Alexi Grigorjewitsch Stachanow

Alexi Grigorjewitsch Stachanow wurde am 21. Dezember 1905(julianischer Kalender/3. Januar 1906(gregorianischer Kalender) in Lugowaja bei Orjol geboren; am 5. November 1977 ist er in Tores bei Donezk gestorben.

Alexei Stachanow (rechts) spricht zu einem anderen Bergmann
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Alexi Grigorjewitsch Stachanow war ein sowjetischer Bergmann.

Er förderte am 31. August 1935 als Hauer in einem Steinkohlenbergwerk im Donezbecken 102 Tonnen Kohle in einer Schicht. Das war das 13-fache der damals gültigen Arbeitsnorm.

In Folge gab es die Stachanow-Bewegung zur Steigerung der Arbeitsproduktivität in der Sowjetunion.

50 Jahre Stachanow-Bewegung (sowjetische Briefmarke, 1985)
Bildquelle: Von В.Воронин – http://trini.ru/publ/65-1-0-388, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4962717

Nach dem Vorbild Stachanows war 1948 in der Sowjetischen Besatzungszone in Deutschland Adolf Hennecke der Vorzeigearbeiter, in dessen Folge die Aktivistenbewegung initiiert wurde.

Der sowjetische Orden „Held der Sozialistischen Arbeit“
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Stachanow besuchte die Schule im Winter insgesamt drei Jahre. Mit 20 Jahren kam er ins Donezbecken und begann in der Zeche Zentralnaja Irmino 1927 als Hilfsarbeiter, wurde dann Hauer und stieg mit der mit Auszeichnung bestandenen Prüfung des sogenannten „staatlichen technischen Minimums“ sowie einer über die Handhabung eines modernen Abbauhammers in die Liga der „Stoßarbeiter“ (Udarniki) auf. Damit lagen seine täglichen Abbaunormen bereits bei zehn bis zwölf Tonnen statt bei den üblichen sieben Tonnen.

Für seine Rekordleistung erhielt er eine Prämie in Höhe eines Monatslohns, ein neues Haus mit Telefon und feinen Möbeln, einen Kuraufenthalt und mit seiner Frau einen Ehrenplatz im Klubhaus.[1]

Nach seinem Rekord wurde er Abteilungsleiter für Sozialistischen Wettbewerb im Ministerium für Kohleindustrie.

Allerdings hatte er seinen Erfolg nicht verkraftet und die Alkoholkrankheit suchte ihn heim. Diese verschlimmerte sich und daraus ergaben sich Zwischenfälle. Diese führten schließlich zu einem Ultimatum, Moskau binnen 24 Stunden zu verlassen. Er arbeitete danach als Gehilfe eines Zecheningenieurs.

Der Allunions-Konferenz zum vierzigsten Jahrestag der Stachanow-Bewegung musste er, aufgrund seiner Krankheit, fernbleiben.

Stachanow starb vereinsamt und depressiv als Alkoholkranker.[2]

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

Siehe auch: „Der Aufbau des Sozialismus in der UdSSR“

„Aus meinem Leben“

Unter dem Titel „Aus meinem Leben“ erschien 1980 die Autobiografie von Erich Honecker.

Den Anstoß für das Projekt gab der britische Printmedien-Unternehmer Robert Maxwell, der für seine Publikationsreihe „Leaders oft he World“ bereits autobiografisch angelegte Porträts von Leonid Breschnew und Maraij Desai (Premierminister von Indien von 1977 bis 1979), Jimmy Carter, Helmut Schmidt und weiteren Autoren ankündigte. Breschnew machte den ansonsten in der DDR kaum akzeptablen westlichen Verlag für die Verantwortlichen in der SED salonfähig.

Mit der Ausarbeitung der einzelnen Buchkapitel war das Institut für Marxismus-Leninismus beauftragt, wobei die jeweils fertigen Teile Honecker vorzulegen waren, der nur die Kapitel zur eigenen Jugendgeschichte bis zum Kriegsende selbst verfasste. (Nun ja, es werden viele Werke von Politikerinnen und Politkern von Ghostwritern verfasst. Das kann man sich ja denken, da diese Leute wenig Zeit haben, insbesondere wenn sie noch im Amt sind, wie damals Erich Honecker. P.R.)

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

Kurzbiografie – Erich Honecker

Entnommen aus dem Staatsbürgerkundebuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1987

Erich Honecker wurde am 25. August 1912 in Neunkirchen (Saarland) geboren. Er entstammte einer klassenbewussten Arbeiterfamilie. Bald fand er den Weg zur kommunistischen Kinder- und Jugendbewegung. 1929, mit gerade 17 Jahren, wurde Erich Honecker Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Die Partei übertrug ihm wichtige Aufgaben im Kommunistischen Jugendverband. Nach dem Machtantritt des Faschismus (1933) leistete Eich Honecker illegale Arbeit im antifaschistischen Kampf. Er half, in Deutschland Widerstandsgruppen gegen den Faschismus zu organisieren, und hielt Verbindung zwischen ihnen. Im Dezember 1935, also mit 23 Jahren, wurde Erich Honecker von der faschistischen Geheimpolizei (Gestapo) verhaftet und eingekerkert.

Aus dem Zuchthaus Brandenburg wurde er 1945 von der Sowjetarmee befreit. In den Jahren der Haft war Erich Honecker standhaft geblieben und hatte allen Quälereien und Grausamkeiten der Faschisten getrotzt. Sofort ging er nach der Befreiung an die Arbeit. Die KPD übertrug ihm erneut Funktionen in der Jugendarbeit. 1946 gehörte Erich Honecker zu den Mitbegründern der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Er war ihr erster Vorsitzender. Diese Funktion bekleidete er bis 1955. Seit dieser Zeit war Erich Honecker im Kollektiv der Parteiführung der SED tätig. Mitglied des Parteivorstandes bzw. des Zentralkomitees war Erich Honecker seit dem I. Parteitag der SED (1946). 1971 wurde Erich Honecker an die Spitze der SED gewählt. Er war auch Vorsitzender des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates der DDR. Mit seinem Namen und seinem Wirken war eng die Politik zur weiteren Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft in den 1970ern und 1980ern Jahren verbunden. 


Soweit der Stand zur Person Erich Honecker im Jahre 1987.

Das Schulbuch empfahl das Buch „Aus meinem Leben“, die Autobiografie von Erich Honecker. Bei einem großen Online-Versandhändler kann man das Buch heutzutage erwerben. In Antiquariaten wird man wohl auch fündig werden.

Fortführung der Kurzbiografie – Erich Honecker von Petra Reichel

1981 empfing Erich Honecker den damaligen Bundeskanzler der BRD, Helmut Schmidt, im Jagdschloss Hubertusstock am Werbellinsee.     (Siehe auch „Warum lud Erich Honecker Helmut Schmidt ein?“)                                                                                                                    1987 besuchte Erich Honecker die BRD und wurde vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl empfangen.

Auf dem letzten Gipfeltreffen der Warschauer-Vertrags-Staaten im Rahmen des „Politisch beratenden Ausschusses des RGW“ wurde durch die Sowjetunion der Grundstein zum Auseinanderbrechen der sozialistischen Staatengemeinschaft gelegt. Erich Honecker konnte keine Maßnahmen mehr ergreifen, um noch etwas zu retten. Er erkrankte schwer und musste seine Teilnahme am Treffen abbrechen. Aufgrund seiner Krankheit war Erich Honecker bis September 1989 nicht im Amt. Das konterrevolutionäre Treiben griff immer mehr um sich. Das Verhältnis zwischen Gorbatschow und Honecker war gespannt, da Honecker Gorbatschow durchschaut hatte. Von Juli bis 1. Oktober 1989 nahm Erich Honecker aus Krankheitsgründen nicht mehr an den Politbürositzungen teil. Die nächste fand am 17. Oktober 1989 statt. Auf der hatte Willi Stoph die Abberufung Erich Honeckers beantragt, die mehrheitlich von den Sitzungsteilnehmern bestätigt wurde. Honecker selbst war von dieser Entscheidung überrascht. So, wie es sich darstellt, war es ein Komplott seiner jahrelangen Gefolgsleute. Da die Konterrevolution weiterhin marschierte, erklärte er schon am 18. Oktober auf dem 9. Plenum des ZK der SED seinen Rücktritt als Generalsekretär, als Vorsitzender des Staatsrates der DDR und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates. Als seinen Nachfolger schlug er Egon Krenz vor.

Nach der konterrevolutionären Großdemonstration am 4. November 1989 und dem Fall des Antifaschistischen Schutzwalls am 9. November 1989 begann die Treibjagd auf Erich Honecker.

In der Restzeit der DDR wurde gegen Erich Honecker staatsanwaltlich ermittelt.

Am 23. November 1989 leitete die Zentrale Parteikontrollkommission der SED ein Parteiverfahren gegen ihn ein. Auf dem letzten Plenum des ZK der SED wurde Erich Honecker aus der SED, die er seit 1971 geleitet hatte, hinausgeworfen. Am 28. Januar 1990 erschienen an Honeckers Krankenbett zwei DDR-Staatsanwälte und erklärten ihn im Krankenzimmer für vorläufig festgenommen und wurde ins Gefängnis Rummelsburg verfrachtet. Nach einem Tag Gefängnis musste Erich Honecker wegen Haftunfähigkeit entlassen werden. Nun war er und seine Frau Margot obdachlos.

Pfarrer Uwe Holmer aus Lobetal bei Berlin nahm das Ehepaar Honecker bei sich auf.

Am 24. März 1990 sollte das Kirchenasyl beim Pfarrerehepaar in Lobetal beendet sein und die das Ehepaar Honecker sollte im benachbarten Ferienheim in Lindow untergebracht werden. Diesen Aufenthalt brachen die Honeckers, wegen politischer Proteste, nach einem Tag ab und zog wieder zurück zu Pfarrer Homer nach Lobetal und war nun bis zum 3. April 1990 dort untergebracht. Dann siedelte das Ehepaar Honecker in das sowjetische Militärhospital nach Beelitz über.

Am 30. November erließ das Amtsgericht Tiergarten einen Haftbefehl gegen Erich Honecker, da aber nicht vollstreckt werden konnte, da er unter Schutz der Noch-Sowjetunion stand.

Am 13. März 1991 wurde das Ehepaar Honecker nach Moskau ausgeflogen.

Da in der Sowjetunion die Konterrevolution ebenfalls marschierte, wurde Erich Honecker am 29. Juli 1992 nach Deutschland (Berlin) ausgeflogen, verhaftet und in die Justizvollzugsanstalt Moabit verbracht. Margot Honecker konnte direkt ins Exil nach Chile reisen, wo sie bei ihrer Tochter Sonja unterkam. Nach zähen juristischen Auseinandersetzungen kam Erich Honecker frei und flog am 13. Januar 1993 zu seiner Familie nach Chile.

Am 29. Mai 1994 starb er dort.

Ausführliches siehe den Beitrag über Erich Honecker in DIE TROMMLER-ARCHIV

und im Beitrag des befreundeten Blogs „Sascha’s Welt“.

und Wikipedia.

Otto Buchwitz

Otto Buchwitz wurde am 27. April 1879 in Breslau geboren und ist am 09. Juli 1964 in Dresden gestorben.

Nach dem Besuch der Volksschule von 1885 bis 1893 absolvierte Otto Buchwitz bis 1896 eine Lehre zum Metalldrücker und Eisendreher. Er trat 1896 der Metallarbeitergewerkschaft bei und wurde 1898 Mitglied der SPD. Bis 1907 arbeitete Buchwitz in seinem erlernten Beruf, allerdings auch als Weber. Ab 1908 war er als Sekretär des Deutschen Textilarbeiterverbands für das Chemnitzer Landgebiet tätig. 1914 zum Kriegsdienst eingezogen, wurde er bei Kriegsende in Ostpreußen eingesetzt. Danach wurde er 1919 stellvertretender Landrat für den Kreis Görlitz. Außerdem wurde Buchwitz 1920 zum Politischen Sekretär des SPD-Bezirksverbandes Niederschlesien gewählt. Seit Beginn der Weimarer Republik war er Mitglied des Schlesischen Provinziallandtags. Außerdem war er für die SPD von 1921 bis 1924 als Abgeordneter im preußischen Landtag und von 1924 bis 1933 Vertreter des Wahlkreises Liegnitz im Reichstag.

Otto Buchwitz (1947)
Bildquelle: Von Deutsche Fotothek‎, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6551301

Nach der Machtübernahme durch die Faschisten stimmte Buchwitz mit den anderen SPD-Reichstagsabgeordneten gegen das Ermächtigungsgesetz und ging danach ins Exil nach Dänemark. Von dort aus organisierte er die Flucht deutscher Hitlergegner nach Schweden und schrieb für die antifaschistische Wochenzeitung „Freies Deutschland“, die in Brüssel erschien. Nur wenige Tage nach der deutschen Besetzung Dänemarks im April 1940 wurde er verhaftet und im Juli der Gestapo übergeben. Im Juli 1941 wurde er zu acht Jahren Zuchthausverurteilt.

Tafel für Otto Buchwitz in Königshain
Bildquelle: Von Gliwi – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=139194632

Bis zum Ende des Krieges war er im Zuchthaus Brandenburg inhaftiert. Dort nahm die illegale kommunistische Leitung Kontakt mit ihm auf. Gemeinsam wurde das Vorgehen bis zum Ende der Naziherrschaft und danach erörtert. Am 27. April 1945 flohen der Zuchthausdirektor Thümmler und die meisten Wachleute vor der herannahenden Roten Armee. Die politischen Häftlinge entwaffneten die verbliebenen Wachtmeister und übernahmen die Führung des Zuchthauses. Eine militärische Formation besetzte das Tor. Gegen 14 Uhr erreichte der erste sowjetische Panzer das Zuchthaus. Am 28. April zogen etwa 100 ehemalige politische Häftlinge über Bagow und Nauen nach Berlin. Otto Buchwitz war so geschwächt, dass er im Handwagen befördert werden musste.

Nach 1945 arbeitete Otto Buchwitz aktiv an der Vereinigung von SPD und KPD zur SED mit, obwohl er vor dem Krieg nicht unbedingt ein Freund der KPD war. Sein ärgster Widersacher in Sachsen war Stanislaw Trabalski, den er „Krawalski“ nannte. Anschließend übernahm er von April 1946 bis Dezember 1948 zusammen mit Wilhelm Koenen den Landesvorsitz der sächsischen SED. Von April 1946 bis Juli 1964 gehörte er als Mitglied dem Parteivorstand bzw. dem ZK der SED an. Am 29. November 1948 wurde er neben Hermann Matern zum Vorsitzenden der Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK) der SED gewählt.[1] Diese Funktion übte er bis zum III. Parteitag im Juli 1950 aus. Anschließend war er bis zu seinem Tod einfaches Mitglied der ZPKK. Buchwitz gehörte dem sächsischen Landtag von 1946 bis zur Auflösung 1952 an. Während dieser Zeit war er auch Landtagspräsident und erhielt einen Sitz in der Volkskammer der DDR, die ab 1950 zusammentrat. Buchwitz war seit 1950 Alterspräsident der Volkskammer. Er versuchte vergeblich bei den konterrevolutionären Ereignissen, am 17. Juni 1953, zu beschwichtigen.

1953 schied er aus gesundheitlichen Gründen aus der hauptamtlichen Tätigkeit. Im Jahr 1957 wurde Buchwitz zum Ehrensenator der Technischen Hochschule Dresden ernannt, am 27. April 1963 wurde er Ehrenbürger von Dresden.[2] Er starb am 9. Juli 1964 in Dresden, sein Grab befindet sich auf dem dortigen Heidefriedhof.

 

Zentralbild Löwe 6.3.1958 Höhepunkt der Jugendstunden Otto Buchwitz erzählt aus seinem Leben Höhepunkt der Jugendstunden im Erzgebirgskreis Dippoldiswalde war am 5.3.1958 ein Besuch des Arbeiterveteranen Otto Buchwitz in den kleinen Ort Glashütte, wo er vor 150 Kindern aus seinem bewegten Leben erzählte. (siehe auch ADN-Meldung 210 vom 6.3.1958) UBz: Otto Buchwitz im Kreise von Teilnehmern der Jugendstunde.
Bildquelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-53646-0001 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5354681
Grab von Otto Buchwitz auf dem Heidefriedhof in Dresden
Bildquelle: Von Paulae – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6235247

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

Die Bildung des russischen Imperiums. Peter der Große

Peter I. 1672 bis 1725 (Bild entnommen aus „Das Sowjetland“, Band 1, aus dem Jahre 1947)

1. Beginn der Regierung Peters des Großen

Zu jener Zeit, als sich in Russland der Druck der Leibeigenschaft verstärkte, ging Westeuropa allmählich zur Verwendung von Lohnarbeitern über. Im 17. Jahrhundert fand in vielen europäischen Ländern und besonders in England eine stürmische Entwicklung des Handels und der Industrie statt. Es traten Großunternehmen auf, in denen die Handarbeit einer großen Zahl von Lohnarbeitern verwendet wurde. Es waren dies kapitalistische Manufakturen („Manufaktur“ bezeichnet ein Unternehmen, das auf Handarbeit beruht). Allmählich bildete sich aus den Lohnarbeitern eine neue Klasse: das Proletariat. Die Eigentümer der Unternehmen, die die Lohnarbeitskraft ausbeuteten, bildeten eine andere Klasse: die Klasse der Kapitalisten oder der Bourgeoisie

Die Bourgeoisie brauchte Märkte und freie Arbeitskräfte. Daher strebte sie die Abschaffung der Leibeigenschaft und die Vernichtung aller feudalen Zustände an, die die Entwicklung des Marktes für die Industrie hemmten. Im 16. Jahrhundert siegte die Bourgeoisie in Holland und im 17. Jahrhundert in England.

Die niederländische und die englische Revolution beschleunigten den Übergang dieser Länder auf den Weg der kapitalistischen Entwicklung. Russland aber blieb noch ein feudales Land. In ihm herrschten nach wie vor die adligen Gutsbesitzer über leibeigene Bauern. Zwar war auch Russland nicht stehengeblieben. Im 17 Jahrhundert fingen die lokalen Märkte Russlands an, sich zu einem allgemeinen Markt zu vereinigen. Das Handwerk entwickelte sich. In Moskau waren schon ganze Vorstädte von Schmieden, Wagenbauern, Webern, Tischtuchmachern, Bäckern und anderen Handwerkern bewohnt. Bis auf den Heutigen Tag (Stand 1947) haben die Bezeichnungen vieler Moskauer Straßen die Spuren dieser ehemaligen Handwerkersiedlungen bewahrt: Kusnezkij Most („Schmiedebrücke“), Karetnyj Rjad („Wagenbauerzeile“), Skatertnyj Pereulok („Tischtuchgasse“), Chlebnyj Pereulok („Bäckergasse“) usw..

Im 17. Jahrhundert begann man Leinwand- und Segeltuch-Manufakturen, Pottasche-Fabriken, Eisenwerke (in Tula, Olonez, Kaschira und anderen Orten) zu errichten. Immerhin blieb die russische Industrie schwach entwickelt. Im Unterschied von den westlichen Manufakturen beruhten die russischen auf der Arbeit von Leibeigenen. Die Zwangsarbeit der „Arbeitsleute“ war wenig produktiv. Geld war im Lande nicht viel vorhanden. Die einträglichsten Handelsgeschäfte hatten die Ausländer an sich gerissen.

Im Vergleich zu den fortgeschrittenen westeuropäischen Ländern war Russland am Anfang des 18. Jahrhunderts sowohl in wirtschaftlicher als auch in kultureller und militärischer Beziehung zurückgeblieben. Eine der Hauptursachen der Rückständigkeit lag darin, dass Russland keinen Ausgang zum Meer besaß. Marx hatte darauf hingewiesen, dass sich kein einziges Land in einer solchen Entfernung von den Meeren befand, wie Russland Anfang des 18. Jahrhunderts. Niemand möchte sich eine große Nation vorstellen, die von der Meeresküste abgeschnitten ist, schrieb Marx.

Der Zugang zur Ostsee und zum Schwarzen Meer war für Russland verschlossen. Das Schwarze Meer befand sich in der Gewalt der Türkei und des Krimer Khanats. Das baltische Küstenland hatte Schweden an sich gerissen. Die Schweden hatten auf ureigenem russischem Boden ihre Festungen errichtet und den Hauptausgang zum Meer -die Newa- mit „zei Riegeln“: den Festungen Noteburg und Nienschanz abgesperrt. Das russische Karelien hatten sie in das schwedische Ingermanland umgewandelt, die karelische Landenge sollte auf dem Wege Russlands nach Europa eine Schranke bilden.

Der Kampf um das Baltikum, um die Rückkehr „des Landes der Väter und Großväter“, wurde für den Russischen Staat zur unaufschiebbaren Notwendigkeit. Vom Ausgang dieses historischen Kampfes hing für Russland die Möglichkeit ab, sich in eine Reihe mit den fortgeschrittenen Staaten Europas zu stellen.

Die schwierige Aufgabe, an das Meer vorzudringen, wurde von dem ersten russischen Imperator, Peter dem Großen, mit Kühnheit gelöst. Er wurde am 30. Mai 1672 in Moskau geboren. Peters Vater, der Zar Alexej Michajlowitsch starb, als der zukünftige Imperator noch nicht vier Jahre alt war. Seine Mutter, Natalja Naryschina, war die zweite Frau des Zaren Alexej Michajlowitsch. Von seiner ersten Frau, der Miloskawskaja, waren noch Kinder vorhanden: der kränkliche Fjodor, der schwachsinnige Iwan und einige Töchter, von denen sich die Zarewna Sophia durch Klugheit und Energie auszeichnete.

Fjodor Alexejewitsch war Zar geworden, regierte jedoch nicht lange. Im Frühling 1682 starb er, ohne für sich einen Nachfolger bestimmt zu haben. Die Wahl eines neuen Zaren stand bevor. Zwischen den Naryschkins und den Miloslawskijs begann der Kampf um die Macht. Anfangs wurde der zehnjährige Peter zum Zaren gewählt. Aber damit gaben sich die Miloslawskijs nicht zufrieden. Von ihnen aufgewiegelt, drangen Moskauer Strelzy in den Kreml ein, erschlugen einige Bojaren, Peters Anhänger, und verlangten, dass beide Brüder, Peter und Iwan, zu Zaren ausgerufen würden. Staatsregentin wurde die herrschsüchtige Zarewna Sophia.

Während Sophias Regierung wohnte Peter mit seiner Mutter in den Palästen in der Nähe von Moskau, vornehmlich im Dorf Preobrashenskoje. Von Kindheit an interessierten den jungen Zaren Kriegsspiele. Peter wählte für seine Kriegsspiele die lebhaftesten Kinder, ohne Rücksicht auf vornehme Herkunft, aus und stellte aus ihnen „Spiel“-Regimenter auf. Zwei von diesen Regimentern- das Semjonowsker und das Preobrashensker- verwandelten sich später in die besten Moskauer Regimenter, die militärisch ausgezeichnet ausgebildet waren. Es waren die ersten Garderegimenter der künftigen, von Peter geschaffenen, russischen Armee.

Beim Lernen war Peter wissbegierig und beharrlich. Bei einem russischen Djak (einem kleinen Beamten) lernte er frühzeitig Lesen und Schreiben, und unter Anleitung von Ausländern beschäftigte er sich eifrig mit mathematischen Wissenschaften, besonders der Geometrie. In dem jungen Peter erwachte frühzeitig eine wahre Leidenschaft zur Seefahrt und zum Schiffbau. Einst fand Peter ein liegengelassenes altes Segelboot. Der Holländer Brant lehrte ihn das Segeln, zuerst auf der schmalen Jausa, später auf dem großen Perejaslawer See. Dieses Boot wurde zum „Großväterchen der russischen Flotte“.

Inzwischen hatten sich die Beziehungen zwischen Sophia und Peter immer feindseliger gestaltet. Sophia zettelte mit den Strelzy eine neue Verschwörung an, um sich Peters zu entledigen. Peter, der davon erfahren hatte, entzog ihr unter Mithilfe seiner „Spiel“-Regimenter im Jahre 1689 die Macht und sperrte sie bald darauf in ein Kloster.

Der während Sophias Regentschaft sich abspielende Kampf am Hofe verstärkte in Peter den Hass gegen die Verfechter der alten Zustände. Er begriff sehr früh, dass Russland, das mächtige und reiche Land, sich in die Reihe der europäischen Großmächte stellen könnte, wenn es seine Rückständigkeit überwinden würde.

Peter befreundete sich mit begabten und ihm nützlichen Russen und Ausländern. Ein enger Freund und treuer Helfer wurde ihm der Gefährte seiner Kinderspiele, der ehemalige Pastetenhändler Alexander Menschikow. Ein nützlicher Ratgeber wurde für Peter ein Schotte: der alte General Patrik Gordon. Er erzählte dem wissbegierigen jungen Zaren viel von Kriegen, an denen er teilgenommen hatte. Der Holländer Timmermann brachte Peter Mathematik und Kriegstechnik bei. Der fröhliche Schweizer Lefort wurde persönlicher Freund und Vertrauensperson des Zaren.

In den ersten Jahren seiner selbstständigen Regierung überließ Peter den Ratgebern seiner Mutter die Leitung des Staates und gab sich mit ganzem Herzen den Kriegsspielen hin. Im Jahre 1601 wurden große „Spiel“-Schlachten bei Semjonowskoje veranstaltet. Mit Hingabe beschäftigte sich Peter auch mit dem Bau eine „Spiel“-Flotte auf dem Perejaslawer See.

Bald aber hörten die Perejaslawer Spielereien auf, Peter zu befriedigen. Es zog ihn hinaus auf die Weite des Meeres. Im Jahre 1693 erlangte er von seiner Mutter die Erlaubnis, nach Archangelsk zu fahren, um „unmittelbar das Meer zu sehen“. In Archangelsk machte sich Peter mit den ausländischen Schiffen, mit ihrem Bau und ihrer Ausrüstung vertraut. Begierig eignete er sich Kenntnisse im Schiffbau und in der Seefahrt.

Während seiner ersten Reise nach Archangelsk im Jahre 1693 legte Peter ein Schiff auf Kiel, und im Jahre 1694 fuhr er nach Archanglelsk, um es vom Stapel zu lassen. Peter träumte davon, eine Hochseeflotte zu schaffen. Jedoch gab er auch den Gedanken über die Notwendigkeit der Schaffung einer neuen Armee nicht auf.

Den Übergang von Peters „Spielereien“ zu wirklichen Kriegshandlungen bildeten die Asowschen Feldzüge gegen die Türkei. An jener Stelle, wo der Don in das Asowsche Meer mündet, stand die starke türkische Festung Asow, von Mauern, einem Wall und einem tiefen Graben umgeben. Sie versperrte Russland den Zugang zum Asowschen Meer vom Don aus und machte es unmöglich, durch die Meerenge von Kertsch in das Schwarze Meer zu gelangen.

Im Frühjahr 1695 fuhr eine 30 000 Mann starke russische Armee auf Flussschiffen die Oka und die Wolga hinab, marschierte zum Don und belagerte Asow.

Aber der erste Sturm missglückte. Die Armee setzte sich zum größten Teil aus den Strelzy zusammen. Im Kampf zeigten sie sich weniger standhaft als das Preobrashensker und das Semjonowsker Regiment. Auch das Nichtvorhandensein einer russischen Flotte machte sich bemerkbar. Die Türken lieferten den Belagerten Waffen und Proviant über das Meer. Peter konnte dies nicht verhindern, und die Belagerung von Asow musste aufgegeben werden.

Peter war jedoch ein Mensch von unerschütterlichem Willen. Nachdem er in den eroberten Türmen von Asow seine Garnisonen zurückgelassen hatte, entschloss er sich, in einem Winter eine Ruderflottillie zu schaffen. Am Ufer des Woronesh-Flusses wurde eine Werft errichtet. Der junge Zar arbeitete selbst auf der Werft, sowohl als Ingenieur, als auch als einfacher Zimmermann. Im Frühjahr des Jahres 1696 erschien zum Erstaunen der Türken eine russische Flotte vor Asow, das nun von der See- und Landseite her belagert wurde und sich bald den Russen ergab. Den Zugang zum Schwarzen Meer konnte Russland jedoch nicht ohne Krieg mit der Türkei erlangen, und Peter begann sich für diesen Krieg vorzubereiten.

Schon vor den Mauern Asows hatte sich Peter fest entschlossen, eine große Kriegsflotte zu bauen. Zu deren Schaffung waren verschiedene Spezialisten notwendig: Schiffszimmerleute und Ingenieure, kundige Seeoffiziere und erfahrene Matrosen. In Russland gab es sie nicht. Mit großen Schwierigkeiten und Ausgaben holte man sich fachkundige Leute aus dem Ausland. Aber diese Meister reichten nicht aus. Da entschloss sich Peter dazu, seine Leute ins Ausland zu schicken, damit sie sich mit Schiffbau und Seefahrt vertraut machen. Unter der Zahl dieser ersten russischen Schüler war auch Peter selber.

Im Jahre 1697 wurde zwecks Herstellung von Verbindungen mit den europäischen Staaten, unter denen man Bundesgenossen zum Kampf gegen die Türkei finden musste, die Große Gesandtschaft nach Europa geschickt. Sie wurde von einer Abteilung Freiwilliger begleitet, die zur Erlernung des Marinewesens mitfuhren. Unter ihnen befand sich auch Peter, der sich mit dem Namen „Unteroffizier Peter Michajlow“ getarnt hatte.

Im Ausland lernte der russische Zar fleißig und eifrig. In Königsberg studierte Peter unter Anleitung des Hauptingenieurs dieser Festung die Regeln des Artillerieschießens. In Holland, das wegen seiner Schiffbaukunst berühmt war, arbeitete Peter in der kleinen Stadt Saardam auf einer Werft, bis sich das Gerücht verbreitete, der große und starke Zimmerman sei der Zar selbst. Um sich den Neugierigen zu entziehen, siedelte Peter in die große holländische Stadt Amsterdam über und arbeitete hier länger als vier Monate, bis das in seiner Gegenwart auf Kiel gelegte Schiff fertiggestellt war. Nachdem Peter erfahren hatte, dass in England der Stand der Schiffbaukunst noch höher wäre als in Holland, führ er dahin und arbeitete länger als zwei Monate auf einer englischen Werft, unweit von London.

Von England aus wandte sich Peter nach Wien, um mit dem deutschen Kaiser über ein Bündnis gegen die Türkei zu verhandeln. Doch es gelang ihm nicht, ein Bündnis der europäischen Mächte gegen die Türkei zustande zu bringen. Die Mehrzahl der europäischen Staaten bereitete sich zum Krieg um die spanische Erbfolge vor, d.h. um die Verteilung der ausgedehnten Besitzungen Spaniens nach dem Tode seines kinderlosen Königs, der von der österreichischen Dynastie Habsburg abstammte. Österreich wollte nicht nur Peter im Krieg gegen die Türkei nicht beistehen, sondern beeilte sich sogar, mit ihr Frieden zu schließen.

2. Der große Nordische Krieg

Der internationalen Lage Rechnung tragend, verzichtete Peter auf einen Kampf mit der Türkei um das Schwarze Meer und trat dem Bündnis Dänemarks und Polens gegen die Schweden bei. Diese Länder litten ebenso wie Russland unter der schwedischen Herrschaft über das baltische Küstengebiet. Die schwedischen Truppen galten zu jener Zeit als die besten Europas. Um mit ihnen Krieg zu führen, musste man eine gut ausgebildete, reguläre Armee haben. Daher beeilte sich Peter, der sich auf einen Krieg mit Schweden vorbereitete, eine neue Armee zu schaffen. Laut Erlas vom 17. November 1699 wurde eine Aushebung von Rekruten aus den leibeigenen Bauern und den Städtern durchgeführt. Man kleidete sie in dunkelgrüne Röcke europäischen Zuschnitts und bildete sie vom Morgen bis zum späten Abend militärisch aus.

Peter beschloss, sich den Umstand, dass die Hauptkräfte des schwedischen Königs Karl XII. durch den Krieg mit Dänemark in Anspruch genommen waren, zunutze zu machen, und begann im August des Jahres 1700 den Sturm auf die Festung Narwa, die die Zugangswege zur Ostsee deckte. Narwa war gut befestigt. Zum Sturm reichten die Granaten nicht aus. Das Pulver war schlecht. Das Heranschaffen von Munition und Proviant über die morastigen Sümpfe war schwer und langwierig.

Inzwischen hatte Karl XII. den dänischen König schnell geschlagen und wandte sich eilig nach Narwa. Obgleich die früheren Spiel-Regimenter hartnäckigen Widerstand leisteten, zerschlugen die Schweden bei Narwa die russische Armee und erbeuteten die gesamte Artillerie.

Karl XII. rechnete damit, dass die russische Armee nach Narwa erledigt sei, und ging daher nicht nach Moskau, sondern nach Polen.

Die Niederlage bei Narwa machte aber Peter nicht mutlos. Er sah ein, dass der Feind den Russen nicht an Zahl und an Tapferkeit, sondern an geschickter Kriegsführung überlegen war. „Der Krieg ist nicht zu Ende, sondern er fängt erst an“, erklärte Peter und begann in aller Eile, die Armee umzugestalten. In kurzer Zeit wurden in die Armee Tausende neuer Rekruten aufgenommen. An Stelle der adligen Reiterei und der Stelzy stellte Peter Dragoner- (Kavallerie-) und Armee-(Infanterie-)Regimenter auf. Er schuf eine neue, leichte Feldartillerie und rüstete mit ihr die Reiterei aus. In der Artillerie wurden neue Typen eingeführt, Kanonen, Haubitzen und Mörser. In Moskau wurde die Kriegsschule zur Vorbereitung von Offizieren eröffnet. Die Adligen sollten auch als einfache Soldaten den Militärdienst beginnen und allmählich zu Offizieren aufrücken. Im Ural, wo Erzlager aufgefunden worden waren, wurden eiligst neue Werke errichtet. Im Jahre 1701 lieferte der Hochofen im Newjansker Werk den ersten Posten Gusseisen für Kanonen. Peter befahl sogar, die Glocken abzunehmen und sie in Kanonen umzugießen.

Für die Armee arbeiteten die alten Tulaer, Kaschirer, Olonezer Werke und die kürzlich errichteten Brjansker und Lipezker Werke. In den Werken wurden Kugeln und Kanonen gegossen, Säbel geschmiedet. Auf der Werft bei Lodejnoje Pole wurden Kriegsschiffe auf Kiel gelegt. Peter und die besten Kommandeure der russischen Armee verfolgten die neue Kriegstechnik in den Ländern Westeuropas mit Aufmerksamkeit und übernahmen alles, was das Kriegswesen in Russland verbessern konnte. Peter führte auch in der Kriegstaktik manche Neuerungen ein. Er verlangte das Zusammenwirken der Artillerie mit der Kavallerie und Infanterie, der förderte die Aktivität und Initiative der Soldaten und Kommandeure sämtlicher Waffengattungen.

Die Ergebnisse der Heeresreform zeigten sich bald. Im Januar des Jahres 1702 schlugen die russischen Truppen in der Nähe von Jurjew (Tartu) den schwedischen Feldherrn Schlippenbach. Dies war der erste Sieg über die Schweden, die sich bis dahin für unbesiegbar gehalten hatten. Peter sprach: „Wir haben es erreicht, dass wir die Schweden besiegen können, zwar vorerst noch, solange wir zwei gegen einen kämpfen, aber bald werden wir auch bei gleichem Kräfteverhältnis siegen.“

Im Sommer 1702 säuberten die russischen Soldaten den Ladoga- und den Tschudj-(Peipus-)See von den Schweden. Im Herbst des gleichen Jahres wurde nach zehntägigem Bombardement die schwedische Stadt Noteburg (Oreschek) (Oreschek, die russische Bezeichnung für Noteburg, bedeutet „Nüsschen“.) im Sturm genommen. „Sehr hart diese Nuss“, schrieb Peter, „jedoch, Gott sei Dank, sie wurde glücklich aufgeknackt.“  Noteburg wurde in Schlüsselburg umbenannt. Sie wurde der Schlüssel für Russlands Ausgang zum Meer.

Im Frühling des Jahres 1703 wurde auch das zweite Schloss des Tores zum Baltikum abgeschlagen: unter den Schlägen der russischen Truppen fiel die schwedische Festung Nienschanz.

Peter beeilte sich nun, festen Fuß an der Newa zu fassen, die den Ausgang zur Ostsee öffnete. Auf der Kotlin-Insel, am Eingang in die Newa gelegen, entstand die Festung Kronschlot (später Kronstadt). Am 16. Mai 1703 erfolgte auf einer der Inseln an der Newamündung, inmitten von Sümpfen und Wäldern, die Grundsteinlegung einer neuen russischen Festung, die später Peter-Paul-Festung genannt wurde. Gegenüber der Festung baute sich Peter ein kleines Holzhäuschen. Neben ihm bauten sich auch viele seiner Vertrauten Häuser. So entstand Petersburg, die künftige Hauptstadt des Staates.

Peter hatte den Fehler Karls XII., der die Kraft und Stärke des Russischen Staates unterschätzte, richtig erkannt und gewandt ausgenutzt. Nachdem Peter seine Streitkräfte wiederhergestellt hatte, begann er, die alten russischen Gebiete zurückzuerobern. Im Jahre 1703 wurden Jam und Koporje genommen, im Jahre 1704 Jurjew sowie die Festungen Iwangorod und Narwa. Jedoch waren die Hauptkräfte der Schweden den Russen noch nicht gegenübergetreten. Der schwedische König hatte sie zu dieser Zeit gegen Posen geworfen. Der hochmütige Karl sagte, als Peter ihm Frieden anbot: „Möge unser Nachbar Peter Städte bauen, wir werden uns den Ruhm vorbehalten, sie zu erobern.“

Aber Peter sah etwas anderes voraus. „Die Schweden können uns noch ein-, zweimal schlagen“, sagte er, „an ihnen selbst aber werden wir lernen, sie zu besiegen!“ Die russische Armee sammelte Kampferfahrung. Sie bereitete sich für die Entscheidungsschlacht vor.

Im Jahre 1706 schlug Karl XII. den polnischen König August II., nahm Krakau und Warschau ein und rückte in die Tiefe des russischen Gebiets vor. Der schwedische König, der von der Weltherrschaft träumte, hoffte, im raschen Vorgehen Moskau zu erobern, Russland zu zerstückeln und es der schwedischen Oberherrschaft unterzuordnen. Ursprünglich wählte Karl den unmittelbaren Weg nach Moskau über Smolensk, das „Tor von Moskau“. Peter, der mit der militärischen Überlegenheit des Gegners rechnete, befahl seinen Truppen, sich nach Osten abzusetzen und dabei den Gegner durch einen „Kleinkrieg“ zu schwächen, d.h. durch Kriegshandlungen kleinerer Abteilungen. Widerstand leisteten nicht nur die Nachhuten der rückgehenden russischen Armee, sondern auch die gesamte Bevölkerung. Sie versteckte Nahrungsmittel und Vieh in den Wäldern, verbrannte Brot und Futtermittel, überfiel die schwedischen Nachhuten und einzelne schwedische Soldaten.

Im September des Jahres 1708 befahl Karl seiner Armee, in die Ukraine abzudrehen. Er schloss ein Abkommen mit dem ukrainischen Hetman, dem Verräter Maseppa, der versprach, den schwedischen König mit allem Notwendigen zu versehen. Er versprach auch, Hilfe für Karl beim türkischen Sultan und den Kalmücken jenseits der Wolga zu erlangen, hauptsächlich aber rechnete er damit, einen Aufstand der Saporoshjer Kosaken und des ganzen ukrainischen Volkes gegen Peter zu entfachen. Aber die Hoffnungen Karls XII. und des Verräters Maseppa gingen nicht in Erfüllung. Die ukrainischen Bauern begannen einen Krieg, aber nicht gegen Peter, sondern gegen die fremden Eroberer. Der Hetman Maseppa wurde gestürzt und flüchtete zu den Schweden. Der neu Hetmann, Iwan Skoropadskij, stellte ein großes Kosakenheer auf und führte es Peter zu. Viele der mit Maseppa übergelaufenen Kosaken kehrten reumütig zurück. Peter verzieh ihnen, und sie kämpften tapfer gegen die Schweden. Peter erwähnte in einem seiner Briefe die volle Einmütigkeit des russischen und ukrainischen Volkes im Kampf gegen die Schweden. „Das Volk steht so unerschütterlich, wie man es nicht besser von ihm verlangen kann. Der König schreibt schmeichelnde Briefe, aber dieses Volk bleibt unveränderlich treu und bringt uns die Briefe des Königs.“

Die Lage der schwedischen Armee in der Ukraine gestaltete sich immer schwieriger. Sie litt Hunger, unter unaufhörlichen Regengüssen, die die Erde aufweichten, unter unerwartet frühzeitigem Kälteeinbruch. Ein großer Tross, den die Abteilung Löwenhaupt begleitete, fiel nach der Schlacht bei dem Dorf Lesnaja in die Hände der Russen. Der Sieg bei Lesnaja war der erste große Sieg der russischen Truppen. Den Sieg bei Lesnaja hielt Peter für die „erste soldatische Probe“ und nannte ihn die „Mutter der Bataille von Poltawa“, die genau neun Monate später stattfand.

Die schwedischen Truppen rückten im April 1709 an Poltawa heran. In der Annahme, dass Poltawa schlecht befestigt sei, hoffte Karl XII., es schnell zu erobern und dann auf Moskau vorzurücken. Peter jedoch hatte diese Möglichkeit vorausgesehen. Er hatte den energischen und kühnen Oberst Kellin zum Kommandanten Poltawas bestimmt, der die Verteidigung der Stadt glänzend organisierte. Auch Peter selbst eilte mit beträchtlichen Kräften Poltawa zu Hilfe. In der Nacht des 16 Mai 1709 drang eine russische Abteilung auf geheimen Pfaden durch die Sümpfe und schlug sich mit tapferen Bajonettenzugriff zu der belagerten Garnison durch. Die Kampfstimmung der Verteidiger Poltawas hob sich noch mehr, als sie erfuhren, dass die Truppen Peters die Worskla überschritten hätten und eine Stellung für die Hauptschlacht vorbereiteten.

Am Vorabend der Schlacht, am 26. Juni 1709, besichtigte Peter die Regimenter und rief die Soldaten auf, den Angriff des hochmütigen Eroberers, der sich für unbesiegbar hielt, standhaft abzuschlagen. Am Abend wurde den Truppen der berühmte Befehl Peters verkündet:

„Soldaten! Die Stunde ist gekommen, in der sich das Schicksal des Vaterlandes entscheidet. Daher sollt Ihr nicht denken, dass Ihr für Peter kämpft, sondern dass Ihr für den Staat, der Peter anvertraut ist, für Euer Volk, für Euer Vaterland kämpft. Ihr dürft Euch nicht durch den Ruf der Unbesiegbarkeit, der dem Feind anhaftet, verblüffen lassen. Denn dass dieser Ruhm ein erlogener ist, habt Ihr selbst mit Euren Siegen über ihn mehr als einmal bewiesen. Von Peter aber wisset, dass ihm sein Leben nicht teuer ist, wenn nur Russland glücklich und ruhmvoll für Euren Wohlstand lebt.“

Die russische Armee hatte eine Stärke von 42 000 Mann, die schwedische Armee ungefähr 30 000 Mann. Am Kampf nahmen aber auf beiden Seiten weniger teil. Peter gab den russischen Truppen den Befehl, die von ihm angewiesenen Stellungen zu beziehen. Die Auswahl und Befestigung dieser Stellungen hatte Peter besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Da er wusste, dass Karl XII. ein Freund von heftigen Angriffen und die schwedische Armee in der Kunst des Manövrierens erfahren war, legte Peter die Feldbefestigungen so an, dass sie die anrückenden Schweden längere Zeit aufhalten und die Gefechtsordnung der russischen Truppen zu Beginn der Schlacht vor Verwirrung bewahren konnten. Zwischen zwei Wäldchen wurden sechs Feldbefestigungen längs des Schlachtfeldes und vier rechtwinklig zu ihm angelegt. Die Feldbefestigungen (obgleich zu Beginn der Schlacht nicht alle fertiggestellt waren) wurden mit Artillerie ausgerüstet und bildeten die vorderste Stellung für die Infanterie. 

Am 26. Juni verließen die Schweden ihr Lager und stellten sich kolonnenweise in Richtung der russischen Feldbefestigungen auf. Im schwachen Licht der Morgendämmerung rückten sie zum Angriff vor, empfingen jedoch starkes russisches Kanonenfeuer aus den Feldbefestigungen und Gewehrfeuer von der Höhe der Wälle.

Peter folgte aufmerksam dem Verlauf der Schlacht. In gefährlichen und schwierigen Augenblicken gelang es ihm, herbeizusprengen und rechtzeitig die Situation zu retten. Sein schwarzer Dreispitz und sein Sattel waren von Kugeln durchlöchert. Eine Kugel traf seine Brust, drückte sich aber an dem Kreuz, das er auf seiner Brust trug, platt.

Die Schweden konzentrierten ihren Hauptschlag auf den linken russischen Flügel und durchbrachen die erste Linie der russischen Truppen. Peter dirigierte einige Bataillone Infanterie an die Durchbruchstelle und warf die Schweden zurück. Zur selben Zeit sprengte die russische Kavallerie heran, um die Flanken des Gegners zu umfassen. Die russischen Soldaten rückten in geschlossener Front zum Angriff vor. Die Schweden kamen ins Schwanken und flohen. „Die unbesiegbaren Herren Schweden zeigten bald ihre Rücken“, schrieb später Peter ironisch über die panische Flucht der schwedischen Armee.

Die Vernichtung der Schweden war vollständig. Das Schlachtfeld war von Leichen übersät. Der schwedische König, von einem Kanonensplitter verletzt, wurde eilig vom Schlachtfeld geschafft und floh mit einer kleinen Schar Getreuer in die Türkei.

Der große russische Kritiker Belinskij weist in seiner Würdigung der Schlacht von Poltawa darauf hin, dass„Die Schlacht von Poltawa keine einfache Schlacht gewesen sei…, nein, sie war eine Schlacht um die Existenz eines ganzen Volkes, um die Zukunft eines ganzen Staates“.

Puschkin würdigte in hohem Maße in seinem Poem „Poltawa“ die Bedeutung dieser Schlacht für die Sicherung der Macht und Größe Russlands:

Wohl war es eine schwere Zeit,

Da Russlands junge Herrlichkeit

Noch zwischen Tod und Leben kreiste,

Und im verzweiflungsvollen Streit

Groß ward mit Peters Riesengeiste.

Wohl war ihr Feld der Ehre

Ein Lehrer har und rauh verliehn,

Und manche blutgeschriebene Lehre

Gab Schwedens kühner Paladin.

Doch die Zeit des Wehs und Jammers

Erstarkte Russland unbesiegt,

Wie unterm wucht’gem Schlag des Hammers

Das Eisen Stahl wird, Glas zerbricht!

Die Schlacht von Poltawa versetzte dem Kriegsruhm der Schweden einen schweren Schlag. Russlands Verbündete, Polen und Dänemark, setzten gemeinsam mit Russland den Kampf gegen Schweden fort. Karl XII. gelang es nur, die Türkei für einen Krieg gegen Russland zu gewinnen. Im Jahre 1711 rückte eine große türkische Armee an die russischen Grenzen und umzingelte am Pruth das russische Heer.

Da die russische Armee kein Kriegsmaterial und keinen Proviant hatte, war sie genötigt, mit den Türken Frieden zu schließen. Peter gab der Türkei Asow zurück, hatte aber die Kampfkraft seiner Armee bewahrt.

Nach Beendigung des türkischen Krieges kehrte Peter an das Ufer der Ostsee zurück und brachte nach einige Jahren die Eroberung des Küstenlandes am Rigaer und Finnischen Meerbusen zum Abschluss.

Im Jahre 1714 errang die junge, während des schwedischen Krieges erbaute russische Flotte einen glänzenden Sieg über die Schweden am Kap Hangut (Finnland). Einen neuen großen Sieg über die schwedische Flotte erfocht Peter im Jahre 1720 bei der Insel Grenham.

Der Große Nordische Krieg dauerte 21 Jahre. Erst im Jahre 1721 wurde in Nystad (Finnland) Frieden geschlossen. Gemäß diesem Frieden erhielt Russland das Küstenland am Finnischen und Rigaer Meerbusen, Estland mit Narwa und Reval, Livland mit Riga und einen Teil von Karelien mit Wiborg.

Auf diese Weise schloss Peter den Kampf des russischen Volkes um einen Zugang zum Meer ab, der bereits Ende des 15. Jahrhunderts begonnen hatte.

In Würdigung der historischen Bedeutung von Peters Kampf um die Küste der Ostsee schreib Marx, dass die baltischen Provinzen hinsichtlich der geographischen Lage die natürliche Ergänzung für die Nation sind, die das Land, das hinter ihnen liegt, besitzt. Marx zog die Folgerung, dass Peter ein Territorium in Besitz nahm, das für die normale Entwicklung des Landes unbedingt notwendig war.

Russland wurde eine mächtige Militär- und Seemacht. Nach dem Nystädter Frieden wurde Peter dem Großen von dem Senat (der höchsten staatlichen Behörde in Russland) der Imperatoren-Titel angetragen. Russland begann man als Imperium zu bezeichnen.

3. Die Reformen Peters des Großen

Nach dem Sieg bei Poltawa beschloss Peter, an Stelle von Moskau die neue Stadt an der Newa-Petersburg- zu seiner Hauptstadt zu machen. Zehntausende von leibeigenen Bauern wurden für den Bau der neuen Hauptstadt zusammengetrieben. Sämtlichen Städten wurde verboten, steinerne Gebäude zu errichten, und befohlen, alle Maurer nach Petersburg zu schicken. An Stelle der früheren Wälder und Sümpfe wurden gerade Straßen mit großen Häusern aus Ziegel und Stein angelegt. Gegenüber der Peter-Paul-Festung an der Newa wurde eine große Schiffswerft errichtet, von ihr aus nahm eine große Straße, die die Bezeichnung Newskij-Prospekt erhielt, ihren Anfang.

Petersburg wurde ein belebtes Handelszentrum. Aus Westeuropa kamen ausländische Schiffe mit überseeischen Waren nach Petersburg.

Die Entwicklung des Handels allein vermochte aber Russlands Rückständigkeit nicht zu überwinden. Peter hatte begriffen, dass Russland wegen der schwachen Entwicklung seiner eigenen Industrie von Westeuropa abhängig war. Viele Waren, die das Land brauchte, mussten aus Holland, Schweden, England und anderen Ländern eingeführt werden.

In seinem Betreiben, die industrielle Rückständigkeit Russlands zu überwinden, förderte Peter mit allen Mitteln die Schaffung von Manufakturen. Unter seiner Mithilfe entstanden eine Reihe neuer Industrie- und Gewerbezweige: die Kupfergießerei, der Schiffbau, die Seidenweberei und andere.

Am Ende von Peters Regierung zählte man in Russland ungefähr 240 Manufakturen. Im Hinblick auf den Mangel an Arbeitskräften gab Peter im Jahre 1721 einen Erlass heraus, wonach den Eigentümern von Manufakturen erlaubt wurde, Dörfer mit Bauern aufzukaufen. Solche den Unternehmern übereignete Bauern (man nannte sie Possessionsbauern) mussten ihre bäuerliche Wirtschaft führen und außerdem in den Manufakturen arbeiten. Die Unternehmer beuteten grausam die „Arbeitsleute“ aus, unter den letzteren fanden häufig Unruhen statt.

Der langwierige und schwere Krieg erforderte große Aufwendungen. Peter ersetzte die zahlreichen kleinen Abgaben der bäuerlichen und städtischen Bevölkerung durch eine große Kopfsteuer. Die Gutsbesitzer und Verwalter trugen die Verantwortung für den pünktlichen Eingang der Steuern ihrer Bauern. Die Kopfsteuer stärkte die Gewalt der Gutsbesitzer über die Bauernschaft. Ferner wurden auch die indirekten Steuern auf Salz, Tabak, Branntwein usw. erhöht. Besondere Personen, die „Pribylschtschiki“ („Gewinneinbringer“), dachten immer neue und neue Einnahmequellen aus. Mit Steuern wurde alles belegt: die Bienen im Bienenstand, die Schornsteine und Fenster der Bauernhütten, die Badestuben auf dem Hof, die Verkaufsstände auf dem Markt. Die Bauern mussten den Transport von Kriegsgütern bewerkstelligen, Wege bauen, Brücken ausbessern, Proviant für Heer und Flotte, Ziegelsteine zum Bau von Fabriken u.a. m. herbeischaffen. Die Rekrutenaushebungen entzogen dem Dorf die arbeitsfähigsten jungen Leute, die entweder überhaupt nicht oder als hilflose Behinderte wieder nach Hause kamen.

Abgesehen von den Rekrutierungen wurden die Bauern auch durch andere Verpflichtungen zugrundegerichtet; man trieb die Leute weg zum Bau von Befestigungen von Asow und Tanganrog, zum Bau der neuen Hauptstadt Petersburg, zum Bau von Kanälen, durch die die Ostsee mit der Wolga verbunden wurde.

Zur gleichen Zeit versuchten die adligen Gutsbesitzer, deren Aufwand stark gestiegen war, diesen durch verstärkte Ausbeutung der Bauern zu decken. Unter den Gutsbesitzern entstand sogar die Redensart: „Lass den Bauern das Haar nicht lang wachsen, sondern schere ihn ratzekahl, wie das Schaf.“

Vor den ruinierenden Steuern und dem wachsenden Druck flüchteten die Bauern in die Gebiete der Kosakenfreiheit.

Die Bauern, die unteren Schichten des Kosakentums und die städtischen Armen erhoben sich wiederholt. Er erste große Aufstand fand im Jahre 1705 in Astrachan statt, wo die aufständischen Vorstadtbewohner, die Soldaten, Strelzy, Arbeitsleute sich gegen die Bojaren und Steuererheber auflehnten und auf der Wolga gegen Moskau ziehen wollten.

Der Astrachaner Aufstand dauerte fast acht Monate an und wurde von den zaristischen Truppen unterdrückt. Die Teilnehmer und Führer des Aufstandes wurden grausam hingerichtet.

Kaum war der Aufstand in Astrachan beendet, als im Jahre 1707 ein neuer, noch bedrohlicherer Aufstand am Don um im Wolgagebiet unter Leitung von Konratij Bulawin ausbrach. Im Frühjahr des Jahres 1708 hatte dieser Aufstand das gesamte Gebiet des oberen Don ergriffen. Bulawin versandte überallhin Briefe, in denen er aufrief, mit den Gutsbesitzern und Steuererhebern abzurechnen und die Ländereien des Zaren nicht zu bestellen.

Im März 1708 wählten die aufständischen Kosaken und Bauern Bulawin zum Ataman des Allgroßen Don-Heeres. Die gegen ihn geschickte adlige Strafarmee konnte die Volksbewegung nicht zum Stehen bringen. Die wohlhabenden Kosaken verreiten jedoch Bulawin. Sie traten mit den Regierungstruppen in Verbindung, umzingelten das Haus, in dem der Führer des Aufstandes sich befand, um ihn zu ergreifen. Bulawin, der sich nicht ergeben wollte, erschoss sich.

Aber auch nach Bulawins Tode dauerten die Aufstände an. Sie waren ein Beweis dafür, wie stark der Protest der Volksmassen gegen die feudalistisch-leibeigene Ausbeutung war.

Peter, der im Interesse der Stärkung des adligen Staates handelte und die Bauern nicht schonte, maß zugleich eine große Bedeutung auch der Stärkung der Kaufmannschaft bei, in deren Händen sich der Außen- und Innenhandel befand. Er räumte den Kaufleuten verschiedene Vergünstigungen ein und gewährte ihnen Gelddarlehen.

Die Adligen blieben nach wie vor die herrschende Klasse, jedoch waren auch in ihrer Stellung viele Veränderungen eingetreten. Den Adligen im Staatsdienst wurde ein Gehalt in Geld gewährt. Sämtliche Stammgüter und Lehnsgüter wurden uneingeschränktes Eigentum der Adligen. Unter Peter verringerte sich der Unterschied zwischen den Familien des hohen und des niedrigen Adels. Diese sowohl wie jene wurden „Adlige“ genannt. Peter verlangte, dass sämtliche Adligen in Staatsdienste-militärische oder zivile- traten.

Große Veränderungen wurden auch in der Verwaltung des Staates vorgenommen. Peter war bestrebt, einen starken Staatsapparat zu schaffen und eine straffe Zentralisierung durchzuführen. Der Aufbau des Russischen Staates begann, sich dem Aufbau der europäischen Staaten anzugleichen. Im Jahre 1711 gründete Peter den Regierenden Senat. Er war die höchste staatliche Behörde, die verpflichtet war, die Entwürfe neuer Gesetze auszuarbeiten und die Tätigkeit der anderen Behörden zu überwachen. An Stelle der alten Behörden (Prikasy) wurden Kollegien gebildet, deren Zahl bis auf zwölf anstieg. Jedes Kollegium war für irgendeinen Verwaltungszweig zuständig. Die gesamte Gerichtsbarkeit im Staate war dem Justiz-Kollegium unterstellt. Peter schaffte das Patriarchat ab und unterstellte die Kirche dem Staat. An die Spitze der kirchlichen Verwaltung stellte er das Geistliche Kollegium oder den Synod.

Auf dem gesamten Staatsgebiet wurde ein einheitlicher Verwaltungsapparat eingeführt. Das Land wurde in Gouvernements eingeteilt, an deren Spitze die Gouverneure standen. Besondere Aufmerksamkeit widmete Peter den Heeresreformen. Die von ihm geschaffene reguläre Armee war eine National-russische Armee. Seit der Zeit Peters wurde die russische Armee auf der Grundlage der Rekrutenaushebungen ergänzt. Eine bestimmte Anzahl von Bauernhöfen musste einen Rekruten stellen. Ein solcher Rekrut war zum lebenslänglichen Militärdienst verpflichtet. Befehligt wurde die Armee von adligen Offizieren. Die Regimenter nannte Peter nach den Gebieten, wo sie aufgestellt worden waren. Die Fahnen zeigten die Wappen der russischen Länder.

Am Ende von Peters Regierung stand die russische Armee in Bezug auf Organisation, Ausrüstung und Kampfbereitschaft den besten europäischen Heeren nicht nach. Sie zählte an die 200 000 Mann.

Peter schuf auch eine starke Marine. Vor Peter hatte Russland kein einziges Kriegsschiff besessen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts bestand die baltische Flotte aus 48 großen Segelschiffen und einer Menge kleiner Ruderfahrzeuge. Die russische Flotte wurde eine der stärksten in Europa.

Der Adel und die aufkommende Klasse der städtischen Kaufmannschaft spielten die führende Rolle im Staat. J.W. Stalin charakterisiert den von Peter dem Großen regierten Russischen Staat folgendermaßen:

„Peter der Große tat viel für die Hebung der Klasse der Gutsbesitzer und die Entwicklung der aufkommenden Klasse der Kaufleute. Peter tat sehr viel für die Schaffung und Festigung des nationalen Staates der Gutsbesitzer und Händler. Man muss aber auch sagen, dass die Hebung der Klasse der Gutsbesitzer, die Förderung der aufkommenden Klasse der Händler und die Festigung des nationalen Staates dieser Klassen auf Kosten der leibeignen Bauernschaft erfolgte, der man das Fell über die Ohren zog.“

Peter der Große war sein ganzes Leben lang bestrebt, Russland in eine Reihe mit den fortgeschrittenen europäischen Staaten zu stellen. Mit allen Mitteln förderte Peter die Entwicklung der russischen Kultur. Dabei studierte er sorgfältig die kulturellen Errungenschaften solch fortgeschrittener Länder wie England und Holland. Er berief in seine Dienste Männer der verschiedensten Nationalitäten, bewahrte sich jedoch stets eine schöpferische Selbstständigkeit.

Die staatlichen Reformen in Russland verlangten eine große Zahl gebildeter Menschen. In der Zeit Peters des Großen fällt der Beginn der Schulbildung. Für die allgemeine Bildung wurden die sogenannten „Ziffern-Schulen“ („Rechenschulen“) eröffnet. In diesen Schulen wurde den Kindern der Adligen im Alter von 10 bis 15 Jahren Lesen und Schreiben sowie Rechnen beigebracht. Zur Vorbereitung von Spezialisten einer höheren Kategorie wurden in Moskau und Petersburg einige Spezial-Lehranstalten eröffnet, in denen Mathematik oder Medizin gelehrt wurde, sowie Marine- und Artillerie-Schulen. Peter plante und bereitete auch die Schaffung eines Zentrums der Wissenschaften in Russland vor: der Russischen Akademie der Wissenschaften. Der Tod hinderte ihn, diesen Gedanken selbst zu verwirklichen. Die Eröffnung der Akademie fand erst Ende des Jahres 1725 statt, als Peter schon nicht mehr unter den lebenden weilte.

An Stelle der kirchenslawischen Schrift führte Peter die leichter lesbare zivile Schrift ein. Er führte auch den in den europäischen Ländern gebräuchlichen Kalender ein. Unter Peter wurde eine beträchtliche Anzahl von Lehr- und praktischen Handbüchern herausgegeben, sowie der Grund für eine periodische Presse gelegt. Vom Jahre 1703 an erschien in Moskau und später in Petersburg die erste russische Zeitung: „Wjedomosti“ (Nachrichten).

Peter verbot, die Kleidung nach altem Zuschnitt zu tragen und erzwang das Tragen von kurzen Röcken, wie man sie im Westen trug. Er bekämpfte das häusliche Einsiedlerleben der Frauen und befahl ihnen, zu den „Assembléem“(Versammlungen P.R.) zusammen mit ihren Männern und Eltern zu fahren.

Im Kampf mit der Rückständigkeit und der Barbarei war Peter grausam und unerbittlich. Die Anhänger der alten Zeit, die mit den Veränderungen im Staate unzufrieden waren, traten mit den Feinden des Staates im Ausland in Verbindung. Als Verräter des Vaterlandes erwies sich sogar Peters Sohn, der Zarewitsch Alexej, Peter überantwortete ihn einem Sondergericht, das ihn zum Tode verurteilte. Seine erste Frau, Jewdokija Lopuchina, die sich mit Reaktionären umgeben hatte, sperrte er ins Kloster.

Peter fegte entschlossen sämtliche Hindernisse hinweg, die seinen Reformen entgegenstanden. Lenin bemerkte, dass Peter „in seinem Kampfe gegen die Barbarei nicht vor barbarischen Mitteln“ zurückschreckte.

Unter Peter dem Großen verwandelte sich Russland in eine mächtige, zentralisierte Monarchie mit einer gewaltigen Armee und Flotte, mit ausgebildeten Kadern von Beamten und Diplomaten. Unter Peter hatte Russland bedeutende Errungenschaften auf kulturellem Gebiet aufzuweisen. Es war eine wichtige, progressive Etappe in der historischen Entwicklung Russlands, die günstige Bedingungen für sein weiteres Wachstum in der Reihe der europäischen Großmächte schuf.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 „Die Vergangenheit des Sowjetlandes“, aus dem Jahre 1947. Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text von Anna Michailowna Pankratowa:

siehe auch „Russland als absolutistischer Staat“

Dimitri Donskoi

Auch hier gibt es verschiedene Schreibweisen, die wir hier außer Acht lassen können. P.R.

Dimitri Donskoi war von 1359 bis 1389 Großfürst von Moskau und Wladimir. Aufgrund seines 1380 errungen Sieges über die Goldene Horde in der Schlacht auf dem Kulikowo Pole nahe dem Don gilt er in Russland heute noch als Nationalheld und wurde von der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen.

Geboren: 20. Oktober 1350, Moskau, Russland                                                                                        Verstorben: 27. Mai 1389, Moskau Russland

Entnommen aus Vorschau für Wikipedia-Beitrag

Ausführliches siehe Wikipedia und den entsprechenden Abschnitt in dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 „Die Vergangenheit des Sowjetlandes“ aus dem Jahre 1947.

Dimitri Donskoi
Bildquelle: Von Unknown. Died over 100 years ago – http://www.voskres.ru/army/spirit/kulitschkin.htm, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1582870

Erinnerung in Russland:

Dmitri Donskoi ist in der russischen Geschichtsschreibung als ein positiver tatkräftiger Herrscher eingegangen, der vor allem mit dem Sieg in der Schlacht bei Kulikowo assoziiert wird. Obwohl es 1382 zu einer erneuten Plünderung Moskaus durch die Goldene Horde und einer Wiederaufnahme der Tributzahlungen kam, wird hervorgehoben, dass der Sieg eine immense psychologische Bedeutung hatte, da er den Mythos von der Unbesiegbarkeit der Mongolen zerstörte und die politische Einheit der russischen Fürstentümer als notwendige Bedingung für die Befreiung aufzeigte. Dmitri Donskoi war der erste Großfürst, der den Großfürstentitel an seinen Sohn vererbte, ohne eine Erlaubnis des Khans zu erfragen. Die Goldene Horde war nicht mehr imstande, die Machtverhältnisse innerhalb Russlands zu ihren Gunsten zu strukturieren und musste in der Folgezeit zusehen, wie das Großfürstentum Moskau immer stärker wurde.

Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion 1941 rüstete die Russisch-Orthodoxe Kirche „auf ihre Kosten eine Panzerkolonne aus, die den Namen ‚Dimitri Donskoi‘ erhielt.“[2]1988 wurde er heiliggesprochen.

2002 wurde der Orden „Für den Dienst am Vaterland“ zur Erinnerung an Fürst Dmitrij Donskoj und den ehrwürdigen Abt Sergius von Radonesch gestiftet. Ferner sind in Moskau der Dmitrij-Donskoi-Boulevard und die gleichnamige Metrostration der Serpuchowsko-Timirjasewskaja Linie nach dem Fürsten benannt. Ebenso tragen zwei russische Kriegsschiffe seinen Namen, und zwar ein Panzerkreuzer und der strategische U-Kreuzer TK-208.

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

Die Sicht auf Alexander Newski im Wandel der Zeit

Vorweg: Es gibt verschiedene Schreibweisen: Alexander Newski oder Alexander Newskij. Ich entnehme die der jeweiligen Quelle. P.R.

Alexander Newski war Fürst von Nowgorod und Großfürst von Wladimir.  Er gewann 1240 und 1242 Schlachten gegen Schweden und den Deutschen Orden.  Außerdem verehrt ihn die Russische Orthodoxe Kirche als Heiligen.

Bereits am 23. Juni 2014 unterschrieb der russische Präsident Wladimir Putin einen Erlass, in dem er die russische Regierung mit der Planung eines Jubiläums im Jahr 2021 beauftragte.

Wer war Alexander Newski?

Alexander Newskij 1218 bis 1263 (Nach einem Gemälde von P. Korin)
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 „Die Vergangenheit des Sowjetlandes“ aus dem Jahre 1947

Alexander Jaroslawitsch, der nach seinem Sieg über die Schweden in der Schlacht an der Newa im Jahr 1240 den Beinamen „Newski“ erhielt, wurde im Jahr 1220 (oder 1221) als Sohn des Rjurikiden-Fürsten Jaroslaw Wsewolodowitsch (1191-1246) geboren. Alexanders Geburtsjahr fällt in eine Zeit, die von Historikern als „Zeit der Teilfürstentümer (Udelnaja Rus)“ bezeichnet wird. Der Glanz des Kiewer Reiches war in diesen Jahren bereits verblasst. Teilfürsten rangen um dessen Erbe und um den Führungsanspruch innerhalb des „russischen Landes (russkaja semlja)“. Im Streit um den Großfürsten- und Metropolitensitz setzte sich zunächst das Fürstentum Wladimir-Susdal gegen konkurrierende Ansprüche durch. Als Großfürst von Wladimir-Susdal stieg Alexanders Vater Jaroslaw im Jahr 1238 zum formal mächtigsten Fürsten des russischen Landes auf. Seit 1215 hatte Jaroslaw Wsewolodowitsch bereits mehrfach auch das Amt des Wahlfürsten von Nowgorod bekleidet, jener reichen Stadtrepublik im nördlichen Russland, die innerhalb der russkaja semlja eine eigene oligarchisch-demokratische Verfassungstradition entwickelt hatte. Seit dem 12. Jahrhundert pflegten die Mächtigen von Nowgorod den eigenen Fürsten durch eine städtische Volksversammlung (wetsche) wählen zu lassen und diesen in einem Vertrag auf die Respektierung der „völligen Nowgoroder Freiheit“ zu verpflichten. Jaroslaw ließ sich als Wahlfürst gelegentlich auch von seinen Söhnen vertreten. Im Jahr 1236 setzte er seinen fünfzehnjährigen Sohn Alexander als Statthalter in der Stadtrepublik ein.

Die Regentschaft Alexander Jaroslawitschs als Fürst von Nowgorod fiel in eine außenpolitisch turbulente Zeit. In den Jahren 1237 bis 1240 unterwarfen die Mongolen bis auf Nowgorod alle russischen Teilfürstentümer unter ihre Tributherrschaft. Warum Nowgorod zunächst das Schicksal der Eroberung erspart blieb, ist in der Forschung umstritten. Möglicherweise wurden die Krieger vom einsetzenden Tauwetter gehindert, weiter nach Norden vorzustoßen. Akute Gefahr drohte der Handelsrepublik in diesen Jahren weniger von Seiten der Mongolen als von den katholischen Nachbarn im Norden und Westen. Im Sommer 1240 stießen Verbände des schwedischen Königs Erik Erikson auf Nowgoroder Herrschaftsgebiet vor. Im Mündungsdelta der Newa, dort, wo Peter der Große Jahrhunderte später die Stadt St. Petersburg gründen sollte, wurde das schwedische Heer jedoch am 15. Juli 1240 von einem Aufgebot unter der Führung Alexander Jaroslawitschs in die Flucht geschlagen.

Ungeklärt ist die Frage, ob der schwedische König mit seinem Angriff den Aufforderungen Papst Gregors IX. (1227-1241) gefolgt war, der mehrfach zu Kreuzzügen gegen die heidnischen und schismatischen Völker im nördlichen und nordöstlichen Europa aufgerufen hatte. Für die These eines koordinierten päpstlichen Angriffsplans gegen die orthodoxen Christen von Nowgorod scheint zu sprechen, dass man in Rom Kunde von der Schwächung der russischen Fürstentümer durch den Angriff der Mongolen hatte und dass kurz nach dem schwedischen Vorstoß im Jahr 1240 mit dem Deutschen Orden eine weitere katholische Streitmacht versuchte, die eigene Macht auf Kosten Nowgorods auszudehnen. Kritiker der These von der westlichen Verschwörung führen ins Feld, dass das katholische Lager in diesen Jahren tief zerstritten gewesen sei und dass sich weder Schweden noch der Deutsche Orden zu Erfüllungsgehilfen päpstlicher Machtphantasien machen lassen wollten.

Bereits im September 1240 stießen Ritter des seit 1237 mit dem Livländischen Schwertritterorden vereinigten Ordo Teutonicus auf russisches Gebiet vor. Gemeinsam mit Verbänden des Bischofs von Dorpat sowie estnischen Vasallen des dänischen Königs eroberte die Bruderschaft zunächst die Grenzfestung Isborsk und nahm wenig später die Stadt Pskow ein. Als Anfang 1241 die ersten Ritter vor den Toren Nowgorods gesichtet wurden, suchte die Stadt bei Großfürst Jaroslaw Wsewolodowitsch um militärische Hilfe an. Fürst Alexander weilte zu dieser Zeit nicht in der Stadt, weil es nach seinem Sieg über die Schweden zum Zerwürfnis zwischen ihm und den Nowgoroder Oligarchen gekommen war. Angesichts der erneuten Bedrohung der Stadtrepublik ließ er sich jedoch zur Rückkehr bewegen und zog gemeinsam mit seinem Bruder und einem Nowgoroder Aufgebot gegen den Ritterorden ins Feld. Am 5. April 1242 kam es auf dem zugefrorenen Peipus-See zum entscheidenden Sieg Alexander Newskis über die Ordensritter. Was sich genau in dieser legendären Schlacht auf dem Eis zugetragen hat, entzieht sich leider unserer Kenntnis. Bereits auf die Frage nach dem Ausmaß der Auseinandersetzung erhält man aus den Quellen widersprüchliche Antworten. Während die Livländische Reimchronik von zwanzig gefallenen und sechs gefangenen Ordensrittern berichtet, beziffert die Erste Nowgoroder Chronik die Verluste des Feindes auf vierhundert Tote und fünfzig Gefangene. In der sowjetischen Historiografie wurde meist darauf hingewiesen, dass mit dem russischen Sieg von 1242 der Verlauf der livländisch-russischen bzw. lateinisch-orthodoxen Grenze des Mittelalters festgelegt worden sei. Tatsächlich kam es in dieser Region jedoch auch in den Folgejahren immer wieder zu Grenzkonflikten.

Nach seinem Sieg über den Deutschen Orden konnte der Held von der Newa seine Machtposition in Nowgorod offensichtlich weiter ausbauen. Selbstbewusst wies er im Jahr 1248 das Angebot von Papst Innozenz IV. (1243-1254) zurück, sich zum „Illustris Rex Novogardi“ krönen zu lassen. Seine standhafte Weigerung, sich durch solch verlockende Angebote ins katholische Lager ziehen zu lassen, rechnet ihm die ROK bis heute hoch an. Seither gilt Alexander nicht nur als Verteidiger des russischen Landes, sondern auch des orthodoxen Glaubens.

Nach dem Tod seines Vaters wurde Alexander im Jahr 1248 vom Großchan der Goldenen Horde mit der Herrschaft über „Kiew und das ganze russische Land“ betraut, während sein Bruder Andrei die Nachfolge als Großfürst von Wladimir antreten durfte. Vier Jahre später rückte Alexander selbst zum Großfürsten auf. Nicht nur Alexander profitierte von dem neuen Herrschertitel, den er 1252 in Sarai, dem Sitz der Goldenen Horde, erhielt. Auch den Mongolen war der mächtige Fürst von Nowgorod von großem Nutzen, schließlich gelang es ihm 1259 mit massivem militärischem Druck, die Tributpflicht der Mongolen auch in der reichen Handelsrepublik durchzusetzen.

Alexander Jaroslawitsch starb am 14. November 1263 in Gorodez an der Wolga auf dem Rückweg von der Goldenen Horde nach Wladimir. In Sarai hatte er sich den Chroniken zufolge darum bemüht, die Mongolen von Strafexpeditionen gegen rebellische Städte des russischen Landes abzuhalten. Kurz vor seinem Tod legte der Fürst nach damaliger Sitte das Mönchsgelübde ab, weshalb er auf den ältesten Heiligenbildern seiner Person aus dem 16. Jahrhundert im Habit eines orthodoxen Mönches zu sehen ist. In einem Grab im Mariä-Geburts-Kloster von Wladimir fand Alexander als Mönch Alexi am 23. November 1263 vorerst seine letzte Ruhe.


Die Sicht auf Alexander Newski im Wandel der Zeit

Die Karriere Alexander Newskis zu einem der wichtigsten russischen Nationalhelden war Ende des 13. Jahrhunderts noch nicht absehbar. Zunächst wurde die Erinnerung an seine Person von den Mönchen des Mariä-Geburts-Klosters in Wladimir gepflegt, in dessen Mauern sich sein Grab befand und wo Ende des 13. Jahrhunderts vermutlich auch die Urfassung seiner Heiligen-Vita entstand. In diesem Text, der in den folgenden Jahrhunderten vielfach kopiert, erweitert und umgeschrieben wurde, tritt uns Alexander als heiliger und rechtgläubiger Herrscher entgegen, der sich besondere Verdienste um den Schutz des russischen Landes und orthodoxen Glaubens erworben hatte. Anfangs war er ein klassischer Lokalheiliger, der vor allem am Ort seines Grabes, später auch in Nowgorod, als Schutzpatron verehrt wurde. Seine offizielle Kanonisierung durch die Russisch-Orthodoxe Kirche erfolgte erst im Jahr 1547 unter der Regentschaft von Zar Iwan IV.. Alexander Newski wurde in dieser Zeit als großer Wundertäter und als Schirmherr des russischen Landes bzw. himmlischer Helfer der Zaren im Kampf gegen äußere Feinde verehrt.

Eine deutliche Zäsur in der Erinnerungsgeschichte Alexander Newskis markiert die Regierungszeit Peters des Großen (1682-1725). Der erste russländische Imperator ließ die Gebeine des Fürsten 1723/24 von Wladimir in die neu gegründete Residenzstadt St. Petersburg verlegen, gründete dort ein prächtiges Alexander-Newski-Kloster und erkor den Heiligen zum Schutzpatron der neuen Hauptstadt und des ganzen Reiches. Es waren vor allem die Verdienste Alexanders im Kampf gegen die Schweden, die Peter I. bewogen, den Helden von der Newa symbolisch derart aufzuwerten. Nach seinem eigenen Triumph über König Karl XII. im Großen Nordischen Krieg beabsichtigte Peter, seinen eigenen Ruhm mit dem seines Vorfahren zu verschmelzen und dadurch zu vergrößern. Peter befahl den, Festtag des Heiligen im orthodoxen Kirchenkalender vom 23. November auf den 30. August, d. h. auf jenen Tag zu verlegen, an dem er selbst 1721 den Friedensvertrag mit Schweden unterzeichnet hatte. Am neuen Feiertag sollte von nun an sowohl an Peters Sieg im Nordischen Krieg als auch an die translatio der Reliquien Alexanders nach St. Petersburg erinnert werden. Zudem befahl der Imperator, der Heilige dürfe in Zukunft auf Ikonen nicht mehr als weltabgewandter Mönch, sondern nur noch im fürstlichen Ornat, das heißt als würdiger Urahn des allrussländischen Kaisers dargestellt werden.

Der heilige Fürst wurde in dieser Zeit vor allem aufgrund seiner Verdienste im Kampf gegen die Schweden, wegen seiner antikatholischen Haltung und seiner umsichtigen Mongolenpolitik verehrt. Es dauerte bis zum Ersten Weltkrieg, bis sich in Russland erste Versuche beobachten lassen, den Heiligen für die patriotische Mobilisierung gegen den deutschen Feind zu instrumentalisieren. Während des Krieges schmückte Alexander Newski als Reiterfigur patriotische Postkarten und Volksbilderbögen (lubki). Diese Beispiele antideutscher Propaganda können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Instrumentalisierung des mittelalterlichen Fürsten in den Jahren 1914-1917 noch bei weitem schwächer war als während des Großen Vaterländischen Krieges (1941-1945).

Nach der Machtübernahme durch die Bolschewiki im Jahre 1917 brach für den heiligen Alexander in Russland zunächst eine Zeit der Verdrängung und des Vergessens an. Wie andere Herrscher der vorrevolutionären Zeit wurde er aus den Geschichtsbüchern des neuen, sozialistischen Russlands verbannt.

Mitte der 1930er Jahre besann man sich darauf, dass man die Geschichte eines Landes mit einem Systemwechsel nicht einfach „wegrasieren“ kann. Auch in der sowjetischen Propaganda wurde Alexander Newski als genialer Feldherr und militärischer Stratege gefeiert.

Nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR im Sommer 1941 wurde Alexander Newski zu einem der wichtigsten historischen Vorbilder des antifaschistischen Abwehrkampfes aufgebaut. Josef Stalin beschwor in seiner berühmten Rede auf dem Roten Platz am 7. November 1941, die Rotarmisten sollten sich in ihrem Kampf vom Geiste Alexander Newskis leiten lassen. Seit 1942 wurden besonders tapfere Befehlshaber der Roten Armee mit dem sowjetischen Alexander-Newski-Orden ausgezeichnet.

Auch nach dem „Großen Vaterländischen Krieg“ wurde in der UdSSR an Alexander Newski als militärischer und politischer Führer erinnert, dessen Verdienste in erster Linie in der erfolgreichen Abwehr westlicher Mächte gegen die mittelalterliche Rus gesehen wurden. Die Siege des Nowgoroder Fürsten von 1240 und 1242 zählten zu den wichtigsten historischen Daten der eigenen Geschichte, die jedes sowjetische Schulkind kennen sollte.

Mit dem Antritt von Michail Gorbatschow im Jahre 1985 und der von ihm initiierten Perestroika und Glasnost erlebte die Erinnerung an Alexander Newski eine neue Phase der Pluralisierung. Im Sommer 1989 konnte die Russisch-Orthodoxe Kirche die Rückführung der Reliquien des Heiligen in das von ihm geweihte Kloster in St. Petersburg feiern. Damit wurde die Resakarlisierung der Erinnerung an den Fürsten aus dem 13. Jahrhundert in Russland eingeläutet. Bei der Verwaltung des Erbes des heiligen Alexander spricht die orthodoxe Kirche heute wieder ein gewichtiges Wort mit.

 Seit dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 lässt sich in Russland ein wahrer Boom der Erinnerung an den Heerführer aus dem 13. Jahrhundert beobachten. In zahlreichen Städten wurden dem Fürsten neue Denkmäler errichtet, der russische Buchmarkt erlebte eine regelrechte Flut neuer und wiederaufgelegter Publikationen über den Helden von der Newa, 2008 kam der Blockbuster „Alexander. Schlacht an der Newa“ in die russischen Kinos, in der Newski dem Publikum als ein mittelalterlicher Silvester Stallone vorgestellt wird. Im gleichen Jahr wurde der Held aus dem 13. Jahrhundert vom Publikum einer russischen TV-Show zur wichtigsten Persönlichkeit der russischen Geschichte gekürt.

 Seit dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 lässt sich in Russland ein wahrer Boom der Erinnerung an den Heerführer aus dem 13. Jahrhundert beobachten. In zahlreichen Städten wurden dem Fürsten neue Denkmäler errichtet, der russische Buchmarkt erlebte eine regelrechte Flut neuer und wiederaufgelegter Publikationen über den Helden von der Newa, 2008 kam der Blockbuster „Alexander. Schlacht an der Newa“ in die russischen Kinos, in der Newski dem Publikum als ein mittelalterlicher Silvester Stallone vorgestellt wird. Im gleichen Jahr wurde der Held aus dem 13. Jahrhundert vom Publikum einer russischen TV-Show zur wichtigsten Persönlichkeit der russischen Geschichte gekürt.

Im heutigen Russland eignet sich Alexander Newski aus mehreren Gründen als nationale Identifikationsfigur.  Er ist eine historische Persönlichkeit im Wandel der Zeit und der politischen und gesellschaftlichen Systeme. In jedem System ist Alexander Newski als Held und Vorbild gesehen worden. Newkis Biografie lässt sich auch heute in die Erzählung über die ruhmreichen Kapitel der russischen Militärgeschichte einfügen, die seit den 2000er Jahren ein wichtiges Fundament der patriotischen Erziehung der Jugend bildet.

Nur an wenigen Orten, wie dem „Jelzin-Zentrum“ in Jekaterinburg, wird Alexander Newski anders gesehen. Nun ja, was will man von einem Jelzin-Zentrum anderes erwarten?

Egal wie Alexander Newski gesehen wird, ohne sein Wirken in der Geschichte wäre das spätere Russland nie entstanden.

Siehe auch den entsprechenden Abschnitt im Buch „Das Sowjetland“, Band 1 „Die Vergangenheit des Sowjetlandes“ aus dem Jahre 1947.

 

Entnommen aus „Ost-West – Europäische Perspektiven“, bearbeitet von Petra Reichel

Der Kampf mit den Deutschen, Schweden und Tataren im 13. Und 14. Jahrhundert. Alexander Newskij und Dimitrij Donskoj 

1. Der Einfall der Mongolo-Tataren in Rusj

Das Kiewer Rusj, aufgeteilt in eine Reihe von Lehensfürstentümern, die sich untereinander befeindeten, war nicht imstande, den äußeren Feinden Widerstand zu leisten. Vom Westen her rückten die Deutschen, die Schweden, die Ungarn vor. Vom Südosten her fielen Polowzer aus den Steppen am Kaspischen und am Schwarzen Meer in die russischen Gebiete ein. Sie überfielen die bäuerlichen Siedlungen und schickten Scharen von russischen Gefangenen in die Polowezer Steppen und von dort aus auf die Sklavenmärkte des Ostens.

Nicht selten verabredeten sich die Fürsten selbst mit den Polowzern und verwüsteten mit ihnen gemeinsam die Ländereien ihrer Nachbarn. Die Städte und Dörfer des Dnjeprgebietes wurden entvölkert. Auch die Verlegung der Welthandelsstraßen brachte der wirtschaftlichen Entwicklung des Kiewer Rusj ernsthaften Schaden. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts begann der alte Wasserweg, der durch die Gebiete der Ostslawen hindurchführte und die Ostsee mit dem Schwarzen Meer verband, in Verfall zu geraten. Die fremdländischen Kauflaute brachten jetzt ihre Waren über das Mittelmeer nach dem Osten und zurück.

Ein trauriges Bild der Verwüstung des russischen Landes zeichnet ein unbekannter Verfasser am Ende des 12. Jahrhunderts in seinem Lied „Die Mär vom Heereszuge Igors“. „Damals kam das Leben der Menschen in den Zwistigkeiten der Fürsten um“, schreibt er, „damals war über der russischen Erde nur selten der Ruf des Pflügers zu hören, aber oft krächzten die Krähen über den Leichnamen der Erschlagenen, oft kreischten die Dohlen, die sich auf die Beute herabstürzten.“ Der Dichter beschreibt den Kriegszug der Nowgorod-Sewersker Fürsten mit dem Fürsten Igor Swjatoslawitsch an der Spitze gegen die Polowzer im Jahre 1185. In der erbitterten Schlacht wurde Igors Kriegsgefolge vernichtet, er selbst jedoch gefangengenommen.

Der Verfasser der „Mär vom Heereszug Igors“ ist ein glühender Patriot. Sein Gedicht ist von Vaterlandsliebe und vom Schmerz über dessen Unglück durchdrungen. In seinem Poem erklingt der Ruf nach Einigung des gesamten russischen Volkes.

Marx schreib, dass der Sinn des Gedichtes der Aufruf an die russischen Fürsten zur Einigung gerade vor dem Einfall der Mongolen gewesen war.

Die Mongolen oder die Tataren, wie die Russen sie nannten, waren ein Nomadenvolk, das seit alters her in den Steppen Zentralasiens nördlich von China lebte. Unter der Leitung ihres Anführers Dschingis-Khan bildeten die Mongolen eine gewaltige Kriegsmacht.

Die Mongolen waren berühmt durch treffsicheres Bogenschießen und waren gute Reiter. Sie trugen Helme und Panzer aus dickem Leder sowie mit Leder bezogene Schilde. Für die Belagerung von Städten verwendeten die Mongolen mauerbrechende Geräte – die sogenannten Widder (Tarany), die aus schweren Schwebebalken bestanden. Um in die belagerten Städte Steine und brennendes Naphtha zu werfen, gebrauchten sie besondere Wurfgeräte. Dschingis-Khans Krieger kannten kein Mitleid, keine Gnade gegenüber den Unterjochten. Dort, wo sie durchgezogen waren, blieben nur Brandstätten und Berge von Leichen zurück. Die Mongolen machten die Gefangen zu Sklaven. Ihre Feinde besiegten sie nicht nur mit militärischer Kraft, sondern auch mit List und Tücke.

Dschingis-Khan träumte von gewaltigen Eroberungen und der Weltherrschaft. Auf einem Siegel waren die Worte eingraviert: „Siegel des Beherrschers der Menschheit“. In kurzer Frist eroberte Dschingis-Khan Nordchina, ganz Mittelasien, Persien, den Kaukasus und rückte in die südlichen Steppen von Osteuropa vor. Die Polowezer Khane wandten sich an die russischen Fürsten um Hilfe: „Wenn ihr uns nicht helft“, sagten sie, „werden wir heute geschlagen, aber ihr morgen.“

Im Jahre 1223 zogen die russischen Fürsten gemeinsam mit den Polowzern gegen die Mongolen.

Aber unter den russischen Fürsten herrschte keine Eintracht. Die Tataren lockten die russischen Fürsten in die Steppe und schlugen am Ufer des Kalkaflusses, der in das Asowsche Meer mündet, zuerst die Polowzer, fielen dann aber über die vereinzelten russischen Abteilungen her und vernichteten sie in erbitterten Kämpfen.

Nach dem Sieg an der Kalka zogen sich die Mongolen wieder nach Asien zurück. Einige Jahre nach der Schlacht an der Kalka starb Dschingis-Kahn. Sein Reich hatte er unter seine Söhne und Enkel aufgeteilt. Seinem Enkel Batu hatte Dschingis-Khan sämtliche westlichen Länder vererbt. Batu machte sich mit einem großen Heer durch die kaspischen Steppen zur Eroberung von Osteuropa auf. Am Ende des Jahres 1237 fiel er in das Gebiet des Fürstentums Rjasan ein. Tapfer fingen die Rjasaner den ersten Schlag auf. Sechs Tage haben sie sich – nach der Sage- „so kräftig geschlagen, dass sogar die Erde unter ihnen gestöhnt hat“. Aber die tatarischen Kriegsscharen waren zu stark. Die Rjasaner „tranken den bitteren Todeskelch bis zur Neige und fielen dort alle gemeinsam“.

Die Legende berichtet, dass der Rjasaner Fürst Ewpatij Kolowrat, als er die mit den Leichen russischer Menschen bedeckte Erde seines Heimatlandes gesehen hatte, in der Umgebung der Stadt kühne Männer um sich versammelt und sich in den Kampf der Tataren gestürzt habe.

Lange Zeit konnten die Tataren nicht mit Ewaptijs Kriegsgefolge fertig werden. Erst, nachdem sie etwa 100 Wurfgeräte auf Schlitten gestellt und die Rjasaner mit Steinen und Pfeilen überschüttet hatten, gelang es den Tataren, Kolowrats Kriegsgefolge zu vernichten.

Das russische Volk leistete dem Tatareneinfall heldenmütigen Widerstand, aber die durch innere Fehden voneinander getrennten und geschwächten Fürstentümer konnten dem Druck der machtvollen tatarischen Horde nicht widerstehen.

Im folgenden Jahr, 1238, erstürmten und zerstörten die Tataren die Stadt Wladimir und vierzehn andere Städte des Landes Susdal. Moskau, das damals noch eine kleine und unbedeutende Stadt war, hatten die Tataren schon früher eingenommen. Batu wollte noch weiter nach Norden, in das Nowgoroder Land vordringen, aber Nowgorod war durch undurchdringliche Wälder und Sümpfe geschützt, und Batu kehrte in die Wolgasteppen zurück.

Auf dem Wege nach Süden leisteten viele russische Städte den tatarischen Eroberern hartnäckigen Widerstand. Unter ihnen wurde besonders die Stadt Koselsk durch ihren heldenmütigen Widerstand bekannt. Nach sieben Wochen des Kampfes fielen sämtliche Verteidiger von Koselsk. Die am Leben gebliebenen Frauen und Kinder befahlt Batu zu töten. Die Tataren nannten Koselsk eine „böse Stadt“.

Im Jahre 1240 rückten gewaltige Kriegsscharen der Tataren gegen Kiew vor und belagerten es. Batu bot den Einwohnern von Kiew an, sich kampflos zu ergeben, erhielt jedoch eine Absage. Die Tataren begannen, die Stadt Tag und Nacht mit Mauerbrechern zu zertrümmern, bis die Festungsmauer durchstoßen worden war, Kiew – die Mutter der russischen Städte- wurde in einen Trümmerhaufen verwandelt.

2. Die Vernichtung der schwedischen Eroberer und der deutschen Ritter durch Alexander Newskij

Das russische Land hatte den wuchtigen Schlag der mongolo-tatarischen Eroberer aufgefangen und damit Europa vor dem Tatareneinbruch gerettet. Jedoch in Westeuropa rüstete sich gegen das russische Volk eine neue Kriegsmacht, die nicht weniger gefährlich und grausam war: das Heer der deutschen Ritter. Mit Ritter bezeichnete man die bewaffneten adligen Grundbesitzer.

Im Altertum war mehr als die Hälfte des jetzigen Deutschlands von Slawen besiedelt. Dort, wo sich jetzt die Hauptstadt Deutschlands, Berlin, befindet, wohnten Slawen. Die deutsche Stadt Leipzig war früher slawisch und hieß Lipezk. Das Land Pommern hieß früher auf slawisch Pomorje (Küstengebiet). Die slawischen Ansiedlungen reichten bis jenseits des Flusses Laba oder, wie man ihn heute nennt: der Elbe.

Die westlichen Slawen waren ein Kulturvolk. Sie besaßen große Handelsstädte, wie z.B. Stargrad (von den Deutschen Oldenburg genannt), Schtschetin (deutsch Stettin) und andere. Bei den Westslawen blühten Handwerk und Ackerbau. Aber die slawischen Stämme waren voneinander getrennt und daher schwach. Sie hatten keinen einheitlichen starken Staat. Die deutschen Stämme machten sich das zunutze, die schickten sich an, die Slawen auszurotten und sich ihres Gebietes zu bemächtigen.

Vom 13. Jahrhundert an begann die Unterjochung auch der baltischen Stämme, der Preußen, Liven, Letten und Esten. In dieses Land, das reich an Pelztieren, Fischen und Honig war, kamen anfangs die deutschen Kaufleute, ihnen folgten die katholischen Geistlichen und schließlich die deutschen Ritter.

Im Jahre 1201 bauten die Deutschen an der Mündung der westlichen Düna die Stadt und später die Festung Riga, die ihr Stützpunkt für die Unterwerfung der baltischen und slawischen Stämme wurde.

Um die baltischen Stämme endgültig zu unterjochen, schlossen sich die deutschen Ritter im Jahre 1237 im Schwertbruderorden zusammen. Die Ritter dieses Ordens trugen einen weißen Mantel mit der Abbildung des Kreuzes und Schwertes (im Mittelalter bezeichnete man mit Orden eine militärisch-mönchische Bruderschaft). Dieser deutsche Orden, der sich im Baltikum festgesetzt hatte, begann nun, nach Osten in die russischen Gebiete weiter vorzudringen.

Als Batus Heerscharen nach Rusj vorrückten, beschlossen die Deutschen, dessen schwierige Lage auszunutzen, und begannen die von ihnen längst ausgedachten Pläne der Unterjochung der nordwestlichen russischen Gebiete, besonders von Pskow und Nowgorod, zu verwirklichen. Der römische Paps hatte den deutschen Rittern schon im Voraus seinen Segen erteilt und ihnen ihre Sünden vergeben. Gegen Rusj wurde ein Kreuzzug erklärt. Als Vorwand hierfür wurde die Unterstützung zum Anlass genommen, die Nowgorod den von den deutschen Rittern bedrängten Esten und Liven gewährt hatte. Die Eröffnung des Kreuzzuges gegen Nowgorod hatte der Papst dem schwedischen Regenten Birger übertragen. Ihm sollte Dänemark zu Hilfe kommen, dem man dafür einen Teil von Estland versprach. Die deutschen Ritter selbst planten einen Schlag gegen Pskow.

Alexander, der Fürst von Nowgorod, erkannte wohl die Gefahr, die Nowgorod und ganz Rusj drohte. Das schwedische Heer, mit Birger als Feldherr an der Spitze, galt als unbesiegbar. In Birgers Armee befanden sich auch Finnen, Norweger und deutsche Ritter. Sie waren gut bewaffnet und von ihrer Unbesiegbarkeit überzeugt.

Im Sommer des Jahres 1240 führte Birger seine Truppen zur Newamündung, dorthin, wo die Ishora in die einmündet. Die schwedischen Gesandten übermittelten Alexander die hochmütigen Worte Birgers: „Wenn Du kannst, so leiste Widerstand! Wisse, ich bin gekommen und werde Deine Gebiete in Besitz nehmen.“

Als Alexander dies vernommen hatte, „entflammte sein Herz“, wie die Erzählung berichtet, „vor Wut“, und er erließ einen Aufruf an die Nowgoroder: „Lasst uns die russische Erde verteidigen!“

Auf Alexanders Befehl fuhren einige seiner Abteilungen in Booten den Wolchow hinauf, während andere zu Pferde und zu Fuß heimlich am Newa-Ufer entlang vorrückten. Am Morgen des 15. Juli 1240, als der Morgennebel noch die Ufer der Newa bedeckte, schlugen Alexanders Mannen mit Ungestüm auf das Zentrum des schwedischen Lagers los. Die Schweden, die keinen Angriff erwartet hatten, schliefen ruhig und hatten – wie die Chronik erzählt- nicht einmal Zeit, „die Schwerter um ihre Lenden zu gürten“. Eine große Schlacht begann. Alexanders Mannen kämpften tapfer und standhaft.

Auch der junge Fürst Alexander selbst schlug sich mit Kühnheit und riss seine Mannen zu Heldentaten hin. Das geschlagene schwedische Heer trat einen „schmachvollen Rückzug“ an. Drei Schiffe mit toten und verwundeten Schweden verließen eiligst die Newa. Der Ruhm Alexanders kämpferischer Heldentat verbreitete sich über das ganze russische Land. Die Zeitgenossen nannten ihn wegen des Sieges an der Newa „Alexander Newskij“, während das Volk den Sieg an der Newa in seinen Liedern verherrlichte:

„Und es war eine Tat am Newaflusse,

An dem Newaflusse, an dem großen Strom,

Dort haben wir den bösen Feind zusammengeschlagen…

Und wir haben gerungen,

Wie haben wir gekämpft!

Die Schiffe haben wir in einzelne Bretter zerhackt,

Unser Herzblut haben wir für die große russische Erde

Die russische Erde treten wir nicht ab, {nicht geschont…

Wer nach Rusj kommt, der wird aufs Haupt geschlagen.“

Alexander Newskij 1218 bis 1263 (Nach einem Gemälde von P. Korin)
entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Die deutschen Ritter wussten wohl, dass die russischen Krieger kühn und tapfer sind und dass es schwer ist, sie im offenen Kampf zu besiegen. Unter dem Pskower Adel fanden sie in dem Fürsten Jaroslaw Wladimiroswitsch einen Verräter und arbeiteten mit seiner Hilfe einen Plan aus, um sich Pskows und Nowgorods zu bemächtigen. Den Zugang zu diesen Städten bildete Isborsk.

Isborsk wurde von den Deutschen im Sturm genommen und „niemand von den Russen“, so berichtet eine deutsche Chronik, „wurde in Ruhe gelassen, und über der ganzen Erde erhob sich ein Wehklagen und Gejammer“.

Ganz Pskow zog gegen die Deutschen, als man die Kunde von der Eroberung Isborks erfuhr. In der Schlacht jedoch fiel der Pskower Heerführer Gawrila Gorislawitsch. Da „führte“, nach den Worten des Chronisten, der Bojar Twerdila Iwankowitsch „die Deutschen nach Pskow“ und öffnete, ohne dass es das Volk wusste, dem Feind die Tore.

Nach der Eroberung von Pskow drangen die Deutschen in das Gebiet Nowgorod ein und eroberten zwei Vororte: Koporje und Tessowo. Jetzt war Nowgorod selbst bedroht- Fürst Alexander befand sich nicht in Nowgorod. Er hatte sich in sein Perejaslawer Teilfürstentum begeben, nachdem sein Bestreben, die fürstliche Macht dies Stadt zu stärken, bei den Bojaren auf Widerstand gestoßen war. Die Nowgoroder baten ihn, zurückzukehren und den Deutschen eine Abfuhr zu erteilen. Alexander eilte nach Nowgorod und begann Streitkräfte aufzubieten. Er sandte seine Mannen in alle Teile von Rusj; sie riefen die russischen Menschen auf, das Vaterland zu verteidigen: „Versammelt euch alle, klein und groß: wer ein Pferd hat, der soll zu Pferde kommen, wer kein Pferd hat, soll im Boot fahren.“

Alexander hatte begriffen, dass man nicht warten durfte, bis die Deutschen gegen Nowgorod marschieren. Er fasste den Beschluss, ihrem Angriff zuvorzukommen und als erster anzugreifen.

Vor allem warf Alexander eine starke Abteilung gegen Koporje, von wo aus der Fluss Luga einen guten Weg nach Nowgorod bildete. Die Deutschen hatten hier eine gut befestigte Burg errichtet. Alexander nahm Koporje in schnellem Sturmangriff und brachte die nordwestliche Grenz Nowgorods außer Gefahr.

Jedoch konnte die Verteidigung der Stadt Nowgorod nicht als sicher angesehen werden, solange deren „jüngere Schwester“ Pskow sich in den Händen der Deutschen befand. Die Nowgoroder Chronik berichtet: „Der Großfürst Alexander war mit gewaltigen Streitkräften mit seinem Bruder Andrej, mit den Nowgorodern und den Nisowzern in das von Deutschen besetzte Gebiet gezogen. Die Feinde sollen nicht prahlen: ‚Wir werden das slawische Volk unterwerfen!‘. Schon haben sie die Stadt Pskow eingenommen und ihre Diener in der Stadt eingesetzt; der Großfürst Alexander aber besetzte nun sämtliche nach Pskow führenden Wege, befreite die Stadt, verjagte die Deutschen und Tschuden; die deutschen Statthalter aber legte er in Ketten und schickte sie nach Nowgorod.“

Nachdem Alexander seine Grenzen nach Südwesten gesichert hatte, zog er nach der Befreiung von Pskow mit dem russischen Heer nach Westen. Er weg führte über die Stadt Isborsk, hinter der das Land der Esten begann. Hier hatten die Deutschen große Streitkräfte konzentriert. Es war zu Beginn des Frühlings – in den ersten Tagen des April im Jahre 1242.

Das Aprileis war stark genug, um die russischen Krieger, die mit Lanzen, Schwertern und Streitäxten bewaffnet waren, zu tragen. Jedoch für die Reiterei der Ordensritter, die aus schweren, in ihre Panzer eingeschlossenen Reitern bestand, war es schwierig, sich während des Kampfes auf dem Eis zu halten. Der begabte russische Heerführer kannte gut die schwachen und starken Seiten des Gegners. Er hatte sich für eine seine Truppen günstige Stellung auf dem Westufer des Tschudj-Sees (des Peipus-Sees), bei dem, „Krähenstein“, einem gewaltigen Felsen, ausgewählt.

In der Nacht zum 5. April 1242 machte Alexander Newskij bei seinen Regimentern die Runde und überzeugte sich noch einmal von der kriegerischen Stimmung.

Der Morgen brach heran, und die Schlacht entbrannte. „Es war eine grimmige Schlacht“, schreibt der Chronist über die Schlacht mit den deutschen Rittern, „und die russischen Krieger schlugen sie, verfolgten sie gleichsam wie durch die Luft, und nirgends konnten sie sich verstecken…“

Die Russen verfolgten die Ritter auf einer Strecke von sieben Kilometern und machten eine große Anzahl Gefangene. Viele deutsche Ritter brachen im Eise ein und kamen samt ihren Pferden um.

Nach der vernichtenden Niederlage auf dem Tschudj-See baten die deutschen Ritter die Nowgoroder um Frieden und versprachen, die früher eroberten Gebiete zurückzugeben. Der Fürst Alexander trug der Tatsache, dass die Kräfte des russischen Volkes noch zersplittert und schwach waren, Rechnung und riet den Nowgorodern, Frieden zu schließen.

Der Sieg der russischen Krieger auf dem Eis des Tschudj-Sees brachte das Vorrücken der Deutschen nach Osten zum Stehen und rettete die Völker Osteuropas vor der Unterjochung.

Die „Eisschlacht“ nachte die Eroberungspläne der deutschen Feudalherren gegenüber Rusj zunichte. Die russischen Menschen, die um ihre Unabhängigkeit tapfer kämpften, wendeten das furchtbare Lose von sich ab, germanisiert oder von den deutschen Feudalherren ausgerottet zu werden.

Alexander Newskij kämpfte um die Erhaltung der Unabhängigkeit und Unantastbarkeit der russischen Erde in jener schweren Zeit, als das durch die inneren Fehden der Fürsten zersplitterte und geschwächte Rusj dem gelichzeitigen Angriff zweier machtvoller Eroberer ausgesetzt war: im Osten seitens der Tataren, im Westen seitens der Deutschen.

3. Die Zerschmetterung der Mongolo-Tataren auf dem Kulikowo-Feld

Die Zerschmetterung der Deutschen auf dem Tschudj-See hatte gezeigt, wie groß die Kraft des russischen Volkes ist, wenn es in Einigkeit handelt. Aber noch gab es im russischen Lande keine Einigkeit, und die Mongolen machten sich dies zunutze. In den weiten Räumen von der Wolga bis nach Westsibirien gründeten sie ihren Staat- die Goldene Horde- und machten sich die russischen Fürstentümer abhängig. Der gesamten männlichen Bevölkerung in Rusj wurde ein tribut auferlegt. Damit sich niemand der Tributzahlung entziehen konnte, veranstalteten die Tataren eine Zählung der gesamten russischen Bevölkerung. Über ganz Rusj jagten die grimmigen tatarischen Tributeinnehmer, die Basaki. Sie waren grausam und unerbittlich. Diejenigen, die den Tribut nicht zahlten, wurden in die Sklaverei verkauft.

Die besten russischen Handwerker wurden von den Tataren in die Horde weggeführt, die gesündesten und stärksten Jünglinge in ihre Kriegsscharen eingereiht.

Aber die russischen Menschen unterwarfen sich den grausamen Bedrückern nicht. Wiederholt lehnten sie sich gegen „die grausame basurmanische Quälerei“

Die Gewaltakte gegenüber den Tributeinnehmern waren so häufig, dass die Tataren gezwungen waren, die Eintreibung des Tributs den russischen Fürsten zu übertragen. Den eingetriebenen Tribut überreichten die Fürsten der Horde durch ihre Großfürsten.

Die Khane förderten die Zwistigkeiten und Kriege zwischen den Fürsten und hinderten die Vereinigung der russischen Länder. Gemäß der Charakteristik von Marx bestand die dauernde Politik der Horde in dem Bestreben, einen russischen Fürsten mit Hilfe eines anderen niederzuhalten, ihre Zwietracht zu nähren, ihre Kräfte im Gleichgewicht zu halten und keinem von ihnen zu gestatten, stark zu werden.

Das schwere Tatarenjoch währte länger als zweihundert Jahre. Marx schrieb, das das Tatarenjoch nicht nur belastete, sondern kränkte und selbst die Seele des Volkes verdarb, das sein Opfer wurde.

Nach dem Zerfall des Kiewer Staates im 13. Jahrhundert verlagerte sich das Zentrum des politischen Lebens nach Nordosten, in das Land Wladimir-Susdal. Die Hauptstadt von Rusj war jetzt Wladimir, das vom Fürsten Wladimir Monomach gegründet worden war.

Die Khane der Goldenen Horde ernannten gewöhnlich einen russischen Fürsten zum Großfürsten von Wladimir. Der Großfürst, der von dem Khan einen Jarlyk (eine Belehnungsurkunde) für das Großfürstentum erhalten hatte, gliederte seinen Besitz die Stadt Wladimir und die sie umgebenden Lande an.

Im 13. Und 14. Jahrhundert gab es in im späteren Zentrum von Groß-Russland verschiedene selbstständige Fürstentümer (Teilfürstentümer): Rostow-Susdal, Twer, Rjasan, Jaroslawl, Kostroma, Nishnij-Nowgorod, sowie auch die Besitzungen von Nowgorod und Pskow. Unter diesen begann Moskau sich hervorzutun.

In der Chronik wird Moskau zum ersten Mal im Jahre 1147 erwähnt. Zu jener Zeit war es ein kleiner Herrensitz des Rostow-Susdaler Fürsten Jurij Dolgorukij. Jedoch die günstige Lage Moskaus, das auf dem hohen Ufer der Moskwa, einem Zufluss der Oka, mitten im Zentrum sich kreuzender Verkehrswege, lag, zog eine große Menge russischer Siedler herbei. Der Fürst Daniil, Alexander Newkijs Sohn, der Moskau als Teilfürstentum erhalten hatte, siedelte dorthin über und legte den Grund für das Fürstentum Moskau.

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts vergrößerten die Moskauer Fürsten das Territorium des Moskauer Fürstentums um das Doppelte. Unter der wohlwollenden Teilnahme der Bevölkerung, die durch die gegenseitigen Kämpfe der Fürsten gequält und verarmt war, vereinigten die Moskauer Fürsten erfolgreich die um Moskau liegenden Lande. Einer der ersten, die die russischen Länder vereinigten, war Iwan Kalita (Kalita bedeutet „Geldsack“). Er war ein geiziger, reicher, schlauer und weitschauender Fürst. Es gelang ihm, die Unterstützung des tatarischen Khans sich zunutze zu machen und mit dessen Hilfe sich von seinen Rivalen zu befreien.

Iwan Kalita verstand es auch, den russischen Metropoliten für sich zu gewinnen, welcher seinen Sitz von Wladimir nach Moskau verlegt hatte. Von diesen Zeiten an wurde die Kirche den Moskauer Fürsten in ihrem Kampf um die Vereinigung aller russischer Länder um Moskau ein einflussreicher Bundesgenosse.

Nachdem der energische und unternehmungslustige Kalita den Jarlyk (die Belehnungsurkunde) für das Großfürstetum Wladimir erhalten hatte, begann er, Amtsbezirke und Dörfer anderer Fürsten und Bojaren aufzukaufen, von der „Horde“ russische Gefangene loszukaufen und in seinen Landen anzusiedeln. Den Neusiedlern gewährte er Vergünstigungen, befreite sie von Steuerzahlungen. Die im Moskauer Lande errichteten Klöster führten eine Großwirtschaft und lockten gleichfalls Siedler herbei. Auch die Handelsbeziehungen Moskaus hatten zugenommen. Iwan Kalita säuberte die großen Handelsstraßen von Räubern und förderte auf diese Weise die Entwicklung des Handelsverkehrs. Die Moskauer Fürsten wurden die reichsten von allen russischen Fürsten. Der Chronist vermerkt lobend und billigend, dass Iwan Kalita der Organisator der inneren Ordnung und der Verteidiger der russischen Erde vor der unheilvollen tatarischen Zerstörung wurde: „Und es trat eine große Stille im ganzen russischen Lande ein, und die Tataren hörten auf, es zu bekämpfen.“

Auf diese Weise begann unter Iwan Kalita das Territorium des künftigen russischen Staates mit Moskau als Zentrum sich herauszubilden. Die Söhne Kalitas setzten ihres Vaters Politik der Vereinigung der russischen Lande rings um Moskau fort. Marx weist darauf hin, dass sie diese eifrig, konsequent und stetig verfolgten.

Nach dem Tode Iwan Kalitas verschaffte sich sein Sohn Semjon Iwanowitsch, mit dem Beinamen „der Stolze“, den Jarlyk für das Großfürstentum.

Sterbend hinterließ Semjon der Stolze seinen Söhnen und Enkeln das Vermächtnis, die unheilvollen Zwistigkeiten zu vermeiden und Kräfte zu sammeln für den Entscheidungskampf mit dem Hauptfeind des russischen Volkes – den mongolo-tatarischen Eroberern. Die große Aufgabe begann das russische Volk unter der Leitung von Iwan Kalitas Enkel- Dimitrij Iwanowitsch, mit dem späteren Beinamen „Donskoj“, erfolgreich zu verwirklichen.

Der Moskauer Fürst Dimitrij Iwanowitsch wurde im Oktober 1350 geboren. Sein Vater (der Bruder Semjons des Stolzen) starb, als Dimitrij erst im 10. Lebensjahr stand. Dimitrijs Kindheit und Jugend vergingen unter den Bedingungen eines langwierigen und schweren Feudalringens um die Vormachtstellung. Die Gegner Moskaus trachteten danach, den minderjährigen Dimitrij des Großfürstenthrones zu berauben, aber die Moskauer Bojaren und der Metropolit verteidigten ihn für Dimitrij. Moskau wuchs und wurde stark. Dimitrij brachte- wie die Chronik berichtet- „sämtliche Fürsten unter seine Botmäßigkeit und ging gegen jene vor, die sich seinem Willen nicht unterordnen wollten.“ Als seine Hauptaufgabe betrachtete er den Kampf gegen die Unterdrücker des russischen Volkes-die Tataren. In seinen Vorbereitungen hierzu beschloss Dimitrij, vor allem die Hauptstadt seines Staates-Moskau- zu befestigen. Wie auch die anderen Festungsstädte jener Zeit, war Moskau von einer hölzernen Schutzwehr umgeben. Die von der Schutzwehr umgebende Festungsanlage hieß „Kreml“.

Diese Holzwände gerieten öfters in Brand und wurden sehr baufällig. Fürst Dimitrij Iwanowitsch beschloss darum, neue Kremlmauern aus Stein zu bauen. In den Steinbrüchen nahe bei Moskau fand man weiße Steine und brachte sie auf Kähnen in die Stadt. Steinmetzen behauten diese Steine zu großen viereckigen Platten und errichteten eine neue, massive Steinmauer, die den Moskauer Kreml umgab. Von jener Zeit an nannte der Volksmund Moskau „das Weißsteinige“. Der Steinerne Kreml, der von dem Fürsten Dimitrij im Jahre 1367 fertig gebaut worden war, wurde eine sichere Festung des Moskauer Staates.

Für den Kampf mit dem starken Feind waren bewaffnete Kräfte im Staat notwendig. Der Fürst verstärkte auf jede Weise das fürstliche Kriegsgefolge und schuf allmählich starke, gut ausgebildete Regimenter. Sämtliche Fürsten und Bojaren waren dem Großfürsten gegenüber zum Dienst verpflichtet; an den Sammelpunkten mussten sie „mit Pferden, Mannen und bewaffnet“ sich einfinden.

Die Bewaffnung der Moskauer Krieger bestand aus Schwertern, Streitäxten und runden Schilden zur Abwehr der Schläge. Man schoss mit Pfeil und Bogen. Die Spitzen der Pfeile waren aus Eisen. Den Kopf eines Kriegers bedeckte ein Helm aus Metall, die Brust wurde von einem Ringpanzernetz (Panzerhemd) geschützt.

Inzwischen begann die Goldene Horde merklich schwächer zu werden. In ihren Reihen wurde ein ununterbrochener Kampf um die Macht ausgetragen. Es kam vor, dass in der Horde mehrere Khane zugleich herrschten, die sich untereinander befehdeten. Unter Ausnutzung der Zwistigkeiten der Khane ergriff die Macht einer der tatarischen Heerführer, Mamaj, der ein 10 000 Mann umfassendes tatarisches Heer, oder eine „Tjma“ befehligte. Er träumte davon, die ehemalige Macht der Goldenen Horde wiederherzustellen und das russische Land noch mehr zu unterjochen. Mamaj befahl den Fürsten der Horde, sich für einen Feldzug nach Russland zu rüsten. In alle Besitzungen der Horde schickte er den Befehlt: „Niemand soll Getreide säen! Stellt Euch auf das Getreide der russischen Lande ein!“

Im Sommer 1380 versammelte Mamaj für den Feldzug nach Russland ein gewaltiges Heer. „Seit Batus Zeiten“, schreibt der Chronist, „hatte es ein solches Heer nicht gegeben.“ Aber Mamaj begnügte sich nicht damit. Er schloss ein Kriegsbündnis mit dem litauischen Fürsten Jagiello und trat in Verhandlungen mit Oleg, dem Fürsten von Rjasan.

Eine furchtbare Gefahr schwebte über Rusj. Dimitrij sandte an alle Städte Aufrufe, in denen die Fürsten mit ihren Mannen aufgefordert wurden, sich mit Moskau zu vereinigen. Der Aufruf fand bei den russischen Menschen feurigen Widerhall. Moskau wurde das Zentrum des Kampfes um die Befreiung des russischen Volkes vom tatarischen Joch.

Das große russische Heer, das unter den Fahnen des Fürsten Dimitrij aufgeboten war, brach feierlich von Moskau nach Kolomma auf. Hier veranstaltete der Fürst Dimitrij eine Truppenschau.

Dimitrij hatte erfahren, dass die Tataren planten, sich mit den Litauern zu vereinigen und mit ihnen gemeinsam die Russen anzugreifen. Er beschloss, der Vereinigung der feindlichen Heere zuvorzukommen. Die russischen Regimenter setzten über die Oka und gelangten im schnellen Marsch an den Don. Mamajs Heerscharen standen zu dieser Zeit jenseits des Dons in Erwartung der Bundesgenossen.

Bis zur Ankunft der Litauer waren es noch drei Tage. Fürst Dimitrij entschloss sich, die Feinde einzeln zu schlagen. Er sprach zu den Truppen: „Liebe Freunde und Brüder! Wisset, ich bin nicht hierhergekommen, um auf Oleg oder Jagiello zu schauen oder den Don zu sichern, sondern um das russische Land vor Knechtschaft und Vernichtung zu bewahren, oder meinen Kopf für Russland herzugeben. Ein ehrenhafter Tod ist besser als ein schmachvolles Leben. Besser wäre es, überhaupt nicht gegen die Tataren zu ziehen, als gegen sie zu ziehen und, ohne etwas getan zu haben, wieder umzukehren. Heute schon werden wir über den Don setzen und dort entweder siegen und das ganze russische Volk vor dem Untergang bewahren, oder unsere Köpfe dem Vaterland zu opfern.“

In der Nacht vom 07. Zum 08. September begann der Übergang über den Don. Bei Tagesanbruch hatten sich die russischen Truppen auf den Hügeln bei der breiten Ebene jenseits des Dons in der Nähe der Mündung des Flusses Neprjadwa aufgestellt. Diese Ebene wurde das Kulikowo-Feld genannt. Unter dem Schutz des Morgennebels nahmen die russischen Truppen günstige Stellungen ein. Einem der Regimenter, unter Führung des Fürsten Wladimir Andrejewitsch, Dimitrijs Waffengefährten und Vetter, sowie des tapferen Wojwoden Dimitrij Bobrok, mit dem Beinamen „der Wolhynier“, war befohlen, im dichten Wald verborgen, in Reserve zu bleiben.

Als die Sonne wärmer schien und der Nebel sich zerteilte, kam die russische Streitmacht schnell von den Hügeln herunter. Im tatarischen Lager hatte man die Russen nicht erwartet und sich für das Mittagessen eingerichtet. Die Tataren mussten ihre Kessel im Stich lassen und die Schlacht aufnehmen. Nahe gegeneinandergerückt, machten beide Heere halt. Ein tatarischer Reiter von riesigem Wuchs ritt auf die Russen zu. Höhnend forderte er einen ihm an Stärke gleichkommenden russischen Recken zum Zweikampf heraus. Als Antwort auf die Herausforderung löste sich ein Reiter aus den russischen Reihen. Über seiner Rüstung trug er Mönchskleidung. Er war der Mönch und Recke Pereswjet. Die Reiter stürzten aufeinander los und führten die Lanzen mit solcher Wucht, dass beide sogleich tot zu Boden stürzten.

DA sprach Fürst Dimitrij zu seinen Kriegern: „Brüder, kühne russische Männer! Die Zeit ist da, und die Stunde ist gekommen!“ Auf sein Zeichen stürzten die Krieger in die Schlacht. Es war ein erbittertes und blutiges Ringen. „Die Lanzen zerbrachen wie Strohhalme“, berichtet der Chronist. „Der Staub verdunkelte die Sonne, die Pfeile fielen wie Regen.“ Fünf Stunden schlug man sich, aber weder die Tataren noch die Russen gewannen die Überhand. Die Tataren warfen auf dem linken Flügel ihre in Reserve gehaltenen schweren Reiter in die Schlacht.

Da griff das russische Reserveregiment die Tataren, die schon bereit waren, den Sieg zu feiern, im Rücken an. Die durch den unerwarteten Schlag überraschten und durch den furchtbaren Kampf ermatteten Tataren wandten sich zur Flucht.

Mamaj, der von seinem Hügel aus sah, dass die Schlacht verloren war, floh mit den Resten seines Heeres. Bei dem Übergang über den Fluss Krassiwaja Metsch kamen viele Tataren ums Leben. Den Russen fiel eine gewaltige Beute in die Hände: Rinderherden, prachtvolle Pferde, die prächtigen Zelte Mamajs und seiner Mursy (d.s. tatarische Fürsten).

Ende September kehrten die Russen siegreich nach Moskau zurück. Der Fürst Dimitrij erhielt für diesen bedeutsamen Sieg die ruhmvolle Bezeichnung „Donskoj“.

Die Kulikower Schlacht ließ erkennen, dass die für unbesiegbar gehaltenen Tataren geschlagen werden können, wenn das russische Volk sich einmütig zum Kampf für seine Unabhängigkeit erhebt. Aber die politische Einigung von Rusj war noch nicht vollendet und das Tatarenjoch noch nicht abgeschüttelt. Der Kulikower Sieg hatte die tatarische Horde stark geschwächt, aber noch nicht vernichtet.

Dimitij Donskoj starb am 19. Mai 1389; er hinterließ seinen Kindern das Vermächtnis, in Frieden und Freundschaft zu leben und den Russischen Staat zu festigen.

Das tapfere Vorbild Dimitrij Donskoj und seine kriegerischen Heldentaten wurden vom Volk nicht vergessen. In ihren Liedern verherrlichten die alten Guslispieler die Verdienste es Fürsten Dimitrij:

„Kommt herbei, ihr russischen Brüder und Söhne,                                                                                         Lasset uns ein Lied verfassen,                                                                                                                         Lasset uns das russische Land aufheitern,                                                                                                       Lasset uns den Sieg über Mamaj preisen.“

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 „Die Vergangenheit des Sowjetlandes“ aus dem Jahre 1947

Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Fritz Selbmann

Friedrich Wilhelm „Fritz“ Selbmann, geboren am 29. September 1899 in Lauterbach (Hessen), gestorben am 26. Januar 1975 in Berlin/DDR war Parteipolitiker, Minister und Schriftsteller in der DDR.

Fritz Selbmann (links) und Otto Grotewohl (1949)
Bildquelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-S88297 / Igel / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5436606

Fritz Selbmann war Sohn eines Kupferschmiedes. Er arbeitete bereits mit 17 Jahren unter Tage, war Soldat im Ersten Weltkrieg und 1918 Mitglied eines Arbeiter- und Soldatenrates. 1920 trat er in die USPD ein und 1922 in die KPD. In der Weimarer Republik wurde er mehrfach wegen politischer Tätigkeit verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Er war vom 4. Oktober 1930 bis zu seiner Mandatsniederlegung am 22. August 1932 Mitglied des Preußischen Landtages[1], 1932/33 Mitglied des Reichstages und politischer Sekretär in den Bezirken Oberschlesien und Sachsen. Selbmann nahm am 7. Februar 1933 an der illegalen Tagung des Zentralkomitees der KPD im Sporthaus Ziegenhals bei Berlin teil.[2] Im gleichen Jahr wurde er verhaftet und überlebte den Faschismus in Zuchthäusern und KZs (KZ Sachsenhausen und KZ Flossenbürg, siehe „Die lange Nacht“, 1961).

Nach der Befreiung vom Faschismus hatte er in der SBZ (stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Wirtschaftskommission) und in der DDR hohe Funktionen inne (u. a. Minister für Industrie, später Minister für Schwerindustrie und stellvertretender Vorsitzender der Staatlichen Plankommission und des Volkswirtschaftsrates).

Anlässlich der versuchten Konterrevolution am 17. Juni 1953 war er einer der wenigen prominenten SED-Politiker, die sich in Berlin den Streikenden stellten. Als sich am 16. Juni 1953 Tausende von Bauarbeitern auf dem Platz vor dem Haus der Ministerien in der Leipziger Straße versammelt hatten, um gegen die Erhöhung ihrer Arbeitsnormen zu protestieren, begab er sich mutig unter die Demonstranten und versuchte von einem Bürotisch herab zu ihnen zu sprechen. Aber der aufgestaute Unmut der Arbeiter war schon zu groß. Selbst seine Mitteilung, das Politbüro habe die Normenerhöhung soeben zurückgenommen, vermochte die aufgebrachte Menge nicht zu beruhigen. Sein Hinweis, er sei doch selber ein Arbeiter, stieß auf entschiedene Ablehnung. Selbmann musste abtreten. Der begonnene Arbeiterprotest entwickelte sich zum Volksaufstand. In seinem am 21. Juni 1953 auf der Parteiaktivtagung in Dresden gehaltenen Referat bezeichnete Selbmann den Aufstand als „unerhörten Schandfleck der deutschen Arbeiterbewegung“ und verglich ihn mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.[3]

1954 bis 1958 war Selbmann Mitglied des ZK der SED. Wegen „abweichender Haltung“ wurde er von Walter Ulbricht 1958 im Umfeld der sogenannten SchirdewanWollweber-Fraktion in der SED-Führung aus seinen politischen und staatlichen Ämtern gedrängt und verlegte sich auf die Schriftstellerei. Die Kämpfe um die sozialistische Planerfüllung waren sein vorherrschendes Motiv.

Bis zu seinem Tod lebte Fritz Selbmann als freischaffender Schriftsteller in Berlin, erst in Karlshorst und dann ab 1965 in Müggelheim. 1969–1975 war er einer der Vizepräsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes. Er veröffentlichte 1970 im Mitteldeutschen Verlag, Halle/Saale, unter dem Titel „Alternative, Bilanz, Credo. Versuch einer Selbstdarstellung“ seine Autobiografie.

 

Gedenktafel in Lauterbach
Bildquelle: Von Reinhardhauke – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19914809

Seine Urne wurde in der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin-Lichtenberg beigesetzt. Nach Selbmanns Tod wurde 1977 eine Schule in Müggelheim nach ihm benannt (16. POS „Fritz Selbmann“), die nach 1989 wieder umbenannt wurde.[4] Auch in Leipzig gab es eine nach ihm benannte Schule (88. POS „Fritz Selbmann“, Alte Salzstrasse 123). Schon 1950 war die Fachschule für Elektrotechnik in Mittweida nach Selbmann benannt worden.[5]

Grabstätte
Bildquelle: Von Z thomas – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52555270

Sein Sohn Erich war Journalist und Chefredakteur der „Aktuellen Kamera“ (Nachrichtensendung des Fernsehens der DDR).

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

Bruno Leuschner

Bruno Max Leuschner, geboren am 12. August 1910 in Rixdorf, gestorben am 10. Februar 1965 in Berlin/DDR war Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED und Vorsitzender der Staatlichen Plankommission der DDR. 

Bruno Leuschner (1963)
Bildquelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-B1026-0004-005 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5360676

Bruno Leuschner war der Sohn eines Schuhmachers[1] und absolvierte nach dem Besuch der Mittelschule von 1925 bis 1928 eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei der Konfektionsfabrik „Lachmann & Meyer“ in Berlin, wo er danach als Expedient, Calculator, Verkäufer und zuletzt als Mitarbeiter der Exportabteilung arbeitete. Er besuchte 1928 bis 1931 Abendkurse an der Lessing- und der Humboldt-Hochschule Berlin und die Marxistische Arbeiterschule, wo er u. a. Unterricht bei Hermann Duncker und Ernst Schneller hatte. 1931 trat er der KPD bei und arbeitete ab 1933 in verschiedenen Funktionen, so unter anderen als Mitarbeiter der illegalen Zeitung „Der Rote Wedding“ und in M-Apparat der KPD unter dem Decknamen „Max“, für die Partei. Im Jahr 1936 wurde Leuschner verhaftet und 1937 vom Kammergericht Berlin zu einer Strafe von sechs Jahren Zuchthaus wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt, die er in den Zuchthäusern Zuchthaus Brandenburg-Görden und Sonnenburg verbüßte. Danach war er 1942 bis 1944 im KZ Sachsenhausen und bis 1945 im KZ Mauthausen in Haft.

Leuschner war 1945 am Aufbau der Wirtschaftsabteilung der KPD beteiligt, deren Vorsitzender er wurde. Als Leiter der Abteilung Wirtschaft und Finanzen der SED war er ab 1947 maßgeblich am Aufbau der Deutschen Wirtschaftskommission beteiligt, wo er zunächst Leiter der Abteilung für Wirtschaftsfragen und ab 1948 zuständig für Planung war. In dieser Funktion war er entscheidend an der Ausarbeitung des Halbjahresplanes 1948 und des Zweijahresplanes 1949/1950 beteiligt.

Von 1950 bis 1952 war er erster Stellvertreter des Vorsitzenden und von 1952 bis 1961 als Nachfolger von Heinrich Rau Vorsitzender der Staatlichen Plankommission. Außerdem war er von 1950 bis 1965 Mitglied des Zentralkomitees der SED, von 1953 bis 1965 Abgeordneter der Volkskammer, ab 1953 Kandidat und ab 1958 Mitglied des Politbüros des ZK der SED, 1955 bis 1965 stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates, 1960 bis 1963 Mitglied des Staatsrates und 1960 bis 1965 Mitglied des Nationalen Verteidigungsrates. Im Jahr 1961 wurde er vom ZK der SED seiner Funktion als Vorsitzender der Staatlichen Plankommission entbunden, wurde Minister für die Koordination volkswirtschaftlicher Grundaufgaben beim Präsidium des Ministerrates und ab Juni 1962 Ständiger Vertreter der DDR im Exekutivkomitee des RGW.

 

Leuna-Werke, Chemiekonferenz am 3. November 1958
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Leuschner war mit Renate Bischoff (1924–2018) verheiratet und Vater von zwei Söhnen.[2]

Leuschners Urne wurde in der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin-Lichtenberg beigesetzt.

Bildquelle: Von Z thomas – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52555383

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel