Bericht der Bezirksverwaltung Leipzig

Bezirksverwaltung Leipzig – Abteilung II.-   Leipzig, den 20.01. 1953

Bericht

Betrifft: Meisner, Wilhelm

Am 19.01.1953 meldete sich Meisner auf der Interzonenpassstelle. Er berichtete anschließend auf dem VPKA (Volkspolizei-Kreisamt) folgende Beobachtungen, die er bei seinem Aufenthalt in Westdeutschland gewann:

  1. Er hat festgestellt, dass der Bahnhof Farsberg (Truppenübungsplatz Hohenfels-Farsberg) erweitert wird. Es werden zahlreiche neue Gleisanlagen, Laderampen und Unterführungen gebaut-Außerdem sind große Zufahrtsstraßen zum Bahnhof angelegt worden. Am Bahnhof wird Tag und Nacht gearbeitet.
  2. Die Regentalstraße die nach der CSR (später CSSR, heute Tschechien) führt wird in voller Länge erneuert und teilweise verbreitert. Die Straße wird bis unmittelbar an die Grenze (Fürth im Walde) asphaltiert. Vor einigen Monaten war auf den Grenzstraßen auch in der Grenznähe auf der Regentalstraße sehr wenig Verkehr. Jetzt ist dort bis in die unmittelbare Grenznähe ein sehr starker Verkehr von schweren amerikanischen Lastwagen und Omnibussen. Die Lastwagen sind mit Planen verdeckt, so dass deren Last nicht zu sehen ist.
  3. Die Infanteriekasernen in Regensburg werden erweitert und zahlreiche neue Gebäude gebaut. In diesen Gebäuden befindet sich die sogenannte Westdeutsche Grenzschutzpolizei. Es werden dort laufend neue „Polizisten“ einquartiert. 500 Meter davon entfernt sind die amerikanischen Kasernen. In diesen Kasernen sind vor allem junge Farbige untergebracht(Damals herrschte in den USA die Rassentrennung. P.R.), die zu Übungen usw. nach Grafenwöhr gebracht werden. Im ganzen Gebiet sind neue amerikanische Truppen eingetroffen. Die Ausschreitungen der Truppen und die Zusammenstöße mit der Bevölkerung haben sich vermehrt. Die Bevölkerung verhalte sich gleichgültiger und träger als früher. Man habe sich bereits an die Zustände gewöhnt. Besonders trägt zu der passiven Haltung die außerordentliche starke Hetze und Verleumdung gegen die DDR und SU bei. Die Kirche ist in dieser Hinsicht ein Hauptantreiber.
  4. Wie er durch einen Freund erfahren hat, bekommt die deutsche Grenzpolizei durch Amerikaner in Grafenwöhr jetzt unter anderem eine Ausbildung an Panzerspähwagen. Dieser Freund stammt aus dem Heimatort des Meisner und ist ihm aber wie viele nur mit Vornamen bekannt. Er hat noch verschiedene Freunde, die jetzt bei der Bereitschaftspolizei sind. Besonders sein Bruder steht mit denen in Verbindung und kann von ihnen Dinge erfahren. Die Werbung für die Polizei ist sehr intensiv und auch erfolgreich. Weiterhin bemerkte er, dass der Flugplatz bei Cham erweitert und ausgebaut wird. Auch dort sind neue Truppe. Er hat noch einen Bekannten (Name geschwärzt), der Automechaniker bei einer Einheit der Bereitschaftspolizei in der Nähe von Stuttgart sei. Auch dort würde die „Polizei“ zur Zeit an Panzerspähwagen ausgebildet. Die politische Schulung wäre jetzt bei der eingeführt. Hauptinhalt der Schulung ist eine Hetze gegen die DDR und SU. Mit der (Name geschwärzt) sei er bekannt (in Hof). Der (Name geschwärzt) sei Angestellter bei einer amerikanischen Dienststelle.
  5. Nach seinen eigenen Beobachtungen ist die nächste CIC-Dienststelle in Regensburg, Landshuter Straße..Auch der BVSA sein in Regensburg. In der Straubingstraße in Regensburg sei ein „Flüchtlingslager“:

 

Bei seinem letzten Aufenthalt hat Meisner bei A (Rest des Namens geschwärzt) gewohnt. Der A. beschafft ihm die Aufenthaltsgenehmigung. A. sei in der Gegend einflussreich und will ihm einen westdeutschen Personalausweis beschaffen. Da Meisner zusammen mit einem Studienkameraden eine Schrift über Jugendkriminalität in Westdeutschland schreiben will, wird ihm sein Onkel eine Möglichkeit verschaffen, das Zuchthaus für jugendliche Schwerverbrecher in Straubing zu besuchen. Dicht daneben sie das amerikanische Militärzuchthaus

Meisner möchte Ostern wieder nach Westdeutschland und erklärte sich aus freien Stücken bereit dem Ministerium (für Staatssicherheit) behilflich zu sein. Er versicherte mehrfach, dass wir ihm vertrauen können.

Der nächste Treff wird brieflich vereinbart. Er bekam die Telefonnummer 31 669.

Die Schweigeverpflichtung schrieb er ohne Zögern, obwohl er zuerst eine Art Misstrauen darin sah.

Meisner hinterließ den Eindruck eines klugen, energischen, ehrlichen und sehr beweglichen Menschen. Er ist zur Mitarbeit sehr bereitwillig und trotzdem auf seine Sicherheit bedacht.

Unterzeichnet

Geyer und Hutschenreuter

(In Klammern und Kursivschrift Hinzufügungen von Petra Reichel zum besseren Verständnis.)

 

Dokument entnommen aus der Broschüre vom Bundesarchiv: MfS im Westen

Mündlicher Auftrag

Bezirksverwaltung Leipzig                                 26.03.1953

Betrifft: Mündlicher Auftrag

 

Der zur Anwerbung stehende

Meisner, Wilhelm, geb. (geschwärzt) 1928 in Hof am Regen, fährt am 28.03.1953 auf ca. 8 Tage nach Westdeutschland zu seinen Eltern, die (Wohnort geschwärzt) wohnen. Meisner verbringt dort seine Osterferien und nimmt an der Hochzeit seines Bruders in Grafenwiesen Kreis Regensburg teil.

Bei seinem Aufenthalt soll er zugleich im Rahmen seiner Möglichkeiten feststellen, welch

  1. Dienststellen des amerikanischen Geheimdienstes im Kreis Regensburg, sich befinden. Nach   Möglichkeit die Lage der Dienststellen, feststellen und welches Personal auf diesen Dienststellen tätig ist.
  2. Welche militärischen Objekte befinden sich im Bezirk Regensburg? Dabei ist besonders acht zu geben in der Nähe des Truppenübungsplatzes Hohenfels/Farsberg und des Flugplatzes Cham.                                                                   Hier interessiert der Charakter, Lage und Beschaffenheit dieser Objekte.                  Welche Einheiten befinden sich in dem Objekt und wie sind diese ausgerüstet?       Zahl der dort stationierten Truppen.
  3. Welche Veränderungen werden an den Verkehrsverhältnissen im Bezirk Regensburg vorgenommen? (Straßenbauten in Richtung der CSR (später CSSR, heute Tschechien) -Grenze, Eisenbahnbauten). Zu welchem Zweck erfolgen diese Veränderungen und wo werden sie vorgenommen?      Umfang dieser Bauten.
  4. Welche Polizeidienststellen offiziellen und geheimen Charakters der Bundesregierung befinden sich im Kreis Regensburg? Genaue Lage dieser Dienststellen, Art der Dienststellen und wenn möglich, welches Personal ist dort tätig?
  5. Wo befinden sich im Kreis Regensburg westdeutsche Söldnereinheiten? Womit sind sie ausgerüstet, welche Ausbildung erhalten sie?

 

 

Meisner soll keine ihm unbekannten Personen in dieser Hinsicht befragen. Bei eigenen Beobachtungen von militärischen Objekten muss der Aufenthalt in der Nähe solcher Objekte jederzeit gerechtfertigt und natürlich wirken. Meisner soll unter keinen Umständen Beobachtungen treffen die seine Person gefährden könnten

Sollte er bei seinem Aufenthalt in Westdeutschland von Organen der westlichen Besatzungsmacht oder der deutschen Behörden vernommen werden, darf er in keinem Fall seine Verbindung zum Ministerium für Staatssicherheit preisgeben. Über seinen Aufenthalt in Westdeutschland eventuell befragt, muss er angeben, dass er nur zum Zweck der Hochzeit seines Bruders teilzunehmen, sich in Westdeutschland aufhält. („Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts.“)

 

Sein Verhalten in Westdeutschland garantiere ihm persönliche Sicherheit.

Nach seiner Rückkehr nach Leipzig muss er sofort das MfS verständigen.

Unterzeichnet von

Abteilungsleiter Meyer

 

Dokument entnommen aus der Broschüre vom Bundesarchiv: MfS im Westen

Bericht von Meisner

Bezirksverwaltung Leipzig                         Leipzig, den 14.04.1953

Abteilung II                                                    Streng geheim

                                                                         Entgegengenommen von Geyer am 13.04.1959

Meissner

Bericht

Am 28.03.1953 fuhr ich mit dem Interzonenzug von Leipzig über Probstzella-Ludwigstadt nach Nürnberg. Von dort weiter nach Regen am Hof. Die Kontrolle von Seiten der Volkspolizei war wie üblich. Von Seiten der westlichen Zollbehörden stellte ich dieses Mal sechs bis sieben Mann fest, welche kontrollierten. Einer von diesen fragte sich wo der Interzonenpass ausgestellt sei. Ich sagte ihm in Leipzig. Er fragte darauf ferner wo ich die doppelte Ausführung meiner Aufenthaltsgenehmigung hätte. Ich entgegnete ihm, dass ich nur eine habe. Von Ludwigstadt fuhr ich gegen 2:36 Uhr weiter nach Hof am Regen, wo ich gegen 10:00 Uhr am 29.03.1953 eintraf. Am gleichen Tage hatte mein Bruder Hochzeit an der ich teilnahm. Ich blieb bei meinen Eltern bis einschließlich 05.04.1953. Von hier aus fuhr ich nach Berlin über die Grenzorte Ludwigstadt-Probstzella. Der Grenzübertritt war normal auf beiden Seiten, er erfolgte ohne Beanstandung. In Berlin besuchte ich meine Braut bis einschließlich Donnerstag, den 09.04.1953. Von hier aus führ ich mit meiner Braut nach Leipzig zurück.

Während meines Aufenthaltes in Hof am Regen sind mein Bruder und ich nach Cham mit dem Motorrad gefahren. Mein Bruder hatte in Cham in der Lagerhausgenossenschaft etwas zu erledigen. Bei diesem Besuch stellte ich fest:

  1. Im Rodinger Forst, wo die ehemaligen Messerschmidt-Zweigwerke standen, werden von den Amerikanern große Materiallager angelegt. Ein großes Gebiet ist eingezäunt und es ist unmöglich dies zu betreten. Dieses Lager befindet sich ca. 35 bis 40 km von der Staatsgrenze der CST (später CSSR, heute Tschechien). Dieses erzählte mir mein Bruder (Name geschwärzt). Mein Bruder erzählte mir ferner, dass im Haidhof, im Forst Kreis Burgenlangenfeld, ebenfalls amerikanische Waffenlager angelegt wurden. Den Umfang des Lagers kannte mein Bruder nicht.                                                        In Cham selber wurde der Flugplatz weiter ausgebaut. Ich beobachtete, dass dort zwei zweimotorige Flugzeuge auf dem Paltz standen, während die anderen Maschinen in den Flughallen untergebracht waren. Mein Bruder berichtete mir noch, dass in der Nähe des Flugplatzes sehr bald Kasernen gebaut werden sollen.
  2. In der Gegend von Regensburg -Neustadt. Abensberg (Niederbayern) -Krw. Kelheim, befindet sich ein großer Übungsplatz für amerikanische Düsenflugzeuge. Der Übungsplatz befindet sich schon seit der Nazizeit dort. Nach Kriegsende erhielten die Bauern die Wälder wieder zurück und 1948 haben die Amerikaner die Wälder wieder beschlagnahmt. Sie sind bestrebt diesen Übungsplatz ständig zu vergrößern. Diesen Platz sah ich in den letzten Jahren wiederholt, zum letzten Mal im Sommer 1952-
  3. In Parsberg bei Regensburg wurden inzwischen neue Gleisanlagen auf dem Bahnhof gelegt. Ich beobachtete drei bis vier Gleisanlagen. Ich sah auf dem Bahnhof amerikanische Soldaten, die aus einem Güterzug größere Kisten auf Lastwagen verluden. Zu diesen neuen Gleisanlagen wurden Anfahrtsstraßen gebaut.
  4. In Regensburg besuchte ich meinen Freund (Name geschwärzt), ca. 19 Jahre alt, von Beruf Steinsetzerlehrling, wohnhaft in Regensburg, (Straße und Hausnummer geschwärzt) ist KPD-Genosse und gilt als zuverlässig. (Name geschwärzt) erzählte mir:

a) Die CIC-Dienststelle befindet sich im Gebäude der amerikanischen Militärregierung in Regensburg, Dachauer Platz. Die Unterkünfte des CIC befinden sich Regensburg, Landauer Str. in der ehemaligen Infanteriekaserne.

b) Der BVSA (Bundesverfassungsschutzamt) befindet sich Regensburg, ebenfalls Dachauer Platz. Diese BVSA-Dienststelle nennt sich Sonderabteilung der Polizei. Zum Aufbau dieser Dienststelle wurde ein (geschwärzt) aus München geholt, der sich durch brutales Vorgehen gegen die Friedenskämpfer schon bewährte.

c) Die amerikanischen Offiziere sind mit ihren Familien im Villenviertel Regensburg, Prüfingerstr. Untergebracht.

d) In Regensburg befinden sich ungefähr zwei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei. Sie sind ebenfalls in den Infanteriekasernen in der Landshuter Straße untergebracht. Sie sind mit leichten Infanteriewaffen (Maschinengewehre und Wasserwerfern) ausgerüstet.

Mein Cousin (Name geschwärzt) der Sohn meines Onkels, ebenfalls (geschwärzt) wurde vom Arbeitsamt Cham nach Kaiserslautern zwangsverpflichtet. Er ist jetzt in Siegelbach bei Kaiserslautern wohnhaft und arbeitet als Maurer an einem Kasernenbau. Er ist 19 Jahre alt, politisch nicht organisiert und auch nicht zuverlässig. Ich hatte Gelegenheit, während der Osterferien meinen Cousin zu sprechen. Er erzählte mir, dass er in den Wäldern um Siegelbach große Kasernen, Materiallager und Bunker gebaut werden. Bei den Bunkern handelt es sich um Verteidigungsbunker. Diese Bauten werden in sehr großer Eile im Tag- und Nachtbetrieb errichtet.

5. Die Regenstaufer Regenbrücke, über die die Straße von Regensburg über Parsberg Grafenwöhr nach Hof in Bayern führt, wurde durch neue Betonsockel verstärkt und etwas erweitert.

6. Die Regenbrücke in Nittenau, an der Straße Regensburg-Fürth im Walde, (an der CSR-Staatsgrenze/später CSSR/heute Tschechien) wurde vollkommen neu gebaut.

7. Auf dem Nürnberger Hauptbahnhof habe ich während meines Aufenthaltes am 29.03.1953 beobachtet, wie ungefähr zwei amerikanische Kompanien in Kriegsausrüstung in einen Personenzug stiegen. Jeder Waggon hatte einen weißen Streifen mit der Nr. RC 190. Dieselbe Nummer sah ich in Parsberg an Güterwaggons.

8. Während meines kurzen Aufenthaltes am Bahnhof in Lichtenfels, auf der Fahrt nach Regen am Hof, beobachtete ich 4:00 Uhr einen Güterzug, beladen mit Panzern und Kraftwagen, die teilweise mit Planen überdeckt waren. Ich zählte ca. 20 Panzer. Der Zug wurde durch amerikanische Soldaten bewacht. Der Zug stand mit der Lokomotive in Richtung Norden.

gez. Meisner

Ob die Leute, die Wilhelm Meisner irgendetwas erzählt hatten, davon Kenntnis hatten, dass das beim MfS landet oder ob sie ahnungslos waren? Das geht aus dem Dokument nicht hervor. Vermutlich waren diese Leute ahnungslos.

Sieh an: Bereits damals im Jahre 1953, inmitten der Zeit des Wirtschaftswunders und der Aufbaujahre gab es Arbeitslosigkeit und Zwangsmaßnahmen des Arbeitsamtes. Genau, wie die heutigen Jobcenter, hatte das damalige Arbeitsamt immer bestimmte Leute im Visier, während bei anderen alles locker gesehen wurde und wird.

Der Cousin von Wilhelm Meisner wird zu einem Fernumzug nach Kaiserlautern gezwungen.  Das ist eine wichtige Liegenschaft der US-Amerikaner geworden. Der Cousin von Wilhelm Meisner wirkte am Aufbau mit. Kaiserslautern wird von den US-Amerikanern K-Town genannt.

 Während es heute mit dem Bauen eine Katastrophe ist, Straßen und Brücken bröckeln, so waren damals genügend Mittel für Baumaßnahmen da. Diese Baumaßnahmen waren allerdings für das Militär nützlich. Der Nutzen für die Zivilbevölkerung war nebensächlich.

Dokument entnommen aus der Broschüre vom Bundesarchiv: MfS im Westen

Beschluss über das Abbrechen der Verbindung

Leipzig, den 16.10.195

Nach Durchsicht der Personalakte Nr. 211/53 des Informators (Das IM-System kam später.) „Josef Brandl“ (Deckname) Meisner, Wilhelm, geb. (außer Geburtsjahr geschwärzt), 1928 in Hof am Regen, wohnhaft in Leipzig (Straße geschwärzt)

Stelle ich fest, dass der Informator „Josef Brandl“ in Westdeutschland als politisch belastet gilt, da er aktiv für die KPD eingetreten ist. Aus diesem Grunde kann er der Abt. II nicht mehr von Nutzen sein.

Aus aufgezeigten Gründen schlage ich vor, mit dem Informator – die Verbindung abzubrechen und die Personalakte im Archiv der Abteilung XII der Verwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit Land Leipzig abzugeben.

Unterzeichnet

Mitarbeiter der Abteilung (Kreisdienststelle) Hutschenreuter Unterleutnant

Bestätigt:

Der Leiter der Abteilung (Kreisdienststelle) Otto Unterleutnant

 

Damals wurde wohl die Regelung eingeführt, dass im Westen politisch Aktive, bzw. Mitglieder und Sympathisantinnen und Sympathisanten kommunistischer Parteien nicht für die DDR geheimdienstlich tätig sein durften.

Diese strikte Trennung wurde bis zum bitteren Ende beibehalten.

 Trotzdem waren Mitglieder sowie Sympathisantinnen und Sympathisanten kommunistischer Parteien im Westen, insbesondere der BRD, Vorurteilen und Misstrauen ausgesetzt, da sie verdächtigt wurden geheimdienstlich für die DDR tätig zu sein. Da konnten sie tausendfach die strikte Trennung von politischen Aktivitäten und geheimdienstlicher Tätigkeit erklären.

Dokument entnommen aus der Broschüre

und vom Bundesarchiv: MfS im Westen.

Aufgaben zu Wilhelm Meissner

  1. Lesen Sie Dokument 1 und fassen Sie Kurz Meisners Lebenslauf zusammen.
  2. Zeichnen Sie in eine Deutschlandkarte die Orte seiner Lebensstationen ein.
  3. Stellen Sie in einer Tabelle Meisner Lebenslauf- bis zum Ende seiner Tätigkeit für das MfS – die politischen Ereignisse in Deutschland gegenüber.
  4. Lesen Sie Dokument 2 und überlegen Sie, weshalb Meissner von sich aus seine Beobachtungen meldete. Diskutieren Sie, was er mit seinen Meldungen bewirken wollte.
  5. Arbeiten Sie aus den Dokumenten 3 und 4 in kurzen Stichworten heraus, was das Ministerium für Staatssicherheit in Regensburg und Umgebung besonders interessierte – und wie Meissner seinen Auftrag ausführte.

Dokumente in der anhängenden Broschüre vom Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv.

Zusatzaufgabe:

Nach dem Abbruch der Verbindung steht über Meissners weiteren Lebensweg nichts mehr in den Stasi-Akten. Formulieren Sie aufgrund Ihrer Kenntnisse Meisners wie auch der deutschen Geschichte nach 1953 zwei fiktive Lebensläufe, wie sein Leben nach 1953 bis in die Gegenwart verlaufen sein könnte. Stellen Sie die Lebensläufe zur Diskussion, welcher Ihnen und Ihrer Klasse als der realistischere erscheint.

Ich fasse die Lösungen zusammen, denn warum soll im Nachhinein ein Lebenslauf für einen Menschen geschrieben werden, der längst in Rente ist, soweit er noch lebt?

Wozu die Lebensstationen in einer Karte einzeichnen? Das ist fächerübergreifend und geht in Richtung Geografie. Das finde ich überflüssig.

Am Anfang der DDR gab es die Arbeiter- und Bauernfakultäten. Das Bildungsmonopol für die Wohlhabenden und Akademiker wurde gebrochen. Arbeiter und Bauern sollten auch eine höhere Bildung erlangen und studieren. In qualifizierten Bereichen brauchte die DDR in möglichst kurzer Zeit gebildete Menschen während der Aufbauphase, um qualifizierte Stellen zu besetzen. Die KPD ermöglichte auch Menschen aus Westdeutschland sich an den Arbeiter- und Bauernfakultäten zu bilden.

Später gab es für Westdeutsche Parteischulen. Diese waren ausschließlich auf politische Bildung ausgerichtet. Die Schülerinnen und Schüler waren internatsmäßig untergebracht und hatten kaum Kontakt mit der Bevölkerung.

