Karl-Heinz Kurras erlangte traurige Berühmtheit, weil er während einer Demonstration in Westberlin am 02. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss
Im Mai 2009 wurde die IM-Tätigkeit von Karl-Heinz Kurras bekannt.
Karl-Heinz Kurras, Pseudonym „Otto Bohl“ wurde am 01. Dezember 1927 in Barten/Ostpreußen als Sohn eines Polizeibeamten geboren. Am 16. Dezember 2014 ist er in Berlin gestorben
Kurras besuchte die Oberschule und meldete sich 1944-wie die meisten seines Jahrgangs nach dem Notabitur- als Freiwilliger zum Kriegsdienst. Er wurde verwundet und war bei Kriegsende als Soldat in Berlin. Dort begann er eine Verwaltungslehre.
Im Dezember 1946 nahm die sowjetische Geheimpolizei MWD (Daraus ging später der sowjetische Geheimdienst KGB hervor.) Kurras wegen illegalen Waffenbesitzes fest. Dabei wurden seine Personalien und Parteimitgliedschaft festgestellt, überprüft und in sowjetischen Militärakten festgehalten. Am 09. Januar 1947 verurteilte ein sowjetisches Militärtribunal in Berlin Kurras nach Artikel 58, Absatz 14 des Strafgesetzbuches der RSFSR (Russische Föderation). Das war „Konterrevolutionäre Sabotage“, hier „Nichterfüllung der Verpflichtung“, nämlich des Waffenverbots. Daraus wurde die „Absicht, die Macht der Regierung und das Funktionieren des Staatsapparates zu erschüttern“. (Was damals in den illegalen Waffenbesitz interpretiert wurde..?? P.R.) Er wurde zu zehn Jahren Straflager verurteilt. Er war im Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen inhaftiert. Nach seinem späteren Lebenslauf für das MfS verwendete der Lagerkommandant ihn bis zu seiner Entlassung als „Helfer für persönliche Dienste“. Bei der Auflösung der Speziallager im Februar 1950 gehörte er zu den freigelassenen Verurteilten
Der Historiker Sven Felix Kellerhoff vermutete am 26. Mai 2009 aufgrund sowjetischer Akten, Kurras könne in seiner Haftzeit von 1946 bis 1949 als Spitzel gegen Mitgefangene eingesetzt worden sein. Dies könne auch seine vorzeitige Entlassung und spätere Mitarbeit beim MfS erklären. Gewissheit darüber könnten nur weitere Aktenfunde geben.
Im März 1950 trat Kurras in den Dienst der Westberliner Polizei und war als Polizeimeister im Bezirk Charlottenburg tätig. Er wurde im September 1966 Kriminalobermeister und zuvor mit einer Ausbildung bei der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes (BKA) in Bonn ausgezeichnet
Am 19. April 1955 meldete sich Kurras im Gebäude des Zentralkomitees der SED in Berlin/DDR und teilte einem MfS-Vertreter seinen Wunsch mit, in der DDR zu leben und bei der Volkspolizei zu arbeiten- Er habe erkannt, dass er als „Angehöriger der Stumm-Polizei keiner guten Sache diene“, und sich entschlossen, seine „Arbeitskraft dem Friedenslager zur Verfügung zu stellen“. Sein Gesprächspartner überzeugte ihn in „einer gründlichen Aussprache“ davon, bei der Westberliner Polizei zu bleiben und dort als „Inoffizieller Mitarbeiter“ für das MfS zu wirken. Am 26. April 1955 unterschrieb Kurras seine Verpflichtungserklärung
(Hier lasse ich die Ausführungen von Wikipedia weg, da ich Original-Dokumente ausgewertet habe. P.R.)
Am 15. Dezember 1962 beantragte er seine Aufnahme in die SED mit der Begründung, dass diese „mit ihrer Zielsetzung den wahren demokratischen Willen verkörpert, ein demokratisches Deutschland zu schaffen“. Bürgen waren seine Kurierin Charlotte Müller und sein späterer Führungsoffizier. Am 16. Januar 1964 nahm ihn die SED nach erfolgreicher Kandidatenzeit auf. Zur Tarnung trat er fast zeitgleich in die Westberliner SPD ein. Der SED-Parteiausweis von Kurras ist seit Januar 2020 in der Ausstellung des Deutschen Spionagemuseums in Berlin zu sehen.
Karl-Heinz Kurras war ein Waffennarr und ein fanatischer Anhänger des Schießsports. Er nutzte sein Zusatzgehalt zur Finanzierung seines Hobbys. (Na ja, viel kann das ja nicht gewesen sein. Es kann sich allenfalls um die Erstattung von Reisekosten u.a. Spesen handeln. Wenn er das für sein Hobby verwendet hatte, war es seine Entscheidung. P.R.)
Am 2. Juni 1967 war Kurras bei einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs Mohammad Reza Pahlavi an der Deutschen Oper als ziviler „Greifer“ eingesetzt. Die monatelang vorbereitete Polizeimaßnahme sah vor, die Demonstranten auf engem Raum einzukesseln, dann von der Mitte her mit Schlagstöcken und berittener Polizei auseinanderzutreiben und an den Außenrändern mit Wasserwerfern zu empfangen. Als „Rädelsführer“ betrachtete Einzelpersonen sollten bei einer weiteren Aktionsphase, genannt „Füchse jagen“, verhaftet werden. Um diese ausfindig zu machen, wurden Polizisten in Zivilkleidung unter die Demonstranten gemischt; zu ihnen gehörte Kurras. Er trug als Dienstwaffe eine Pistole vom Typ Walther PPK, Kaliber 7,65 mm.
(Trotz angeblicher politischer Ambitionen und Mitgliedschaft in der SED befasste sich Kurras nicht mit Weltpolitik und informierte sich nicht über den Schah und warum es zu Protesten bei dessen Staatsbesuch gab. So mischte er bei der Schlägerei gegen die Demonstranten mit, was dann in der Erschießung von Benno Ohnesorg gipfelte. P.R.)
Entgegen der Weisung des Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz begann die polizeiliche Auflösung der angemeldeten Versammlung erst während der Opernvorstellung und ohne den vorgeschriebenen Räumungsbefehl. Die Polizei verprügelte zuerst Einzelne, dann ganze Gruppen, auch am Boden Sitzende, mit Schlagstöcken und verfolgte Fliehende dann bis in Nebenstraßen und Hauseingänge hinein. Kurras und etwa zehn uniformierte Polizeibeamte stellten einige geflohene Demonstranten im Innenhof des Hauses Krumme Straße 66/67
Ihnen folgte Benno Ohnesorg, um zu beobachten, was den Geflohenen geschehen würde. Als die Polizei einige der Anwesenden verprügelte und die übrigen hinaustrieb, wollte auch er den Innenhof verlassen. Dabei wurde er von drei Beamten im Polizeigriff festgehalten und verprügelt. In dieser Situation schoss Kurras um 20:30 Uhr Ohnesorg aus kurzer Distanz in den Hinterkopf. Mehrere wenige Meter entfernte Augenzeugen sahen das Mündungsfeuer in etwa 150 cm Höhe, hörten das Schussgeräusch und sahen Ohnesorg zu Boden fallen.
Ohnesorg starb, nachdem Polizisten einem Mediziner das Leisten von Erster Hilfe für ihn verweigert hatten, wahrscheinlich beim Transport in ein Westberliner Krankenhaus. Als Todesursache im Totenschein gab ein Arzt auf Weisung des Chefarztes eine „Schädelverletzung durch Gewalteinwirkung mit einem stumpfen Gegenstand“ an. Bei der Obduktion Ohnesorgs am folgenden Vormittag stellte der zuständige Arzt fest, dass man die tödliche Kugel im Gehirn belassen, jedoch das Schädelstück mit dem Einschussloch herausgesägt und die Haut darüber zugenäht hatte. Eine sofort eingeleitete Suche nach dem Schädelstück blieb ergebnislos.[23
Siehe auch den Beitrag über Benno Ohnesorg.
Kurras durfte entgegen der damaligen Strafprozessordnung noch in der Nacht Ohnesorgs Leiche besichtigen. Im Blick auf die Hämatome des Getöteten erklärte er, dieser müsse angesichts der erhaltenen Prügel „ein ganz Schlimmer“ gewesen sein.[24]
Nun folgen lange Ausführungen zu den juristischen Folgen, wobei aber nichts rumkam. Karl-Heinz Kurras wurde freigesprochen. Wer an den Details interessiert ist, kann das auf Wikipedia nachlesen.
Kurras war im Jahre 1967 für seinen ersten Prozess vom Polizeidienst suspendiert worden und arbeitete als Wachmann und Kaufhausdetektiv. Nach Aussagen seiner Frau begann er damals mit überhöhtem Alkoholkonsum. Er wurde wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu 400 D-Mark Geldstrafe verurteilt
Ab 1971übernahm die Westberliner Polizei Kurras in den Innendienst. Er war in der Funkleitzentrale tätig. Im Juli 1971 erhielt er ohne Wissen des Polizeipräsidenten seine Dienstwaffe zurück. Er hatte sie nach eigenen Angaben zurückgefordert, weil der Racheakte der RAF befürchtete. Die Polizei fand seine Dienstwaffe im August 1971 in seiner Aktentasche, während er betrunken auf einer Parkbank schlief. Zuvor soll Kurras ein neunjähriges Mädchen sexuell belästigt haben, doch dessen Eltern zogen die Anzeige zurück.
Im Mai 1977 griff Kurras einen Fotografen, der ihn vor seinem Haus fotografiert hatte, körperlich an, rief Polizeikräfte zu Hilfe und zeigte ihn an. Er zwang wenig später eine tschechische Hauswartsfrau mit vorgehaltener Waffe zur Unterschrift unter eine selbstverfasste, für ihn günstige Zeugenaussage zu dem Vorfall. Diese widerrief die erzwungene Aussage im Prozess gegen den Fotografen. Daraufhin wurde der Polizeibeamte, der dessen Film vor Ort beschlagnahmt hatte, des Meineids überführt und gestand diesen. Der Fotograf wurde freigesprochen, aber auch Kurras blieb straffrei. Die Tschechin beschrieb im ZDF Ende Mai 2009 auch ein früheres Gespräch mit Kurras, in dem dieser den Todesschuss auf Ohnesorg als gezielte Hinrichtung beschrieben und mit „ein Lump weniger“ kommentiert haben soll.[37]
Kurras wurde zum Kriminaloberkommissar befördert und bezog ab 1987 eine Beamtenpension.[38] Er lebte bis zu seinem Tode mit seiner Frau in einer Eigentumswohnung in Berlin-Spandau.
Die Staatsmacht Westberlins und der BRD hatte kein Interesse daran den Todesfall Benno Ohnesorg ernsthaft zu verfolgen
Daraufhin radikalisierten sich Teile der damaligen Studentenbewegung. So entstand in Westberlin die „Bewegung 2. Juni“, benannt nach dem Tötungsdatum von Benno Ohnesorg. Das war eine linksradikale Terrorgruppe. Das Gleiche wie die RAF. Am 02. Juni 1980 löste sich die „Bewegung 2. Juni“ auf. Einige ihrer Mitglieder schlossen sich der RAF an.
Reaktionen in der DDR
Die DDR-Presse stellte Kurras’ tödlichen Schuss vom 2. Juni 1967 auf Weisung der SED als beabsichtigten Teil einer von der Bundesregierung gedeckten und lange geplanten „Notstandsübung“ der gesamten Westberliner Polizei dar.
Gemäß den im Jahr 2009 gefundenen MfS-Akten reagierte das MfS überrascht auf den tödlichen Schuss seines Mitarbeiters und ordnete wenige Tage darauf als Funkspruch an:
„Material sofort vernichten. Vorerst Arbeit einstellen. Betrachten Ereignis als sehr bedauerlichen Unglücksfall.“[43
Kurras antwortete: „Zum Teil verstanden, alles vernichtet“ und forderte Geld für seine juristische Verteidigung. Das MfS rätselte über die Motive seiner Tat, da ihm anderslautende Zeugenaussagen vom Tatablauf vorlagen:
„Es ist zur Zeit noch schwer zu verstehen, wie dieser GM eine solche Handlung, auch wenn im Affekt oder durch Fahrlässigkeit hervorgerufen, begehen konnte, da sie doch ein Verbrechen darstellt.“[21]
Daraufhin prüfte das MfS am 8. und 9. Juni 1967, ob Kurras „im Auftrage einer feindlichen Dienststelle als Agent Provocateur die Verbindung zum MfS aufnahm“, also ein Doppelagent war. Indizien dafür fand man nicht. In einem internen Vermerk vom 8. Juni 1967 heißt es, man habe seine „charakterliche Schwäche“ für Schusswaffen gekannt, aber unterschätzt. Am 9. Juni 1967 nannten MfS-Mitarbeiter Kurras „Mörder“ und „Verbrecher“.[20] Am selben Tag wurde entschieden:
„Die Verbindung zum GM wird vorläufig abgebrochen.“[44]
Nach dem 2. Juni 1967 ist nur noch ein Treffen von Kurras mit seinem früheren Führungsoffizier (Eiserbeck) belegt: Am 24. März 1976 bot er Eiserbeck erneut an, Westberliner Interna weiterzugeben. Dieser befürwortete dies vorbehaltlich einer Zustimmung der vorgesetzten Stellen des MfS; diese ist in den aufgefundenen Akten nicht dokumentiert.
Es erfolgte keine Kassierung der Mitgliedsbeiträge mehr für die SED von Karl-Heinz Kurras. So war man ihn durch Streichung der Mitgliedschaft still und heimlich losgeworden.
Kurras bekam seitens des MfS keine weiteren Aufträge mehr.
Es gab keine offizielle Trennung und auch keinen Abschlussbericht. Man ließ das Ganze einfach „einschlafen“.
Dieser Fall war dem MfS unangenehm. Dieses wollte Kurras still und heimlich loswerden.
Eine 1987 angelegte, 1989 abgeschlossene sechsseitige Akte des MfS mit dem Titel „Vorstoß“ enthält Klarnamen, Geburtsdatum und Registriernummer von Kurras. Danach hatte Gerhard Neiber, der Stellvertreter von Erich Mielke, am 11. Dezember 1987 „aus operativen Gründen/Interesse“ einen „Sicherungsvorgang“ angeordnet. Im Februar 1989 übergab Neiber diesen Vorgang dem früheren Führungsoffizier Werner Eiserbeck. Dieser versuchte am 29. November 1989, die Akte mit dem Vermerk „Wegfall der operativen Gründe“ vernichten zu lassen. Welcher Art diese waren, ist unklar.
Den Entdeckern der Dokumente zufolge fehlt in den Dokumenten jeder Hinweis auf einen Tötungs- oder Eskalationsauftrag des MfS an Kurras, etwa um Westberlin zu destabilisieren. Dies ist auch aus dem Grunde unwahrscheinlich, da das MfS selbst überrascht war und einen wertvollen Mitarbeiter verlor.
Entnommen Wikipedia, bearbeitet und gekürzt von Petra Reichel