Bericht des MfS zum Todesfall Domaschk vom 13.04.1981

Am 12.04.1981, gegen 14:15 wurde im Besucherraum der Untersuchungshaftanstalt des MfS in Gera nach einer Prüfungsbehandlung (Prüfung von Anzeigen und Mitteilungen) Matthias Domaschk tot aufgefunden. Am Ende des langen Verhörs wurde er für das MfS geworben.

Domaschk sollte nach Hause gefahren werden und musste noch etwas im Besucherraum warten. Während dieser Zeit hatte er sich mit seinem zusammengedrehten Oberhemd stranguliert und hatte dazu das Heizungsrohr benutzt.

Sofortige Belebungsversuche waren erfolglos. Der gegen 14:30 eintreffende Anstaltsarzt des medizinischen Dienstes der Untersuchungshaftanstalt in Gera stellte den Tod von Herrn Domaschk fest.

Bericht des MfS zum Todesfall Domaschk 1. Seite

Bisherige Untersuchungen zum damaligen Zeitpunkt:

Herr Domaschk wurde seit mehreren Jahren das die Kreisdienststelle des MfS Gera beobachtet, da er mit Gegnern der DDR Kontakt hatte. Erstmalig fiel er, als er im Herbst 1976 als Mitunterzeichner der „Biermann-Petition“ und eines „Brüsewitz-Schreibens“, auf. Das war der Anlass ihn zu beobachten.

Es erfolgt dann ein Bericht des Tages, über Kontakte und dass die „Junge Gemeinde“ gegen die DDR agierte.

Es wurde festgestellt, dass keine Aktionen gegen den X. Parteitag der SED stattfinden sollten und man sich nur zu einer Geburtstagsfeier traf.

 

 
Verpflichtungserklärung des Herrn Domaschk

Die Vernehmung von Herrn Domaschk dauerte vom 11.04. 1981, 23:05 Uhr bis 12.04. 1981, 03:00 Uhr, vom 12.04. 1981, 03:30 Uhr bis 06:00 Uhr und von 06:30 Uhr bis 12:15 Uhr. Diese wurde von einem Untersuchungsführer, unter zeitweiliger Mitwirkung eines Referatsleiters, der Abteilung IX der entsprechenden Dienststelle des MfS in Gera in einem Vernehmungszimmer durchgeführt. Herr Domaschk verhielt sich ruhig, zeigte keinerlei psychisch abnorme Verhaltensweisen und beantwortete die ihm gestellten Fragen bereitwillig und ohne Vorbehalte. In den Pausen trank Herr Domaschk zwei Kännchen Kaffee und aß zwei belegte Scheiben Brot. (In der langen Zeit hatte Herr Domaschk wenig gegessen. Hatte er kein Wasser getrunken? Nur Kaffee? P.R.)

Nach Abschluss der Untersuchung und Protokollierung der Aussagen von Herrn Domaschk wurde dieser am 12.04.1981 in der Zeit von 12:15 Uhr bis 12:45 Uhr durch den Untersuchungsführer und Referatsleiter zur Zusammenarbeit mit dem MfS befragt, wozu er seine Einwilligung gab. In diesem Zusammenhang wurde Herrn Domaschk erklärt, dass ein weiterer Mitarbeiter des MfS mit ihm sprechen und er danach unverzüglich mit einem PKW des MfS zu seiner Wohnung nach Jena gefahren wird.

In der Zeitspanne zwischen 12:45 Uhr bis 13:30 Uhr führte ein Mitarbeiter der Kreisdienststelle Jena alleine eine Unterhaltung mit Herrn Domaschk. Dieser erklärte schriftlich die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem MfS. Man muss bedenken, dass Herr Domaschk übermüdet war und wenig gegessen und getrunken hatte. Es war ein Fehler, in dieser Situation Herrn Domaschk anzuwerben. Man hätte ihn an einem andren Tag aufsuchen müssen, wo er den Kopf frei hatte und in der Verfassung war eine solch wichtige Entscheidung bewusst zu treffen.

Gegen 13:30 Uhr wurde Herr Domaschk durch den Untersuchungsführer in das Besucherzimmer der Dienststelle des MfS in Gera geführt, wo er bis zur geplanten Abfahrt in seine Wohnung allein verblieb.

In diesem Zeitraum hielt sich Herr Rüsch, ein Kumpel von Herrn Domaschk in einem anderen Besucherzimmer derselben Dienststelle des MfS auf und wurde am 12.04.1981 gegen 14:10 Uhr zum PKW der Kreisdienststelle Gera geführt.

Beim Betreten des Herrn Domaschk zugewiesenen Besucherzimmers durch den Wachleiter der Abteilung XIV der BVfS Gera, um Herrn Domaschk zur Rückfahrt mit dem gleichen PKW nach Jena zu holen, wurde dieser um 14:15 stranguliert aufgefunden.

Zu den Motiven des Herrn Domaschk für diese Handlungsweise lagen zum damaligen Zeitpunkt keine Erkenntnisse vor.

Die weitere Beobachtung von Herrn Rösch nach seiner Ankunft in Jena ergab, dass dieser unverzüglich ein namentlich bekanntes aktives Mitglied der „Jungen Gemeinde“ aufsuchte.

Es erfolgten folgende Maßnahmen:

  • die Durchführung der qualifizierten kriminaltechnischen Untersuchung (Spurensicherung) des Ereignisortes (Tatortes),
  • die allseitige Aufklärung der Eltern von Herrn Domaschk und ihre Beobachtung/Absicherung,
  • die verstärkte Überwachung des Umgangs- und Bekanntenkreises von Herrn Domaschk. Insbesondere Personen mit Verbindung in die BRD, bzw. Westberlin wurden ins Blickfeld genommen,
  • Beschäftigung mit dem Untergrund im Raum Jena.

Es wurde vorgeschlagen:

1.) Am 13.04.1981 die Eltern des Herrn Domaschk vom Tod ihres Sohnes in Kenntnis zu setzen. Ihnen erklären, dass ihr Sohn im Zusammenhang mit Gegnern der DDR einer Befragung unterzogen wurde und nach deren Abschluss Suizid beging.

2.) Mit den Eltern alle Maßnahmen der Beisetzung beraten. Dabei wurde die Einäscherung des Leichnams, ohne Feierlichkeit, angestrebt. Die Urnenbeisetzung sollte zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt erfolgen. Diese sollte nur im engsten Familienkreis stattfinden. (Bei einem Suizid ist eine kleine und stille Beerdigung ohnehin üblich. P.R.)

3.) Die Maßnahmen am 13.04.1981 sollten zeitlich so erfolgen, dass der Aufenthalt der Parteitagsdelegation der KPdSU am 13.04.1981 im VEB Carl Zeiss Jena nicht beeinträchtigt wird. (Das ging die ja schließlich gar nichts an. P.R.)

4.) Die Eltern von Herrn Domaschk sollten dazu gewonnen werden, in ihrem Umgangs- und Bekanntenkreis mitzuteilen, dass ihr Sohn durch gegnerische Kräfte in den Tod getrieben wurde. Diese Argumentation könnte durch inoffizielle und offizielle Kräfte unterstützt werden. (Ein fataler Fehler. Wie kann man als zuständige Behörde so empathielos sein? Den Angehörigen in ihrem Schmerz so eine unausgegorene Geschichte aufzutischen mit der Maßgabe diese weiterzuverbreiten, lässt die Spekulation „ins Kraut schießen“. Für die Sieger der Geschichte „ein gefundenes Fressen“, womit sie bis zum heutigen Tage „hausieren gehen“Es erhebt sich die Frage, ob dieser Vorschlag überhaupt umgesetzt wurde. P.R.)

 

Oben genannte Maßnahmen sollten abgesichert werden und vorbeugend gegnerische Aktionen im Inneren der DDR vorbeugend verhindert werden und offensive Gegenmaßnahmen erarbeitet werden.

Original-Dokument des MfS: Bericht zum Todesfall Matthias Domaschk vom 13.04.1981

entnommen aus der MfS-Mediathek

Original-Dokument des MfS: Verpflichtungserklärung des Herrn Domaschk

entnommen aus der MfS-Mediathek

Bericht von Dr. Dieter Lehmann, Generalmajor a.D., ehemaliger Leiter der Bezirksverwaltung Gera des MfS

In der vielen Einseitigkeit findet man eine Gegenstimme in einer älteren Ausgabe des „RotFuchs“. (Dezember 2004)

Den Fehler seiner Behörde gibt er ehemalige Chef natürlich nicht zu. Wenn rechtzeitig festgestellt worden wäre, dass diese Leute nur eine harmlose Reise zu einer Geburtstagsfeier unternehmen und keinesfalls den X. Parteitag der SED stören wollten, wäre es nicht soweit gekommen.

entnommen aus „RotFuchs“, Dezember 2004

entnommen aus „RotFuchs“, Dezember 2004, zusätzlicher Text von Petra Reichel

Zur besseren Lesbarkeit: „RotFuchs“-Artikel als PDF-Datei 

Gespräch mit einem MfS-Angehörigen zum Fall Matthias Domaschk

Das Video ist schon etwas älter. So sind noch die Funktionen des Roland Jahn in der nun vergrößerten BRD nach dem damaligen Stand wiedergegeben worden.

In dem Video ist über ein Video gesprochen worden, das von You Tube gesperrt worden ist. Begründung: Das Urheberrecht. Es ging da um die Fernsehsendung „Kontraste“, die sich mit dem Fall Domaschk beschäftigt hat. Dazu haben MfS-Angehörige was zu erklärt.

Info zu relevanten Personen

Im Dokument vom10.04.1981 geht es um relevante Personen, mit denen sich die Kreisdienststelle Jena des MfS beschäftigte. Zu diesen gehörte auch Matthias Domaschk.

1. Seite des Original-Dokuments

entnommen aus der MfS-Mediathek

Es ging darum, dass diese Leute nach Berlin fahren wollten und diese Fahrt unbedingt verhindert werden musste. (Es ist im Vorfeld nicht recherchiert worden, dass es sich um eine harmlose Fahrt zu einer Geburtstagsfeier handelte. P.R.)

Es sind auch einige darunter, die einen Ausreiseantrag gestellt haben. Einer ist dabei, der plante die DDR illegal zu verlassen, falls sein Ausreiseantrag nicht genehmigt wird. (Man hätte diese Leute ausreisen lassen sollen, anstatt sich ständig sinnlos mit ihnen zu beschäftigen. P.R.)

Das ganze Procedere, nebst Amtshilfe der Trapo (Transportpolizei, in der DDR das, was damals in der BRD die Bahnpolizei war und heute die Bundespolizei für zuständig ist. P.R.).

Es sind einige davon „zurückgeführt“ worden, wie es im DDR-Amtsdeutsch heißt, also sie sind zunächst nach Gera gebracht worden…

Das Ganze endete mit stundenlangen Verhören und dem Tod des Matthias Domaschk.  (Wofür? P. R.)

(Von außen her und aus heutiger Sicht betrachtet, war das eine aufwändige Aktion, die letztendlich nichts brachte. P.R.)

 

Näheres siehe Dokument entnommen aus der MfS-Mediathek, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Dokument

entnommen aus der MfS-Mediathek

Warum beschäftigt sich DIE TROMMLER in der April-Ausgabe 2023 mit Polen?

In der März-Ausgabe haben wir festgestellt, dass Roland Jahn u.a. wegen einem Pappschild am Fahrrad, mit dem er durch Jena gefahren ist, in der DDR strafrechtlich verfolgt wurde. Dieses Pappschild zeigt die Verunstaltung der polnischen Flagge.

Dieses Pappschild hatte Roland Jahn an seinem Fahrrad befestigt und ist damit durch Jena gefahren.
Entnommen aus dem Dokumentenheft aus dem Bundesarchiv-Stasiunterlagen-Archiv
https://www.stasi-unterlagen-archiv.de/informationen-zur-stasi/publikationen/publikation/aktion-gegenschlag/

Da fragt man sich, warum die DDR, auch wenn es damals ein verbündetes Land war, um die polnische Flagge kümmerte. Ob es im Sinne Polens war, bleibt dahingestellt. Polen hatte eine Menge Krisen zu überstehen. Vermutlich interessierte sich in Polen niemand um irgendwelche Radler und Radlerinnen in der DDR, die verunstaltete polnische Flaggen mitführten.

Da dieser Fall von den Strafverfolgungsbehörden der DDR derart aufgebauscht wurde, stärkte das Roland Jahn, anstatt ihn zu schwächen. Roland Jahn ist im Westen nun erst recht bekannt geworden.

Hätte es sich um Staatsinsignien der DDR gehandelt, könnte man harte Maßnahmen verstehen. Aber da es sich um verbündetes Ausland handelte und dort vermutlich nicht von Interesse war, hätte es gereicht diesen Fall als Ordnungswidrigkeit einzustufen und eine Geldbuße auszusprechen.

Die Beiträge zu Polen in der April-Ausgabe 2023 siehe Inhaltsverzeichnis.

Petra Reichel

Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP-polnisch PZPR)

Die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (polnisch: Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, kurz: PZPR) war eine von 1948  bis 1990 bestehende Partei in der Volksrepublik Polen, die eine marxistisch-leninistische Ausrichtung vertrat. Als sämtliche Staats-    und Regierungschefs stellende Partei der VR Polen war sie zeit ihres Bestehens die führende politische Kraft im Land.

Logo der PZPR
Bildquelle: Von Zdzisław Otello Horodecki (Flawiuszott1), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1403378

Die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei wurde auf einem Vereinigungsparteitag der Polnischen Arbeiterpartei (Polska Partia Robotnicza, PPR) und der Polnischen Sozialistischen Partei (Polska Partia Socjalistyczna, PPS) vom 15. bis 21. Dezember 1948 im Hauptgebäude der Technischen Universität Warschau gegründet. Die PPR stellte dabei rund zwei Drittel der Gründungsmitglieder, die zuvor durch Flügelkämpfe und Angriffe durch die Staatsmacht geschwächte PPS rund ein Drittel. Die Führungsgremien wurden aber paritätisch besetzt. Programmatisch richtete sich die Partei trotz des sozialdemokratischen Ursprungs der PPS klar auf den Marxismus-Leninismus sowjetischer Prägung aus.[1] 

Zunächst wurde die Partei durch Bolesław Bierut geführt, bevor dieser 1956 in Moskau während des XX. Parteitags der KPdSU verstarb. Unter Bierut wurde die neu geschaffene Partei als auch die von ihr regierte Volksrepublik Polen in enger Anlehnung an die Sowjetunion aufgebaut. Große wirtschaftliche Probleme beim Wiederaufbau des kriegs- und besatzungszerstörten Landes sowie auch die geringe Stärke bereits vor 1948 aktiver kommunistischer Kader führten dazu, dass sich im ZK als auch andernorts in der Partei Strömungen bildeten, die eine weniger enge Anbindung an die Sowjetunion wünschten. Diese wurden von Bierut jedoch erfolgreich bekämpft und konnten erst nach dem Abtritt seines kurzlebigen Nachfolgers, Edward Ochab, in Folge des Posener Aufstands von 1956 ihren Einfluss innerhalb der Partei steigern.

Der Sitz des ZK der PZPR war von 1952 bis 1990 das „Haus der Partei“ (poln. Dom Partii), umgangssprachlich Weißes Haus (poln. Biały Dom) genannt. Das Gebäude war im Stadtzentrum von Warschau nach einem 1947 ausgeschriebenen Architektenwettbewerb aus obligatorischen Beiträgen des ganzen Volkes errichtet worden. Seit 1991 befindet sich im Gebäude das Warschauer Bank- und Finanzzentrum. In den Jahren 1918 bis 1931 stand an dieser Stelle das Gebäude des Verkehrsministeriums und davor, von 1831 bis 1918, des Rechnungshofs.

Das Gebäude des ZK der PZPR in den 1960er Jahren
Bildquelle: Von nieznany/unknown – Warszawski Kalendarz Ilustrowany 1965, Wydawnictwo Warszawskiego Tygodnika "Stolica", Warszawa 1964, p.64, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=122318182

Mit dem erneuten Machtantritt Władysław Gomułkas im Herbst 1956 wurde die enge Bindung an das sowjetische Vorbild gelockert und ein „polnischer Weg“ zum Sozialismus proklamiert. Im Rahmen dieser Politik wurde u. a. die angefangene Kollektivierung der Landwirtschaft abgebrochen, Lockerungen im kulturellen Bereich ermöglicht und die Tätigkeit des Staatssicherheitsapparates etwas beschränkt.

Vor allem aufgrund der ökonomischen Stagnation und den daraus resultierenden konterrevolutionären Umtrieben Dezember 1970 in Polen wurde Gomułka 1970 durch Edward Gierek ersetzt. Seine Zeit als Erster Sekretär des ZK der PVAP war vor allem durch den Versuch einer beschleunigten Modernisierung der polnischen Wirtschaft und die Verbesserung der Kontakte zu den westlichen Ländern geprägt. Nach der misslungenen Rückzahlung der zahlreichen Auslandskredite und der Überschuldung des Landes bei gleichzeitig weiter sinkendem Lebensstandard kam es jedoch bereits seit Mitte der 1970er Jahre zu erneuten Unruhen, die 1976 und 1980 kulminierten.

1980 wurde Gierek kurzzeitig durch Stanisław Kania ersetzt, der jedoch die aufgebrachte Stimmung im Lande und das Anwachsen des Einflusses der Solidarnosc nicht eindämmen konnte. Auf ihn folgte 1981 Wojciech Jaruzelski, der im selben Jahr das Kriegsrecht ausrief und damit das konterevolutionäre Treiben für einige Jahre stoppen konnte. Es wurde jedoch bis Ende der 1980er Jahre trotz verschiedenster Ansätze keine Besserung der wirtschaftlichen Lage erreicht.

Unter Mieczysław Rakowski (1989 bis 1990) schlug die Partei schließlich den Weg der Kooperation mit der politischen Opposition (Konterrevolutionären) ein und besiegelte somit das allmähliche Ende ihrer Herrschaft. 

Am 29. Januar 1990 fand der XI. Parteitag der PZPR statt, auf dem die Umwandlung der Partei vorangebracht werden sollte. Letztlich kam es zu ihrer Selbstauflösung.

Die Folgen, bzw. Nachfolgeparteien und was mit dem Parteivermögen geschah, kann man detailliert aus Wikipedia entnehmen.

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

März-Unruhen 1968 in Polen

Der Polnische Oktober brachte vielen Polen die Hoffnung auf konterrevolutionäre Änderungen. Liberale Änderungen von Władysław Gomułka auf dem VIII. Plenum des Zentralkomitees der PZPR initiiert, wie zum Beispiel eine Amnestie für politische Gefangene, die Verbesserung der Beziehungen zur katholischen Kirche, die Begrenzung der Zensur wie eine freiwillige Zurückhaltung der Sicherheitsorgane, erwiesen sich jedoch zunehmend als Hirngespinst. Die neue Führung hatte nicht die Absicht, die Konterrevolution auf den Weg zu bringen. Die Versprechungen infolge des Polnischen Oktober diensten nur dazu die Lage zu beruhigen.

Schon in den letzten Monaten des Jahres 1956 attackierte Gomułka in seinen Reden die Revisionisten und ihr Programm der Liberalisierung des sozialistischen Systems. Die ganzen folgenden zehn Jahre waren eine schrittweise Abkehr von den „Errungenschaften des Oktobers“. Es gab viele personelle Änderungen in der Partei, die Liquidierung der Zeitschriften der Intelligenz „Po prostu“ sowie „Przegląd Kultury“, den Ausbau des Polizeiapparats, verschärfte Zensur, eine Rückkehr zur antikirchlichen Politik, was sich zum Beispiel in der Einstellung des Religionsunterrichts in den Schulen zeigte.

Die Rückkehr zum konsequenten Weg des Sozialismus nahm an Stärke noch zu. Dabei spielte die Außenpolitik eine Rolle. Und zwar der Ausgang des Sechstagekriegs zwischen Israel und den umgebenden arabischen Staaten im Juni 1967. Die UdSSR verurteilte Israel und brach die diplomatischen Beziehungen ab; ebenso hielten es die polnische Regierung. Es wurden Kundgebungen an den Arbeitsstätten organisiert, in denen die „imperialistischen Bestrebungen“ Israels missbilligt wurden. In  Parteikreisen, in Heer und Miliz, auch unter regierungstreuen Katholiken, konzentriert um die Vereinigung „PAX“, wurde Israel verurteilt.

Die sozialistischen Länder waren auf Seiten der Palästinenser, bzw der arabischen Länder.

Die Kirche mit Kardinal Stefan Wyszyński an der Spitze nahm dagegen eher eine proisraelische Haltung ein, so wie die Mehrheit der polnischen Gesellschaft. Einige polnische Juden bekundeten öffentlich ihre Unterstützung für die Operationen der israelischen Armee.

Die gesellschaftliche Stimmung sollte sich nach den Direktiven der UdSSR für die PZPR richten, ohne aber in eine feindliche Stimmung gegenüber der Sowjetunion umzuschlagen. Im Verlauf der Debatte hielt Władysław Gomułka eine Rede auf dem VI. Kongress der Berufsverbände. Er vertrat darin die These, es bestehe in Polen „eine zionistische Fünfte Kolonne“ (eine Formulierung, die in der Presse nicht auftauchte), die die israelische Aggression gegenüber den arabischen Ländern akzeptiere und unterstütze. Er stellte fest, „die Aggression Israels sei das Resultat der reaktionärsten Verschwörung des internationalen Imperialismus“.

Nach der Rede Gomułkas steigerte sich die Aggressivität der „Partisanen“ (Fraktion der PVAP), d. h. der nationalistisch-populistischen Fraktion um General Mieczysław Moczar (seit 1964 Innenminister).  Moczar selbst verglich das Vorgehen der israelischen Armee mit Hitler-Methoden aus dem Zweiten Weltkrieg. Man bezichtigte Bürger jüdischer Herkunft zum Beispiel gegenüber Sicherheitsbehörden der Steuerhinterziehung. Den Aktionen der „Parteigänger“ schloss sich auch die PAX Bolesław Piaseckis an, der Revisionisten, Wurzellose Kosmopoliten sowie den Episkopat angriff.

Da viele Juden sich mit Israel verbunden fühlen, kam es damals auch zum Konflikt mit polnischen Juden innerhalb Polens. Die Stimmung gegen Juden verschärfte sich nicht nur in Parteikreisen, sondern auch unter Arbeitern und „Menschen niederer Schichten“. Das Kesseltreiben erreichte die Strukturen der Partei, des Heeres (im Jahr 1967 wurden etwa 200 höhere Dienstgrade ihrer Offiziers-Funktion entbunden, darunter 14 Generäle, eine Maßnahme, für die persönlich Polens Verteidigungsminister Wojciech Jaruzelski verantwortlich war), die Miliz, die Sicherheitsorgane und andere gesellschaftliche Institutionen. Die Politische Säuberung betraf auch die höheren Lehranstalten. Lehrer und Professoren wurden von Schulen und Universitäten verwiesen. Zur Verschärfung der Lage trug auch die versuchte Konterrevolution in der Tschechoslowakei im Jahre 1968 bei.

In unmittelbarer Folge kam es zu einer Studentendemonstration vor dem Adam-Mickiewicz-Denkmal (Warschau) (30. Januar 1968) gegen die Absetzung des Theaterstücks Totenfeier (poln.: Dziady) des polnischen Dichterfürsten Adam Mickiewicz unter Regie von Kazimierz Dejmek, gespielt im Warschauer Nationaltheater, dessen Inszenierung zu Recht antisowjetische Merkmale unterstellt wurden.[1] Nach den ersten vier Aufführungen wurde Dejmek informiert, das Stück solle nur einmal wöchentlich aufgeführt werden, der schulischen Jugend sollten nicht mehr als 100 Tickets zu Normalpreisen verkauft werden, der Regisseur solle die Reaktionen des Publikums notieren.

Am 16. Januar wurde er informiert, dass am 30. Januar die letzte Vorführung sei. Diese Vorstellung (es war die elfte seit der Premiere) war fast ausverkauft, hauptsächlich durch Studenten. Ständig gab es Szenenbeifall. Nach Vorstellungsende wurde skandiert: „Unabhängigkeit ohne Zensur!“, ausgedacht von Karol Modzelewski. Es waren auch Rufe zu hören: „Wir wollen Kultur ohne Zensur!“ Am Ausgang des Theaters hatte sich eine Menge von etwa 200 Menschen zusammengefunden (wiederum mehrheitlich Studenten), die sich in Richtung des Mickiewicz-Denkmals mit Transparenten bewegten mit Parolen wie „Wir fordern weitere Vorstellungen“, die auf den Stufen des Denkmals ausgebreitet wurden. Die Miliz (MO) reagierte nicht sofort, erst nach einigen Minuten wurde die Kundgebung mit Schlagstöcken aufgelöst, und 35 Demonstranten wurden festgenommen, von denen neun einem Strafgericht überstellt wurden. Zwei Studenten der Universität Warschau wurden auf Antrag des   Hochschulministers Henryk Jabłoński der Universität verwiesen, da sie nach der Vorstellung mit Reportern der französischen Presse gesprochen hatten. Es handelte sich um Adam Michnik und Henryk Szlajfer.

Westliche Medien griffen die Ereignisse in Polen auf, so die „New York Times“, die „Washington Post“ und es war ein „gefundenes Fressen“ für den Propaganda-Sender „Radio Free Europe/Radio Liberty“.

Da Kritik am Staate Israel und an Juden, die den Staat Israel unterstützen mit Antisemitismus gleichgesetzt werden, sah man damals im Westen sowie in der heutigen offiziellen Geschichtsschreibung die damaligen Ereignisse in Polen undifferenziert als Antisemitismus.

Viele der damaligen Akteure hofften trotz alledem auf das irgendwann die Konterrevolution gelingen möge. Ihre Hoffnung hat sich erfüllt. Im Jahre 1980 wurde Solidarnosc gegründet. Die Konterrevolution konnte nun marschieren und siegte 1989/90.

 

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

Polnischer Oktober (1956)

Im Jahr 1954 erschien Ilja Ehrenburgs letzter Roman „Tauwetter“, der dann der Lockerung bzw. Tauwetter-Periode in Osteuropa ihren Namen gab. 

Nach Stalins Tod wurde eine Aufweichung des politischen Systems spürbar.

Der Kardinal Stefan Wyszyński wurde aus seiner Internierung befreit und wurde stürmisch begrüßt. Die Zensur wurde gelockert. Das Wochenblatt der Jugend „Po prostu“ (Einfach), wurde von einem Parteiorgan zu einer Tribüne sogenannter Reformer. Wir wissen, dass „Reform“ nichts Gutes bedeutet. Die Wandlung des Begriffs „Reform“ von Fortschritt zu Rückschritt begann schon damals.

Auf dem XX. Parteitag der KPdSU (14. bis 26. Februar 1956) hielt Nikita Chruschtschow eine Geheimrede mit scharfer Kritik an Stalin. Der 1. Sekretär der PVAP, Bolesław Bierut, erkrankte während des Kongresses und starb noch in Moskau am 12. März 1956. Nach seiner Beerdigung wurde in Polen der Text der Geheimrede vom Zentralkomitee der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) intern über 3.000 mal vervielfältigt und jedem lokalen Parteigremium zur Verfügung gestellt. Eines dieser Exemplare gelangte auch über einen Mossad(Geheimdienst Israels)-Agenten an die CIA (Geheimdienst der USA) und das US State Department.[1] 

Am 28. Juni 1956 kam es in Posen zu konterrevolutionären Umtrieben, die in der offiziellen Geschichtsschreibung als „Aufstand der Arbeiter der Lokomotivwerke“ verkauft werden. Es gab viele Tote. Die Lage wurde immer angespannter. Am 19. Oktober 1956 begann die 8. Plenarsitzung des Zentralkomitees der PVAP. Am Vortag der Sitzung kam unerwartet Chruschtschow nach Warschau. Einheiten der Sowjetarmee in Polen begannen in Richtung Warschau vorzurücken.

Am 21. Oktober wurde Władysław Gomułka, der ehemalige 1. Parteisekretär und Häftling unter Bierut, zum neuen 1. Sekretär  gewählt. Gomułka hielt am 24. Oktober auf dem Platz vor dem Warschauer Kulturpalast eine Rede vor einigen hunderttausend Warschauern.  

Gomulkas Rede am 24. Oktober 1956
Bildquelle: Von Autor/-in unbekannt – Uploaded from English Wikipedia [:en:File:Gomulka speech.jpg] who cited differents sources [1], [2] and many others, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5627152

Gomułka fuhr vom 16. bis 18. November nach Moskau und kam mit vielen sowjetischen Zugeständnissen zurück. U.a. wurden viele polnische Bürger aus der Verbannung in Kasachstan befreit.

Der sowjetische Marschall Rokossowski (sowjetisch-polnischer Offizier und Verteidigungsminister der Volksrepublik Polen), Oberbefehlshaber der polnischen Armee, verließ eilig Warschau. Ihm folgten viele sowjetische Offiziere in polnischen Uniformen. Die Stadt Stalinogród wurde in Katowice zurückbenannt. Die Kollektivierung der Landwirtschaft wurde gestoppt, bzw. rückgängig gemacht.

Die Freude der konterrevolutionären Bewegung in Polen wurde getrübt, als die versuchte Konterrevolution in Ungarn im Jahre 1956 niedergeschlagen wurde.

Die Tauwetter-Periode dauerte nicht lange. Schon 1957 wurde das Blatt „Po prostu“ wegen Abweichung von den Parteirichtlinien geschlossen.

Gomułka fehlte die Entschlossenheit die Konterrevolution, die als „Reformen“ firmierte, voranzutreiben.

Das Land versank in der Folgezeit in Stagnation. Gomułka fand keinen Ausweg aus der sich ständig verschlechternden Lage. Ein Jahrzehnt später kam es zu den März-Unruhen 1968, schließlich zum Aufstand vom Dezember 1970, der den Sturz der Parteiführung am 19. Dezember 1970 verursachte.

 

Entnommen von Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

Der Dezember 1970 in Polen

Ab 1967 litt die Wirtschaft der Volksrepublik Polen unter einer zunehmenden Rezession. 1968 kam es außerdem im ganzen Land zu Studentenunruhen. Die politische Führung unter Władysław Gomułka bekam die innenpolitische Lage nur bedingt unter Kontrolle und bereits im Sommer 1970 kam es in der Bevölkerung zu Gerüchten über anstehende Preiserhöhungen.

Die Lage wurde vorrübergehend beruhigt, als es im Zuge der Sozialdemokratischen „Entspannungspolitik“ zu den Ostverträgen kam. In diesem Zusammenhang kam es zu den Warschauer Verträgen zwischen der BRD und Polen. In der Hoffnung, dass dieser außenpolitische Erfolg die Bevölkerung von der Krise ablenken würde, wurden die Preise insbesondere für Konsumgüter kurz vor Weihnachten tatsächlich um bis zu 38 % erhöht.

Als Reaktion auf dermaßen drastische Preiserhöhungen kam es zunächst in den Danziger Werften zu Streiks. Hinzu kamen Demonstrationen in ganz Polen. Das Land befand sich dabei zeitweise am Rande eines Bürgerkrieges. Die Behörden reagierten mit massivem Einsatz von Milizkräften und dem Militär. Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Demonstranten kamen offiziell 45 Menschen ums Leben. Tatsächlich war die Zahl der Todesopfer etwa doppelt so hoch. Mehr als tausend Personen wurden bei den Einsätzen verletzt.

Aufgrund der Unruhen musste Gomulka gehen. Er war 14 Jahre im Amt des Vorsitzenden des polnischen Zentralkomitees. Das Politbüro der PZPR machte Druck und die Regierung musste am 19. Dezember 1970 zurücktreten. Nachfolger Gomułkas wurde am 20. Dezember 1970 Edward Gierek.

Die August-Streiks von 1980, die zur Legalisierung der Solidarnosc führten, knüpften an die Ereignisse von 1970 an.  So war die Errichtung eines Denkmals für die Opfer des Dezember 1970 eine der Forderungen der Streiks 1980.

Bei der Enthüllung des Denkmals auf dem Platz vor der Danziger Werft (Leninwerft) erklang am 16. Dezember 1980 vor 100.000  Menschen zum ersten Mal das „Lacrimosa“ (später Teil des „Polnischen Requiems“) von Krzysztof Penderecki, das für dieses Ereignis von der Solidarnosc in Auftrag gegeben worden war.[1] 

 

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel