfang der 1970er Jahre- mit der Auseinandersetzung um Nixon zusammenhängend- zumeist noch dem Kongress galten, wird heute (Stand 1970er Jahre P.R.) immer häufiger die Position vertreten, dass ein starker Präsident unerlässlich sei und er keineswegs „Laufbursche“ werden dürfe.52 Unter den Bedingungen eines internationalen Kräfteverhältnisses, das sich zuungunsten des Imperialismus verändert, und wachsender wirtschaftlicher und politischer Krisenerscheinungen in den USA sowie des eindeutigen Bestrebens des Staates, die Lasten der Krise auf die Werktätigen abzuwälzen, verstärken zeitweilige, vom Kongress ausgehende Hemmungen die ohnehin zunehmenden Schwierigkeiten beim Regieren. Wenn Präsident Ford vom Kongress „eine Politik der Kommunikation, der Versöhnlichkeit, des Kompromisses und der Zusammenarbeit“53 verlangt, so ist mindestens das Konzept des Präsidenten der USA in dieser Frage klar: die eindeutige Aufforderung, dass sich der Kongress der Politik des Präsidenten unterzuordnen habe.
51 Ralph Nader Congress Project…, a. a. O., S. 111
52 Vgl. A. M. Schlesinger, a. a. O., S. X.
53 Botschaft Fords über die Lage der Nation, a. a. O., S. 19232.
Die widersprüchliche Stellung des Obersten Gerichts im zentralen Staatsmechanismus
Die Veränderungen im zentralen Staatsmechanismus haben im staatsmonopolistischen Kapitalismus auch die sogenannte dritte Gewalt und ihr höchstes Organ auf Bundesebene, das Oberste Gericht der USA („Supreme Court“), erfasst. Das Oberste Gericht stand in den Auseinandersetzungen zwischen dem antidemokratischen Streben der Monopole und dem Bemühen der Volksmassen um Demokratie im Imperialismus stets eindeutig auf der Seite des Großkapitals. ES trug vor allem mittels seiner Verfassungsrechtsprechung dazu bei, den Abbau der bürgerlichen Demokratie zu legitimieren, Meinungsverschiedenheiten innerhalb der herrschenden Klasse über das Ausmaß staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft und hinsichtlich der Kombination und Gewichtung der Herrschaftsmethoden auszutragen bzw. beizulegen und den Klassencharakter dieser Demokratie zu verschleiern. Zugleich ist nicht zu übersehen, dass das Oberste Gericht zeitweise auch den Druck der demokratischen Volksbewegung berücksichtigen muss.
Das Oberste Gericht ist die höchste Revisionsinstanz im amerikanischen Gerichtssystem. Die Verfassung der USA bestimmt sehr allgemein in Artikel III: „Die richterliche Gewalt der Vereinigten Staaten liegt beim Obersten Bundesgericht und bei solchen unteren Gerichten, deren Errichtung der Kongress von Fall zu Fall anordnen wird.“ Es entscheidet als Appellationsgericht auf Antrag eines Beschwerdeberechtigten, dessen Fall oder dessen Klage vorher vor einem anderen Bundesgericht oder einzelstaatlichen Gericht verhandelt worden ist. Das besagt, dass es weder von sich aus noch auf Antrag des Präsidenten oder des Kongresses tätig werden kann.
Die außerordentliche politische Bedeutung des Obersten Gerichts ist das Resultat seines Anspruchs, die Gesetze im Einzelfall nicht nur auszulegen, sondern sie ganz oder teilweise als ungültig erklären zu können, wenn sie insgesamt oder in einzelnen Paragraphen nach Meinung der Mehrheit seiner neun Richter – des Obersten Bundesrichters („Chief Justice“) und der acht beigeordneten Richter („Associate Justices“)54 – der Verfassung widersprechen. Mit diesem Anspruch, oberster Hüter und Interpret der Verfassung zu sein, stellt sich das Oberste Gericht hinsichtlich der Gesetzgebung über den Kongress und über den Präsidenten. Wie die politischen Auseinandersetzungen innerhalb der herrschenden Klasse in den letzten Jahrzehnten (Stand 1970er Jahre P.R.) zeigen, kann es in bestimmten politischen Situationen die Gesetzgebung und die Staatspolitik bedeutsam beeinflussen. Gleichzeitig nimmt es permanent die Stellung eine Art von Verfassungskonvent ein. Es ist zum Instrument eines schleichenden Verfassungswandels geworden. Was eigentlich nur auf dem sehr komplizierten Wege einer formalen Verfassungsänderung erreicht werden kann, das ist unter Umständen mit einem Entscheid von fünf Richtern des Obersten Gerichts herbeizuführen. Verfahrensrechtlich völlig korrekt zustande gekommene Gesetze des Bundes oder der Einzelstaaten können durch ein Urteil des Obersten Gerichts zur Makulatur werden.
54 Die heutige Zahl der Richter wurde mit dem Gesetz vom 10. April 1869 festgelegt.
Das Oberste Gericht ist schon von seiner Zusammensetzung her ein ausgesprochen politisches Gericht. Von den insgesamt 92 Richtern, die bis 1960 im Amt waren, hat sich nur einer vor seiner Entlassung nicht politisch betätigt.55 Unter seinen Richtern befanden sich ehemalige Senatoren (Black), Gouverneure (Warren), Minister (Goldberg) und selbst ein ehemaliger Präsident (Taft).
55 Vgl. W. Haller, Supreme Court und Politik in den USA, Bern 1972, S. 84 f.
Über das vom Obersten Gericht beanspruchte Recht, gesetzliche Bestimmungen als nichtig erklären zu können, weil sie verfassungswidrig sind, ist allerdings in der Verfassung der USA kein Wort zu finden. Zwar forderte Alexander Hamiltion im „Federalist“, dass den Gerichtshöfen das Recht zustehen müsse, „jedes dem offenkundigen Sinn der Verfassung widersprechende Gesetz für ungültig und nichtig zu erklären“56. Diese Position schlug sich jedoch im Verfassungstext nicht nieder und wurde von den anderen Kommentatoren des „Federalist“ nicht unterstützt. Doch bereits 16 Jahre nach Annahme der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika eignete sich das Oberste Gericht unter seinem damaligen obersten Bundesrichter John Marshall in der Entscheidung Marbury gegen Madison die Befugnis an, Gesetze des Kongresses für verfassungswidrig und damit ungültig zu erklären. Obwohl insbesondere Präsident Jefferson entschieden gegen diese Position auftrat und die Gesetzgebung als „Sache des souveränen Volkes“ gegen den „Despotismus einer Oligarchie“ verteidigte,57 setzte sich das Oberste Gericht mit seinem Anspruch durch, letzte Entscheidungsinstanz zu der Verfassungsmäßigkeit und Gültigkeit von Gesetzen zu sein. Dieser Position entsprach die dem bürgerlichen Rechtsdenken eigene Verselbstständigung des Rechts, über dessen Einhaltung eine „unabhängige“, über der Legislative und der Exekutive stehende Institution zu entscheiden habe.
56 The Federalist, Nr. 78, a. a. O., S. 430.
57 Vgl. K. H. Kahrs, a. a. O., S. 118.
Allerdings machte das Oberste Gericht von dem Anspruch, Gesetze für ungültig zu erklären, in den ersten 80 Jahren nur einmal in einer ausgesprochen politischen Auseinandersetzung Gebrauch. Es erklärte im Interesse der Sklavenhalter des Südens in der Dredd-Scott-Entscheidung von 1857 ein Gesetz des Kongresses für nichtig, das entlaufenen Sklaven, die sich in den Staaten ohne Sklaverei aufhalten, die Freiheit zusicherte.
Eigentlich erst mit dem Übergang zum Imperialismus und besonders im staatsmonopolitischen Kapitalismus wurde die Praxis, die Gesetzgebung durch das Oberste Gericht zu überwachen, zu einer ständigen Erscheinung. Bis 1960 erklärte das Oberste Gericht 75 Bundesgesetze oder Teile davon und mehrere hundert einzelstaatliche Gesetzesbestimmungen für verfassungswidrig.58 Außerdem sanktionierte es in anderen Entscheidungen viele gesetzliche Bestimmungen als „verfassungsmäßig“, deren Verfassungsmäßigkeit die demokratischen Kräfte entschieden bestritten. Ursache für die zunehmenden verfassungsrechtlichen Aktivitäten des Obersten Gerichts im Imperialismus war, dass seine Rechtsprechung sich als sehr geeignet erwies, die undemokratische, gegen die Arbeiterklasse gerichtete Gerichts- und Gesetzgebungspraxis als mit der Verfassung übereinstimmend heiligzusprechen und von der Arbeiterklasse erkämpfte, in Gesetzen fixierte politische und soziale Teilzugeständnisse wieder zurückzunehmen.
58 Vgl. K. H. Kahrs, a. a. O., S. 430.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts erwies sich das Gericht über Jahrzehnte hinweg als Instrument reaktionärer Kreise. Es billigte die gerichtlich sanktionierte Ermordung von revolutionären Arbeitern, die am 1. Mai 1889 für ihre Rechte in Chicago demonstriert hatten. Es hab Gesetze in den Einzelstaaten auf, die Höchststunden und Mindestlöhne für bestimmte Berufskategorien festlegten oder die Kinderarbeit einschränkten. Einerseits brandmarkte das Oberste Gericht Gewerkschaften als Monopole und als verfassungswidrig; andererseits legitimierte es alle möglichen Praktiken der Monopole, die vom Kongress erlassenen Anti-Trustgesetze zu umgehen.
Im Imperialismus wurde das Oberste Gericht genau wie der Kongress und die Präsidialgewalt zum Instrument des Monopolkapitals. Die verschiedenen Monopolgruppen und deren politische Repräsentanten führten einen ständigen Kampf, um das Amt des Obersten Bundesrichters und das der acht weiteren Bundesrichter besetzen zu können. „Eine politische Partei oder eine Wirtschaftsgruppe hat sich nie damit begnügt“, so betrachtet es der amerikanische Verfassungsrichter Ernest S. Griffith, „ihre Anhänger in die Legislative oder die Verwaltung zu bringen. Wenn sie dem amerikanischen System ihren Stempel aufdrücken will, muss das Gerichtswesen ebenfalls in den Bereich politischer Aktion im weitesten Sinne des Wortes aufgenommen werden.“59
59 E. S. Griffith, Wie Amerika regiert wird, Wiesbaden o. J., S. 166.
Als angesichts der großen Wirtschaftskrise Franklin D. Roosevelt mit der Politik des „New Deal“ die staatsmonopolistische Entwicklung in den USA forcierte und zugleich unter dem Druck der Arbeiterklasse soziale Teilzugeständnisse ankündigte, geriet das Oberste Gericht in offenen Konflikt mit der vom Präsidenten und dem Kongress vertretenen Politik. Dieser Konflikt drohte die Manövrierfähigkeit der zentralen imperialistischen Staatsmacht zu lähmen und nahm den Charakter einer offenen Verfassungskrise an. Die Kontroversen zwischen Präsidenten und Oberstem Gericht Mitte der 1930er Jahre waren sicherlich nicht unwesentlich auch dadurch bedingt, dass Franklin D. Roosevelt sich einem Gericht gegenübersah (Durchschnittsalter 71!), das der betont sozialreaktionären und gegen Interventionen des Staates in das Wirtschaftsleben gerichteten Rechtsprechung vorangegangener Jahrzehnte nachhing. Dieser Faktor erklärt jedoch keineswegs die heftige Opposition des Gerichts gegen die Gesetzgebung des „New Deal“, denn zunächst, in den Jahren 1933 und 1934, verhielt sich das Oberste Gericht „ganz friedlich“60.
60 So C. C. Curtis jr., Löwen unter dem Thron, Westberlin 1971, S. 76.
Der Kurswechsel des Obersten Gerichts nach diesen Jahren reflektierte unmittelbar den Stimmungsumschwung, der sich unter den Maßgebenden Kreisen des Monopolkapitals gegenüber Roosevelt vollzog. „Als Präsident Roosevelt Anfang 1933 seinen New Deal in die Tat umzusetzen begann, hatte er“, so vermerkt William Z. Foster, „das Großkapital im Wesentlichen hinter sich. Die erschreckten und demoralisierten Kapitalisten griffen gierig nach seinem Programm…Aber es dauerte nicht lange, bis die Großkapitalisten mit Roosevelt brachen.“61 Anlass dafür waren vor allem Zugeständnisse an die Arbeiterklasse, die einflussreichen Kreisen des Großkapitals zu weitreichend schienen. Als Versuche scheiterten, Präsident Roosevelt bei den Zwischenwahlen im Herbst 1934 eine Niederlage zu bereiten und ihm die Mehrheit im Kongress zu entziehen, da erst „appellierten die großkapitalistischen Gegner des ‚New Deal‘ an ihren treuen Verbündeten, den Obersten Gerichtshof“62. Von Anfang 1935 bis Mitte 1936 erklärte das Oberste Gericht alle entscheidenden Gesetze des „New Deal“ für verfassungswidrig, und zwar sowohl diejenigen, die Eingriffe des Staates in die Wirtschaft vorsahen, als auch die Gesetze, die den Arbeitern bestimmte soziale und politische Rechte zusicherten.
62 a. a. O., S. 464.
Präsident Roosevelt suchte den Widerstand des Obersten Gerichts in zweierlei Hinsicht zu brechen. Einmal ließ er 1935 und danach vom Kongress mehrere neue, weitgehend mit dem vom Obersten Gericht für ungültig erklärten Gesetzen identische Gesetze zu verabschieden. Zum anderen setzte er die Richter des Obersten Gerichts systematisch unter Druck. Er ließ im Kongress ein Gesetz (die sogenannte Courtpacking Bill) einbringen, nach dem alle Richter des Obersten Gerichts, die mindestens zehn Jahre im Amt sind, im Alter von 70 Jahren bei vollem Gehalt zurücktreten können. Sollten die Richter nicht zurücktreten, würde der Präsident ermächtigt werden, für sie neue Richter bis zu einer Gesamtzahl von 15 Richtern zu ernennen. Das Gesetz, das auf heftigen Widerstand stieß und im Kongress keine ausreichende Unterstützung fand, trug jedoch dazu bei, dass einzelne Richter ihren politischen Kurs änderten, und veranlasste andere, ihren Rücktritt einzureichen. Im April und Mai 1937 konnte Roosevelt, da Richter zurücktraten oder gestorben waren, insgesamt acht Richter neu ernennen, und zwar solche, die seiner Politik zustimmten.
In den folgenden Jahrzehnten war die Rechtsprechung des Obersten Gerichts zu Verfassungsfragen sehr widersprüchlich. Das trifft auch auf die Stellung des Obersten Gerichts im zentralen Staatsmechanismus in der Gegenwart zu. Wenn bürgerliche Staatswissenschaftler einschätzen, dass nach dem zweiten Weltkrieg aus „dem Hemmschuh des Fortschritts…sein Sporn geworden (sei)“63, so ist das zumindest sehr einseitig. Das Oberste Gericht billigte zunächst im vollen Maße den gegen die Bürgerrechte gerichteten gerichtlichen Terror des McCarthy-Ära, zögerte Entscheidungen über gesetzliche Bestimmungen, die offen die bürgerlich-demokratischen Rechte missachteten, jahre- und jahrzehntelang hinaus. Es stellte sich weder auf die Seite der demokratischen Bewegungen, noch nahm es grundsätzlich gegen die antidemokratische und aggressive Politik des USA-Imperialismus Stellung. Allerdings widerspeigelte seine Verfassungsrechtsprechung Ende der 1950er Jahre und besonders in den 1960er Jahren bestimmte politische Meinungsverschiedenheiten innerhalb der herrschenden Klasse. Es reagierte auch und oft früher und eindeutiger als der Kongress auf den Druck der demokratischen Bewegung gegen Rassismus, Polizeiterror und die offene Verletzung der Bürgerrechte. Dabei ist allerdings seit Anfang der 1970er Jahre erneut ein gewisser Umschwung zu einer betont konservativ-autoritären Verfassungsrechtsprechung nicht zu übersehen.
63 K. H. Kahrs, a. a. O., S. 119.
Mit seiner zeitweise offen auf liberale Reformen und Teilzugeständnisse orientierten Rechtsprechung erhöhte das Oberste Gericht wesentlich sein Ansehen als Hüter der Verfassung, ohne eigentlich in einen ernsten Konflikt mit dem Kongress oder dem Präsidenten zu geraten. Es trug objektiv nicht unwesentlich dazu bei, die Innenpolitik flexibler zu gestalten, diese an die veränderten Existenzbedingungen des USA-Imperialismus anzupassen. Das Oberste Gericht griff auch solche politisch brisanten Fragen auf, denen – und das rief den Protest der Volksmassen hervor – der Kongress und der Präsident aus dem Wege gingen.
Eine erste Tendenz, die sich in der Verfassungsrechtsprechung des Obersten Gerichts äußert, ist die Bereitschaft, im Namen der Verfassung selbst eine offen antidemokratische Gesetzgebung zu sanktionieren, wenn diese von den maßgeblichen Kreisen des Monopolkapitals und deren politischen Repräsentanten gefordert wird. Gleichzeitig stellt das Oberste Gericht jedoch als Korrektor dieser Gesetzgebung und als Hüter der demokratischen Grundsätze der Verfassung hin, wenn diese Gesetzgebung in einen offenen Widerspruch zu innen- und außenpolitischen Interessen des USA-Imperialismus gerät und auf den ausgesprochenen Unwillen größerer Kreise der Bevölkerung stößt. So billigte Anfang der 1950er Jahre das Oberste Gericht ausdrücklich alle Terrorgesetze und -praktiken des Kongresses, des Präsidenten und der Einzelstaaten gegen die Kommunistische Partei der USA: die Entlassung von Staatsangestellten, die Verurteilung von Bürgern, die sich weigerten, vor dem Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Betätigung belastende Aussagen gegen Mitbürger zu machen, die strafrechtliche Verfolgung von Kommunisten, die in den Gewerkschaften aktiv mitarbeiteten, die Praxis antikommunistischer Loyalitätseide der Staatsangestellten usw.. Symptomatisch dafür, wie sich das Oberste Gericht mit der Hexenjagd gegen Kommunisten und Demokraten solidarisierte, war die Entscheidung Dennis gegen United States im Jahre 1951. Dieser Entscheid rechtfertigte, dass es „verfassungsmäßig“ sei, Bürger, die Mitglied der KP der USA sind, zu langjährigen Gefängnisstrafen zu verurteilen. Erst sehr zögernd, nachdem Hunderttausende von Bürgern als „subversive Elemente“ abgestempelt und eingeschüchtert worden waren, Zehntausende ihre Arbeit verloren hatten und Hunderte von Kommunisten und Demokraten auf der Grundlage des Smith- und des McCarren-Gesetzes langjährige Gefängnisstrafen erhalten hatten, korrigierte das Oberste Gericht seine Rechtsprechung. Es reagierte damit auf die Protestbewegung in den USA gegen die Antikommunismus-Hysterie und damit verbunden Terror und die zunehmende Unglaubwürdigkeit der offiziellen Propaganda von den USA als „Hort der Demokratie und der Freiheit“. Für diese Korrektur benötigte das Oberste Gericht allerdings mehr als zehn Jahre. In der Entscheidung Yates gegen United States (1957) erklärte es zum ersten Mal die Verurteilung von führenden Mitgliedern der KP der USA auf der Grundlage des Smith-Gesetzes für unrechtmäßig, ohne allerdings dieses Gesetz selbst für verfassungswidrig zu erklären. Zwar nahm das Oberste Gericht in einem bereits sieben Jahre dauernden Verfahren am 5. Juni 1961 gegen das McCarren-Gesetz (Pflicht zu Registrierung der Mitglieder der KP der USA) Stellung. Sein Entscheid war jedoch so unbestimmt, dass noch am 15. März 1962 der Generalsekretär der KP der USA, Gus Hall, und der Sekretär des Nationalkomitees, Benjamin Davis, auf der Grundlage ebendieses Gesetzes zu fünf Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 10 000 Dollar verurteilt wurden. Am 17. Dezember 1962 erging noch ein Urteil gegen die KP der USA, 120 000 Dollar wegen Nichterfüllung der Registrierungspflicht zu zahlen. Erst 1964 entschied das Oberste Gericht, dass der Zwang sich registrieren zu lassen, verboten sei. Ende der 1960er Jahre erklärte endlich das Oberste Gericht antikommunistische Eide und antikommunistische Einstellungsrichtlinien für verfassungswidrig.
Eine zweite Tendenz, die mit der Verfassungsrechtsprechung der Obersten Gerichts der USA in den letzten Jahrzehnten (Stand 1970er Jahre P.R.) zusammenhängt, betrifft die Grenzen der politischen Wirksamkeit der Rechtsprechung. Das Oberste Gericht der USA hat keinen eigenen Apparat, um seine Entscheidungen durchsetzen zu können. Eine gesetzliche Bestimmung als verfassungswidrig zu kennzeichnen, bedeutet noch keineswegs, dass sich die staatlichen Institutionen der USA an die Entscheidung des Obersten Gerichts halten. In der Geschichte der USA haben sich die staatlichen Institutionen stets auf ausgesprochen reaktionäre Entscheidungen des Obersten Gerichts berufen, wenn sie Verletzungen der bürgerlichen Demokratie zu rechtfertigen suchten. Entscheidungen jedoch, die verlangten, antidemokratische Praktiken zu beseitigen, verfielen häufig systematischer Sabotage. Die Entscheidung Plesssy gegen Ferguson aus dem Jahre 1896, mit der das Oberste Gericht ein Gesetz des Staates Louisiana sanktionierte, das Rassentrennung in Eisenbahnwagen vorsah und entsprechende Strafen androhte, war jahrzehntelang die „verfassungsrechtliche Grundlage“ der Rassentrennung im Transportwesen, in Gaststätten, in Schulen usw. Als jedoch das Oberste Gericht im Jahre 1954 in seiner Entscheidung Brown gegen Board of Education of Topeka die Rassentrennung an öffentlichen Schulen für verfassungswidrig erklärte, brachte das in den folgenden zwei Jahrzehnten keinesfalls zuwege, dass die Rassentrennung tatsächlich beseitigt wurde. Die General Assembly of Georgia verlangte sogar Amtsenthebungsverfahren (impeachment) gegen die Richter des Obersten Gerichts, weil diese versucht hätten, mit diesem Urteil „kommunistische Politik zu betreiben“.64(So ein Irrsinn. P.R.) Und Nixon diffamierte noch im Jahre 1970 all jene, die darauf bestanden, dass diese Entscheidung auch durchgesetzt werde, als „Angehörige extremer Gruppen“.65 (So ein Irrsinn. P. R.)
64 Vgl. W. Haller, a. a. O., S. 65.
65 Vgl. Los Angeles Times vom 5.10.1969.
Ein großer Erfolg war zunächst die Miranda-Entscheidung des Obersten Gerichts im Jahre 1966, die sehr detailliert Regeln für das polizeiliche Ermittlungsverfahren festlegte. Insbesondere erklärte sie gegenüber der Polizei abgelegte Schuldgeständnisse, die durch Folter oder ohne, dass der Angeklagte über seine Rechte belehrt worden wäre, zustande kommen, für ungesetzlich. Hunderte von gesetzlichen Bestimmungen in den fünfzig Einzelstaaten, die gegen diese Entscheidung verstießen, blieben jedoch unverändert. Der damalige Justizminister, Mitchell, wandte sich 1969 offen gegen die Miranda-Entscheidung. Und am 25. Februar 1971 rückte das Oberste Gericht selbst faktisch von dieser Entscheidung ab.66
66 Vgl. R. Lettau, a. a. O., S. 44.
Eine weitere, dritte Tendenz der Verfassungsrechtsprechung des Obersten Gerichts drückt sich darin aus, solche gegen die bürgerlich-demokratischen Rechte und Institutionen gerichtete Handlungen aufzugreifen, deren Korrektur den bestehenden politischen Machtmechanismus kaum berührt oder sogar stärkt und die Autorität des Gerichts erhöht. Das Oberste Gericht umgeht dagegen, um seine Autorität nicht zu gefährden, ganz bewusst Entscheidungen, die es entweder zu eindeutig zum Komplizen von Verbrechen des USA-Imperialismus machen würde oder – bei einer positiven Entscheidung- direkt die Positionen der antiimperialistischen Kräfte stärken könnten. Vor allem in den 1960er Jahren ergingen mehrere Urteile, die durchaus für die politischen Strukturen oder für die Bürger von gewisser Bedeutung waren, die jedoch die eigentlichen Machtverhältnisse nicht antasteten und die Deformation der bürgerlichen Demokratie nicht beseitigten. Dazu gehörten solche Entscheidungen wie die Auflage, bei den Bundes- und Kongresswahlen gleiche Wahlkreise nach dem Prinzip „one person – one vote“ zu schaffen, die Feststellung, das obligatorische Morgengebete in den öffentlichen Schulen verfassungswidrig seien, das Verbot einer doppelten Bestrafung, die Zusicherung der Rechte auf einen Verteidiger für jeden Angeklagten und die Erklärung, dass die Todesstrafe unter bestimmten Bedingungen der Verfassung widerspreche. Typisch für das Streben des Obersten Gerichts, sich keinesfalls mit Forderungen der antiimperialistischen Bewegung zu solidarisieren, war sein Verhalten in der Sache Mora gegen McNamara, die 1967 verhandelt wurde. Dabei ging es Gegnern der Aggression der USA in Indochina darum, das Oberste Gericht beschließen zu lassen, dem damaligen Verteidigungsminister, McNamara, zu untersagen, Soldaten zwangsweise nach Vietnam zu schicken. Mit einer sehr simplen Methode, nämlich „ohne Begründung“ (mit der juristischen Formel: writ of certoria) lehnte das Gericht jede Entscheidung in dieser Frage ab.
Auf die tendenziell liberale Verfassungsrechtsprechung des Obersten Gerichts in den 1960er Jahren nahmen der Oberste Bundesrichter, Earl Warren, und weitere als liberal bekannte Bundesrichter einen nicht unwesentlichen Einfluss. Das Oberste Gericht geriet deshalb, als sich die ökonomischen und politischen Widersprüche in den USA verschärften, in das Schussfeld der ausgesprochen reaktionären politischen Kreise. Präsident Nixon vertrat systematisch die Linie, das oberste Gericht als selbstständigen politischen Faktor auszuschalten. Diesmal ging es im Gegensatz zu den Jahren nach 1935 darum, dass der Präsident das Oberste Gericht in einem ausgesprochen reaktionären politischen Sinne gleichzuschalten suchte, indem er es neu besetzte. Damit sollten alle Widerstände von dieser Seite gegen den weiteren Abbau der bürgerlichen Demokratie und gegen die Errichtung einer faschistoiden Präsidialdiktatur beseitigt werden. Zunächst wurde 1968 verhindert, den als liberal bekannten Bundesrichter Abe Fortas zum Obersten Bundesrichter wählen zu lassen. Fortas war 1969 wegen angeblicher Korruption gezwungen zurückzutreten. Zum Obersten Bundesrichter ernannte Nixon mit Zustimmung des Senats den Konservativen Warren E. Burger. Der Senat lehnte wohl einige ausgesprochene Rassisten, die Nixon für das Oberste Gericht vorgeschlagen hatte, ab. Nixon konnte aber bereits in den ersten drei Jahren seiner Präsidentschaft vier neue, betont konservative Richter durchbringen. Diese Neubesetzung spiegelt sich in der Rechtsprechung des Obersten Gerichts seit Anfang der 1970er Jahre wider.
Beitrag zum Obersten Gericht der USA aus der heutigen Zeit:
„Wo Trumps Macht endet“ Beiträge der „Tagesschau“ aus dem Jahre 2026

entnommen aus dem Buch „USA – Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie“ (Stand 1970er Jahre), bearbeitet von Petra Reichel
Original-Autor Dr. sc. Ekkehard Lieberam
Original-Beitrag
Original-Fußnoten
Heute wird sich über den Verfall der Demokratie unter Tump und der Techmilliardäre empört. Als es die heutige Technik noch nicht gab, waren es andere Milliardäre, die mächtig waren.
Bereits in den 1970er Jahren wurde in dem Buch aus der DDR die Krise der bürgerlichen Demokratie im staatsmonopolistischen Kapitalismus der USA beschrieben. Also begann der Verfall der bürgerlichen Demokratie in den USA viel früher, nur dass dieser heute drastischer ist.
Leider gibt es heute keine DDR mehr und keine entsprechenden Institutionen und Personen, die das Staatswesen und Wirtschaftssystem der USA aus einem sozialistischen Land heraus analysieren.
Es bleibt uns nur historische Werke hervorzuholen und mit der heutigen Zeit zu vergleichen. Da merken wir, dass vieles, das uns heute als „neu“ präsentiert wird nicht neu ist.
Petra Reichel

03. Oktober 1990: Annexion der DDR durch die BRD. (Wird als Wiedervereinigung „verkauft“.)

07. Oktober 1949: Gründungstag der DDR
Die volle Herausbildung des staatsmonopolistischen Kapitalismus in den USA
Die Zahlenwerke sind veraltet (1970er Jahre), aber vielleicht sind sie für einige trotzdem interessant.
Autoritäre und offen antidemokratische Herrschaftsformen und -methoden haben in der Gegenwart in den USA ein Gefährliches Ausmaß erreicht. (Das in diesem Buch schon in den 1970er Jahren so gesehen. In späteren Zeiten bis in die Gegenwart ist es immer schlimmer geworden. Ganz besonders derzeit unter Donald Trump. P.R.) Grundlegende staatliche Entscheidungen sind der Kontrolle der parlamentarischen Institutionen entzogen. Das enge Zusammenwirken von Kongress und „big business“ wird auch von bürgerlich-liberalen Publizisten in den USA als latenter Skandal bezeichnet. Das bestehende Zweiparteiensystem befindet sich im Griff der „fat cats“, der großen Monopole, die es finanzieren und beherrschen. Und die demokratischen Rechte, die das I. und X. Amendment zur Verfassung der USA den Bürgern zusicherten, werden von den Machtorganen missachtet, insbesondere dann, wenn die Volksmassen sie beanspruchen, um ihre politischen und sozialen Forderungen durchzusetzen. All dies ist Ausdruck der neuen Qualität des Zusammenwirkens zwischen Monopolen und Staat, wie sie sich auch in den USA mit dem staatsmonopolistischen Kapitalismus als besondere Phase des Imperialismus herausgebildet hat.
Aus historischer Sicht werden drei Tendenzen deutlich, die die staatsmonopolistische Entwicklung in den USA charakterisieren: Bereits mit dem Übergang zum Imperialismus existierte eine feste Personalunion zwischen den zentralen staatlichen Institutionen und den Trusts; in den 1930er Jahren erreichte die ökonomische Tätigkeit des bürgerlichen Staates in den USA (und damit auch die Vereinigung der Macht der Monopole mit der des Staates) eine neue Etappe; die volle Herausbildung des staatsmonopolistischen Kapitalismus vor und nach dem zweiten Weltkrieg ging einher mit tiefgreifenden Veränderungen der Regierungsform, des Staatsaufbaus und des Mechanismus der bürgerlichen Demokratie.
„Die Herren der Regierung der Vereinigten Staaten sind die verbündeten Kapitalisten und Fabrikanten der Vereinigten Staaten. Auf jeder Seite der Kongressberichte steht das zu lesen, wie ein roter Faden zieht es durch die Geschichte der Beratungen im Weißen Hause: Alle Anregungen zu unserer Wirtschaftspolitik kamen aus einer Quelle und nicht aus vielen. Die wohlwollenden Wächter und gutherzigen Kuratoren, die uns die Mühe des Regierens abnahmen, sind so bekannt geworden, dass heute fast jeder die Liste ihrer Namen aufstellen kann…, die Leute, die wirklich gefragt werden, sind die Männer mit den größten Kapitaleinlagen – die großen Bankiers, die großen Fabrikanten, die großen Handelsherren, die Führer der Eisenbahngesellschaften und der Dampfkomagnien.“1 Dieser Einschätzung, die Woodrow Wilson in einer Wahlrede im Jahre 1912 traf, als er zugleich die Auftürmung einer „unsichtbaren Herrschaft…über den Formen der Demokratie“2 anprangerte, ist kaum etwas hinzuzufügen. Allerdings ist Wilsons Auffassung zu jener Art Kritik zu rechnen, „welche die Gegenwart zu be- und verurteilen, aber nicht zu begreifen weiß“3. Die feste Allianz von zentraler Staatsmacht und Monopolkapital war in den USA weder unter Präsident Woodrow Wilson noch unter einem seiner Nachfolger jemals gefährdet. Es handelte sich eben nicht, wie Wilson das in seiner Wahlkampagne sagte, um eine vorrübergehende Fehlentwicklung der Demokratie, die ein „Präsident des Volkes“ jederzeit rückgängig machen könnte. Es war die Konsequenz daraus, dass sich eine Finanzoligarchie herausgebildet hatte, „die ein dichtes Netz von Abhängigkeitsverhältnissen über ausnahmslos alle ökonomischen und politischen Institutionen der modernen bürgerlichen Gesellschaft spannt.“4. Diese Allianz entwickelte sich in den USA lediglich besonders früh und offenkundig, weil sehr bald Monopole entstanden, weil das „Beutesystem“ (spoils system) der zwei großen bürgerlichen Parteien diese Tendenz begünstigte.
1 W. Wilson, Die neue Freiheit, München 1974, S. 73 f.
2 a. a. O., S. 59
3 K. Marx/F. Engels, Werke, Bd. 23, Berlin 1962, S. 528.
4 W. I. Lenin, Werke, Bd. 22, Berlin 1960, S. 305.
Die Vereinigung der Macht der Monopole mit der des Staates erreichte vor allem im ersten Weltkrieg und während der großen Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts eine neue Stufe. In den USA hatten sich, nachdem das Land am 6. April 1917 in den Weltkrieg eingetreten war, schon vorhandene Ansätze einer staatsmonopolistischen Regulierung – so zum Beispiel die Aktivitäten des Finanzministeriums auf dem Geld- und Kreditmarkt – verstärkt (die Industrie wurde vom Kriegsindustrieausschuss koordiniert; Kriegsbehörden der Exekutive wurden gebildet; ein staatliches Eisenbahnmonopol wurde erreichtet)5. Die zunehmende wirtschaftliche Macht der Monopole, die sich verschärfenden kapitalistischen Widersprüche, das Entstehen der Sowjetunion – Beginn und Wesensmerkmal der allgemeinen Krise des Kapitalismus – erforderten auch in den USA veränderte Beziehungen zwischen Monopolen und Staat. Insbesondere mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise (1929 bis 1933), als in den USA das Bruttosozialprodukt um 28,9 Prozent fiel, war es für die Monopole notwendig, die Spontanität des kapitalistischen Marktes weiter einzuschränken. Dazu benötigten sie den Staat. Von 1930 bis 1932 machten 85 000 kapitalistische Betriebe Bankrott. Die Produktion sank in der Fabrikindustrie und im Bergbau um mehr als die Hälfte.6 Die Arbeitslosenquote stieg 1932 auf 23,6 Prozent. Angesichts dieser wirtschaftlichen Zerrüttung – neben dem Krieg war das der entscheidende Faktor, der die imperialistischen Staaten zwang, vom monopolistischen Kapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus überzugehen7 – orientierten sich maßgebende Kreise des Imperialismus der USA an den Ideen des englischen Ökonomen John M. Keynes. Danach musste der Kapitalismus sich „entweder mit einer Politik direkter Einmischung seitens der Regierung und der Subventionen für die Industrie abfinden oder hoffnungslos zugrunde gehen“8. Präsident Herbert C. Hoover hatte es auch in der Zeit der sich verschärfenden Wirtschaftskrise abgelehnt, dass sich der Staat in erweiterter Form in das Wirtschaftsleben einmischt. Präsident Franklin D. Roosevelt, der am 4. März 1933 sein Amt antrat, setzte demgegenüber mit der Politik des „New Deal“ darauf, den Kapitalismus mit Hilfe eines umfassenden Programms staatsmonopolistischer Reformen und Teilzugeständnisse zu retten. Innerhalb kurzer Zeit verabschiedete der Kongress zahlreiche Gesetze, die vom Präsidenten vorgeschlagen und von seinem Beraterstab (Berle, Moley, Tugwell und anderen) ausgearbeitet worden waren. Diesen Gesetzen lag die Konzeption zugrunde, den Staat verstärkt einzusetzen, um mit ökonomischen Stimuli und staatlichen Subventionen für die Monopole, mit dem staatlichen Aufkauf eines Teils der Produktion sowie mit einigen Bau- und Sozialprogrammen die Wirtschaft wieder zu beleben. Damit sollte der Preisverfall aufgehalten, die Arbeitslosenquote gesenkt und die zum Kampf entschlossenen Arbeiter beschwichtigt werden. Die Politik des „New Deal“ war in sich sehr widersprüchlich. Sie beschleunigte einerseits die staatsmonopolistische Entwicklung, reagierte jedoch andererseits auf Forderungen der Arbeiterklasse, ihr Lebens- und Kampfbedingungen zu verbessern, indem einige politische und soziale Rechte gesetzlich verankert wurden. In der Zeit des „New Deal“ entstanden unter Mitwirkung von Vertretern des Monopolkapitals mehrere zentrale staatliche Einrichtungen zur Regulierung der Wirtschaft. In den folgenden Jahrzehnten wurden diese Institutionen ausgebaut; sie trugen damit maßgeblich bei, dass sich auf der Grundlage der zunehmenden Verflechtung von Executive, Kongress und Konzernen die staatsmonopolistische Entwicklung vollzog. Insbesondere gehörten dazu das in dieser Zeit geschaffene und von den Vertretern der Monopole beherrschte System der Kommission zur Regulierung der Wirtschaft („Independet Rugulatory Commissions“)9, der verstärkte staatliche Einfluss auf das 1913 von W. Wilson eingerichtete Bundesbankensystem („Federal Reserve System“) und das Amt zur Sanierung der Landwirtschaft („Farm Security Administration“). Weiterhin ist dazu zu rechnen, dass das Budgetbüro zum Instrument der Präsidialgewalt wurde. Die 1935 gebildete Bundesbehörde für Arbeitsbeziehungen („National Labor Relations Board“) erhielt die Aufgabe, Lohnkonflikte im Interesse der Monopole zu regulieren.
5 „Die Kreise der Wirtschaft drangen während des ersten Weltkrieges in breitem Maße in den Staatappart ein, als sie die Handhabung der Kriegswirtschaftsbestimmungen und die Verteilung der Kriegsaufträge der Wilson-Regierung übernahmen.“ (V. Perio, Der USA-Imperialismus, Bd. II, Frankfurt am Main 1971, S. 371.)
6 Vgl. J. Kuczynski, Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus, Bd. 30, Darstellung der Lage der Arbeiter in den Vereinigten Staaten von Amerika seit 1898, Berlin 1966, S. 117.
7 Vgl. W. I. Lenin, Werke, Bd. 26, Berlin 1961, S. 157.
8 W. Z. Foster, Geschichte der Kommunistischen Partei der USA, Berlin 1956, S. 413.
9 Die Independent Regulatory Commissions (die erste wurde 1887 für das Eisenbahnwesen gebildet) sind Bundeseinrichtungen mit tausenden Beamten, die auf Grund eines Gesetzes für bestimmte Bereiche der Sozialpolitik, des Transport-, Energie-, Nachrichten-, Handels-, Bank- und Börsenwesens gebildet wurden und das Recht haben, Verordnungen zu erlassen. Ihre Zusammensetzung wird durch den Präsidenten mit Zustimmung des Senats bestimmt.
Das Oberste Gericht der USA erklärte entscheidende Gesetze des „New Deal“ unter dem Druck einflussreicher Kreise des Monopolkapitals in den Jahren 1935 und 1936 für verfassungswidrig (der Kongress verabschiedete sie daraufhin in kaum veränderter Fassung neu). Einige der neu geschaffenen Institutionen bestanden auch nur vorrübergehend. Unabhängig davon erwiesen sich viele einschneidende Veränderungen im Verhältnis Monopole – Staat und in der staatlichen Tätigkeit als nicht mehr rückgängig zu machen: die Verschmelzung der zentralen staatlichen Institutionen mit dem Monopolkapital, die aktive Rolle des bürgerlichen Staates im Wirtschaftsleben und die Zentralisierung der Staatsmacht. „Seit den Tagen der großen Wirtschaftskrise“, so schätzt die Kommunistische Partei der USA in ihrem Programm ein, „hat das Großkapital in wachsendem Maße die wirtschaftliche Macht und die Mittel der Regierung ausgenutzt, um seine Profite zu vergrößern und die Vorherrschaft der USA-Monopolmacht im In- und Ausland zu verstärken. Im Zuge der engeren Verflechtung von ökonomischer und politischer Macht sind die Direktoren der Monopole in entscheidende Ämter in Washington und in Schlüsselpositionen des Kabinetts eingedrungen, um die Regierung den Monopolen noch gefügiger zu machen. In wachsendem Maße benutzt das Monopolkapital den Staat zur Beschaffung von Märkten, Kapitalien und Subventionen, zur Übernahme der Garantie für Märkte und Investitionen im Ausland und als Stoßdämpfer bei Verlusten in Krisenzeiten.“10
10 Das neue Programm der Kommunistischen Partei der USA, Berlin 1971, S. 18.
Der staatsmonopolistische Kapitalismus der USA hat sich seit den Zeiten des „New Deal“ weiterentwickelt. Die Ursachen dafür sind im ökonomischen Bereich, aber auch in politischen Faktoren, insbesondere in der (vorrübergehenden P.R.) Veränderung des internationalen Kräfteverhältnisses zugunsten des Sozialismus und zuungunsten des USA-Imperialismus begründet. Die ökonomische Macht im immer stärker in den Händen riesiger Monopole zusammengefasst, ebenso wie Industrie- und Bankkapital immer mehr verschmelzen. Die staatsmonopolistische Entwicklung wurde nach dem zweiten Weltkrieg maßgeblich dadurch geprägt, dass der Militär-Industrie-Komplex entstand. Die ökonomische Potenz des Staates und die Formen der staatlichen Eingriffe in das Wirtschaftsleben haben in den letzten Jahrzehnten – nicht zuletzt auf Grund der wissenschaftlich-technischen Revolution – neue Dimensionen angenommen.
Heute (Stand 1970er Jahre P.R.) beherrschen etwa 500 Monopolgruppen, die von wenigen Fiananzgruppen kontrolliert werden, die Wirtschaft der USA.11 Zu den Konzernen, deren Umsatz eine Milliarde Dollar überschreitet, gehörten im Jahre 1974 über 40 Prozent dieser 500 Konzerne (203). 1974 entfielen auf die 500 größten Konzerne rund zwei Drittel des Umsatzes, fast drei Viertel der Profite und etwa drei Viertel der Arbeitskräfte aller kapitalistischen Industriebetriebe der USA.12 Während im Jahre 1909, wie Lenin nachwies, fast die Hälfte der Gesamtproduktion aller Betriebe der USA in den Händen von etwa 3 000 kapitalistischen Unternehmen lag (11 Prozent)13, erzeugen heute nur rund 200 Industriekonzerne (0,1 Prozent) die Hälfte der Jahresproduktion. Allein die elft größten Konzerne, die 1974 einen Gesamtumsatz von 221 Milliarden Dollar auswiesen, sind mit über 16 Prozent am Umsatz der gesamten Industrie der USA beteiligt. Bereits Ende der sechziger Jahre kontrollierten die 200 größten Industriekonzerne etwa zwei Drittel der Aktiva aller kapitalistischen Unternehmen. Das ist ungefähr der gleiche Anteil, den 1941 die 1 000 größten Konzerne besaßen.14 Die Zahl der Fusionen und Einverleibungen stieg von 1424 (1950 bis 1954), 3 365 <<81955 bis 1959) und 4 366 (1960 bis 1964) auf 14 453 (1965 bis 1969).15
11 a. a. O., S. 15
12 Fortune (Chicago), May 1975
13 Vgl. W. I. Lenin, Werke, Bd. 22, a. a. O., S. 201.
14 Vgl. G. Hall, Der amerikanische Imperialismus in der Welt von heute, Berlin 1973, S. 29 f.
15 Vgl. W. Korionow, Die Vereinigten Staaten von Amerika, wie sie sind, Moskau 1974, S. 34 (russ.)
Die größten USA-Konzerne verkörpern eine gewaltige ökonomische und politische Macht. Mit einem Produktionswert von mehr als 24 Milliarden Dollar stand General Motors bereits 1969 in der Rangliste der 100 größten kapitalistischen Länder und Industriekonzerne (in Bezug auf den Wert der jährlichen Produktion) an 15. Stelle noch vor Belgien, Argentinien und der Schweiz. Standard Oil (Exxon) und Ford produzierten jeweils mehr als Pakistan, Dänemark oder Österreich. Der Jahresumsatz von ITT war ebenso hoch wie der von Chile oder Paortugal.16 Eine zunehmende Konzentration ist auch im Bankwesen der USA festzustellen. Zugleich verschmilzt das Industrie- und Bankkapital – ein entscheidendes Merkmal des Imperialismus – immer weiter. 1968 verfügten die Banken der USA über Aktiva in Höhe von 500,7 Milliarden Dollar. 102 der größten Bankgesellschaften (0,4 Prozent der Bankinstitute) besaßen dabei 43 Prozent des gesamten Bankkapitals. 30 Banken verwalteten 51,7 Prozent des von Banken insgesamt verwalteten Industrievermögens. 49 Banken waren über gemeinsame Direktoren mit 286 der 500 größten Konzerne verbunden. Anfang der 1970er Jahre waren 47,4 Prozent des Wertes aller im Umlauf befindlichen Aktien von den Bankinstituten aufgekauft. Von 1941 bis 1971 wuchs die Summe der von den Bankinstituten vergebenen Kredite auf das Vierzehnfache, von 22 auf 318 Milliarden Dollar.17 Das Finanzkapital der USA bestimmt über seine Machtzentren in den Banken und Konzernen den kapitalistischen Geldmarkt und die kapitalistische Industrieproduktion. (Heute ist China als ernstzunehmender Konkurrent hinzugekommen. P.R.)
16 Vgl. Ch. Levinson, Wirtschaftskrise und multinationale Konzerne, Hamburg 1974, S. 133 f.
17 Vgl. G. Hall, a. a. O., S. 33; H. J. Kleinsteuber, Die USA – Politi, Wirtschaft, Gesellschaft, Eine Einführung, Hamburg 1974, S. 133.
Mit dem sich entwickelnden staatsmonopolistischen Kapitalismus stieg nach dem zweiten Weltkrieg der Kapitalexport rapide an, und es breiteten sich Zweig- und Tochtergesellschaften von USA-Konzernen im kapitalistischen Ausland aus.
Private Kapitalanlagen von USA-Konzernen im Ausland (Mill. Dollar)18
Jahr insgesamt in Entwicklungsländern in kapitalistischen Industrieländern
1950 11 788 5 748 5 684
1955 19 313 – 10 425
1960 31 865 11 129 19 319
1965 49 474 15 177 32 312
1970 78 179 21 448 53 145
1971 86001 23 337 58 346
Von 1946 bis 1971 gründeten die großen Konzerne der USA ungefähr 10 000 Auslandsniederlassungen.19
Mehr als drei Viertel der 200 größten USA-Konzerne sind „vom amerikanischen Finanzkapital kontrollierte transnationale Kapitalgesellschaften mit Tochterbetrieben in vielen Ländern…in Größe und Dimension ihrer Operationen lassen die amerikanischen Kapitalgesellschaften ihre Konkurrenten weit hinter sich“20. Unter den 15 größten transnationalen Konzernen befanden sich 1972 elf Konzerne der USA:
18 „Statistische Kurzbiografie: USA“, IPW-Berichte, 4/1973, S. 76; IPW-Berichte, 8/1975, S. 75.
19 Vgl. G. Hall, a. a. O., S. 53.
20 H. Lumer, „Einige Züge der Evolution des Kapitalismus in den USA“, Probleme des Friedens und des Sozialismus, 1975/12, S. 1655.
Gesamtumsatz 1974 Anteil des
In Md. Dollar21 Auslandumsatzes 1972
in Prozent22
Exxon (Esso) 42,1 50
General Motors 31,5 19
Ford 23,6 26
Texaco 23,3 40
Mobil Oil 18,9 45
Standard Oil of Calif. 17,2 45
Gulf Oil 16,5 45
General Elecktric 13,4 16
IBM 12,7 39
ITT 11,2 42
Chrysler 11,0 24
21 Fortune, a. a. O.
22 Vgl. „Auslandsaktivitäten internationale Konzerne“, IPW-Berichte, 1/1974, S. 55 f. ; IPW-Berichte, 8/1975, S. 74.
1965 stammten 22 Prozent der Gewinne der USA-Konzerne aus Auslandsvermögen (1950: 9,6 Prozent).23 Mitte der 1970er Jahre belief sich das Produktionsvolumen der USA-Konzerne im Ausland auf mehr als 200 Milliarden Dollar.
23 Vgl. H. Magdoff, Das Zeitalter des Imperialismus, Frankfurt am Main 1970, S. 159; J. Kuczynski, a. a. O., S. 269.
Das bedeutendste Merkmal des staatsmonopolistischen Kapitalismus nach 1945 – dessen „unheilvollste Ausgeburt“, wie die Kommunistische Partei der USA einschätzt24 – ist der hohe Grad der Militarisierung der Wirtschaft und aller Bereiche der Gesellschaft der USA. Dies und die enge Verflechtung der Monopole, die im Rüstungsgeschäft tätig sind, mit dem militärischen Apparat führten dazu, dass sich ein besonderer staatsmonopolistischer Sektor, der Militär-Industrie-Komplex, herausbildet.
24 Das neue Programm der Kommunistischen Partei der USA, a. a. O., S. 19; R.J. Barnet (Der amerikanische Rüstungswahn, Reinbek bei Hamburg 1971, S. 94) berichtet, dass die Western Electric im Jahre 1964 bei der Erfüllung des Auftrages, die Funktionsweise beweglicher Abschussrampen zu überprüfen, eine riesige Profitrate erzielte (Kosten: 14 293 Dollar; Vergütung: 955 396 Dollar).
Betrug der Anteil der direkten Rüstungsausgaben Anfang des vorigen (P.R.) Jahrhunderts 0,8 Prozent, so lag er in den 1950er und 1960er Jahren bei 9,8 bzw. 8,7 Prozent des Bruttosozialprodukts. In den Haushaltsjahren 1974, 1975 und 1976 (als Haushaltsjahr wird in den USA die Zeit vom 1.Juli des laufenden Jahres bis zum 30.Juni des folgenden Jahres bezeichnet) erreichten die unmittelbaren Ausgaben für „nationale Verteidigung“ die gewaltige Höhe von 78.6, 85,3 und 90,6 Milliarden Dollar. Das sind zwischen 27 und 29 Prozent der Gesamtausgaben des USA Bundeshaushaltes (die tatsächlichen Militärausgaben betrugen mindestens 100 Milliarden Dollar). Die Streitkräfte umfassen heute (1970er Jahre P.R.) – in Friedenszeiten – nahezu drei Millionen Mann (1914: 0,2 und 1935: 0,3 Millionen). Etwa 13 Prozent aller Arbeitskräfte werden in der Rüstungsproduktion bzw. im militärischen Apparat des Staates beschäftigt. Mehr als 80 Prozent aller Staatsausgaben der Union für Forschung und Entwicklung werden für Rüstung, Weltraum- und Kernforschung ausgegeben. Die Rüstungsausgaben des Staates sind für die Monopole die Quelle riesiger staatlich garantierter Profite. 100 Konzerne erhalten etwa 68 Prozent aller Rüstungsaufträge.25 Im Jahre 1960 erzielten die 500 größten Industriekonzerne 16,7 Prozent ihrer Nettoprofite aus Rüstungsaufträgen.26
25 Vgl. D. Senghaas, Rüstung und Militarismus, Frankfurt am Main 1972, S. 181 f.
26 J. Kuczynski, a. a. O., S. 269.
Ein weiteres Merkmal des Monopolkapitalismus der USA, das sich tiefgreifend auf den Staatsapparat und den Mechanismus der bürgerlichen Demokratie auswirkt, sind die 24 Gangstersyndikate (Stand 1970er Jahre P.R.), die in dem Verbrecherkartell Cosa Nostra zusammengeschlossen sind. Diese Syndikate haben sich zu einem gewaltigen Wirtschaftsmonopol entwickelt, das seine Gewinne nicht nur aus dem Rauschgiftgeschäft, der Prostitution, dem Glücksspiel usw. bezieht (1970: 7 bis 8 Milliarden Dollar), sondern das auch im großen Stil im „normalen“ kapitalistischen Wirtschaftsleben tätig geworden ist. Der Umsatz der Cosa Nostra aus legalen Geschäften (ihr gehören unter anderem Banken, Kreditinstitute, Börsenmaklerfirmen, Grundstückskonzerne, Betriebe der Konfektionsindustrie und des Baugewerbes an) betrug bereits in den 1960er Jahren nach Schätzungen jährlich etwa 22 Milliarden Dollar. Damit war die Cosa Nostra damals eigentlich der größte USA-“Konzern“, noch vor General Motors, General Electric oder Standard Oil.27 (Da brauchen wir uns nicht aufregen, dass DIE LINKE mit den Clans sympathisiert und umgekehrt. Schließlich sind die Clans oder auch organisierte Kriminalität anderer Nationalitäten ein Garant dafür, dass das kapitalistische System stabil bleibt. P.R.)
27 Vgl. K. Polkehn/H. Szeponik, Wer nicht schweigt, muss sterben, Berlin 1972, S. 415, und H. – J. Schneider in: Handwörterbuch der Kriminologie, Bd. III, Westberlin/New York 1975, S. 481.
Die sich verändernde ökonomische Basis des USA-Imperialismus wirkte sich gravierend auf die staatliche Tätigkeit, den Mechanismus des Staates und die Beziehungen zwischen Staat und Monopolen aus. Die Zusammenballung der ökonomischen Macht und die neuen Formen kapitalistischer Produktionsverhältnisse zwangen den imperialistischen Staat dazu, stärker in das Wirtschaftsleben einzugreifen, seine ideologische Tätigkeit und überhaupt seine Aufgaben auszuweiten, um die monopolistischen Machtverhältnisse zu sichern. Der Staat übernimmt heute auch die Verantwortung für die politischen und ideologischen Bedingungen der internationalen Kapitalverwertung. Eine wesentliche Quelle der gestiegenen Aggressivität des USA-Imperialismus ist die Herausbildung des Militär-Industrie-Komplexes und die internationale Expansion des USA-Kapitals, der Drang der Konzerne nach ständig wachsenden Profiten aus dem Rüstungsgeschäft und zunehmenden Kapitalexport besonders auch in die noch um ihre ökonomische und politische Selbstständigkeit kämpfenden jungen Nationalstaaten. All das prägt wesentlich die Rolle, die der USA-Imperialismus als Hauptkraft des Imperialismus der Gegenwart spielt. Die Entwicklung des Monopolkapitalismus in den USA war vor allem mit einer neuen Qualität der Verflechtung von Staat und Monopolen verbunden. „Der Regierungsapparat“, so schätzt die Kommunistische Partei der USA ein, „der—etwa 250 Milliarden Dollar (im Haushaltsjahr 1975/76: 349,4 Milliarden Dollar-d. Verf.) jährlich auf allen Ebenen verausgabt, ist zu einer riesigen Schleuse geworden, durch die Milliarden Dollar…in die Tresore der Riesenmonopole fließen.“28 Der Staat in den USA kauft heute etwa ein Fünftel des nationalen Bruttoprodukts auf. Von einzelnen Industriezweigen, so von der Flugzeugindustrie, übernimmt der Staat bis zu 95 Prozent der Produktion. Seit 1929 sind die jährlichen Ausgaben des USA-Bundeshaushalts, selbst wenn die fortschreitende Inflation in Rechnung gestellt wird, auf etwa das Fünfzigfache gestiegen. Mit steigenden Einkommenssteuern (von1940 bis 1970 erhöhten sich die individuellen Einkommenssteuern auf das Neunzigfache!) schuf der bürgerliche Staat die Voraussetzung, um den Monopolen durch staatliche Aufträge, Steuervergünstigungen und Subventionen riesige Profite zu garantieren. Zwar gibt es im staatsmonopolistischen Kapitalismus der USA fast keine staatseigenen Konzerne wie in der BRD und in anderen imperialistischen Ländern, jedoch hat die Regierung der USA von 1940 bis Ende der 1960er Jahre Betriebe, Laboratoriumsausrüstungen und Betriebsausrüstungen im Werte von 45 Millionen Dollar zur Nutzung gekauft. Der USA-Staat besaß nach Angaben der Monatszeitschrift „Fortune“ 1972 allein auf Bundesebene mehr Vermögenswerte (422 Milliarden Dollar) als die 250 größten USA-Konzerne zusammen!29
28 Das neue Programm der Kommunistischen Partei der USA, a. a. O., S. 20 f.
29 Fortune, May 1973, S. 194.
Die Entwicklung des Staates und die Krise der bürgerlichen Demokratie im Imperialismus werden wesentlich bestimmt vom Fortschreiten der allgemeinen Krise des Kapitalismus. Die Situation des USA-Kapitalismus ist keineswegs nur aus den in ihm wirkenden Gesetzmäßigkeiten zu erklären. Sie ist in bedeutendem Maße das Resultat der weltweiten revolutionären Veränderungen- des Niedergangs des Kapitalismus, der Siege des Sozialismus und der nationalen Befreiungsbewegungen-, wie sie sich in diesem Jahrhundert vollzogen haben. Als der erste sozialistische Staat in der Welt, die Sowjetunion, entstand, engte das die Aktionsmöglichkeit des USA-Imperialismus erheblich ein. Die militärische Intervention gegen die Sowjetunion endete mit einer Niederlage. Der Expansion des nach Weltherrschaft drängenden USA-Monopolkapitals wurden Grenzen gesetzt. Zugleich wuchs die Aggressivität des USA-Imperialismus. Die Aggressivität hatte nunmehr nicht mehr allein ihre Ursache darin, dass die Monopole der USA, unterstützt vom imperialistischen Staat, im Streben nach Maximalprofiten im internationalen Maßstab auf die Konkurrenz ausländischer Monopole und anderer imperialistischer Staaten stießen. Sie wurde zunehmend motiviert durch die prinzipielle Feindschaft zum realen Sozialismus. Die (vorrübergehende P. R.) Schwächung des Kapitalismus nach dem zweiten Weltkrieg und die damit verbundene zweite Etappe der allgemeinen Krise des Kapitalismus zwangen den USA-Imperialismus weiter in die Defensive. Seine Politik, mit Hilfe des Kalten Krieges, der atomaren Drohung, der Unterstützungen konterrevolutionärer und der Vorbereitung militärischer Aktionen den Sozialismus als Gesellschaftssystem zu beseitigen, scheiterte (lange Zeit P.R.).
Den nächsten Abschnitt lasse ich weg, weil es schließlich doch anders gekommen ist. Zunächst mussten sich die USA auf die friedliche Koexistenz einlassen. Seitens der sozialistischen Länder wurde zu viel Hoffnung in diese Politik gesetzt. Letztendlich ist der Kapitalismus, wie Phönix aus der Asche, erstarkt und hat gesiegt. Von Ausnahmen abgesehen, ist das sozialistische Gesellschaftssystem beseitigt worden. P.R.
Fußnote 30 lasse ich in diesem Zusammenhang weg. P.R.
Das Original nach dem damaligen Stand kann im beiliegenden Original-Dokument nachgelesen werden, das heruntergeladen werden kann. P.R.
Die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts entwickelte Theorie vom „amerikanischen Exzeptionalismus“, die besagt, dass der Kapitalismus der USA etwas Besonderes sei, ein Wirtschaftssystem, das von zunehmender Prosperität, der Aufhebung der Klassengegensätze, vom Fehlen des Klassenkampfes und von stabilen ökonomischen und politischen Verhältnissen gekennzeichnet werde, erwies sich gerade und den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus als völlig haltlos. Die schweren Krisen, die den USA-Imperialismus erschüttern, die sich vertiefenden Klassengegensätze und die zunehmenden Erscheinungen der Deformation und Labilität der bürgerlich-demokratischen Institution bestätigen vollauf die Leninsche Analyse des Imperialismus. (Damals, als das Buch geschrieben wurde, waren die Zustände ein Nichts gegen die Heutigen. P.R.)
Grundzüge der Deformation bürgerlich-demokratischer Institutionen und Rechte
Der staatsmonopolistische Kapitalismus ist jene Phase der historischen Entwicklung, in der sich auch in den USA die Krise der bürgerlichen Demokratie außerordentlich vertiefte und in der die dem Imperialismus innewohnende Tendenz zu Negation der Demokratie voll zum Ausdruck kommt. (Als das Buch geschrieben wurde, dachte niemand daran, wie weit die bürgerlich-demokratischen Rechte unter Trump deformiert worden sind. P.R.)
In den letzten vier Jahrzehnten (Stand 1970er Jahre P.R.) wurden die bürgerlich-demokratischen Institutionen und Bürgerrechte in einem Maße deformiert, wie dies in der vorangegangenen eineinhalb Jahrhunderten auch nicht annähernd der Fall gewesen war. Hauptgrund und Ursache dieses Prozesses ist vor allem, dass sich mit dem staatsmonopolistischen Kapitalismus der unversöhnliche Widerspruch zwischen der zutiefst antidemokratischen monopolistischen Machtzusammenballung und dem demokratischen Anspruch der Institutionen und Rechte der bürgerlichen Demokratie unweigerlich verschärft. Die Erscheinungsformen dieser Krise sind nicht nur äußerst vielfältig, sondern auch sehr widerspruchsvoll. Das ergibt sich daraus, dass sehr unterschiedliche Faktoren die Krise der bürgerlichen Demokratie beschleunigen, aber auch hemmen. Diese Krise widerspiegelt gerade in den USA in besonderem Maße die Vertiefung der allgemeinen Krise des Kapitalismus in ihrer dritten Etappe. Das zeigt sich keineswegs nur darin, dass die herrschenden imperialistischen Kreise der USA auch die bürgerlich-demokratischen Institutionen zu netzen suchen, um gegen den Sozialismus Front zu machen. (Das gilt auch heute noch, was die Erinnerung und die verbliebenen sozialistischen Länder betrifft. P.R.) Besonders die in den 1950er Jahren gegen die Sowjetunion gerichtete ausgeprägt aggressive Politik und der auch diesem Nährboden entstehende Militär-Industrie-Komplex waren wesentliche Hebel, um sowohl die Rechte des Kongresses als auch die Bürgerrechte einzuschränken.
Bedeutsam war und ist vor allem, dass die sozialistische Demokratie, eine Demokratie eines neueren, höheren Typus, entstand, deren Überlegenheit darin zum Ausdruck kommt, dass die Arbeiterklasse, die Volksmassen tatsächlich die Staatsmacht ausüben. (Es ist gelungen, mittels ausländischer Medien, die Gehirne der Bevölkerung der damals sozialistischen Länder in Europa zu „waschen“. Eigene Fehler der damaligen Verantwortlichen kamen hinzu. Die Bevölkerung der damaligen sozialistischen Länder in Europa fühlte sich nicht mehr vertreten und glaubte an die immer noch verbreitete Behauptung von Scheinwahlen und Scheindemokratie im Sozialismus. So sehnten sie sich nach der bürgerlichen Demokratie. Nun sind sie enttäuscht, dass diese sie erst recht nicht vertritt. Das gibt Aufwind für rechtsgerichtete Politik, bzw. Partei(en). P.R.) Demgegenüber befindet sich die bürgerliche Demokratie in einer ausweglosen Defensivposition. Auf das Beispiel der sozialistischen Demokratie reagierend, suchen die herrschenden Kreise der USA zwar heute eine Teilnahme des Volkes vorzutäuschen, jedoch nur, um damit die Bevölkerung um so sicherer und rigoroser davon auszuschließen, Einfluss auf Staat und Politik zu nahmen. Die bürgerlich-demokratischen Institutionen und Rechte stehen im staatsmonopolistischen Kapitalismus unter dem Zwang der großen Monopole und der sich zunehmend autoritärer Herrschaftsmethoden bedienenden Zentren des imperialistischen Staates. Deshalb bieten sie den herrschenden imperialistischen Kreisen der USA in der Gegenwart noch bedeutende Möglichkeiten, demokratische Bewegungen niederzuhalten sowie ökonomische und soziale Krisenerscheinungen mehr oder weniger aufzufangen. Insbesondere in Zeiten ökonomischer Labilität wirken die Widersprüche des Imperialismus jedoch auch heftig in die bestehenden bürgerlich-demokratischen Institutionen hinein und lösen Erscheinungen der Zerrüttung und zum Teil heftige politische Differenzen innerhalb dieser Institutionen aus.
Gerade in Bezug auf die USA darf die fortschreitende Krise der bürgerlichen Demokratie nicht so verstanden werden, als ob der politische Überbau unfähig wäre, die Klassenherrschaft der Monopole zu gewährleisten. Ohne Zweifel verfügt das politische System der USA immer noch über eine nicht zu unterschätzende Manövrierfähigkeit. Gegenwärtig (1970er Jahre P.R.) äußert sich die Krise der bürgerlichen Demokratie vor allem noch in solchen Erscheinungen wir Deformationen des Regierungssystems, Angriffe auf die Bürgerrechte, Rückgang der Stimmen für die Partei des regierenden Präsidenten und abnehmende Wahlbeteiligung. Die Widersprüche zwischen den parlamentarischen Institutionen und der Präsidialgewalt einerseits sowie zwischen der vom Kongress und dem Präsidenten betriebene Politik und den Interessen der Volksmassen andererseits vertiefen sich. Diese Erscheinungen stellen jedoch die Fähigkeit dieser Institutionen, die bestehenden Machtverhältnisse zu erhalten, weder wesentlich noch für die nächste Zeit in Frage. Wahlrecht und Parteiensystem errichten hohe Barrieren gegen die erforderliche Kandidatur von Repräsentanten antimonopolistischer Kräfte. Eine politische Massenpartei der Arbeiterklasse oder eine einheitliche Massenbewegung auf antimonopolitischer Grundlage konnte sich bisher nicht entwickeln. Die Massenmedien, die Bildungseinrichtungen und andere Institutionen propagieren die Freund-, Feind- und Leitbilder der bürgerlichen politischen Ideologie. Der Antikommunismus, die Ideologie der Klassenzusammenarbeit, der Glaube daran, dass die amerikanische Lebensweise, das Sozialsystem und die bestehenden bürgerlich-demokratischen Institutionen die besten in der Welt seien und man selber zur „Mittelklasse“ gehöre, sind selbst in Teilen der Arbeiterklasse tief verwurzelt. Vielfältige Institutionen des staatlichen Unterdrückungsapparates überwachen das politische Leben und bekämpfen – gegebenenfalls auch unter Bruch elementarer Prinzipien der bürgerlichen Gesetzlichkeit und einer gerechten Prozessführung (due process) – alle Anstrengungen der Kommunistischen Partei der USA und anderer antiimperialistischer Kräfte, politischen Einfluss zu gewinnen, sich zusammenzuschließen, in den Gewerkschaften die Politik der Kollaboration mit dem Monopolkapital zu beenden und ihre Vertreter in die gesetzgebenden Körperschaften und die Exekutivorgane zu entsenden.
Die Krise der bürgerlichen Demokratie in den USA drückt sich darin aus, dass der politische Machtmechanismus expandiert: Die Präsidialgewalt wird zuungunsten der anderen Exekutivorgane und des Kongresses in wachsendem Maße den Interessen des Monopolkapitals angepasst; eine „unsichtbare Regierung“, die neben den bürgerlich-demokratischen Strukturen des Staates andere, offen antidemokratische Institutionen schafft, bildet sich heraus; die föderalistische Staatsstruktur wird deformiert; die bürgerlich-demokratischen Institutionen werden vom monopolkapital beherrscht; bürgerlich demokratische Rechte werden abgebaut und zerstört.
Die erste Tendenz zur Deformation der bürgerlichen Demokratie besteht darin, dass die Präsidialgewalt ausgeweitet und von den Monopolen beherrscht wird. Wesentliche Rechte des Kongresses wie das Gesetzgebungsrecht und das Budgetrecht werden heute (bereits in den 1970er Jahren P.R.) weitgehend vom Präsidenten ausgeübt. Weil die im staatsmonopolistischen Kapitalismus vom bürgerlichen Staat übernommenen neuen Aufgaben hauptsächlich von der Executive wahrgenommen werden, vollzieht sich dort vor allem die fortschreitende Vereinigung von Staat und Monopolen. Für die USA ist es auch heute noch typische, „dass die größten Geschäftsleute sie (die Regierung – d. Ver.) in zunehmenden Maße selbst ausüben…Die funktionelle Verschmelzung zwischen Staat und Konzernen ist begleitet von der Personalunion der führenden Männer (früher waren in diesen Positionen nur Männer. P.R.) beider Sphären.“32 Von den 2 000 leitenden Angestellten in der Bundesexekutive, die Nixon 1969 neu berief, kamen – nach offiziellen Angaben – 28 Prozent aus der „Wirtschaft“ (20 Prozent unter Johnson, 17 Prozent unter Kennedy und 34 Prozent unter Eisenhower). Im Stadium des staatsmonopolitischen Kapitalismus wurden der Präsident und dessen Beraterstab zum Zentrum staatsmonopolistischer Willensbildung. Deshalb ist die Wahl des Präsidenten, der Einfluss auf ihn für die Monopole eine entscheidende Frage.
32 V. Perlo, a. a. O., S. 341; vgl. H. J. Kleinsteuber, a. a. O., S. 100.
Dabei tritt eine zweite Tendenz auf, die für die Krise der bürgerlichen Demokratie in den USA charakteristisch ist. Über die veränderten Beziehungen zwischen Legislative und Exekutive hinaus hat sich – wie die Kommunistische Partei der USA einschätzt- eine „unsichtbare Regierung“ herausgebildet, die sich der Kontrolle der parlamentarischen Institutionen entzieht. „Institutionen wie das Pentagon, der Nationale Sicherheitsrat, die CIA, das FBI und all die verschiedenen anderen ‚unsichtbaren‘ Regierungsagenturen, die außerhalb des Bereiches demokratischer Kontrollen existieren, werden die primären entscheidungstreffenden Institutionen…Das Aufkommen dieses politischen Machtzentrums hinter den Kulissen, das so eng mit den Zentren der Finanz- und Industrietruste…verknüpft ist, stellt eine äußerst gefährliche Bedrohung der gesamten demokratischen Struktur dar.“33 Autoritäre und offen antidemokratische Herrschaftsmethoden – eine ihrer typischen Erscheinungsformen war die Watergate-Affäre- zeugen direkt von dieser Deformierung der bürgerliche-republikanischen Staatsform. (Heutzutage, insbesondere unter Trump, ist das noch viel schlimmer. P.R.)
33 G. Hall, a. al. O., S. 130 f.
Eine dritte Tendenz ist, dass der fortschreitende Monopolisierungsprozess und die wachsenden Aufgaben, die der imperialistische Staat hat, um die Macht- und Profitinteressen des Monopolkapitals zu sichern, auch zum Abbau der Rechte der Einzelstaaten drängt. Bereits die Gesetzgebung des „New Deal“ modifizierte den Föderalismus in den USA entscheidend. Unter dem staatsmonopolistischen Kapitalismus wurde der kooperative Föderalismus zur offiziellen Staatsdoktrin. Nicht die Trennung, sondern die Kooperation bestimmt danach die Beziehungen zwischen Bundesstaat und Einzelstaaten. Dabei spielt die Union auf Grund ihrer absolut und relativ wachsenden materiellen Mittel und Konzentration der politischen Gewalt in Washington, insbesondere beim Präsidenten, die bestimmende Rolle. Diese Zusammenarbeit unter Vorherrschaft der Zentralregierung vollzieht sich vor allem in dem Prozess, in dem die über 1 500 großen und kleinen Bundesprogramme verwirklicht werden. Namentlich Mitte der 1960er Jahre, als die Zahl der Bundesprogramme enorm anstieg, wuchs der Bundesexekutivapparat auf lokaler Ebene sehr schnell. Zum Teil begannen die Bundesministerien spezielle Bundesbezirke für die ihnen übertragenen Hilfsprogramme zu gründen.
Die Zentralgewalt stärkte sich im Verlaufe der staatsmonopolistischen Entwicklung gerade dadurch, dass der Anteil der finanziellen Ausgaben der Einzelstaaten in hohem Maße von Bundeszuschüssen abhängen. Diese Zuschüsse werden häufig nur dann gezahlt, wenn Empfehlungen in Gesetzen des Kongresses befolgt werden. Der Anteil der Einzelstaaten und Kommunen an den gesamten Staatsausgaben, der noch 1929 74.5 Prozent betrug, fiel 1939 auf 48,9 Prozent und beträgt seit den 1940er Jahren kaum mehr als 30 Prozent. Die Höhe der Bundeshilfe, die im Jahre 1900 ganze 3 000 Dollar betrug, stieg 1935 schon auf 2,3 Millionen Dollar, stagnierte dann etwa bis 1955 und erhöhte sich schließlich schnell von 6,8 Millionen (1960), 24 Millionen (1970) auf 43,5 Millionen Dollar im Jahre 1973.34 Die Bundesgesetzgebung setzt, soweit sie die Belange der Einzelstaaten berührt, eine Konsultation und Planung mit diesen Staaten voraus. Der Kongress kann dabei die Gesetzgebungszuständigkeiten der Staaten auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet sehr weit einschränken. Es bedarf dazu lediglich der sogenannten preemption, das heißt der ausdrücklichen oder stillschweigenden Feststellung in einem Gesetz, dass der Kongress auf der Grundlage der „interstate commerce clause“35 der Verfassung die betreffende Frage abschließend regeln will. In der politischen Praxis beschränkt sich der Kongress hinsichtlich sozialer und politischer Fragen auf deine Art Rahmengesetzgebung. Die Tendenz, die Zentralregierung zu stärken, schließt keineswegs aus, dass immer noch zahlreiche Fragen von den Einzelstaaten geregelt werden. Dies sind nicht zuletzt – neben der Sozialgesetzgebung- solche Bereiche wie das Strafrecht, das Wahlrecht und die Bürgerrechte. Dies gestattet es den reaktionären Kräften in den Einzelstaaten, dort antidemokratische Zustände aufrechtzuerhalten, die in Washington unter dem Druck der Bevölkerung längst hätten beseitigt werden müssen.
34 Vgl. S. B. Tschetwerikow, Wer macht die Politik der USA und wie? , Moskau 1974, S. 93 (russ.), und P.A. Baran/P. M. Sweezy, Monopolkapital, Frankfurt am Main 1973, S. 173.
35 Diese besagt, dass der Bund das Recht hat, „den Handel—zwischen den Einzelstaaten…zu regeln“ (Art. 1, Abschn. 8, Nr. 3). Mittels einer extensiven Interpretation dieser Verfassungsbestimmung rechtfertigte die Bundesexekutive während und nach der Zeit des „New Deal“ die schrittweise Ausweitung der vor allem von ihr wahrgenommenen ökonomischen Regulierungsfunktion des bürgerlichen Staates.
Eine vierte Tendenz, die für den Niedergang bürgerlicher Demokratie in den USA charakteristisch ist, besteht darin, dass die Monopolbourgeoisie weitgehend auch die bürgerlich-demokratischen Institutionen beherrscht und die Bürgerrechte zunehmend ihres demokratischen Inhalts beraubt werden.
Sowohl das bestehende Zweiparteiensystem, die parlamentarischen Institutionen als auch das Amt des Präsidenten sind Bestandteile des staatsmonopolistischen Herrschaftsmechanismus geworden. Angesichts der Monopolisierung der parlamentarischen Vertretung – auf Bundesebene, in den Einzelstaaten und auch im lokalen Bereich – durch die zwei kapitalistischen Parteien ist auch das Wahlrecht weitgehend fiktiv. Abgeordnete und Senatoren sind zumeist selbst Vertreter von Kapitalinteressen. Die Monopole, insbesondere die Rüstungskonzerne, können jederzeit im Kongress eine Mehrheit von Abgeordneten für eine ihnen erwünschte Gesetzgebung mobilisieren. Selbst der Gangstertrust Cosa Nostra, von dem nach Schätzungen amerikanischer Soziologen allein 15 Prozent der Wahlspenden für die beiden großen Parteien kommen sollen, verfügte in den 1960er Jahren im Kongress über etwa 25 Abgeordnete.36
36 Vgl. K. Polkehn/H. Szeponik, a. a. O., S. 430.
Die Auseinandersetzungen im Kongress bzw. zwischen Kongress und Präsidenten spiegeln demzufolge zumeist lediglich Meinungsverschiedenheiten innerhalb der herrschenden Klasse wider. Selbst solche in mehreren Einzelstaaten verfassungsrechtlich verankerten demokratischen Institute wie Volksbegehren und Volksentscheid sind unter den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus weitgehend in ihrer demokratischen Wirksamkeit beschränkt. So erreichte es beispielsweise eine Bürgerinitiative in Kalifornien, dass Anfang November 1970 der Bevölkerung ein Gesetz zur Urabstimmung vorgelegt werden musste. Dieses Gesetz schrieb vor, einen Teil des Benzinsteueraufkommens zum Bau von abgasfreien Transportmitteln wie Vorortschnellverbindungen und zur Smog-Kontrolle zu verwenden. Der Volksentscheid selbst ging jedoch negativ aus. 2 684 287 Bürger stimmten dafür, 3 112 611 dagegen. Dieses angesichts der eindeutigen Interessenlage der Bürger unverständliche Ergebnis kam vor allem deshalb zustande, weil die betroffenen Monopole (wie Standard Oil, Shell Oil, Union und Texaco) mit Spenden von über 330 000 Dollar eine Propagandakampagne gegen das Gesetz in Gang setzten, während der Bürgerinitiative für die Begründung der Gesetzesinitiative nur 15 000 Dollar zu Verfügung standen.37
37 Vgl. R. Lettau, Täglicher Faschismus, Leipzig 1973, S. 53 f.
Die Krise bürgerlicher Demokratie in den USA drückt sich schließlich in vielfältigen direkten Angriffen auf die demokratischen Rechte aus, vor allem in der antidemokratischen Verfolgung der Kommunisten und anderer antiimperialistischer Kräfte, die faktisch unter Ausnahmerecht stehen. Die Terrorgesetze der McCarty-Ära, auf die an anderer Stelle noch einzugehen ist, mussten im Wesentlichen bis Ende der 1960er Jahre unter dem Druck der demokratischen Bewegung beseitigt werden. Geblieben ist jedoch ein System der Diffamierung, des Polizeiterrors und der Justizwillkür gegen Kommunisten. Antikommunistische Ausnahmegesetze existieren in zahlreichen Einzelstaaten. Dieses System richtet sich gegen die bewussten Vertreter der Arbeiterklasse, der Bürgerrechts- und Studentenbewegung und wird vom Antikommunismus und Rassismus ideologische gestützt.
Soweit die bürgerlich-demokratischen Institutionen und Rechte dem Monopolkapital im Wege stehen, sucht das Monopolkapital diese Institutionen direkt abzuschalten und die Bürgerrechte zu zerstören. Soweit es ihm gelingt, Institutionen und Rechte der bürgerlichen Demokratie zu nutzen, um die Volksmassen niederzuhalten, bleiben sie zwar – auf vielfältige Weise deformiert – bestehen, büßen aber weitgehend jede demokratische Funktion ein. Der Widerspruch zwischen ihrer demokratischen Form und ihrem tatsächlichen, die Herrschaft der Monopole stützenden und verschleiernden Inhalt spitzt sich zu.
Da der Imperialismus „das Wachstum der demokratischen Tendenzen in der Masse der Bevölkerung nicht aufhält, sondern Antagonismus zwischen diesen demokratischen Bestrebungen und der antidemokratischen Tendenz der Truste verschärft“38, sind auch die bürgerlich-demokratischen Institutionen in den USA dem Druck der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten ausgesetzt. Die Volksmassen suchen immer wieder, Einfluss auf das bestehende Parteiensystem und auf die parlamentarischen Institutionen zu erlangen. Unter diesen Bedingungen kann die Arbeiterklasse im Kampf um politische und soziale Ziele sowie um die Beseitigung antidemokratischer Gesetze durchaus gewisse Erfolge erringen. Da aber ein allgemeines Wahlrecht existiert, müssen der Präsident, die zwei großen Parteien und die Abgeordneten bzw. Senatoren Stimmungen und Forderungen der Bevölkerung berücksichtigen. Soweit die herrschenden imperialistischen Kreise zu Zugeständnissen und Ausweichmanövern gezwungen würden, suchten sie die erkämpften demokratischen und sozialen Verbesserungen unverzüglich zu entwerten und zu beseitigen oder sie dazu zu nutzen, um ihre Herrschaft zu tarnen. Der amerikanische Marxist Victor Perlo weist darauf hin, wie kompliziert der Kampf um Demokratie ist, und zeigt, dass die Klassenauseinandersetzung unweigerlich in die Institutionen der bürgerlichen Demokratie im staatsmonopolistischen Kapitalismus hineinreichen: „Natürliche ist die politische Struktur nach wie vor ihren eigenen Gesetzen und Mechanismen unterworfen. Das Volk übt weiterhin Druck aus. Es sucht nach wirksameren Mitteln und Wegen, seine demokratischen Rechte zu sichern und wahrzunehmen. Es versucht, den Staat aus einem Werkzeug der Monopole in ein Werkzeug der Massen umzuwandeln, ihn vom Wege des Krieges auf den Weg des Friedens zu führen. Bisweilen erringt es gewisse Zugeständnisse. Die letzte und ausschlaggebenden Kontrolle aber befindet sich fester den je in den Händen der Hochfinanz.“39
38 W. I. Lenin, Werke, Bd. 23, a. a. O., S. 43.
39 V. Perlo, a. a. O., S. 343.
Die sich verschärfenden ökonomischen und sozialen Widersprüche vertiefen die Krise der bürgerlichen Demokratie
Auch in den USA geben sich die bürgerlichen Politiker und Ideologen immer dann grenzenlos optimistisch in Bezug auf die wirtschaftliche und politische Zukunft, wenn die Wirtschaftskonjunktur eine Weile anhält. Das war Mitte der 1920er Jahre ebenso der Fall wie Mitte der 1960er Jahre, als Präsident Lyndon B. Johnson den Bürgern der USA und aller Welt den Übergang zur „Großen Gesellschaft“ („Great Society“) ankündigte, zu einer Gesellschaft ohne Armut und Ungerechtigkeit, mit Freiheit für alle und gesichertem wirtschaftlichem Wachstum. „Wir haben die Macht“, erklärte Johnson damals, „unsere Zivilisation nach unseren Vorstellungen zu gestalten.“40
40 Präsident Jonsons Zukunftsbild, Die große Gesellschaft, hrsg. Vom US-Informationsdienst, Bad Godesberg 1965, s. 7.
Derartige glänzende Zukunftsvisionen haben längst einer pessimistischen Grundstimmung Platz gemacht. „Ich habe schlechte Nachrichten“, so leitete Präsident Gerald Ford seinen „Bericht über die Lage der Nation“ im Januar 1974 ein, „und ich rechne nicht mit Beifall.“41 Die Vertiefung der allgemeinen Krise des Kapitalismus, die zyklische Krise, die sich dadurch ständig verschärfenden ökonomischen und sozialen Widersprüche haben zu latenten Erschütterungen des politischen Machtmechanismus und der Politik in den USA geführt. Arthur M. Schlesinger, einst der Berater von John F. Kennedy, zeichnete schon Ende der 1960er Jahre das Bild einer Kranken Gesellschaft: „Im Innern sehen wir Gärung und Rebellion, die unsere Städte erfasst haben; zunehmendes Misstrauen und wachsende Bitterkeit von Minderheiten; fortschreitende Missachtung der Gebote zivilisierten Zusammenlebens; ein Umsichgreifen der Gewalttätigkeit, ein Anschwellen des Fanatismus sowohl der äußersten Rechten als auch der äußersten Linken; zunehmende Neigung, vor allem bei Intellektuellen, der Jugend und den Schwarzen, sich von der bestehenden Ordnung loszusagen.“42
41 Botschaft Fords über die Lage der Nation, Archiv der Gegenwart, Bonn/Wien/Zürich, vom 4.2.1975, S. 19 231.
42 A. M. Schlesinger, Das erschütterte Vertrauen, Bern/München/Wien 1969, S. 12.
Die Gesellschaftskrise, die in den USA Ende der 1960er Jahre offen ausbrach und alle Bereiche erfasste, hatte zunächst in bedeutendem Maße politische Ursachen: die unmenschliche Kriegsführung der USA in Indochina, den Rassismus – das heißt die Verweigerung der Bürgerrechte für die Afroamerikaner- , die Ermordung prominenter Politiker und Persönlichkeiten, die Zunahme der Polizeiwillkür gegen demokratische Bewegungen, die gegen elementare demokratische Grundsätze verstoßenden Regierungspraktiken usw.
Diese Krise wies somit gegenüber den Krisenerscheinungen in anderen imperialistischen Ländern eine Reihe von Besonderheiten auf. Typisch für die USA waren bereits zum seit geraumer Zeit (zum damaligen Zeitpunkt/1970er Jahre P.R.) eine besonders rapide zuspitzende ökologische Krise, eine zunehmende Massenverarmung, die hohe Kindersterblichkeit, das Wohnungselend, eine Finanzkrise der Städte und eine Stadtkernkrise, das heißt, dass Stadtkerne, vor allem in den Großstädten, in Slums verwandelt wurden.
In den 1970er Jahren kam zu diesen Faktoren, die Ausdruck der politischen Krise in den USA zu vertiefen, hinzu, dass immer offenkundiger alle Versuche scheiterten, mit Hilfe von staatlichen Eingriffen die Wirtschaft zu regulieren. Die Industrieproduktion ging Anfang der 1970er Jahre zurück. Nach einem kurzen Aufschwung in den Jahren 1972 und 1973 folgte die schwerste Überproduktionskrise seit den 1930er Jahren.
Zyklische Entwicklung der Industrieproduktion in den USA43
Jahr Steigerung bzw. Rückgang gegenüber dem Vorjahr
(in Prozent)
1966 8,9
1967 1,2
1968 4,7
1969 4,4
1970 – 2,7
1971 – 0,2
1972 6,8
1973 9,1
1974 – 0,7
1975 (1. – 3. Quartal) – 11,0
43 Vgl. IPW-Berichte, 3/1975; S. 74, und 1/1974, S. 19.
Im dritten Quartal 1974 fiel die Industrieproduktion um 2,1 Prozent, im vierten Quartal um 5,0 Prozent und im Januar 1975 sogar um 9,4 Prozent. Zugleich stieg die offizielle Arbeitslosenquote auf 9,0 Prozent im Januar (8,2 Millionen) und erreichte mit 9,1 Prozent (8,4 Millionen) im März 1975 ihren vorläufigen Höhepunkt. Das ist die höchste Arbeitslosenrate seit 33 Jahren!
Diese zyklische Krise verband sich mit einem ganzen Komplex von Krisenerscheinungen, die Ausdruck der sich vertiefenden allgemeinen Krise des Kapitalismus als Ganzes sind. Dazu gehört, dass sich das internationale Kräfteverhältnis weiter zuungunsten des USA-Imperialismus veränderte, was unter anderem dazu führte, dass der Imperialismus nicht mehr wie früher die Rohstoffpreise bestimmen kann; dazu gehören die latente Inflation, die Energiekrise und die ökologische Krise. All das sind Krisenerscheinungen, die die ökonomische Basis des Imperialismus erfassen und von diesem nicht mehr beseitigt werden können. Erkämpfte Lohnerhöhungen hielten mit den wachsenden Inflationsraten nicht mehr Schritt. Die Reallöhne sanken.
Jahr Zahl der Arbeitslosen Arbeitslosenquote44
(in 1 000) (in Prozent)
1968 2 817 3,6
1969 2 832 3,5
1970 4 088 4,9
1971 4 993 5,9
1972 4 840 5,7
1973 4 304 5,2
1974 5 076 5,6
1975 (1. Hjhr.) 8 144 8,9
44 Zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit von 1966 bis 1975: IPW-Berichte, 2/1974, S. 74; 1/1975, S. 13, 75; 9/197, S. 76; Neues Deutschland vom 6./7. 12. 1975 Die offiziellen Arbeitslosenzahlen sind allerdings wenig exakt, da sie zumeist nur die Arbeitslosen erfassen, die Arbeitslosenunterstützung erhalten. Nach der Zeitschrift „Economic Notes“ vom September 1975 waren das 6,7 Millionen Arbeitslose. Hinzu kammen weitere fünf Millionen, die zwar arbeitslos waren, aber keine Arbeitslosenunterstützung bekamen.
Inflationsraten und Reallohnentwicklung seit 197045
Jahr jährliche Inflationsraten Reallohnentwicklung
(Verbraucherpreise)
1970 5,8 – 0,5
1971 4,3 1,4
1972 3,2 1,8
1973 6,2 – 4,2
1974 11,0 – 5,1
1975 9,8
45 Vgl. IPW-Berichte, 8/1973, S. 44; 3/1975, S. 74; V. Perlo, a. a. O., S. 480 f., und Probleme des Friedens und des Sozialismus, 1976/2, S. 280
Die gegenwärtige (1970er Jahre) Krise ist tiefer als irgendeine Krise seit den 1930er Jahren. Gus Hall analysierte in einem besonderen Abschnitt des Rechenschaftsberichtes an den XXI. Parteitag der Kommunistischen Partei der USA das Ausmaß der Wirtschaftskrise, die, wie er formulierte, „eine Stimmung der Unsicherheit, des Schocks, der Furcht und der Enttäuschung“ hervorruft. Er wies darauf hin, dass 37 Millionen Amerikaner, davon allein über 50 Prozent der älteren Bürger, unterhalb der offiziellen Armutsgrenze leben, die von der Regierung genannten Arbeitslosenquoten auch nicht annähernd alle Arbeitslosen erfassen, die Jugend von der Krise als „überflüssige Generation“ gebrandmarkt wird und die ökonomische Krise dazu führt, dass die „großen Städte…sich zu den Slums der Nation, zu den Zentren der Unterdrückung, der Unterernährung und der Korruption“ entwickeln. Gus Hall betonte, dass die Zeiten einer gewissen ökonomischen Stabilität des Kapitalismus in den USA vorbei sind: „Für den Kapitalismus gibt es keine Periode der ökonomischen Stabilisierung mehr… Es gibt Anzeichen dafür, dass der Kapitalismus in den USA den Talfahrten des britischen und französischen Kapitalismus in den vergangenen zehn Jahren folgen wird.“46
46 Main Political Report, deliverd to the 21st National Convention of the Communist Party U.S.A., by Gus Hall, General Secretary, June 26, 1975, Chicago, I-1 f. und III-1.
Dass der Kapitalismus aus jeder Krise, wie Phönix aus der Asche, gestärkt hervorgeht, hatte man damals nicht erkannt.
Es ist von Arbeitslosen die Rede aber nicht von den „Working Poor“, als den armen arbeitenden, die nicht genug verdienen, um davon leben zu können. So haben manche drei Jobs, um über die Runden zu kommen. Diese Zustände sind dann wohl erst später gekommen. P.R.
Siehe auch Wikipedia: Erwerbsarmut . Man kann auch googlen und kommt zur Antwort der KI.
Die Politik der USA-Regierung, Maßnahmen zu ergreifen, die sozial besänftigend wirken sollen, gerät in eine offene Krise. Seit Anfang der 1970er Jahre wurden zahlreiche soziale Bundesprogramme gekürzt bzw. zurückgestellt. Allein im Vorschlag von Gerald Ford für den Bundeshaushalt 1975/76 sind Einsparungen von 17 Milliarden Dollar gegenüber den ursprünglich vorgesehenen Sozialausgaben geplant, während sich die Ausgaben für „nationale Verteidigung“ um rund acht Milliarden Dollar erhöhten. „Den Amerikanern“, so verkündete Henry Kissinger, „sind die meisten politischen Programme mit dem Argument verkauft worden, sie brächten ihnen Entlastung. Heute müssen wir ihnen klarmachen, dass es Entlastung niemals geben wird.“47
47 H. Kissinger, „Die Geschichte gab mir Schlüsselpositionen“ (Interview), Der Spiegel (Hamburg), 43/1974, S. 123.
Die wachsende ökonomische Labilität macht den herrschenden imperialistischen Kreisen das Regieren schwieriger. Das ist für alle entwickelten kapitalistischen Länder typisch. Die Schärfe der ökonomischen und sozialen Widersprüche in den USA, das offenkundige Scheitern aggressiver außenpolitischer Konzeptionen des USA-Imperialismus lassen angesichts der kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung von Wirtschaft und Demokratie in der sozialistischen Staatengemeinschaft die Überlebtheit des staatsmonopolistischen Kapitalismus im Hauptland des Imperialismus besonders deutlich hervortreten. (Stand 1970er Jahre. In den 1980er Jahren änderte sich das. P.R.) All dies wirkt tiefgreifend auf den Mechanismus der bürgerlichen Demokratie in den USA aus, dessen zunehmende Krisenanfälligkeit sich in einigen spezifischen Erscheinungsformen widerspiegelt. Die Beziehungen zwischen Kongress und Präsident, die bisherigen Methoden der Zerstörung und Beseitigung der demokratischen Rechte, das bestehende Zweiparteiensystem funktionieren nicht mehr so wie bisher. Auch die Eskalation autoritärer und offen antidemokratischer Regierungspraktiken, wie sie Richard Nixon anwandte, beeinflusste die sich zuspitzende politische Krise nicht unwesentlich. Die Mehrheit der Bevölkerung reagiert seitdem empfindlicher und schärfer darauf, wenn Grundsätze bürgerlicher Demokratie offen verletzt werden. Selbst der Druck der Arbeiterklasse auf die politischen Institutionen der bürgerlichen Demokratie ist heute fordernder. Und die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Monopolkapitals, „ob der Ausweg in offener Klassenaggression und faschistischer Unterdrückung oder in Konzessionen zu suchen ist“, nehmen zu.48 Unter diesen Bedingungen vertiefen sich jene latenten Krisensymptome der bürgerlichen Demokratie, die bereits seit Ende der 1960er Jahre unübersehbar waren. Es sind dies tiefe Vertrauenskrise zwischen der Mehrheit der Bevölkerung einerseits sowie der Regierung und dem bestehenden Parteiensystem andererseits, die Krise zwischen dem Staat und den Forderungen der ethnischen Minderheiten, insbesondere der Afroamerikaner, nach wirtschaftlicher, politischer und sozialer Gleichberechtigung, die Krise der Bürgerrechte und die Verfassungskrise zwischen der Präsidialgewalt und dem Kongress.49
48 Draft Main Political Resolution…, a. a. O., S. 22.
49 Vgl. J. E. Jackson, „Die Bedeutung der führenden Rolle der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei in den sozialistischen Ländern für den Kampf der Werktätigen in den entwickelten kapitalistischen Ländern“, Die wachsende Rolle der kommunistischen und Arbeiterparteien im revolutionären Prozess des Aufbaus des Sozialismus und Kommunismus, Internationale wissenschaftliche Konferenz, 16. Bis 18. Juni 1970, S. 107.
Seit einigen Jahren besteht in den USA eine „Vertrauenskrise zwischen dem Volk als Ganzem und der Regierung“.50 In den USA, in denen das System der imperialistischen Meinungsmanipulierung besonders wirksam ist, äußerte sich der Vertrauensverlust der Bürger gegenüber dem Staat bisher vor allem in der Kritik äußerer Erscheinungen. So erklärten im September 1973 über 70 Prozent der angesprochenen US-Amerikaner in einer Meinungsumfrage, die ein Unterausschuss des Senats durchführen ließ, dass vor allem „die Käuflichkeit der Politiker“ ein ernstes nationales Problem sei, und 61 Prozent hielten die „Unfähigkeit der Regierung, Probleme zu lösen“, für das eigentliche Grundübel.51 Lediglich 19 Prozent der Bevölkerung bekundeten „ein großes Maß an Vertrauen“ gegenüber der Exekutive (1972: 27 Prozent, 1966: 41 Prozent). Die USA unterscheiden sich in dieser Hinsicht von anderen imperialistischen Hauptländern, wo der Vertrauensverlust der Bürger gegenüber den Institutionen des Staates und den bürgerlichen Parteien mit Wahlerfolgen der kommunistischen Parteien und mit der Erkenntnis einhergeht, dass das kapitalistische Gesellschaftssystem untauglich und überlebt ist. In den USA jedoch sah, zumindest Ende 1973, die Mehrheit der Bevölkerung der USA die Ursache für den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Niedergang lediglich darin, dass nicht „die richtigen Leute“ regieren.
50 ebenda
51 Vgl. M. Pittman „Gutachten über eine Gesellschaft“, Weltbühne (Berlin) vom 28.06.1974, S. 791.
Hinzu kommt, dass die für den politischen Machtmechanismus des USA-Imperialismus charakteristische Kombination einer mächtigen Finanzoligarchie mit einem präsidialen Regierungssystem, das von einem fest etablierten kapitalistischen Zweiparteiensystem abgesichert wird, es der Arbeiterklasse und den demokratischen Bewegungen außerordentlich erschwert, Einfluss auf die Gesetzgebung und Staatspolitik zu nehmen. Das politische System der USA hat sich unter diesen Bedingungen zu einem der raffiniertesten Mechanismen imperialistischer Herrschaftsausübung entwickelt. Die Tatsache, dass die politischen Institutionen der bürgerlichen Demokratie der USA weitgehend gegen die Volksmassen abgeschirmt sind, verschärft in der Gegenwart in besonderem Maße den Widerspruch zwischen dem demokratischen Anspruch dieser Institutionen (der beiden Parteien, des Kongresses, des Präsidenten) und ihrer tatsächlichen Stellung als Instrumente des Monopolkapitals. Es wird offensichtlich, dass diese Institutionen keine Sachwalter der Volksinteressen sind. Im Gegenteil! Sie bemühen sich, die Krisenlasten auf die Werktätigen abzuwälzen und den Monopolen trotz der Wirtschaftskrise wachsende Profite zu ermöglichen.
Der Vertrauensverlust der USA-Bürger gegenüber den bürgerlich-demokratischen Institutionen erhöht deshalb nicht nur die Instabilität des zentralen staatlichen Machtmechanismus (so verfügt zum Beispiel die Partei des regierenden Präsidenten im Repräsentantenhaus nicht einmal mehr über ein Drittel der Abgeordneten). Die sich verschärfenden ökonomischen und sozialen Widersprüche, die Bereitschaft von Teilen der Arbeiterklasse der USA, organisierte Kampfformen zu entwickeln, und gewisse Ansätze einer breiten antimonopolistischen Volksbewegung gegen Inflation und Arbeitslosigkeit lassen neue Möglichkeiten entstehen, um die politischen und rechtlichen Barrieren zu überwinden, die den Volksmassen die Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahlen und den Zugang zum Kongress versperren.
Die wirtschaftlichen Krisenerscheinungen vertiefen auch die Krise zwischen dem imperialistischen Staat und der afroamerikanischen Bevölkerung. Der Kampf der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre erreichte nur geringe Fortschritte, die sich vor allem in den gesetzlichen Bestimmungen und in Gerichtsentscheidungen gegen rassistische Praktiken ausdrückten. Die Nixon-Administration war jedoch weder imstande noch gewillt, die Bürgerrechtsgesetze und Gerichtsentscheidungen durchzusetzen und gegen die zunehmenden Pogrome weißer Rassisten vorzugehen. Sie hofierte die Reaktionäre aus den Südstaaten mit der „südlichen Strategie“ und betrieb eindeutig Rassenpolitik. Das wiederum ermunterte die Kapitalisten noch vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise, die Afroamerikaner verstärkt zu diskriminieren.52 „Die Krise in Bezug auf Armut und Arbeitslosigkeit, mit der die schwarzen Amerikaner heute konfrontiert sind“, so betont der Vorsitzende der KP der USA, Henry Winston, „kann mit der Lage keiner anderen Bevölkerungsschicht in den USA …verglichen werden.“53
52 Vgl. V. Perlo, „Die Schärfe der ökonomischen Widersprüche in den USA“, Probleme des Friedens und des Sozialismus, 1975/4, S. 482.
53 H. Winston, Zur Strategie des Befreiungskampfes der Afroamerikaner, Verlin 1975, S. 235.
Die direkte Bedrohung der Existenz vieler afroamerikanischer, aber auch weißer Arbeiter trägt dazu bei, dass die Bürgerrechtsbewegung eine neue Stufe erreicht. Das widerspiegelt sich im Ansatz bereits in gemeinsamen Aktionen gegen sinkende Reallöhne, gegen Arbeitslosigkeit und Rassenhetze. Dabei ist nicht zu übersehen, dass gegenwärtig die herrschende Klasse neben dem Antikommunismus verstärkt die Waffe des Rassismus einsetzt, um die Aktionsfähigkeit der Arbeiterklasse zu lähmen. Um so bedeutungsvoller ist, dass Teile der Arbeiterbewegung und der Bewegung der Befreiung der Afroamerikaner gemeinsam mit Abgeordneten des Kongresses den Kampf für soziale Verbesserungen, für ein „Gesetz 1976 über Chancengleichheit und Vollbeschäftigung“ führen.54
54 Vgl. V. Perlo, Die Schärfe der ökonomischen Widersprüche in den USA, a. a. O., S. 486.
Angesichts des beginnenden Massenkampfes gegen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise drängt auch die Krise der Bürgerrechte in den USA nach einer demokratischen Lösung. Die Krise der Bürgerrechte in den USA äußert sich darin, dass die Möglichkeiten der Bürger, ihre Rechte zu nutzen, um ihre Interessen durchzusetzen, sehr begrenzt sind. Allein schon der Versuch der demokratischen Bewegung, die in der Verfassung zugesicherten Grundrechte wahrzunehmen, stößt auf ein System staatlicher und außerstaatlicher Zwangsmaßnahmen. „Protest ist, vom Inhalt her betrachtet, generell negativ“55 – diese Devise des damaligen Vizepräsidenten der USA, Spiro Agnew, macht recht drastisch die Einstellung maßgeblicher Politiker der USA u den Rechten der Bürger deutlich. Grundrechte sollen danach lediglich die Funktion haben, den herrschenden imperialistischen Kreisen und deren Politik zu huldigen. Wenn einst Thomas Jefferson „ewige Feindschaft gegen jede Form der Tyrannei über den Geist des Menschen“ Schwor56, so war das in den USA nie aktueller als in der Gegenwart. Bei einem Senats-Hearing (Anhörung im Senat) im Jahre 1971 stellte sich heraus, dass über einen durchschnittlichen Amerikaner zwischen zehn und zwanzig Regierungs- oder Privatakten angefertigt worden sind.57Bereits Anfang der 1960er Jahre waren 13,5 Millionen US-Amerikaner „im Rahmen irgendeines Sicherheits- oder Zuverlässigkeits-Programm“ überprüft worden.58 1,5 Millionen Namen enthält allein die Datenbank über „subversive Tätigkeiten“59. Die Unterdrückungsmaschinerie hat die Aufgabe, die Bürger einzuschüchtern, irrezuleiten und die bewussten Vertreter der Arbeiter, Bürgerrechts- und Friedensbewegung zu überwachen, gegebenenfalls zu inhaftieren oder gar physisch zu vernichten. Ihre Methoden sich unter anderem: die Volksbewegung zu unterwandern; Organisationen zu ermuntern, gegen die demokratische Bewegung und deren Zeitungen vorzugehen. Dazu gehören weiter die intensive Infiltration der Presseagenturen und Massenmedien durch FBI und CIA, Brutalität gegen inhaftierte Demonstranten, ihre Verurteilung zu beträchtlichen Freiheitsstrafen (z.B. der „Zehn von Wimblington“ zu 282 Jahren Gefängnis). Der Präsident beansprucht das Recht, Streiks zu verbieten oder auf Grund von Notstandsermächtigungen aus dem zweiten Weltkrieg Konzentrationslager einzurichten. Gegen alle bedeutenderen demokratischen Organisationen – gegen die Bürgerrechtsvereinigungen wie gegen die Gewerkschaften – existieren jeweils spezielle Abwehrprogramme des FBI.60 Anzeichen sprechen dafür, dass heute selbst diese Methoden, die darauf mehr den Aufschwung der antimonopolistischen Bewegung in den USA verhindern können. Die Empörung der Masse der US-amerikanischen Bevölkerung über Watergate und die antidemokratischen Praktiken von CIA und FBI zwingt die herrschenden imperialistischen Kreise, offen terroristische Methoden vorsichtiger anzuwenden. Die Folgen der Wirtschaftskrise erzeugen eine Kampfstimmung unter den Volksmassen, und es wächst die Tendenz zum Zusammenschluss der verschiedenen demokratischen Strömungen, wie das seit Jahrzehnten zu beobachten war.
55 Life vom 24.11.1970.
56 The Writings of Thomas Jefferson, New York 1892 – 1899, Bd. VII., S. 461.
57 International Herald Tribune vom 25.2.1971.
58 V. Packard, Die wehrlose Gesellschaft, München/Zürich 1966, S. 9.
59 Los Angeles Times vom 19.4.1970
60 A. Lockshin, „Die CIA – Instrument der USA-Außenpolitik“, Einheit, 8/197, S. 929 f.
Auch die seit mehreren Jahren latente Verfassungskrise zwischen der vom Präsidenten verkörperten Exekutive und der Legislative in Gestalt des Kongresses wird von den schweren wirtschaftlichen Krisenerscheinungen beeinflusst. Diese Krise, die im Zusammenhang mit den reaktionären Wandlungen im zentralen staatlichen Machtmechanismus ausführlich darzustellen ist, äußerte sich in zunehmenden politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Präsidenten und dem Kongress vor allem über Fragen der Außenpolitik, der Sozialpolitik und der Kompetenzverteilung. Diese Kontroversen, die auf die Gesetzgebung, die Bewilligung von finanziellen Mitteln und die Funktionsfähigkeit des zentralen staatlichen Machtmechanismus in bedeutendem Maße einwirken, widerspiegeln Differenzen innerhalb der Monopolbourgeoisie. Infolge der sich verschärfenden ökonomischen Widersprüche, des erzwungenen Rücktritts von Richard Nixon und der Tatsache, dass der Aggression der USA in Indochina ein Ende gesetzt worden ist, verlagert sich der Schwerpunkt der Meinungsverschiedenheiten auf die Frage nach den unter den gegenwärtigen Bedingungen geeigneten Methoden, um die Herrschaft weiter ausüben zu können, sowie der Wirtschaftspolitik. Die „Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus im Kampf gegen den Komplex von Krisenerscheinungen ist durch schroffes Hin und Her gekennzeichnet und ruft unter der herrschenden Klasse ungewöhnlich heftige Divergenzen in einzelnen Fragen hervor“61. Mit dem wachsenden Widerstand der Bevölkerung gegen die Krisenlasten – unter anderem gegen die Kürzung der Sozialprogramme durch den Präsidenten – sehen sich gerade auch die Abgeordneten und Senatoren des Kongresses zugleich mit vielfältigen politischen und sozialen Forderungen ihrer Wähler konfrontiert.
61 V. Perlo, Die Schärfe der ökonomischen Widersprüche in den USA, a. a. O., S. 483.

Entnommen aus: „Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie – USA“ , Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin/DDR 1976
Bearbeitet von Petra Reichel
Original-Autor Ekkehard Lieberam
Original-Text aus dem Buch: „Aufstieg und Verfall bürgerlicher Demokratie – USA“
Fußnoten: