Dieser Beitrag beschreibt die Situation der Religionen und religiösen Gemeinschaften in der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK), kurz Nordkorea.
Geschichte:
Den Großteil der Bevölkerung des Landes machten traditionellerweise Buddhisten und Konfuzianisten aus. Daneben gibt es seit Ende des 18. Jahrhunderts, als die ersten christlichen Missionare ins Land kamen, eine christliche Minderheit sowie Nachfolger der im 19. Jahrhundert entstandenen synkretistischen Cheondogyo (Religion der „himmlischen Weise“).
Christentum:
Der erste christlicheMissionar(einrömisch-katholischer) kam 1785 nach Korea, obwohl die Verbreitung des Christentums verboten war. Koreanische Christen wurden durch die Regierung verfolgt, bis das Land seine „Geöffnete-Tür“-Politik mitwestlichenLändern 1881 einleitete. Im Jahr 1863 betrug die Zahl der Römisch-Katholischen Christen in Korea lediglich 23.000.
Bis zur ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts warPjöngjangdas Zentrum des Christentums auf derKoreanischen Halbinsel. Eine geistlicheErweckungfand 1907 statt (derWonsan-Erweckung1903 folgend), und die christliche Bevölkerung nahm zu; im Jahr 1945 waren 13 Prozent der Bevölkerung Pjöngjangs christlich. Daher wurde die Stadt auch „dasJerusalemdes Ostens“ genannt.
Ch’ŏndogyo:
Die Ch’ŏndogyo („himmlische Weise“) erwuchs während des 19. Jahrhunderts aus der Tonghak-Bewegung. Sie betont die göttliche Natur aller Menschen und enthält Elemente, die im Buddhismus, im Schamanismus, im Konfuzianismus, in Daoismus und im Katholizismus enthalten sind.
Sŏgwang-sa Kosan, Provinz Kangwon, erbaut 14.–18. Jahrhundert, im Koreakrieg von den Amerikanern weitgehend zerstört. Alte Postkarte
Die Verfassung der Demokratischen Volksrepublik Korea garantiert in Artikel 68 die Religionsfreiheit, allerdings nur soweit sie keine ausländischen Kräfte ins Land bringt und die soziale Ordnung des Landes nicht gefährdet. Artikel 67 garantiert, ebenfalls mit Einschränkungen, die Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Die nordkoreanische Regierung betont, Staat und Religion seien getrennt und gab gegenüber der UNO im Jahr 2000 an, es gebe in Nordkorea 40.000 praktizierende religiöse Menschen, was knapp 0,2 Prozent der Bevölkerung entspricht. Diese sind in folgenden offiziellen religiösen Organisationen organisiert: Koreanische Christliche Vereinigung, koreanische buddhistische Vereinigung, koreanischer Verband der Römischen Katholiken und koreanisches Leitungskomitee der Chondokyo-Gläubigen.[1]
Buddhismus:
Laut Regierungsquellen gibt es gegenwärtig ungefähr 10.000 praktizierende Buddhisten, 200 buddhistische Prediger und 60 buddhistische Tempel in Nordkorea. Buddhismus wird unter der Schirmherrschaft der offiziellen „Koreanischen Buddhistischen Vereinigung“ ausgeübt. Die Ausbildung des buddhistischen Klerus erfolgt in einer dreijährigen Ausbildung an einer Spezialschule, daneben existiert das Fach Buddhismus an der Kim-Il-sung-Universität. Rund zehn Studenten sollen jährlich das fünfjährige Studium abschließen.[2] Ob diese Institute traditionelle buddhistische Werte unterrichten, ist nicht bekannt. Beobachter gehen davon aus, dass die Ausbildungsstätten dazu benutzt werden, um Studenten anzuweisen, buddhistische Unterrichtungen bloß als Träger für die Chuch’e-Ideologie anzuwenden. Die buddhistischen Tempel, von denen es noch mehrere Hundert gibt, werden nach Aussagen von Nordkoreanern, die das Land verlassen haben(?? P.R.), als kulturelles Erbe koreanischer Vergangenheit angesehen (beispielsweise Pohyonsa), in denen keine religiösen Handlungen stattfinden.[1]
Pohyon-Tempel, Myohyang-san, erbaut 11. Jahrhundert
Nach offiziellen Angaben leben rund 15.000 Christen in Nordkorea, 10.000 davon Protestanten.[3] Die Zahlen werden von ausländischen Beobachtern angezweifelt, unabhängige Überprüfungen sind nicht möglich. Die nordkoreanische Regierung betrachtet das Christentum als Gefahr, besonders den Protestantismus, dem sie ein enges Verhältnis zu den Vereinigten Staaten und Südkorea unterstellt. (Nun ja, wir haben ja in der DDR gesehen, wie die Kirche, bzw. deren Logistik für konterrevolutionäre Umtriebe genutzt wurde. Nordkorea hat wohl daraus gelernt. P.R.)
Auszug aus der Verfassung der DVRK (kurz Nordkorea)
Artikel 68 Jeder Bürger hat die Freiheit, sich zu einem Glauben zu bekennen. Diese Freiheit wird dadurch garantiert, dass die Errichtung religiöser Gebäude und die Durchführung religiöser Veranstaltungen gestattet werden. Kein Bürger darf die Religion zur Infiltration durch äußere Kräfte oder zur Verletzung der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung missbrauchen.
Auszug aus der Verfassung der DVRK (kurz Nordkorea)
In Pjöngjang gibt es vier Kirchengebäude. Die Kathedrale von Jangchung wird offiziell als römisch-katholisch betrachtet, obgleich es dort keinen Priester gibt, zwei sind protestantisch. Die römisch-katholische sowie die protestantische Kirche Pongsu wurden 1988 eröffnet, letztere in Anwesenheit südkoreanischer geistlicher Würdenträger. Die zweite protestantische Kirche Chilgol existiert seit 1992. Eine russisch-orthodoxe Kirche wurde am 13. April 2006 eröffnet. Ausländische Beobachter meinen, dass die Gebäude nur zu Propagandazwecken erbaut wurden, jedoch liegen auch Berichte vor, dass zumindest in den protestantischen Kirchen regelmäßig Gottesdienste mit 100 bis 250 Besuchern stattfinden.[1]
Die orthodoxe Kirche in Pjöngjang wurde fünf Jahre nach Kim Jong-ils Russlandreise errichtet, wo ihn die Ikonen, die Kerzen und der Weihrauch zutiefst beeindruckt haben sollen.[8] Manche sehen in diesem Gotteshaus eher ein Symbol der nordkoreanisch-russischen Verbundenheit auf politischer Ebene denn einen Ort religiöser Betätigung.[9]
Das Christentum in Nordkorea wird offiziell durch die „Koreanische Christliche Vereinigung“ repräsentiert, eine vom Staat kontrollierte Institution, die für Kontakte mit ausländischen Kirchen und Regierungen verantwortlich ist. Ausländer, die immer von staatlichem Aufsichtspersonal begleitet werden, können an Gottesdiensten in den Pjöngjanger Kirchen teilnehmen.
Der amerikanische PredigerBilly Grahambesuchte Nordkorea in den 1980er und 1990er Jahren mehrfach. 1994 traf er den ehemaligen Präsidenten Kim Il Sung.Franklin, Grahams Sohn, folgte dem Vorbild seines Vaters im Jahr 2000 und traf einige hochrangige Führer.
Nordkoreanische Version von „Jingle Bells“
Ch’ŏndogyo:
In Nordkorea existiert mit der Chondoistischen Ch’ŏngu-Partei eine politische Partei, die sich offiziell auf die Religion der Ch’ŏndogyo beruft. Sie ist ähnlich organisiert, wie eine Blockpartei in der DDR.
Peter I. 1672 bis 1725 (Bild entnommen aus „Das Sowjetland“, Band 1, aus dem Jahre 1947)
1. Beginn der Regierung Peters des Großen
Zu jener Zeit, als sich in Russland der Druck der Leibeigenschaft verstärkte, ging Westeuropa allmählich zur Verwendung von Lohnarbeitern über. Im 17. Jahrhundert fand in vielen europäischen Ländern und besonders in England eine stürmische Entwicklung des Handels und der Industrie statt. Es traten Großunternehmen auf, in denen die Handarbeit einer großen Zahl von Lohnarbeitern verwendet wurde. Es waren dies kapitalistische Manufakturen („Manufaktur“ bezeichnet ein Unternehmen, das auf Handarbeit beruht). Allmählich bildete sich aus den Lohnarbeitern eine neue Klasse: das Proletariat. Die Eigentümer der Unternehmen, die die Lohnarbeitskraft ausbeuteten, bildeten eine andere Klasse: die Klasse der Kapitalisten oder der Bourgeoisie.
Die Bourgeoisie brauchte Märkte und freie Arbeitskräfte. Daher strebte sie die Abschaffung der Leibeigenschaft und die Vernichtung aller feudalen Zustände an, die die Entwicklung des Marktes für die Industrie hemmten. Im 16. Jahrhundert siegte die Bourgeoisie in Holland und im 17. Jahrhundert in England.
Die niederländische und die englische Revolution beschleunigten den Übergang dieser Länder auf den Weg der kapitalistischen Entwicklung. Russland aber blieb noch ein feudales Land. In ihm herrschten nach wie vor die adligen Gutsbesitzer über leibeigene Bauern. Zwar war auch Russland nicht stehengeblieben. Im 17 Jahrhundert fingen die lokalen Märkte Russlands an, sich zu einem allgemeinen Markt zu vereinigen. Das Handwerk entwickelte sich. In Moskau waren schon ganze Vorstädte von Schmieden, Wagenbauern, Webern, Tischtuchmachern, Bäckern und anderen Handwerkern bewohnt. Bis auf den Heutigen Tag (Stand 1947) haben die Bezeichnungen vieler Moskauer Straßen die Spuren dieser ehemaligen Handwerkersiedlungen bewahrt: Kusnezkij Most („Schmiedebrücke“), Karetnyj Rjad („Wagenbauerzeile“), Skatertnyj Pereulok („Tischtuchgasse“), Chlebnyj Pereulok („Bäckergasse“) usw..
Im 17. Jahrhundert begann man Leinwand- und Segeltuch-Manufakturen, Pottasche-Fabriken, Eisenwerke (in Tula, Olonez, Kaschira und anderen Orten) zu errichten. Immerhin blieb die russische Industrie schwach entwickelt. Im Unterschied von den westlichen Manufakturen beruhten die russischen auf der Arbeit von Leibeigenen. Die Zwangsarbeit der „Arbeitsleute“ war wenig produktiv. Geld war im Lande nicht viel vorhanden. Die einträglichsten Handelsgeschäfte hatten die Ausländer an sich gerissen.
Im Vergleich zu den fortgeschrittenen westeuropäischen Ländern war Russland am Anfang des 18. Jahrhunderts sowohl in wirtschaftlicher als auch in kultureller und militärischer Beziehung zurückgeblieben. Eine der Hauptursachen der Rückständigkeit lag darin, dass Russland keinen Ausgang zum Meer besaß. Marx hatte darauf hingewiesen, dass sich kein einziges Land in einer solchen Entfernung von den Meeren befand, wie Russland Anfang des 18. Jahrhunderts. Niemand möchte sich eine große Nation vorstellen, die von der Meeresküste abgeschnitten ist, schrieb Marx.
Der Zugang zur Ostsee und zum Schwarzen Meer war für Russland verschlossen. Das Schwarze Meer befand sich in der Gewalt der Türkei und des Krimer Khanats. Das baltische Küstenland hatte Schweden an sich gerissen. Die Schweden hatten auf ureigenem russischem Boden ihre Festungen errichtet und den Hauptausgang zum Meer -die Newa- mit „zei Riegeln“: den Festungen Noteburg und Nienschanz abgesperrt. Das russische Karelien hatten sie in das schwedische Ingermanland umgewandelt, die karelische Landenge sollte auf dem Wege Russlands nach Europa eine Schranke bilden.
Der Kampf um das Baltikum, um die Rückkehr „des Landes der Väter und Großväter“, wurde für den Russischen Staat zur unaufschiebbaren Notwendigkeit. Vom Ausgang dieses historischen Kampfes hing für Russland die Möglichkeit ab, sich in eine Reihe mit den fortgeschrittenen Staaten Europas zu stellen.
Die schwierige Aufgabe, an das Meer vorzudringen, wurde von dem ersten russischen Imperator, Peter dem Großen, mit Kühnheit gelöst. Er wurde am 30. Mai 1672 in Moskau geboren. Peters Vater, der Zar Alexej Michajlowitsch starb, als der zukünftige Imperator noch nicht vier Jahre alt war. Seine Mutter, Natalja Naryschina, war die zweite Frau des Zaren Alexej Michajlowitsch. Von seiner ersten Frau, der Miloskawskaja, waren noch Kinder vorhanden: der kränkliche Fjodor, der schwachsinnige Iwan und einige Töchter, von denen sich die Zarewna Sophia durch Klugheit und Energie auszeichnete.
Fjodor Alexejewitsch war Zar geworden, regierte jedoch nicht lange. Im Frühling 1682 starb er, ohne für sich einen Nachfolger bestimmt zu haben. Die Wahl eines neuen Zaren stand bevor. Zwischen den Naryschkins und den Miloslawskijs begann der Kampf um die Macht. Anfangs wurde der zehnjährige Peter zum Zaren gewählt. Aber damit gaben sich die Miloslawskijs nicht zufrieden. Von ihnen aufgewiegelt, drangen Moskauer Strelzy in den Kreml ein, erschlugen einige Bojaren, Peters Anhänger, und verlangten, dass beide Brüder, Peter und Iwan, zu Zaren ausgerufen würden. Staatsregentin wurde die herrschsüchtige Zarewna Sophia.
Während Sophias Regierung wohnte Peter mit seiner Mutter in den Palästen in der Nähe von Moskau, vornehmlich im Dorf Preobrashenskoje. Von Kindheit an interessierten den jungen Zaren Kriegsspiele. Peter wählte für seine Kriegsspiele die lebhaftesten Kinder, ohne Rücksicht auf vornehme Herkunft, aus und stellte aus ihnen „Spiel“-Regimenter auf. Zwei von diesen Regimentern- das Semjonowsker und das Preobrashensker- verwandelten sich später in die besten Moskauer Regimenter, die militärisch ausgezeichnet ausgebildet waren. Es waren die ersten Garderegimenter der künftigen, von Peter geschaffenen, russischen Armee.
Beim Lernen war Peter wissbegierig und beharrlich. Bei einem russischen Djak (einem kleinen Beamten) lernte er frühzeitig Lesen und Schreiben, und unter Anleitung von Ausländern beschäftigte er sich eifrig mit mathematischen Wissenschaften, besonders der Geometrie. In dem jungen Peter erwachte frühzeitig eine wahre Leidenschaft zur Seefahrt und zum Schiffbau. Einst fand Peter ein liegengelassenes altes Segelboot. Der Holländer Brant lehrte ihn das Segeln, zuerst auf der schmalen Jausa, später auf dem großen Perejaslawer See. Dieses Boot wurde zum „Großväterchen der russischen Flotte“.
Inzwischen hatten sich die Beziehungen zwischen Sophia und Peter immer feindseliger gestaltet. Sophia zettelte mit den Strelzy eine neue Verschwörung an, um sich Peters zu entledigen. Peter, der davon erfahren hatte, entzog ihr unter Mithilfe seiner „Spiel“-Regimenter im Jahre 1689 die Macht und sperrte sie bald darauf in ein Kloster.
Der während Sophias Regentschaft sich abspielende Kampf am Hofe verstärkte in Peter den Hass gegen die Verfechter der alten Zustände. Er begriff sehr früh, dass Russland, das mächtige und reiche Land, sich in die Reihe der europäischen Großmächte stellen könnte, wenn es seine Rückständigkeit überwinden würde.
Peter befreundete sich mit begabten und ihm nützlichen Russen und Ausländern. Ein enger Freund und treuer Helfer wurde ihm der Gefährte seiner Kinderspiele, der ehemalige Pastetenhändler Alexander Menschikow. Ein nützlicher Ratgeber wurde für Peter ein Schotte: der alte General Patrik Gordon. Er erzählte dem wissbegierigen jungen Zaren viel von Kriegen, an denen er teilgenommen hatte. Der Holländer Timmermann brachte Peter Mathematik und Kriegstechnik bei. Der fröhliche Schweizer Lefort wurde persönlicher Freund und Vertrauensperson des Zaren.
In den ersten Jahren seiner selbstständigen Regierung überließ Peter den Ratgebern seiner Mutter die Leitung des Staates und gab sich mit ganzem Herzen den Kriegsspielen hin. Im Jahre 1601 wurden große „Spiel“-Schlachten bei Semjonowskoje veranstaltet. Mit Hingabe beschäftigte sich Peter auch mit dem Bau eine „Spiel“-Flotte auf dem Perejaslawer See.
Bald aber hörten die Perejaslawer Spielereien auf, Peter zu befriedigen. Es zog ihn hinaus auf die Weite des Meeres. Im Jahre 1693 erlangte er von seiner Mutter die Erlaubnis, nach Archangelsk zu fahren, um „unmittelbar das Meer zu sehen“. In Archangelsk machte sich Peter mit den ausländischen Schiffen, mit ihrem Bau und ihrer Ausrüstung vertraut. Begierig eignete er sich Kenntnisse im Schiffbau und in der Seefahrt.
Während seiner ersten Reise nach Archangelsk im Jahre 1693 legte Peter ein Schiff auf Kiel, und im Jahre 1694 fuhr er nach Archanglelsk, um es vom Stapel zu lassen. Peter träumte davon, eine Hochseeflotte zu schaffen. Jedoch gab er auch den Gedanken über die Notwendigkeit der Schaffung einer neuen Armee nicht auf.
Den Übergang von Peters „Spielereien“ zu wirklichen Kriegshandlungen bildeten die Asowschen Feldzüge gegen die Türkei. An jener Stelle, wo der Don in das Asowsche Meer mündet, stand die starke türkische Festung Asow, von Mauern, einem Wall und einem tiefen Graben umgeben. Sie versperrte Russland den Zugang zum Asowschen Meer vom Don aus und machte es unmöglich, durch die Meerenge von Kertsch in das Schwarze Meer zu gelangen.
Im Frühjahr 1695 fuhr eine 30 000 Mann starke russische Armee auf Flussschiffen die Oka und die Wolga hinab, marschierte zum Don und belagerte Asow.
Aber der erste Sturm missglückte. Die Armee setzte sich zum größten Teil aus den Strelzy zusammen. Im Kampf zeigten sie sich weniger standhaft als das Preobrashensker und das Semjonowsker Regiment. Auch das Nichtvorhandensein einer russischen Flotte machte sich bemerkbar. Die Türken lieferten den Belagerten Waffen und Proviant über das Meer. Peter konnte dies nicht verhindern, und die Belagerung von Asow musste aufgegeben werden.
Peter war jedoch ein Mensch von unerschütterlichem Willen. Nachdem er in den eroberten Türmen von Asow seine Garnisonen zurückgelassen hatte, entschloss er sich, in einem Winter eine Ruderflottillie zu schaffen. Am Ufer des Woronesh-Flusses wurde eine Werft errichtet. Der junge Zar arbeitete selbst auf der Werft, sowohl als Ingenieur, als auch als einfacher Zimmermann. Im Frühjahr des Jahres 1696 erschien zum Erstaunen der Türken eine russische Flotte vor Asow, das nun von der See- und Landseite her belagert wurde und sich bald den Russen ergab. Den Zugang zum Schwarzen Meer konnte Russland jedoch nicht ohne Krieg mit der Türkei erlangen, und Peter begann sich für diesen Krieg vorzubereiten.
Schon vor den Mauern Asows hatte sich Peter fest entschlossen, eine große Kriegsflotte zu bauen. Zu deren Schaffung waren verschiedene Spezialisten notwendig: Schiffszimmerleute und Ingenieure, kundige Seeoffiziere und erfahrene Matrosen. In Russland gab es sie nicht. Mit großen Schwierigkeiten und Ausgaben holte man sich fachkundige Leute aus dem Ausland. Aber diese Meister reichten nicht aus. Da entschloss sich Peter dazu, seine Leute ins Ausland zu schicken, damit sie sich mit Schiffbau und Seefahrt vertraut machen. Unter der Zahl dieser ersten russischen Schüler war auch Peter selber.
Im Jahre 1697 wurde zwecks Herstellung von Verbindungen mit den europäischen Staaten, unter denen man Bundesgenossen zum Kampf gegen die Türkei finden musste, die Große Gesandtschaft nach Europa geschickt. Sie wurde von einer Abteilung Freiwilliger begleitet, die zur Erlernung des Marinewesens mitfuhren. Unter ihnen befand sich auch Peter, der sich mit dem Namen „Unteroffizier Peter Michajlow“ getarnt hatte.
Im Ausland lernte der russische Zar fleißig und eifrig. In Königsberg studierte Peter unter Anleitung des Hauptingenieurs dieser Festung die Regeln des Artillerieschießens. In Holland, das wegen seiner Schiffbaukunst berühmt war, arbeitete Peter in der kleinen Stadt Saardam auf einer Werft, bis sich das Gerücht verbreitete, der große und starke Zimmerman sei der Zar selbst. Um sich den Neugierigen zu entziehen, siedelte Peter in die große holländische Stadt Amsterdam über und arbeitete hier länger als vier Monate, bis das in seiner Gegenwart auf Kiel gelegte Schiff fertiggestellt war. Nachdem Peter erfahren hatte, dass in England der Stand der Schiffbaukunst noch höher wäre als in Holland, führ er dahin und arbeitete länger als zwei Monate auf einer englischen Werft, unweit von London.
Von England aus wandte sich Peter nach Wien, um mit dem deutschen Kaiser über ein Bündnis gegen die Türkei zu verhandeln. Doch es gelang ihm nicht, ein Bündnis der europäischen Mächte gegen die Türkei zustande zu bringen. Die Mehrzahl der europäischen Staaten bereitete sich zum Krieg um die spanische Erbfolge vor, d.h. um die Verteilung der ausgedehnten Besitzungen Spaniens nach dem Tode seines kinderlosen Königs, der von der österreichischen Dynastie Habsburg abstammte. Österreich wollte nicht nur Peter im Krieg gegen die Türkei nicht beistehen, sondern beeilte sich sogar, mit ihr Frieden zu schließen.
2. Der große Nordische Krieg
Der internationalen Lage Rechnung tragend, verzichtete Peter auf einen Kampf mit der Türkei um das Schwarze Meer und trat dem Bündnis Dänemarks und Polens gegen die Schweden bei. Diese Länder litten ebenso wie Russland unter der schwedischen Herrschaft über das baltische Küstengebiet. Die schwedischen Truppen galten zu jener Zeit als die besten Europas. Um mit ihnen Krieg zu führen, musste man eine gut ausgebildete, reguläre Armee haben. Daher beeilte sich Peter, der sich auf einen Krieg mit Schweden vorbereitete, eine neue Armee zu schaffen. Laut Erlas vom 17. November 1699 wurde eine Aushebung von Rekruten aus den leibeigenen Bauern und den Städtern durchgeführt. Man kleidete sie in dunkelgrüne Röcke europäischen Zuschnitts und bildete sie vom Morgen bis zum späten Abend militärisch aus.
Peter beschloss, sich den Umstand, dass die Hauptkräfte des schwedischen Königs Karl XII. durch den Krieg mit Dänemark in Anspruch genommen waren, zunutze zu machen, und begann im August des Jahres 1700 den Sturm auf die Festung Narwa, die die Zugangswege zur Ostsee deckte. Narwa war gut befestigt. Zum Sturm reichten die Granaten nicht aus. Das Pulver war schlecht. Das Heranschaffen von Munition und Proviant über die morastigen Sümpfe war schwer und langwierig.
Inzwischen hatte Karl XII. den dänischen König schnell geschlagen und wandte sich eilig nach Narwa. Obgleich die früheren Spiel-Regimenter hartnäckigen Widerstand leisteten, zerschlugen die Schweden bei Narwa die russische Armee und erbeuteten die gesamte Artillerie.
Karl XII. rechnete damit, dass die russische Armee nach Narwa erledigt sei, und ging daher nicht nach Moskau, sondern nach Polen.
Die Niederlage bei Narwa machte aber Peter nicht mutlos. Er sah ein, dass der Feind den Russen nicht an Zahl und an Tapferkeit, sondern an geschickter Kriegsführung überlegen war. „Der Krieg ist nicht zu Ende, sondern er fängt erst an“, erklärte Peter und begann in aller Eile, die Armee umzugestalten. In kurzer Zeit wurden in die Armee Tausende neuer Rekruten aufgenommen. An Stelle der adligen Reiterei und der Stelzy stellte Peter Dragoner- (Kavallerie-) und Armee-(Infanterie-)Regimenter auf. Er schuf eine neue, leichte Feldartillerie und rüstete mit ihr die Reiterei aus. In der Artillerie wurden neue Typen eingeführt, Kanonen, Haubitzen und Mörser. In Moskau wurde die Kriegsschule zur Vorbereitung von Offizieren eröffnet. Die Adligen sollten auch als einfache Soldaten den Militärdienst beginnen und allmählich zu Offizieren aufrücken. Im Ural, wo Erzlager aufgefunden worden waren, wurden eiligst neue Werke errichtet. Im Jahre 1701 lieferte der Hochofen im Newjansker Werk den ersten Posten Gusseisen für Kanonen. Peter befahl sogar, die Glocken abzunehmen und sie in Kanonen umzugießen.
Für die Armee arbeiteten die alten Tulaer, Kaschirer, Olonezer Werke und die kürzlich errichteten Brjansker und Lipezker Werke. In den Werken wurden Kugeln und Kanonen gegossen, Säbel geschmiedet. Auf der Werft bei Lodejnoje Pole wurden Kriegsschiffe auf Kiel gelegt. Peter und die besten Kommandeure der russischen Armee verfolgten die neue Kriegstechnik in den Ländern Westeuropas mit Aufmerksamkeit und übernahmen alles, was das Kriegswesen in Russland verbessern konnte. Peter führte auch in der Kriegstaktik manche Neuerungen ein. Er verlangte das Zusammenwirken der Artillerie mit der Kavallerie und Infanterie, der förderte die Aktivität und Initiative der Soldaten und Kommandeure sämtlicher Waffengattungen.
Die Ergebnisse der Heeresreform zeigten sich bald. Im Januar des Jahres 1702 schlugen die russischen Truppen in der Nähe von Jurjew (Tartu) den schwedischen Feldherrn Schlippenbach. Dies war der erste Sieg über die Schweden, die sich bis dahin für unbesiegbar gehalten hatten. Peter sprach:„Wir haben es erreicht, dass wir die Schweden besiegen können, zwar vorerst noch, solange wir zwei gegen einen kämpfen, aber bald werden wir auch bei gleichem Kräfteverhältnis siegen.“
Im Sommer 1702 säuberten die russischen Soldaten den Ladoga- und den Tschudj-(Peipus-)See von den Schweden. Im Herbst des gleichen Jahres wurde nach zehntägigem Bombardement die schwedische Stadt Noteburg (Oreschek) (Oreschek, die russische Bezeichnung für Noteburg, bedeutet „Nüsschen“.) im Sturm genommen. „Sehr hart diese Nuss“, schrieb Peter, „jedoch, Gott sei Dank, sie wurde glücklich aufgeknackt.“ Noteburg wurde in Schlüsselburg umbenannt. Sie wurde der Schlüssel für Russlands Ausgang zum Meer.
Im Frühling des Jahres 1703 wurde auch das zweite Schloss des Tores zum Baltikum abgeschlagen: unter den Schlägen der russischen Truppen fiel die schwedische Festung Nienschanz.
Peter beeilte sich nun, festen Fuß an der Newa zu fassen, die den Ausgang zur Ostsee öffnete. Auf der Kotlin-Insel, am Eingang in die Newa gelegen, entstand die Festung Kronschlot (später Kronstadt). Am 16. Mai 1703 erfolgte auf einer der Inseln an der Newamündung, inmitten von Sümpfen und Wäldern, die Grundsteinlegung einer neuen russischen Festung, die später Peter-Paul-Festung genannt wurde. Gegenüber der Festung baute sich Peter ein kleines Holzhäuschen. Neben ihm bauten sich auch viele seiner Vertrauten Häuser. So entstand Petersburg, die künftige Hauptstadt des Staates.
Peter hatte den Fehler Karls XII., der die Kraft und Stärke des Russischen Staates unterschätzte, richtig erkannt und gewandt ausgenutzt. Nachdem Peter seine Streitkräfte wiederhergestellt hatte, begann er, die alten russischen Gebiete zurückzuerobern. Im Jahre 1703 wurden Jam und Koporje genommen, im Jahre 1704 Jurjew sowie die Festungen Iwangorod und Narwa. Jedoch waren die Hauptkräfte der Schweden den Russen noch nicht gegenübergetreten. Der schwedische König hatte sie zu dieser Zeit gegen Posen geworfen. Der hochmütige Karl sagte, als Peter ihm Frieden anbot: „Möge unser Nachbar Peter Städte bauen, wir werden uns den Ruhm vorbehalten, sie zu erobern.“
Aber Peter sah etwas anderes voraus. „Die Schweden können uns noch ein-, zweimal schlagen“, sagte er, „an ihnen selbst aber werden wir lernen, sie zu besiegen!“ Die russische Armee sammelte Kampferfahrung. Sie bereitete sich für die Entscheidungsschlacht vor.
Im Jahre 1706 schlug Karl XII. den polnischen König August II., nahm Krakau und Warschau ein und rückte in die Tiefe des russischen Gebiets vor. Der schwedische König, der von der Weltherrschaft träumte, hoffte, im raschen Vorgehen Moskau zu erobern, Russland zu zerstückeln und es der schwedischen Oberherrschaft unterzuordnen. Ursprünglich wählte Karl den unmittelbaren Weg nach Moskau über Smolensk, das „Tor von Moskau“. Peter, der mit der militärischen Überlegenheit des Gegners rechnete, befahl seinen Truppen, sich nach Osten abzusetzen und dabei den Gegner durch einen „Kleinkrieg“ zu schwächen, d.h. durch Kriegshandlungen kleinerer Abteilungen. Widerstand leisteten nicht nur die Nachhuten der rückgehenden russischen Armee, sondern auch die gesamte Bevölkerung. Sie versteckte Nahrungsmittel und Vieh in den Wäldern, verbrannte Brot und Futtermittel, überfiel die schwedischen Nachhuten und einzelne schwedische Soldaten.
Im September des Jahres 1708 befahl Karl seiner Armee, in die Ukraine abzudrehen. Er schloss ein Abkommen mit dem ukrainischen Hetman, dem Verräter Maseppa, der versprach, den schwedischen König mit allem Notwendigen zu versehen. Er versprach auch, Hilfe für Karl beim türkischen Sultan und den Kalmücken jenseits der Wolga zu erlangen, hauptsächlich aber rechnete er damit, einen Aufstand der Saporoshjer Kosaken und des ganzen ukrainischen Volkes gegen Peter zu entfachen. Aber die Hoffnungen Karls XII. und des Verräters Maseppa gingen nicht in Erfüllung. Die ukrainischen Bauern begannen einen Krieg, aber nicht gegen Peter, sondern gegen die fremden Eroberer. Der Hetman Maseppa wurde gestürzt und flüchtete zu den Schweden. Der neu Hetmann, Iwan Skoropadskij, stellte ein großes Kosakenheer auf und führte es Peter zu. Viele der mit Maseppa übergelaufenen Kosaken kehrten reumütig zurück. Peter verzieh ihnen, und sie kämpften tapfer gegen die Schweden. Peter erwähnte in einem seiner Briefe die volle Einmütigkeit des russischen und ukrainischen Volkes im Kampf gegen die Schweden. „Das Volk steht so unerschütterlich, wie man es nicht besser von ihm verlangen kann. Der König schreibt schmeichelnde Briefe, aber dieses Volk bleibt unveränderlich treu und bringt uns die Briefe des Königs.“
Die Lage der schwedischen Armee in der Ukraine gestaltete sich immer schwieriger. Sie litt Hunger, unter unaufhörlichen Regengüssen, die die Erde aufweichten, unter unerwartet frühzeitigem Kälteeinbruch. Ein großer Tross, den die Abteilung Löwenhaupt begleitete, fiel nach der Schlacht bei dem Dorf Lesnaja in die Hände der Russen. Der Sieg bei Lesnaja war der erste große Sieg der russischen Truppen. Den Sieg bei Lesnaja hielt Peter für die„erste soldatische Probe“ und nannte ihn die „Mutter der Bataille von Poltawa“, die genau neun Monate später stattfand.
Die schwedischen Truppen rückten im April 1709 an Poltawa heran. In der Annahme, dass Poltawa schlecht befestigt sei, hoffte Karl XII., es schnell zu erobern und dann auf Moskau vorzurücken. Peter jedoch hatte diese Möglichkeit vorausgesehen. Er hatte den energischen und kühnen Oberst Kellin zum Kommandanten Poltawas bestimmt, der die Verteidigung der Stadt glänzend organisierte. Auch Peter selbst eilte mit beträchtlichen Kräften Poltawa zu Hilfe. In der Nacht des 16 Mai 1709 drang eine russische Abteilung auf geheimen Pfaden durch die Sümpfe und schlug sich mit tapferen Bajonettenzugriff zu der belagerten Garnison durch. Die Kampfstimmung der Verteidiger Poltawas hob sich noch mehr, als sie erfuhren, dass die Truppen Peters die Worskla überschritten hätten und eine Stellung für die Hauptschlacht vorbereiteten.
Am Vorabend der Schlacht, am 26. Juni 1709, besichtigte Peter die Regimenter und rief die Soldaten auf, den Angriff des hochmütigen Eroberers, der sich für unbesiegbar hielt, standhaft abzuschlagen. Am Abend wurde den Truppen der berühmte Befehl Peters verkündet:
„Soldaten! Die Stunde ist gekommen, in der sich das Schicksal des Vaterlandes entscheidet. Daher sollt Ihr nicht denken, dass Ihr für Peter kämpft, sondern dass Ihr für den Staat, der Peter anvertraut ist, für Euer Volk, für Euer Vaterland kämpft. Ihr dürft Euch nicht durch den Ruf der Unbesiegbarkeit, der dem Feind anhaftet, verblüffen lassen. Denn dass dieser Ruhm ein erlogener ist, habt Ihr selbst mit Euren Siegen über ihn mehr als einmal bewiesen. Von Peter aber wisset, dass ihm sein Leben nicht teuer ist, wenn nur Russland glücklich und ruhmvoll für Euren Wohlstand lebt.“
Die russische Armee hatte eine Stärke von 42 000 Mann, die schwedische Armee ungefähr 30 000 Mann. Am Kampf nahmen aber auf beiden Seiten weniger teil. Peter gab den russischen Truppen den Befehl, die von ihm angewiesenen Stellungen zu beziehen. Die Auswahl und Befestigung dieser Stellungen hatte Peter besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Da er wusste, dass Karl XII. ein Freund von heftigen Angriffen und die schwedische Armee in der Kunst des Manövrierens erfahren war, legte Peter die Feldbefestigungen so an, dass sie die anrückenden Schweden längere Zeit aufhalten und die Gefechtsordnung der russischen Truppen zu Beginn der Schlacht vor Verwirrung bewahren konnten. Zwischen zwei Wäldchen wurden sechs Feldbefestigungen längs des Schlachtfeldes und vier rechtwinklig zu ihm angelegt. Die Feldbefestigungen (obgleich zu Beginn der Schlacht nicht alle fertiggestellt waren) wurden mit Artillerie ausgerüstet und bildeten die vorderste Stellung für die Infanterie.
Am 26. Juni verließen die Schweden ihr Lager und stellten sich kolonnenweise in Richtung der russischen Feldbefestigungen auf. Im schwachen Licht der Morgendämmerung rückten sie zum Angriff vor, empfingen jedoch starkes russisches Kanonenfeuer aus den Feldbefestigungen und Gewehrfeuer von der Höhe der Wälle.
Peter folgte aufmerksam dem Verlauf der Schlacht. In gefährlichen und schwierigen Augenblicken gelang es ihm, herbeizusprengen und rechtzeitig die Situation zu retten. Sein schwarzer Dreispitz und sein Sattel waren von Kugeln durchlöchert. Eine Kugel traf seine Brust, drückte sich aber an dem Kreuz, das er auf seiner Brust trug, platt.
Die Schweden konzentrierten ihren Hauptschlag auf den linken russischen Flügel und durchbrachen die erste Linie der russischen Truppen. Peter dirigierte einige Bataillone Infanterie an die Durchbruchstelle und warf die Schweden zurück. Zur selben Zeit sprengte die russische Kavallerie heran, um die Flanken des Gegners zu umfassen. Die russischen Soldaten rückten in geschlossener Front zum Angriff vor. Die Schweden kamen ins Schwanken und flohen.„Die unbesiegbaren Herren Schweden zeigten bald ihre Rücken“, schrieb später Peter ironisch über die panische Flucht der schwedischen Armee.
Die Vernichtung der Schweden war vollständig. Das Schlachtfeld war von Leichen übersät. Der schwedische König, von einem Kanonensplitter verletzt, wurde eilig vom Schlachtfeld geschafft und floh mit einer kleinen Schar Getreuer in die Türkei.
Der große russische Kritiker Belinskij weist in seiner Würdigung der Schlacht von Poltawa darauf hin, dass„Die Schlacht von Poltawa keine einfache Schlacht gewesen sei…, nein, sie war eine Schlacht um die Existenz eines ganzen Volkes, um die Zukunft eines ganzen Staates“.
Puschkin würdigte in hohem Maße in seinem Poem „Poltawa“ die Bedeutung dieser Schlacht für die Sicherung der Macht und Größe Russlands:
Wohl war es eine schwere Zeit,
Da Russlands junge Herrlichkeit
Noch zwischen Tod und Leben kreiste,
Und im verzweiflungsvollen Streit
Groß ward mit Peters Riesengeiste.
Wohl war ihr Feld der Ehre
Ein Lehrer har und rauh verliehn,
Und manche blutgeschriebene Lehre
Gab Schwedens kühner Paladin.
Doch die Zeit des Wehs und Jammers
Erstarkte Russland unbesiegt,
Wie unterm wucht’gem Schlag des Hammers
Das Eisen Stahl wird, Glas zerbricht!
Die Schlacht von Poltawa versetzte dem Kriegsruhm der Schweden einen schweren Schlag. Russlands Verbündete, Polen und Dänemark, setzten gemeinsam mit Russland den Kampf gegen Schweden fort. Karl XII. gelang es nur, die Türkei für einen Krieg gegen Russland zu gewinnen. Im Jahre 1711 rückte eine große türkische Armee an die russischen Grenzen und umzingelte am Pruth das russische Heer.
Da die russische Armee kein Kriegsmaterial und keinen Proviant hatte, war sie genötigt, mit den Türken Frieden zu schließen. Peter gab der Türkei Asow zurück, hatte aber die Kampfkraft seiner Armee bewahrt.
Nach Beendigung des türkischen Krieges kehrte Peter an das Ufer der Ostsee zurück und brachte nach einige Jahren die Eroberung des Küstenlandes am Rigaer und Finnischen Meerbusen zum Abschluss.
Im Jahre 1714 errang die junge, während des schwedischen Krieges erbaute russische Flotte einen glänzenden Sieg über die Schweden am Kap Hangut (Finnland). Einen neuen großen Sieg über die schwedische Flotte erfocht Peter im Jahre 1720 bei der Insel Grenham.
Der Große Nordische Krieg dauerte 21 Jahre. Erst im Jahre 1721 wurde in Nystad (Finnland) Frieden geschlossen. Gemäß diesem Frieden erhielt Russland das Küstenland am Finnischen und Rigaer Meerbusen, Estland mit Narwa und Reval, Livland mit Riga und einen Teil von Karelien mit Wiborg.
Auf diese Weise schloss Peter den Kampf des russischen Volkes um einen Zugang zum Meer ab, der bereits Ende des 15. Jahrhunderts begonnen hatte.
In Würdigung der historischen Bedeutung von Peters Kampf um die Küste der Ostsee schreib Marx, dass die baltischen Provinzen hinsichtlich der geographischen Lage die natürliche Ergänzung für die Nation sind, die das Land, das hinter ihnen liegt, besitzt. Marx zog die Folgerung, dass Peter ein Territorium in Besitz nahm, das für die normale Entwicklung des Landes unbedingt notwendig war.
Russland wurde eine mächtige Militär- und Seemacht. Nach dem Nystädter Frieden wurde Peter dem Großen von dem Senat (der höchsten staatlichen Behörde in Russland) der Imperatoren-Titel angetragen. Russland begann man als Imperium zu bezeichnen.
3. Die Reformen Peters des Großen
Nach dem Sieg bei Poltawa beschloss Peter, an Stelle von Moskau die neue Stadt an der Newa-Petersburg- zu seiner Hauptstadt zu machen. Zehntausende von leibeigenen Bauern wurden für den Bau der neuen Hauptstadt zusammengetrieben. Sämtlichen Städten wurde verboten, steinerne Gebäude zu errichten, und befohlen, alle Maurer nach Petersburg zu schicken. An Stelle der früheren Wälder und Sümpfe wurden gerade Straßen mit großen Häusern aus Ziegel und Stein angelegt. Gegenüber der Peter-Paul-Festung an der Newa wurde eine große Schiffswerft errichtet, von ihr aus nahm eine große Straße, die die Bezeichnung Newskij-Prospekt erhielt, ihren Anfang.
Petersburg wurde ein belebtes Handelszentrum. Aus Westeuropa kamen ausländische Schiffe mit überseeischen Waren nach Petersburg.
Die Entwicklung des Handels allein vermochte aber Russlands Rückständigkeit nicht zu überwinden. Peter hatte begriffen, dass Russland wegen der schwachen Entwicklung seiner eigenen Industrie von Westeuropa abhängig war. Viele Waren, die das Land brauchte, mussten aus Holland, Schweden, England und anderen Ländern eingeführt werden.
In seinem Betreiben, die industrielle Rückständigkeit Russlands zu überwinden, förderte Peter mit allen Mitteln die Schaffung von Manufakturen. Unter seiner Mithilfe entstanden eine Reihe neuer Industrie- und Gewerbezweige: die Kupfergießerei, der Schiffbau, die Seidenweberei und andere.
Am Ende von Peters Regierung zählte man in Russland ungefähr 240 Manufakturen. Im Hinblick auf den Mangel an Arbeitskräften gab Peter im Jahre 1721 einen Erlass heraus, wonach den Eigentümern von Manufakturen erlaubt wurde, Dörfer mit Bauern aufzukaufen. Solche den Unternehmern übereignete Bauern (man nannte sie Possessionsbauern) mussten ihre bäuerliche Wirtschaft führen und außerdem in den Manufakturen arbeiten. Die Unternehmer beuteten grausam die „Arbeitsleute“ aus, unter den letzteren fanden häufig Unruhen statt.
Der langwierige und schwere Krieg erforderte große Aufwendungen. Peter ersetzte die zahlreichen kleinen Abgaben der bäuerlichen und städtischen Bevölkerung durch eine große Kopfsteuer. Die Gutsbesitzer und Verwalter trugen die Verantwortung für den pünktlichen Eingang der Steuern ihrer Bauern. Die Kopfsteuer stärkte die Gewalt der Gutsbesitzer über die Bauernschaft. Ferner wurden auch die indirekten Steuern auf Salz, Tabak, Branntwein usw. erhöht. Besondere Personen, die „Pribylschtschiki“ („Gewinneinbringer“), dachten immer neue und neue Einnahmequellen aus. Mit Steuern wurde alles belegt: die Bienen im Bienenstand, die Schornsteine und Fenster der Bauernhütten, die Badestuben auf dem Hof, die Verkaufsstände auf dem Markt. Die Bauern mussten den Transport von Kriegsgütern bewerkstelligen, Wege bauen, Brücken ausbessern, Proviant für Heer und Flotte, Ziegelsteine zum Bau von Fabriken u.a. m. herbeischaffen. Die Rekrutenaushebungen entzogen dem Dorf die arbeitsfähigsten jungen Leute, die entweder überhaupt nicht oder als hilflose Behinderte wieder nach Hause kamen.
Abgesehen von den Rekrutierungen wurden die Bauern auch durch andere Verpflichtungen zugrundegerichtet; man trieb die Leute weg zum Bau von Befestigungen von Asow und Tanganrog, zum Bau der neuen Hauptstadt Petersburg, zum Bau von Kanälen, durch die die Ostsee mit der Wolga verbunden wurde.
Zur gleichen Zeit versuchten die adligen Gutsbesitzer, deren Aufwand stark gestiegen war, diesen durch verstärkte Ausbeutung der Bauern zu decken. Unter den Gutsbesitzern entstand sogar die Redensart: „Lass den Bauern das Haar nicht lang wachsen, sondern schere ihn ratzekahl, wie das Schaf.“
Vor den ruinierenden Steuern und dem wachsenden Druck flüchteten die Bauern in die Gebiete der Kosakenfreiheit.
Die Bauern, die unteren Schichten des Kosakentums und die städtischen Armen erhoben sich wiederholt. Er erste große Aufstand fand im Jahre 1705 in Astrachan statt, wo die aufständischen Vorstadtbewohner, die Soldaten, Strelzy, Arbeitsleute sich gegen die Bojaren und Steuererheber auflehnten und auf der Wolga gegen Moskau ziehen wollten.
Der Astrachaner Aufstand dauerte fast acht Monate an und wurde von den zaristischen Truppen unterdrückt. Die Teilnehmer und Führer des Aufstandes wurden grausam hingerichtet.
Kaum war der Aufstand in Astrachan beendet, als im Jahre 1707 ein neuer, noch bedrohlicherer Aufstand am Don um im Wolgagebiet unter Leitung von Konratij Bulawin ausbrach. Im Frühjahr des Jahres 1708 hatte dieser Aufstand das gesamte Gebiet des oberen Don ergriffen. Bulawin versandte überallhin Briefe, in denen er aufrief, mit den Gutsbesitzern und Steuererhebern abzurechnen und die Ländereien des Zaren nicht zu bestellen.
Im März 1708 wählten die aufständischen Kosaken und Bauern Bulawin zum Ataman des Allgroßen Don-Heeres. Die gegen ihn geschickte adlige Strafarmee konnte die Volksbewegung nicht zum Stehen bringen. Die wohlhabenden Kosaken verreiten jedoch Bulawin. Sie traten mit den Regierungstruppen in Verbindung, umzingelten das Haus, in dem der Führer des Aufstandes sich befand, um ihn zu ergreifen. Bulawin, der sich nicht ergeben wollte, erschoss sich.
Aber auch nach Bulawins Tode dauerten die Aufstände an. Sie waren ein Beweis dafür, wie stark der Protest der Volksmassen gegen die feudalistisch-leibeigene Ausbeutung war.
Peter, der im Interesse der Stärkung des adligen Staates handelte und die Bauern nicht schonte, maß zugleich eine große Bedeutung auch der Stärkung der Kaufmannschaft bei, in deren Händen sich der Außen- und Innenhandel befand. Er räumte den Kaufleuten verschiedene Vergünstigungen ein und gewährte ihnen Gelddarlehen.
Die Adligen blieben nach wie vor die herrschende Klasse, jedoch waren auch in ihrer Stellung viele Veränderungen eingetreten. Den Adligen im Staatsdienst wurde ein Gehalt in Geld gewährt. Sämtliche Stammgüter und Lehnsgüter wurden uneingeschränktes Eigentum der Adligen. Unter Peter verringerte sich der Unterschied zwischen den Familien des hohen und des niedrigen Adels. Diese sowohl wie jene wurden „Adlige“ genannt. Peter verlangte, dass sämtliche Adligen in Staatsdienste-militärische oder zivile- traten.
Große Veränderungen wurden auch in der Verwaltung des Staates vorgenommen. Peter war bestrebt, einen starken Staatsapparat zu schaffen und eine straffe Zentralisierung durchzuführen. Der Aufbau des Russischen Staates begann, sich dem Aufbau der europäischen Staaten anzugleichen. Im Jahre 1711 gründete Peter den Regierenden Senat. Er war die höchste staatliche Behörde, die verpflichtet war, die Entwürfe neuer Gesetze auszuarbeiten und die Tätigkeit der anderen Behörden zu überwachen. An Stelle der alten Behörden (Prikasy) wurden Kollegien gebildet, deren Zahl bis auf zwölf anstieg. Jedes Kollegium war für irgendeinen Verwaltungszweig zuständig. Die gesamte Gerichtsbarkeit im Staate war dem Justiz-Kollegium unterstellt. Peter schaffte das Patriarchat ab und unterstellte die Kirche dem Staat. An die Spitze der kirchlichen Verwaltung stellte er das Geistliche Kollegium oder den Synod.
Auf dem gesamten Staatsgebiet wurde ein einheitlicher Verwaltungsapparat eingeführt. Das Land wurde in Gouvernements eingeteilt, an deren Spitze die Gouverneure standen. Besondere Aufmerksamkeit widmete Peter den Heeresreformen. Die von ihm geschaffene reguläre Armee war eine National-russische Armee. Seit der Zeit Peters wurde die russische Armee auf der Grundlage der Rekrutenaushebungen ergänzt. Eine bestimmte Anzahl von Bauernhöfen musste einen Rekruten stellen. Ein solcher Rekrut war zum lebenslänglichen Militärdienst verpflichtet. Befehligt wurde die Armee von adligen Offizieren. Die Regimenter nannte Peter nach den Gebieten, wo sie aufgestellt worden waren. Die Fahnen zeigten die Wappen der russischen Länder.
Am Ende von Peters Regierung stand die russische Armee in Bezug auf Organisation, Ausrüstung und Kampfbereitschaft den besten europäischen Heeren nicht nach. Sie zählte an die 200 000 Mann.
Peter schuf auch eine starke Marine. Vor Peter hatte Russland kein einziges Kriegsschiff besessen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts bestand die baltische Flotte aus 48 großen Segelschiffen und einer Menge kleiner Ruderfahrzeuge. Die russische Flotte wurde eine der stärksten in Europa.
Der Adel und die aufkommende Klasse der städtischen Kaufmannschaft spielten die führende Rolle im Staat. J.W. Stalin charakterisiert den von Peter dem Großen regierten Russischen Staat folgendermaßen:
„Peter der Große tat viel für die Hebung der Klasse der Gutsbesitzer und die Entwicklung der aufkommenden Klasse der Kaufleute. Peter tat sehr viel für die Schaffung und Festigung des nationalen Staates der Gutsbesitzer und Händler. Man muss aber auch sagen, dass die Hebung der Klasse der Gutsbesitzer, die Förderung der aufkommenden Klasse der Händler und die Festigung des nationalen Staates dieser Klassen auf Kosten der leibeignen Bauernschaft erfolgte, der man das Fell über die Ohren zog.“
Peter der Große war sein ganzes Leben lang bestrebt, Russland in eine Reihe mit den fortgeschrittenen europäischen Staaten zu stellen. Mit allen Mitteln förderte Peter die Entwicklung der russischen Kultur. Dabei studierte er sorgfältig die kulturellen Errungenschaften solch fortgeschrittener Länder wie England und Holland. Er berief in seine Dienste Männer der verschiedensten Nationalitäten, bewahrte sich jedoch stets eine schöpferische Selbstständigkeit.
Die staatlichen Reformen in Russland verlangten eine große Zahl gebildeter Menschen. In der Zeit Peters des Großen fällt der Beginn der Schulbildung. Für die allgemeine Bildung wurden die sogenannten „Ziffern-Schulen“ („Rechenschulen“) eröffnet. In diesen Schulen wurde den Kindern der Adligen im Alter von 10 bis 15 Jahren Lesen und Schreiben sowie Rechnen beigebracht. Zur Vorbereitung von Spezialisten einer höheren Kategorie wurden in Moskau und Petersburg einige Spezial-Lehranstalten eröffnet, in denen Mathematik oder Medizin gelehrt wurde, sowie Marine- und Artillerie-Schulen. Peter plante und bereitete auch die Schaffung eines Zentrums der Wissenschaften in Russland vor: der Russischen Akademie der Wissenschaften. Der Tod hinderte ihn, diesen Gedanken selbst zu verwirklichen. Die Eröffnung der Akademie fand erst Ende des Jahres 1725 statt, als Peter schon nicht mehr unter den lebenden weilte.
An Stelle der kirchenslawischen Schrift führte Peter die leichter lesbare zivile Schrift ein. Er führte auch den in den europäischen Ländern gebräuchlichen Kalender ein. Unter Peter wurde eine beträchtliche Anzahl von Lehr- und praktischen Handbüchern herausgegeben, sowie der Grund für eine periodische Presse gelegt. Vom Jahre 1703 an erschien in Moskau und später in Petersburg die erste russische Zeitung: „Wjedomosti“ (Nachrichten).
Peter verbot, die Kleidung nach altem Zuschnitt zu tragen und erzwang das Tragen von kurzen Röcken, wie man sie im Westen trug. Er bekämpfte das häusliche Einsiedlerleben der Frauen und befahl ihnen, zu den „Assembléem“(Versammlungen P.R.) zusammen mit ihren Männern und Eltern zu fahren.
Im Kampf mit der Rückständigkeit und der Barbarei war Peter grausam und unerbittlich. Die Anhänger der alten Zeit, die mit den Veränderungen im Staate unzufrieden waren, traten mit den Feinden des Staates im Ausland in Verbindung. Als Verräter des Vaterlandes erwies sich sogar Peters Sohn, der Zarewitsch Alexej, Peter überantwortete ihn einem Sondergericht, das ihn zum Tode verurteilte. Seine erste Frau, Jewdokija Lopuchina, die sich mit Reaktionären umgeben hatte, sperrte er ins Kloster.
Peter fegte entschlossen sämtliche Hindernisse hinweg, die seinen Reformen entgegenstanden. Lenin bemerkte, dass Peter„in seinem Kampfe gegen die Barbarei nicht vor barbarischen Mitteln“zurückschreckte.
Unter Peter dem Großen verwandelte sich Russland in eine mächtige, zentralisierte Monarchie mit einer gewaltigen Armee und Flotte, mit ausgebildeten Kadern von Beamten und Diplomaten. Unter Peter hatte Russland bedeutende Errungenschaften auf kulturellem Gebiet aufzuweisen. Es war eine wichtige, progressive Etappe in der historischen Entwicklung Russlands, die günstige Bedingungen für sein weiteres Wachstum in der Reihe der europäischen Großmächte schuf.
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 „Die Vergangenheit des Sowjetlandes“, aus dem Jahre 1947. Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa, bearbeitet von Petra Reichel
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1. Die militärischen Erfolge Rusjs unter Iwan III.
Im 14. Und 15. Jahrhundert begann das nordöstliche Rusj, das sich allmählich von der tatarischen Verheerung erholte, den Weg des wirtschaftlichen Aufstiegs zu beschreiten. Die zerstörten Städte und Dörfer wurden wieder aufgebaut, das Handwerk blühte auf, der Handel wuchs an. Die ökonomische Isolierung der russischen Fürstentümer verringerte sich, die gegenseitigen wirtschaftlichen Verbindungen nahmen zu. Moskau verwandelte sich in ein großes Handelszentrum des Landes. Es entstanden hier Kaufläden und Verkaufshallen mit überseeischen und russischen Waren. Aus Westeuropa schaffte man über Nowgorod und Twer nach Moskau Tuch, Wein, Waffen, Kostbarkeiten. Über Nishnij-Nowgorod und Rjasan brachte man Waren des Ostens auf den Moskauer Markt.
Im 14. Jahrhundert beginnt sich die großrussische Nationalität herauszubilden. Aus den örtlichen Mundarten entsteht die einheitliche russische Sprache. Im 14. Jahrhundert erfolgt auch die Formierung der dem russischen Volke verwandten Nationalitäten: der Ukraine (davon wollen die Ukrainer heute nichts mehr wissen P.R.)und der Bjelorussen.
Das Anwachsen der wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den einzelnen russischen Fürstentümern förderte auch ihre allmähliche Einigung in einem einheitlichen russischen Nationalstaat. Auf dieses Ziel waren auch die Einigungsbestrebungen der Moskauer Fürsten gerichtet. Nur zwei der stärksten Nebenbuhler Moskaus: Nowgorod und Twer setzten den Kampf um die Bewahrung der Macht fort. Die Nowgoroder Bojaren, die am Ruder waren, begannen den Schutz und die Hilfe des polnisch-litauischen Königs zu suchen. Iwan III. kam im Jahre 1477 mit einem großen Heer nach Nowgorod und gab seinen Willen kund:„In Nowgorod soll keine Wetscheglocke (Volksversammlungsglocke) sein, soll kein Oberhaupt die Herrschaft haben, den Staat führen Wir!“Dies bedeutete das Ende der Selbstständigkeit Nowgorods. Nach großem innerem Kampfe entschlossen sich die Nowgoroder dazu, „dem Moskauer Fürsten das Kreuz zu küssen“. Die Wetscheglocke wurde abgenommen und nach Moskau auf den Glockenturm der Uspenskij-Kathedrale im Kreml gebracht.
Nach Nowgorod unterwarf sich Moskau auch Twer, das sich in seinem Kampfe auf die Litauer stützt hatte. Auf diese Weise vereinigte Iwan III. fast alle russischen Länder um Moskau und bildete einen einheitlichen Russischen Staat. Nur war dieser von feindlichen Nachbarn umgeben, vor allem aber war er immer noch von den mongolo-tatarischen Khanen abhängig.
Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts befand sich die Goldene Horde im Zustand des Niedergangs und inneren Verfalls.
Im 15 Jahrhundert schied aus ihrem Verband das selbstständige Kasaner Khanant, mit Kasan als Zentrum, aus. Die Kasaner Tataren unterwarfen sich die Völker des Wolgagebietes: die Mordwinen, die Mari, die Udmurten, die Tschuwaschen. Auch die Baschkiren, die an den Flüssen Belaja und Ufa nomadisierten, wurden den tatarischen Khanen unterworfen. Sämtlichen von den Tataren unterjochten Völkern wurde ein großer Tribut (oder „Jassak“) auferlegt.
Das zweite selbstständige Khanat bildete sich in der Krim. Die tatarischen Feudalherren bemächtigten sich der Ländereien der Ureinwohner der Krim und belasteten sie mit schwerem Tribut. Der Krimer Khan Mengly-Girej unternahm verheerende Einfälle in die südrussischen Lande und selbst nach Litauen.
Die Tataren östlich vom Ural bildeten das Sibirische Khanat, das in eine große Anzahl von kleinen Fürstentümern (oder „Ulussen“) aufgeteilt war. In Sibirien unterjochten die Tataren die ansässigen Völker und zwangen sie, den Tribut (Jassak) in Gestalt von Pelzwerk zu leisten. Auf dem Territorium des jetzigen Kasachstan bildete sich die Kasacher Horde. Auf diese Weise zerfiel die unlängst noch mächtige Goldene Horde in einzelne unabhängige Staaten und büßte ihre frühere Stärke ein.
Die Moskauer Fürsten, die den Zerfall der Goldenen Horde sahen, waren mit Kräften bemüht, sich ihrem Einfluss zu entziehen. Iwan III. war kein einziges Mal zur Horde gefahren; den Tribut oder den sogenannten „Wychod“ (Ertrag), leistete er unpünktlich und unregelmäßig. Er machte sich auch die ununterbrochenen inneren Fehden der tatarischen Kahne gegeneinander zunutze. Als einer von ihnen, der Krimer Khan Mengly-Girej, sich gegen die Goldene Horde erhob, schloss Iwan III. mit ihm ein Kriegsbündnis. Der hierdurch in Unruhe versetzte Khan der Goldenen Horde, Achmat, stellte im Jahre 1480 ein großes Heer auf und zog gegen Moskau. Iwan III. rückte ihm mit einem großen Heer entgegen. Beide Heere gingen bis an den Ugrafluss vor und schlugen an den gegenüberliegenden Ufern ihre Lager auf. Aber weder die Tataren noch die Russen entschlossen sich, den Fluss zu überschreiten und als erste den Kampf zu beginnen.
Ab November fror der Fluss zu. Iwan Wassiljewitsch befahl seinen Kriegern, von den Ufern der Ugra nach Borowsk abzurücken, wo er den Tataren eine entscheidende Schlacht zu liefern gedachte. Die Tataren errieten seinen Plan und zogen ab, da sie eine Entscheidungsschlacht nicht annehmen wollten. Zu dieser Zeit überfiel der Bundesgenosse Iwans III., Mengly-Girej, die Goldene Horde. Der Kahn Achmat beeilte sich, zur Goldenen Horde zurückzukehren, wurde aber auf dem Wege dorthin von dem sibirischen Khan überfallen und erschlagen. Die goldene Horde verlor endgültig ihren Einfluss auf Moskau.
So warf das russische Volk im Jahre 1480 für immer das schwere und demütigende tatarische Joch ab. Nachdem der Russische Staat seine Unabhängigkeit verteidigt hatte, erhielt er die Möglichkeit eines weiteren Wachstums und einer weiteren Festigung.
Die durch die inneren Fehden und durch den unaufhörlichen, immer mehr anwachsenden Widerstand des russischen Volkes geschwächte Goldene Horde wurde im Jahre 1502 endgültig von den Krim-Tataren vernichtet. Am Orte der Goldenen Horde, im Mündungsgebiet der Wolga, bildete sich ein kleines Khanat. Seine Hauptstadt war Astrachan.
Die Bildung eines starken Russischen Staates und die Befreiung vom Tatarenjoch erlaubten es Iwan III., die allmähliche Rückkehr der russischen Gebiete, die von Litauen und Polen seinerzeit geraubt worden waren, in Angriff zu nehmen.
Mit dem Anwachsen und der Festigung des Moskauer Staates nahm unter der Bevölkerung der westrussischen, von den litauischen Fürsten eroberten Gebiete Moskaus Anziehungskraft zu. Iwan III. nahm die russischen Fürsten, die aus Litauen geflohen waren, gern in seine Dienste, ihre Ländereien aber verleibte er dem Moskauer Staat ein. Wegen dieser Gebiete brach im Jahre 1500 der Krieg zwischen Litauen und Moskau aus. Der deutsche Livländische Ritterorden, der die Stärkung des Russischen Staates fürchtete, schloss mit Litauen ein Bündnis.
Der Livländische Orden begann immer dringender, den römischen Papst um seine Unterstützung bei der Organisierung eines Kreuzzuges gegen die Russen zu ersuchen. Jedoch gelang es ihm nicht, sämtliche Feinde des Moskauer Staates zu vereinigen. Litauen schloss einen Waffenstillstand mit Moskau. Der Livländische Orden, der eine ernste Niederlage erlitten hatte, schloss gleichfalls Frieden und verpflichtete sich, dem Moskauer Großfürsten einen Jährlichen Tribut für das Jurjewer (Dorpater) Gebiet, das ehemals den Russen gehört hatte, zu leisten. Der erstarkte Russische Staat nahm nach der Befreiung vom tatarischen Joch eine angegeshene Stellung unter den übrigen europäischen Staaten ein. Zwischen Moskau und den Staaten Westeuropas entwickelten sich lebhafte Handelsbeziehungen. Im Jahre 1453 eroberte der damals mächtige türkische Sultan die Hauptstadt des byzantinischen Reiches, Konstantinopel. Ganz Europa erwartete mit Zittern den Einfall der Türken in die westeuropäischen Staaten. Die Vertreter verschiedener Länder suchten „Moskowien“ auf, um mit ihm ein Kriegsbündnis gegen die Türken abzuschließen. Auch der Papst fing an, die Hilfe des mächtigen russischen Staates zu suchen. Er erbot sich, eine Ehe Iwans III. mit der Nichte des letzten griechischen Kaisers, Sophie Palèolog, anzubahnen. Nachdem sich Iwan III. mit dem byzantinischen Kaiserhaus verschwägert hatte, begann er sich als Nachfolger der griechischen Kaiser zu betrachten. Er ersetzte sogar das Moskauer Wappen, das einen Reiter darstellte, durch das byzantinische mit dem Abbild des zweiköpfigen Adlers. Jedoch duldete Iwan III. keinerlei Einmischung der Ausländer in die Angelegenheiten des Russischen Staates.
Unter Iwan III. festigte sich die innere und äußere Stellung des Moskauer Großfürstentums sehr. Früher war es eins der vielen Fürstentümer des nördlichen Rusj gewesen; jetzt hatten sich um Moskau sämtliche russischen Fürstentümer vereinigt, und der Moskauer Großfürst wurde der Herrscher des gesamten russischen Landes.
Alle hohen Ämter im Staate hatten die adligen und vornehmen Fürsten und Bojaren inne. Bei Verteilung der Stellen in der staatlichen Verwaltung wurde peinlich auf den Grad des Adels gesehen. Eine solche Ordnung wurde „Amtsbesetzung nach Geburtsrecht“ genannt.
In den einverleibten Gebieten ernannte der Großfürst seine Statthalter. Nach altem Brauch „ernährten“ sich die Statthalter auf Kosten der Bevölkerung. Im Unterschied zu früheren Zeiten setzte Iwan III. eine genaue Norm des Unterhalts in natura oder in Geld fest. Sämtliche Staatsangelegenheiten wurden von besonderen Behörden (den Prikasy) verwaltet. IM Jahre 1497 gab Iwan III. den „Sudebnik“, eine Gesetzessammlung heraus, welche die einheitliche Regelung der Verwaltung und Gerichtsbarkeit im Staate festlegte. Gemäß diesem „Sudebnik“ nahm die leibeigene Anhängigkeit des Bauern zu. Jetzt durfte er erst nach Beendigung sämtlicher Arbeiten vom Grundbesitzer weggehen. Der Weggang war gestattet eine Woche vor und eine Woche nach dem Jurjewtag (26. November). Wenn der Bauer diese Frist versäumte, war er verpflichtet, bis zum folgenden Jurjewtag bei dem Grundbesitzer zu bleiben. Vor seinem Weggang musste der Bauer alle seine Schulden bei dem Grundbesitzer begleichen. Dies war jedoch fast unmöglich. Die Bauernschaft wurde mehr und mehr versklavt.
Die herrschende Klasse im Russischen Staate am Ende des 15. Jahrhunderts waren wie vorher die Grundbesitzer, die Bojaren. Unter Iwan III. erstarkte jedoch eine neue Gruppe von Grundeigentümern: der Dienstadel. Das Wort „Dworjanin“ (Adliger) ist schon Ende des 12. Jahrhunderts bekannt, anfangs bezeichnete es einen Diener des Fürstenhofes. Alle freien Leute, die den fürstlichen „Hof“ („Dwor“) bildeten, erhielten für die im fürstlichen Her oder Haushalt geleisteten Dienste Land.
Iwan III. zog eine große Anzahl mittlerer und kleinerer Grundeigentümer zur Leistung von Kriegsdiensten heran und gab ihnen für ihre Dienste Land, aber nicht volles Eigentum, sondern in „Lehen“. Der Besitzer des Lehnslandes hatte weder das Recht, das Land zu verkaufen, noch es in andere Hände zu geben. Er hatte nur die Nutznießung aus diesem Land während der Zeit der Dienstleistung. So waren also die Grundbesitzer, soweit sie „Wotschinniki“ (Bojaren) waren, d.h. Stammgüter besaßen, uneingeschränkte Eigentümer ihres Landes, während die Grundbesitzer, soweit sie „Pomeschtschiki“ (Lehns- oder Hofleute) waren, nur die Nutznießung ihres Lehnslandes hatten. Die „Pomeschtschiki“ (Gutsbesitzer) zogen den Pachtzins der von den Bauern ein, nutzten die Arbeitskräfte der Bauern für ihre Wirtschaft aus, waren von Abgaben befreit, solange sie dem Großfürsten dienten. Daher war der an der Festigung der großfürstlichen Macht interessierte Dienstadel eine feste Stütze Iwans III. in seinem Kampf mit den Überbleibseln der feudalen Zersplitterung. Die aufkommende Selbstherrschaft entstand als die Macht der höfischen Grundbesitzer (der Pomeschtschiki).
Moskau, das die Hauptstadt des Russischen Staates geworden war, wurde sein wirtschaftliches, religiöses und kulturelles Zentrum.
Auf Einladung Iwans III. kamen nicht nur ausländische Kaufleute und Diplomaten nach Moskau, sondern auch Architekten, Maler Ärzte, Besonders eng war der russische Staat mit dem zu jener Zeit kultiviertesten der westeuropäischen Länder – mit Italien – verbunden. Von dort her kamen geschickte Baumeister, die in Moskau große steinerne Kathedralen und den neuen großfürstlichen Palast bauten.
Die russischen Meister, die sich schnell die fremdländischen „Kunstgriffe“ aneigneten, entwickelten eine russische Kunst. Die Selbstständigkeit der russischen Kunst zeigte sich besonders beim Umbau des Kremls und der Ausschmückung Moskaus, der Hauptstadt des Staates.
Mit großem Geschmack erbaute Iwan III. seine Hauptstadt und verschönerte sie. Vor Iwan III. war Moskau fast ausschließlich mit Gebäuden aus Holz bebaut gewesen. Jetzt wurden unter Leitung des berühmten italienischen Architekten Fioravanti viele architektonisch bemerkenswerte steinerne Gebäude errichtet. Fioravanti war ein vielseitig gebildeter Baumeister und Ingenieur. Unter seiner Leitung wurde der Bau der neuen Uspenskij-Kathedrale und der ersten Geschützgießerei in Rusj begonnen. Am Ufer des Flüsschens Ngelinnaja, dort, wo jetzt (Stand 1947 P.R.) die Puschetschnaja Uliza (Kanonenstraße)hindurchführt, begann binnen kurzem der Puschetschnyj-Dwor (der Kanonenhof) zu arbeiten, in der Nähe breitete sich eine Vorstadt aus, die von den Fabrikschmieden bewohnt wurde, von denen die Straßenbezeichnung „Kusnezkij Most“ (Schmiedebrücke) herrührt. Auch Pulver für Kanonen begann man in Moskau herzustellen. Als zwei russischen Bergleute im Norden, in der Nähe der Petschora. Silber- und Kupfererz entdeckten, begann man, aus diesem Erz Metalle zu schmelzen und neues Geld zu prägen. Für die Unterbringung der staatlichen Münze wurde ein besonderes steinernes Gebäude errichtet.
Rings um den Kreml erhoben sich neue steinerne Mauern. Diese Kremlmauern haben sich bis in unsere Zeit erhalten. Nur die schönen Spitzen der Türme, auf denen unter der Sowjetmacht die rubinroten Sterne erglänzten, wurden im 17. Jahrhundert aufgesetzt. Unter den Bauten des Kremls hob sich durch seine Pracht der neue fürstliche Palast hervor. Hier im geräumigen gewölbten Saale – in der „Granowitaja Palata“ – wurden in feierlicher Aufmachung die ausländischen Gesandten empfangen.
Die ausländischen Reisenden, die in Moskau gewesen waren, erzählten mit Erstaunen von den gewaltigen Bauarbeiten in der russischen Hauptstadt, von dem Reichtum und der Macht des Moskauer Herrschers.
Indem Marx das Fazit der politischen Erfolge Iwans III. zog, schrieb er, dass Iwan III. am Anfang seiner Regierung (1462 bis 1505) noch ein tatarischer Tributpflichtiger war; seine Macht wurde von den Teilfürsten angefochten, Nowgorod, das an der Spitze der russischen Republiken stand, herrschte im Norden Russlands; der polnisch-litauische Staat trachtete danach, Moskowien zu erobern, schließlich hatten auch die livländischen Ritter die Waffen noch nicht gestreckt. Am Ende seiner Regierung sehen wir Iwan III. auf einem völlig unabhängigen Thron sitzen, Hand in Hand mit der Tochter des letzten byzantinischen Kaisers; wir sehen Kasan zu seinen Füßen liegen, wir sehen, wie sich die Reste der Goldenen Horde an seinen Hof drängen, Nowgorod und die anderen russischen Republiken sind gefügig, Litauens Gebiet ist verkleinert und sein König ein gefügiges Werkzeug in Iwans Händen, die livländischen Ritter sind geschlagen. Das erstaunte Europa, das zu Beginn der Regierung Iwans III. kaum das Vorhandensein des zwischen Litauen und den Tataren zusammengepressten Moskowiens vermutet hatte, war verblüfft durch das plötzliche Auftauchen des gewaltigen Reiches an seinen Ostgrenzen.
Unter Iwan III., und dann unter seinem Sohn Wassilij III., wurde im Wesentlichen die historische Aufgabe der Vernichtung der feudalen Zersplitterung und der Vereinigung der russischen Gebiete in einen einheitlichen Staat gelöst. Den weiteren Kampf um die Festigung und die Vergrößerung des Russischen Staates führte der Enkel Iwans III. : Iwan Grosnyj.
2. Iwan IV. – der Staatsmann und Feldherr
Der Russische Staat wurde unter schwierigen und komplizierten Bedingungen geschaffen. Das mongolo-tatarische Joch war gefallen, aber seine Folgen zeigten sich auch weiterhin. Der mongolo-tatarische Einfall hatte länger als zwie Jahrhunderte die russischen Gebiete von Europa abgesondert. In Europa waren unterdessen im letzten Jahrhundert große und wichtige Veränderungen vor sich gegangen. Das Wachstum des Handels und der Städte hatte fortgedauert. Das Handwerk hatte sich kräftig weiterentwickelt. Besonders erfolgreich war die Entwicklung der italienischen Städte verlaufen. In Westeuropa und besonders in Italien des 14. Bis 16. Jahrhunderts hatte die bürgerliche Kultur sich zu entwickeln begonnen, die die Losung der Wiedergeburt (Renaissance) der antiken (altgriechischen und altrömischen) Wissenschaften und Künste ausgerufen hatte. Daher wurde diese ganze Epoche das Zeitalter der Renaissance genannt. Sie bereicherte die Welt mit den Werken der größten Schriftsteller: Dante, Boccaccio, Petrarca; mit den genialen Schöpfungen der Weltklassiker der Bildhauerei und Malerei: Leonardo da Vinci, Raffael, Michelangelo Buonarotti und anderer.
In der Mitte des 15. Jahrhunderts war die Buchdruckerkunst erfunden worden. Bis zu dieser Zeit wurden die Bücher mit der Hand geschrieben. Die Buchdruckerkunst spielte eine gewaltige Rolle in der Entwicklung der Kultur in der ganzen Welt.
In ganz Europa war das Ende der feudalen Zersplitterung angebrochen. Die königliche Gewalt vernichtete die kleinen Feudalstaaten und festigte sich schnell. In Frankreich, Österreich, Schweden und anderen Staaten begann eine starke, alleinige Macht der Monarchen oder Selbstherrscher sich zu entwickeln. Die durch nichts begrenzte Macht eines Monarchen begann man absolute Monarchie oder Absolutismus zu nennen. So entstanden im 15. Und 16. Jahrhundert in den fortgeschrittenen Ländern Europas die zentralisierten feudalen Monarchien. Nur Italien und Deutschland hatten noch keine für das gesamte Land einheitliche königliche Macht. Deutschland war in Hunderte kleiner Feudalbesitzungen zersplittert.
So war die Lage in Westeuropa, als die Einigung des Russischen Staates um Moskau vor sich ging. Seine internationale Lage blieb, ungeachtet der großen Erfolge in der Außenpolitik, beunruhigend und gefährlich. Die mongolo-tatarische Herrschaft war abgeschüttelt, jedoch die auf den Trümmern der Goldenen Horde entstandenen Khanate: das Kasaner, das Nogaische und das Krimer Khanat fuhren fort, mit ihren Einfällen die östlichen und südlichen Grenzen des Russischen Staates zu bedrohen. An der Westgrenze blieb der Polnisch-litauische Staat, der die von Bjelorussen und Ukrainern bewohnten Gebiete erobert hatte, dem jung Russischen Staate feindlich gesinnt. An der nordwestlichen Grenze fasste Schweden Fuß, das seine Ansprüche auf Nowgorod nicht aufgab.
Im Baltikum setzte gegen den Russischen Staat sein Erzfeind-der deutsche Livländische Ritterorden- seine feindliche Politik fort. Geschwächt und ohne Möglichkeit, einen neuen kriegerischen Angriff auf das russische Gebiet zu unternehmen, trachtete er danach, den Russischen Staat der Blockade auszusetzen, indem er ihm den Zugang zur Ostsee versperrte und ihn vom Verkehr mit Westeuropa isolierte.
Große Schwierigkeiten hatte der junge Russische Staat auch im Inneren des Landes. Wenn auch die Teilfürstentümer in einem Staat zusammengefasst waren, lebte doch jedes von ihnen ein abgesondertes Leben. Die ehemaligen Teilfürsten wurden Diener des Moskauer Herrschers, aber in ihren Stammsitzen hielten sie sich wie früher für uneingeschränkte Herrscher: unterhielten ein eigenes Heer, verliehen Land, hielten Gericht und übten Gewalt aus. Im wirtschaftlichen und politischen Leben hielten sie die alten Ordnungen des Zeitalters der feudalen Zersplitterung aufrecht. Das alles hemmte den Aufbau eines einheitlichen Russischen Staates.
Im Jahre 1533 starb der Sohn Iwans III., der Großfürst Wassilij III. Sein kleiner Sohn Iwan, der Thronfolger, war erst drei Jahre alt. Seine Mutter, Jelena Glinskaja, wurde Regentin des Staates. Im April 1538, als Iwan IV. noch nicht acht Jahre alt war, starb seine Mutter plötzlich. Man sagte, dass die Bojarenfamilie Schujskij sie vergiftet hätte. Unter den Bojaren begann ein erbitterter Kampf um die Macht. Man veruntreute Staatsgelder, plünderte die Bevölkerung aus.
Die Bojaren, die an der Macht waren, scheuten sich auch vor dem minderjährigen Großfürsten nicht. Er wuchs ohne besondere Aufsicht heran. Der Knabe war Zeuge blutiger Gewalttaten und grausamer Abrechnungen mit Gegnern unter den sich bekämpfenden bojarischen Gruppen.
Im Jahre 1547, als Iwan IV. sechzehn Jahre alt geworden war, nahm er feierlich den Zarentitel an. Der Beginn seiner Regierung war jedoch traurig In Moskau brachen Brände aus. Sogar die Zarenfamilie musste den brennenden Kreml verlassen und nach den Worobjowybergen (Sperlingsbergen) bei Moskau übersiedeln. Das Volk bezichtigte sie Bojaren der Brandstiftung. Die wuterfüllten Moskauer Einwohner drangen in die Paläste des Kremls ein und erschlugen viele Bojaren. An verschiedenen Orten des Landes lehnte sich das Volk gegen die Willkür der großen Bojaren und Statthalter auf. Der junge Zar war tief erschüttert von den Ereignissen des Jahres 1547.
Iwan VI. begann zu begreifen, dass es notwendig war, ernsthafte Änderungen in der Verwaltung vorzunehmen. Er umgab sich mit neuen Ratgebern: dem nicht adligen, aber klugen Alexej Adaschew, dem einflussreichen Hofgeistlichen Silvester und anderen. Diese regierende Gruppe erhielt die Bezeichnung: „Ausgewählter Rat“, d. h. Rat der ausgewählten Leute. Ihm gehörten Vertreter des Bojarenadels an, der die Notwendigkeit eingesehen hatte, dem Hofadel Zugeständnisse zu machen. Der „Ausgewählte Rat“ entwarf ein großes Programm für Reformen auf dem Gebiet der Staatsverwaltung, der Gerichtsbarkeit, der Finanzen, des Heeres. Das Programm wurde unter dem Druck der Lehnsleute- der kleinen adligen Gutsbesitzer- aufgestellt. Ihre Forderungen waren in sogenannten „Bittschriften“ des talentvollen adligen Schriftstellers Iwan Pereswjetow formuliert. Als Ankläger gegen die Bojaren, die „reich und faul werden“, auftretend, riet Pereswjetow dem Zaren, die gesamte Macht in seiner Hand zu vereinigen. Er schlug dem Zaren vor, die Amtsbesetzung nach Herkunft (Geburtsrecht) und Unterhaltsgewährung (der Bevölkerung an die Beamten) abzuschaffen, sämtliche Einkünfte an die Zarenkasse abzuführen, ein neues, ständiges Heer zu schaffen.
Im Jahre 1551 berief der Zar eine Ständeversammlung ein, an der außer der Geistlichkeit die „Fürsten, Bojaren und Krieger“ teilnahmen. In ihr wurden die Rechte der Kirche in Bezug auf Grund und Boden festgelegt. Die Versammlung bestätigte das neue Rechtsbuch (den „Sudebnik“), der das Gerichtswesen regelte. Im Jahre 1555 wurde die Unterhaltsgewährung („Kormlenije“) abgeschafft. Die Bevölkerung, die früher den verschiedenen Vertretern der Staatsgewalt „Kormy“ (d.i. Unterhalt) gewährt hatte, zahlte jetzt einen Sonderzins an die Zarenkasse, aus der den ehemaligen „Kormlenschtschiki“ (unterhaltsberechtigten Beamten) ein Gehalt bezahlt wurde. Im folgenden Jahre wurde die Zuteilung von Land an Adlige für Heeresdienste gesetzlich geregelt.Zu Beginn der 50er Jahre erfolgte die Durchführung der Heeresreformen Iwans IV. Für die Lehnsleute war der Kriegsdienst vom 15. Lebensjahr an bis ans Lebensende obligatorisch. Es wurden Abteilungen „für Feuerwaffendienst“, das sogenannte „Strelzy-Heer“ („Strelitzen-Heer“), aufgestellt. Die Strelzy waren mit Musketen, glattläufigen, langen und schweren Gewehren, bewaffnet. Die Regimenter der Strelzy hatten auch Kanonen. Das Strelzy-Heer bestand aus Fußvolk, nur das für den persönlichen Schutz des Zaren geschaffene Moskauer „Steigbügel“-Regiment war beritten.
Das Strelzy-Heer setzte sich aus Bauern und Bewohnern der kleinen Orte zusammen, „die gut, jung und kühn“ waren. Alle Strelzy erhielten Geldlöhnung. Sie waren in lange Kaftans von verschiedener Farbe gekleidet – jedes Regiment hatte seine besondere Farbe. In Moskau und in anderen großen Städten waren die Strelzy in besonderen Vorstädten untergebracht. Die Schaffung des Strelzy-Heeres legte den Grund zu einem ständigen Heer in Russland. Das hatte große Bedeutung für die Festigung der Verteidigungsfähigkeit und für die Sicherheit des Russischen Staates.
Im Osten wurde diese Sicherheit bedroht von dem Kasaner und Astrachaner Khanat, den Überresten der Goldenen Horde. Sie verriegelten den Moskauer Kaufleuten den bequemen Weg auf der Wolga in das Kaspische Meer und nach Mittelasien, sie versperrten den Weg nach dem Ural und nach dem an Pelzwerk so reichen Sibirien. Die tatarischen Scharen überfielen die russischen Grenzlande und trieben Tausende als Gefangene weg, die sie dann in die Sklaverei verkauften. Das Kasaner und das Astrachaner Khanat standen unter dem Schutz des mächtigen türkischen Sultans. Der Kampf mit diesen gefährlichen Nachbarn begann schon unter Iwan III. und Wassilij III., endete jedoch erst unter Iwan IV. Im Jahre 1552 führte ein großes, 150 000 Mann starkes Heer nach Kasan und begann eine langwierige Belagerung dieser Stadt. Tag und. Nacht wurde Kasan aus 150 Kanonen beschossen. Dann befahl der Zar, unter die Stadtmauer Sappen vorzutreiben, dorthin Fässer mit Pulver zu legen und sie zur Explosion zu bringen. Dies war ein neues Verfahren der Kriegsführung.
Das Kasaner Khanat wurde erobert und im Jahre 1552 dem Russischen Staat einverleibt. Astrachan ergab sich im Jahre 1556, ohne Widerstand zu leisten.
Die Einverleibung des Kasaner und des Astrachaner Khanats vollendete nahezu den erfolgreichen Kampf des russischen Volkes gegen die Goldene Horde und sicherte die Ostgrenzen des Russischen Staates. Der Adel konnte jetzt neue Ländereien und eine genügende Anzahl von Leibeigenen erhalten. Die Moskauer Kaufleute gewannen bequeme Verkehrswege auf der Wolga und der Kama. Vor ihnen öffnete sich ein weites Feld für den russischen Handel mit den reichen Ländern Mittelasiens, Sibiriens, Persiens, Indiens.
Die früher von den Tataren unterjochten Völker des Wolgagebietes wurden jetzt Untertanen des Russischen Staates. Indem der Russische Staat viele nichtrussische Nationalitäten in seinen Bestand einverleibte, verwandelte er sich in einen Nationalitätenstaat.
Iwan IV. stellte sich die Aufgabe, Rusj in einen kraftvollen europäischen Staat umzuwandeln. Die wirtschaftlichen und militärischen Interessen verlangten eine Verstärkung der Beziehungen des Russischen Staates mit dem Westen. Für den Fortbestand eines starken und unabhängigen Russischen Staates war ein Zugang zum Meer notwendig. Russland besaß aber nur eine Küste des Weißen Meeres im hohen Norden. Für den Handel mit Ausländern war hier die Stadt Archangelsk bekannt geworden.
Der Umfang des Außenhandels von Rusj über das Weiße Meer und das Eismeer, die einen beträchtlichen Teil des Jahres durch das Eis abgeriegelt waren, entsprach nicht seinen wachsenden Bedürfnissen. Das baltische Küstenland, das Rusj bis zum 13. Jahrhundert ungehindert hatte für sich nutzen zu können, von dem Livländischen Orden zurückzuerobern, war eine unaufschiebbare und lebensnotwendige Aufgabe für den Russischen Staat.
Im Januar 1558 überschritten die russischen Truppen die livländische Grenze. Sofort zeigte sich ihre militärische Überlegenheit. Die mit Feuerwaffen ausgerüstete russische Armee nahm mühelos die mittelalterlichen Städte und Burgen ein. Livlands Städter und Bauern, von den Räubereien und Plünderungen der deutschen Ritter gequält, unterstützten die russischen Truppen. In Furcht vor den russischen Waffen begannen die deutschen Ritter offen Livland auszuverkaufen. Es wurde aufgeteilt zwischen Polen, Litauen, Schweden und Dänemark.
Jetzt hatte Iwan IV. mit mehreren starken Staaten zu kämpfen. Der Livländische Krieg zog sich hin und wirkte sich folgenschwer auf die innere Lage des Russischen Staates aus. Gegen ihn unternahmen die Türkei und das Krimer Khanat Kriegshandlungen, in der Absicht, Russland das Wolgagebiet wegzunehmen.
Im Jahre 1571 machte der Krimer Khan Dewlet-Girej einen Streifzug nach Moskau, brannte die Stadt nieder und entführte eine Menge Einwohner in die Gefangenschaft. Zur gleichen Zeit verstärkten Litauen und Polen, die sich im Jahre 1569 zu einem gemeinsamen polnisch-litauischen Staat -zur Rzecz Pospolita- vereinigt hatten, den Kampf gegen Moskau. Der neu polnische König Stephan Báthori stellte ein Söldnerheer aus Deutschen, Ungarn und Polen auf und erneuerte den Krieg mit dem Russischen Staat. Das durch den länger als 20 Jahre währenden Livländischen Krieg erschöpfte Russland musste nun gleichzeitig mit zwei neuen und starken Gegnern, Polen und Schweden, Krieg führen. Trotzdem leisteten die russischen Truppen den zahlreichen Feinden hartnäckigen Widerstand. Besonders heldenmütig war die Verteidigung von Pskow im Herbst 1581. Vor den Mauern von Pskow erlag der beste Teil der Armee des Stephan Báthori, und er schloss einen Waffenstillstand. Als Ergebnis der Verhandlungen war Iwan IV. gezwungen, auf alle Eroberungen in Livland zu verzichten. Die russischen Städte Jam, Koporje und Iwangorod wurden an Schweden abgetreten. Ungeachtet dieser Zugeständnisse hatte der Livländische Krieg gewaltige Bedeutung als erster Versuch Russlands, sich einen Zugang zum Meer zu erobern.
Der Fehlschlag des Krieges um das baltische Küstenland war in nicht geringem grade durch die Verrätereien der Bojaren verursacht worden. Die Verräter, die hohe Posten in der staatlichen Verwaltung und in der Armee bekleideten, flüchten in Gruppen oder einzeln nach Litauen und verrieten den Feinden staatliche und militärische Geheimnisse. Als Verräter erwies sich auch ein Freund des Zaren- der Fürst Andrej Kurbskij, der die russischen Truppen in Livland befehligte. Die bojarischen Großgrundbesitzer verteilten ihre Ländereien, um sie vor der Belegung mit Abgaben zu bewahren, an die Klöster, die große Vorrechte genossen. In Kriegszeiten, als große finanzielle Aufwendungen erforderlich waren, untergruben diese Machenschaften des Feudaladels die militärische Kraft des Staates. Die Nachlässigkeit der adligen Heerführer und ihr Eigensinn hintertrieben mehr als einmal die vom Zaren gut ausgedachten Kriegspläne und führten zu Niederlagen. Der Zar, der den Bojaren nicht traute, fühlte sich selbst in seiner Hauptstadt nicht sicher. Er entschloss sich daher, seinen Aufenthalt zeitweilig außerhalb Moskaus zu verlegen und sich mit treuen Leuten – mit Gleichgesinnten und zuverlässigen Beschützern- zu umgeben.
Am Sonntag, dem 3. Dezember 1564, verließ der Zar mit seiner Familie unerwartet Moskau. Er führte mit sich die Staatskasse, die Kanzlisten und eine Abteilung eigens ausgewählter adliger Hofleute mit der gesamten militärischen Ausrüstung. Es war dies ein ganzes Heer, auf dessen Stärke gestützt, Iwan IV. sich entschloss, den Bojaren einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Der Zar ließ sich in der Alexandrowskaja Sloboda, einer starken, von Mauern umgebenden Festung unweit von Moskau, nieder. Hier fühlte er sich in Sicherheit.
Aus der Sloboda sandte der Zar dem Moskauer Metropoliten ein Schreiben, in welchem er den Bojaren, der hohen Geistlichkeit und den Beamten an sämtlichen Missständen im Staat die Schuld gab. Dem Schreiben war eine Liste über die Verrätereien der Bojaren beigefügt. In einem anderen Schreiben, das an die Vorstadtbevölkerung gerichtet war, betonte Zar Iwan IV., dass er gegen das Volk „keinerlei ungnädige Gesinnung hege.“
Die Abreise des Zaren rief im Staate „große Bestürzung“ hervor. Die Kaufleute und Vorstadteinwohner bekundeten dem Zaren ihre Ergebenheit und Bereitwilligkeit, mit den verräterischen Bojaren abzurechnen. Die Beamten liefen vor Furcht auseinander. Die erschrockenen Bojaren und die Geistlichkeit verloren ihren Kopf. Auf Verlangen des Volkes wurden aus den Reihen der im Staate angesehensten Leute Vertreter von Moskau nach Alexandrowskaja Sloboda geschickt, um den Zaren zu bitten, zurückzukehren. Der Zar empfing gnädig die Deputation, verlangte jedoch, „dass alle, die ihn verraten haben und ihm in irgendeiner Weise ungehorsam gewesen sind, geächtet werden, dass einige hingerichtet werden und ihr Hab und Gut eingezogen wird, dass er sich im Staate eine Leibwache schaffen und sich einen Hof und eine besondere Haushaltung einrichten kann“. Sämtliche Bedingungen des Zaren wurden angenommen, und der Zar kehrte nach Moskau zurück.
Das ganze Land teilte Iwan IV: in zwei Teile: den einen nannte er „Opritschnina“ nach dem Wort „opritsch“ (abgesondertes), und den anderen „Semschtschina“. In der Semptschina verblieb die Leitung in den Händen der Bojaren-Duma, die Opritschinina stellte das persönliche Eigentum des Zaren dar. In den Bestand er Opritschnina waren die besten, im Zentrum des Staates gelegenen Gebiete einbezogen. Von dem Territorium der Opritschnina wurden sämtliche Fürsten und Bojaren entfernt, ihre Stammgüter „für den Herrscher“ weggenommen. Dafür gab man den Großgrundbesitzern Ländereien in entfernten Gebieten und auch nicht im gleichen Umfang wie ihre Stammgüter. Die ehemaligen Stammgüter der Bojaren wurden unter dem Kleinadel aufgeteilt. Aus den kleinen und mittleren Gutsbesitzern schuf Iwan IV. eine besondere Truppe von tausend Männern, die dem Zaren einen Eid geschworen hatten, ihm treu und aufrichtig zu dienen. Man nannte sie „Opritschniki“. Die Opritschniki trugen eine besondere Kleidung, mit Gold und Silber bestickt. An den Sätteln hatten sie einen Hundekopf und einen Besen hängen, zum Zeichen dessen, dass sie wie treue Hunde die Feinde des Herrschers zerfleischen und den Verrat auf russischer Erde wegfegen würden.
Die Opritschnina, die den Ruin der Großgrundbesitzer herbeiführte, schwächte den Feudaladel wirtschaftlich und politisch. Als Stütze der Selbstherrschaft trat die neue zahlreiche Schicht der kleinen Grundbesitzer -der Gutsbesitzer- auf den Plan.
Mit seinen politischen Gegnern -den Bojaren- verfuhr Iwan IV. sehr grausam. Er ist daher in die Geschichte unter dem Namen „Grosnyj“ (der „Schreckliche“) eingegangen. Aber Grausamkeit war nicht eine ausschließliche Besonderheit Iwans IV. Man muss beachten, dass er in einem sehr rauen Zeitalter der Umwälzungen lebte. Der Übergang von der feudalen Zersplitterung zur absoluten Monarchie war auch in Frankreich unter Ludwig XI., wie auch in England unter den Tudors und in Schweden unter Erik XIV. von Hinrichtungen und grausamen Abrechnungen mit den Verteidigern der früheren Zustände begleitet. Aber dieser Übergang war notwendig und nützlich für die gesamte weitere Entwicklung dieser Staaten. Die Opritschnina, die zur Bekämpfung jener diente, die den Übergang des Russischen Staates zu fortgeschritteneren Lebensformen hemmten, besaß daher eine große Bedeutung für den Fortschritt.
IWAN GROSNYj 1530 bis 1584 (Nach einem Gemälde von W. Wasnezow)
Bildquelle: „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947
Während im Westen die russischen Truppen kämpfend zum Meer vordrangen, stießen im Osten unternehmungslustige russische Menschen jenseits des Urals ins Innere Sibiriens vor. Die Kaufleute, die sich hier mit dem Pelzhandel beschäftigten, wurden schnell reich. Unter diesen reich gewordenen Kaufleuten wurden besonders die Kaufleute Stroganow bekannt. Sie erwarben längs des Urals viele Ländereien und errichteten hier große Salzsiedereien. Zum Schutz ihrer Besitzungen legten die Stroganows einige kleine Festungen an, schafften sich Artillerie an und dingten Abteilungen von Lehnsleuten, vor allem Donkosaken. Kosaken nannte man zu jener Zeit die freien Männer, die in den Donsteppen zwischen dem Russischen Staat und der Krimer Horde ansässig waren.
Am Ende des 16. Jahrhunderts hatte die Zahl der Kosaken am Don stark zugenommen. Die kühnsten und entschlossensten zogen zur Wolga und zum Ural. Unter ihnen war auch die Abteilung des Donkosakenatamans Jermak Timofejwitsch, die in die Dienste der Stroganows getreten war. Im Jahre 1581 gab man Jermak Waffen, Schiffe und Geld und schickte ihn nach Sibirien, wo zu jener Zeit der Tatarenkhan Kutschum regierte, der es abgelehnt hatte, Moskau untertan zu werden. Den mit Feuerwaffen ausgerüstenten Kosaken war es ein leichtes, das Sibirische Khnat zu erobern. Kutschum verließ seine Hauptstadt Isker, ohne sie zu verteidigen, und begab sich zusammen mit seinen Horden in die Steppe. Die Kosaken richteten sich auf eine Überwinterung ein. Jermak schickte nach Moskau Gesandte mit Nachrichten über die Eroberung Sibiriens und mit der Bitte um Unterstützung. Jedoch Iwan IV., vom Livländischen Krieg in Anspruch genommen, konnte keine rechtzeitige Unterstützung schicken. In einer Gewitternacht, in der die Kosaken keinen Überfall auf ihr Lager erwartet hatten, fiel Kutschum über die Schläfer her und erschlug viele von ihnen. Jermak, von Tataren umringt, versuchte, vom Ufer in ein Boot zu springen, trat jedoch fehl und ertrank im Irtysch.
Nach Jermaks Tod verließen die Kosaken Sibirien. Der Zar, der die Überzeugung gewonnen hatte, dass es nicht schwer sein würde, mit dem Sibirischen Khanat fertig zu werden, schickte ein Heer nach Sibirien. Die Heerführer des Zaren errichteten am Tobolfluss die Festung Tobolsk. Kuschtums Heer wurde zerschlagen, der Khan selbst aber floh in die Steppe und verschwand spurlos. Die Völker Westsibiriens erklärten sich als Untertanen des russischen Zaren.
3. Die russische Kultur im Zeitalter der Bildung des Russischen Staates
Die Herstellung der politischen Einheit des russischen (großrussischen) Volkes und die Formung der allgemein-russischen Sprache förderten die Schaffung einer allgemeinrussischen Kultur. Im Zeitalter der feudalen Zersplitterung hatte jedes Gebiet seine kulturellen Besonderheiten und Unterschiede, seine Mundart gehabt. Mit der Vereinigung der russischen Länder aber glichen sie ihre Besonderheiten aus. Es bildete sich eine einheitliche russische Nationalkultur. Ihr Mittelpunkt war Moskau, ihre Organisatoren die fortschrittlichen russischen Menschen, die für die Schaffung eines Russischen zentralisierten Staates kämpften.
Im Jahre 1564 erschien das erste gedruckte Buch. Es war das kirchliche Buch „Der Apostel“. Man hatte es in schöner, kirchenslawischer Schrift, in „poluustaw“ (eine Schriftart) gedruckt. Es war mit Vignetten verziert und mit kleinen Bildern geschmückt. Man hatte französisches Papier verwendet, denn in Russland begann am erst im17. Jahrhundert Papier herzustellen.
Die Organisatoren der ersten russischen Druckerei waren der Moskauer Drucker Iwan Fjódorow und er Bjelorusse Pjotr Mstislawez (aus der Stadt Mstislawl). Die ersten Drucker waren Meister ihres Faches, aber es gelang ihnen nicht, sich weiterzuentwickeln. Die reaktionäre Geistlichkeit sah im Buchdruck „eine große Ketzerei“ (. D.h. die Abweichung vom christlichen Glauben) und begann die Drucker zu verfolgen. Fjódorow und Mstislawez verließen mit bitteren Gefühlen Moskau und verlegten ihre Tätigkeit nach Litauen und die Westukraine. Hier, in Wilna und in Lwonw (Lemberg), wurden sie die Begründer der slawischen Buchdruckerkunst. In Moskau setzten die russischen Buchdruckermeister Nikifor Tarassijew und Andronik Newesha das Werk Iwan Fjódorows fort. Im Jahre 1568 gaben sie ein neues Buch heraus. Iwan Grosnyj nahm die Buchdruckerkunst unter seinen Schutz und richtete bald in der Alexandrowskaja Sloboda eine Druckerei ein.
Im 16. Jahrhundert traten in Rusj einige hervorragende Schriftsteller auf. Sie scharten sich um den Metropoliten Makarij, einen hochgebildeten Mann, unter dessen Leitung ein gewaltiges Werk verfasst wurde: die „Tschetji-Minei“ (Monatslektüre). Das Werk bestand aus 12 riesigen Bänden und wurde in mehr als 20 Jahren geschaffen. Der Lesestoff darin war für die einzelnen Monate vorgesehen. In diesen „Monatslektüren“ war die zu verschiedener Zeit geschrieben kirchliche Literatur vereinigt.
Ein anderes bedeutendes Werk des 16 Jahrhunderts war das „Buch des erhabenen zaristischen Stammbaumes“, das gleichfalls unter Teilnahme des Metropoliten Makarij verfasst worden ist. In ihm wurde die Geschichte Russlands an Hand der „Stammbäume“ der Fürsten und Metropoliten dargestellt. In diesem Buch wurde der Gedanke von der Erblichkeit der unumschränkten Gewalt der Moskauer Großfürsten verfolgt, seit der Zeit der „ersten Kiewer Fürsten“ bis auf den Zaren Iwan WassiljewitschGrosnyj, „den Herrscher und Selbstherrscher des gesamten Rusj und Überwinder vieler anderer Sprachen und Staaten“.
Zu den glänzenden Schriftstellern des 16. Jahrhunderts gehören Iwan Grosnyj und sein politischer Gegner Andrej Kurbskij. Der letztere flüchtete nach Litauen und schickte von dort aus dem Zaren ein Sendschreiben, in welchem er sich bemühte, seinen Verrat zu rechtfertigen. Indem Kurbskij die Interessen des Bojarentums verteidigt, wirft er Iwan vor, dass er durch die Selbstherrschaft „das russische Land abgesperrt“und die besten Leute„der Grausamkeit“und „der Plünderung“preisgegeben habe. Grosnyj verteidigte die Selbstherrschaft, weil er in ihr das einzige Mittel zur Rettung des russischen Landes erblickte. „Wer kann gegen die Feinde Krieg führen, wenn das Reich durch innere Fehden zerrissen wird?“ schreibt er an Kurbskij. Der Briefwechsel Iwans IV. mit Kurbskij ist ein leidenschaftlicher und scharfer Zusammenstoß von zwei verschiedenen Anschauungen über die Rolle und die Aufgaben des Russischen Staates zu jener Zeit.
Ein markantes Denkmal der Lebensweise und Sitten der russischen Gesellschaft im Zeitalter Iwan Grosnyjs ist der „Domostroj“. In ihm sind ausführliche Anweisungen enthalten, wie man leben, wie man sich in der Gesellschaft benehmen muss, wie man Kinder erziehen, wie man sich gegenüber der eigenen Frau verhalten soll. Unter den des Lesens und Schreibens kundigen Menschen des 16. Jahrhunderts war dies das verbeiteste Buch.
Zu dieser Zeit werden hervorragende Denkmäler der russischen nationalen Kunst geschaffen. Zu den Schöpfungen der russischen Baukunst gehört die sogenannte „Kuppelkirche“. Vorbild dieses Stils ist die Himmelfahrtskirche im Dorf Kolemenskoje bei Moskau (erbaut im Jahre 1532), die der französische Tondichter Berlioz für„das Wunder der Wunder“hielt.„Ich habe das Straßburger Münster gesehen“, schrieb er, „das in Jahrhunderten gebaut worden ist, ich stand neben dem Mailänder Dom, aber außer angeklebten Verzierungen sah ich nichts. Hier jedoch ging mir die Schönheit des Ganzen auf. In mir erbebte alles. Die war die geheimnisvolle Stille und Harmonie der Schönheit in vollendeten Formen. Ich sah eine neue Art der Baukunst. Ich sah das Streben in die Höhe, und ich stand lange erschüttert da.“
Als ebensolches Wunder der Wunder erscheint auch eine andere Kuppelkirche, die Wassilij-Blashennyj-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau. Diese Kathedrale wurde in den Jahren 1556 bis 1560 von russischen Baumeistern, den Meistern Postnik Jakowlew und Barma aus Pskow erbaut. Die Wassilij-Blashennyj-Kathedrale besteht aus acht Kuppeln, die rings um eine Zentralkuppel gruppiert sind. Ungeachtet der Ausmaße ruft die Kathedrale den Eindruck einer ungewöhnlichen Leichtigkeit und Eleganz hervor. Sie stellt ein Muster der russischen Kunst dar.
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 „Die Vergangenheit des Sowjetlandes“, aus dem Jahre 1947. Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa, bearbeitet von Petra Reichel
1. Die Zerschlagung der ausländischen Intervention zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Minin und Posharskij
Im Jahre 1584 starb Iwan IV. Zar wurde sein Sohn, der kränkliche Fjodor Iwanowitsch. Er übergab die Staatsleitung dem nicht zum vornehmen Adel gehörenden, aber energischen und klugen Bojaren Boris Fjodorowitsch Godunow, mit dessen Schwester er verheiratet war. Im Jahre 1598 starb Fjodor Iwanowitsch, und einige Jahre vorher, im Jahre 1591, war der letzte Sohn Grosnyjs, der kleine Zarewitsch Dimitrij, in Uglitsch umgekommen.
Dimitrij, der auf Geheiß von Boris Godunow erschlagen worden sei. Jedoch die Adligen und die Kaufleute unterstützten Boris und wählten ihn zum Zaren von Moskau.
Zar Boris, der das Werk Iwan Grosnyjs fortsetzte, strebte danach, die innere und äußere Lage des Russischen Staates zu stärken, die Verwirklichung dieser Politik stieß jedoch auf große Schwierigkeiten, die Rusj zu jener Zeit durchmachte.
Ende des 16. Jahrhunderts spitzten sich die Klassengegensätze im Russischen Staate außerordentlich zu. Die Gutsbesitzer, die ihren Landbesitz vergrößert hatten, steigerten die Ausbeutung der Bauern. Vom Jahre 1581 an, noch unter Iwan Grosnyj, wurde (anfangs nur als zeitweilige Maßnahme) der „Jurjewtag“ abgeschafft. Den Bauern wurde unter Androhung von Strafe verboten, ihre Herren zu verlassen. Damals entstand die bittere Redensart: „Da hat du, Großmütterchen, den Jurewtag“ („Da haben wir die Bescherung“).
Schon auf Befehl Iwan Grosnyjs begann die Anlegung der Grundbücher (Kataster); in diese Bücher wurden die Listen der Bauern eingetragen, die verpflichtet waren, Steuern zu zahlen. Im Jahre 1597 wurde ein Erlass herausgegeben, gemäß dem die Gutsbesitzer die flüchtigen Bauern aufspüren und an ihre frühere Stelle zurückholen konnten, selbst dann, wenn seit der Zeit der Flucht bereits fünf Jahre vergangen waren.
Sehr viele Bauern flohen von ihren Gutsbesitzern, lehnten sich gegen sie auf. Die Unzufriedenheit der Bauern steigerte sich besonders in Verbindung mit den Missernten in den Jahren 1601 bis 1603. Im ganzen Lande brach eine fürchterliche Hungersnot aus. Die Menschen aßen Hunde, Katzen und sogar Ratten, sie nährten sich von Baumrinden und Wurzeln, und Scharen von Hungrigen streiften im Lande umher. Viele Bojaren und Gutsbesitzer lehnten es ab, ihre Hofbauern zu ernähren, und diese liefen auseinander. Spontan bildeten sich Trupps, die die Bojaren, Adligen und Kaufleute ausplünderten. Ein Teil der Bauern floh an den Don und in die Ukraine, wo sich eine Schar freier Männer sammelte, die mit dieser Leibeigenschaft unzufrieden war.
Die Bojaren begannen das Gerücht zu verbreiten, dass der Zar Boris an allen Nöten des Volkes schuld sei, dass aber der wirkliche Zar, der auf wunderbare Weise gerettete Sohn Iwan Grosnyjs, der Zarewitsch Dimitrij, bald nach Rusj zurückkehren würde. Die Gerüchte wurden auch von den Königen Polens und Schwedens genährt, die sich mit den verräterischen Bojaren verständigt hatten und den falschen Dimitrij (Demetius), den sich für den Zarewitsch ausgebenden entlaufenen Mönch Grigorij Otropjew, einen Diener des polnischen Fürsten Adam Wischnewezkij, unterstützten. Einige Zeit verbarg sich der falsche Dimitrij im Schloss des Wojwoden von Sandomir, Jurij Mnischek, von hier aus wurde er zum polnischen König Sigismund III. geschickt. Im Frühling des Jahres 1604 wurde er vom König empfangen, der dem Betrüger heimliche Unterstützung versprach und anordnete, ein Heer aus Angehörigen der Schlachta (des polnischen Kleinadels) aufzustellen. Der falsche Dimitrij nahm den katholischen Glauben an und erklärte sich bereit, die russische Bevölkerung der römisch-katholischen Kirche zu unterwerfen. Dem König versprach er, Smolensk und das Land Tschernigow abzutreten und seiner künftigen Frau Marina und ihrem Vater Jurij Mnischek Nowgorod und Pskow.
Im Herbst 1604 überschritt der falsche Dimitrij mit einer polnischen Truppe von 4000 Mann den Dnjepr in der Nähe von Kiew. Zu jener Zeit fanden überall in der Ukraine Unruhen der Bauern und Kosaken statt, die mit den Bedrückungen der Gutsbesitzer unzufrieden waren. Viel der Aufständischen schlossen sich dem Heer des falschen Dimitrij an, verlockt von seinen betrügerischen Versprechen, so zu regieren, dass sich„die gesamte rechtgläubige Christenheit des Friedens, der Ruhe und des Wohllebens erfreue“.
Im April 1605 starb Boris Godunow plötzlich. Sein junger Sohn Fjodor wurde zum Zaren ausgerufen. Die Bojaren jedoch erschlugen Fjodor Borissowitsch und kamen überein, den polnischen Günstling als Zaren anzuerkennen. Im Juni desselben Jahres zog der falsche Dimitrij, der auf keinen Widerstand gestoßen war, mit seinen Truppen und den Polen in Moskau ein. Die polnischen Pans benahmen sich in der Hauptstadt des Russischen Staates wie Eroberer und erlaubten sich allerlei Ausschreitungen. Die empörten Moskauer erhoben sich am 17. Mai 1606 gegen die polnischen Schlachtschitzen. Der falsche Dimitrij, der sich vor dem Volk retten wollte, sprang zum Fenster hinaus. Er wurde jedoch ergriffen und auf der Stelle getötet. So endete der Versuch der polnischen Pans, den Russischen Staat zu erobern. Sobald die Aufständischen mit dem Pseudo-Dimitrij abgerechnet hatten, beeilten sich die Bojaren, den Volksaufstand zu beenden, indem sie das Volk mit verschiedenen Versprechungen betrogen. Zum Zaren riefen sie den vornehmen Bojaren Wassilij Iwanowitsch Schujskij aus. Unter Schujskij jedoch verbesserte sich die Lage des Volkes keineswegs. Nach wie vor bemächtigten sich die Bojaren der besten Ländereien, brachten die flüchtigen Bauern mit Gewalt zurück und verwandelten sie in Leibeigene.
Im Sommer des Jahres 1606 brach ein großer Bauernaufstand aus. An seiner Spitze stand Iwan Bolotnikow – ein Führer aus dem Volke. In seiner Jugend war er Leibeigener eines Bojaren gewesen, aber zu den Kosaken an den Don geflüchtet. In einem der Kriege mit den Tataren geriet Bolotnikow in Gefangenschaft und wurde in die Türkei verkauft. Es gelang ihm, aus der türkischen Gefangenschaft zu entfliehen. Bolotnikow weilte in verschiedenen europäischen Ländern und gelangte just in dem Augenblick an die russische Grenze, als in der nördlichen Ukraine ein Aufstand gegen Schujskij ausbrach. Bolotnikow, der sich an die Spitze der Bauernarmee stellte, rückte im Oktober 1606 gegen Moskau vor und begann die Belagerung der Stadt. Anfang Dezember griffen die Truppen des Zaren Bolotnikows Lager bei dem Dorf Kolomeskoje bei Moskau an. Als die Schlacht mitten im Gange war, gingen die Rjasaner Adligen, die sich ursprünglich Bolotnikow angeschlossen hatten, zu Schujskij über. Der Verrat der Adligen erleichterte den Zarentruppen den Sieg über das Bauernheer. Bolotnikow trat den Rückzug nach Kaluga, dann nach Tula an. Nach viermonatiger Belagerung wurde Tula von den Zarentruppen eingenommen. Bolotnikow wurde gefangengenommen und nach Kargopol gebracht. Hier stach man ihm die Augen aus und ertränkte ihn danach. Zar Schujskij befahl, anlässlich des Sieges der Bojaren über die aufständischen Bauern drei Tage lang die Glocken zu läuten. Der Bauernkrieg in Russland war eine spontane, unorganisierte Bewegung, die kein klares Programm und keinen Aktionsplan hatte, und endete mit einer Niederlage.
Der Aufstand Bolotnikows traf zeitlich mit dem Beginn der ausländischen Invasion in dem Russischen Staat zusammen. Die polnischen und schwedischen Feudalherren verbreiteten das Gerücht, dass Dimitrij am Leben geblieben sei und wieder nach Moskau kommen würde. Es trat nun der zweite falsche Dimitrij auf den Plan. Niemand wusste, wer er war, woher er stammte. Der König von Polen gab ihm Geld und Truppen, und im Sommer des Jahres 1608 rückte der zweite falsche Dimitrij gegen Moskau vor, besetzte das Dorf Tuschino und bezog hier sein befestigtes Lager. Von dieser Zeit an nannte das Volk ihn „den Tuschiner Zaren“ oder „den Tuschiner Dieb“. Der Staat befand sich in einer unsicheren Lage. Ein Teil der Moskauer Bojaren und Adligen begann in das Tuschiner Lager überzugehen. Manche waren schon mehrere Male nach Tuschino hinüber- und wieder herübergewechselt. Der Volksmund nannte sie „Tuschiner Zugvögel“. Zar Wassilij Schujskij konnte mit seinen Truppen allein nicht mit denen des falschen Dimitrij und mit den allgemeinen Volksaufständen fertig werden Er wandte sich um Hilfe an den schwedischen König und schloss mit ihm ein Kriegsbündnis, wobei er für die Hilfe an Schweden die Ostseegebiete abtrat. Ein schwedisches Korps und die russischen Truppen unter dem Befehl des Zaren, Skopin-Schujskij, begaben sich nach Moskau.
Als der polnische König Sigismund III. von der dem Wassilij Schujskij durch die Schweden geleisteten Hilfe erfuhr, eröffnete er sofort den Krieg gegen Russland. Im Herbst 1609 überschritt er ohne Kriegserklärung die Grenzen des Russischen Staates und begann Smolensk zu belagern. Die Verteidiger von Smolensk kämpften heldenmütig und hielten lange die polnischen Eroberer auf. König Sigismund, der mit den verräterischen Bojaren geheime Verhandlungen gepflogen hatte, entsandte die Truppe des Hetmans Sholkewskij zur Besetzung Moskaus.
Zar Wassilij Schujskij zögerte mit der Organisation der Verteidigung Moskaus. Die damit unzufriedenen Moskauer erhoben sich gegen Schujskij. Er wurde gestürzt und als Mönch geschoren. Die Bojaren jedoch, in deren Hände die Macht überging, trafen Verabredungen mit den Feinden und willigten ein, auf den russischen Thron den polnischen Königssohn Wladislaw zu setzen.
In einer dunklen Septembernacht des Jahres 1610 ließen die verräterischen Bojaren die polnischen Truppen heimlich in die Hauptstadt des Russischen Staates ein. Die mit Lappen umwickelten Hufe der polnischen Pferde stampften geräuschlos über das Holzpflaster der Straßen des schlafenden Moskaus. Am Morgen erfuhren die Einwohner mit Empörung, dass sie verraten worden waren: der Feind befand sich im Herzen des Vaterlandes- im alten Kreml. Die polnischen Landräuber begannen zu plündern, Moskau und andere russische Städte und Dörfer zu verwüsten. Die Schweden, die treulos das Bündnis gebrochen hatten, besetzten den Nordosten des Russischen Staates mit Nowgorod an der Spitze.
Dem Russischen Staat drohte der Zerfall, dem russischen Volk der Verlust seiner nationalen Unabhängigkeit. Eine Zentralgewalt im Staat war nicht vorhanden. In den Städten, die von fremden Truppen nicht besetzt waren, regierten die örtlichen Wojwoden, jeder wie er konnte und wollte. Die polnischen Abteilungen streiften im Lande umher, plünderten und mordeten. Überall wüteten Hunger und Seuchen. Der Tod mähte die Leute nieder. Die Städte verödeten, der Handel schwand dahin. Die bäuerliche Bevölkerung, die sich vor den plünderischen Überfällen der polnischen Truppen fürchtete, entfloh in die Wälder. Die Äcker bedeckten sich mit Unkraut.
Aber das Volk ergab sich nicht. Die Moskauer lehnten es ab, dem polnischen König zu schwören und riefen das gesamte Volk zum Aufstand gegen die Eroberer auf. Der Ruf zur Befreiung des Vaterlandes von den fremden Eroberern fand einen lebhaften Widerhall im Volke.
Eines der Zentren der patriotischen Bewegung wurde Nishnij-Nowgorod – die große Handelsstadt des Wolgagebietes, an der Mündung der Oka in die Wolga gelegen.
Organisator der Volkswehr zur Vertreibung der polnischen Eroberer wurde der Nishnij-Nowgoroder Kusjam Minin. Bis zu Jahre 1611 war Kusjma Minin Sacharjew-Suchorukij wenig bekannt. Er wohnte am Stadtrand von Nishnij-Nowgorod inmitten der bescheiden Vorstadtbevölkerung und beschäftigte sich mit dem Fleischhandel. Vom Jahre 1608 an nahm er zusammen mit anderen Nishnij-Nowgoroder Volkswehrleuten an den Kämpfen gegen die zahlreichen Feinde des Vaterlandes teil und erwarb sich Kampferfahrung. In seiner Heimat genoss Minin allgemeine Achtung wegen seiner Rechtschaffenheit und seines „weisen Sinnes“. Daher wählten ihn die Nishnij-Nowgoroder, die in ihm „einen Mann, zwar nicht von vornehmer Herkunft, aber von weisem Sinne“ sahen, zum Semstwo-Ältesten.
Im September 1611, als der Russische Staat eine schwere, dunkle Zeit durchmachte, wandte sich Minin an die Nishnij-Nowgoroder mit dem Aufruf, eine Volkswehr aufzustellen.
Minins Ansprache an das Volk war einfach und überzeugend. Sie ging jedem russischen Menschen, der um das Schicksal seines Volkes bangte, zu Herzen: „Rechtgläubige!“ sprach Minin, „wenn wir dem Moskauer Staate helfen wollen, dann dürfen wir nicht unsere Leiber schonen, und nicht nur unsere Leiber. Wenn nötig, werden wir unsere Häuser verkaufen, unsere Frauen und Kinder verpfänden—Ein großes Werk ist es! Wir werden es schaffen—Und was für Lob wird man uns im Lande zollen, dass aus solch einer kleinen Stadt ein so großes Werk hervorgeht! Ich weiß: sobald wir uns erheben, werden viele Städte zu uns stoßen, und wir werden uns von den Fremdländern frei machen.“
Auf der Stelle begann die Sammlung der Opfergaben. Minin selbst, so erzählt die Sage, gab sein Vermögen, die Halsketten und den Kopfschmuck seiner Frau Tatjana, und sogar die silbernen und goldenen Beschläge, die sich an den Heiligenbildern befanden, hin. Die Frauen legten ihre Halsbänder und Ringe ab, nahmen die Ohrringe aus den Ohren und gaben sie zur Rettung des Vaterlandes hin. Die Geizigen zwang Minin durch einen Beschluss der Gemeindeversammlung zum Opfer. Er setzte nämlich durch, dass für die Volkswehr „der Fünfte an Geld“, d.h. ein Fünftel der Kapitalien und Einkünfte des Handelsumsatzes abzugeben sei.
Kusjma Minin galt jetzt als ein „vom ganzen Lande gewählter Mann“ und leitete die Schaffung der Volkswehr. Die militärische Führung der Volkswehr trugen die Nishnij-Nowgoroder dem Fürsten Dimitrij Posharskij an, „einem rechtschaffenden Mann, der des Kriegshandwerks kundig und in ihm geschickt ist, und der am Verrat nicht teilgenommen hat.“
Im Frühling des Jahres 1612 führten Minin und Posharskij die Volkswehr die Wolga aufwärts nach Jaroslawl. Der kürzeste Weg von Nishnij-Nowgorod nach Moskau führte über Wladimir und Susdal. Sie wählten jedoch einen anderen Weg -über Kostroma und Jaroslawl. Das gab ihen die Möglichkeit, die Wasserwege zu benutzen, die zentralgelegenen Bezirke von Räuberbanden zu säubern und ihre Volkswehr mit frischen Kräften zu ergänzen. Das Volk empfing die Volkswehr Minins und Posharskijs überall mit großer Freude, ging ihm mit Brot und Salz zur Begrüßung entgegen. In die Volkswehr reihten sich Leute aller Stände ein: Adlige, Kaufleute, Handwerker, Bauern. Außer den Russen beteiligten sich an der Volkswehr auch andere Völkerschaften, die sich unter Leitung des russischen Volkes zum Kampfe für die Unabhängigkeit des Russischen Staates erhoben hatten.
In Jaroslawl hielt sich die Volkswehr vier Monate auf. Die Ungeduldigsten murrten und warfen den Führern vor, dass sie unnötig zögerten. Aber Minin und Posharskij wussten, dass ein entscheidender Kampf mit einer starken europäischen Armee bevorstand. Sie entschieden sich dafür, ihre Streitkräfte besser zu organisieren und abzuwarten, bis die polnische Armee von dem unaufhörlichen allgemeinen Kampf des Volkes zermürbt sein würde. Im Lande breitete eine Partisanen-Bewegung aus, die allmählich ein immer größeres Ausmaß annahm. Die Partisanen, oder die „Schischi“, fielen überall über die einzelnen polnischen Abteilungen her und vernichteten sie. Tausende von russischen Patrioten kämpften heldenmütig mit den fremdländischen Eroberern. Die russischen Bauern flüchteten, versteckten Getreide und das Vieh, und wenn die Polen sie zwangen, ihnen als wegkundige Führer zu dienen, führten sie die Feinde nicht selten in das Walddickicht oder den Russen in die Arme. Die Heldentaten solcher Volkshelden, oftmals unbekannt und namenlos, fanden ihren Widerhall in späteren Volksdichtungen und in der Literatur. So ging in die Geschichte und in die Literatur die Heldentat des Kostromaer Bauern Iwan Sussanin ein, der im Jahre 1613 die Polen in einen dichten Wald geführt hatte und dort von den polnischen Pans niedergesäbelt worden war. Die von Hass und Feindschaft umgebene Armee der Okkupanten fühlte sich in Rusj ständig in Gefahr. Ihre Kampfkraft sank, sie zersetzte sich und verwandelte sich in eine Räuberbande.
Andererseits hatten Minin und Posharskij eingesehen, dass es nicht nur nötig war, den Feind zu vertreiben, sondern auch im Lande die Ordnung wiederherzustellen. Rusj hatte keine staatliche Verwaltung, und man musste sie vorbereiten. In Jaroslawl wurde der „Rat des gesamten Landes“ gebildet, der sich aus den Wojwoden und den gewählten Vertretern verschiedener Städte zusammensetzte. Es wurden provisorische Behörden geschaffen, die die verschiedenen Zweige der staatlichen Verwaltung leiteten. Auf diese Weise erwiesen sich die Führer der Volkswehr nicht nur als militärische Führer und Strategen, die der Sache ihres Vaterlandes ergeben waren, sondern auch als weitblickende Politiker und als hervorragende Staatsmänner.
Im Juli 1612 setzte sich die Volkswehr von Jaoslawl nach Moskau in Bewegung. Die belagerte polnische Besatzung verschanzte sich im Kreml. Sie litt großen Mangel an Proviant und Ausrüstung. Zum Entsatz der Belagerten brach eine große polnische Truppe des Hetmans Chodkeiwitsch auf. Posharskij vereitelte jedoch ihre Vereinigung mit den Polen, die sich im Kreml festgesetzt hatten.
Die Schlacht der Volkswehr mit den heranrückenden Polen fing am 22. August des Jahres 1612 an. Es war ein erbittertes Ringen. Die Truppen Chodkewitschs erlitten eine Niederlage und traten den Rückzug an. Die gesamte polnische Artillerie, der Tross mit Proviant und Ausrüstung, fielen in die Hände der Volkswehr. Am 26. Oktober 1612 zog die russische Befreiungsarmee im Kreml ein. Moskau – die Hauptstadt des Russischen Staates – war befreit. Die patriotische Heldentat Kusjma Minins und Dimitrij Posharskijs ging als glänzendes Blatt in die heldenhafte Geschichte des großen russischen Volkes ein.
Nach der Befreiung Moskaus wurde unverzüglich eine Ständeversammlung zum Zwecke der Zarenwahl einberufen. Zu Beginn des Jahres 1613 wurde der 16jährige Jüngling Michail Romanow, den die Adligen aufgestellt hatten, zum Zaren gewählt. Die neue Regierung führte die Säuberung des Landes von inneren und äußeren Feinden erfolgreich durch und schickte sich an, den Staat wiederherzustellen.
Anfang 1617 wurde in Stolbowo mit Schweden Frieden geschlossen. Gemäß dem Friedensvertrag von Stolbowo gab Schweden Nowgorod an Russland zurück. Jedoch behielt es das gesamte Küstengebiet des finnischen Meerbusens mit den alten russischen Städten Jam, Koporje, Oreschek und anderen für sich. Der schwedische König erklärte triumphierend, dass Russland jetzt ohne Erlaubnis Schwedens kein einziges Schiff in die Ostsee schicken könne. „Russland ist das Meer weggenommen worden – und Gott geb’s- den Russen wird es schwer, über dieses Bächlein zu springen.“ Aber der schwedische König erwies sich als schlechter Prophet. Das Küstengebiet der Ostsee brachte Russland, wenn auch nach langer Frist, dennoch wieder an sich. Dies erfolgte im Zeitalter der Regierung Peters des Großen.
Mit Polen gelang es nicht, Frieden zu schließen. Die polnischen Pans erstrebten immer noch die Herrschaft über Russland. Im Jahre 1618 wurde im Dorfe Deulino nur ein Waffenstillstand auf 14 ½ Jahre mit Polen abgeschlossen. Smolensk und Tschernigow wurden an Polen abgetreten.
2. Die Vereinigung der Ukraine mit Russland. Bogdan Chemlnizkij
Anders gestaltete sich das Schicksal des ukrainischen und des bjelorussischen Volkes, die gewaltsam von Russland losgerissen worden waren. Die Russen, Ukrainer und Bjelorussen hatten seit alters ein einheitliches Territorium, ein einheitliches Staatsleben, einen Glauben, eine altrussische Sprache – eine einheitliche Kultur gehabt.(Na, heute wollen die Ukrainer davon nichts mehr wissen. P.R.) In einem einheitlichen Staatsverband- dem Kiewer Rusj- hatten sie gemeinsam die Angriffe der Nachbarn im Osten und Westen – der Petschengen, Polowzer, Ungarn, Deutschen, Polen abgewehrt. Auch gegen den Zerfall des Kiewer Rusj hatten sich diese Brudervölker zusammengeschlossen. Besonders große Bedeutung besaß der Kampf des ukrainischen Volkes gegen die türkisch-tatarischen Angriffe auf die Grenzlande des sich bildenden Russischen Staates. Ihrerseits fingen die Bjelorussen an der Westgrenze die ersten Schläge der polnischen und deutschen Feudalherren auf, indem sie ihnen den Weg nach Moskau versperrten. Die ukrainischen und bjelorussischen Gebiete wurden in die Rzecz Pospolita einbezogen. Die polnischen und litauischen Gutsbesitzer eigneten sich in der Ukraine und Bjelorussland riesige Landgüter an und machten die ukrainische und bjelorussische Bevölkerung zu Leibeignen. Gleichzeitig waren die Ukrainer und Bjelorussen einer nationalen und religiösen Unterdrückung ausgesetzt. Aber die freiheitsliebenden Völker der Ukraine und Bjelorusslands unterwarfen sich nicht.
Die unternehmungslustigsten und kriegerischsten Leute gingen in die Grenzlande und wurden freie Leute: Kosaken. Jenseits der Dnjepr-Schnellen, auf den Inseln, errichteten sie ein befestigtes Lager- die Saporoshjer Sjetsch. Zum Schutz vor Angriffen der Feinde legten sie Verhaue an und umgaben ihr Lager mit einer Umzäunung aus gefällten Bäumen (hiervon stammt die Bezeichnung „Sjetsch“- „Verhau“). Die ausgedehnten und dichten Wälder im mittleren Teil des Dnjepergebietes boten den Aufständischen einen zuverlässigen Schutz und ermöglichten ihnen, einen langwierigen Volkskrieg gegen die polnischen Eroberer zu führen.
Im Jahre 1648 brach ein großer Aufstand des ukrainischen Volkes gegen die polnischen Pans aus.
In dem Feuer des Aufstandes loderte die ganze Ukraine links des Dnjepr auf, und danach erhob sich gegen die polnischen Pans das gesamte ukrainische Volk – Bauern, Kosaken, Städter, die Geistlichkeit. An die Spitze des nationalen Befreiungsaufstandes stellte sich der große Sohn des ukrainischen Volkes Bogdan Chmelnizkij.
Seiner Abstammung nach ein wohlhabender Kosak, hatte Chmelniukij für die damalige Zeit eine gute Ausbildung erhalten: er hatte an der Kiewer Akademie studiert, kannte die lateinische, polnische und tatarische Sprache; er war Teilnehmer und Anführer vieler kühner Seefahrten der Kosaken gewesen. Mehrmals hatte man ihn für die Verhandlungen mit der polnischen Regierung ausgewählt, und Chmelnizkij hatte geschickt die Interessen des Kosakentums vertreten.
Als erfahrener Krieger wusste Chmelnizkij, dass für den Erfolg des Aufstandes eine einheitliche Führung notwendig sei. Daher begann er vor allem, eine Befreiungs-Volksarmee aufzustellen, deren Zentrum die nicht unterworfene Saporoshjer Sjetsch bildete.
Im Frühjahr des Jahres 1648 brach Chmelnizkij mit den aufständischen Kosaken aus Saporoshje auf. Der erste Zusammenstoß mit den polnischen Truppen erlitten hier eine Niederlage. Mitte Mai brachte Chmelnizkij den Polen eine empflindliche Niederlage bei Korsun bei. Diese Siege der Kosaken brachten die gesamte ukrainische Bauernschaft in Bewegung. Den aufständischen Kosaken Bogdan Chmelnzkijs schloss sich bald eine große Truppe Bauern an, an deren Spitze der tapfere und populäre Führer der Bauernbewegung Maxim Kriwonos stand. Gemeinsam mit den Truppen Kriwonos brachte Chmelnizkij den Polen im September 1648 an dem Fluss Piljawka eine schwere Niederlage bei. Nach einer Reihe von Siegen zogen die Truppen Bogdan Chmelnizkijs im Dezember 1648 mit großem Triumph in das befreite Kiew ein. Chmelnizkij wurde Hetman der Ukraine. Die polnische Regierung, die Zeit gewinnen wollte, schickte Gesandte nach Kiew, um über den Frieden zu verhandeln. Chmelnizkij forderte vorherige und völlige Räumung der Ukraine von polnischen Truppen. „Ich werde das gesamte ukrainische Volk der polnischen Sklaverei entreißen!“erklärte er den Gesandten.
Im Sommer 1649 brach Chmelnizkij zu einem neuen Feldzug auf. Ihm schloss sich der Krimer Khan mit einem großen Heer an. Den Polen gelang es bald, den Krimer Khan zu bestechen. Da er gleichzeitiges Vorrücken der Polen und der Krimer Tataren befürchtete, sah sich Bodgan Chmelnizkij genötigt, den Frieden von Zborow mit den Polen zu schließen, nach welchem die Kosakenregierung mit einem gewählten Ataman an der Spitze beibehalten, aber die Befreiung von der Leibeigenschaft nur einem kleinen Teil der ukrainischen Bevölkerung gewährt wurde. Diese Friedensbedingungen konnten das ukrainische Volk nicht befriedigen. Die Bauernaufstände dauerten an. Im Frühling 1651 brach eine große polnische Armee gegen das aufständische ukrainische Volk auf. Die Kräfte waren ungleich. Nach einigen militärischen Misserfolgen musste Chmelnizkij auf schwere Friedensbedingungen eingehen. Dieser Frieden wurde im Jahre 1651 in Bjelaja Zerkow unterzeichnet.
Bogdan Chmelnizkij begriff wohl, dass sich die Ukraine nicht aus eigener Kraft allein von dem fremden Joch befreien kann. Indem Chmelnizkij die wirklichen Gefühle und Wünsche des ukrainischen Volkes zum Ausdruck brachte, führte er gleich von Anfang des Krieges an Verhandlungen mit der russischen Regierung über die Vereinigung der Ukraine mit Russland. Als Ergebnis dieser Verhandlungen beschloss der Semskij Sobor (Ständeversammlung) im Herbst 1653 in Moskau, der Ukraine zu Hilfe zu kommen und Polen den Krieg zu erklären.
Im Januar 1654 kamen die Moskauer Gesandten mit dieser Nachricht nach Perejaslawl, wohin eine „Rada“ (Versammlung) der Vertreter des ukrainischen Volkes einberufen worden war. Bogdan Chmelnizkij schlug auf dieser Rada die Vereinigung der Ukraine mit Russland vor. „Euch allen ist bekannt“, sagte er, „dass unsere Feinde uns ausrotten wollen, dass selbst die Bezeichnung ‚russisch‘ (d. i. ukrainisch) in unserem Lande nicht erwähnt würde. Daher wählt euch einen Herrscher unter vier Zaren aus: der erste ist der türkische Zar – der Bedrücker der Griechen. Der zweite ist der Krimer Khan – er hat viele Male unserer Brüder Blut vergossen. Der dritte ist der polnische König. Über die Bedrückungen seitens der polnischen Pans erübrigt sich jedes Wort. Der vierte ist der Zar des großen Rusj, der östliche Zar.“ Die Rada rief einmütig und laut: „Wir wollen unter den östlichen Zar!“
Unter Billigung und Jubel des ganzen Volkes nahm die Rada den Beschluss über die Vereinigung der Ukraine mit Russland an.
Unter den historischen Bedingungen jener Zeit war das eine richtige Entscheidung. Der Übergang der Ukraine in den Bestand des Russischen Staates war für sie der beste Ausweg aus der damaligen gefährlichen Lage. Sonst hätte ihr Eroberung durch das Polen der Pans oder durch das türkische Sultanat gedroht. Die Macht des polnischen Königs und der polnischen Gutsbesitzer wäre für die Ukraine um vieles schlechter gewesen als die Untertanenschaft unter dem russischen Zaren. Das großrussische Volk jedoch, nach Herkunft, Sprache, Religion und Kultur mit dem ukrainischen Volk verwandt, wurde im Rahmen eines gemeinsamen Staates ein treuer Kampfgenosse des ukrainischen Volkes in seinem weiteren Kampf um seine Freiheit und Unabhängigkeit.
Bogdan Chmelnizkij, der sein ganzes Leben der Lösung der großen Aufgabe der Befreiung der Ukraine von dem Druck der polnischen Pans und ihrer Vereinigung mit Russland gewidmet hatte, hat seinem Volk einen unschätzbaren Dienst geleistet.
Nach der Perejaslawler Rada begann die russische Regierung sofort den Krieg mit Polen wegen der Ukraine. Der Befreiungskampf desukrainischen Volkes förderte auch in Bjelorussland den Aufschwung der Befreiungsbewegung.
Bodgan Chmelnizkij war bestrebt, den aufständischen Bjelorussen zu helfen, und schickte ihnen eine Kosakentruppe mit einem erfahrenen Heerführer zu Hilfe. Der Befreiungskrieg des bjelosrussischen Volkes hatte für Chmelnizkij große Bedeutung. Er deckte die rechte Flanke seiner Armee und verhinderte die Vereinigung der polnischen und litauischen Truppen gegen die Ukrainer. Die Aufstände des bjelorussischen Brudervolkes banden einen Teil der polnischen Streitkräfte und erleichterten den Befreiungskampf in der Ukraine.
Bald war ganz Bjelorussland befreit. Die russischen Truppen gewannen Smolensk und Wilna zurück. In der Ukraine verlief der Krieg gegen die polnischen Eroberer gleichfalls erfolgreich. Nach der Befreiung des ukrainischen Landes rückte Bogdan Chmelnizkij in polnisches Gebiet ein und nahm Ljublin.
Im Jahre 1656 zur Zeit des schwedisch-polnischen Krieges, versuchte Russland von neuem an die Ostsee vorzudringen. Der Krieg um das baltische Küstenland zog sich Jahre hin. Im Jahre 1661 schloss Russland, das keinen Erfolg errungen hatte, mit Schweden Frieden.
Nach langwierigen Verhandlungen wurde im Jahre 1667 auch mit Polen Frieden geschlossen. An Russland fielen die Gebiete der Ukraine links des Dnjepr und die Stadt Kiew. Es behielt auch Smolensk für sich. Bjelorussland und die Ukraine rechts des Dnjepr jedoch verblieben unter der Gewalt der Rzecz Pospolita.
3. Die Volksbewegung gegen die Leibeigenschaft in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Stepan Rasin
Der Bedarf des Landes an Geldmitteln stieg. Besonders große Ausgaben erforderten die Kriege. Das alte Steuersystem genügte den wachsenden Bedürfnissen des Staates nicht mehr. Die Regierung unternahm zwecks Erhöhung des Steueraufkommens das verwickelte Werk der statistischen Erfassung des Grundbesitzes und der steuerpflichtigen Bevölkerung. Alle Bauern wurden mit schweren Steuern belegt.
Daneben verstärkte sich auch die Bedrückung seitens der Gutsbesitzer. Dies hing damit zusammen, dass der Handel im Lande von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an sich merklich entwickelte. Die Adligen, die ehedem alles Notwendige auch ihrer Wirtschaft erhalten hatten, begannen auf dem Markt die verschiedenen Erzeugnisse der städtischen Handwerker und die teuren ausländischen Waren zu kaufen. Die Gutsbesitzer, die Geld brauchten, verlangten es von den Bauern. Die Bauern, die auf dem Gut der Adligen lebten, mussten dem Grundbesitzer einen beträchtlichen Teil ihrer Ernte abgeben und ihm Nahrungsmittel usw. aus ihrer Wirtschaft liefern: Butter; Milch Eier, Geflügel, Schaffelle usw. Diese Naturalabgabe wurde „Obrok“ (Grundzins) genannt. Außer den Naturallieferungen aus ihrer Wirtschaft mussten die Bauern dem Gutsbesitzer auch einen Geld-„Obrok“ entrichten.
Zur selben Zeit vergrößerten die adligen Grundbesitzer die Ausmaße des grundherrlichen Ackerlandes. Das Land des Grundherrn musste von den Bauern, die auf dem Grund und Boden des Grundbesitzers wohnten, mit ihren Geräten unentgeltlich bestellt werden. Sie pflügten den Acker, ernteten das Getreide und fuhren es auf den herrschaftlichen Hof, verrichteten in der Wirtschaft des herrschaftlichen Gutshofes auch sonst alles, was der Gutsbesitzer anordnete. Die unentgeltliche Arbeit für den Bojaren oder Gutsbesitzer wurde „Bojarschtschina“ oder „Barschtschina“ (Frondienst) genannt.
Die Gutsbesitzer, die unentgeltliche Bauernarbeit benötigten, forderten die völlige Abschaffung der Fristen zur Ermittlung und Rückkehr geflüchteter Bauern. Der Zar Alexej Michajlowitsch Romanow, der Sohn des Zaren Michail, kam den Gutsbesitzern entgegen und befahl sämtlichen geflüchteten Bauern, mit ihren Familien und all ihrem Hab und Gut zu ihren früheren Besitzern zurückzukehren, ungeachtet dessen, wieviel Zeit seit der Flucht verstrichen sein mochte.
Im Jahre 1649 wurde eine neue Gesetzessammlung, die „Uloshenie“ angenommen, wonach die Bauern für immer an die Scholle des Grundbesitzers gebunden, als seine Leibeigenen wurden. Sie gerieten auch in persönliche Abhängigkeit vom Gutsbesitzer: er konnte über das Schicksal seiner Leibeigenen verfügen, mischte sich in ihr persönliches Leben ein; ohne seine Erlaubnis durften sie nicht heiraten, für den geringsten Ungehorsam wurden sie hart bestraft. Er selbst trug keinerlei Verantwortung, nicht einmal für einen von ihm zu Tode gequälten leibeigenen Bauern.
So bildete sich in Rusj die Lebeigenschaft heraus. Die zu Leibeigenen gewordenen Bauern wollten sich nicht in ihre Versklavung schicken. Sie trachteten danach, vor der Willkür der Gutsbesitzer und der zaristischen Behörden in die Grenzgebiete des Staates zu flüchten, am häufigsten an den Don, wo es noch keine Leibeigenschaft gab. Dort wurden sei freie Menschen: Kosaken. Jedoch, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, änderte sich auch die Lage der Kosaken. In den Steppen war kaum mehr freies Land übriggeblieben. Die früher hier angesiedelten reichen Kosaken hatten es in ihrem Besitz. Diese Kosaken wurden „Domowityje“ („Häusliche“), die neuen armen Kosaken „Glolytjbà“ („Habenichtse“) genannt.
Die Ausbeutung, Willkür und Bedrückung der leibeigenen Bauern und der Kosaken-Golytjbà riefen am Don und an der Wolga einen großen Aufstand hervor. An der Spitze dieses Aufstandes stand der Donkosak Stepan Timofejewitsch Rasin.
Nach Bolotnikows Aufstand war der Aufstand Rasins der zweite Bauernkrieg in Russland. Im Vergleich zu der Bewegung des Bolotnikow erfasste er ein bedeutend größeres Gebiet und zeichnete sich durch große Wucht aus. Er begann am Don, wo es besonders viele geflüchtete Bauern gab und wo die Empörung des Volkes gegen die Sklaverei der Leibeigenschaft sich seit langem angesammelt hatte.
Im Frühling des Jahres 1667 sammelte Stepan Rasin eine Schar armer Kosaken um sich und zog vom Don zur Wolga. Die Anhänger Rasins erbeuteten auf der Wolga eine dem Zaren gehörige Schiffskarawane, erschlugen die zaristischen Beamten, die Ruderer aber ließen sie frei. Mit reicher Beute auf 35 Schiffen begaben sich nun Rasin und seine Anhänger zum Jaik- (Ural-) Fluss und bemächtigten sich des befestigten Platzes Jaizkij Corodok. Im März des folgenden Jahres begann Stepan Rasin seinen Zug nach Persien. Die Rasinzy richteten an den Schah die Bitte, sie in seine Dienste zu nehmen, da sie nicht länger die Bedrückungen durch den Zaren und die Gutsbesitzer erdulden wollten. Der Schah hatte Furcht vor dem russischen Zaren und wollte sie nicht aufnehmen. Da kehrte Rasins Schar nach Ausplünderung der reichen persischen Städte zur Wolga zurück.
Im Winter des Jahres 1669 hielt Rasin sich am Don auf. Auf seinen Aufruf zum Kampf gegen die Unterdrücker stießen die Bauern und Kosaken in Gruppen und einzeln zu ihm. Im Frühling 1670 erschien Rasin zum zweiten Mal auf der Wolga. Er begann, als Verteidiger der Bauern- und Kosaken-Golytjbà, gegen die Bedrückungen der Wojwoden, Adligen und reichen Kaufleute aufzutreten. Mit Leichtigkeit eroberte er die Städte Zarizyn und nachher Astrachan, wobei er sich auf die Einwohner selbst stützte. In sämtlichen eroberten Städten und Dörfern verjagte oder erschlug er die zaristischen Wojwoden und vernichtete die Dokumente, die die Leibeigenschaft der Bauern bestätigten.
Von Astrachan rückte Rasin wolgaaufwärts vor und eroberte Saratow und Samara. Ihm schlossen sich nicht nur die russischen Bauern, sondern auch die nichtrussische Bevölkerung des Wolgagebietes: die Mordwinen, Tschuwaschen, Mari und andere Völkerschaften an, die durch die Zarenmacht starken Bedrückungen ausgesetzt waren.
Jedoch stellte sich Rasin, wie es auch bei Bolotinkow der Fall gewesen war, die Ziele des Kampfes nur unklar vor. Er sprach davon, dass er für den „großen Herrscher“ gegen die verräterischen Bojaren und Adligen zu Felde ziehe. Im Volk verbreitete sich sogar das Gerücht, dass sich in Rasins Schar der Sohn des Zaren, Alexej, befände, obgleich dieser schon vor Beginn des Aufstandes gestorben war.
Die Zarenregierung schickte ihre besten Truppen gegen Rasin. Anfang Oktober des Jahres 1670 brachten ihm die zaristischen Truppen bei Simbirsk eine große Niederlage bei. Er selbst wurde verwundet und floh an den Don. Die reichen Kosaken lieferten ihn jedoch den Behörden aus. Rasin und sein Bruder Frol wurden zur Hinrichtung nach Moskau überführt. Im Juni 1671 wurde Rasin gevierteilt (erst schlug man ihm Hände und Füße, dann den Kopf ab), sein Leichnam den Hunden vorgeworfen.
Stepan Rasin war tot, das Volk aber wollte es nicht glauben und wartete weiterhin auf seinen Führer. In zahlreichen Volksliedern wurde Stepan Rasin als tapferer Ataman, als Beschützer des Volkes gepriesen.
Der Aufstand Stepan Rasins war, wie sämtliche Bauernkriege in Europa und in Russland, ein Kampf der leibeigenen Bauernschaft gegen die feudale Unterdrückung. Die russischen Bauern und Kosaken wie auch die unterdrückten Völker der anderen Nationalitäten, die Russland bevölkerten kämpften gegen ihre Unterdrücker – die Grundbesitzer. Aber sie waren nicht verbunden und einig. Sie hatten nicht begriffen, dass an der Spitze der Gutsbesitzer der adlige Zar steht und dass die Armee des Zaren die Interessen der adligen Gutsbesitzer verteidigt. Die Volksmassen vereinigen und ihnen klarmachen, wofür man kämpfen soll, könnten nur die Arbeiter in Russland. Daher erlitten die Bauern Niederlagen.
Nichtsdestoweniger besaß der von Rasin geführte Aufstand, der ein gewaltiges Gebiet erfasst hatte, in der Geschichte des Befreiungskampfes der Völker Russlands eine große Bedeutung. Er stellte im 17. Jahrhundert die mächtigste Volksbewegung gegen die feudale Unterdrückung dar.
Marx, Engels, Lenin und Stalin haben stets den fortschrittlichen Charakter der Bauernkriege betont, da diese Kriege gegen die Leibeigenschaft gerichtet waren, die unterwühlten und erschütterten und den Übergang zu einer neuen – gegenüber der Leibeigenschaft fortschrittlicheren Gesellschaftsordnung- zu dem Kapitalismus erleichterten.
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 „Die Vergangenheit des Sowjetlandes“, aus dem Jahre 1947. Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa, bearbeitet von Petra Reichel
Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 von Anna Michailowa Pankratowa