Warum half Meisner dem MfS? Er wollte kein Geld und tat dies auf Überzeugung. Ich denke, es ging ihm um die Erhaltung des Friedens.

Es war der Anfang der DDR. Verzeichnisse über Örtlichkeiten und Militärliegenschaften im Westen waren da vermutlich im Aufbau. So waren Menschen wie Wilhelm Meisner sehr hilfreich.

 

Es soll spekuliert werden, wie das Leben von Wilhelm Meisner weiter verlaufen ist

  1. Variante: Er heiratet seine Verlobte, von der in den Dokumenten die Rede ist und lässt sich mit ihr in der DDR nieder. Er arbeitete weiterhin für das Institut für Publizistik, soweit es noch bestand. In dieser Richtung gab es in der DDR gewiss weiterhin gute Stellen. Wie es während und nach der Konterrevolution weiterging ist schwer zu sagen. Hoffentlich hat(te) er da schon Rente.
  2. Variante: Er heiratet seine Verlobte, von der in den Dokumenten die Rede ist und lässt sich mit ihr in seiner Heimat in Bayern nieder. Nun war er arbeitslos. 1956 war er vom KPD-Verbot betroffen und musste in den Knast. Für seine Tätigkeit für das MfS erfolgte keine Strafe, da es um öffentliche Dinge und nicht um den Verrat von Staatsgeheimnissen ging. Nach Gründung der DKP wurde er dort Mitglied und fand eine politische Heimstatt. Während und nach der Konterrevolution blieb er Mitglied der DKP und war, bzw. ist ein Veteran. Über seine Tätigkeit für das MfS ließ er weder bei der KPD noch bei der DKP etwas verlauten, um die Parteien und auch sich nicht zu gefährden. Vermutlich wären die Parteien nicht mit der Tätigkeit für das MfS einverstanden gewesen und hätten Wilhelm Meisner ausgeschlossen. So konnte spätestens nach Veröffentlichung der Akte Wilhelm Meisner kein Mitglied mehr in der DKP gewesen sein.

 

Broschüre mit den Dokumenten

Aufgaben

Nachwort zu Wilhelm Meisner

Nachwort

Heute kann man einfach googlen, wenn man was über die Örtlichkeiten und die Geschichte militärischer Liegenschaften wissen will.

„Fremde“ Geheimdienste sind nicht mehr auf ortskundige Personen angewiesen, um Auskünfte einzuholen.

Ob sich Wilhelm Meisner nach der Gesetzgebung der BRD strafbar gemacht hat, ist hier die Frage. Er war ja nicht im Inneren der Objekte und hat auch nichts entgegengenommen und es wegetragen, bzw. weitergegeben.

Hut ab, vor dem Mut dieses Mannes, der aus freien Stücken dem MfS geholfen hatte. Es war der Anfang der DDR, als die Verzeichnisse für die westlichen Örtlichkeiten noch im Aufbau waren.

Dann kam die Regelung, dass es für Kommunistinnen und Kommunisten, deren Sympathisantinnen und Sympathisanten sowie sonstigen links- und friedenspolitischen Aktiven in der BRD und Westberlin ausgeschlossen war für das MfS zu arbeiten. So trennte sich das MfS von Wilhelm Meisner.

 

Peter Grimm

Ein später bekannter Konterrevolutionär war auch Mitglied der Gruppe „Die Wühlmaus“.

Peter Grimm wurde am 24. März 1965 in Berlin geboren.

Peter Grimm (1990)
Bildquelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-1990-0105-315 / Uhlemann, Thomas / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5424984

Peter Grimm wuchs in Berlin-Friedrichshagen auf. Sein Vater ist Diplom-Ökonom, seine Mutter Diplom-Vermessungsingenieurin. Er wurde kurz vor dem Abitur von der Erweiterten Oberschule (EOS) unter dem Vorwurf ausgeschlossen, seine „moralisch-charakterlichen Grundlagen“ erfüllten die Anforderungen nicht. Grimm hatte unter anderem 1982 an der Beerdigung von Robert Havemann teilgenommen. Seitdem steht er in Kontakt zu Werner Fischer und Ralf Hirsch.

Das MfS versuchte ihn anzuwerben, doch Peter Grimm lehnte 1983 entschieden ab.

Nachdem er neun Tage vor dem Abitur die EOS verlassen musste, verrichtete er anschließend Hilfstätigkeiten im Transformatorenwerk Oberspree, um nicht wegen „asozialen Verhaltens“ (§ 249 StGB der DDR) verurteilt zu werden. Im selben Jahr beteiligte er sich an der Gründung eines Friedenskreises in der Bekenntniskirche in Berlin-Treptow und wurde Mitglied des „Friedenskreises Wühlmaus“.[1]   Aus dieser Gruppierung ging die Laienspielgruppe hervor. Wikipedia nennt diese Gruppe nun „Friedenskreis Wühlmaus“.

1985 war er Mitherausgeber eines Protestbriefes anlässlich des Internationalen Jahres der Jugend, im Juli unterzeichnete er einen offenen Brief an die Teilnehmer der XII. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Moskau. Er war einer der Sprecher des Vorbereitungskreises eines Menschenrechtsseminars in der Bekenntnisgemeinde, das von der Leitung der Berlin-Brandenburgischen Evangelischen Kirche verboten wurde. Na, da gab es doch einige vernünftige Kirchenleute.

Am 24. November 1985 wurde in der Wohnung von Wolfgang Templin aus der Vorbereitungsgruppe des Menschenrechtsseminars die „Initiative Frieden und Menschenrechte“ gegründet. Grimm zählte zu den Gründern „Initiative Frieden und Menschenrechte“ (IFM) in Berlin/DDR und war einer ihrer ersten Sprecher.[2]   Diese Organisationen hatten alle so wohlklingende Namen, doch sie waren konterrevolutionäre Organisationen.

Peter Grimm war auch an der Herausgabe der illegalen Zeitschrift „Grenzfall“ beteiligt.

Nun erfolgte der Zusammenschluss mit konterrevolutionären Gruppierungen aus den anderen sozialistischen Ländern, die eine gemeinsame Erklärung herausgaben. Weitere Details des konterrevolutionären Treibens lasse ich hier aus. Wer Interesse hat, kann das aus Wikipedia entnehmen.

Im Oktober 1989 Schloss sich Peter Grimm während der Konterrevolution in der DDR der neugegründeten sozialdemokratischen Partei in der DDR, der SDP an, der er bis 1990 angehörte.

In den Jahren 1990/1991 arbeitete er als Redakteur der Zeitung „die andere“ in Berlin. Ab November 1990 bis März 1991 war Grimm als Pressesprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im ersten bürgerlich gewählten Landtag der nun neuen Bundesländer, dem Sächsischen Landtag tätig.

Danach arbeitet er bei verschiedenen Fernseh-Produktionsfirmen. Seit Herbst 1995 ist Peter Grimm freier Autor und Journalist, drehte Dokumentarfilme über konterrevolutionäres Treiben in der DDR, war Filmproduzent bei Tangens-TV. Zwischenzeitlich war er von 2007 bis 2012 Redakteur der Zeitschrift Horch & Guck“. Daneben veröffentlicht er regelmäßig in dem Weblog Achse des Guten“.[4] Seit 1998 engagierte er sich im Archiv der „Initiative Frieden und Menschenrechte Sachsen e.V.“ (IFM-Archiv Sachsen) im Vorstand sowie in der Forschungsarbeit.

Im Jahre 2011 erschien im AVANT-Verlag eine Comic-Adaption der Geschichte über Peter Grimm als Konterrevolutionär und den „Grenzfall“. Dies wurde von der „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ gefördert, also aus Steuergeldern finanziert. Dieses Schriftgut soll als Unterrichtsmaterial für die Schulen eingesetzt werden, also der Volksverdummung dienen.

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

Die Kultur Russlands in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

Im 18. Jahrhundert brachte Russland viele große Männer hervor, unter denen in erster Linie Peter der Große, Alexander Suworow und Michail Wassiljewitsch Lomonossow zu nennen sind.

Michail Wassiljewitsch Lomonossow

Michail Wassiljewitsch Lomonossow 1711 bis 1765
Bild entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Michail Wassiljewitsch Lomonossow wurde am 8. November 1711 im Dorf Denissowka, in der Nähe der Stadt Cholmogory, geboren. Sein Vater war ein wohlhabender Bauer des Küstenlandes im hohen Norden. Er beschäftigte sich mit Fischfang und dem Warentransport von Archangelsk nach anderen Städten. Oft nahm er seinen Sohn mit sich aufs Meer zum Fischfang hinaus. Der Knabe machte sich mit dem Leben der Küstenbewohner, der Salzgewinnung und dem Schiffbau bekannt. Lomonossow lernte frühzeitig lesen und schreiben und hatte von Kindheit an einen unstillbaren Wissensdurst. Es war ihm jedoch nicht leicht, diesen Wissensdurst zu befriedigen.

Ende 1730 ging Michail Lomonossow mit Erlaubnis seines Vater-aber ohne Wissen der Stiefmutter- mit 3 Rubeln in der Tasche aus seinem Dorf fort. Mit einem Wintertransport der Küstenbewohner begab er sich nach Moskau, und trat, unter Verheimlichung seiner bäuerlichen Herkunft, in die Slawo-gräko-lateinische Akademie ein. In Moskau verbrachte Lomonossow unter schweren Entbehrungen die Jahre des Lernens, jedoch überwand er alle Schwierigkeiten und Hindernisse.

Im Jahre 1735 wurde Lomonossow als einer der zwölf fähigsten Hörer der Akademie nach Petersburg geschickt und als Student der Universität bei der Akademie der Wissenschaften aufgenommen.

Auf der Universität widmete sich Lomonossow mit größtem Eifer dem Studium der exakten Wissenschaften: der Mathematik, der Mechanik, der Physik und der Chemie. Zur Vervollkommnung in diesen Wissenschaften wurde er nach Deutschland geschickt.

Im Jahre 1741 kehrte Lomonossow nach Petersburg zurück. Hier erwartete ihn jedoch eine bittere Enttäuschung. Die jungen russischen Gelehrten konnten nur unter Schwierigkeiten ihre Kenntnisse verwerten. Die Akademie der Wissenschaften wurde von Ausländern geleitet. Sie behandelten alles Russische mit Verachtung und wollten die talentvollen russischen Gelehrten nicht zur wissenschaftlichen Tätigkeit zulassen. Mit der ihm eigenen Geradheit und Schroffheit begann Lomonossow den Kampf gegen die Vorherrschaft der Ausländer und des von ihnen in der Akademie eingeführten Systems. Im Jahre 1745 wurde er Professor und Mitglied der Akademie.

Die Adligen in seiner Umgebung bemühten sich, ihn auf jede Weise zu demütigen. Lomonossow verteidigte jedoch stolz seine Menschenwürde und erklärte: „Weder am Tische der Adligen noch bei irgendwelchen Herren dieser Erde will ich den Narren spielen, selbst nicht vor Gott, der mir Vernunft gab, es sei denn, er nähme sie mir wieder.“

Lomonossow war überzeugt, dass das Gedeihen und das Wohlergehen des Volkes und Staates von einem aufgeklärten und vernünftigen Monarchen abhängig ist. Als eines solchen aufgeklärten Zaren und Reformators erschien Lomonossow Peter der Große. Als glühender und aufrichtiger Verehrer Peters war Lomonossow bestrebt, auch dessen Nachfolgerinnen – Jelisaweta Petrowna und Jekaterina II. (Katharina die Große) – zu überzeugen, dass sie sich in allem Peters Vermächtnis zu halten hätten. Dafür leide ich, dass ich bestrebt bin, das Werk Peters des Großen zu verteidigen.“

Lomonossow war ein genialer Gelehrter, der sich auf den verschiedensten Gebieten des menschlichen Wissens auszeichnete. Als erster unter den Chemikern, viele Jahre vor Lavoisier, entdeckte er das Gesetz zur Erhaltung des Gewichtes der Stoffe. Seine Ansichten über die Natur des Lichts behaupteten sich in der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Lomonossow war ein ausgezeichneter Astronom. Er bewies, dass der Planet Venus eine eigene Atmosphäre besitze. Lomonossow war der größte Kenner der Naturschätze des Urals und forderte die Ausbeutung des Erdinnern, in dem unermessliche Reichtümer verborgen sind.

Er war ein vortrefflicher Poet, der Begründer der russischen Literatur, der Verfasser der ersten wissenschaftlichen Grammatik der russischen Sprache. Der große Kritiker Belinskij schrieb: „Mit Lomonossow beginnt unsere Literatur; er war ihr Vater und ihr Pfleger, er war ihr Peter der Große.

Eine äußerst treffende und tiefe Würdigung des hervorragenden Gelehrten gab Alexander Sergejewitsch Puschkin: „Außergewöhnliche Willenskraft mit ungewöhnlicher Verstandeskraft verbindend, umfasste Lomonossow sämtliche Zweige der Bildung. Der Wissensdurst war die stärkste Leidenschaft dieser von Leidenschaften erfüllten Seele. Als Historiker, Rhetor, Mechaniker, Chemiker, Mineraloge, Künstler und Poet durchforschte er alles und durchdrang alles.“

Lomonossow war ein leidenschaftlicher Kämpfer für eine fortschrittliche Wissenschaft und ihre Verwertung im Leben zum Nutzen und zur Bildung des russischen Volkes. Er träumte davon, mit Hilfe der Wissenschaft die Reichtümer Russlands zu vermehren und das Leben des Volkes zu verbessern.

Auf Lomonossows Initiative fand am 12. Januar 1755 die Eröffnung der Moskauer Universität statt. Im Jahre 1940 wurde die Universität nach ihm benannt. Lomonossow liebte sein Volk glühend und war erfüllt von tiefem Glauben daran, das aus der Mitte des russischen Volkes nicht wenig geniale Menschen hervorgehen würden:

O ihr, die unser Vaterland                                                                                                                                           Aus eigenem Schoße sich erhofft,                                                                                                                           und derengleichen es bis jetzt                                                                                                                               aus fremden Landen kommen muss,                                                                                                             gesegnet seien eure Tage!                                                                                                                                   Wagt kühn, von diesen Worten aufgemuntert,                                                                                                 durch eueren Eifer zu beweisen,                                                                                                                           dass der große, geistesscharfe Denker,                                                                                                               dem Platon und Newton gleich,                                                                                                                               die Erde Russlands selbst gebären kann!

Die reichen und adligen Würdenträger verstanden und schätzten die wissenschaftlichen Entdeckungen und Errungenschaften Lomonossows nicht.

Seine genialen Arbeiten blieben lange Zeit im zaristischen Russland der Leibeigenschaft vergessen.

Im Mai 1940 zu ihrem 185-jährigen Bestehen und Lomonossows 175. Geburtstag wurde die Universität in Moskau nach ihm benannt und trägt bis heute seinen Namen.

Iwan Petrowitsch Kulibin

Dem gleichen Unverständnis und der gleichen Geringschätzung begegneten auch andere talentvolle russische Gelehrte und Erfinder des 18. Jahrhunderts. Einer der bemerkenswertesten unter ihnen war Iwan Petrowitsch Kulibin. Er offenbarte ein außerordentliches Talent als erfinderischer Mechaniker. Fünf Jahre beharrlicher Arbeit verwendete Kulibin auf die Erfindung einer besonderen Uhr „mit Überraschungen“. Die Uhr war so groß wie ein Gänseei. Alle 60 Minuten öffnete sich in der Uhr die auf ihr dargestellte Heilige Pforte mit kleinen beweglichen Engelsfiguren. Kulibin schenkte diese Uhr Jekaterina II. (Katharina die Große). Als Belohnung für das Geschenk wurde er als Mechaniker in die Akademie der Wissenschaften berufen. Hier verausgabte er sämtlichen erhaltenen Gelder für neue Erfindungen. Als er erfahren hatte, dass in London eine Prämie für das beste Projekt einer Brücke über die Themse ausgeschrieben sei, arbeitete Kulibin ein Projekt aus und fertigte ein Brückenmodell an, das aus 10 000 einzelnen Teilen bestand. Der berühmte Mathematiker Euler bestätigte später sämtliche Berechnungen Kulibins. Aber die ausländischen Mitglieder der Akademie verhielten sich gegenüber der Erfindung des russischen Autodidakten spöttisch und gaben drüber ein ablehnendes Gutachten ab. Das von Kulibin hergestellte Brückenmodell fand keine Anerkennung.

Kulibin erfand ein Schiff, das auf dem Fluss gegen die Stömung schwimmen konnte. Das Modell dieser Erfindung wurde von einem Beamten als Brennholz gekauft. Kulibin starb in Armut in seiner Heimatstadt Nishnij-Nowgorod.

Iwan Polsunow

Tragisch war auch das Schicksal eines anderen Autodidakten, des genialen Erfinders der Dampfmaschine Iwan Polsunow. Er war der Sohn eines Garnisonsoldaten im Ural. Zu jener Zeit gewann man die notwendige Energie in den Werken, wo Iwan Polsunow arbeitete, durch Ausnutzung der Kraft des fallenden Wassers. Polsunow kam der Gedanke, eine Dampfmaschine zu konstruieren, die die Ausgaben verringern und die menschliche Arbeit erleichtern konnte. So wurde die erste Maschine der Welt, die durch Dampfkraft arbeitete, geschaffen. Aber Pulsonow erlebte die Anwendung seiner Maschine nicht mehr. Durch schwere Arbeit in seiner Gesundheit zerrüttet, starb er im Jahre 1766 in Armut an der Schwindsucht. Die von ihm gebaute Dampfmaschine war schon zur Inbetriebnahme fertig, aber nach dem Tode Pulsunows wurde seine geniale Erfindung vergessen. 21 Jahre später erfand der Engländer James Watt eine ebensolche Dampfmaschine, wie sie vorher von Polsunow erfunden worden war.

Dem Volke entstammten viele ausgezeichnete Neuerer auf allen Gebieten der Wissenschaft, Literatur und Kunst, ihre Namen gingen in die Geschichte der russischen Kultur ein.

Fjodor Wolkow

Der hervorragende Schauspieler Fjodor Wolkow, der Sohn eines Jarolawer Kaufmanns, wurde der Gründer des ersten russischen Theaters. An die Stelle des Laientheaters auf den Gütern des Adels trat das ständige, allen zugängliche Theater mit Berufsschauspielern. Wolkow gilt als der „Vater des russischen Theaters“.

Wassilij Bashenow und Matwej Kasakow

Die Gründer der russischen Baukunst waren zwei talentvolle Männer aus dem Volke: Wassilij Bashenow und Matwej Kasakow. Unter den Bauwerken des Bashenow ragt besonders der Palast Paschkow hervor (das alte Gebäude der Lenin-Bibliothek in Moskau). (Was heute darin ist, weiß ich nicht. P.R.)


Im Jahre 1758 wurde von der Akademie der Wissenschaften die Akademie der Künste abgesondert, in der hauptsächlich Malerei gelehrt wurde. Anfangs waren die Lehrer an der Akademie Ausländer, bald trat aber eine Reihe von russischen Künstlern und Bildhauern in Erscheinung.

Im 18. Jahrhundert gingen aus dem Volke viele talentvolle russischen Menschen hervor. Sie hatten sich nicht nur die besten Errungenschaften der westeuropäischen Kultur angeeignet, nicht nur sie verarbeitet, indem sie sie mit einem neuen nationalen Inhalt erfüllten, sondern auch ihrerseits auf die Entwicklung der Wissenschaft und Kunst Russlands und der Welt Einfluss ausgeübt.

Ende der 50er Jahre des 18. Jahrhunderts trat aus dem Kreise der Adligen eine fortschrittliche Gruppe von Dichtern und Schriftstellern hervor: Sumarokow, Kantemir, Tredjkowskij und andere. Somit lieferte das 18. Jahrhundert einen großen und wertvollen Beitrag zur Entwicklung der nationalen russischen Kultur.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Russlands Kriege in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der große Feldherr Suworow

Der Bauernkrieg hatte das Adelsreich stark erschüttert. Zarin Jekaterina II. (Katharina die Große), neue Unruhen befürchtend, stärkte die zentrale und lokale Macht der Adligen. Das gesamte Reich war in 50 Gouvernements eingeteilt worden. An der Spitze der Gouvernements standen Gouverneure, die der obersten Gewalt unterstellt waren. Die Gouvernements waren in Kreise eingeteilt, die von Isprawniks aus den Reihen des Adels verwaltet wurden. Die Adligen waren die herrschende und regierende Klasse im Staate. Jekaterina II. (Katharina die Große) teilte in freigiebiger Weise staatliches oder erobertes Land an die Adligen aus. Die Rechte und Privilegien der Adligen waren in einem besonderen „Gnadenbrief für den Adel“, der am 21. April 1785 herausgegeben war, eingetragen. Darin wurde bestimmt, dass nur der Adel das Recht habe, Land und Leibeigene zu besitzen.

Jekaterina II. (Katharina die Große) bemühte sich, nicht nur die innere, sondern auch die internationale Lage des Reiches zu stärken. Sie wollte Russland eine führende Rolle in der Politik der europäischen Staaten sichern und stützte sich dabei auf die Stärke und Macht ihrer Armee. Die ausgezeichneten Kampfeigenschaften der russischen Armee hatte ganz Europa während des Siebenjährigen Krieges gesehen, Die Teilnahme an diesem Krieg war für die russische Armee eine ausgezeichnete militärische Schule gewesen.

Diese Schule bildete vortreffliche russische Feldherren heran. Einer der hervorragendsten Feldherren jener Zeit, General Rumjanzew, ist durch seine Siege über die Preußen im Siebenjährigen Krieg bekannt.

Alexander Wassiljewitsch Suworow

Alexander Wassiljewitsch Suworow

Die gleiche Schule der Kampferfahrung machte auch der große russische Heerführer Suworow durch. Mit seinem Namen sind die ausgezeichneten kriegerischen Taten der russischen Armee und die glänzende Entwicklung der russischen Kriegskunst, deren Grundlagen bereits Peter der Große geschaffen hatte, verbunden.

Alexander Wassiljewitsch Suworow wurde im Jahre 1730 in Moskau geboren. Sein Vater, der verabschiedete General Wassilij Iwanowitsch Suworow, war in seiner Jugend Fähnrich des Preobrashensker Garderegiments und eine Zeitlang Bursche bei Peter dem Großen gewesen. Die hohe Achtung vor dem militärischen Genie Peters I. hatte der Vater sein ganzes Leben bewahrt und auch seinem Sohn eingeflößt. Alexander zeigte schon sehr früh eine Leidenschaft zum Lesen und begeisterte sich besonders für Kriegsgeschichte. Es las über Heldentaten der großen Heerführer – Julius Cäsar, Hannibal, Alexander von Mazedonien. Da Suworow aber ein kränkliches und schwächliches Kind war, hatte sein Vater ihn nicht für die militärische Laufbahn bestimmt. Jedoch von seinem 10. Lebensjahr an war der kleine Suworow fest entschlossen, sich dem Kriegswesen zu widmen. Er begann beharrlich seinen Körper abzuhärten, begoss sich mit kaltem Wasser, schlief bei jedem Wetter bei geöffnetem Fenster, verzichtete auf warme Kleidung.

Mit 17 Jahren trat er in die Armee ein. Er begann seine militärische Laufbahn als Korporal (jüngerer Unteroffizier) des Semjonowsker Garderegiments und beendete sie im Range eines Feldmarschalles. Allmählich sämtliche militärischen Rangstufen durchlaufend, erlernte Suworow ausgezeichnet das Dienstreglement und den Frontdienst. Im Jahre 1754 wurde er zu Offizier befördert und empfing einige Jahre später die Feuertaufe im Siebenjährigen Krieg mit Preußen.

Damals schon begriff Suworow, dass das preußische Militärsystem, das auf der Stockdisziplin und auf komplizierten Gefechtsübungen beruhte, veraltet war, wir auch die preußische Strategie und Taktik der Kriegsführung veraltet waren.

Als er nach Beendigung des Krieges zum Kommandeur des Susdaler Infanterieregiments in Nowaja Ladoga, Gouvernement Nowgorod, ernannt worden war, begann er, seine Soldaten auf neue Art und Weise auszubilden. Er errichtete zwei Schulen, Für Soldaten- und Adelskinder, und lehrte dort auch selbst. Das Hauptaugenmerk richtete er auf die Ausbildung eines initiativen, für den Kampf und nicht für den Parademarsch geeigneten Kriegers. Daher wurden sogar die Manöver für die Soldaten des Susdaler Regimentes unter Bedingungen veranstaltet, die Kriegsverhältnissen ähnelten. „Schwierig bei der Übung – leicht im Kriege, leicht bei der Übung – schwierig im Kriege“, pflegte Suworow zu seinen Soldaten zu sagen.

Sechs Jahre beschäftigte sich Suworow mit der Ausbildung seines Susdaler Regimentes. Er legte seine militärischen Ansichten in der berühmten Instruktion nieder, die später den Titel „Die Lehre vom Siege“ erhielt. Diese Instruktion war in einfacher Volkssprache, in Form kurzer und scharfer Aussprüche und Vorschriften gehalten. Im zweiten Teil der Instruktion, unter der Bezeichnung „Mündliche Unterweisung der Soldaten“, legte Suworow drei Grundregeln der Kriegskunst dar: Augenmaß, Schnelligkeit und Angriffsgeist. Suworow bestimmte das Wesen dieser drei Regeln folgendermaßen:

  1. „Erstens – Augenmaß: Wie man Feldlager errichten, wie man marschieren, wo angreifen, verfolgen und schlagen soll.“
  2. „Zweitens – Schnelligkeit…Der Feind vermutet uns nicht, rechnet damit, dass wir 100 Werst entfernt sind, manchmal sogar 200, 300 Werst und mehr. Plötzlich sind wir über ihm wie der Schnee auf dem Kopfe. Ihm wird schwindlig. Greif an mit dem, was gerade herbeikommt, was Gott schickt. Reiterei, fang an! Säble, steche, jage, schneide ab, lass nicht locker!“
  3. „Drittens – Angriffsgeist. Ein Fuß stützt den anderen, eine Hand stärkt die andere. Im Feuer kommen viele Leute um. Der Feind hat die gleichen Hände, aber das russische Bajonett kennt er nicht.“

Suworow verlangte von seinen Soldaten Ungestüm, hohen Angriffsgeist, grenzenlose Tapferkeit und gleichzeitig Kaltblütigkeit und Überlegenskraft.

Im Hinblick auf die Unvollkommenheit der Feuerwaffen in der damaligen Zeit legte Suworow Wert auf den Bajonettangriff. Gleichzeitig verlangte er jedoch, dass die Soldaten das Gewehr gut kannten und geschickt mit ihm umzugehen verstanden. „Schieß selten, ab genau!“ lehrte Suworow. Er prägte den Soldaten ein, dass ihre Hauptaufgabe im Kampf darin bestehe, den Feind zu vernichten. Er sagte: „Der Gegner hat den Rückzug angetreten – das ist ein Misserfolg; der Gegner ist vernichtet, vertilgt – das ist ein Erfolg.“

Suworow schätzte im Soldaten die bewusste Einstellung gegenüber seiner Aufgabe und das Streben nach Aneignung von militärischem Wissen. „Jeder Soldat soll sein Manöver verstehen“– pflegte Suworow gern zu wiederholen. Die abgeschmackte Antwort des Soldaten: „Ich kann nicht wissen“, konnte er nicht ausstehen. „Von den Leuten, die sprechen: ‚Ich kann nicht wissen‘, kommt viel, viel Unglück“, sagte er. Die kämpferischen und persönlichen Eigenschaften des russischen Soldaten sehr hoch einschätzend, verlangte er von den Vorgesetzten, dass sie sich um die Nöte und Bedürfnisse der Soldaten kümmerten. Suworow selbst lebte in enger Gemeinschaft mit den Soldaten, aß die Kohlsuppe und Grütze der Soldaten, trug einfache Felduniform. Die Soldaten liebten ihren Feldherrn grenzenlos und waren bereit, mit ihm durch Feuer und Wasser zu gehen.

Die Neuerungen, die Suworow in seinem Regiment eingeführt hatte, riefen das Missfallen der Anhänger des preußischen Militärsystems und der höchsten Hofkreise hervor. Jedoch die Notwendigkeit, Kriege zu führen, zwang die Regierung, sich seiner Feldherrenkunst zu bedienen.

Im Jahre 1768 musste Jekaterina II. (Katharina die Große) gleichzeitig zwei Kriege führen: mit Polen und mit der Türkei. In Europa war man überzeugt, dass Russland es nicht aushalten würde, gleichzeitig zwei Kriege zu führen, und seine Pläne, sich im Baltikum festzusetzen und zum Schwarzen Meer vorzudringen, aufgeben würde. Aber an die Spitze des russischen Heeres wurde der vortreffliche Feldherr General Rumjanzew gestellt. Seine Handlung zeichneten sich durch Selbstständigkeit, Kühnheit und Neuartigkeit aus. Rumjanzew suchte Berührung mit dem Feind und war bestrebt, vor allem dessen Stoßkraft zu vernichten. Er verstand es, die geeigneten Untergeordneten zu wählen und zeichnete sehr bald den militärisch genial begabten Alexander Wassiljewitsch Suworow aus. Schon zur Zeit des Siebenjährigen Krieges war Rumjanzew auf Suworow aufmerksam geworden. Er schickte ihn anfangs nach Polen, und als dort der Krieg zu Ende war, übertrug er ihm die Belagerung der türkischen Festung Turtukaj. Am 10. Mai 1773, in dunkler Nacht, ließ Suworow, indem er eine günstige Entwicklung der Lage ausnutzte, seine Abteilung über die Donau übersetzen, ohne Rumjanzews Anweisungen abzuwarten, und nahm nach heißem Kampfe die Festung ein.

Der erste Krieg mit der Türkei dauerte von 1768 bis 1774. Die russischen Truppen eroberten einige starke Festungen. Mehr als einmal offenbarte Suworow dabei seine Kriegskunst.

Nachdem die Türken mehrere Schlachten verloren und die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage eingesehen hatten, traten sie in Friedensverhandlungen ein. Am 10. Juli 1774 wurde in der Stadt Kutschuk-Kajnardshi zwischen Russland und der Türkei Frieden geschlossen, demzufolge Asow, Kertsch und die Steppe zwischen Dnjepr und Bug an Russland fielen. Das der Türkei unterstellte Krimer Khanat wurde für unabhängig erklärt. Im April 1783 besetzten die russischen Truppen die Krim und vernichteten das Khanat. Unter der Bezeichnung „Taurien“ wurde die Krim Russland angegliedert. Im gleichen Jahre wurde in der Krim ein befestigter Hafen für die russische Kriegsflotte, Sewastopol, gegründet.

Die Türkei wollte sich mit dem Verlust der Krim nicht abfinden, der für sie den Verlust der Herrschaft über das Schwarze Meer bedeutete. Daher begann sie mit Russland einen zweiten Krieg, der vier Jahre (von 1787 bis 1791) dauerte.

Die Festung Otschakow war der Hauptstützpunkt der Türkei am Schwarzen Meer. Im Jahre 1788 belagerte der Günstling der Zarin, der Fürst Potjomkin, der zum Oberbefehlshaber ernannt worden war, Otschakow. Die Belagerung zog sich lange hin. Suworow kommandierte den linken Flügel des Besatzungskorps. Er beschloss, einen sich ihm bietenden günstigen Augenblick zu benutzen, und begann den Angriff gegen die Türken. Doch Suchorows Vorgehen wurde von Potjomkin nicht gutgeheißen, und schickte ihm keine Verstärkung. In diesem Gefecht wurde Suworow am Kopf verwundet.

Im Frühling 1789 wurde Suworow nach Moldawien versetzt. Hier erwarb er sich Ruhm durch die hervorragenden Siege bei Fakschani, am Rymnikfluss und besonders durch den heldenhaften Sturm auf die stärkste türkische Festung Isamil.

Im dritten Jahr des Krieges mit der Türkei trat Schweden gegen Russland auf den Plan. Russland war gezwungen, zum Schutz seiner Westgrenzen Truppen abzuziehen. Russlands Bundesgenosse, Österreich, nahm mit der Türkei Verhandlungen wegen Abschlusses eines Separatfriedens auf. Dies alles erschwerte die Lage an der russisch-türkischen Front. Um die Türkei zum Friedensschluss zu veranlassen, entschloss sich die russische Heeresleitung, die Festung Ismail einzunehmen, die den Weg zur unteren Donau versperrte. Es war eine erstklassige europäische Festung, die unter Leitung französischer und deutscher Ingenieure errichtet worden war. Suworow bekam den Befehl, die Festung im Sturm zu nehmen. Lange und sorgfältig hatte er sich auf die schwierige Operation vorbereitet. Abseits und vom Feind unbemerkt, hatte er ein Modell fertigen lassen, das haargenau der Festung Ismail glich, und daran mit den Soldaten alle ihnen bevorstehenden Operationen eingeübt.

Im Morgengrauen des 11. Dezember 1790 begannen vom Fluss und von der Landseite her 600 russische Geschütze das Bombardement der Festung. Den ganzen Tag über währte der Nahkampf. Die Zahl der Opfer war auf beiden Seiten sehr groß, jedoch Ismail wurde genommen. Suworow selbst gab zu, dass man sich nur einmal im Leben zu einem solchen Sturmangriff entschließen könne. Ismails Fall öffnete Russland den Weg für den Vormarsch an die Donau. Aber Potjomkin verstand es nicht, die Früchte des errungenen Sieges zu pflücken. Auf sein Betreiben wurde Suworow von der Armee abberufen und nach Finnland geschickt.

Im Jahre 1791 schloss Jekaterina II. (Katharina die Große) in der Stadt Jassy mit der Türkei Frieden. Die Türkei erkannte die Angliederung der Krim an Russland an und trat ihm das Gebiet zwischen dem Südlichen Bug und dem Dnjestr ab. Als Ergebnis des erfolgreichen Krieges mit der Türkei fasste Russland an den nördlichen Ufern des eisfreien Schwarzen Meeres endgültig festen Fuß.

Nach der Beendigung des zweiten Krieges mit der Türkei wurde der Krieg mit Polen wieder aufgenommen. Auf Vorschlag Preußens wurde Polen zwischen Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt. Dabei wurden Russland die ukrainischen und bjelorussischen Gebiete zurückgegeben, die bereits im 14. Jahrhundert von dem litauischen, später mit Polen vereinigten Großfürstentum erobert worden waren. Jekaterina II. (Katharina die Große) führte eine reaktionäre Politik durch. Sie hinderte die Umwandlung Polens in einen unabhängigen demokratischen Staat, den die polnischen Demokraten, mit dem Nationalhelden des aufständischen Polens, Thaddäus Kosciuszko an der Spitze erstrebten. Jekaterina II. (Katharina die Große) schickte Truppen nach Polen. Im Jahre 1794 nahm Suworow Praga (eine Vorstadt Warschaus) im Sturm und entschied damit den Ausgang des Krieges mit Polen. Jekaterina II. (Katharina die Große) beförderte ihn zum Feldmarschall.

Aber bald darauf fiel der Feldmarschall in Ungnade. Im November 1796 starb Jekaterina II. (Katharina die Große), und ihr 40jähriger Sohn Pawel (Paul), ein begeisterter Anhänger des preußischen Militärsystems, bestieg den Thron. Er schaffte das Suworowsche Reglement ab und befahl, die preußischen Dienstvorschriften in der Armee einzuführen. Die russischen Soldaten wurden in enge deutsche Röcke gepresst, und man befahl ihnen, sich die Haare mit Mehl zu bestreuen und Haarlocken zu tragen. Damit beim Marschieren die Knie nicht einknickten, band man Schienen unter. Man schätzte am Soldaten nur die Haltung und das Marschieren können. „Der Soldat ist nichts weiter als ein Mechanismus, der im Exerzierreglement vorgesehen ist“, erklärte Pawel I (Paul I.).

Suworow konnte sich mit den preußischen Dienstvorschriften in der russischen Armee nicht abfinden. Mit Spott und Empörung äußerte er sich über die preußischen Einfälle des Zaren: „Puder – kein Pulver, Locken – keine Kanonen, Zopf – kein Seitengewehr, und ich bin kein Deutscher, sondern ein echter Russe.“ Wegen seiner Dreistigkeit wurde Suworow im Februar 1797 nach seinem Stammgut Kontschanskoje verbannt.  Die Verbannung war für Suworow schwer und demütigend. Alle seine Handlungen wurden beobachtet. Es war ihm verboten, auszufahren, Freunde zu empfangen, zu korrespondieren.

Jedoch nach zwei Jahren, im Februar 1799, rief ihn Pawel I. unerwartet zurück nach Petersburg. Russland begann gemeinsam mit England und Österreich einen Krieg gegen Frankreich. Suworow wurde zum Oberbefehlshaber der verbündeten russisch-österreichischen Armee ernannt, die in Norditalien gegen die Franzosen operierte. Napoleon selbst eroberte zu jener Zeit Ägypten. Er schickte seine besten Feldherren gegen Suworow. Dank dem Heldentum der russischen Soldaten und der Kunst Suworows wurden die französischen Truppen geschlagen. Im Verlaufe einiger Wochen besetzte Suworow ganz Norditalien. Von hier aus lag der Weg nach Frankreich offen.  Aber die Österreicher verrieten ihren Bundesgenossen Russland und nahmen mit den Franzosen Friedensverhandlungen auf.

Suworow war befohlen worden, seine Truppen in die Schweiz zu führen, um sie mit der russischen Armee Rimskij-Korsakows, die die Österreicher dort ihrem Schicksal überlassen hatten, zu vereinigen. Der Schweizer Feldzug war noch schwieriger und heroischer als der italienische. Suworows erschöpfte Armee war ohne Artillerie, ohne Munition, ohne Proviant, sie befand sich in einer katastrophalen Lage.

Jedoch die russische Armee, von Suworow angefeuert, verrichtete Wunder an Heldentaten und überwand ehrenvoll alle Schwierigkeiten und Prüfungen. Anfang Oktober 1799 machte sie ihren letzten Übergang über den schneebedeckten Kamm des Panix. Diese Berge waren hoch, steil und felsig. Langsam kletterten die russischen Soldaten im Schneesturm und in dichtem Bergnebel hinauf. Der Abstieg von den Bergen nach dem Passübergang war noch schwieriger als der Aufstieg. Die Menschen, Pferde, Maulesel kamen ins Rutschen und fielen hin. Mitunter stürzten sie in den Abgrund.



Suworow überquert die Alpen Gemälde von Wassili Iwanowitsch Surikow

 

Bildquelle: Von Wassili Iwanowitsch Surikow – _AHnWPcZJr1YrQ at Google Cultural Institute maximum zoom level, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21854387

 

 

Suworows Alpenfeldzug, der schwierigste der Kriegsgeschichte, war beendet. Binnen zwei Wochen hatte die russische Armee an die 5000 Mann verloren, war jedoch der Vernichtung entgangen. Die gesamte Welt sprach von der Tapferkeit und dem Heroismus der russischen Soldaten und von Suworows Feldherrenkunst. Selbst der französische Marschall Massena bemerkte mit Bewunderung, dass er bereit wäre, für diesen Übergang Suworows über die Alpen alle seine 48 Feldzüge hinzugeben. Der Imperator Pawel I. (Paul I.) erhob Suworow in den Rang eines Generalissimus. Suworow wurde befohlen, nach Russland zurückzukehren. Unterwegs erkrankte er.

In Russland bereitete das Volk einen feierlichen Empfang für den geliebten Feldherren vor. Aber der Zar untersagte die Feierlichkeiten. Er hatte Angst vor der gewaltigen Liebe des Volkes und des Heeres zu Suworow. Der grausame Despot beraubte den sterbenden Feldherren der letzten Freude – der Freude des Zusammentreffens mit dem Volk.

In der Nacht zum 3. Mai 1800 fuhr Suworow heimlich durch die stillen Straßen der schlafenden Hauptstadt. In tiefer Einsamkeit verbrachte der Feldherr, der den Kriegsruhm Russlands begründet hatte, seine letzten Tage.

Am 18. Mai 1800 war Suworow nicht mehr. In großem Schmerze begleiteten ihn das Volk und die alten Kampfgefährten zur letzten Zufluchtsstätte – zum Alexander-Newskij-Kloster. Auf dem Grab des größten russischen Feldherrn wurde eine schlichte Steinplatte gelegt, die die ebenso schlichte Aufschrift trägt: „Hier ruht Suworow.“


Aber Suworows Name und Heldentaten lebten weiter. Die Suworowsche „Lehre zu siegen“ wurde auf viele Jahre hinaus zum Kriegsprogramm der besten russischen Feldherren. Seine Schüler und Nachfolger setzten die Weiterentwicklung und Vervollkommnung der Suworowschen Kriegskunst fort. Auch die Rote Armee hat sich die Suworowschen Gebote fest zu eigen gemacht und sie unter der Leitung ihrer Feldherren, unter der Leitung des Generalissimus der Sowjetunion, J.W. Stalin, schöpferisch verwertet.

Ein Zeitgenosse Suworows und sein Anhänger im Kriegshandwerk war der ausgezeichnet Flottenführer Uschakow. Mit seinem Namen ist das Aufblühen der russischen Kriegsmarinekunst verbunden.

Suworow hat nicht mitgekriegt, dass er später viel geehrt wurde. Siehe Wikipedia.

Suworow-Denkmal in der Schöllenen-Schlucht (Schweiz)
Bildquelle: Von I, Ondřej Žváček, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10710249

Die aktuellen Ereignisse machen auch vor den Denkmälern aus der älteren russischen Geschichte nicht halt.

Laut Wikipedia ist das Denkmal in der Schweiz, dass 1898 errichtet wurde, von mutmaßlich proukrainischen „Aktivisten“ Anfang 2022 geschändet worden.[15][16]

Noch zwei Ereignisse aus der heutigen Zeit sind zu erwähnen, die mit dem Denkmal an Suworow zusammenhängen.

Während der Kriegshandlungen zwischen der Ukraine und Russland erbeuteten (Na ja, sie nahmen es mit nach Hause, weil die Ukrainer damit ohnehin nichts anfangen können. P.R.) russische Truppen bei ihrem Rückzug aus Cherson im Oktober ein Denkmal für Suworow.[17]

Am 1. Dezember 2022 stimmte der Stadtrat von Odessa für eine Demontage des örtlichen Suworow-Denkmals. Am selben Tag begann der Abbau eines Denkmals für Suworow in Ismajil.[19]


Fjodor Fjodorowitsch Uschakow

Sowjetische Briefmarke von 1987
Bildquelle: Von Scanned and processed by Mariluna – Personal collection, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2823541

Fjodor Fjodorowitsch Uschakow wurde im Jahre 1745 in der Familie eines nicht reichen Adligen geboren. In das Petersburger Marinekorps eingetreten, begann der Sechzehnjährige mit Eifer und Beharrlichkeit sich dem schwierigen und rauen, aber verlockenden Seemannsberuf zu widmen.

Im ersten Russisch-Türkischen Krieg (1768 bis 1774) war Uschakow Leutnant und fuhr auf einem der kleinen Schiffe im Schwarzen Meer. Der Kampf um das Schwarze Meer wurde ihm zur Lebensaufgabe. Uschakow wurde der erste Erzieher der Schwarzmeer-Seeleute. Er kannte und liebte seine Matrosen. Wie Suworow war er der Ansicht, dass das Ziel der Erziehung der Soldaten darin bestehe, dass dieser in einer beliebigen Kampflage kriegerisches Können, kämpferischen Geist, Tapferkeit und Standhaftigkeit, Initiative und Flinkheit zeige.

Im ersten Russisch-Türkischen Krieg (1768 bis 1774) war Uschakow Leutnant und fuhr auf einem der kleinen Schiffe im Schwarzen Meer. Der Kampf um das Schwarze Meer wurde ihm zur Lebensaufgabe. Uschakow wurde der erste Erzieher der Schwarzmeer-Seeleute. Er kannte und liebte seine Matrosen. Wie Suworow war er der Ansicht, dass das Ziel der Erziehung der Soldaten darin bestehe, dass dieser in einer beliebigen Kampflage kriegerisches Können, kämpferischen Geist, Tapferkeit und Standhaftigkeit, Initiative und Flinkheit zeige.

Uschakow, wie auch Suworow, kümmerte sich nicht darum die Linienschlachtordnung einzuhalten. An erste Stelle stellte er das Manövrieren und den kühnen Angriff, beide mit kühler Berechnung kombinierend.

Im März 1790 wurde Uschakow zum Befehlshaber der Schwarzmeerflotte ernannt und konnte das von ihm ausgearbeitete System des Seekrieges zur praktischen Anwendung bringen. Der kühne, schnelle und entschlossene Angriff der Kriegsschiffe Uschakows war stets von einem Sieg gekrönt. Uschakows Seekriege, die gleichzeitig mit der Einnahme Isamils durch Suworow erfolgten, beschleunigten das siegreiche Ende des zweiten türkischen Krieges.

Im Jahre 1798 trat Russland in den Krieg gegen den französischen Eroberer Napoleon ein, der Malta, die Ionischen Inseln und Ägypten erobert hatte. Mit den Operationen gegen Napoleon im Mittelländischen Meer wurde Uschakow betraut, dem das Kommando über die gemeinsamen Aktionen der russischen und türkischen Flotte übertragen worden war.

Nachdem Uschakow eine Reihe griechischer Inseln befreit hatte, begann er im November 1798 die Belagerung der Insel Korfu. Es War eine mächtige Festung, gut ausgebaut, die als uneinnehmbar galt. Getreu den Suworowschen Regeln, bereitete Uschakow den Sturm auf die Festung gewissenhaft vor. Die russischen Schiffe kamen so nahe an die Insel heran, dass sie aus nächster Nähe die französischen Bastionen zerstören konnten. 2 000 Mann Marineinfanterie wurden unter Gewehrfeuerdeckung auf der Insel an Land gesetzt und schlugen den Feind in die Flucht. Als Suworow von dem glänzenden Sieg Uschakows erfuhr, rief er mit Bewunderung aus: „Unser großer Peter ist noch am Leben! Hurra die russische Flotte! Warum war ich nicht in Korfu mit dabei, wenn auch nur als Unterleutnant!“

Die griechische Bevölkerung begrüßte die russischen Befreier mit Jubel. Uschakow gewährte der Bevölkerung das Recht, sich ihre Selbstverwaltungsorgane selbst zu wählen und schützte die Rechte und das Eigentum der Bevölkerung vor jedwedem Anschlag. Als die Inseln endgültig von den französischen Okkupanten befreit waren, arbeitete Uschakow gemeinsam mit den örtlichen Patrioten eine Verfassung der Republik der Ionischen Inseln aus.

Nach der Einnahme von Korfu schickte Uschakow eine seiner Landungsabteilungen nach Süditalien, das bald von den Franzosen befreit wurde. Mit seinem Geschwader segelte Uschakow in die napolitanischen Gewässer und kommandierte zwei Abteilungen zur Befreiung Roms ab. Jubelnd empfing die römische Bevölkerung die russischen Befreier.

Uschakow hielt es für notwendig, sich nachher zur Insel Malta gegen die Hauptstreitkräfte Napoleons zu wenden, erhielt aber unerwartet den Befehl des Imperators Pawel I.(Paul I.) unverzüglich nach Russland zurückzukehren. Auf dem Rückweg in die Heimat besuchte Uschakow noch einmal die Insel Korfu. Der Senat der neuen Republik erklärte ihn in einer feierlichen Versammlung „zum Vater und Retter des Volkes“ und überreichte dem russischen Admiral im Namen des Volkes einen reichverzierten Schild, ein goldenes Schwert und eine Medaille, die ihm zu Ehren geprägt worden war.

Die zaristische Regierung würdigte die „eigenmächtigen“ und „aufrührerischen“ Handlungen des russischen Admirals in völlig anderer Weise.

1807 wurde Uschakow verabschiedet.

(Auf Wikipedia steht, dass Uschakow im Jahre 1806 verabschiedet wurde. P.R.)

Am 2. Oktober 1817 starb er, gleich Suworow, in der Einsamkeit und Verbannung.

(Dass er später geehrt wurde, hatte er ja nicht mitgekriegt. P.R.)

(Folgendes ist noch zu ergänzen, was auf Wikipedia, aber nicht in dem Alten Buch „Das Sowjetland“ steht. P.R.)

Mit der Ermordung von Zar Paul I. am 6. April 1801 änderten sich jedoch die russischen Interessen. Der neue Zar Alexander I. dachte an ein Bündnis mit Napoleon. Dabei störte ein erfolgreicher Kämpfer gegen die Franzosen wie Uschakow

Das Grab Uschakows im Sanaksar-Kloster bei Temnikow
Bildquelle: Von Die Autorenschaft wurde nicht in einer maschinell lesbaren Form angegeben. Es wird Olegivvit als Autor angenommen (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben). – Die Autorenschaft wurde nicht in einer maschinell lesbaren Form angegeben. Es wird angenommen, dass es sich um ein eigenes Werk handelt (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben)., CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=867394

 

Von http://mondvor.narod.ru, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2150504

 

Nach Uschakow ist der Uschakoworden der sowjetischen Flotte benannt.

Ebenso tragen mehrere Kriegsschiffe sowie der Asteroid (3010) Ushakov seinen Namen und der Ort Brandenburg (Frisches Haff) wurde 1946 nach ihm umbenannt.

2001 wurde er von der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen. Zum 15. Jahrestag der Heiligsprechung 2016 wurden Reliquien von ihm mit kirchlichem und militärischem Zeremoniell in der Kasaner Kathedrale in Sankt Petersburg niedergelegt.[1] Die 2006 fertiggestellte neue Kathedrale von Saransk trägt seinen Namen.

Ebenfalls 2006 wurde in Bulgarien das Uschakow-Denkmal am Kap Kaliakra eingeweiht.

Uschakow-Denkmal am Kap Kaliakra
Bildquelle: on Borislavlm87 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49757394

 

 

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947. Original-Autorin:  Anna Michailowna Pankratowa,

bearbeitet und einige Passagen aus Wikipedia entnommen, Petra Reichel

Suworow und Uschakow

 

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

 

 

 

 

 

 

Stepan Bandera

Stepan Bandera wurde m 1. Januar 1909 in Stary Uhryniw, Galizilien; Österreich-Ungarn geboren. Am 15. Oktober 1959 wurde er in München von einem KGB-Angehörigen ermordet. (Dieser KGB-Angehörige ist später in den Westen übergelaufen. P.R.)

Stepan Bandera (ca. 1934) 
Bildquelle: Von Unknown – https://www.wsws.org/asset/e8f414b7-e5a9-4de8-ae97-dd886febe62f?rendition=image1280, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=136479943

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns fiel das Gebiet an Polen. Beide Eltern stammten aus christlichen Familien, sein Vater Andrij war Priester der ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche. Seine Geschwister waren: Marta-Marija (1907–1982), Oleksandr (1911–1942), Wolodymyra Bandera-Dawydjuk (1913–2001), Wassyl (1915–1942), Oksana (1917–2008) und Bohdan (1919–1944). Der junge Bandera besuchte die Schule in Stryj. 1922 starb seine Mutter an Tuberkulose.

Stepan Bandera als Jugendlicher (1923)
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Nach dem Schulabschluss studierte Bandera ab 1928 am Polytechnikum Lemberg (Lwiw), an dem zur damaligen Zeit Ukrainern nur wenige Veranstaltungen offenstanden.[3] Er schloss sich der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) an, die von Andrij Melnyk geleitet wurde. Diese war 1929 gegründet worden, um gewaltsam Widerstand gegen die Polonisierung und die mit ihrer einhergehenden Diskriminierung der Ukrainer durch die Zweite Polnische Republik zu leisten. Mit ihrer Militanz und ethno-nationalistischen, undemokratischen Ideologie trug die OUN faschistische Züge. Bandera beteiligte sich an Attentaten der OUN auf polnische Politiker und Ukrainer, denen sie Kollaboration vorwarf.[4] Bandera stieg in der OUN schnell auf und gehörte bereits Anfang der 1930er Jahre zu deren Führungskader. Im Jahre 1934 wurde er zum Tode verurteilt, weil man ihm eine Beteiligung an der Ermordung des polnischen Innenministers Bronisław Pieracki vorwarf. Diese Strafe wurde jedoch in lebenslange Haft umgewandelt.

Im September 1939, nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges und der Besetzung Ostpolens durch die Sowjetunion, kam er wieder frei. Die Gründe für seine Freilassung sind unklar. Bandera begab sich in das von Deutschland besetzte Krakau, wo er unter dem Decknamen Konsul II mit dem Nachrichtendienst der Wehrmacht zusammenarbeitete, der sich davon ein Zusammenwirken mit der OUN erhoffte.[5] Im Generalgouvernement wurden so vor Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion unter deutscher Aufsicht Kampfverbände wie das Bataillon Nachtigall aus den Reihen der OUN gebildet. Aufgrund von Differenzen zwischen Bandera und Andrij Melnyk kam es 1940 zur Spaltung der OUN. Während Melnyk fortan die konservative OUN-M unterstand, leitete Bandera die revolutionäre und radikal antisemitische OUN-B (das Bsteht für banderiwzi, also „Banderisten“ oder „Bandera-Leute“). Sie sprach sich für eine sofortige Unabhängigkeit der Ukraine aus und bekämpfte die Melnyk-Anhänger blutig.[6]

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Lwiw (Lemberg) proklamierte Banderas Stellvertreter Jaroslaw Stezko am 30. Juni 1941 eine unabhängige Regierung der Westukraine. Durch OUN-B aufgestellte Milizen übernahmen teilweise die Polizeigewalt und waren maßgeblich an Pogromen gegen die jüdische Zivilbevölkerung beteiligt, die durch einen wenige Tage zuvor von Einheiten des sowjetischen NKWD an etwa 4000 ukrainischen Häftlingen begangenen Massenmord angeheizt wurden. Die Miliz bereitete durch Verhaftungen die Massenerschießung von 3000 Juden durch die Einsatzgruppe C der deutschen Sicherheitspolizei am 5. Juli 1941 vor.[7] Bandera selbst hielt sich an dem Tag laut Erkenntnissen ukrainischer Historiker allerdings nicht in Lemberg, sondern in Krakau auf; ob er in den Pogrom involviert war, ist bis zur Gegenwart umstritten.[8]

Da ein unabhängiger ukrainischer Staat nicht den Vorstellungen der deutschen Faschisten entsprach, wurde Bandera im Juli 1941 verhaftet und im sogenannten Zellenbau des Konzentrationslagers Sachsenhausen inhaftiert, in dem unter anderem auch der ehemalige österreichische Kanzler Kurt Schuschnigg festgehalten wurde. Während zwei von Banderas Brüdern, Oleksandr und Wassyl, im KZ Auschwitz unter ungeklärten Umständen ums Leben kamen,[9][10] angeblich von polnischen Mithäftlingen erschlagen,[11] genoss Bandera selbst in Sachsenhausen einen Sonderstatus als so genannter Ehrenhäftling. So bewohnte er eine größere möblierte Zelle mit getrenntem Schlaf- und Wohnbereich, Bildern an den Wänden und Teppich auf dem Boden.[12] Laut in der Gedenkstätte des KZ-Sachsenhausen aufbewahrten Protokollen hatte Bandera zudem sechs Untergebene und fuhr mehrmals nach Berlin, vermutlich in die Gestapo-Zentrale.[13]

Nach Grzegorz Rossoliński-Liebe (deutsch-polnischer Historiker) war Bandera ein „überzeugter Faschist“.[14] Er weist Bandera für die während seiner Abwesenheit 1943/44 verübten Massaker in Wolhynien und Ostgalizien eine zumindest „moralische Verantwortung“ zu. „Vor dem Krieg machte er (Bandera) kein Geheimnis daraus, dass ‚nicht nur Hunderte, sondern Tausende Menschenleben geopfert werden müssen‘, damit die OUN ihre Ziele realisieren und ein ukrainischer Staat entstehen könne. Die Massengewalt beziehungsweise die ‚Säuberung‘ der Ukraine von Juden, Polen, Russen und anderen ‚Feinden‘ der Organisation war ein zentraler Bestandteil seiner Ziele.“[14]

Ab Mitte 1941 säuberte die deutsche Besatzung lokale Polizeieinheiten und Verwaltungen von Anhängern der OUN, zahlreiche ihrer Mitglieder wurden verhaftet und in Konzentrationslager verbracht oder von der SS hingerichtet. Die OUN zögerte dennoch auf die Verfolgungswelle mit Gewalt zu antworten, da sie weiterhin in der Sowjetunion den Hauptfeind sah. Erst 1942 gründete sie nach Auffassung Kai Struves in Wolhynien die Ukrainische Aufständische Armee (Ukrajinska Powstanska Armija, UPA), die 1943 mit dem Widerstand gegen die Deutschen begann.[15] Nach Ansicht von Per Anders Rudling war die UPA jedoch vorher bereits von Taras Borowez und seinen Anhängern gegründet und in den Widerstand geführt worden. Banderas Anhänger – die zum Teil sehr tief in den Holocaust verstrickt gewesen seien – hätten sie lediglich mit Gewalt übernommen und dabei auch Anführer der UPA ermordet. Nach der Niederlage der Deutschen in Stalingrad begann die nun von der OUN-B geführte und radikalisierte UPA eine Terrorkampagne gegen alle Nicht-Ukrainer und tötete sowohl Juden wie Polen und Deutsche.[16] Nach einem Bericht des NDR arbeitete die von der OUN kontrollierte UPA zum Teil eng mit der hauptsächlich aus ukrainischen Freiwilligen bestehenden Waffen-SS-Division „Galizien“ zusammen. Bandera ließ sich zwar mit deutschen Waffen versorgen, kämpfte jedoch vor allem für die ukrainische Unabhängigkeit. Daher verbündete er sich zeitweilig mit sowjetischen Partisanen gegen die Deutschen, dann wieder mit der antikommunistischen polnischen „Heimatarmee“ gegen die Rote Armee.[17]

Am 25. September 1944 wurde Bandera aus der Haft entlassen. Er sollte ein ukrainisches Nationalkomitee gründen und an der Seite der Faschisten Aktionen des ukrainischen Widerstandes gegen die Rote Armee lenken. Wegen des raschen sowjetischen Vormarsches kam es nicht mehr dazu.[12] Im Dezember 1944 lehnte Bandera die von den Faschisten angebotene Zusammenarbeit ab.[18] Die UPA löste sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in rivalisierende Gruppen auf, die bis zum Ende der 1950er Jahre aktiv waren.

Im Herbst 1946 flüchtete Bandera über Österreich nach München,[19] wo er sich unter dem Namen Stefan Popel[20] jahrelang vor dem sowjetischen Geheimdienst KGB versteckte, da er in der Sowjetunion wegen seiner antisowjetischen Aktionen in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war. 1946 gründete er die Auslandsstelle der OUN, eine weitere Abspaltung, da er sich weigerte, das Bekenntnis  zu Rede- und Gedankenfreiheit sowie Minderheitenrechten mitzutragen, das die OUN-B im Sommer 1943 abgegeben hatte.[21] 1947 wurde Bandera im Exil Vorsitzender der OUN und blieb dies bis zu seinem Tod.[22] Der KGB-Agent Bogdan Staschinski (Ist in den Westen übergelaufen.)ermordete ihn am 15. Oktober 1959 im Eingang seines Wohnhauses in der Kreittmayrstraße 7[19] mit einer pistolenähnlichen Waffe, die Blausäuregas versprühte. Bandera wurde lebend aufgefunden und starb wenig später; seine Leiche wurde von dem Münchner Rechtsmediziner Wolfgang Spann obduziert. Er wurde am 20. Oktober auf dem Münchener Waldfriedhof bestattet.[23] Als Auftraggeber des Mordes wurde der KGB identifiziert.[24] Der Täter stellte sich[25] und wurde am 19. Oktober 1962 zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt.[26]  (Die Strafe ist wohl so mild ausgefallen, da Bodgan Staschinski in den Westen übergelaufen ist. P.R.)

Banderas Frau Jaroslawa, mit der er seit Juni 1940 verheiratet war, und ihre drei Kinder Natalia (1941–1985), Andrei (1944 oder 1946–1984) sowie Lesya (1947–2011) wanderten nach Toronto (Kanada) aus.[27]

 

Grab auf dem Waldfriedhof in München im April 2022
Bildquelle: Von PaulSch – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=117078432

Nachwirkungen:

Ukrainische Briefmarke zum 100. Geburtstag (2009)
Von The stamp was designed by Vasil Vasilenko [2]. It most likely uses this photo. – Stamp of Ukraine Stepan Bandera 100 years.jpg (own scan by Vizu), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36171300

In der Westukraine wird Bandera als Nationalheld verehrt. In der Ostukraine, den heutigen Volksrepubliken Donezk und Lugansk, gilt Bandera überwiegend als Verbrecher und Kollaborateur der deutschen Faschisten.

Die erste umfassende und wissenschaftliche Biographie Banderas und damit einhergehend die erste eingehende Studie des um ihn entstandenen Kults erschien 2014, geschrieben von Grzegorz Rossoliński-Liebe.[47] 2017 legte Lutz C. Kleveman eine Darstellung zum Thema vor, die zur Rolle Banderas eine bislang nicht erfolgte, notwendige Auseinandersetzung mit der eigenen Kollaborations-, Faschismus– und Antisemitismus-Geschichte in der Ukraine anmahnt. Die von Bandera ausgerufene unabhängige Ukraine war mitnichten im Sinne Hitlers, doch benutzte er die ukrainischen Nationalisten und ließ aus Banderas Milizen eine ukrainische Hilfspolizei gründen. Kollaboration spielt auch im Zusammenhang mit sowjetischen Kriegsgefangenen eine große Rolle. Wie in Deutschland wurde auch in Lemberg (Lwiw) ihr Schicksal lange verschwiegen. In der Zitadelle über der Stadt, in der sich jetzt ein Luxushotel befindet, starben über 140.000 sowjetische Kriegsgefangene, weil die deutschen Besatzer sie verhungern ließen.[48]

Porträt Banderas am Rathaus Kiew während des Euromaidan am 14. Januar 2014
Bildquelle: Von spoilt.exile – Flickr: 14.01.2014, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32031958

Die heutige Ukraine bekennt sich zum Erbe Banderas. Das heutige Deutschland unterstützt neben anderen westlichen Staaten die Ukraine. Der Euromaidan, in der westlichen Propaganda als Hort der Demokratie gepriesen, zeigt ein Porträt Banderas. (Was ist das für eine Demokratiebewegung, die sich auf das Erbe eines Kollaborateurs der Faschisten beruft? P.R.)

Anhänger von Karpaty Lwiw halten ein Transparent mit der Aufschrift „Bandera – unser Held“ (2010)
Bildquelle: Von PavloFriend – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10205422

Auch im aktuellen Krieg zwischen der Ukraine und Russland spielt das Erbe Banderas eine wichtige Rolle.

Öffentliche Aufmerksamkeit erregte der ukrainische Diplomat Andrij Melnyk, der 2015–2022 in Deutschland als Botschafter tätig war, als er direkt nach seinem Amtsantritt in Deutschland am 27. April 2015 das Grab Banderas in München besuchte und dort Blumen niederlegte. Danach twitterte er, Bandera sei „unser Held“.[49] Der Staatsminister im Auswärtigen Amt Michael Roth (SPD) teilte dazu im Mai 2015 mit, dass Melnyk die Position der Bundesregierung dazu hinlänglich bekannt sei. Die Bundesregierung verurteile die von der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) teilweise unter Leitung Banderas begangenen Verbrechen an polnischen, jüdischen und ukrainischen Zivilisten und Amtsträgern. Dabei sei sie sich bewusst, dass ein erheblicher Anteil an diesen Verbrechen in Kollaboration mit deutschen Besatzungstruppen begangen worden sei.[50] Im Gegensatz dazu, mehrten sich seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahre 2022 auch in der deutschen Politik die Stimmen der Bandera-Verehrung. Die Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Katrin Göring-Eckardt nannte Bandera beispielsweise als „unüberhörbare und unermüdliche Stimme für eine freie Ukraine“.[51]

(Menschenskind DIE GRÜNEN! P.R.)

Erneut für öffentliche Aufmerksamkeit bezüglich seiner Haltung zu Bandera sorgte Andrij Melnyk 2022, als er Bandera in einem Gespräch mit dem Journalisten Tilo Jung in Schutz nahm und dessen Verwicklung in den Holocaust in der Ukraine sowie an den Massakern an Polen in Wolhynien und Ostgalizien verneinte und argumentierte, es gebe keine Beweise für eine Verwicklung Banderas.[52] Melnyks Aussagen wurden sowohl in Deutschland als auch in Polen und Israel äußerst negativ aufgenommen und die Ukraine musste sich von diesen distanzieren.[53][54][55][56] Zehn Tage nach dem Interview wurde Melnyk von seinem Posten als Botschafter abberufen, wobei laut offizieller Verlautbarung aus Kiew kein Zusammenhang zwischen seinen Äußerungen und der Abberufung bestünde.[57] (Ach nee. P.R.)

(Menschenskind der Melnyk! P.R.)

Grabstein nach dem Farbanschlag und Reinigung (2022)
Bildquelle: Von Mozamaniac – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=121174619

(Ach nee, dafür ist Geld da, um den Grabstein sofort zu reinigen. P.R.)

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel