Die Entwicklung der russischen Kultur im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert waren Russland und Westeuropa bei weitem enger verbunden als im vorhergehenden Jahrhundert.

Während des Krieges mit Napoleon im Jahre 1812 und in der Zeit der europäischen Feldzüge 1813 bis 1815 lernte Europa Russland und Russland Europa näher kennen. Die Völker Europas verfolgten den heroischen Kampf des russischen Volkes um seine Unabhängigkeit mit Begeisterung. Die russischen Menschen bangten um das Schicksal ihres Vaterlandes. In ihnen wuchs das Streben, ihr Vaterland frei, gebildet und glücklich zu machen. „Jeder fühlte, dass er berufen ist, an der großen Aufgabe mitzuwirken“-bezeugte der Dekabrist Jukuschkin. „Wir waren Kinder des Jahres 1812“ – so erklärte der Dekabrist Murawjow-Apostol die Entstehung seines Freidenkertums.

Auf diese Weise gaben der Vaterländische Krieg des Jahres 1812 und die darauffolgenden Feldzüge in Europa der Erweckung des Nationalbewusstseins des russischen Volkes einen starken Anstoß. Die Gefahren des Jahres 1812 erweckten die russische Nation, schrieb späterhin Tschernyschewskij.

Die Liebe zum Vaterland war bei den russischen Menschen von dem leidenschaftlichen Streben durchdrungen, Russland zu reformieren und es in die Reihe der fortschrittlichen Länder zu stellen. Der Kampf um die Aufklärung Russlands wurde das allgemeine Programm aller fortschrittlichen Menschen des Landes. Der Menschenverstand wurde als jene Kraft anerkannt, die das in Unwissenheit und Unterdrückung schmachtende Russland auf den Weg der Freiheit führen sollte.

Der allgemeine Hang zur Aufklärung zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte auch nicht ohne Auswirkung auf die Maßnahmen der Regierung im Bildungswesen bleiben. Im Jahre 1802 wurde ein Ministerium für Volksaufklärung, Jugenderziehung und Verbreitung der Wissenschaften geschaffen. Zwar war das Ministerium von dem sich im Lande weithin entfaltenden „Freidenkertum“ sehr beunruhigt, jedoch „der Geist der Zeit“ zwang es, sich mit der Einführung der Bildung zu beschäftigen.

Außer der bereits von Lomonossow geschaffenen Moskauer Universität wurden im Jahre 1804 die Universitäten in Kasan, Charkow, Wilno und Derpt (Dorpat) errichtet.

Die Universitäten sollten Bildungszentren des Landes werden. Um sie herum wurden wissenschaftliche Gesellschaften geschaffen. Die besten Professoren und Gelehrten des Landes hielten in den Universitäten Vorlesungen, schrieben Lehrbücher. Die führende Rolle sowohl im wissenschaftlichen als auch im gesellschaftlichen Leben spielte die Moskauer Universität. Selbst nach der Niederwerfung des Dekabristenaufstandes, als die zaristische Regierung das Bildungswesen stark beengte, bewahrte die Moskauer Universität auch weiterhin diese Rolle.

Die zaristische Regierung, die das Anwachsen von Bildung für gefährlich hielt, war bemüht, den Zutritt der Rasnotschienzy in die Schulen, Gymnasien und Universitäten zu beschränken. In den Gymnasien und Universitäten wurde eine hohe Unterrichtsgebühr, die für die Rasnotschienzy unerschwinglich war, eingeführt. An jeder Universität wurde die Zahl der Studenten stark vermindert. Das Lehrprogramm wurde überprüft, um aus ihm „den Geist des Freidenkertums“ auszurotten.

Die zaristische Regierung konnte jedoch das mächtige Streben des russischen Volkes nach Wissen und Fortschritt nicht aufhalten. Nach der Abschaffung der Leibeigenschaft war das Bedürfnis des Landes nach Bildung noch mehr gewachsen. Der Kapitalismus erforderte gelernte Arbeiter, fähige Techniker und kundige Ingenieure. Die Semstwos eröffneten in den Dörfern die Semstwoschulen. In den Städten erhöhte sich die Zahl der städtischen Schulen und der Gymnasien. In den 1860er Jahren wurde das erste Mädchengymnasium errichtet, in den 1870er Jahren wurden in Petersburg die Akademischen Frauenkurse, die den Grund zur akademischen Ausbildung der Frauen legten, geschaffen.  Dem Bedarf der Kapitalisten an technischem Personal Rechnung tragend, eröffnete das Finanzministerium am Ende des 19. Jahrhunderts drei polytechnische Institute und eine beträchtliche Anzahl von mittleren Handels- und technischen Schulen. Die Entwicklung der mittleren und Hochschulbildung, der allgemeinen und speziellen Bildung förderte das Wachstum der russischen Wissenschaft.

Die Entwicklung der russischen Wissenschaft im 19. Jahrhundert zeitigte große Erfolge, die sie nicht nur auf gleiche Stufe, sondern in vielem an die Spitze der Wissenschaft Westeuropas stellten.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verstärkte sich in Russland in ungewöhnlichem Maße das Interesse an den „politischen Wissenschaften“, insbesondere an der Geschichtswissenschaft.

Der russische Historiker Karamsin gab im Jahre 1818 die ersten Bände seines Werkes „Geschichte des Russischen Reiches“ heraus. Ungeachtet dessen, dass der Autor reaktionäre, monarchistische Ansichten verfocht, machten sich die russischen Menschen nach diesen Büchern mit starkem Interesse mit der großen Vergangenheit ihres Vaterlandes bekannt. Puschkin, der dieses Verdienst Karamsins hervorhob, dass Karamsin die Geschichte Russlands ebenso entdeckte wie Kolumbus Amerika.

Nach Karamsin arbeiteten viele russische Gelehrte an der Erforschung der Geschichte Russlands. Das hervorragensde Geschichtswerk in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das vielbändige Werk des berühmten russischen Historikers Solowjów „Geschichte Russlands von den ältesten Zeiten an“.

Die russischen Gelehrten erforschten die Vergangenheit und Gegenwart ihres Landes und seine natürlichen Reichtümer. Damit beschäftigten sich die russischen wissenschaftlichen Geographen. Die kolossalen Gebiete von der Ostsee bis zum Stillen Ozean und von der Arktis bis zum Schwarzen Meer wurden auf Karten eingetragen, in geographische Atlanten aufgenommen, mit Hilfe von wissenschaftlichen Expeditionen beschrieben und erforscht. Die russischen Geographen beschränkten sich aber nicht mehr auf die Erforschung des weiten russischen Landes. In den Jahren 1803 bis 1806 machte Krusenstern als erster Russe eine Reise um die Welt. In den Jahren 1819 bis 1821 gelangte die russische Expedition von Lasarew, die sich durch die Eismassen durchgeschlagen hatte, als erste bis zu den Ufern der Antarktis. Über den ganzen Stillen Ozean liegen Inseln verstreut, die bis auf den heutigen Tag (Stand 1947 P.R.) ihre russischen Bezeichnungen behalten haben:

Die Suworow-Insel, die Kutusow-Insel, die Sandbank „Beregisj“ usw.

Im Jahre 1871 gelangte der russische Gelehrte Miklucha-Maklaj bis zur Insel Neuguinea. Das war der erste Europäer, der zu einem Stamm der Papuas kam, sich unter ihnen einige Jahre aufhielt und ihre Lebensweise und Bräuche erforschte.

Die Expeditionen von Przewalskij, Pewzow, Potanin, Koslow drangen in das Innere von Zentralasien und lieferten der Weltwissenschaft ihren unschätzbaren Beitrag.

Die schöpferischen Ideen der russischen Gelehrten offenabarten sich im 19. Jahrhundert auf allen Wissensgebieten.

Die russische Wissenschaft begann mit den Arbeiten des genialen Lomonossow, der den Grund zu vielen Naturwissenschaften und exakten Wissenschaften legte. Seine Fortsetzer waren, gleich ihm, Aufklärer des russischen Volkes und neuer der Wissenschaft.

Einer von diesen Neuerern war der Professor der Universität Kasan, der geniale Mathematiker Lobatschewskij. Er stellte sein geometrisches System auf, das eine neue Vorstellung vom Raum gab. Der englische Mathematiker Sylvester nannte Lobatschewskij „den Kopernikus der Geometrie“.

In den Jahren 1802 bis 1803 entdeckte der russische Physiker Petrow unabhängig von den ausländischen Gelehrten die Elektrolyse die Grundlage der modernen Elektrochemie. Er entdeckte den Lichtbogen einige Jahre früher als die europäischen Gelehrten.

Die russischen Gelehrten und Erfinder wandte den elektrischen Strom als erste in der Praxis an. Im Jahre 1832 baute Schilling in Petersburg als erster in der Welt einen elektromagnetischen Telegraphen; er hatte ihn zwischen dem Ministerium der Verkehrswege und dem Winterpalast eingerichtet. Einige Jahre später wurde ein ähnlicher Apparat von den Engländern Whitestone und Cook erfunden und erhielt eine weltweite Verbreitung.

Im Jahre 1833 baute der Mechaniker Tscherepanow im Ural die erste russische Dampflokomotive einer originalen Bauart.

Nach der Abschaffung der Leibeigenschaft waren günstigere Bedingungen für die Entwicklung der russischen Wissenschaft geschaffen. Die Gelehrten und Erfinder begegneten jedoch nach wie vor Hindernissen auf dem Wege zur Verwirklichung ihrer schöpferischen Ideen.

Der russische Erfinder Jablotschow konstruierte die erste elektrische Bogenlampe in der Welt. Im Jahre 1875 erleuchteten die „Jablotschkowkerzen“, die unter den regierenden Kreisen des zaristischen Russlands keinerlei Interesse hervorriefen, die Kaufläden und Straßen von Paris. Das von Jablotschkow erfundene elektrische Licht nannten die Franzosen „das russische Licht“. Der russische Elektrotechniker Popow hat als erster den Radiotelegraphen im Jahre 1895 erfunden, jedoch wurden für seine Versuchsanlagen keine Gelder bewilligt. Als Antwort auf das diesbezügliche Gesuch traf der Kriegsminister den Beschluss: „Für ein solches Hirngespinst bewillige ich keine Mittel.“  Der Italiener Marconi wiederholte später die Erfindung des russischen Gelehrten und erhielt volle Anerkennung.

Der hervorragende Mechaniker, der Vater des russischen Flugwesens, Shukowskij, führte erstmalig die Erforschung der Aerodynamik und der Theorie des Flugzeugbaus ein, seine Arbeiten fanden jedoch erst unter der Sowjetmacht Anwendung.

Nikolaj Jegorowitsch Shukowskij 1847 bis 1921
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Der große Chemiker Mendelejew formulierte im Jahre 1869 das geniale Gesetz: Die Eigenschaften der Elemente befinden sich in periodischer Abhängigkeit von ihrem Atomgewicht.“

Dmitrij Iwanowitsch Mendelejew 1834 bis 1907
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Entsprechend diesem Gesetz stellte er die periodische Tabelle der Elemente zusammen, die einen gewaltigen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Chemie ausübte. Die Eigenschaften jener Elemente, die in der Tabelle fehlten, wurden von Mendelejew genau vorhergesagt, und diese Elemente wurden in der Folgezeit entdeckt.

Mendelejew arbeitete auf den verschiedensten Gebieten der Naturkunde, er beschäftigte sich mit den Fragen der Entwicklung der Technik und der Industrie. Er war ein eifriger Anhänger der Errichtung mit fortschrittlicher Technik ausgerüsteten Fabriken und Werken in Russland, und er erblickte in der Industrialisierung des Landes einen Ausweg aus seiner Rückständigkeit. Mendelejew hielt Russland „für einen schlafenden Riesen, für den die Stunde des Erwachens angebrochen war“.

Mendelejew war als Gelehrter kein Einzelgänger wie Lomonossow, sondern Vertreter einer mächtigen wissenschaftlichen Bewegung, die das Russland des 19. Jahrhunderts auf einen der ersten Plätze der Weltwissenschaft stellte.

In der Reihe der Gelehrten von Weltbedeutung befinden sich die russischen Gelehrten I.M. Setschenow, I.I. Metschnikow, K.A. Timirjasew, I.P. Pawlow.

Iwan Michajlowitsch Setschenkow 1829 bis 1905
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Der schöpferische Genius des russischen Volkes zeigte sich auf allen Gebieten der Kultur. Jedoch die größte Erhabenheit und Stärke erreichte er in der russischen Literatur. Schon im 18. Jahrhundert wies in der russischen Literatur viele ruhmvolle Namen auf: Lomonossow, Dershawin, Fonwisin, Radischtschew. Das 19. Jahrhundert setzte die ganze Welt durch den mächtigen Aufschwung der künstlerischen Literatur in Russland in Erstaunen. Der große proletarische Schriftsteller Maxim Gorki hebt ausdrücklich hervor, dass „keine einzige der Literaturen des Westens mit einer solchen Stärke und Schnelligkeit, in solch mächtigem, blendendem Glanze des Talentes ins Leben getreten ist….Nirgends hat sich in einer Zeitspanne von weniger als 100 Jahren ein solch helles Sternbild großer Namen, wie in Russland gezeigt“.

In diesem „Sternbild großer Namen“ gab es aber einen Stern erster Größe. Dies war der große russische Dichter Alexander Sergejewitsch Puschkin. Seine Bedeutung als nationaler Genius war schon von seinen Zeitgenossen begriffen worden. „Die Stimme des Volkes bezeichnete ihn als russischen nationalen Volksdichter“, schrieb Belinskij über Puschkin.

Alexander Sergejewitsch Puschkin 1799 bis 1837
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Puschkin war der Schöpfer der modernen russischen Literatursprache und sämtlicher Arten der russischen Literatur. Mit „Eugen Onegin“, die Enzyklopädie des russischen Lebens, wie Belinskij dieses Werk charakterisierte, legte er den Grund zum russischen Roman, mit der „Hauptmannstochter“ schuf er die erste russische historische Erzählung. Mit seiner Tragödie „Boris Godunow“ gab er das Vorbild für das russische historische Drama. Mit seinen lyrischen Gedichten pflanzte Puschkin, nach den Worten Turgenjews. „als erster mit kraftvoller Hand schließlich die Fahne der Poesie tief in die russische Erde“.

Puschkins Schaffen, vollendet in seiner Form, weist einen tiefen Ideengehalt auf. Seine Werke sind von Liebe und Mitgefühl der Unterdrückten, von Hass gegen die Tyrannen erfüllt. Die düsteren Bilder des Lebens im Lande der Leibeigenschaft weckten des Dichters Zorn und Tadel. Nach Radischtschew schrieb Puschkin die „Ode auf die Freiheit“, in der er zur Vernichtung der Selbstherrschaft aufrief. Mit dem Gedicht „Das Dorf“ brandmarkte Puschkin zornig „das Geschlecht von Herren, die jedes Recht verhöhnen“, das „sein Joch erbarmungslos dem Landmann aufs Genick“ legte.

Puschkin, der den Ideen der Dekabristen warme Sympathie entgegenbrachte, verfasste bemerkenswerte „Sendschreiben nach Sibirien“ und schickte es durch die Frau eines der Verurteilten an die verbannten Dekabristen. Er rief die Dekabristen auf, die Hoffnung nicht zu verlieren und bis zum Ende für die Sache der Freiheit einzutreten.

Die letzten Lebensjahre des großen Dichters vergingen in der qualvollen Atmosphäre von Verleumdungen, Denunziationen und Demütigungen. Im Jahre 1837 wurde er von Dantes, einem Offizier vom Zarenhof, im Duell getötet. In seinem Gedicht „Auf den Tod des Dichters“ brandmarkte Lermontow nicht nur den Mörder, sondern auch die Würdenträger, die den Thron umgaben.

Puschkins Beitrag zur Weltliteratur erkennen bis zum heutigen Tage die fortschrittlichen Menschen aller Länder an. Das Sowjetland ehrte seinen großen nationalen Dichter in hohem Maße. Puschkin war der beliebteste Dichter sämtlicher Völker der Sowjetunion.

Michail Jurewitsch Lermontow 1814 bis 1841
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Lermontow, der Nachfolger Puschkins, hielt es gleichfalls für die Pflicht des Dichters und Schriftstellers, dem Vaterland und der Freiheit zu dienen. In den Poemen „Mzyri“, „Das Lied vom Zaren Iwan Wassiljewitsch“, „Dämon“ und im Roman „Ein Held unserer Zeit“ schuf Lermontow das Bild eines stolzen, freiheitsliebenden Menschen, der sich der Unterdrückung und dem zwang nicht fügen will. Der rebellische Held des Poems „Mzyri“ kennt „nur die eine, aber flammende Leidenschaft“: die Liebe zur Freiheit. Die Lermonontowschen Dichtungen, Verse und Romane sich erfüllt von heißer und eindringlicher Liebe zum Vaterland, von Mitgefühl für die Unterdrückten und von Hass gegen die Bedrücker.

Nikolaj Wassiljewitsch Gogol 1809 bist 1852
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts zeichnete der große russische Schriftsteller Gogol treffende und wahrheitsgetreue Bilder des russischen Lebens in seinen Werken.  Seine genialen Schöpfungen „Der Revisor“, „Die toten Seelen“ und andere erschütternde, zornerfüllte Bilder des leibeigenen Russlands. Herzen schrieb über den Eindruck, den Gogols „Tote Seelen“ hervorriefen: „Die Toten Seelen‘ haben ganz Russland erschüttert. Eine solche Anklage war dem zeitgenössischen Russland notwendig. Die ist eine Krankheitsgeschichte, von Meisterhand geschrieben.“

In Gogols Werken „Der Revisor“, „Die toten Seelen“, „Der Mantel“ sind Typen geprägst worden, worin „unter dem sichtbaren Lachen“ des Dichters seine „der Welt unsichtbaren Tränen“ verborgen waren. Bei der Darstellung solcher Gestalten wie Tschitschikow, Sobakewitsch, Manilow und Chlestakow sah Gogol gleichzeitig schon ein neues Russland vor sich und sehnte sich danach, indem er rief: „Russland! Russland! Ich sehe dich von meiner wunderbaren, herrlichen Ferne, ich sehe dich!“ Gogol schuf aber auch positive Gestalten. Eine solche ist die des Sohnes des ukrainischen Volkes Bulba.

Der große Satiriker Saltykow-Schtschedrin entlarvte in seinen Werken boshaft und treffsicher die Gutsbesitzer, die Beamten, die aufkommende Bourgeoisie. In der „Geschichte einer Stadt“, in den „Herren Golowljow“, in den „Erzählungen aus dem alten Poschechonien“ zeichnete Saltykow ein markantes Bild des Verfalls der leibeigenen Gesellschaftsordnung.

Alexander Nikolajewitsch Ostrowskij 1823 bis 1886
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Der Dramatiker Ostrowskij zeigte das dunkle Reich der Kaufleute, der bestechlichen Kreaturen, der parasitären Ausbeuter. Seine Theaterstücke „Der Wald“, „Das Gewitter“, „Eine einträgliche Stelle“, „Armut ist keine Schande“ geben ein breites und wahrheitsgetreues Bild des russischen Lebens um die Mitte des 19. Jahrhunderts.

 

Iwan Sergejewitsch Turgenjew 1818 bis 1883
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Der berühmte Schriftsteller Turgenjew schilderte in seinem „Tagebuch eines Jägers“ teilnahmsvoll und schwermütig die Lebensweise und die geistige Welt der Bauern. Seine Romane: „Das Adelsnest“, „Rudin“, „Am Vorabend“, „Väter und Söhne“ schildern jene Zersetzung, die in der russischen Gesellschaft am Vorabend der Abschaffung der Leibeigenschaft vor sich ging. Turgenjew schuf markante Typen jener „überflüssigen Menschen“, die nicht wussten, was sie mit ihren Kräften im Lande der Leibeigenschaft anfangen sollten.

Gontscharow zeichnet in seinen Romanen „Eine gewöhnliche Geschichte“, „Der Abgrund“ und „Oblomow“ wirklichkeitsnah und in bilderreicher Sprache das Russland der Beamten und der Gutsbesitzer vor der Reform der 1860er Jahre. Dobroljubow weist auf die gewaltige gesellschaftliche Bedeutung des Romans „Oblomow“ hin, der ein Urteilsspruch über die gesamte leibeigene Gesellschaftsordnung war.

Fjodor Michajlowitsch Dostojewskij 1821 bis 1881
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

In den 1840er Jahren wurde Dostojewskij durch seinen Roman „Arme Leute“ bekannt. Seine Romane „Schuld und Sühne“, „Der Idiot“, „Die Brüder Karamasow“ brachten ihm Weltruhm ein. Dostojewskij zeichnete in ihnen in genialer Weise Bilder der Erniedrigung und der Herabwürdigung der Persönlichkeit in der kapitalistischen Gesellschaft.

 

Leo Nikolajewitsch Tolstoi 1828 bis 1910
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

In den 1850er Jahren trat der „große Schriftsteller des russischen Landes“, Leo Tolstoi, auf den Plan. Seine genialen Werke „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“, „Auferstehung“ enthalten, wie Lenin sagte, unvergleichliche Bilder des russischen Lebens“. In der größten Schöpfung der russischen Literatur – in dem Roman „Krieg und Frieden“- wird der heldenhafte Kampf des russischen Volkes um seine Unabhängigkeit im Jahre 1812 geschildert. Dieser Roman ist von dem tiefen Glauben an die schöpferischen Kräfte des großen russischen Volkes erfüllt.

 

Anton Pawlowitsch Tschchow 1860 bis 1904
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Am Ende des 19. Jahrhunderts trat der vortreffliche Schriftsteller Anton Pawlowitsch Tschechow hervor. In seinen satirischen Werken geißelt er die unnützen Flenner, die bürgerlichen Liberalen, die Kleinbürger. Keiner vor ihm vermochte den Menschen das schmähliche und traurige Bild ihres Lebens im trüben Chaos des kleinbürgerlichen Alltags so schonungslos wahr zu zeigen“, schrieb Gorki über Tschechow„Sein Feind war die Banalität, sein ganzes Leben lang bekämpfte und verspottete er sie und schilderte sie mit seiner kühlen, spitzen Feder.“

Alexej Maximowitsch Gorki 1868 bis 1936 (Foto aus dem Jahre 1899)
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts brachte die junge Arbeiterklasse Russlands ihren genialen Künstler, den großen proletarischen Schriftsteller Alexej Maximowitsch Gorki hervor. Er wurde am 16. März 1868 in Nishnij-Nowgorod in der Familie eines Kunsttischlers geboren. Nach dem frühen Verlust seines Vaters begann für ihn mit dem 10. Lebensjahr ein arbeitsames, an Entbehrungen und Umherwandern reiches Leben. Seine schwere und freudlose Kindheit beschrieb Gorki in den vortrefflichen Büchern „Kindheit“ und „Unter fremden Menschen“. Schon in seiner Jugend machte er sich mit den Revolutionären bekannt. Sein herz entflammte in zornigem Protest gegen die Ausbeuter, brannte in heißem Mitgefühl für die Unterdrückten und Ausgebeuteten. Diese Gefühle des jungen revolutionären Schriftstellers fanden in seinen Werken ihren Niederschlag. Im Jahre 1901 ertönte wie Sturmgeläut das berühmte „Lied vom Sturmvogel“, das zur Revolution aufrief. „Mag der Sturm noch stärker brausen“, rief der Dichter, der dafür den Beinamen „Sturmvogel der Revolution“ erhielt. Schon zu jener Zeit wurde Gorki der Lieblingsschriftsteller nicht nur des russischen, sondern auch des westeuropäischen Proletariats.

Im Jahre 1902 wurde Gorki zum Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften gewählt, die zaristische Regierung hielt die Wahl des revolutionären Schriftstellers jedoch für eine „Frechheit“ und strich seinen Namen von der Liste der Akademiker. Zum Zeichen des Protestes verzichteten die Schriftsteller Tschechow und Korolenko auf ihre Ehrenmitgliedschaft der Akademie.

Immer neue Werke Gorkis erschienen im Druck. Sie waren von dem Glauben an den neuen Menschen, an den aufopferungswilligen Kämpfer um die Freiheit, an den stolzen, kühnen und starken Schöpfer eines neuen Lebens durchdrungen. „Mensch – das klingt stolz!“ schrieb Gorki. In dem Roman „Die Mutter“ begrüßte er mit Jubel die junge Arbeiterklasse Russlands. „Wenn man auf sie schaut, da sieht man – Russland wird die hervorragendste der Demokratien der Erde sein“, sagt einer der Helden des Romans „Die Mutter“ über die neue Generation der russischen Arbeiter.

Lenin begrüßte das Erscheinen des talentvollen proletarischen Schriftstellers warm Er sah den Beweis der geistigen Kraft der neuen revolutionären Klasse, die die Welt umgestalten wird. „…Gorki“ schrieb Lenin„ist zweifellos der größte Vertreter der proletarischen Kunst…“

Die russische Literatur des 19. Jahrhunderts war die fortschrittlichste Literatur der Welt. Ihr ideeller Reichtum setzte Europa in Erstaunen. Gorki schrieb: „In der russischen Literatur fanden die großen, von der Menschheit geschaffenen Freiheitsideen ihren treffenden Ausdruck.“

Der hohe Ideengehalt entsprang der ursprünglichen und tiefen Verbindung der russischen Literatur mit dem großen russischen Volk und seinem Freiheitskampf.

Die Verbindung der russischen Literatur mit der russischen gesellschaftlichen Befreiungsbewegung war nicht zufällig. Herzen erklärte diese Besonderheit der russischen Literatur folgendermaßen: Bei einem Volke, das keine politische Freiheit besitzt, ist die Literatur die einzige Tribüne, von deren Höhe herab es den Schrei seiner Empörung und seines Gewissens vernehmen lassen kann.“

Die Schriftsteller waren die fortschrittlichen Vertreter der revolutionären Generationen im Russland des 19. Jahrhunderts. Die russische Literatur war die hauptsächliche Pflanzstätte der fortschrittlichen gesellschaftlichen Idee und der erste Erzieher der jungen revolutionären Generationen. Von Radischtschew an war die russische Literatur von dem Gefühl der sozialen Gerechtigkeit durchdrungen. Die fortschrittlichen Schriftsteller machten nicht „Gott“, nicht die „Natur“ für den Kummer und die Leiden des russischen Volkes verantwortlich, sondern jene soziale Ordnung, deren Abänderung die Menschen selbst vornehmen sollten. Die besten fortschrittlichen Schriftsteller und Dichter Russlands des 19. Jahrhunderts waren Demokraten, leidenschaftliche Verteidiger der Freiheit, die den Zarismus und die Leibeigenschaft im Lande hassten.

Die Liebe zum Vaterland und der Nationalstolz der russischen Schriftsteller verwandelten sich bei ihnen niemals in nationale Beschränktheit.

Belinskij bestimmte in einem Artikel, der der Lyrik Lermontows gewidmet war, die Auffassung des Patriotismus, der sich durch die gesamte russische Literatur hindurchzieht, folgendermaßen: „Sein Vaterland lieben, heiß, glühend zu wünschen, in ihm die Verwirklichung des Ideals der Menschheit zu sehen und nach Maßgabe seiner Kräfte dazu beizutragen.“

Die großen fortschrittlichen Ideen fanden auch in der Kunst ihren Niederschlag. Die Vertreter dieser Ideen waren im 19. Jahrhundert in der Literatur: Puschkin, in der Malerei: Wenezianow, in der Musik: Glinka. Wenezianow stellte als erster in der Malerei das einfache russische Leben und eine rein russische Landschaft dar.

In den 1860er Jahren erhalten in der darstellenden Kunst die demokratischen Ideen eine große Verbreitung. Eine Gruppe von Absolventen der Akademie der Künste, die gegen die reaktionäre Richtung in der Kunst protestierten, gründete die „Genossenschaft der Wanderausstellungen“. Die Künstler dieser Genossenschaft traten für eine national-russische, wahrhaft völkische und realistische Richtung in der Kunst ein. Aus der Mitte dieser „Wanderaussteller“ gingen die drei nationalen Künstlerriesen: Reptin, Surikow und Levitan hervor.

Ilja Jefimowitsch Reptin 1844 bis 1930 (Selbstbildnis)
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Reptins Bilder stellen mit einem tiefen Realismus und künstlerischer Vollendung das Leben und die Arbeit des russischen Volkes dar. Die „Burlaki“ („Die Wolgaschlepper“) – ausgemergelte Menschen, die sich mit allen Kräften in den Schleppgurt stemmen, treideln den schweren Schleppkahn. „Der Kreuzzug im Gouvernement Kursk“ – umgeben von Polizisten, im Schatten von Kirchenfahnen, versengt von einer unbarmherzigen Sonne, schreitet die erschöpfte und zerlumpte Volksmenge in der Prozession und bittet um Regen. Reptins Bilder sind vom Mitgefühl für das unterdrückte Volk erfüllt. Sein Bild „Saporoshzy“ („Die Saprosher Kosaken“) zeigt die unbezwungen Kosaken-Freischar, die auf die Drohungen der Feinde mit fröhlichem Spott antwortet.

 

Surikows Bilder sind von der Begeisterung über den mächtigen Volksgeist durchdrungen, der im Namen einer Idee zu Tod und Pein bereit ist. Seine „Bojarin Morosowa“, „Stepan Rasin“ und andere stellen die Volksmassen in den krisenhaften Augenblicken der russischen Geschichte dar.

Levitans Bilder: „Goldender Herbst“, „März“, „Abend an der Wolga“, „Die ewige Ruhe“ spiegeln mit großer Eindringlichkeit und Liebe die reine, sanfte und schwermütige russische Natur wieder.

Das Gedächtnis des russischen Volkes wird für immer die Namen so bedeutender Künstler bewahren wie: Perow mit seiner „Trojka“, „Teestunde in Mytischtschi“ und mit den Porträts der hervorragenden russischen Schriftsteller; Schischkin mit seinen wunderbaren Bildern „Morgen im Fichtenwalde“, „Roggen“ usw.; Kramskoj, ein hervorragender Schöpfer von Porträts der großen Repräsentanten der russischen Kultur; Serow, ein bemerkenswerter russischer Maler; Aiwasowskij, der das Meer ausgezeichnet darstellte: „Der Sturm“, „Die neunte Woge“; Wereschtschagin mit seinen Kriegs- und Schlachtenbildern: „Apothes des Krieges“, „Tödlich verwundet“ und andere; Wasnezow, der sich den russischen Märchen und Heldensagen in seinen berühmten Bildern zugewendet hat: „Drei Recken“, „Aljonuschka“ und Polenow mit seinen Bildern: „Großmütterchens Garten“, „Die Kranke“, „Moskauer kleiner Hof“.

Der nationale Genius des russischen Volkes zeigte sich im 19. Jahrhundert auch im musikalischen Schaffen. Der Stammvater der russischen Oper und der symphonischen Musik war Glinka.

Michail Iwanowitsch Glinka 1804 bis 1857
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Er verwertete den unausschöpflichen Reichtum der Volksweisen, die schöpferischen Errungenschaften der westeuropäischen Musik und schuf geniale Vorbilder der russischen musikalischen Kunst. Glinkas Opern: „Ruslan und Ludmila“ und „Iwan Sussanin“ wurden klassische Werke nicht nur der russischen Musik, sondern auch der Musik der gesamten Welt.

Einen großen Beitrag zur russischen Musikkunst leisteten in den 1860er und 1870er Jahren die Komponisten, die sich in der musikalischen Gemeinschaft „Das mächtige Häuflein“ zusammengeschlossen hatten. Die Komponisten des „Mächtigen Häufleins“; Balakirew, Borodin, Kjui, Mussorgskij und Rimskij-Korssakow: „Schneewittchen“, von Mussorgskij: „Boris Godunow“ und „Chowanschtschina“, stellten zum ersten Mal in der Opernkunst das Volk in der Eigenschaft des Haupthelden des Werkes dar.

Den 80-90er Jahren des 19. Jahrhunderts gehört die Blütezeit des Schaffens Tschaikowskijs an, eines der größten Komponisten der Welt.

Peter Iljitsch Tschaikowskij 1840 bis 1893
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Tschaikowskij gelang es wie keinen anderen, die besten Traditionen der nationalen Kunst mit den hohen allgemeinmenschlichen Gefühlen und Idealen zu einer harmonischen Einheit zu verbinden. Das ist der Grund, weshalb die Menschen der verschiedenen Länder und Völker Tschaikowskijs Musik nachempfinden und verstehen.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich auch das russische Nationaltheater. Mit dem Namen des hervorragenden Künstlers Schtschepkin ist die Blüte des Kleinen Theaters in Moskau verbunden. In diesem Theater traten die großen russischen Schauspieler und Schauspielerinnen auf: Sadowskij, Fedotowa, Jermolowa; in den besten russischen Schauspielnen: „Muttersöhnchen“ von Fonwisin, „Das Unglück, klug zu sein“ von Gribojedow, „Der Revisor“ von Gogol, die Theaterstücke von Ostrowskij und später Tschechow und Gorki. Über die Rolle des Kleinen Theaters äußerten sich die besten russischen Menschen: „Auf der Moskauer Universität haben wir gelernt, im Kleinen Theater sind wir erzogen worden.“

Im Jahre 1917 schrieb der große proletarische Schriftsteller Gorki in Bezug auf die schöpferische Leistung des russischen nationalen Genius im 19. Jahrhundert: „Auf dem Gebiete der Kunst, in der Schaffenskraft des Herzens, hat das russische Volk eine erstaunliche Kraft bewiesen, indem es unter den entsetzlichsten Bedingungen eine herrliche Literatur, eine wunderbare Malerei und eine originale Musik schuf, die die ganze Welt bewundert. Der Mund des Volkes war verschlossen, die Flügel der Seele gebunden, doch sein Herz gebar Dutzende von großen Künstlern des Wortes, des Tones, der Farbe.“

 

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

 

 

Original-Autorin: Anna Michailowna Pankratowa

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland, Band 1

Die Kultur der Völker Russlands im 19. Jahrhundert

Das geistige Leben eines jeden Volkes verläuft nicht abgesondert vom Leben anderer Völker. Es bildet sich als Ergebnis des Zusammenwirkens der Kulturen verschiedener Völker, dabei seine wesentlichen nationalen Traditionen und Züge bewahrend und entfaltend.

Das geistige Leben eines jeden Volkes verläuft nicht abgesondert vom Leben anderer Völker. Es bildet sich als Ergebnis des Zusammenwirkens der Kulturen verschiedener Völker, dabei seine wesentlichen nationalen Traditionen und Züge bewahrend und entfaltend.

Das kennzeichnende Merkmal der russischen Kultur war nicht nur ihr hoher Ideengehalt, sondern auch ihr kämpferischer Geist. Dies ist auch der Grund, weshalb die russische Kultur, die die führenden fortschrittlichen Ideen der Menschheit in sich aufnahm, auch selbst auf die Entwicklung dieser Ideen einen mächtigen Einfluss ausübte. Mit dem großen Puschkin beginnend, nahm dieser Einfluss immer mehr zu. Die französischen Schriftsteller Georges Sand, Alphonse Daudet, Emile Zola, Maupassant hielten Turgenjew für einen großen Meister des Wortes und lernten im gleichen Maße von ihnen. In seiner Grabrede über der sterblichen Hülle Turgenjews sprach der französische Dichter Renan: „In Turgenjew lebte eine ganze Welt. Der Stamm der Slawen, die jetzt auf den ersten Plan in die Geschichte der Völker gerückt sind, bildet eine phänomenale Erscheinung und verkörpert sich in diesem großen Künstler. Turgenjew war ein Sohn seines Vaterlandes, aber nach seiner Art und Weise zu fühlen und zu schaffen, gehörte er der ganzen Menschheit.“

Einen noch größeren Einfluss auf die Kultur der Welt übten Tolstoi und Dostojewskij aus. Der französische Schriftsteller Romain Rolland schrieb über den mächtigen Einfluss Leo Tolstois auf das geistige Leben Europas folgendes: Es war dies wie ein in das grenzenlose Weltall geöffnetes Tor, wie eine große Offenbarung des Lebens. Noch nie war eine ähnliche Stimme in Europa ertönt.“ Großen Einfluss hatte in Europa auch Dostojewskij – „der erste Psychologe der Weltliteratur“, wie ihn der Schriftsteller Thomas Mann nannte. Tschechows und besonders Gorkis Werke schufen in Europa eine neue Schule von Schriftstellern.

Die russische Literatur beeinflusste die Bildung der Schriftsteller anderer slawischer Völker in erheblichem Maße. Die Werke Belinskijs, Tschernischewskijs, Nekrassows und anderer russischer Schriftsteller hatten eine mächtige Einwirkung auf die slawischen Schriftsteller.

Noch tiefer und unmittelbarer war die Verbindung der russischen Kultur mit der Kultur der anderen Völker Russlands. Die herrschenden Klassen des zaristischen Russlands fürchteten die Entwicklung der russischen Kultur und hinderten ihr schöpferisches Aufblühen. Um so mehr erniedrigten und unterdrückten sie die Kultur der unterjochten Völker.

Das russische Volk schuf seine nationale Kultur, die von Achtung gegenüber der Kultur anderer Völker durchdrungen ist.

Das Wachstum des Kapitalismus in den Grenzgebieten Russlands war von der Entwicklung einer nationalen Bewegung unter den unterdrückten Völkern Russlands begleitet. Die fortschrittlichen russischen Menschen zeigten gegenüber den Anfängen und Offenbarungen der Kultur der erwachenden Nationen tiefe Sympathie. Zwischen den russischen Kulturschaffenden und den fortschrittlichen Vertretern der andren Völker Russlands wuchs und befestigte sich eine brüderliche Freundschaft.

Das ukrainische Volk hat im 19. Jahrhundert eine Reihe von bedeutenden Schriftstellern aufzuweisen, die die reiche und klangvolle ukrainische Sprache vervollkommnet und bedeutende künstlerische Werke in ukrainischer Sprache geschaffen haben. Die Schöpfer der ukrainischen Literatursprache und Gründer der ukrainischen Literatur waren die drei Schriftsteller: Kotljarewskij – der Autor von „Natalka-Poltawka“ und „Aeneida“, Kwitka-Osnowjanenko – der Verfasser der „Kleinrussischen Novellen“, und Grebinka – der Autor ukrainischer Fabeln und Gedichte, ein persönlicher Freund und Übersetzer des großen Puschkin. (Ach ja, die Ukraine- Davon will heute niemand mehr was wissen. P.R.)

Der große Volksdichter der Ukraine war Taras Grigorjewitsch Schewtschenko.

Taras Grigorjewitsch Schewtschenko 1814 bis 1861
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

In seiner Kindheit war er, der Sohn eines Leibeigenen, Hirte, später diente er bei einem Gutsbesitzer. Zusammen mit seinem Herrn gelangte er nach Petersburg und wurde zu einem Malermeister in die Lehre gegeben. Im Jahre 1836 wurde Schewtschenko mit den Schriftstellern Shukowskij und Grebinka bekannt, sowie mit dem berühmten Künstler Brjullow. Um dem urwüchsigen Talent das Studium zu ermöglichen, malte Brjullow Shukowskijs Porträt, verloste es in einer Lotterie und kaufte für die erhaltenen 2500 Rubel Schewtschenko frei. Schewtschenko trat in die Akademie der Künste ein. Zur gleichen Zeit schrieb er seine ersten Gedichte. Im Jahre 1840 erschien seine erste Gedichtsammlung „Kobsarj“ („Der Kobsaspieler“). Von tiefem Hass gegenüber dem Zarismus ist Schewtschenkos Gedicht „Der Traum“ erfüllt. In dem Gedicht „Der Kaukasus“ ruft Schewtschenko die Werktätigen aller Nationen zu Aufstand gegen den Zarismus, gegen das von ihm geschaffene Völkergefängnis, wo „von dem Moldauer bis zum Finnen in allen in allen Sprachen alles schweigt.“

Im April 1847 wurde Schewtschenko wegen revolutionärer Tätigkeit verhaftet. Das Gericht fällte das Urteil: „Den Künstler Schewtschenko wegen Abfassung aufrührerischer und in höchstem Grade frecher Gedichte, da er von starker Konstitution ist, als Gemeinen dem Orenburger Korps zuzuteilen.“

Der Zar Nikolaj I. fügte diesem Urteil hinzu: „Unter strengster Aufsicht – mit dem Verbot, zu schreiben und zu malen.“

Nach zehnjähriger Verbannung wurde Schewtschenko freigelassen. Die Verbannung hatte den revolutionären Dichter nicht gebrochen. Nach wie vor rief er das ukrainische Volk zum Kampf für die Freiheit und Unabhängigkeit auf. Im Juli 1859 siedelte er nach Petersburg über, wo er sich mit dem großen russischen revolutionären Schriftsteller Tschernyschewskij befreundete. Die Führer der russischen revolutionären Demokratie Tschernyschewskij und Dobrojubow schätzen Schewtschenko als ihren Gesinnungsgenossen und Mitkämpfer hoch ein. Dobroljubow schrieb über Schewtschenko: „Er ist ein Volkspoet in vollen Sinne des Wortes…Er kam aus dem Volke, lebte mit dem Volke, und nicht nur mit den Gedanken, sondern auch durch die Umstände seines Lebens war er mit ihm stark und mit allen Fibern verbunden.“

Schewtschenko brachte den russischen Schriftstellern und Revolutionären, die um die Freiheit der Völker kämpften, größte Liebe entgegen.

In der Entwicklung des poetischen Genius von Schewtschenko spielte die große russische Kultur, der Schewtschenko mit tiefer Achtung begegnete, eine gewaltige Rolle.

Die Werke des großen Volksdichters der Ukraine, des revolutionären Demokraten Schewtschenko, gehören nicht nur dem ukrainischen Volke, sondern allen Völker der Sowjetunion. (Na ja, davon ist nichts mehr geblieben. P.R.)

In enger Verbindung mit der russischen Kultur entwickelte sich auch die bjelorussische Literatur. In der Mitte des 19. Jahrhunderts trat der bedeutende Dichter und Dramaturg Dunin-Marzinkewitsch hervor, der mit seinen Poemen „Gapon“, „Kupala“ und anderen den Grund zur bjelorussischen Literatursprache legte. Er war der erste Schriftsteller, der sich dem überaus reichen Schaffen des bjelorussischen Volkes zuwandte. Nach der Reform des Jahres 1861 brachte die bjelorussische Literatur einen ganzen Plejadenschwarm von neuen bedeutenden Schriftstellern hervor, mit Franzisk Boguschewitsch an der Spitze, der besonders energisch für die Entwicklung der bjelorussischen Sprache kämpfte. In Poesie und Prosa schilderten die bjelorussischen Dichter und Schriftsteller wahrheitsgetreu das schwere Leben der weißrussischen Bauernschaft und traten als Ankläger der Zustände des zaristischen Russlands auf.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts rückt der revolutionäre Dichter Janka Kupala auf den ersten Platz. Janka Kupala (dies war der literarische Name von Iwan Dominikowitsch Luzewitsch), der Sohn eines armen Bauern, wurde der Herold für die Millionenmassen des unglücklichen bjelorussischen Volkes in seinem Befreiungskampf. Zur Zeit des revolutionären Aufschwungs in den Jahren 1912 bis 1913 schreib Janka Kupala die klassischen Werke der bjelorussischen Literatur: die Gedichtbücher „Shalejka“, „Gusljar“, „Spadtschina“ und andere.

Unter der ideellen Einwirkung der russischen Kultur entfaltete sich auch das Schaffen der Schriftsteller Georgiens, Armeniens und Aserbaidschans.

Die Gründer der neuen georgischen Literatur war Ilja Tschawtschadse, ein glühender Verehrer Belinskijs, Dobroljubows und Tschernyschewskijs. Unter dem Einfluss dieser revolutionären Demokraten und Vertreter des großen russischen Volkes geißelte Tschawtschawadse in seinen Werken den degenerierten Adel und schrieb verständnisvoll über die unterdrückte Bauernschaft. Er veröffentlichte Übersetzungen der Artikel von Belinskij, Dobroljubow und anderer russischer und westeuropäischer Schriftsteller. Die Zeitschrift „Der Bote Georgiens“, die Tschawtschawadse herausgab, wurde das Zentrum der Aufklärungsbewegung unter dem georgischen Volk. Ilja Tschawtschawadse ist der Schöpfer und Klassiker der zeitgenössischen georgischen Literatursprache.

Einer der bedeutensden Schriftsteller Armeniens war Chatschatur Abowjan. Sein Roman „Die Wunden Armeniens“, aus der Geschichte des russisch-persischen Krieges, spielte in der Geschichte der nationalen Kultur Armeniens eine große Rolle und legte den Grund zu der neuen armenischen Literatursprache. Dieser Roman, der der Stimmung nach patriotisch ist, schilderte in grellen Farben die schwere Lage des armenischen Volkes unter der persischen Oberherrschaft. Abowjan schätzte die russische Kultur hoch und war ein glühender Anhänger der geistigen und politischen Annäherung an das russische Volk. Er eröffnete die erste weltliche Schule in Armenien und machte die armenische Jugend mit den besten Werken der russischen und westeuropäischen Literatur bekannt. In den 1850er bist 1860er Jahren wurde in Moskau die Zeitschrift „Das Nordlicht“ in armenischer Sprache herausgegeben, in der vorbildliche Werke der russischen Literatur abgedruckt wurden.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann der Gründer der aserbaidschanischen Literatur, Mirsa Achundow, seinen Kampf um die Entwicklung der aserbaidschanischen Sprache und schlug eine Reform des arabischen Alphabets vor. Achundow wurde in einer russischen Schule erzogen und die russische Literatur hatte einen großen und positiven Einfluss auf sein Schaffen. Achundow liebte besonders Puschkin. Er schrieb auf den Tod des russischen Dichters eine seiner besten Dichtungen. In seinen Lustspielen entlarvte er die Heuchelei und die Habgier der muselmanischen Geistlichkeit. Man nannte ihn den muselmanischen Molière. Achundow trat als erster gegen die Rechtlosigkeit der Frauen auf und kämpfte für die Aufklärung des aserbaidschanischen Volkes.

In Kasachstan waren der kasachische Dichter Abaj Kunanbajew und der demokratische Gelehrte Tschokan Walichanow glühende Anhänger der russischen Aufklärer. Kunanbajew war der Gründer der kasachischen Literatursprache und Klassiker der kasachischen Literatur. Er hat die Werke Puschkins, Lermontows und Krylows in die kasachische Sprache übersetzt. Kunanbajew erblickte in einer tiefen und engen Verbindung mit der fortschrittlichen Kultur den sichersten Weg zur Aufklärung des kasachischen Volkes.

Ein ebensolcher überzeugter Verfechter der Freundschaft des russischen und kasachischen Volkes war Tschokan Walichanow, der sich mit Dostojewskij und anderen Schaffenden der russischen Kultur und Aufklärung der Mitte des 19. Jahrhunderts befreundete. Walichannow war der erste kasachische Gelehrte. Seine Arbeiten über die Geschichte und Geographie der Völker Mittelasiens hatten große wissenschaftliche Bedeutung und waren von Mitgefühl für die unterdrückten Völker erfüllt.

Die kulturelle gegenseitige Beeinflussung und enge Verbindung aller Völker Russlands half die Rückständigkeit und Unwissenheit, die die zaristische Regierung aufrechterhalten suchte, zu überwinden. Die vom Zarismus unterdrückten Völker begeisterten sich an den fortschrittlichen Ideen der russischen Kultur; aus den großen Schöpfungen der russischen Schriftsteller eigneten sich die Ideale der politischen Freiheit und sozialen Gerechtigkeit an. Sie lernten, im russischen Volke ihren besten Freund und Führer im Kampfe um die nationale und soziale Befreiung zu sehen.

Besonders verstärkte sich der fortschrittliche Einfluss der russischen Kultur der anderen Völker Russlands vom Ende des 19. Jahrhunderts an, als an die Spitze der Freiheitsbewegung sämtlicher Völker Russlands das Proletariat trat, das solche Genies der Weltkultur wie Lenin und Stalin hervorgebracht hat. Russland wurde das Vaterland des Leninismus – der höchsten Errungenschaft der russischen und der Weltkultur.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Autorin: Anna Michailowna Pankratowa

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“

Die Entwicklung der revolutionären Bewegung in Westeuropa. Russland in der Mitte des 19. Jahrhunderts

Zar Nikolaj I., der den Thron während des ersten offenen Aufstandes gegen den Zarismus bestiegen hatte, erblickte die Hauptaufgabe seiner Regierung in der Festigung der Selbstherrschaft und der Erhaltung der Leibeigenschaft. Sein Bestreben war, das ganze Land in ein militärisches Zuchthaus zu verwandeln.

Zum Schutze der bestehenden Ordnung wurde das Gendarmeriekorps gebildet. Die geheime politische Polizei berichtete über die Geisteshaltung der Untertanen. Besondere Beamten-die Zensoren-schauten vorher sämtliche Bücher, Zeitschriften und Privatbriefe durch, um „in die Geisteshaltung einzudringen, um zu beobachten, wer sich frei und unehrbietig über Religion und Staatsgewalt äußert“. Bei den Gerichten wurden die Prozesse nicht öffentlich geführt. Jedes Freidenkertum wurde streng bestraft.

Die Regierung Nikoajs I. erachtete es für gefährlich, das Volk aufzuklären. Der Minister für Bildungswesen, Uwarow, sagte: „Ich werde beruhigt sterben, wenn ich die Entwicklung Russlands um 50 Jahre verzögere.“ Der Unterricht wurde im Geiste „der Rechtgläubigkeit, der Selbstherrschaft und der Völkischheit“ erteilt. Die Erziehung und der Unterricht im Geiste dieser „Grundsätze“ sollten in der Seele der Jugend das Gefühl des Protestes gegen das Leibeigenschafts-Regime und die Selbstherrschaft ersticken.

Der russische Zar befürchtete das Eindringen der „Revolutionären Seuche“ vom Westen. Die Revolution in Europa trat ihren Triumphzug an. Im Juli 1830 flammte in Frankreich eine neue Revolution auf. Im November desselben Jahres begann der Aufstand in Polen. Nikolaj I. brach unverzüglich die Beziehungen zu Frankreich ab und schickte eine große Armee gegen Polen. Zur gleichen Zeit trat er mit den reaktionären Regierungen Österreichs und Preußens in Verhandlungen ein, um die weitere Ausbreitung der Revolution zu verhindern. „Die Revolution steht auf der Schwelle Russlands“, sagte er, „aber ich schwöre bei Gott, solange ich atme, wird sie diese Schwelle nicht überschreiten!“

Die revolutionäre Bewegung in Europawuchs weiter an. Die Arbeiterklasse, die als Ergebnis der Entwicklung des Kapitalismus aufkam, trat in den 30-40er Jahren des 19. Jahrhunderts mit ihren Forderungen auf. Im Jahre 1831 fand in Lyon (Frankreich) der erste Aufstand der Webereiarbeiter statt. Fast zur gleichen Zeit begannen die englischen Arbeiter einen revolutionären Kampf um die Gewährung politischer Rechte. Die Arbeiter legten ihre Forderungen in einem Dokument nieder, das sie „Charta“ nannten. Diese politische Bewegung wurden „Chartismus“ genannt.

In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts erstanden den Arbeitern große Führer: Karl Marx und Friedrich Engels. Sie organisierten die erste Partei der Arbeiterklasse: den „Bund der Kommunisten“, und schrieben für sie ein Programm: das „Manifest der Kommunistischen Partei“. In dem „Manifest“ wird dargelegt, dass der jahrtausendelange Kampf zischen Unterdrückern und Unterdrückten mit dem Sieg der Arbeiterklasse enden muss, die die proletarische Diktatur errichten und den Sozialismus aufbauen wird. Das „Manifest“ schließt mit dem Aufruf: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

Im Juni 1848 erhoben sich die Pariser Arbeiter mit der Waffe in der Hand zum ersten Mal zum Kampf um ihre Rechte. Aber sie waren noch schwach und nicht organisiert, und erlitten eine Niederlage. Nichtsdestoweniger fand die französische Revolution des Jahres 1848 in fast allen Ländern Europas einen Widerhall.

Im Jahre 1849 siegte die Revolution in Ungarn, das die Unabhängigkeit von der österreichischen Monarchie, der es einverleibt war, verkündete.

Nikolaj I., der gemeinsam mit dem preußischen und österreichischen Monarchen die Gegenrevolution in Europa unterstütze, schickte zur Niederschlagung der ungarischen Revolution eine Armee von 100 000 Mann. Von österreichischen und russischen Truppen umzingelt, war die revolutionäre Armee Ungarns gezwungen, sich zu ergeben. Den russischen Zaren nannte man den Gendarmen Europas. Auch die anderen feudalen Monarchen, besonders der König von Preußen, spielten die Rolle von Gendarmen.

Der Zarismus konnte die Entwicklung der russischen Geschichte jedoch nicht aufhalten. Das Leibeigenschaftssystem in Russland machte eine Krise durch. Eine der markantesten und krassesten Erscheinungen dieser Krise waren die sich immer öfter wiederholenden Bauernaufstände gegen die Leibeigenschaft.

Im Lande ginge große Veränderungen vor. Die Bevölkerung in den Städten vergrößerte sich. Der Handel mit Europa und im Inneren dehnte sich aus. Von den40-50er Jahren an beginnt die kapitalistische Manufaktur durch die Fabrik (die maschinelle Großindustrie) abgelöst zu werden. In den Fabriken arbeiteten bereits viele Lohnarbeiter. Die Fabrikanten begannen, aus dem Ausland Maschinen zu beziehen. Die Einfuhr der Maschinen aus dem Ausland stieg in den 25 Jahren von 1835 bis 1860 um das 25fache. Es entstanden Eisenbahnen. Im Jahre 1851, wurde eine große Eisenbahn gebaut, die die damals alte Hauptstadt Moskau mit der damals neuen, Petersburg, verband.

Jedoch der Entwicklung des Kapitalismus stand die Leibeigenschaft im Wege. Die Industrie arbeitete schlecht, da die leibeigene Arbeitskraft sich für die Entwicklung des Kapitalismus als unproduktiv und unvorteilhaft erwies. Auch in der Landwirtschaft erwies sich die Arbeit mit Leibeigenen als unvorteilhaft. Im Frondienst arbeiteten die Leibeigenen schlecht. Die Technik der Landwirtschaft war noch rückständiger als in der Industrie. Die Ernten waren schlecht. Die Gutsbesitzer, die Geld brachten, steigerten die Ausbeutung ihrer Leibeigenen. Die Bauern kamen herunter und verarmten.

 

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

 

 

 

Original-Autorin: Anna Michailowna Pankratowa

ORIGINAL-TEXT aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1, aus dem Jahre 1947

Die großen russischen Aufklärer

Die bürgerliche Revolution in Europa und die Bauernaufstände im Lande stellten die fortschrittlichen Menschen Russlands vor die unvermeidliche Frage: „Was hat Russland zu erwarten? Welchen Weg soll es beschreiten, um eine gebührende Stellung in Europa einzunehmen?“

Das Werk Radischtschews fortsetzend, waren die Dekabristen als erst zum offenen Kampf gegen den Zarismus angetreten und hatten eine neue junge Generation von Revolutionären, mit Herzen und Belinskij an der Spitze, zum Kampfe aufgerüttelt.

Alexander Iwanowitsch Herzen 1812 bis 1870
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Alexander Iwanowitsch Herzen wurde im Jahre 1812 in einer adligen Familie geboren und unter dem ideellen Einfluss Radischtschews, der Dekabristen und der Aufklärungsideen der französischen Revolution erzogen. Schon in früher Jugend erwies er der revolutionären Heldentat der Dekabristen seine Huldigung. „Die Hinrichtung Pestels und seiner Kameraden störte endgültig den Schlaf meiner Seele“, schrieb Herzen selbst darüber.

Nachdem Herzen die Universität von Moskau bezogen hatte, stellte er sich in den Mittelpunkt des Zirkels der revolutionären Jugend. Die Aufgabe seines Lebens und das Programm des von ihm organisierten Zirkels umriss Herzen mit folgenden Worten: „Die bestehende Achse, um die unser Leben kreiste, war unsere Einstellung gegenüber dem russischen Volke, der Glaube an das Volk, die Liebe zu ihm und der Wunsch, wirksam an seinem Schicksal teilzunehmen.“

Die Mitglieder von Herzens Zirkel hielten sich für „die Nachkommen der Dekabristen“ und führten den Kampf gegen die Selbstherrschaft und die Leibeigenschaft weiter.

Wegen Propaganda revolutionärer Ideen wurde Herzen verhaftet.

Im Jahre 1847 war er gezwungen, Russland zu verlassen, um den Kampf gegen die Leibeigenschaft außerhalb der Grenzen Russlands fortzusetzen.

Die zaristische Regierung erklärte Herzen zum lebenslänglich Exilierten.

Im Jahre 1848 nahm Herzen am revolutionären Kampf in Europa teil und war bitter enttäuscht über die europäische, besonders die deutsche Bourgeoisie, die den revolutionären Kampf aufgegeben und den Weg des Paktierens mit den Feudalen beschritten hatte.

Im Jahre 1853 gründete Herzen in London die „Freie russische Druckerei“ und gab die Zeitschrift „Der Polarstern“ heraus. Den Umschlag der Zeitschrift schmückten die Bildnisse der hingerichteten Dekabristen. Der Titel „Polarstern“ ließ erkennen, das Herzen das Werk der Dekabristen fortsetzte. Von 1857 bis 1867 ab Herzen im Ausland die berühmte Zeitschrift „Die Glocke“ heraus.

Unter der Devise „Ich rufe die Lebendigen“ rief er alle fortschrittlich und rechtlich denkenden Menschen Russlands zum Kampf gegen die Selbstherrschaft und Leibeigenschaft auf. Herzen forderte die Befreiung der Bauern unter Zuteilung von Land, die Errichtung einer demokratischen Macht und die völlige Vernichtung aller Arten von Leibeigenschaft. Herzen hoffte, dass Russland die bürgerliche Gesellschaftsordnung vermeiden und zum Sozialismus gelangen würde, indem es die Bauerngemeinde als Keimzelle der sozialistischen Gesellschaft benutze. Zeitweise wurde Herzen schwankend, sprach nicht von einer Revolution, sondern von einer Reform, aber diese Schwankungen waren vorübergehend und nicht von langer Dauer. Herzen war und blieb stets revolutionärer Kämpfer gegen die Selbstherrschaft.

In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts spielten nicht die Adligen, sondern die Rasnotschienzy (russ: „Leute aus verschiedenen Ständen“) in der Freiheitsbewegung Russlands die Hauptrolle. Es waren dies Leute aus verschiedenen Ständen, hervorgegangen aus verschiedenen sozialen Gruppen: aus dem Kleinbürgertum, der Geistlichkeit, der Kaufmannschaft, aus dem Beamtentum und dem Kleinadel. Die Revolutionäre aus den Reihen der Rasnotschienzy standen dem Volk näher als die adligen Revolutionäre.

Wissarion Grigorjewitsch Belinskij 1811 bia 1848
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Der erste revolutionäre Rasnotschienez war der große russische Kritiker Wissarion Grigorjewitsch Belinskij (1811 bis 1848), der von seinen Freunden wegen seines leidenschaftlichen Dranges nach Wahrheit, wegen seiner Aufrichtigkeit und wegen seines feurigen Charakters „der unbezähmbare Wissarion“ genannt wurde.

Sohn eines Marinearztes, kannte Belinskij ein mühe- und entbehrungsvolles Leben seit seiner Kindheit und lernte schon sehr früh die Selbstherrschaft und die Leibeigenschaft hassen. Um Belinskij und Herzen bildete sich ein Zirkel, für den die Bezeichnung „die Westler“ geprägt wurde. Die Mitglieder dieses Zirkels kritisierten die leibeigenschaftliche Ordnung scharf und verfochten den Standpunkt, dass europäische Zivilisation für Russland notwendig sei.

Belinskij war der Begründer der russischen literarischen Kritik. Ungeachtet der wütenden Zensur legte er in geschickter Weise in den der Zensur unterliegenden Artikeln sein fortschrittlichen Befreiungsideen dar.

Belinskij, der das russische Volk mit heißem Herzen liebte, geißelte alle jene, die es als eine „rückständige Rasse“ hinzustellen versuchten. „Wir werden sowohl Dichter, wie auch Philosophen sein“, schrieb Belinskij im festen Glauben an die Zukunft des russischen Volkes, „ein künstlerisches, ein gelehrtes, ein militärisches, ein industrielles, ein händlerisches, ein soziales Volk zu sein.“

Prophetisch schrieb er, indem er von einem neuen, glücklichen Leben des russischen Volkes und der ganzen Menschheit träumte: „Wir beneiden unsere Enkel und Urenkel, denen beschieden ist, dass Russland des Jahres 1940 zu sehen, wie es an der Spitze der gebildeten Welt stehen, der Wissenschaft und der Kunst Gesetze geben und die Achtung der ganzen aufgeklärten Menschheit empfangen wird.“

Belinskij starb im Jahre 1848 in der Blüte seines literarischen Talentes, aber körperlich durch Entbehrungen und Verfolgungen gebrochen.

Der Nachfolger des revolutionären Aufklärers Belinskij und Fortsetzer seines Werkes war der große russische Schriftsteller und Gelehrte, der revolutionäre Demokrat Tschernyschewskij.

Nikolaj Gawrilowitsch Tschernyschewskij 1828 bis 1889
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Lenin nannte Tschernyschewskij den großen Sozialisten der vormarxistischen Periode. Wie Herzen und Belinskij hatte auch er noch nicht begriffen, dass nur die Arbeiterklasse das Land zum Sozialismus führen kann. Tschernyschewskij verfocht das Programm der Bauernrevolution, wobei er die völlige Abschaffung der Leibeigenschaft und die unentgeltliche Übereignung des gesamten Grund und Bodens an die Bauern forderte. Für ihn verband sich die weitere Entwicklung des Landes auf dem Wege zum Sozialismus mit der Bauerngemeinde. Seine sozialistischen Ansichten legte Tschernyschewskij in einer Reihe von Artikeln nieder. Besonders markant sind die Ansichten in dem Roman „Was tun?“ dargelegt, der von ihm während der Zeit seiner Haft in der Festung geschrieben worden ist.

Im Jahre 1861 ging aus Tschernyschewskijs Zirkel die in einfacher Volkssprache geschriebene Proklamation: „Gruß an die leibeigenen Bauern von den ihnen Wohlwollenden“ hervor. Die Proklamation rief die Bauern auf, sich einmütig und organisiert für den allgemeinen Aufstand gegen den Zaren und die Gutsbesitzer vorzubereiten. Mit ebensolchen Proklamationen wandte sich Tschernyschewskijs Zirkel an die Soldaten und an die junge Generation.

Diese Proklamationen fielen der Polizei in die Hände. Tschernyschewskij und seine Freunde wurden verhaftet. Nachdem Tscheryschewskij zwei Jahre in der Peter-Paul-Festung festgehalten worden war, wurde er zu 14 Jahren Zwangsarbeit und zur lebenslänglichen Strafansiedlung in Sibirien verurteilt. Vor seiner Verschickung zur Zwangsarbeit wurde an Tscheryschewskij noch die mittelalterliche Zeremonie einer Hinrichtung vollzogen. Auf einem der Petersburger Plätze führten Henker Tschernyschewskij auf das Schafott, ließen ihn niederknien, fesselten ihn mit Ketten an den Schandpfahl und zerbrachen den Degen über seinem Kopf. Es regnete. Tschernyschewskij stand ruhig im Regen, das Ende der Verhöhnung abwartend. Als man ihn das Schafott herunterführte, trat ein Mädchen aus der Menge der Jugend hervor, die sich am Ort des Strafvollzugs versammelt hatte, und warf ihm als Zeichen der Bewunderung und Huldigung für die Standhaftigkeit des Revolutionärs Blumen vor die Füße.

Tschernyschewskij war ein großer russischer Patriot, der sein ganzes Leben seinem Volke weihte. Bereits in seiner Jugend schrieb er: „Zum Ruhme des Vaterlandes beizutragen, nicht zum vergänglichen, sondern zum ewigen Ruhme des Vaterlandes und zum Wohle der ganzen Menschheit – was kann es Edleres und Wünschenswerteres geben als das?“ Bis an sein Lebensende blieb Tschernyschewskij dieser großen Idee treu.

Nikolaj Alexandrowitsch Dobroljubow 1836 bis 1861
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

 

Tschernyschewskijs nächster Mitkämpfer und Freund war Nikolaj Alexandrowitsch Dobroljubow. Gemeinsam mit Tschernyschewskij und Nekrassow war Dobroljubow an der Herausgabe des Kampforgans der revolutionären Demokratie, der Zeitschrift „Sowremennik“ („Der Zeitgenosse“), beteiligt. Ihm diente die literarische Kritik als Kampfmittel gegen die Selbstherrschaft und Leibeigenschaft. In unbeirrbarem Glauben an das Volk hielt Dobroljubow die Volksmassen für die gewaltige Kraft der Geschichte. Um aber diesen Kräften freien Lauf zu geben, forderte er die Bauernbefreiung und rief alle rechtlich denkenden und bewussten russischen Patrioten auf, die Bauernrevolution zu unterstützen. Im Jahre 1861 starb Dobroljubow im Alter von 25 Jahren an der Schwindsucht. Tschernyschewskij grämte sich sehr über den Verlust seines jungen Freundes, revolutionären Gesinnungsgenossen und Mitkämpfers. Marx und Engels stellten Dobroljubow in eine Reihe mit den großen westeuropäischen Aufklärern: Lessing und Diderot. Lenin schrieb über Dobroljubow, dass dem gesamten gebildeten und denkenden Russland „der Schriftsteller teuer sei, der leidenschaftlich die Willkür hasste und leidenschaftlich den Volksaufstand gegen die ‚Türken im Innern‘, gegen die Selbstherrschaft, erwartete.“

 

Einer von Tschernyschewskijs Gefährten in seinem Kampf um die Bauernrevolution war der Dichter der revolutionären Bauerndemokratie Nikolaj Alexjewitsch Nekrassow.

Nikolaj Alexejewitsch Nekrassow 1821 bis 1877
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Schüler und Nachfolger des großen russischen Kritikers Belinskij, der auf den jungen Dichter einen gewaltigen ideellen Einfluss ausübte, richtete Nekrassow die gesamte Kraft seiner „zündenden Verse“ auf den Kampf mit den Übeln und den Ungerechtigkeiten der Gesellschaft seiner Zeit. In seinen Poemen und Gedichten geißelte er die Anhänger der Leibeigenschaft und rief das Volk zum Kampf gegen den Zaren und die Gutsbesitzer auf. Sein Schaffen übte in der Periode des Aufschwungs der Bauernbewegung Ende der 50er Jahre einen gewaltigen Einfluss auf den demokratischen Teil der Gesellschaft aus. Nekrassows Gedichte, die in der bilderreichen Volkssprache geschrieben sind, wurden zu Lieblingsliedern des russischen Volkes.

Lenin nannte Herzen, Belinskij, Tschernyschewskij, Dobroljubow die großen russischen Aufklärer. Sie vereinte der leidenschaftliche Hass gegen die Selbstherrschaft und die Leibeigenschaft und alle ihre Überbleibsel.

Die Aufklärer verteidigten die Interessen der Volksmassen und waren bestrebt, Russland nach neuen, europäischen Grundsätzen umzuwandeln. Durch ihre Predigten halten die revolutionären Aufklärer, jene neue Etappe in der Geschichte Russlands vorzubereiten, in der die breiten Volksmassen der Arbeiter und Bauern zum Kampf gegen den Zarismus unter der Leitung der bolschewistischen Partei antraten.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erhoben sich die Revolutionäre aus verschiedenen Klassen zum Kampf gegen den Zarismus, aber erst am Ende dieses Jahrhunderts trat die konsequenteste und entschlossenste Klasse auf den Plan: das Proletariat, dem es gelang, den großen Befreiungskampf bis zum Ende zu führen.

Lenin sagte prophetisch voraus, dass die russische Arbeiterklasse „sich den Weg zur freien Vereinigung mit den sozialistischen Arbeitern aller Länder bahnen wird, nachdem sie jene Natter, die Zarenmonarchie, zertreten haben wird, gegen die Herzen als erster das große Banner des Kampfes erhoben hat, indem er sich an die Massen mit dem freien russischen Wort wandte“.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

 

Original-Autorin: Anna Michailowna Pankratowa

ORIGINAL-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Der Krimkrieg und die Verteidigung von Sewastopol

Die fortschrittlichen russischen Menschen, die für Abschaffung der Leibeigenschaft kämpften, sahen ein, dass in ihr der Grund nicht nur für die wirtschaftliche, sondern auch für die militärische Schwäche des Landes zu suchen sei. Sie sahen voraus, dass das Russland der Leibeigenschaft im Falle eines militärischen Zusammenstoßes mit den bürgerlichen Staaten Europas eine ernste Niederlage erleiden würde.

Die zaristische Selbstherrschaft strebte nach der Beherrschung der der Türkei gehörenden Meerengen: des Bosporus und der Dardanellen. Hier hatte Russland jedoch mächtige Nebenbuhler: England, Frankreich und Österreich. Jede von diesen Mächten war bemüht, das Wirtschaftsleben der Balkanhalbinsel in seine Hand zu bekommen. Die Meerengen wurden zur Quelle eines erbitterten Kampfes des zaristischen Russlands mit seinen starken Konkurrenten.

Der Krieg Russlands mit der Türkei brach im Jahre 1853 aus. Im Juni dieses Jahres besetzte eine 80 000 Mann starke russische Armee die Donaufürstentümer Moldau und Walachei. Im November 1853 spürte das Geschwader des Admirals Nachimow auf der Reede von Sinope (an der Südküste des Schwarzen Meeres) türkische Schiffe auf und versenkte sie. Jedoch war die Hauptmacht nicht die Türkei, sondern ihre mächtigen Verbündeten: England und Frankreich. Im Herbst 1854 führ ihre Flotte, die mehr als 360 Dampf- und Segelkriegsschiffe, gewaltige Transportschiffe, mit Truppen und Artillerie beladen, zählte, ins Schwarze Meer ein und nach Jewpatorija, wo sie vor Anker ging. Die russische Segelschiff-Schwarzmeerflotte konnte sich mit der Dampfschiffflotte nicht in ein Gefecht einlassen, und man beschloss, sie am Eingang der Bucht von Sewastopol zu versenken, damit sie dem Geschwader des Gegners den Zugang in diese versperren sollte.

Die Kriegshandlungen konzentrierten sich während des Ostkrieges vornehmlich in der Krim, daher wird der Krieg Russlands mit England und Frankreich in den Jahren 1853 bis 1855 auch Krimkrieg genannt.

Die Stütze der Verteidigung Russlands im Schwarzen Meer war die starke Seefestung Sewastopol. Die Zugänge zur Bucht und ihre Ufer waren gut befestigt und machten Sewastopol für den Feind von der Seeseite her unzugänglich. Aber von der Landseite her war Sewastopol überhaupt nicht befestigt. Seine Garnison war nicht groß, obgleich sie nach der Versenkung der Schiffe noch durch Matrosen ergänzt wurde.

Die Admirale Nachimow und Kornilow leiteten die Verteidigung. Indem sie das Zögern des Gegners ausnutzten, begannen sie, Sewastopol auf der Landseite zu befestigen, dabei auch nicht den leisesten Gedanken an einen Rückzug zulassend. „Wir werden bis zum letzten kämpfen“, schrieb Kornilow in einem seiner Befehle. „Es gibt keinen Weg zum Rückzug, hinter das Meer. Allen Vorgesetzten verbiete ich, das Rückzugssignal zu geben, dann erstecht einen solchen Vorgesetzten; erstecht den Trommler, der es wagen würde, ein solches schmachvolles Signal zu trommeln.“

Im Verlaufe von zwei Wochen wurde die Stadt mit drohenden Bollwerken und Feldbefestigungen umgeben. Die Schiffsgeschütze der versenkten Schiffe wurden in den Batterien aufgestellt. Als die verbündete Armee an Sewastopol herangerückt war in der Hoffnung, die Festung in einem leichten und schnellen Sturm zu nehmen, sah sie mit Erstaunen eine starke Befestigungslinie vor sich. Da die englisch-französischen Truppen nicht damit rechneten, dass ein Sturm Erfolg haben würde, gingen sie zur Belagerung der Stadt über und besetzten Balaklawa und die Fedjuchinhöhen.

Nachdem die Verbündeten Sewastopol eingeschlossen hatten, eröffneten sie am 5. Oktober 1854 ein gewaltiges Artilleriefeuer auf die Festung. Bei dem ersten Bombardement kam der Befehlshaber der Verteidigung, Kornilow, um.

Nach dem Tode Kornilows wurde Admiral Nachimow die Seele der Verteidigung Sewastopols. Die Matrosen nannten ihn einfach Pawel Stepanowitisch. Zwischen Nachimow und den Matrosen herrschte ein tiefes gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Liebe. Er rief die Matrosen auf, ihr Sewastopol bis zum Ende zu verteidigen.

Die von Nachimow erzogenen Matrosen wurden die Löwen der Nachimow genannt. Unter ihrem Einfluss befanden sich sämtliche Soldaten der Garnison Sewastopol.

Die Verteidiger Sewastopols zeigten eine unermüdliche Energie und ein hohes Verantwortungsbewusstsein bei dem Bau der Befestigungsanlagen. Unter der Oberleitung des Ingenieurs Totleben errichteten die Matrosen und Soldaten Befestigungen, besserten die zugefügten Beschädigungen aus, legten Unterstände an. Nicht selten ersetzten die Matrosen die ausgeschiedenen Artilleristen auf den Festungsbastionen. Tag und Nacht machten die Soldaten und Matrosen Ausfälle, überfielen die Vorposten des Feindes, zuweilen drangen sie in die feindlichen Schützengräben ein und begannen ein erbittertes Handgemenge.

Alle Einwohner Sewastopols unterstützten unermüdlich die Verteidiger der Festung – die Soldaten und Matrosen: die Frauen der Matrosen brachten den Verteidigern der Bastionen unter Lebensgefahr Speise und Wasser, schleppten Granaten heran, leisteten den Verwundeten Hilfe; selbst die Halbwüchsigen (altes Wort für Teenager P.R.) und die Kinder der Matrosen bestätigten sich mutig auf den Befestigungsanlagen.

Unter den Verteidigern von Sewastopol befand sich auch der spätere große Schriftsteller Nikolajewitsch Tolstoi. In seinen „Sewastopoler Erzählungen“ schilderte er mit großer künstlerischer Kraft die heroischen Tage der Verteidigung Sewastopols.

Zu Beginn des Jahres 1855 nahm der Kampf noch an Erbitterung zu. Der Feind führte von der Land- wie von der Seeseite her orkanartige Bombardements auf die Festung durch. Am 26. Mai unternahm er den ersten Sturm auf Sewastopol.

Nach einem erneuten Bombardement wurde der Sturm am 18. Juni 1855 wiederholt. Die Feinde stürzten sich auf eine ganze Reihe von Bastionen zugleich. Ungeachtet der Überlegenheit der Kräfte der Stürmenden haben-nach den Worten eines französischen Generals – „die Russen sich selbst übertroffen“.

Aber der Kampf wurde immer schwerer. In Sewastopol gab es nur 50 000 ermüdeter und entkräfteter Kämpfer. Die Verbündeten hatten 100 000 Mann an Truppen und nach wie vor das Übergewicht in der Bewaffnung. Einer nach dem anderen fielen die besten Organisatoren der Verteidigung Sewastopols, Istomin und Nachimow. Totleben wurde schwer verwundet, jeden Tag schieden viele Hunderte von Leuten aus.

Am 27. August 1855 begann der Feind einen neuen Sturm auf Sewastopol. Die russischen Soldaten und Matrosen unternahmen mehr als einmal Gegenangriffe. Die Abhänge des Malachowhügels waren mit Leichen übersät.

Schon war aber Sewastopol nicht mehr zu halten. In der Nacht gingen die Verteidiger auf Befehl des Kommandos auf die Nordseite über, nachdem die Pulverkammern und sämtliche Militärmagazine gesprengt worden waren. Die ruhmvolle 349tägige Verteidigung Sewastopols war beendet. Den Siegern verblieben nur „blutige Ruinen“, wie sie in ihren Meldungen schrieben. Sewastopol war gefallen, aber es war nicht besiegt. Russland war gezwungen, den Pariser Friedensvertrag zu unterschreiben, demzufolge es nicht das Recht hatte, im Schwarzen Meer eine Flotte zu halten.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Autorin: Anna Michailowna Pankratowa

ORIGINAL-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“ aus dem Jahre 1947

Die bürgerlichen Reformen

Der Krimkrieg hatte die Rückständigkeit des leibeigenen Russlands und den gewaltigen Unterschied zwischen der für jede Zeit fortgeschrittenen bürgerlichen Armee und der rückständigen Armee des leibeigenen Russlands anschaulich gemacht. Die russischen Soldaten waren vornehmlich mit alten, langsam schießenden Steinschlossflinten bewaffnet, während die französischen und englischen Infanteristen schnellschießende und weittragende Gewehre hatten. Die russischen Soldaten waren berühmt wegen ihrer Tapferkeit, Ausdauer und Standhaftigkeit. Sie waren jedoch schlecht im Schießen ausgebildet und den Franzosen in der Taktik der aufgelockerten Schlachtordnung unterlegen. Die russische Artillerie war weniger weittragend als die englische und französische; außerdem fehlte es ihr an Pulver und Granaten, die nicht in ausreichender Menge erzeugt wurden. Die Versorgung der Armee mit Proviant hing ebenfalls völlig von der leibeigenen Landwirtschaft ab. Da es an Eisenbahnen fehlte, konnten die Reserven nur langsam herangeschafft werden.

Lenin betonte, dass „der Krimkrieg die Fäulnis und Kraftlosigkeit des leibeigenen Russlands erwies.“

Die Niederlage im Krimkrieg stellte das zaristische Russland vor die Notwendigkeit der unverzüglichen Abschaffung der Leibeigenschaft.

Dies verlangte auch die viele Millionen zählende Bauernschaft, die sich in ununterbrochenen Aufständen gegen das Leibeigenschaftsregime im Lande auflehnte. Die Jahre des Krimkrieges waren die Jahre besonders mächtiger Bauernaufstände. Im Jahre 1854 Hatte die Bauernbewegung zehn Gouvernements ergriffen. In den folgenden Jahren wuchs sie ununterbrochen an. Es ergab sich eine revolutionäre Situation im Lande. Aber die Bauernbewegung zu Anfang der 60er Jahre ging nicht in eine Revolution über. Lenin erklärte diese Tatsache damit, dass zu jener Zeit „das Volk, das Hunderte von Jahren in der Knechtschaft der Gutsbesitzer geschmachtet hatte, nicht imstande war, sich zu einem umfassenden, offenen, bewussten Kampf für die Freiheit zu erheben.“

Die Arbeiterklasse war noch schwach und konnte die Bauernschaft nicht zum Sturm gegen die Selbstherrschaft und die Leibeigenschaft führen.

Aber die Gefahr einer Bauernrevolution war eine Realität und veranlasste die zaristische Regierung, die Leibeigenschaft abzuschaffen.

Während des Krimkrieges im Februar des Jahres 1855, starb Nikolaj I. Den Thron bestieg sein Sohn Alexander II., ein ebensolcher Anhänger der Beibehaltung der Leibeigenschaft und der Unerschütterlichkeit der Selbstherrschaft wie sein Vorgänger. Aber die Gefahr einer Bauernrevolution veranlasste ihn, mit der Vorbereitung der Bauernreform zu beginnen. Im März des Jahres 1856 erklärte er vor einer Deputation der Moskauer Adligen: „Besser die Leibeigenschaft von oben abschaffen, als jene Zeit abwarten, wenn sie anfangen wird, von unter abgeschafft zu werden.“

Es wurde ein Hauptkomitee für die Bauernangelegenheit geschaffen, das aus höchsten Beamten und Großgrundbesitzern, also den Anhängern der Leibeigenschaft, bestand. In den Gouvernements wurden gewählte Komitees aus Adligen gebildet, die die Frage erörterten, wie die leibeigenen Bauern mit geringstem Nachteil für die Gutsbesitzer zu befreien wären.

Die Bauern waren von der Teilnahme an der Vorbereitung der Reform völlig ausgeschaltet, obgleich sie mehr als alle anderen an ihr interessiert waren. Zum Schutze der Interessen der leibeigenen Bauern trat der große revolutionäre Demokrat Tschernyschewskij auf. Er verfolgte aufmerksam den Gang der Reform und zeigte in seinen Artikeln in der Zeitschrift „Sowremennik“, dass die „Befreiung“, die von den Anhängern der Leibeigenschaft durchgeführt wurde, in Wirklichkeit ein Betrug und eine Ausplünderung der Bauern wäre. Tschernyschewskij meinte: wer auch immer die Bauern befreien würde, die Gutsbesitzer, also die Anhänger der Leibeigenschaft, oder die liberale Bourgeoisie, es würde stets nur „eine Scheußlichkeit herauskommen“. Tschernyschewskij forderte völlige Freiheit und unentgeltliche Übergabe der Gutsbesitzerländereien an die Bauern.

Aber die Bauernbewegung war vereinzelt und spontan. Den Anhängern der Leibeigenschaft gelang es, die Reform in einer ihrem eigenen Interesse dienlichen Weise durchzuführen. Am 19 Februar 1861 unterzeichnete Alexander II. das Manifest über die Abschaffung der Leibeigenschaft und die Bestimmungen über die Regelung der Bauernangelegenheiten.

Die Bauern wurden persönlich für frei erklärt, nunmehr konnte der Gutsbesitzer die Bauern weder kaufen, noch verkaufen, noch austauschen. Er durfte sich nicht in ihr Familienleben einmischen. Die Bauern erhielten das Recht, sich mit Handel und Gewerbe zu beschäftigen, bewegliches und unbewegliches Eigentum zu besitzen. Sie konnten aus dem Bauernstand austreten und sich in den Kleinbürger- oder Kaufmannsstand „überschreiben“ lassen. All dies bedeutete, dass der Bauer laut Gesetz aus einem zwangspflichtigen Sklaven ein freier Mensch geworden war. Die persönliche Abhängigkeit der Bauern von den Gutsbesitzern war aufgehoben. Hierin bestand die große fortschrittliche Bedeutung der Bauernreform des Jahres 1861.

Aber diese ihrem Wesen nach bürgerliche Reform war von den Anhängern der Leibeigenschaft durchgeführt worden. Die Bestimmungen vom 19. Februar 1961 hatten viele feudale Überbleibsel im Dorf am Leben erhalten. In den Händen der Gutsbesitzer war nach wie vor gewaltiger Landbesitz verblieben. Die Ausmaße der Landparzellen der Bauern waren so berechnet, dass ihnen in vielen Gouvernements weniger Land verblieb als vor der Reform. In ganz Russland wurde vom Bauernland mehr als der fünfte Teil weggenommen, „Abgeschnitten“. Dieses Land – die „Otreski“ (Boden“abschnitte“) genannt- blieb in den Händen der Gutsbesitzer. Die Gutsbesitzer behielten mit Absicht die Gemengelage des Bauern- und Gutslandes bei. Das Gutsland zwängte nicht selten in Streifen in das Bauernland und zerschnitt es in Stücke. Die Bauern waren gezwungen, dieses Gutsland zu erhöhten Preisen zu pachten. Für die erhaltenen Bodenparzellen hatten die Bauern den Gutsbesitzern ungefähr 900 Millionen Rubel zu zahlen. Diese Summe entrichtete der Staat für die Bauern. Die Bauern waren jedoch verpflichtet, dem Fiskus diese Gelder mit Zinsen im Verlaufe von 49 Jahren zurückzuzahlen. Bis zur Revolution des Jahres 1905 hatten die Bauern im Ganzen mehr als 2 Milliarden Rubel an Einlösegeldern aufgebracht, In dieser gewaltigen Summe war nicht der nur der Wert des Grund und Bodens, sondern auch das Lösegeld für die Freiheit der Person des Bauern enthalten. Die Bauern erhielten das Land nicht als persönliches (privates) Eigentum, sondern als Eigentum der Bauerngemeinde oder des „Mir“. Die Bauern hafteten „einer für den anderen“ durch den gesamten „Mir“ dafür, dass dem Staat die Einlösegelder und Steuern gezahlt würden.

Die Reform des 19. Februar 1961 konnte die Bauern, die den Übergang des Gutsbesitzerlandes ohne jedes Lösegeld in die Hände gefordert hatten nicht befriedigen. Daher breitete sich nach der Veröffentlichung des Manifestes im ganzen Land eine Massenbewegung der Bauern in weiterem Umfang aus. Unter den Bauern verleitete sich das Gerücht, dass das Manifest und die Bestimmungen vom 19. Februar angeblich nicht die echten Erlasse des Zaren seinen, sondern dass die Beamten und Adligen „die wirkliche Freiheit“ verhehlt hätten. Die Bauern weigerten sich, das neue Gesetz anzukennen und fingen an, die Ländereien der Gutsbesitzer in ihren Besitz zu nehmen. Besonders drohend und anhaltend war der Aufstand der Bauern im Dorfe Besdna im Gouvernement Kasa und im Dorfe Kandejewka im Gouvernement Pensa.

Die aufständischen Bauern durchfuhren die Dörfer mit einer roten Fahne, auf der die Losung Stand: „Das gesamte Land ist unser.! Gegen die Aufständischen wurden Truppen geschickt, die die „Aufrührer“ grausam unterdrückten.

Der Kampf der Bauern um Land und Freiheit wurde von dem revolutionären Demokraten, an deren Spitze Tschernyschewskij und Dobroljubow standen, unterstützt.

Nach der Abschaffung der Leibeigenschaft war die zaristische Regierung gezwungen, noch andere bürgerliche Reformen durchzuführen, mit dem Ziel, die selbstherrscherisch-polizeiliche Staatsordnung Russlands den neuern Verhältnissen anzupassen. Im Jahre 1864 wurden neue Organe der lokalen Verwaltung: die Kreis – Gouvernements-Semstows geschaffen. Sie verwalteten die Schulen, Krankenhäuser, Wege und das gesamte Wirtschaftsleben des Kreises. Die Semstwos wurden von den adligen Gutsbesitzern geleitet. Ihnen wurden bei den Wahlen die Mehrheit der Stimmen eingeräumt. In die Semstwobehörden konnten auch Bauern, allerdings nur in äußerst beschränkter Anzahl, gewählt werden. Der größte Teil der Sitze der bäuerlichen Vertretet fiel den reichen Kulaken zu. Auf diese Weise war die Gestaltung des gesamten bäuerlichen Lebens nach wie vor in die Hände der adligen Gutsbesitzer gelegt.

Im gleichen Jahr (1864) wurde eine Reform der Rechtspflege durchgeführt. Die Gerichtssitzungen fanden nun öffentlich statt. An den Kreisgerichten nahmen jetzt geschworene Beisitzer aus den Kreisen der Adligen sowie der städtischen und ländlichen Bourgeoisie teil. Zur Verhandlung kleiner Fälle wurden Friedengerichte eingesetzt. Im Dorfe amtierte das Bezirksgericht, nach dessen Entscheidung die Bauern der Prügelstrafe unterworfen werden konnten. Die politischen Fälle wurden vor den Obergerichten und im Senat, die sich in den Händen der Adligen befanden, verhandelt. Bei der zivilen Rechtsprechung kamen Gesetze zur Anwendung, die streng die Interessen der Gutsbesitzer und Kapitalisten wahrten. Die verhafteten Revolutionäre wurden in der Mehrzahl der Fälle ohne Prozess und Untersuchung nach Sibirien verbannt oder ins Gefängnis und Zuchthaus geschickt.

Im Jahre 1870 wurden die städtischen Dumas (Stadträte) geschaffen, die die städtische Wirtschaft, die Schulen, Krankenhäuser und verschiedene städtische Anstalten verwalteten. Die Stadtduma wählte ihr Vollzugsorgan: Die Stadtverwaltung mit dem Stadtoberhaupt an der Spitze. Das Wahlrecht für die städtische Selbstverwaltung hatten nur die reichen Kaufleute und Hausbesitzer. Die Tätigkeit der Stadtdumas stand unter Aufsicht der Gouverneure.

Im Jahre 1874 führte die zaristische Regierung eine Heeresreform durch. An Stelle von Rekrutenaushebungen wurde die allgemeine Militärdienstpflicht eingeführt. Die Jugend, die das 21. Lebensjahr erreicht hatte, erschien zur Einberufung und wurde zum Militärdienst eingezogen. Die Dienstzeit wurde von 25 auf 6 Jahre herabgesetzt, danach wurde der Soldat in die Reserve übernommen. Die Führung der Armee hatten nach wie vor die Adligen. Die Generale und Offiziere gingen mit seltenen Ausnahmen aus dem Adel hervor und erzogen die Soldaten im Geiste der Verteidigung der Interessen des Zaren und der Gutsbesitzer.

Alle diese Reformen zeugten davon, dass in Russland, wie auch in Westeuropa, an der Stelle der alten feudalen Ordnung die neue kapitalistische Ordnung trat, die gegenüber dem Feudalismus ein fortschrittlicheres System darstellte. In Russlandbestanden jedoch nach der Reform vom Jahre 1861 noch viele Überbleibsel der Leibeigenschaft fort, die die Entwicklung des Kapitalismus im Lande hemmten; daher bleib Russland hinter den fortgeschrittenen Ländern Europas immer mehr und mehr zurück. Das zaristische Russland machte erst den ersten Schritt auf dem Wege zur Umwandlung in eine bürgerliche Monarchie.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Autorin: Anna Michailowna Pankratowa

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1, aus dem Jahre 1947

Russland und Westeuropa am Ende des 18. Und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der große Feldherr Kutusow

Am Ende des 18. Jahrhunderts traten die fortgeschrittenen Länder Europas und Amerikas in einen neuen Zeitabschnitt der Geschichte ein: in das Zeitalter des Sieges und des Erstarkens des Kapitalismus. In dem entwickelsten und reichsten Land jener Zeit -England- fand im 18. Jahrhundert eine industrielle Umwälzung statt, die mit der Erfindung der Dampfmaschine verbunden war. Auch andere große Mächte beschritten den Weg der Entwicklung des Kapitalismus. In Nordamerika wurde in den Jahren 1775 bis 1783 ein Krieg gegen England um die Unabhängigkeit geführt. Die Amerikaner, die sich gegen die englische Herrschaft erhoben hatten, bildeten mit ihrem nationalen Führer Washington an der Spitze einen eignen großen Staat: die Vereinigten Staaten von Nordamerika.

In Frankreich hatte das aufständische Volk von Paris am 14. Juli 1789 das königliche Gefängnis, die Bastille, gestürmt und für das ganze Land das Signal zur Revolution gegeben. Die französische Nationalversammlung verkündete in ihrer „Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte“ Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Das Privateigentum wurde für heilig und unverletzlich erklärt. Im Jahre 1792 wurde in Frankreich die Republik ausgerufen. Der französische König Ludwig XVI. wurde hingerichtet. Die Feudalpflichten der Bauern wurden abgeschafft. Die Ländereien, die die Gutsbesitzer sich angeeignet hatten, wurden den Bauern zurückgegeben.

Der Sieg der bürgerlichen Revolution in Frankreich eröffnete eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit: nach tausendjähriger Herrschaft der feudalen Gesellschaftsordnung setzte sich die neu kapitalistische (bürgerliche) Gesellschaftsordnung durch, die auf dem Privateigentum an Grund und Boden, an den Fabriken und Werken, an den Produktionsmitteln beruht.

Die bürgerliche französische Revolution versetzte dem Feudalismus nicht nur in Frankreich, sondern auch in anderen Ländern Europas einen schweren Schlag. Dies war auch der Grund, weshalb das gesamte feudale Europa zum Kampf gegen die Französische Revolution antrat. Ein aktiver Teilnehmer der europäischen Gegenrevolution war auch das zaristische Russland. Jekaterina II. (Katharina die Große) erklärte, dass sie nicht zulassen könne, dass irgendwo dien Staat von Schustern regiert werde. Sie begann entscheidende Maßnahmen gegen die „französische Seuche“ in Russland zu treffen. Die Werke der fortschrittlichen französischen Aufklärer: Voltaire, Diderot, Rousseau und andere, die ehedem in russischen Adelskreisen eine große Verbreitung gefunden hatten, wurden für aufrührerisch erklärt. Jekaterina II. (Katharina die Große) rechnete mit den russischen „Freidenkenden“ grausam ab.

Solange die französischen Aufklärer nur dem engen Kreis des gebildeten Adels zugänglich blieben, hatte Jekaterina II. (Katharina die Große) selbst ein gemäßigtes Freidenkertum gefördert. Im Bestreben, die Achtung der hervorragenden Persönlichkeiten Europas zu gewinnen, hatte sie mit Voltaire korrespondiert und sogar den französischen Denker Diderot nach Russland eingeladen.

Einer der gebildetsten Vertreter des Moskauer Adels, Nikolaj Iwanowitsch Nowikow, errichtete mit dem Ziel der Verbreitung von Büchern ein großes Netz von Buchläden. In einem dieser Läden eröffnete er die erste öffentliche Bibliothek Russlands. Nowikow gab satirische Zeitschriften heraus, in denen die Unwissenheit und Hochmut des Adels, Bestechlichkeit und Unterschlagung, Willkür und Gewalttätigkeit gegenüber der Leibeignen Bauernschaft gegeißelt und die modische Begeisterung des Adels für alles Ausländische kritisiert wurde. Nach der Französischen Revolution wurde Nowikow verhaftet und in die Schlüsselburger Festung als gefährlicher Freidenker eingesperrt. Die von ihm und seinen Anhängern eingerichteten Buchläden wurden geschlossen und sein Eigentum vom Fiskus beschlagnahmt.

Noch mehr erschreckt wurde die Zarin Jekaterina II. (Katharina die Große) von einem Werk, das im Jahre 1770 ohne Verfasserangabe unter dem Titel „Eine Reise von Petersburg nach Moskau“ erschien. Dieses Werk entlarvte mit Kühnheit und Offenheit die auf der Leibeigenschaft beruhende Ordnung und malte die Gräuel der Leibeigenschaft aus. Als dieses Buch Jekaterina II. (Katharina die Große) in die Hände geriet, hielt sie den Verfasser für einen „schlimmeren Verbrecher als Pugatschow“. Als Verfasser entpuppte sich Alexander Nikolajewitsch Radischtschew, einer der gebildetsten Leute des 18. Jahrhunderts. Mit außergewöhnlicher Leidenschaft und Kraft entlarvte er die Verhöhnung der Bauern durch die Gutsbesitzer: „Ich schaute um mich, und meine Seele wurde durch die menschlichen Leiden verwundet. Ich wandte meine Blicke in mein Inneres und wurde gewahr, dass die Leiden der Menschen vom Menschen selbst ausgehen.“ An die Gutsbesitzer sich wendend, die sich gegenüber den Bauern unmenschlich verhielten, rief Radischtschew zornig aus: „Gierige Tiere, unersättliche Blutegel, was lassen wir den Bauern? Das, was wir nicht wegnehmen können: die Luft! Ja, nur die Luft!“

Alexander Nikolajewitsch Radischtschew 1749 bis 1802
Bild entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Radischtschew rief das russische Volk als erster zum Sturz des Zarentums auf. Das Volk wird sich als ein drohender Rächer erheben und den „gusseisernen Thron“ zertrümmern, prophezeite Radischtschew in seiner Ode „Freiheit“.

Auf Befehl Jekaterinas (Katharina die Große) wurde Radischtschews Buch verbrannt, der Verfasser selbst aber verhaftet und dem Gericht übergeben. Das Gericht verurteilte Radischtschew zur Todesstrafe. 41 Tage lang ließ man ihn auf die Hinrichtung warten. Diese Marter war von Jekaterina II. (Katharina die Große) ausgedacht worden. Nach dieser Verhöhnung wurde Radischtschew für zehn Jahre nach Sibirien verbannt. Im Jahre 1802 machte Radischtschew, körperlich und geistig gebrochen, seinem Leben durch Selbstmord ein Ende.

Lenin schätzte die Rolle Radischtschews in der russischen Freiheitsbewegung hoch ein. Er nannte ihn einen glühenden russischen Patrioten und Aufklärer. Radischtschew war der erste adlige Revolutionäre, der gegen die Leibeigenschaft und gegen den Zarismus offen Protest erhob.

Zu jener Zeit spielten sich große Ereignisse in Frankreich ab. Von der weiteren Entwicklung der Revolution erschreckt, unternahm die französische Bourgeoisie am 9. Thermidor (27. Juli) 1794 einen gegenrevolutionären Umsturz, der in die Geschichte unter der Bezeichnung „Umsturz des Thermidor“ eingegangen ist. An die Macht kam die Großbourgeoisie. Sie begann alle Errungenschaften der Französischen Revolution, die ihr gefährlich erschienen, zu vernichten. Die Bourgeoisie brauchte eine starke Macht, die endgültig die Revolution unterdrücken würde. Zu diesem Zweck wurde am 9. November 1799 in Frankreich mit Hilfe der Bourgeoisie die Militärdiktatur eines der talentvollsten französischen Generale –Napoleons– errichtet. Im Jahre 1804 wurde Napoleon Bonaparte zum Imperator von Frankreich ausgerufen.

In den ersten Jahren der Französischen Revolution führte Frankreich revolutionäre Befreiungskriege, aber später änderte sich der Charakter dieser Kriege.

Im Interesse der französischen Großbourgeoisie, die mit den englischen Kapitalisten im Wettstreit lag, begann Napoleon große Eroberungskriege sowohl in Europa als auch außerhalb seiner Grenzen.

Als seinen Hauptgegner betrachtete Napoleon England. Nachdem er eine gewaltige Armee aufgestellt hatte, trug er sich mit dem Plan, den engen Ärmelkanal zu überqueren und in England einzufallen. Die Gefahr stand so nahe vor der Tür, dass England von seinen Verbündeten -Österreich und Russland- verlangte, den Krieg gegen Napoleon unverzüglich zu beginnen.

Die russische Regierung hatte fünf Armeen in einer Stärke von 250 000 Mann ausgerüstet. Gegen Napoleon wurde zur Verfügung des österreichischen Kaisers die 1. Armee in Stärke von 58 000 Mann geschickt, die die Hauptlast des Kampfes zu tragen hatte. An der Spitze dieser Armee stand der große russische Feldherr, der beste Schüler und Waffengefährte Suworows, Michail Illarionowitsch Kutusow.

Michail Illarionowitsch Kutusow 1745 bis 1813
Bild entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Michail Illarionowitsch Golenischtsew-Kutusow wurde am 5. September 1745 in Petersburg geboren. Sein Vater war einer der gebildetsten Menschen seiner Zeit. Die Liebe zur Wissenschaft übertrug er auch auf seinen Sohn. Michail Kutusow absolvierte mit Erfolg die Ingenieur-Kadettenschule. Er hatte das Ingenieur- und Artilleriewesen fleißig studiert, sich begeistert mit Mathematik beschäftigt und beherrschte ausgezeichnet mehrere fremde Sprachen. Michail Illarionowitsch wurde zum Kompaniechef im Astrachaner Regiement, das Suworow befehligte, ernannt. Dem großen Feldherrn fiel der junge befähigte Offizier sofort auf, er zog ihn in seine Nähe und übte großen Einfluss auf ihn aus.

Im Kampf zeigte Kutusow nicht nur Tapferkeit und Kühnheit, sondern auch eine unerschütterliche Kaltblütigkeit, Organisationsgeist und Initiative. Während des zweiten türkischen Krieges nahm Kutusow an dem berühmten Sturm auf Isamil mit teil. Hier besonders zeigten sich seine organisatorischen und Feldherrentalente. Suworow berichtete von ihm: „General Kutusow zeigte neue Errungenschaften der Kriegskunst und bewies persönliche Tapferkeit. Er stand auf meinem linken Flügel, war jedoch meine rechte Hand.“

Kutusow nahm an vielen Gefechten persönlich teil, wurde dreimal verwundet, kehrte aber stets wieder zur Truppe zurück. Im Gefecht bei Aluschta (auf der Krim) stürmte Kutusow mit der Fahne in der Hand voran und riss dadurch seine Soldaten zum Sturm mit sich fort. In dieser Schlacht wurde er schwer verwundet und verlor ein Auge.

Kutusow war ein strenger, aber rücksichtsvoller Kommandeur, der den sinnlosen Drill und die Stockdisziplin hasste. Wie Suworow hasste er die Kriecherei und Schmeichelei und die Bestechlichkeit, die am Zarenhof herrschten. Deshalb war Kutusow beim Hof nicht beliebt. Alexander I. selbst konnte ihn nicht leiden. Aber die Soldaten liebten und schätzten ihren Kommandeur.

Zu Beginn des Krieges des Jahres 1805 übertrug Alexander I. unter dem Druck der öffentlichen Meinung Kutusow den Oberbefehl über die russischen Truppen. Kutusow, der den vom Zaren angenommenen Feldzugsplan ausführte, marschierte durch Galizien und Schlesien, um sich mit den Österreichern zu vereinigen. Als er erfahren hatte, dass die österreichische Armee bei Ulm geschlagen worden war und kapituliert hatte, führte er die russischen Truppen durch ein geschicktes Manöver auf das linke Ufer der Donau und trat den Rückzug an. Kutusow lieferte Napoleon nicht die Entscheidungsschlacht, die jener so gern haben wollte, und zwang ihn, seine Kräfte zu verzetteln und seine Nachschubwege auseinanderzuziehen. Bald traf bei der russischen Armee auch der Imperator Alexander I. selbst ein. Er träumte vom Ruhm eines Feldherrn und Besiegers Napoleons. Der Zar berief einen Kriegsrat und drang darauf, Napoleon seine Entscheidungsschlacht zu liefern. Kutusow widersprach und schlug vor, sich in Gebiete mit gesicherter Verpflegung zurückzuziehen und dort Kräfte für einen neuen Angriff zu sammeln. Der Zar jedoch lehnte Kutusows Plan ab.

Am 20. November 1805 schlugen die Franzosen bei dem Dorfe Austerlitz die russischen und österreichischen Truppen. Alexander I. und er österreichische Kaiser flohen vom Schlachtfeld. Aber auch in der Schlacht bei Austerlitz erkannte Napoleon die Tapferkeit und den Mut der russischen Soldaten, die die ganze Welt in Erstaunen versetzten, an.

Im Herbst 1806 versetzte Napoleon bei Jena der preußischen Armee einen entscheidenden Schlag. Berlin wurde den Franzosen kampflos überlassen. Im Januar 1807 rückte Napoleon in Warschau ein. Die ohne Verbündete verbliebenen russischen Truppen mussten sich zurückziehen, führen jedoch fort, der mächtigen napoleonischen Armee hartnäckigen Widerstand zu leisten.

Die geschlagenen Bundesgenossen Russlands machten mit Napoleon Frieden. Auch Alexander I. war gezwungen, im Jahre 1807 in der Stadt Tilsit einen für Russland unvorteilhaften Friedensvertrag zu unterzeichnen, die Handelsbeziehungen mit England abzubrechen und der von Napoleon organisierten sogenannten Kontinentalsperre breitzutreten. Der Tilsiter Frieden rief die Unzufriedenheit des russischen Adels hervor und verschärften noch mehr seine feindliche Einstellung gegenüber Napoleon.

Die Türken versuchten, die Misserfolge der russischen Armee im Krieg mit Napoleon für sich auszunutzen und ihre Herrschaft im Schwarzen Meer wieder aufzurichten. Vom Jahre 1806 bis 1812 musste Russland mit der Türkei Krieg führen. Der wenig erfolgreiche Verlauf dieses Krieges veranlasste Alexander I., sich Kutusows zu erinnern, der nach Austerlitz seines Amtes enthoben worden war und keinen Dienst mehr tat. Kutusow wurde zum Befehlshaber bestimmt und errang große Siege über die Türken. In der Einsicht, dass ein neuer Krieg Russlands mit Frankreich unvermeidlich war, bemühte sich Kutusow, so bald wie möglich den Krieg im Osten zu beenden. Nach einigen erfolgreichen Schlachten gelang es ihm, die Türkei zum Abschluss eines Friedens zu bewegen, der am 8. Mai 1812 in Bukarest unterzeichnet wurde. Nach dem Friedensvertrag trat die Türkei Bessarabien an Russland ab. Die war ein großer Sieg Russlands. Napoleons Pläne, die Türkei in den künftigen Krieg gegen Russland mit zu verwickeln, stürzten zusammen.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Autorin:  Anna Michailowna Pankratowa

ORIGINAL-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Der Einfall Napoleons in Russland. Die Zerschmetterung der napoleonischen Armeen

Im Jahre 1812 lag fast ganz Westeuropa zu Füßen des Eroberers Napoleon. Aber Napoleon wusste, dass er nicht der Beherrscher der Welt werden konnte, solange er Russland nicht zerschmettert hatte. Er begann eine große Vorbereitung für eine Invasion in Russland. Napoleon wollte Russland zerstückeln, die Ukraine von ihm losreißen und Russland in eine Kolonie Frankreichs verwandeln.

In der Nacht zum 12. Juni 1812 setzte die „Große Armee“ Napoleons über den Njemen und begann den Angriff gegen Russland.

Die napoleonische Armee wies damals eine Stärke von 600 000 Man auf. Den Hauptstreitkräften Napoleons stellte sich die 1. Russische Armee unter dem Befehl Barclay de Tollis entgegen. Sie hatte eine Frontstellung am Ufer des Njemen bezogen. Die 2. Armee, an deren Spitze Baration stand, befand sich im Süden Litauens, und zwar zwischen Njemen und Bug. In Reserve war noch die kleine 3. Armee des Generals Tormassow, die in Wolhynien und Podolien stand.

Napoleon hatte sich die Aufgabe gestellt, Russland mit einem schnellen Schlag zu erledigen. Er rechnete damit, schon in den ersten Tagen des Krieges so tief wie möglich sich zwischen die Armeen Barclays und Bagrations einzukeilen und sie einzeln zu schlagen. Die russische Führung nahm sie unter den damaligen Bedingungen einzig richtige Taktik an: sich zurückzuziehen, einer Entscheidungsschlacht auszuweichen und die beiden Armeen auf dem Vormarschweg Napoleons auf Moskau zu vereinigen. Marx hat darauf hingewiesen, dass der Rückzugsplan der russischen Armee keine Angelegenheit einer freien Wahl, sondern eine harte Notwendigkeit war.

Nach anderthalb Monaten gelang es endlich den Armeen Barclays und Bagrations, sich bei Smolensk zu vereinigen. Zur selben Zeit war Napoleon gegen Smolensk vorgerückt und begann es mit Kanonen zu beschießen. Barclay gab den Befehl die Pulvermagazine in die Luft zu sprengen und die in Flammen stehende Stadt zu verlassen. Gemeinsam mit den Truppen zogen die Einwohner von Smolensk ab, die ihre Häuser und sonstige Habe angezündet hatten, damit dem Feind nichts in die Hände fiel.

Die Ergebnisse der Taktik von Barclay zeigten sich sehr bald. Napoleons Armee, die noch keine einzige größere Schlacht geliefert hatte, erlitt große Verluste. Schon in den Gebieten Litauens und Bjelorusslands hatte der Krieg den Charakter eines Volkskrieges angenommen. Die litauischen und bjelorussischen Bauern weigerten sich, die französische Armee mit Lebens- und Futtermitteln zu beliefern, sie erschlugen französische Soldaten und Offiziere, stellten Abteilungen auf und fielen über die französischen Nachhuten her.

Weite Schichten der russischen Gesellschaft, die die Taktik Barclays nicht verstanden, waren äußerst unzufrieden mit dem Rückzug und verlangten einen Wechsel in der Kommandoführung. Ein Name nur im Munde aller: Kutusow.

Alexander I., der dem Verlangen der Armee und des Adels nachkam, ernannte ihn zum Oberbefehlshaber.

Kutusow kam am 17. August zur Armee, die sich nach Zarjowo Sajmischtsche zurückzog. Die Soldaten empfingen den neuen Befehlshaber mit Jubel. „Kutusow ist gekommen, um die Franzosen zu schlagen“ (Im Russischen ein Reim), sprachen sie untereinander. Kutusow setzte den Rückzug fort und begann eine energische Vorbereitung für die Schlacht.

 

Die Stellung für die Schlacht mit den Franzosen wurde in der Nähe des Dorfes Borodino gewählt. Die Gegend war hier hügelig und von Schluchten durchzogen. Im Zentrum der Stellung der russischen Armee befand sich das Dorf Borodino und am linken Flügel das Dorf Semjonowskoje. Die breite Ebene vor dem Dorf Semjonowskoje war für Bewegungen der Truppen günstig. Hier wurden eilig drei Erdbefestigungen mit kleinen Gräben und niederen Wällen angelegt.

Kutusow übernahm das allgemeine Kommando, die rechte Flanke übertrug er Barclay de Tolli und die linke Bagration. Das Zentrum verteidigte die Batterie unter dem Kommando des Generals Rajewskij.

Am Morgen des 26. August trafen sich die französische und die russische Armee auf dem Feld von Borodino. Napoleon näherte sich Borodino mit einer Armee von 135 000 Mann und einer Artillerie von 587 Geschützen. Die russischen regulären Truppen zählten bei Borodino 120 000 Mann.

Napoleon plante, den Hauptschlag gegen die linke Flanke der Russen zu führen. Ein Angriff der Franzosen folgte dem anderen, aber die russischen Truppen, angefeuert von Bagration, schlugen sie mit ungewöhnlicher Standhaftigkeit ab. Napoleon war gezwungen, auf diesem Abschnitt bis zu 400 Geschütze zu konzentrieren. Mehr als sechs Stunden dauerte die Schlacht. Von den Splittern einer Kanonenkugel wurde Bagration tödlich verwundet. General Dochturow übernahm das Kommando. Die russischen Truppen kämpften heldenmütig. Nur mit gewaltigen Anstrengungen gelang es den Franzosen, den linken Flügel der russischen Armee zu bedrängen. Danach befahl Napoleon, die Batterie Rajewskijs anzugreifen. In einem Erbitterten Ringen kamen fast alle ihre Verteidiger um.

Aber den Franzosen gelang es nicht, den Widerstand der russischen Armee zu brechen; Kutusow leitete geschickt die Schlacht. Im entscheidenden Moment dirigierte er gegen den Rücken des Feindes die Kosaken Platows, deren Angriff Napoleons Absichten vereitelte.

Die Schlacht von Borodino war außerordentlich erbittert. Die Verluste auf beiden Seiten waren sehr groß. Als Reserve verblieb Napoleon nur seine berühmte Garde, aber er lehnte es entschieden ab, sie in den Kampf zu schicken. „3000 Kilometer von Paris entfernt kann ich nicht meine letzte Reserve aufs Spiel setzen“, erklärte Napoleon. Am Abend gab er den Befehl, die Truppen vom Schlachtfeld zurückzuziehen.

Die Schlacht bei Borodino offenbarte den Heldenmut und die Kraft der russischen Armee.

In seiner Meldung an den Imperator Alexander I. über die Schlacht bei Borodino äußerte sich Kutusow mit großem Lob über die außerordentliche Tapferkeit und Kühnheit der russischen Soldaten: „Die Schlacht war eine allgemeine, die bis in die Nacht hinein andauerte. Die Verluste sich auf beiden Seiten groß; die feindlichen Verluste, nach den hartnäckigen Attacken auf unsere Stellung zu schließen, müssen unsere beträchtlich überschreiten. Die Truppen Eurer Kaiserlichen Majestät kämpften mit unglaublicher Tapferkeit, die Batterien gingen mehrmals aus einer Hand in die andere über. Es endigte damit, dass der Feind trotz seinen überlegenen Kräften nirgends einen Schritt Land gewann.“

Napoleon selbst gestand vor seinem Tod: „Von allen meinen Schlachten war die schrecklichste jene, die ich bei Moskau lieferte. Die Franzosen zeigten sich in dieser Schlacht würdig, den Sieg davonzutragen, die Russen aber erwarben sich den Ruf, unbesiegbar zu sein.“

Nach der Schlacht bei Borodino hatte jedoch die russische Armee immer noch nicht das Übergewicht der Kräfte und zog sich auf der Moskauer Landstraße langsam zurück. Niemand glaubte an die Möglichkeit einer kampflosen Übergabe Moskaus. Aber die Stellung bei Moskau war für eine neue Schlacht ungeeignet. Es war nötig, die Armee für den bevorstehenden Kampf zu erhalten und vorzubereiten. Kutusow entschloss sich, Moskau aufzugeben. Auf dem Kriegsrat im Dorf Fili sprach Kutusow zu seinen Generalen: „Solange die Armee noch besteht und sich in dem Zustand befindet, dem Gegner Widerstand zu leisten, solange werden wir die Hoffnung bewahren, den Krieg günstig zu beenden. Wenn aber die Armee vernichtet sein wird, werden Moskau und Russland untergehen.“

Kutusow nahm in vollem Umfang die Verantwortung für die Übergabe Moskaus auf sich. Als er allein war, konnte er sich nicht beherrschen und fing an zu weinen. „Aber nicht doch“, rief er im Zorn und schlug mit der Faust auf den Tisch, „sie werden Pferdefleisch fressen wie die Türken!“

Am frühen Morgen des 2. September 1812 marschierten die zurückziehenden russischen Truppen in einem ununterbrochenen Strom durch Moskau. Gemeinsam mit der Armee verließen die Einwohner die Stadt.

Als die französische Armee das stille und menschenleere Moskau betrat, flammte in vielen Stadtteilen Brände auf. Sie hielten sechs Tage an. Aus den Fenstern des Kremlpalastes schaute Napoleon auf das Flammenmeer. Der stolze Eroberer schauderte: „Was für ein Volk“rief er aus. Sie selbst verbrennen alles. Das kündigt uns viel Unglück an.“

Niemand bekämpfte die Brände. Die Moskauer sagten beim Verlassen der Stadt: „Möge alles zugrunde gehen, wenn es nur dem Feind nicht in die Hände fällt!“

Die napoleonische Armee plünderte im brennenden Moskau alles, was vom Feuer verschont blieb. Unter den französischen Soldaten begann eine „epidemische Trunksucht“, die „Große Armee“ zersetzte sich. Auf alle Friedensvorschläge, mit denen sich Napoleon an Alexander I. wandte, bekam er keine Antwort. In Moskau zu überwintern, war sinnlos. Napoleon entschloss sich, Moskau zu verlassen.

Am 6. Oktober, um 7 Uhr morgens, begann Napoleon den Rückzug aus Moskau. Er wandte sich nach Kaluga, wo sich die Proviantlager der russischen Armee befanden. Aber noch vordem hatte Kutusow, der zum Schein auf der Rjasaner Landstraße aus Moskau abgerückt war, ein Umgehungsmanöver vorgenommen und erschien auf der Kalugaer Landstraße. Hier, bei Malojaroslawez, verlegte die russische Armee Napoleon den Weg. Es entwickelte sich ein hartnäckiger Kampf. Achtmal an einem Tag ging Malojaroslawez von einer Hand in die andere über. Napoleon, der sich nicht zu einer neuen Generalschlacht mit den Truppen Kutusows entschlißen konnte, befahl, auf die alte Smolensker Landstraße abzudrehen. Kutusow verfolgte unablässig den Feind im parallelen Marsch und brachte ihm ernste Flankenschläge bei. Im Rücken und auf den Wegen der zurückgehenden napoleonischen Armee operierten die russischen Partisanen.

Einer der Organisatoren der Partisanenabteilungen war der Dichter und Husar Denis Dawydow, ein begeisterter Anhänger und Verehrer von Suwurow. Später fasste er seine reichen Erfahrungen im Partisanenkampf in einem Buch unter dem Titel „Tagebuch der Partisanenaktionen im Jahre 1812“ zusammen. Dawydow prophezeite, dass der Partisanenkampf in den Befreiungskriegen des russischen Volkes eine große Rolle spielen würde.

Die Partisanen lauerten die französischen Trossen auf und fielen über sie her, oder sie beunruhigten die Nachhuten des Gegners mit ihren plötzlichen Überfällen. Sie nahmen einzelne Soldaten und auch ganze französische Abteilungen gefangen. Die Partisanen wurden eifrig von den Bauern unterstützt, die nicht selten selber Partisanenabteilungen aufstellten und mit außergewöhnlicher Tapferkeit kämpften. Diejenigen, die keine Gewehre hatten, gingen mit Beilen und Mistgabeln in den Kampf. Die Bauernfrauen nahmen neben den Männern am Partisanenkampf mit dem Feind teil. Kutusow unterstützte auf jede Art das Vorgehen der Bauern gegen die napoleonischen Armeen. „Welcher Feldherr würde nicht, wie ich, mit einem solchen tapferen Volk dem Feind eine Niederlage bereiten können? Ich bin glücklich, dass ich die Russen führe!“ schreib Kutusow, als er die gewaltige patriotische Erhebung des Volkes sah.

Die russischen Truppen verfolgten ununterbrochen den Feind, der dadurch große Verluste erlitt. Bei Krasnoje fand eine neue Schlacht statt, die Napoleon viele Tausende von Soldaten kostete. Es traten frühzeitige Fröste ein. Der Schnee bedeckte die Ebenen und die zerstörten oder verbrannten Dörfer, in denen die Franzosen weder Schutz vor der Kälte noch Nahrung fanden. Eine Massenfahnenflucht begann. Die Disziplin sank. Die Verbände der hungrigen französischen Soldaten verwandelten sich in Banden von Marodeuren.

Unablässig von Kutusow verfolgt, erreichte Napoleon endlich die Beresina. Der Übergang erfolgte unter einem Kugelhagel. Mit Napoleon überschritten etwas 60 000 Man die Beresina.

Aber auch diese Armee lichtete sich immer mehr. Ende Dezember blieben von der „Großen Armee“ kaum 30 000 Mann übrig.

Als der Feind endgültig vom russischen Gebiet verjagt war, las das gesamte Land mit freudigem und stolzem Gefühl Kutusows Aufruf an die Armee, in dem er den beispiellosen Heldentaten und der Tapferkeit der russischen Soldaten Anerkennung zollte: „Tapfere und siegreiche Truppen! Endlich seid ihr an den Grenzen des Reiches angelangt! Jeder von euch ist ein Retter des Vaterlandes, Russland begrüßt euch mit diesem Namen! Die ungestüme Verfolgung des Feindes und die außergewöhnlichen Mühen, die ihr in diesem schnellen Feldzug auf euch genommen habt, setzen alle Völker in Erstaunen und bringen uns unsterblichen Ruhm ein.“

Das russische Volk und seine heldenhafte Armee, geführt von dem großen Feldherren Kutusow, zerschmetterten die französischen Eroberer, die auf Russlands Unabhängigkeit einen Anschlag verübt hatten. Das russische Volk erblickte in Napoleon einen Eroberer und einen Unterjocher und begann gegen ihn einen allgemeinen Volkskampf. Darin lag der Hauptgrund des Unterganges der „Großen Armee“ Napoleons.

Der Krieg des Jahres 1812 war ein gerechter Krieg des russischen Volkes um seine Unabhängigkeit. Er ging in die Geschichte Russlands unter der Bezeichnung „Vaterländischer Krieg“ ein.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Autorin:  Anna Michailowna Pankratowa

ORIGINAL-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Die Dekabristen-adlige Revolutionäre

Nach der Niederlage Napoleons in Russland erhoben sich die Völker Europas zum nationalen Befreiungskampf gegen ihn. Die feudalen Monarchen jedoch erschraken vor der Volksbewegung. Zum Kampfe gegen die revolutionäre Bewegung in Europa wurde im Jahre 1815 die „Heilige Allianz“ der drei reaktionären Monarchien: Österreich, Preußen und Russland geschlossen. Der Führer und Anreger der „Heiligen Allianz“ war Alexander I.

Im Innern Russlands führte Alexander I. ebenfalls eine reaktionäre Politik durch, indem er Gutsbesitzer, die Anhänger der Leibeigenschaft, unterstützte. Der entschiedenste Verfechter der Reaktion war der nächste Ratgeber des Zaren, der Kriegsminister Araktschejew. Die Bauern und Soldaten hassten ihn wegen der von ihm eingeführten Militärsiedlungen. In diesen Siedlungen wurden die Bauern an die ihnen zugewiesenen Landparzellen, die sie bearbeiten mussten, gebunden und zu lebenslänglichem und erblichen Soldatendienst gezwungen. In den Siedlungen herrschte Kasernenzwang und die Unfreiheit der Leibeigenschaft. Die Bauern leisteten ihrer Überführung in die Militärsiedlungen hartnäckig Widerstand.

In der Armee fanden große Unruhen statt, hervorgerufen von Araktschejews unerträglichem Regime. Auch gegen die adligen Eigentümer der Manufakturen begannen Aufstände. Eine immer größere Anzahl von Menschen in Russland fing an, die Notwendigkeit des Kampfes gegen das Leibeigenschaftssystem zu begreifen. Sie sahen ein, dass das Land ohne Abschaffung der Leibeigenschaft zugrunde gehen würde.

Der Krieg des Jahres 1812 und die Feldzüge im Ausland, die die russischen Soldaten und Offiziere mit den europäischen Ländern bekannt gemacht hatten, verstärkten die Unzufriedenheit und den Protest der besten Menschen Russlands gegen die Leibeigenschaft in ihrem Vaterland. Eine Folge der Feldzüge im Ausland war, dass die Rückständigkeit der auf der Leibeigenschaft beruhenden Staatsordnung Russlands gegenüber dem bürgerlichen Europa offener zutage trat. Viele der russischen Offiziere lasen die Werke der fortschrittlichen Schriftsteller und Gelehrten Westeuropas. Den größten Einfluss übten auf sie die politischen und geschichtlichen Werke der französischen Aufklärer aus: Voltaire, Montesquieus, Rousseaus und anderer Schriftsteller. Die fortschrittlichen Menschen aus den Reihen der Adligen waren russische Patrioten, die von einer besseren Ordnung für ihr Vaterland träumten. Sie beschlossen, eine Änderung der gesellschaftlichen und politischen Ordnung in Russland herbeizuführen.

Die adligen Revolutionäre fingen an, geheime politische Gesellschaften zu bilden, die sich die Umgestaltung Russlands auf neuen Grundlagen zum Ziel setzten. Im Jahre 1816 wurde der „Bund der Rettung“ und im Jahre 1818 der „Bund des Wohlstandes“ gegründet. Nach ihrem Zerfall bildeten sich die „Südliche Gesellschaft“ in der Ukraine und die „Nördliche Gesellschaft“ in Petersburg. Das Haupt der „Südlichen Gesellschaft“ war Oberst Pestel, ein Mann von großem Verstand, umfangreicher Bildung und starkem Charakter. Puschkin schrieb über ihn: „Pestel ist ein kluger Mensch im vollen Sinne dieses Wortes. Einer der originellsten Geister, die ich kenne.“

Im Jahre 1812 hatte Pestel tapfer gegen Napoleon gekämpft und war in der Schlacht von Borodino verwundet worden. Mit der russischen Armee hatte er an den ausländischen Feldzügen in den Jahren 1813 bis 1815 teilgenommen. Pestel war ein glühender Anhänger der republikanischen Staatsform und ein leidenschaftlicher Gegner der Selbstherrschaft und Leibeigenschaft.

Er hatte gewaltigen Einfluss unter seinen Kameraden und überzeugte sie von der Notwendigkeit organisierter und entscheidender Handlungen. Er arbeitete ein Programm der Umgestaltung Russlands aus und nannte es „Russische Wahrheit“. Pestel schlug vor, sämtliche Mitglieder der Zarenfamilie zu vernichten und eine „ungeteilte Republik“ mit einer starken Zentralgewalt zu errichten. Pestel trat für einen demokratischen Aufbau der Republik ein. Er verlangte gleiche Rechte und Freiheiten für alle Bürger und allgemeine Wahlen für die gesetzgebenden Organe der Republik. In der „Russischen Wahrheit“ wurde das Projekt der Bauernbefreiung mit Zuteilung von Grund und Boden und ohne irgendwelches Lösegeld aufgestellt. Pestel und seine Kameraden beabsichtigten, den Zaren zu töten und einen Umsturz mit Hilfe der unter ihrem Befehl stehenden Regimenter durchzuführen. Die breiten Volksmassen zum Aufstand aufzuwiegeln, fürchteten sie und wollten es auch nicht. Pestel gelang es nicht, den von ihm geplanten Militäraufstand durchzuführen. Am 13. Dezember 1825 wurde er auf Anzeige eines Verräters verhaftet und nach Petersburg gebracht.

Neben der „Südlichen Gesellschaft“ entstand im Jahre 1823 in der Ukraine noch eine geheime Gesellschaft unter der Bezeichnung „Gesellschaft der vereinigten Slawen“. Ihre Gründer waren Offiziere- die Brüder Borissow. Ihr gehörten nichtbegüterte Offiziere an. Im Sommer des Jahres 1825 nahmen die „Slawen“ Pestels Programm an und vereinigten sich mit der „Südlichen Gesellschaft“. Die Gesellschaft war hinsichtlich der Zusammensetzung und ihres Programms demokratischer und radikaler, obgleich auch sie adlig geblieben war.

Unabhängig von Pestel und seinen Anhängern handelten die Mitglieder der „Nördlichen Gesellschaft“. Ihr Haupt war der Gardeoffizier Nikita Murawjow. Er hatte den Entwurf der künftigen Verfassung Russlands ausgearbeitet. Im Gegensatz zu Pestel stellte Murawjow die Forderung nicht nach einer Republik, sondern einer Monarchie, beschränkt durch eine Volksversammlung. Die Leibeigenschaft sollte gemäß ihrem Programm abgestellt werden, der Grund und Boden jedoch in den Händen der Gutsbesitzer verbleiben. Die Bauern sollten nur zum Bauernhof gehörige Parzellen, Vieh und Inventar bekommen.

Innerhalb der „Nördlichen Gesellschaft“ gab es jedoch eine Gruppe entschiedener Revolutionäre, an deren Spitze der Poet Rylejew stand. Im Jahre 1823 begann Rylejew zusammen mit Sestushew die Zeitschrift „Der Polarstern“ herauszugeben. Rylejews revolutionäre Lieder und Gedichte waren von Freiheitsliebe und Hass gegen die Versklavung durchdrungen. Sie übten großen Einfluss auf die adlige Jugend aus. In seinen Gedichten rief Rylejew zum Sturz des Zarismus und zum Kampf für die Freiheit des Volkes auf.

Im November 1825 starb Alexander I. Kinder hatte er nicht. Thronfolger hätte eigentlich sein Bruder Konstantin sein müssen; er hatte aber noch zu Lebzeiten seines Bruders auf den Thron verzichtet, den nun sein anderer Bruder, Nikolaj, besteigen sollte. Jedoch war darüber nichts bekannt. Zunächst wurde dem Konstantin der Eid geleistet. Solange zwischen den Brüdern korrespondiert wurde und die Kuriere zwischen Petersburg und Warschau, wo Konstantin sich aufhielt, hin und her fuhren, herrschte im Staat tatsächlich ein Interregnum. In den höchsten kreisen trat Verwirrung ein. Die geheimen Gesellschaften wollten die sich ergebende Lage ausnutzen und einen Umsturz herbeiführen.

Zu diesem Zweck beschlossen sie, am Tage der Ablegung des Eides gegenüber dem neuen Zaren Nikolaj I., die Truppen auf den Senatsplatz zu führen und dort eine Konstitution zu verlangen.

Am Morgen des 14. Dezember 1825 marschierten die von den revolutionären Offizieren geführten Regimenter zum Senatsplatz. Im ganzen versammelten sich dort mehr als 3000 Soldaten und Matrosen. Die Truppen stellten sich rund um das Denkmal Peters I. auf, verharrten aber in Untätigkeit, da sie auf den Anschluss neuer Truppenteile warteten. Der Aufstand war nicht vorbereitet, und seine Führer zeigten keine Entschlossenheit. Fürst Sergej Trubezkoj, der zum Führer des Aufstandes bestimmt worden war, war nicht einmal auf dem Platz erschienen. Die Aufständischen, die keine Führung hatten, wagten nicht zum Angriff überzugehen und die Truppen anzugreifen, die auf seiten des Zaren blieben.

Um 12 Uhr mittags zog Zar Nikolaj I: die ihm ergebenen Truppen und Artillerie auf dem Platz zusammen. Gegen die Aufständischen wurden Kavallerieattacken geritten, doch wurden diese abgeschlagen. Dann wurde auf die aufständischen Truppen und die Arbeiter, die hier die Isaak-Kathedrale bauten und sich den Truppen angeschlossen hatten, Geschützfeuer eröffnet. Der Senatsplatz rötete sich von Blut und bedeckte sich mit den Leichen der Gefallenen. In der Nacht wurden in das Eis der Newa Löcher geschlagen, in die von den Polizisten nicht nur die Gefallenen, sondern auch die Verwundeten geworfen wurden.

 

Zwei Wochen später, am 29. Dezember 1825, begann der Aufstand des Tschernigower Regiments in der Ukraine. Der Aufstand wurde geführt von einem der Leiter der „Südlichen Gesellschaft“, von Sergej Murawjow-Apostol. Allein, ebenso wie in Petersburg, waren die Tschernigower nicht entschlossen zu Angriffshandlungen überzugehen.

Die Teilnehmer des Aufstandes in Petersburg und im Süden Russlands wurden verhaftet. Der Zar selbst spielte die Rolle eines Gendarmen und Untersuchungsrichters und verhörte die Verhafteten. Fünf der Hauptorganisatoren der Bewegung: Pestel, Murawjow-Apostol, Bestushew-Rjumin, Rylejew und Kachowskij, wurden gehängt. Viele Teilnehmer des Aufstandes wurden zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschickt.

Die Dekabristen P. I. Pestel, K.F. Rylejew, M.P. Bestushwew-Rjumin, S.I. Murawjow-Apostol und P.G. Kachowskij, die vom Zar Nikolaj I. gehängt wurden
Bild entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Der Aufstand der Dekabristen (so wurden die Teilnehmer des Dezemberaufstandes des Jahres 1825 genannt) endete mit einem Misserfolg. Die adligen Revolutionäre standen dem Volk sehr fern, sie rechneten nicht auf eine Massenbewegung, sondern auf eine militärische Verschwörung, und erlitten deshalb eine Niederlage.

Doch die Bedeutung dieses revolutionären Aufstandes war groß. Er trug dazu bei, das Volk aufzuwecken und es zum revolutionären Kampf gegen die zaristische Selbstherrschaft zu erheben.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Autorin:  Anna Michailowna Pankratowa

ORIGINAL-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Die Teilnahme Russlands am Siebenjährigen Krieg

Peter der Große war im Jahre 1725 gestorben. Einen Nachfolger hatte er nicht ernannt. Unter den Adligen der Hauptstadt, die sich auf die Waffengewalt – die Garderegimenter- stützten, begann ein Kampf um die Macht. Es war eine Periode der Palastrevolutionen, in denen die Bewerber um die Macht einander ablösten. Im Jahre 1741 wurde als Ergebnis einer Palastrevolution die Tochter Peters des Großen, Jelisaweta Petrowna, auf den Thron gehoben.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich der Einfluss Russlands auf die europäischen Angelegenheiten verstärkt. Engels bemerkte, dass die Nachbarn Russlands schwächer geworden waren. Im Norden waren die Kraft und das Prestige Schwedens deshalb gesunken, weil Karl XII. den Versuch unternommen hatte, ins Innere Russlands einzudringen. Im Süden stellten die Türken und ihre Tributpflichtigen, die Krim-Tataren, nur noch Reste der ehemaligen Größe dar. Im Westen bedeutete Polen, das sich im Zustand völligen Verfalls befand, bereits keine Gefahr mehr für Russland. Auch der deutsche Feudalstaat bröckelte auseinander. Wie Engels betonte, bestand das römisch-deutsche Reich nur noch dem Namen nach.

Dieses mittelalterliche Reich unter dem prunkvollen Titel: „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ stellte einen ohnmächtigen Bund von 360 deutschen Halbstaaten dar. Den Kern des Reiches bildete Österreich, und seine Herzöge galten als deutsche Kaiser. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts traten als Nebenbuhler der Habsburger die preußischen Hohenzollern auf. Im Jahre 1740 wurde Friedrich II. König von Preußen. Dieser – nach Äußerung seiner Zeitgenossen „ein ganz schlauer König“- unternahm unerwartete Angriffe auf seine Nachbarn, eroberte skrupellos fremde Länder, wobei er in der Politik keinerlei Moral anerkannte. „Erst Besitz ergreifen und nachher Verhandlungen führen“, pflegte er zu sagen.

Er eroberte die reiche alte polnische Provinz Schlesien, die Österreich einverleibt war, und suchte zu erreichen, dass alle europäischen Staaten wie diese Eroberung so auch „die Rechte“ Preußens auf Böhmen, Sachsen und das baltische Gebiet anerkennen.

Preußens Eroberungspolitik entfesselte einen großen europäischen Krieg, der die Bezeichnung „Siebenjähriger Krieg“ erhielt (1756 bis1763). Auf Seiten Friedrichs stand England, das darauf rechnete, durch Preußens Hilfe seinen Nebenbuhler zur See, Frankreich, zu schwächen. Russland trat dem Bündnis Frankreichs, Österreichs und Sachsens gegen Preußen bei. Die Hauptaufgabe Russlands in diesem Krieg war, die preußische Aggression im Baltikum zu verhindern.

Als Friedrich II. den Krieg begann, war er von seiner militärischen Überlegenheit überzeugt. Seine Armee, aus angeworbenen Berufssoldaten bestehend, war gut ausgebildet, gedrillt, an leichte und schnelle Siege gewöhnt und galt für „unbesiegbar“.

Friedrich II. behandelte die russische Armee als Kriegsmacht mit Geringschätzung. Er rechnete damit, durch einen kurzen und schnellen Schlag erst Russland niederzuwerfen und dann Russlands Bundesgenossen Frankreich.

Die russischen Truppen überschritten im August 1757 die Grenzen Ostpreußens und begannen den Angriff auf Königsberg. Friedrich II. schickte ihnen starke Kräfte entgegen. Als sich die russischen Truppen auf einem schmalen Waldweg inmitten unzugänglicher Sümpfe fortbewegten, griffen die Deutschen sie an, nachdem sie sämtliche Ausgänge vom Schlachtfeld versperrt hatten. In dieser Falle, bei Groß-Jägersdorf, war die russische Armee gezwungen, die Schlacht aufzunehmen. Die Vorhuten der Infanterie kämpften erbittert am Waldrand und ließen den Feind nicht durch, bis das Gros der russischen Kräfte, das sich auf dem Waldweg befand, ihnen zu Hilfe gekommen war. Mit Hurrarufen stürzten sich sie russischen Truppen in den Bajonettgriff und warfen die Deutschen zurück. Eine bedeutende Rolle bei der Abwehr des deutschen Vorstoßes spielte die russische Artillerie, die gerade am Vorabend des Krieges reorganisiert worden war. Geschütze neuen Typs waren eingeführt worden, die weitragender und beweglicher waren als die alten.

Der Sieg der Russen bei Groß-Jägersdorf verblüffte die Deutschen. Die Festung Königsberg ergab sich kampflos. Fast das gesamte Ostpreußen geriet in die Hände der Russen.

Die Erfolge der russischen Truppen in Ostpreußen beunruhigten nicht nur die Feinde, sondern auf die Bundesgenossen Russlands. Da die Bundesgenossen eine Verstärkung des russischen Einflusses befürchteten, unterstützten sie die Erfolge der russischen Armee nicht durch eigene Angriffsoperationen und festigten diese Erfolge auch nicht. Infolge des Zauderns und der Fehler der Kommandoführung der Bundesgenossen geriet die russische Armee im Jahre 1758 in eine schwierige Lage bei Zorndorf, kam aber auch hier um den Preis großer Anstrengungen und Opfer mit Ehren aus der schwierigen Lage heraus. Friedrich musste nach Zorndorf anerkennen: „Die Russen kann man alle bis auf einen totschlagen, aber nicht besiegen.“ Zur gleichen Zeit äußerte er sich über seine eigenen Soldaten: „Meine Halunken flohen wie alte Weiber.“

Nach Zorndorf trat Stillstand ein. Die preußische Armee war sehr mitgenommen. An der Spitze der russischen Armee stand der alte russische General Saltykow. Im Sommer des Jahres 1759 führte er die Armee zum Angriff auf Berlin. Die Entscheidungsschlacht fand bei Kunnersdorf, fünf Kilometer von Frankfurt an der Oder entfernt statt. Unter dem orkanartigen Feuer der russischen Artillerie flohen die Preußen in panischem Schrecken über die schmalen Durchgänge zwischen den Seen: Die Zerschmetterung war so vernichtend, dass der König selber beinahe in Gefangenschaft geraten wäre. Friedrich II. war nahe daran Selbstmord zu begehen. „Ich bin unglücklich, dass ich noch am Leben bin“, schrieb er. Von einer Armee von 48 000 Mann verblieben mir noch nicht einmal 3 000 Mann. Während ich dies sage, flieht alles, und ich habe schon keine Macht mehr über diese Leute.“

In Berlin trat eine Panik ein. Die königliche Familie und die Berliner Behörden verließen die Hauptstadt. Die österreichische Heeresleitung rettete jedoch abermals Friedrichs Lage, da sie seine Verfolgung und auch den Marsch nach Berlin ablehnte. Die gab Friedrich II. die Möglichkeit, eine neue Armee aufzustellen. Ein Jahr später jedoch wurde Berlin von russischen Truppen eingenommen. Am Morgen des 9.Oktober 1760 zogen die russischen Truppen feierlich in die preußische Hauptstadt ein. Die Vertreter der Stadtverwaltung Berlins überbrachten der russischen Heeresleitung auf einem Samtkissen die Schlüssel der Festungstore der Stadt.

Preußens militärischen Lage war hoffnungslos. Zu dieser Zeit jedoch starb die Zarin Jelisaweta Petrowna. Ihr Enkel, ein holsteinischer Prinz, der als Peter III. Imperator von Russland wurde, rief, da er ein glühender Verehrer und Anhänger Friedrichs II. war, die russischen Truppen zurück und schloss mit Preußen einen Bündnispakt.

Die russische Armee, die so viele Opfer gebracht und im Kampf mit Preußen neuen Ruhm an ihre Kriegsfahnen geheftet hatte, war von einer solchen Politik bitter enttäuscht. Allen wurde klar, dass Peter III. die Interessen Preußens, aber nicht die Russlands verteidigte.

Die empörten Gardisten zettelten gegen den neuen Imperator eine Verschwörung an. Im Sommer 1762 wurde Peter III. verhaftet, bald darauf ermordet. Seine Gemahlin Jekaterina II.(Katharina die Große) wurde zur Zarin ausgerufen.

Siehe auch Wikipedia, wo das Ganze etwa anders dargestellt wird.

Die heutige Russische Botschaft stellt es in ihrem Facebook-Eintrag zum Denkmal für Peter den Großen, wieder anders dar.

 

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1, Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1