Während des Treffs am 02.11.1965 teilte mir „Bohl“ folgendes mit
Am 03.11.1965 um 06:00 Uhr muss er einen Max Ebner verhaften. Den Haftbefehl wegen Verdacht der „Landesverräterischen Beziehungen“ hatte Bohl bei sich. Das Material gegen Ebner ist sehr schwach. Man hat keine Beweise für den Verdacht und hofft durch die Haussuchung welche zu erhalten. Deshalb sind 10 Mann der Abteilung I (Observationsgruppe) mit der Haussuchung beauftragt. „Bohl“ und ein anderer Beamte führen die Festnahme durch.
„Bohl“ hat die gesamten Akten und führt den Vorgang. Aus den Akten geht hervor, dass es sich bei Ebner um einen alten Kommunisten handelt, deshalb war Bohl der Meinung, man müsste Ebner sofort warnen. „Bohl“ meint, dass von der Festnahme ein großer Teil der Abteilung I sowie Mitarbeiter des Gerichts Kenntnis haben und man deshalb nicht feststellen kann, wer die Warnung ausgesprochen hat. Außerdem erfolgt keine Überwachung des Telefons und mit anderen Mitteln. Das geht auch aus dem Vorgang hervor.
Ich habe zu „Bohl“ gesagt, dass jetzt seine große Bewährung bevorsteht. Er muss die Vernehmung des Ebner sehr ordentlich durchführen, auch wenn es sich um einen alten Kommunisten handelte. Er darf nicht beeinflusst werden, bzw. die Arbeit durchführen.
Ob eine Warnung erfolgt, kann nur (Name geschwärzt) entscheiden. „Bohl“ vertrat noch die Ansicht, wenn bei der Haussuchung keine Beweise gefunden werden, wird Ebner in spätestens 2 Tagen entlassen. Die ganze Sache wird von (Name geschwärzt) organisiert, der unbedingt einen Erfolg erringen möchte.
Nachdem ich mich von „Bohl“ getrennt hatte, rief ich (Name geschwärzt) an. Zuerst war seine Frau am Apparat. Wir sprachen allgemein über ihren Geburtstag. Danach bat ich (Name geschwärzt) an den Apparat. Ich teilte ihm mit, dass ich eine grässliche Mitteilung hätte. Er soll es nicht so tragisch nehmen und den Kopf hochalten.
Er hatte sofort begriffen, worum es ging und sagte, die können mich mal.. Wie aus seinem Verhalten am Telefon zu entnehmen war, hat ihm diese Mitteilung nicht überrascht. Er war immer mit seinen Antworten witzig. So sagte er unter anderem: dass der sich freut, weil er schon lange nicht mehr in fremden Betten geschlafen hat.
Seit kurzer Zeit dürfen die Bediensteten der Abt. I mit Vertretern westlicher Nachrichtendienste nicht mehr verkehren.
Wünsche der westlichen Nachrichtendienste müssen im Geschäftszimmer vorgetragen werden.
Von dieser Stelle erhalten sie die Auskünfte bzw. die verlangten Unterlagen.
Dies gilt auch für das LfV. (Landesamt für Verfassungsschutz)
Ein Sachbearbeiter darf keinen direkten Kontakt unterhalten.
Das LfV (Landesamt für Verfassungsschutz) hat die Unterlagen der Frau Ebner übernommen. Von Seiten der Abt. I darf zur Zeit nichts unternommen werden. Was tatsächlich geschieht ist nicht bekannt.
Ich bin um 17:45 Uhr am KPP Friedrich – Zimmerstraße gewesen. Die Kontrolle verlief ohne Vorkommnisse. Der Grund für das verspätete Passieren der Grenze bestand darin, dass der Container nicht funktionierte, obwohl ich am Abend vorher den Verschluss kontrolliert habe. Aus diesem Grunde konnte ich auch nicht den festgelegten Weg zum Treff einhalten und nahm deswegen am U-Bahnhof Kochstraße ein Taxi.
Mit dem Taxi fuhr ich bis zum Bahnhof Zoo.
Während der Fahrt achtete ich ob andere Fahrzeuge folgten. Dies war nach meiner Feststellung nicht der Fall.
Auf der rechten Straßenseite, wo ich ausgestiegen bin, war kein reger Verkehr.
Auf dem Weg zum Treffort wurde ich von 2 Männern überholt. (Ausländer)
Andere Personen folgten mir nicht
Um 18:05 Uhr war ich am Treffort, bin zur Brücke gegangen, umgekehrt und zum Schleusenkaffee zurückgegangen.
Nach der Personenbeschreibung habe ich ihn sofort erkannt.
Bohl sprach mich an und fragte, ob ich Frau Schneider bin. Ich fragte darauf, ob er Herr Bohl ist. Als er diese bestätigte zeigte er auch gleich das Erkennungszeichen.
(Nächster Abschnitt ist unleserlich gemacht worden.)
Wir sind zu Fuß in Richtung Ernst-Reuter-Platz gegangen. Dort suchten wir ein kleines Lokal auf.
Auf dem Weg zum Lokal teilte mir „Bohl“ folgendes mit
„Er kann zur Zeit nicht schreiben, da er sich verhalten muss, dass zu Hause nichts auffällt.
Aufgrund der Festnahme des Ebner muss er sehr vorsichtig sein.
Aus diesem Grunde hat er auch bei sich zu Hause Ordnung geschafft. Es ist in seiner Wohnung nichts vorhanden. Wie er sagte hat er alles beiseitegeschafft. Im Zusammenhang mit der Festnahme des Ehepaares Ebner berichtete „Bohl“:
Die Ehefrau E. hat bei der Vernehmung ein umfassendes Geständnis abgelegt, und damit ihren Ehemann belastet. Der Chef hat die Vernehmung durchgeführt und der E. versprochen, wenn sie alles sagt, die sie zu Weihnachten frei ist. Durch die Aussage wurden Beweise gefunden: -Sendegerät (war vergraben) -Codematerial -Tablett -Hand- und Brieftasche. Bohl schätzte ein, dass diese Gegenstände nie gefunden wären bzw. als solches erkannt worden wäre, wenn nicht die E. die Aussagen gemacht hätte.
Als Verbindungsmann hat die Ebner„Pummel“ angegeben. Sie hat eine genaue Personenbeschreibung und die Personalien angegeben. Auch die Anschrift von „Pummel“ gab sie an. Auch nannte sie die Anschrift und Arbeitsstelle von der Schwester von „Pummel“. Die Ebner gab an, dass „Pummel“ an einem Treffen in Holland teilgenommen haben soll. Es soll sich um ein Treffen von KZ-Häftlingen gehandelt haben. Es wurden entsprechende Maßnahmen eingeleitet, um zu überprüfen, wer an dem Treffen teilgenommen hat. Die E. gab auch an, dass „Pummel“ in den nächsten Tagen wieder kommen will. Aus diesem Grunde wurde Großfahndung nach „Pummel“ ausgeschrieben. Dazu wurden alle Grenzübergangsstellen besonders beobachtet. Die Beobachter hatten die genaue Personenbeschreibung und eine Skizze, die nach den Angaben der gefertigt wurde, von „Pummel“, bei sich. Wie „Bohl“ sagte, ist die Skizze sehr gelungen. Nach dieser Skizze kann man ohne weiteres „Pummel“ erkennen. Sehr verblüffend ist auch die Ähnlichkeit zwischen „Pummel“ und ihrer Schwester. Die Schwester von „Pummel“ soll in den nächsten Tagen gehört werden. Die Schwester und der Neffe von „Pummel“ werden überwacht. So wird z.B. auch das Telefon des Neffen überwacht. Man rechnet sehr stark damit, dass „Pummel“ kommt.
Die Ebner gab auch an, dass sie durch „Pummel“ am Vorabend gewarnt worden seien. Der Ebner dagegen gibt an, dass er die Stimme von „Pummel“ nicht erkannt hat, am Telefon. Er hat den Anruf für einen Scherz gehalten. In diesem Zusammenhang sagte „Bohl“, dass sich der Ebner sehr tapfer hält und nur das zugibt, was ihm bewiesen wird. Bei den Vernehmungen, die immer von 3 Mann durchgeführt werden, verhielt sich Ebner sehr ruhig. Er sagt z.B. nun Kinder ich bin ein alter Kommunist und reißt mir nicht gleich den Kopf ab. Ich sage sowieso nichts. „Bohl“ meint man müsste einen guten Anwalt für Ebner stellen. Gegenüber der Ebner vertritt er die Meinung, dass man sie vergiften sollte. Er hat eine große Wut auf sie und brachte das auch mit groben Schimpfwörtern zum Ausdruck.
(Ab da ist das Dokument durchgerissen. Es fehlt was. Noch ein kurzer Teil als Schluss)
Für die Rückfahrt benutzte ich die U-Bahn vom Ernst Reuter-Platz bis Hallisches Tor. Bin dort umgestiegen und fuhr bis Kochstr. Die Kontrolle an der Grenze verlief ohne Vorkommnisse. Während des Zusammenseins mit Bohl und auf dem Wege zurück konnte ich nichts Außergewöhnliches und Verdächtiges feststellen.
Gez. Winter(Winter war nun der neue Kurier)
F.d.R.d.A.
Oberleutnant Eiserbeck
(Mensch was war die Frau Ebner für eine böse Frau. P.R.)
Charlotte Müller, geboren am 05.November 1901 in Berlin Wedding, gestorben am 14. März 1989 in Berlin/DDR, war eine deutsche Widerstandskämpferin gegen den Faschismus und Überlebende des KZ Ravensbrück. Von 1951 bis 1967 arbeitete sie für das MfS.
Charlotte Müllers Vater, selbstständiger Klempner, Sozialdemokrat und Gewerkschafter, beeinflusste maßgeblich ihre politische Entwicklung. Mit 14 Jahren begann sie in der Werkstatt ihres Vaters eine Klempnerlehre. Doch bereits 1916 verstarb er und Charlotte Müller musste die Lehre abbrechen. Klempner war nun mal ein Männerberuf. Zur damaligen Zeit war für Frauen dieser Beruf nur in Ausnahmefällen zugänglich, wie z.B. im väterlichen Betrieb. Wenn dieser Betrieb nicht mehr existent war, konnten Mädchen nicht die Lehrstelle wechseln. Früher sollten Mädchen ja ohnehin heiraten und die Rolle der Hausfrau einnehmen.
Charlotte Müller wurde von ihrer Mutter auf eine Handelsschule geschickt. Der Weg zu einem Frauenberuf im Büro. Allerdings durften auch im Büro nur unverheiratete Frauen arbeiten. – Die sogenannten Fräuleins.
Bis 1923 arbeitete sie als Büroangestellte, wurde dann entlassen und fand erst 1928 wieder Arbeit. Jetzt wieder in einem anderen Beruf, nun als Schwimmmeisterin.
In dieser Zeit war sie im Roten Frauen- und Mädchenbund, einer Unterorganisation des Rotfrontkämpferbundes, aktiv. Sie hörte Vorträge in der Marxistischen Abendschule (MASCH). 1928 trat sie in die KPD ein.
Im Sommer 1933 wurde sie erneut entlassen. Sie begann ab November 1933 gemeinsam mit Mia Niederkirchner ihre illegale politische Tätigkeit – bis zum Juni 1934 in Deutschland, anschließend, um ihrer drohenden Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen, in den Niederlanden. 1936 verhaftete sie die Amsterdamer Fremdenpolizei mit der Absicht, sie nach Deutschland auszuliefern, schob Charlotte Müller jedoch nach Belgien ab. In Brüssel wurde sie bereits von Otto Niebergall erwartet, der von Belgien aus illegale Gruppen im Rheinland unterstützte. Sie wurde erneut mit politischer Arbeit für die KPD betraut.
Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Belgien im Mai 1940 wurde sie im Oktober 1940 von der Gestapo verhaftet. Illegale Tätigkeit während der Emigration konnte ihr jedoch nicht nachgewiesen werden. Im November 1941 fand in Berlin der Prozess gegen sie und ihre Mitangeklagten wegen Vorbereitung zum Hochverrat statt. Das Urteil lautete auf 15 Monate Gefängnis, wobei die Untersuchungshaft angerechnet wurde. Nach Verbüßung der Gefängnisstrafe im Januar 1942 wurde sie mit einem Zwischenaufenthalt im Arbeitserziehungslager Rhinow im Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert.
In den ersten acht Monaten arbeitete sie in der Weberei. Nach einer Erkrankung wurde sie für die Arbeit in der Weberei untauglich geschrieben. Als bald darauf im Lager Frauen gesucht wurden, die sich auf Klempnerarbeiten verstanden, meldete sie sich. In dieser Position war es ihr möglich, sich relativ frei im Lager zu bewegen, vor allem aber ohne Aufsicht durch die SS arbeiten. Das nutzte sie einerseits, um Kontakte zwischen den politischen Gefangenen auszubauen und zu unterhalten. Andererseits war es Charlotte Müller als Anweisungshäftling aber auch möglich, ihre Arbeitskolonne selbst zusammenzustellen. Dadurch trug sie beispielsweise dazu bei, dass zwei körperlich geschwächte Mitgefangene die Lagerhaft überleben konnten.
Nach Kriegsende arbeitete sie zunächst im Magistrat von Berlin-Wedding. Im Juli 1949 wechselte sie zur Deutschen Volkspolizei. Ab 1951 begann ihre Arbeit für die Staatssicherheit der DDR (MfS), 1957 schließlich in Vollzeit für das MfS. (Viele arbeiteten ehrenamtlich für das MfS. Vielleicht ist das gemeint und keine Teilzeitarbeit. P.R.)
Ihre wichtigste Aufgabe bestand darin, als Kurierin Kontakt zu Westberliner Polizeibeamten zu halten, die für das MfS arbeiteten. Einer ihrer Kontakte war Karl-Heinz Kurras. Nach dem 13. August 1961 (Errichtung des Antifaschistischen Schutzwalls) wurde Müller zu seinem wichtigsten Kontakt zum MfS. Sie nutzte ihre Besuche bei ihrer Schwester Käthe, die in Spandau wohnte, um sich mit Kurras im „Schleusenkrug“ im Berliner Tiergarten zu treffen. Als er 1964 in die SED eintrat, bürgte sie für ihn. 1965 wurde ein anderer Kontakt von Müller gefasst. Hier steht Heinz Weiß(vielleicht ein Tarnname P.R.), dessen Frau umfassend aussagte. In den Original-Dokumenten ist vom Ehepaar Ebner die Rede, wobei Frau Ebner umfassend aussagte. Sie hatte ihren Mann „hineingerissen“ und Charlotte Müller verraten. Daraufhin wurde Charlotte Müller von ihrer Arbeit in Westberlin abgezogen. Sie schied 1967 aus dem Dienst beim MfS aus.
1981 erschien ihr Buch „Die Klempnerkolonne in Ravensbrück“, in dem sie über ihre Erlebnisse während ihrer Haftzeit im KZ Ravensbrück berichtet. Dieses Buch ist heutzutage z.B. bei einem großen Online-Versandhaus erhältlich.
Charlotte Müller starb am 14. März 1989 und ihre Urne wurde auf dem Friedhof Baumschulenweg beigesetzt.
(Sie musste die Konterrevolution und den Sieg des Kapitalismus nicht mehr erleben. Andererseits lebte sie nicht lange genug, um nach 1990 als Zeitzeugin über die Gräuel des Faschismus aufzuklären und sich in der „Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V.“ zu engagieren. Ihr Lebenswerk war umsonst. P.R.)
Karl-Heinz Kurras erlangte traurige Berühmtheit, weil er während einer Demonstration in Westberlin am 02. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss
Im Mai 2009 wurde die IM-Tätigkeit von Karl-Heinz Kurras bekannt.
Karl-Heinz Kurras, Pseudonym „Otto Bohl“ wurde am 01. Dezember 1927 in Barten/Ostpreußen als Sohn eines Polizeibeamten geboren. Am 16. Dezember 2014 ist er in Berlin gestorben
Kurras besuchte die Oberschule und meldete sich 1944-wie die meisten seines Jahrgangs nach dem Notabitur- als Freiwilliger zum Kriegsdienst. Er wurde verwundet und war bei Kriegsende als Soldat in Berlin. Dort begann er eine Verwaltungslehre.
Im Dezember 1946 nahm die sowjetische Geheimpolizei MWD (Daraus ging später der sowjetische Geheimdienst KGB hervor.) Kurras wegen illegalen Waffenbesitzes fest. Dabei wurden seine Personalien und Parteimitgliedschaft festgestellt, überprüft und in sowjetischen Militärakten festgehalten. Am 09. Januar 1947 verurteilte ein sowjetisches Militärtribunal in Berlin Kurras nach Artikel 58, Absatz 14 des Strafgesetzbuches der RSFSR (Russische Föderation). Das war „Konterrevolutionäre Sabotage“, hier „Nichterfüllung der Verpflichtung“, nämlich des Waffenverbots. Daraus wurde die „Absicht, die Macht der Regierung und das Funktionieren des Staatsapparates zu erschüttern“. (Was damals in den illegalen Waffenbesitz interpretiert wurde..?? P.R.)Er wurde zu zehn Jahren Straflager verurteilt. Er war im Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen inhaftiert. Nach seinem späteren Lebenslauf für das MfS verwendete der Lagerkommandant ihn bis zu seiner Entlassung als „Helfer für persönliche Dienste“. Bei der Auflösung der Speziallager im Februar 1950 gehörte er zu den freigelassenen Verurteilten
Der Historiker Sven Felix Kellerhoff vermutete am 26. Mai 2009 aufgrund sowjetischer Akten, Kurras könne in seiner Haftzeit von 1946 bis 1949 als Spitzel gegen Mitgefangene eingesetzt worden sein. Dies könne auch seine vorzeitige Entlassung und spätere Mitarbeit beim MfS erklären. Gewissheit darüber könnten nur weitere Aktenfunde geben.
Im März 1950 trat Kurras in den Dienst der Westberliner Polizei und war als Polizeimeister im Bezirk Charlottenburg tätig. Er wurde im September 1966 Kriminalobermeister und zuvor mit einer Ausbildung bei der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes (BKA) in Bonn ausgezeichnet
Am 19. April 1955 meldete sich Kurras im Gebäude des Zentralkomitees der SED in Berlin/DDR und teilte einem MfS-Vertreter seinen Wunsch mit, in der DDR zu leben und bei der Volkspolizei zu arbeiten- Er habe erkannt, dass er als „Angehöriger der Stumm-Polizei keiner guten Sache diene“, und sich entschlossen, seine „Arbeitskraft dem Friedenslager zur Verfügung zu stellen“. Sein Gesprächspartner überzeugte ihn in „einer gründlichen Aussprache“ davon, bei der Westberliner Polizei zu bleiben und dort als „Inoffizieller Mitarbeiter“ für das MfS zu wirken. Am 26. April 1955 unterschrieb Kurras seine Verpflichtungserklärung
(Hier lasse ich die Ausführungen von Wikipedia weg, da ich Original-Dokumente ausgewertet habe. P.R.)
Am 15. Dezember 1962 beantragte er seine Aufnahme in die SED mit der Begründung, dass diese „mit ihrer Zielsetzung den wahren demokratischen Willen verkörpert, ein demokratisches Deutschland zu schaffen“. Bürgen waren seine Kurierin Charlotte Müller und sein späterer Führungsoffizier. Am 16. Januar 1964 nahm ihn die SED nach erfolgreicher Kandidatenzeit auf. Zur Tarnung trat er fast zeitgleich in die Westberliner SPD ein. Der SED-Parteiausweis von Kurras ist seit Januar 2020 in der Ausstellung des Deutschen Spionagemuseums in Berlin zu sehen.
Karl-Heinz Kurras war ein Waffennarr und ein fanatischer Anhänger des Schießsports. Er nutzte sein Zusatzgehalt zur Finanzierung seines Hobbys. (Na ja, viel kann das ja nicht gewesen sein. Es kann sich allenfalls um die Erstattung von Reisekosten u.a. Spesen handeln. Wenn er das für sein Hobby verwendet hatte, war es seine Entscheidung. P.R.)
Am 2. Juni 1967 war Kurras bei einer Demonstration gegen den Staatsbesuch desSchahsMohammad Reza Pahlavian derDeutschen Operals ziviler „Greifer“ eingesetzt. Die monatelang vorbereitete Polizeimaßnahme sah vor, die Demonstranten auf engem Raum einzukesseln, dann von der Mitte her mit Schlagstöcken und berittener Polizei auseinanderzutreiben und an den Außenrändern mit Wasserwerfern zu empfangen. Als „Rädelsführer“ betrachtete Einzelpersonen sollten bei einer weiteren Aktionsphase, genannt „Füchse jagen“, verhaftet werden. Um diese ausfindig zu machen, wurden Polizisten in Zivilkleidung unter die Demonstranten gemischt; zu ihnen gehörte Kurras. Er trug als Dienstwaffe eine Pistole vom TypWalther PPK, Kaliber 7,65 mm.
(Trotz angeblicher politischer Ambitionen und Mitgliedschaft in der SED befasste sich Kurras nicht mit Weltpolitik und informierte sich nicht über den Schah und warum es zu Protesten bei dessen Staatsbesuch gab. So mischte er bei der Schlägerei gegen die Demonstranten mit, was dann in der Erschießung von Benno Ohnesorg gipfelte. P.R.)
Entgegen der Weisung desRegierenden BürgermeistersHeinrich Albertzbegann die polizeiliche Auflösung der angemeldeten Versammlung erst während der Opernvorstellung und ohne den vorgeschriebenen Räumungsbefehl. Die Polizei verprügelte zuerst Einzelne, dann ganze Gruppen, auch am Boden Sitzende, mit Schlagstöcken und verfolgte Fliehende dann bis in Nebenstraßen und Hauseingänge hinein. Kurras und etwa zehn uniformierte Polizeibeamte stellten einige geflohene Demonstranten im Innenhof des Hauses Krumme Straße 66/67
Ihnen folgte Benno Ohnesorg, um zu beobachten, was den Geflohenen geschehen würde. Als die Polizei einige der Anwesenden verprügelte und die übrigen hinaustrieb, wollte auch er den Innenhof verlassen. Dabei wurde er von drei Beamten im Polizeigriff festgehalten und verprügelt. In dieser Situation schoss Kurras um 20:30 Uhr Ohnesorg aus kurzer Distanz in den Hinterkopf. Mehrere wenige Meter entfernte Augenzeugen sahen das Mündungsfeuer in etwa 150 cm Höhe, hörten das Schussgeräusch und sahen Ohnesorg zu Boden fallen.
Ohnesorg starb, nachdem Polizisten einem Mediziner das Leisten vonErster Hilfefür ihn verweigert hatten, wahrscheinlich beim Transport in ein Westberliner Krankenhaus. Als Todesursache im Totenschein gab ein Arzt auf Weisung des Chefarztes eine „Schädelverletzung durch Gewalteinwirkung mit einem stumpfen Gegenstand“ an. Bei derObduktionOhnesorgs am folgenden Vormittag stellte der zuständige Arzt fest, dass man die tödliche Kugel im Gehirn belassen, jedoch das Schädelstück mit dem Einschussloch herausgesägt und die Haut darüber zugenäht hatte. Eine sofort eingeleitete Suche nach dem Schädelstück blieb ergebnislos.[23
Kurras durfte entgegen der damaligenStrafprozessordnungnoch in der Nacht Ohnesorgs Leiche besichtigen. Im Blick auf dieHämatomedes Getöteten erklärte er, dieser müsse angesichts der erhaltenen Prügel „ein ganz Schlimmer“ gewesen sein.[24]
Nun folgen lange Ausführungen zu den juristischen Folgen, wobei aber nichts rumkam. Karl-Heinz Kurras wurde freigesprochen. Wer an den Details interessiert ist, kann das auf Wikipedia nachlesen.
Kurras war im Jahre 1967 für seinen ersten Prozess vom Polizeidienst suspendiert worden und arbeitete als Wachmann und Kaufhausdetektiv. Nach Aussagen seiner Frau begann er damals mit überhöhtem Alkoholkonsum. Er wurde wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu 400 D-Mark Geldstrafe verurteilt
Ab 1971übernahm die Westberliner Polizei Kurras in den Innendienst. Er war in der Funkleitzentrale tätig. Im Juli 1971 erhielt er ohne Wissen des Polizeipräsidenten seine Dienstwaffe zurück. Er hatte sie nach eigenen Angaben zurückgefordert, weil der Racheakte der RAF befürchtete. Die Polizei fand seine Dienstwaffe im August 1971 in seiner Aktentasche, während er betrunken auf einer Parkbank schlief. Zuvor soll Kurras ein neunjähriges Mädchen sexuell belästigt haben, doch dessen Eltern zogen die Anzeige zurück.
Im Mai 1977 griff Kurras einen Fotografen, der ihn vor seinem Haus fotografiert hatte, körperlich an, rief Polizeikräfte zu Hilfe und zeigte ihn an. Er zwang wenig später eine tschechische Hauswartsfrau mit vorgehaltener Waffe zur Unterschrift unter eine selbstverfasste, für ihn günstige Zeugenaussage zu dem Vorfall. Diese widerrief die erzwungene Aussage im Prozess gegen den Fotografen. Daraufhin wurde der Polizeibeamte, der dessen Film vor Ort beschlagnahmt hatte, des Meineids überführt und gestand diesen. Der Fotograf wurde freigesprochen, aber auch Kurras blieb straffrei. Die Tschechin beschrieb im ZDF Ende Mai 2009 auch ein früheres Gespräch mit Kurras, in dem dieser den Todesschuss auf Ohnesorg als gezielte Hinrichtung beschrieben und mit „ein Lump weniger“ kommentiert haben soll.[37]
Kurras wurde zum Kriminaloberkommissar befördert und bezog ab 1987 eine Beamtenpension.[38] Er lebte bis zu seinem Tode mit seiner Frau in einer Eigentumswohnung in Berlin-Spandau.
Die Staatsmacht Westberlins und der BRD hatte kein Interesse daran den Todesfall Benno Ohnesorg ernsthaft zu verfolgen
Daraufhin radikalisierten sich Teile der damaligen Studentenbewegung. So entstand in Westberlin die „Bewegung 2. Juni“, benannt nach dem Tötungsdatum von Benno Ohnesorg. Das war eine linksradikale Terrorgruppe. Das Gleiche wie die RAF. Am 02. Juni 1980 löste sich die „Bewegung 2. Juni“ auf. Einige ihrer Mitglieder schlossen sich der RAF an.
Reaktionen in der DDR
Die DDR-Presse stellte Kurras’ tödlichen Schuss vom 2. Juni 1967 auf Weisung der SED als beabsichtigten Teil einer von der Bundesregierung gedeckten und lange geplanten „Notstandsübung“ der gesamten Westberliner Polizei dar.
Gemäß den im Jahr 2009 gefundenen MfS-Akten reagierte das MfS überrascht auf den tödlichen Schuss seines Mitarbeiters und ordnete wenige Tage darauf als Funkspruch an:
„Material sofort vernichten. Vorerst Arbeit einstellen. Betrachten Ereignis als sehr bedauerlichen Unglücksfall.“[43
Kurras antwortete: „Zum Teil verstanden, alles vernichtet“ und forderte Geld für seine juristische Verteidigung. Das MfS rätselte über die Motive seiner Tat, da ihm anderslautende Zeugenaussagen vom Tatablauf vorlagen:
„Es ist zur Zeit noch schwer zu verstehen, wie dieserGMeine solche Handlung, auch wenn im Affekt oder durch Fahrlässigkeit hervorgerufen, begehen konnte, da sie doch ein Verbrechen darstellt.“[21]
Daraufhin prüfte das MfS am 8. und 9. Juni 1967, ob Kurras „im Auftrage einer feindlichen Dienststelle alsAgent Provocateurdie Verbindung zum MfS aufnahm“, also ein Doppelagent war. Indizien dafür fand man nicht. In einem internen Vermerk vom 8. Juni 1967 heißt es, man habe seine „charakterliche Schwäche“ für Schusswaffen gekannt, aber unterschätzt. Am 9. Juni 1967 nannten MfS-Mitarbeiter Kurras „Mörder“ und „Verbrecher“.[20]Am selben Tag wurde entschieden:
„Die Verbindung zum GM wird vorläufig abgebrochen.“[44]
Nach dem 2. Juni 1967 ist nur noch ein Treffen von Kurras mit seinem früheren Führungsoffizier (Eiserbeck) belegt: Am 24. März 1976 bot er Eiserbeck erneut an, Westberliner Interna weiterzugeben. Dieser befürwortete dies vorbehaltlich einer Zustimmung der vorgesetzten Stellen des MfS; diese ist in den aufgefundenen Akten nicht dokumentiert.
Es erfolgte keine Kassierung der Mitgliedsbeiträge mehr für die SED von Karl-Heinz Kurras. So war man ihn durch Streichung der Mitgliedschaft still und heimlich losgeworden.
Kurras bekam seitens des MfS keine weiteren Aufträge mehr.
Es gab keine offizielle Trennung und auch keinen Abschlussbericht. Man ließ das Ganze einfach „einschlafen“.
Dieser Fall war dem MfS unangenehm. Dieses wollte Kurras still und heimlich loswerden.
Eine 1987 angelegte, 1989 abgeschlossene sechsseitige Akte des MfS mit dem Titel „Vorstoß“ enthält Klarnamen, Geburtsdatum und Registriernummer von Kurras. Danach hatte Gerhard Neiber, der Stellvertreter von Erich Mielke, am 11. Dezember 1987 „aus operativen Gründen/Interesse“ einen „Sicherungsvorgang“ angeordnet. Im Februar 1989 übergab Neiber diesen Vorgang dem früheren Führungsoffizier Werner Eiserbeck. Dieser versuchte am 29. November 1989, die Akte mit dem Vermerk „Wegfall der operativen Gründe“ vernichten zu lassen. Welcher Art diese waren, ist unklar.
Den Entdeckern der Dokumente zufolge fehlt in den Dokumenten jeder Hinweis auf einen Tötungs- oder Eskalationsauftrag des MfS an Kurras, etwa um Westberlin zu destabilisieren. Dies ist auch aus dem Grunde unwahrscheinlich, da das MfS selbst überrascht war und einen wertvollen Mitarbeiter verlor.
Entnommen Wikipedia, bearbeitet und gekürzt von Petra Reichel
Der Westberliner Polizist Karl-Heinz Kurras bot 1955 dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) seine Mitarbeit an. Wie begründete er den Schritt in seiner Verpflichtung? (Dokument 2)
Kurras lieferte dem MfS unter dem Decknamen „Otto Bohl“ jahrelang Stimmungsberichte und Ermittlungsakten, recherchierte nach Flüchtlingen aus der DDR im Westen und nach den Haltern von Fahrzeugen, deren Autokennzeichen in der DDR notiert waren. Anfang der 1960er Jahre übertrug ihm das MfS noch brisantere Aufträge. Welche werden in den Dokumente 3 und 4 genannt? Diskutieren Sie, warum dieser Aufträge Ihrer Meinung nach für das MfS wichtig waren.
1965 wechselte Kurras/“Otto Bohl“ zur Politischen Polizei in Westberlin. Wie beschrieb er in den Dokumenten 6 und 7 deren Tätigkeiten?
Wie reagierte das MfS auf sein in Dokument 5 ersichtliches Ansinnen, trotz Verspätung noch einen Passierschein zu erhalten? Interpretieren Sie anhand des Dokuments das Verhältnis von „Bohl“ und MfS
Dokumentennummern nach der Nummerierung in der Broschüre.
Im November 1965 musste Kurras einen Kollegen und dessen Ehefrau wegen mutmaßlicher Spionage für die DDR verhaften. Die MfS Kurierin „L.S chwarz“ protokollierte, was Kurras ihr berichtet hatte und ihre Eindrücke von ihm. Da sie unter dem Decknamen „Pummel“ auch Verbindung zwischen den Verhafteten und dem MfS war, wurde sie vorsichtshalber von Einsätzen im Westen abgezogen. Doch auch dem neuen Kurier „Winter“ schildert Kurras/“Bohl“ seine Ansichten
5. Wie reagierte -laut Dokument 8- „Bohl“ auf die Nachricht von der bevorstehenden Verhaftung? Wie ging „L. Schwarz“ mit der Information und mit „Bohl“ um? Welchen Rückschluss lässt das Verhalten auf die Rolle von „L. Schwarz“ zu?
6. Interpretieren Sie die Aussage von Herrn Ebner, er habe lange nicht mehr in fremden Betten geschlafen“?
7. Welchen Nutzen hatte das MfS von dem ausführlichen Bericht von „Bohl“ in Dokument 9 über das Verhalten des Ehepaars Ebner?
8. Herr Ebner wurde 1966 wegen Landesverrats zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt, seine Ehefrau zu 9 Monaten mit 5 Jahren Bewährung. Weshalb war das Strafmaß für Frau Ebner geringer als das ihres Mannes? Lesen Sie dazu Dokument 9 und notieren Sie die Gründe.
9. Lesen Sie in Dokument 10, wer die Unterlagen von Frau Ebner an sich gezogen hat. Was könnten die Gründe dafür sein?
Zusatzaufgabe
Karl-Heinz Kurras hat nach seinen tödlichen Schüssen auf den Studenten Benno Ohnesorg 1967 vom MfS keine weiteren Aufträge mehr bekommen. Auch aus der Westberliner Abteilung der Politischen Polizei wurde er versetzt. Doch erst lange nach seiner Pensionierung und lange nach dem Ende der DDR wurde er als ehemaliger MfS-Mitarbeiter enttarnt. War er in ihren Augen ein erfolgreicher Spion? Stellen Sie in einer „Erfolg-Misserfolg“-Tabelle Ihre Argumente gegenüber. Diskutieren Sie aufgrund der Dokumente und mit Hilfe von Beispielen, welche Beweggründe Kurras für sein Handeln gehabt haben könnte.
Er gab politische Gründe an. Doch wie es sich später zeigte, hatte er sich nicht mit Weltpolitik auseinandergesetzt und sich nicht über den Schah von Persien informiert. So hielt er die Demonstrierenden gegen den Staatsbesuch des Schahs für Randalierer. Die tragischen Ereignisse nahmen ihren Lauf.
Aufgabe 2
Es ging um die Installierung von Abhörtechnik im Dienstzimmer des Leiters der Kriminalinspektion Tiergarten und des Verbringens des Fahndungsbuches aus Westberlin zum MfS, um es zu fotokopieren.
Aufgabe 3
Kurras berichtet über die Struktur Abteilung I der Westberliner Polizei. Bericht über Anweisungen an die Mitarbeiter der Abteilung I (politische Polizei). Dann um Angehörige des MfS innerhalb der Westberliner Polizei und einen Doppelagenten, der auch für den Verfassungsschutz arbeitete.
Aufgabe 4
Der Passierschein für die Schwiegermutter von Kurras wird unbürokratisch ausgestellt, obwohl dieser verspätet beantragt wurde. Begründet wird dies mit der guten Arbeit von Kurras.
Aufgabe 5
„Bohl“ sah die Beweislage gegen Herrn Ebner als sehr schwach. „L. Schwarz“ meint zu „Bohl“, die Vernehmung von Herrn Ebner sei eine Bewährungsprobe für ihn. „Bohl“ meint, die Beweislage sei dünn und Herr Ebner kämme nach 2 Tagen wieder frei.
Aufgabe 6
Na ja, Herr Ebner hatte das Risiko der Verhaftung einkalkuliert und das Ganz erst Mal locker genommen. Darum dieser lockere Spruch.
Aufgabe 7
Welchen Nutzen hatte das MfS von dem ausführlichen Bericht von „Bohl“ über das Verhalten des Ehepaars Ebner? Na einen sehr großen Nutzen. Frau Ebner hatte alles verraten und ihren Mann „reingerissen“. Sie hatte auch „L. Schwarz“ (Klarname: Charlotte Müller) verraten. Da das MfS durch den ausführlichen Bericht von „Bohl“ rechtzeitig „Wind“ bekommen hatte, konnte es „L. Schwarz“ rechtzeitig abziehen. So blieb der Kurierin der Knast erspart. Insbesondere da sie ja bei den Nazis im KZ inhaftiert war.
Aufgabe 8
Sehr sinnig. Frau Ebner war die Verräterin und wurde dafür mit einer geringeren Haftstrafe belohnt. Da Frau Ebner die Beweise geliefert hatte, musste Herr Ebner nun eine lange Haftstrafe antreten.
Aufgabe 9
Der Verfassungsschutz Westberlin hatte die Unterlagen der Frau Ebner übernommen. Was dieser damit gemacht hatte, ist nicht bekannt geworden.
Zusatzaufgabe:
Den Aufwand mit der Tabelle sparen wir uns. Karl-Heinz Kurras, Tarnname „Bohl“ hatte erfolgreich für das MfS gearbeitet. Durch seinen Bericht wurde Charlotte Müller, Tarnnamen „L. Schwarz“ und „Pummel“ der Knast erspart. Sie wurde rechtzeitig von ihrer Arbeit in Westberlin abgezogen.
Kurras hatte zwar politische Gründe für seine Arbeit für das MfS. Allerdings sah er die Welt aus einer zu engen Perspektive. Er befasste sich nicht mit Weltpolitik. So war er nicht über den Schah von Persien informiert und warum es in Westberlin Proteste gegen dessen Staatsbesuch gab. Die tragischen Ereignisse nahmen ihren Lauf. Für das MfS war diese Sache unangenehm. Das MfS trennte sich nicht offiziell von ihm und es gab keinen Abschlussbericht. Man ist ihn still und heimlich losgeworden.
Benno Ohnesorg, geboren am 15. Oktober 1940 in Hannover, gestorben am 02. Juni in Westberlin war ein deutscher Student, der bei der Demonstration 02. Juni 1967 in Westberlin gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien, Mohammed Reza Pahlavi von Karl-Heinz Kurras erschossen wurde. Das machte ihn bekannt und trug wesentlich dazu bei, dass sich die westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre bundesweit ausbreitete und radikalisierte. Sein Todestag gilt als Einschnitt der westdeutschen Nachkriegsgeschichte mit weitreichenden gesellschaftspolitischen Folgen.
Der 26-jährige Ohnesorg war Pazifist, Mitglied einer evangelischen Studentengemeinde, er engagierte sich politisch und beschäftigte sich mit Kunst und Literatur. Er hinterließ seine Ehefrau und den bald nach seinem Tod geborenen Sohn Lukas Ohnesorg
Benno Ohnesorg war an Literatur und Kunst interessiert. Anfang 1960 bewarb er sich beim Braunschweig-Kolleg, um sein Abitur nachzuholen. Er wurde als einer von vierzig aus vierhundert Bewerbern für 1961 zugelassen.
Ohnesorg nutzte seine Schul- oder Semesterferien für Bildungsaufenthalte und Schulpraktika im Ausland.
1963 bestand er das Abitur.
Im Herbst 1963 bewarb sich Benno Ohnesorg an der Staatlichen Hochschule der Bildenden Künste in Westberlin, wurde aber abgelehnt.
1964 begann er an der Freien Universität in Westberlin Romanistik und Germanistik zu studieren mit dem Ziel Gymnasiallehrer zu werden.
Am 27. April 1967 heiratete er seine schwangere Freundin Christa.
Er war Mitglied im Diskussionsclub „Argument“, unterschrieb eine Petition der „Kampagne für Abrüstung“ der Ostermarschbewegung und ging zu einer Demonstration gegen die Bildungspolitik des Westberliner Senats.
Im Frühjahr 1967 äußerte er sich öfter empört über die zunehmende Gewalt der Westberliner Polizei.
Besonders interessierte er sich für das Unrecht in „Dritte Welt“-Staaten.
Wie viele andere Studenten hatte sich Ohnesorg über die damaligen Zustände im Iran informiert.
Abends besuchte Ohnesorg den Jugendclub Ça Ira in Berlin-Wilmersdorf und diskutierte mit anderen Clubgästen über das Verhalten der Berliner Polizei bei Demonstrationen. Er hielt Berichte über deren Brutalität für überzogen und erhielt zur Antwort, er könne sich ja am Folgetag bei der geplanten Demonstration gegen den Schah selbst ein Bild davon machen.
Am Vormittag des 02. Juni hörte er im Rundfunksender RIAS, dass Schahanhänger am Rathaus Schöneberg auf friedliche Demonstranten einschlugen, die anwesende Polizei erst zuschaute und dann mitprügelte. Daraufhin beschlossen er und seine Frau Christa abends vor der Deutschen Oper gegen den Schah zu demonstrieren.
Vor dem Opernhaus hatten sich bis 19:00 Uhr etwa 2000 Demonstranten versammelt. Bis zum Eintreffen des Schahs um 20:00 Uhr griff die Polizei immer wieder Einzelne aus der Menge und misshandelte sie. Nachdem das Schahehepaar die Oper betreten hatte, begannen etwa 4000 Polizisten die Demonstration ohne Vorwarnung mit Knüppeln, Wasserwerfern und Reizgas gewaltsam aufzulösen. Benno und Christa Ohnesorg standen mit ihrem Bekannten Dietz Bering auf dem südlichen Gehweg und wurden mit der Menge zur Kreuzung Krumme Straße/Bismarckstraße gedrängt.
An der Einmündung der Krumme Straße bildete die Polizei ein enges Spalier mit Wasserwerfern. Polizisten in Zivilkleidung, darunter Karl-Heinz Kurras, verfolgten fliehende Demonstranten, um sie weiter zu verprügeln und vermeintliche Rädelsführer festzunehmen (intern „Fuchsjagd“ genannt). Ohnesorg sah, wie mehrere Zivilbeamte einen Mann in einen Innenhof des Gebäudes Krumme Straße Nr. 66/67 (heute: Schillerstraße 29) zerrten. Um zu beobachten, was dort mit ihm geschah, folgte er ihnen und trennte sich von seiner schwangeren Frau, die sich auf den Heimweg machte. Er trug an diesem Abend ein auffälliges hellrotes Hemd und Sandalen, woran Zeugen ihn später identifizierten.
Greiftrupps ziviler und uniformierter Polizisten schlugen und traten im Hinterhof mehrere Demonstranten. Andere versuchten die Schläger davon abzuhalten, bis weitere Polizisten dazukamen und sie hinaustrieben.
Etwa um 20:30 Uhr traf ein Schuss Ohnesorg aus etwa eineinhalb Metern Entfernung in den Hinterkopf. Mehrere Zeugen sahen und hörten Details des Vorgangs: Ohnesorgs Fluchtversuch, die ihn schlagenden Polizisten, seine gehobenen Hände (als Ergebungs- oder Beschwichtungsgeste gedeutet), einen Ruf „Bitte nicht schießen“ (wahrscheinlich von Ohnesorg selbst, als er die Waffe sah), Mündungsfeuer in Kopfhöhe, Ohnesorgs Sturz danach.[12] Auf einem erst nach 2009 digital aufgehellten Foto stützt sich Kurras mit der linken Hand auf der Schulter eines der drei Polizisten ab, wahrscheinlich um mit der rechten Hand auf Ohnesorg zu zielen, dessen nackte Füße in Sandalen am Boden erkennbar sind. Der Einsatzleiter Helmut Starke steht direkt hinter Kurras und schaut zu; er behauptete später, den Hof erst nach dem Schuss betreten zu haben.[13] Mehrere Zeugen hörten den Dialog des Polizisten Horst Geier mit Kurras: „Bist du denn wahnsinnig, hier zu schießen?“ – „Die ist mir losgegangen.“ Auf einer Tonbandaufnahme des Süddeutschen Rundfunks waren ein Schussgeräusch, gleich darauf einsetzende „Mörder, Mörder!“-Rufe und der Befehl einer männlichen Person: „Kurras, gleich nach hinten! Los! Schnell weg!“ zu hören. Die Aufnahme wurde im Kurrasprozess nicht als Beweismittel zugelassen und verschwand spurlos[14]
Die Überprüfung des damaligen Foto- und Filmmaterials durch die Bundesanwaltschaft (2009–2012) erhärtete den Verdacht, dass Kurras unbedrängt und gezielt auf Ohnesorg geschossen, seine Kollegen das aus nächster Nähe beobachtet und dann vertuscht hatten.[15] Historiker, Investigativjournalisten und Autoren neuer Dokumentationen werten die Tat seitdem als Mord[16]
Die Studentin Erika S. hatte den Knall gehört, aber nicht als Pistolenschuss gedeutet. Sie erreichte, dass die prügelnden Polizisten von dem Schwerverletzten abließen.[17]Friederike Hausmann und eine weitere Frau drehten Ohnesorg auf den Rücken und stützten seinen blutenden Kopf, wie ein berühmt gewordenes Foto zeigt[18]
Anwesende Polizisten weigerten sich zunächst, einen Krankenwagen zu holen. Bis zu dessen Eintreffen hinderten sie einen herbeigeeilten Medizinalassistenten daran, dem Verletzten Erste Hilfe zu leisten, obwohl der Mann sich auswies und seine Arzttasche vorzeigte. Nach seinen Angaben endete der zehnminütige Wortwechsel damit, dass die Polizei ihn als Kommunisten verdächtigte, als er auf seine Arzttätigkeit in Berlin/DDR hinwies.[19]
Gegen 20:50 Uhr traf der Krankenwagen ein. Die Fahrt ins Krankenhaus dauerte geschätzte 45 Minuten, da das zunächst angefahrene Albrecht-Achilles-Krankenhaus und die Westendklinik angaben, keine Betten für Verletzte mehr frei zu haben. Die Begleiter, ein Sanitäter und eine selbst verletzte Krankenschwester, versuchten während der Fahrt, Ohnesorgs Leben zu retten. Nach Aussage der Krankenschwester starb er in ihrem Beisein auf dem Transport. Gegen 21:35 Uhr erreichte der Wagen das Krankenhaus Moabit. Ein Arzt untersuchte Ohnesorg kurz und fragte die Sanitäter, weshalb sie einen Toten gebracht hätten. Laut Krankenhausakte trat Ohnesorgs Tod jedoch erst um 22:55 Uhr ein; als Todesursache wurde „Schädelbasisbruch“ angegeben.[20]
Nach damaligen Zeugenaussagen beteiligter Mediziner und Polizisten, die ab 2009 bekannt wurden, wurde Ohnesorg zunächst in einen Abstellraum der Klinik geschoben. Polizeikommissar Erich T. aus Kurras’ Abteilung besichtigte den Leichnam, sah das Einschussloch und erhielt dazu die Auskunft eines Arztes: „Das war wohl tödlich.“ Mehrere Polizeibeamte in Zivil waren anwesend und sprachen mit beteiligten Ärzten. Später wurde am leblosen Körper Ohnesorgs eine Wiederbelebung versucht. Sein Kopf wurde rasiert und geröntgt, so dass das Projektil darin hätte entdeckt werden können. Der beteiligte junge persische Assistenzarzt Homayoun T. war der Sohn des damaligen Wirtschaftsministers des Schahs, seine Familie war mit dem Schah befreundet. Er trug auf Anweisung seiner Vorgesetzten den falschen Todeszeitpunkt 22:55 Uhr in Ohnesorgs Totenschein ein. Dies sollte die Operation am Schädel des Toten wahrscheinlich als Rettungsversuch tarnen.[21] Dazu dokumentierte T. auch eine falsche Todesursache: „Schädelverletzung durch stumpfe Gewalteinwirkung“.[15][22] Kurras durfte den Leichnam Ohnesorgs noch in der Nacht zum 3. Juni besichtigen. Ein weiterer Polizist behauptete dabei, der Tote sei „zu seinen Lebzeiten“ einer der „größten Krakeeler“ am Vorabend gewesen.[23]
Der Berliner Innensenator Wolfgang Büsch ordnete an, die zunächst für den 5. Juni 1967 angesetzte Obduktion schon am Vormittag des 3. Juni durchzuführen. Der obduzierende Arzt fand Prellungen und Hämatome am ganzen Leichnam Ohnesorgs.[24] Als Todesursache stellte er einen „Gehirnsteckschuss“ fest. Ein sechs mal vier Zentimeter großes Knochenstück der Schädeldecke mit dem Einschussloch war herausgesägt und die Kopfhaut darüber zugenäht worden. Der anwesende Rechtsanwalt Horst Mahler, damals Mitglied im SDS, heute Neonazi, deutete diesen Befund als Versuche, die Todesursache zu vertuschen. Uwe Soukup fasste die offenen Fragen 2007 dazu zusammen:[25]
„Warum wurde an einem Toten herumoperiert? Welchen medizinischen Sinn soll es haben, den Teil des Schädelknochens herauszusägen, in dem sich die Einschussstelle befindet? […] Wurde der Todeszeitpunkt auf 22:55 festgelegt, um die merkwürdige Behandlung des bereits Verstorbenen zu legitimieren, indem man sie als Rettungsversuch ausgibt? […] Obwohl die Einschussstelle freigelegt und daran herumoperiert worden war, will tatsächlich niemand die Schussverletzung bemerkt haben?“
Eine sofort angeordnete polizeiliche Suche nach dem Knochenstück blieb ergebnislos. Beteiligte Ärzte und Schwestern verwahrten sich gegen Manipulationsvorwürfe. Im späteren Freispruch für Kurras wurde bestätigt, Ohnesorg sei sehr wahrscheinlich noch nach dem Schuss verprügelt worden. Der behandelnde Arzt habe Einschuss, Schusskanal und Projektil im Gehirn nicht erkannt.[26]
Am 08.Juni 1967 fand zunächst eine Trauerfeier im Henry-Ford-Bau der FU Berlin für Ohnesorg statt. Danach wurde der Leichnam nach Hannover überführt.
Am 09. Juni 1967 fand ein Schweigemarsch von etwa 7000 Studenten durch die Innenstadt Hannovers statt.
Ohnesorg wurde auf dem Stadtteilfriedhof Bothfeld beerdigt. Als „bedeutendes Grab“ wird es seit 2019 von der Stadt Hannover gepflegt.
Grabstein der Eheleute Benno und Christa Ohnesorg; aufgenommen 2017
An fast allen Hochschulen demonstrierten zwischen dem 03. Und 09. Juni 1967 Studenten gegen Polizeigewalt, insgesamt über 100 000
Im November 1967 gebar Christa Ohnesorg den gemeinsamen Sohn Lukas, dessen Patenschaft Helmut Gollwitzer übernahm. Nach ihrem Tod im Jahr 2000 wurde sie neben ihrem Mann beerdigt.
Ohnesorgs Erschießung löste wochenlange Massendemonstrationen in ganz Westdeutschland aus und führte in den Folgemonaten zu den Rücktritten des Polizeipräsidenten, des Innensenators und des Regierenden Bürgermeisters von Westberlin, Heinrich Albertz. Dieser hatte zunächst den Studenten die Alleinschuld an Ohnesorgs Tod gegeben und musste wegen der ermittelten Tatsachen davon abrücken. Der Prozess gegen Kurras endete mit dessen Freispruch, wobei entscheidende Beweisstücke und Zeugenaussagen unberücksichtigt blieben. Obwohl das Revisionsverfahren die falschen Angaben von Kurras erwies, blieb er straffrei. Nachermittlungen seit 2009 erwiesen Vertuschungsversuche der Todesursache, Absprachen zwischen Polizei und Verteidigern von Kurras sowie Falschaussagen seiner Kollegen und Vorgesetzten im damaligen Prozess gegen ihn. Diese Vergehen sind bis heute nicht aufgearbeitet.[35]
Bei der städtischen Gedenkfeier am 2. Juni 2017 vor dem Schöneberger Rathaus entschuldigte sich der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt für den damaligen Polizeieinsatz und die unzureichende juristische Aufarbeitung.[51]Die Zeitzeugen Wolfgang Wieland und Gretchen Dutschke-Klotz forderten einen Benno-Ohnesorg-Platz, eine Entschädigung für Lukas Ohnesorg und eine Erklärung zur Schuld von Kurras.[52]
Entnommen Wikipedia, bearbeitet und gekürzt von Petra Reichel