Schreiben der Konferenz der evangelischen Kirchen an Erich Honecker vom 08.09.1989

Die Konferenz der Kirchenleitungen teilt in ihrem Brief an Erich Honecker die Sorge betreffs der Massenflucht über Ungarn mit und prangert Versuche die Ausreise aus der DDR zu erzwingen an.

Die Konferenz beschreibt ihre Ratlosigkeit und weiß keine Rezepte für eine kurzfristige Lösung der Problematik.

Es wird auf Überfällige Reformen hingewiesen. („Reform“, was heißt das schon? Wir wissen doch, dass „Reform“ schon lange, einschließlich 1989 nicht Gutes bedeutet. P.R.)

Die aufgelisteten Forderungen klingen vernünftig, denn es geht da tatsächlich um Defizite in der DDR. Z.B.

  • offene und wirklichkeitsnahe Diskussionen über die allgemeine Unzufriedenheit in der DDR
  • kritische Einwände von Bürgerinnen und Bürgern der DDR zu berücksichtigen und zum Wohle aller in erkennbaren Veränderungen wirksam werden zu lassen
  • Änderung der Medienpolitik
  • besserer Umgang der Behörden mit den Bürgerinnen und Bürgern Reisemöglichkeiten in alle Länder
  • ehemaligen Bürgerinnen und Bürgern der DDR, die in ein anderes Land übergesiedelt sind die Rückkehr zu ermöglichen.  (Zu dieser Thematik siehe Schwesterblog „Aufnahmeheim Röntgental“. P.R.)

Die Konferenz weist nochmal darauf hin das nur durch Offenheit und Hörbereitschaft Kräfte zu gewinnen seien, die zur Lösung der Probleme gebraucht werden.

Die Konferenz war sich dessen bewusst, dass dies ein langwieriger Prozess sein wird und in diesen Prozess auch die Veränderungsbereitschaft anderer einbezogen werden muss. Dabei wird die  BRD genannt. (In der BRD haben maßgebende Kräfte die Gunst der Stunde genutzt. Da ging es nicht mehr um Verhandlungen, sondern um das Befeuern der Konterrevolution. P.R.)                                                     Im vorletzten Abschnitt des Schreibens teilt die Konferenz mit, dass man auch bedenken muss, was es für die Kirchengemeinden bedeutet, wenn die Menschen ihre Heimat verlassen. Dieses Schreiben ist den Gemeindemitgliedern zur Kenntnis gegeben worden, um anzuregen über die Problematik nachzudenken.

Als letztes wird auf das Handeln der Christen eingegangen, wobei erkennbar sein soll, dass sie selbst bereit sind, sich zu verändern und in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen.

Werner Leich als Vorsitzender der Konferenz der Kirchenleitungen hat diesen Brief an Erich Honecker unterzeichnet.

Entnommen aus der Broschüre „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“ Herausgeber Bundesarchiv, Stasi Unterlagen-Archiv, bearbeitet von Petra Reichel

Nachbemerkungen von Petra Reichel:

Zum Einen klingt dieses Schreiben vernünftig. Die aufgelisteten Forderungen klingen vernünftig. Andererseits sind die Floskeln „sich zu verändern“, „in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen“ wiederrum verschieden auslegbar. Solche Floskeln hörte man auch in der alten BRD und hört man auch heute.  Es sieht aus, als hätte die Kirche ein „Hintertürchen“ offengelassen um flexibel zu reagieren. Egal, was da komme.

Original-Dokument, entnommen aus der Broschüre „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“, Herausgeber Bundesarchiv Stasi Unterlagen-Archiv

Eine Montagsdemo in Halle. Bericht der Kreisdienststelle Halle des MfS vom 10.10.1989

Bearbeitet von Petra Reichel

Die Montagsdemos waren wichtige Ereignisse der Konterrevolution in der DDR. Das hatte das MfS nicht erkannt. Es ist von aufmüpfigen Jugendlichen ausgegangen worden, die in diesem Schreiben als „dekadent“ bezeichnet werden. Dass sich rechtschaffende Bürgerinnen und Bürger an den Montagsdemos beteiligten, war dem MfS entgangen. PR.

Störungshandlungen feindlich-negativer Kräfte und „dekadenter“ Jugendlicher auf dem Markt

Auf der Grundlage von Informationen interner Quellen über geplante Störungshandlungen am 09.10.1989 auf dem Obermarkt wurde im Zusammenwirken mit dem Volkspolizei-Kreisamt, Der Volkspolizei-Bereitschaft Halle und in den Kampfgruppen der Arbeiterklasse ein Sicherungseinsatz zur Gewährleistung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit durchgeführt.

Zwischen 16:45 Uhr und 17:15 Uhr versammelten sich ca. 350 – 400 Personen (davon ca. 80% Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren) vor dem Eingang der Marktkirche. Der Zulauf erfolgte über den Ober- und Untermerkt in kleineren Gruppen zwischen 5 bis 25 Personen. Nachdem bereits 17:15 Uhr innerhalb der Ansammlung Kerzen (ca. 10 bis 15 Stück) angezündet wurden, kam es 17:30  Uhr zur Entfaltung von zwei Transparenten (Betttuch) mit den Texten:

  1. „Gewaltloses Widerstehen, Schweigen für Leipzig, Schweigen für Reformen, Schweigen für Hierbleiben“
  2. „Wir schweigen, obwohl wir viel zu sagen haben“                                                                                         

Das mit (1) gekennzeichnete Transparent wurde von Pfr. Hanewinckel (ev. Georgengemeinde) gehalten, der sich zusammen mit den kirchlichen Amtsträgern

  • Sup. Buchenau
  • Probst (Name unkenntlich gemacht)
  • Pfarrer (Name unkenntlich gemacht)
  • Pfarrer (Name unkenntlich gemacht)

In der Nähe der Ansammlung aufhielt. Am Schaukasten der Marktkirche war das mit (2) gekennzeichnete Transparent angebracht.

Erst nachdem im Gespräch Probst (Name unkenntlich gemacht) aufgefordert wurde, disziplinierenden Einfluss geltend zu machen, wurden die Kerzen gelöscht und die Transparente entfernt.

Ca. 200 Personen, darunter überwiegend Gläubige, betraten 18:05 Uhr die Kirche, wobei der andere Teil von ebenfalls 200 Personen vor der Kirche verblieben. Da diese sich trotz mehrfacher Aufforderung und vereinzelter Zuführungen (vorläufiger Festnahmen P.R.) nicht entfernten, mussten sie durch die Volkspolizei von der Kirche abgedrängt werden. Der hartnäckige Kern „dekadenter“ Jugendlicher und Jungerwachsener verblieb im Bereich des Roten Turm und widersetzte sich der Auflösung der Ansammlung. Daraufhin wurden von 18:10 Uhr bis 19:25 Uhr weitere Personen (insgesamt 38 Personen) zugeführt (vorläufig festgenommen P.R.). Darunter befand sich auch die Mitarbeiterin der Kaderabteilung (Personalabteilung P.R.) HO Industriewaren

(Name unkenntlich gemacht)

Halle-Neustadt, Block 399/1.

Gegen Initiatoren wurden Ermittlungsverfahren und Verfahren zur Ahndung von Ordnungswidrigkeiten eingeleitet. Alle anderen wurden belehrt.

Die eigentliche kirchliche Veranstaltung in der Marktkirche wurde als Andacht von 18:10 bis 19:00 Uhr durchgeführt. Im Verlauf wurde durch die kirchlichen Amtsträger Einfluss auf die Anwesenden genommen, so dass nach Beendigung ein reibungsloser Abgang vom Markt erfolgte.

Im Ergebnis konnte eingeschätzt werden, dass die genannten Amtsträger, insbesondere Pfr. Hanewinckel und (Name unkenntlich gemacht) ihre Einflussnahme herauszögerten und indirekt zu den genannten Aktionen ermunterten. Die am Roten Turm versammelten Jugendlichen suchten offensichtlich die Konfrontation mit den Sicherungskräften, was durch provozierende Äußerungen und Widerstandshandlungen zum Ausdruck kam. (Krawallmacher hatten die Situation ausgenutzt. Das MfS hatte sie Leute überbewertet. P.R.)

Durch das konsequente offensive Handeln der Sicherungskräfte konnte die beabsichtigte Eskalation der Störungshandlungen unterbunden werden.

Der Leiter der Kreisdienststelle hat unterschrieben.


Ein weiteres Schreiben von der Volkspolizei (Tagesbericht) befasst sich mit demselben Ereignis.  Es ist sachlich-nüchtern gehalten und nennt mehrere Personen namentlich, die festgenommen wurden, da sie seinerzeit illegales Material dabeihatten. Es handelt sich um bislang rechtschaffende Bürgerinnen und Bürger. Einer war betrunken und nutzte die Situation, um Krawall zu machen. Dieses Schreiben hängt auch als Dokument diesem Beitrag an.

Entnommen aus der Broschüre „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“.  Herausgeber Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv,  bearbeitet von Petra Reichel

Die Originaldokumente entstammen derselben Quelle.

Fernschreiben von Erich Honecker an alle Bezirkssekretäre vom 08.10.1989 (Auszug)

Bearbeitet von Petra Reichel:

Im Verlauf des gestrigen Tages (07.10.1989/ 40. Jahrestag der DDR P.R.) kam es in verschiedenen Bezirken, besonders in Berlin, Leipzig, Dresden, Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), Halle, Erfurt und Potsdam zu Demonstrationen, die gegen die verfassungsmäßigen Grundlagen das sozialistischen Staates gerichtet waren.

Vor allem in Dresden, Plauen und Leipzig trugen sie den Charakter rowdyhafter Zusammenrottungen und gewalttätiger Ausschreitungen, die die Bürgerinnen und Bürger in höchstem Maße beunruhigten.

Es ist damit zu rechnen, dass es zu weiteren Krawallen kommt. Diese sind von vornherein zu unterbinden.

Deshalb sind folgende Aufgaben auszuführen:

  • Die sofortige Zusammenkunft der Bezirksleitungen, in der die Lage im Bezirk eingeschätzt wird und entsprechende Maßnahmen festgelegt werden:
  • Unverzügliche Information der Partei-, Gewerkschafts– und FDJ-Funktionäre sowie der Mitarbeiter der staatlichen Organe über die Lage im Bezirk, bzw. Kreis und Erläuterung der Aufgaben zur offensiven politisch-ideologischen Arbeit in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, damit diese Funktionäre unmittelbar vor Ort an der Unterbindung der Krawalle teilnehmen und offensiv in Erscheinung treten. (Oh, arme DDR. Wozu politisch-ideologische Arbeit? Um mit Krawallmachern fertig zu werden? Ein Armutszeugnis, dass man mit den Krawallmachern nicht fertig wurde. P.R.)
  • Veröffentlichung entsprechender Mitteilungen und sachlicher Berichte über die statt gefundenen Krawalle in allen Bezirkszeitungen der Partei (SED P.R.), verbunden mit Stellungnahmen von Arbeitern und Arbeiterinnen und anderen Werktätigen.
  • Tägliche Information an die Abteilung Parteiorgane des ZK über die Lage und eingeleiteter Maßnahmen (jeweils bis 06:00 Uhr mit Stand von 04:00 Uhr bzw. sofort).

Nachbemerkungen von Petra Reichel:

Leider ist nur eine Seite des Fernschreibens vorhanden. Es geht da um (versuchte) Krawalle um den 40. Jahrestag der DDR. Die Krawallmacher waren zu wichtig genommen worden.  Auf die allgemeine Unzufriedenheit der rechtschaffenden Bürgerinnen und Bürger der DDR ist nicht eingegangen worden. Ein Armutszeugnis, dass man mit den Krawallmachern nicht, bzw. nur teilweise fertiggeworden ist.


Einschließlich des Original-Dokuments entnommen aus der Broschüre „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“, Herausgeber Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv

Fernschreiben der Bezirksverwaltung Dresden an das MfS Berlin vom 10.10.1989 an das MfS Berlin (Auszug)

Entnommen aus der Broschüre „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“ Herausgeber Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv, bearbeitet von Petra Reichel


Im Laufe des 09.10.1989 wurde durch mündliche Weitergabe, aber auch vereinzelt durch schriftliche Aushänge an Kirchen und auf dem Meißner Bahnhof das Ergebnis der am Vorabend bei der Beendigung der Demonstrationen erzielten Vereinbarung bekanntgegeben. In diesen Bekanntgaben wurden folgende Kirchen genannt, in denen das Gespräch mit dem Oberbürgermeister der Stadt Dresden  informiert wird:

    • Kreuzkirche
    • Christuskirche
    • Versöhnungskirche
    • Kathedrale

In diesem Gespräch hatten 29 namentlich bekannte Personen Fragen gestellt und Forderungen erhoben, wie:

    • Freie und gerechte Wahlen
    • Pressefreiheit
    • Keine Ablehnung des „Neuen Forums“
    • Schulreform
    • Reisefreiheit
    • Keine Gewalt gegen friedliche Demonstrationen
    • Größere Dialogbereitschaft des Staates
    • Wehrersatzdienst

Gegen 19:00 Uhr begann ein reger Zustrom zu allen vier genannten Kirchen, die bereits um 19:30 Uhr überfüllt waren, so dass sich große Menschenansammlungen, besonders vor der Kreuzkirche, bildeten.

Dadurch sahen sich die Vertreter der Kirche veranlasst, bekanntzugeben, die die Informationsveranstaltungen um 21:30, in der Kreuzkirche um 22:00 Uhr wiederholt werden. Ein Ersuchen des Sup. Ziemer, die Informationsveranstaltungen mittels Lautsprecher auf dem Altmarkt zu übertragen, wurde durch den OB der Stadt Dresden ( Ach nee, der Herr Berghofer. Heute wissen wir, dass dieser ein Wendehals ist. P.R.)  nach Abstimmung abgelehnt: Insgesamt nahmen nach vorliegenden Schätzungen an den Informationsveranstaltungen teil:

    • Kreuzkirche:  1. Veranstaltung 5500 Personen
          • 2.Veranstaltung 2500 Personen
        1.  
    • Kathedrale    1. Veranstaltung 5500 Personen
          • 2. Veranstaltung 3000 Personen
        1.  
    • Christuskirche   1. Veranstaltung 2000 Personen
          • 2. Veranstaltung 2000 Personen
        1.  
    • Versöhnungskirche   1. Veranstaltung 1500 Personen
            • 2. Veranstaltung 600 Personen
          1.  

Während der 1. Veranstaltung standen die Personen, die keinen Einlass fanden, ruhig vor den Kirchen und zeigten keinerlei provozierende Aktivitäten. Lediglich vor der Kreuzkirche wurden 2 Plakate gezeigt mit folgenden Texten:

  • „Reiseerleichterungen statt Massenflucht“
  • „Wir wollen das ‚Neue Forum‘“

Gegen 23 Uhr waren alle Informationsveranstaltungen beendet, und alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer verstreuten sich ohne jegliche Vorkommnisse im Stadtgebiet.

Es gab im Zeitraum von 19:00 Uhr bis 24:00 Uhr im gesamten Stadtgebiet von Dresden keinerlei feindlich-negative oder provozierende Vorkommnisse.

Über den Inhalt der Informationsveranstaltungen in den Kirchen wurde bisher folgendes bekannt:

Hier endet der Auszug des Dokuments. Hier musste das MfS erkennen, dass es sich nicht nur um ein paar Jugendliche, die Krawall machen, handelte. Die lange schwelende allgemeine Unzufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger der DDR machte sich hier Luft. Was das „Neue Forum“ brachte, wissen wir heute. Die Verantwortlichen hatten die allgemeine Unzufriedenheit ignoriert, bis es dann zu spät war und die Konterrevolution ihren Lauf nahm.

Petra Reichel

  •  

Originaldokument entnommen aus der Broschüre „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“, Herausgeber Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv

Einschätzung des MfS zur Kampfkraft und Einsatzbereitschaft der Kampfgruppen der Arbeiterklasse vom 23.10.1989, die im Vorfeld und Durchführung der Aktion „Jubiläum 40“ zum Einsatz kamen (Auszug)

Entnommen aus der Broschüre „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“ Herausgeber Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv, bearbeitet von Petra Reichel

Im vorgenannten Zeitraum wurden insgesamt 8162 Angehörige der Kampfgruppen der Arbeiterklasse in den Bezirken alarmiert (außer Bezirke Frankfurt/Oder, Schwerin, Neubrandenburg und Rostock).

Davon wurden auf Weisung der Vorsitzenden der Bezirks- bzw. Kreiseinsatzleitungen zur Gewährleistung von Ordnung und Sicherheit in den betreffenden Territorien 4631 Angehörige der Kampfgruppen zu Sicherungseinsätzen eingesetzt.

Hiervon wurden in den Bezirken Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), Magdeburg, Leipzig und in der Hauptstadt der DDR, Berlin, 2272 Angehörige der Kampfgruppen unmittelbar gegen antisozialistische Ausschreitungen und zur Auflösung von Zusammenrottungen zum Einsatz gebracht.

Es kann eingeschätzt werden, dass die Mehrheit der zum Einsatz gekommenen Kräfte der selbstständigen Züge und Hundertschaften als auch die geschaffenen Reserven eine hohe Einsatz- und Gefechtsbereitschaft zeigten.

Durch die Angehörigen der Kampfgruppen wurde immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass die ihre ganze Kraft zur Gewährleistung einer hohen Sicherheit und Ordnung einsetzen werden und fest hinter den Beschlüssen unserer Partei (SED P.R.) stehen.

Beginn des Zerfalls (Zwischenüberschrift von Petra Reichel)

Trotz dieser positiven Gesamteinschätzung ist nicht zu übersehen, dass es zu Vorkommnissen u.a. negativen Erscheinungen in Kampfgruppeneinheiten gekommen ist, die die Kampf- und Einsatzbereitschaft der Einheiten beeinträchtigten.

Das zeigte sich in

-der Ablehnung des vorgesehenen Einsatzes durch einzelne Kollektive und Kampfgruppenangehörige,

-Austrittserklärungen aus der SED und den Kampfgruppen der Arbeiterklasse und in

-schwankenden Haltungen infolge der Wirkung der politisch-ideologischen Diversion.

Nach seinerzeit vorliegenden Informationen der zuständigen Diensteinheiten des MfS erklärten im Zusammenhang mit den aktionsbezogenen Einsätzen

  • 336 Kampfgruppenangehörige ihren Austritt aus den Kampfgruppen
  • 149 Kampfgruppenangehörige ihren Austritt aus der SED
  • 346 Kampfgruppenangehörige die Ablehnung des erteilten Einsatzbefehls.

Schwerpunkte bei den bekanntgewordenen Austrittserklärungen/Einsatzverweigerungen sind die Bezirke

Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) mit    230 Austritten aus den Kampfgruppen

                                                                       28 Verweigerungen des Einsatzes

Magdeburg                                          mit    47 Austritten aus den Kampfgruppen

                                                                       208 Verweigerungen des Einsatzes

Leipzig                                                  mit        16 Austritten aus den Kampfgruppen

                                                                            85 Verweigerungen des Einsatzes.

Dabei ist zu beachten, dass in den Bezirken Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), Magdeburg und Leipzig Kampfgruppenangehörige unmittelbar mit antisozialistischen Ausschreitungen konfrontiert wurden und auch der Einsatz von Kampfgruppenangehörigen zahlenmäßig am höchsten war.

Gleichzeitig ist in Rechnung zu stellen, dass die in den anderen Bezirken vergleichsweise geringe Anzahl von Austritten aus den Kampfgruppen bzw. Ablehnung von Einsätzen dadurch beeinflusst wird, dass dort lediglich ausgewählte Kampfgruppenangehörige zum Einsatz kamen bzw. zu Streifentätigkeit eingesetzt oder in Reserve gehalten wurden.

Ausbildungsjahres 1989 und im Vorfeld der Aktion „Jubiläum 40“, insbesondere im Rahmen der Ausbildungsmaßnahmen zum Thema „Sperren und Räumen von Straßen und Plätzen“ in zahlreichen Bezirken zu Austritten aus den Kampfgruppen und negativen Diskussionen von Kampfgruppenangehörigen zu diesen Ausbildungsinhalten kam.

So traten z.B. im Zeitraum vom 01.01.1989 bis zum 30.09.1989 in den Bezirken aus den Kampfgruppen aus bzw. wurden ausgeschlossen.

  • Dresden 213 Kämpfer
  • Cottbus 187 Kämpfer

Eine definitive Aussage dazu, alle Bezirke betreffend, kann gegenwärtig noch nicht getroffen werden.

Äußerungen von Kampfgruppenangehörigen gingen dahin, dass man nicht den Knüppel gegen die eigenen Kollegen bzw. Ausreisewilligen vorgehen werde.

Weitere Angehörige äußerten, dass sie zu Handlungen gegen äußere Feinde bereit sind, jedoch den Einsatz gegen feindliche Kräfte im Inneren der DDR ablehnen.

Aus weiteren Einheiten liegen analoge Informationen vor, die die Haltung verschiedener Kampfgruppenangehöriger dokumentieren, wonach die Einsätze nicht im Einklang mit den Aufgaben der Kampfgruppen stünden und sie sich nicht als „Knüppelgarde“ der Partei (SED P.R.) verstehen.

Ausgehend von dieser Entwicklung wurde die zentral herausgegebene Ausbildungsanleitung zum Thema „Sperren und Räumen von Straßen und Plätzen“ auf Entscheidung des Ministers des Innern und Chef der Volkspolizei kurzfristig im Mai 1989 zurückgezogen, während die Ausbildung der Kommandeure an der Zentralschule für Kampfgruppen „Ernst Thälmann“ in Schmerwitz zu diesem Komplex weitergeführt wurde.

Die Vorkommnislage bei der Alarmierung und beim Einsatz der Kampfgruppen im Vorfeld und in Durchführung der Aktion „Jubiläum 40“ sowie erste dazu geführte Untersuchungen lassen die Einschätzung zu, dass Kampfgruppenangehörige auf eine unmittelbare Konfrontation mit Teilen der Bevölkerung weder politisch-ideologisch noch taktisch-ausbildungsmäßig im ausreichenden Maße eingestellt und vorbereitet waren.

Die bereits genannten Verweigerungen der Einsätze und Austritte aus den Kampfgruppen und der SED belegen, dass sich ein Teil der Angehörigen mit dem Klassenauftrag der Kampfgruppen nicht vollinhaltlich identifiziert.

Als wesentliche Motive für diese Handlungen wurden bisher herausgearbeitet:

-Angst, gegen Freunde, Bekannte und Kollegen „Zwangsmaßnahmen“ durchführen zu müssen, die im Nachhinein zu „Repressalien“…

Hier endet der Auszug des Dokuments. Trotzdem kann man daraus den Beginn des Zerfalls der Kampfgruppen der Arbeiterklasse entnehmen.

Nachbemerkungen:

Jeder Staat hat seine eingeschworenen Spezialtruppen, die gegebenenfalls einsatzbereit sind und durchgreifen. Diese werden bereits eingesetzt, wenn der jeweilige Staat seine Macht nur angekratzt sieht und es kommt zu dramatischen Zusammenstößen, wie z.B. zwischen Spezialeinheiten der Polizei und Demonstrierenden. Sperrung und Räumung von Straßen und Plätzen ist gegebenenfalls etwas ganz Normales.

Solche Spezialtruppen gab es in der DDR nicht. Das sollten die Kampfgruppen der Arbeiterklasse erledigen. Leute, die ihre Tätigkeit, bzw. Übungen in den Kampfgruppen neben ihrem Beruf nachgingen. Man ging davon aus, dass diese Leute aus der Arbeiterklasse entsprechendes Klassenbewusstsein haben und bereit sind ihren Staat gegen innere und äußere Gegner zu verteidigen. Die Sperrung und Räumung von Straßen und Plätzen wurde im Jahre 1989 von den Kampfgruppenangehörigen nicht als normal angesehen und verweigerten entsprechende Einsätze.

Den Verantwortlichen in der DDR war entgangen, dass, aufgrund der allgemeinen Unzufriedenheit, das Klassenbewusstsein innerhalb der Arbeiterklasse immer mehr bröckelte und am Ende so gut, wie nicht mehr vorhanden war. Viele Angehörige der Kampfgruppen sahen sich vermutlich als Mitglieder eines Schützen- und Trachtenvereins, aber nicht als ernsthafte Verteidiger des sozialistischen Vaterlandes. Nur so ist der Zerfall im Jahre 1989 zu erklären, wo es doch drauf angekommen wäre, das sozialistische Vaterland zu verteidigen.

Petra Reichel

Original-Dokument entnommen aus der Broschüre  „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“, herausgegeben vom Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv

Einschätzung der Lage in der DDR durch Erich Mielke (Oktober 1989)

Dieser Beitrag ist im Schwesterblog „Erich Mielke-Power Point-Vorträge“ veröffentlicht worden.

„Einschätzung der Lage in der DDR durch Erich Mielke (Oktober 1989)“

Original-Dokument, entnommen aus der Broschüre „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“, herausgegeben vom Bundesarchiv Stasi-Unterlagen Archiv

Siehe auch „Anweisung von Erich Mielke zur Sicherung der Dienstobjekte des MfS“

Siehe auch „Erich Mielke übersieht den Beginn der Konterrevolution“

Die Teilnahme Russlands am Siebenjährigen Krieg

Peter der Große war im Jahre 1725 gestorben. Einen Nachfolger hatte er nicht ernannt. Unter den Adligen der Hauptstadt, die sich auf die Waffengewalt – die Garderegimenter- stützten, begann ein Kampf um die Macht. Es war eine Periode der Palastrevolutionen, in denen die Bewerber um die Macht einander ablösten. Im Jahre 1741 wurde als Ergebnis einer Palastrevolution die Tochter Peters des Großen, Jelisaweta Petrowna, auf den Thron gehoben.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich der Einfluss Russlands auf die europäischen Angelegenheiten verstärkt. Engels bemerkte, dass die Nachbarn Russlands schwächer geworden waren. Im Norden waren die Kraft und das Prestige Schwedens deshalb gesunken, weil Karl XII. den Versuch unternommen hatte, ins Innere Russlands einzudringen. Im Süden stellten die Türken und ihre Tributpflichtigen, die Krim-Tataren, nur noch Reste der ehemaligen Größe dar. Im Westen bedeutete Polen, das sich im Zustand völligen Verfalls befand, bereits keine Gefahr mehr für Russland. Auch der deutsche Feudalstaat bröckelte auseinander. Wie Engels betonte, bestand das römisch-deutsche Reich nur noch dem Namen nach.

Dieses mittelalterliche Reich unter dem prunkvollen Titel: „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ stellte einen ohnmächtigen Bund von 360 deutschen Halbstaaten dar. Den Kern des Reiches bildete Österreich, und seine Herzöge galten als deutsche Kaiser. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts traten als Nebenbuhler der Habsburger die preußischen Hohenzollern auf. Im Jahre 1740 wurde Friedrich II. König von Preußen. Dieser – nach Äußerung seiner Zeitgenossen „ein ganz schlauer König“- unternahm unerwartete Angriffe auf seine Nachbarn, eroberte skrupellos fremde Länder, wobei er in der Politik keinerlei Moral anerkannte. „Erst Besitz ergreifen und nachher Verhandlungen führen“, pflegte er zu sagen.

Er eroberte die reiche alte polnische Provinz Schlesien, die Österreich einverleibt war, und suchte zu erreichen, dass alle europäischen Staaten wie diese Eroberung so auch „die Rechte“ Preußens auf Böhmen, Sachsen und das baltische Gebiet anerkennen.

Preußens Eroberungspolitik entfesselte einen großen europäischen Krieg, der die Bezeichnung „Siebenjähriger Krieg“ erhielt (1756 bis1763). Auf Seiten Friedrichs stand England, das darauf rechnete, durch Preußens Hilfe seinen Nebenbuhler zur See, Frankreich, zu schwächen. Russland trat dem Bündnis Frankreichs, Österreichs und Sachsens gegen Preußen bei. Die Hauptaufgabe Russlands in diesem Krieg war, die preußische Aggression im Baltikum zu verhindern.

Als Friedrich II. den Krieg begann, war er von seiner militärischen Überlegenheit überzeugt. Seine Armee, aus angeworbenen Berufssoldaten bestehend, war gut ausgebildet, gedrillt, an leichte und schnelle Siege gewöhnt und galt für „unbesiegbar“.

Friedrich II. behandelte die russische Armee als Kriegsmacht mit Geringschätzung. Er rechnete damit, durch einen kurzen und schnellen Schlag erst Russland niederzuwerfen und dann Russlands Bundesgenossen Frankreich.

Die russischen Truppen überschritten im August 1757 die Grenzen Ostpreußens und begannen den Angriff auf Königsberg. Friedrich II. schickte ihnen starke Kräfte entgegen. Als sich die russischen Truppen auf einem schmalen Waldweg inmitten unzugänglicher Sümpfe fortbewegten, griffen die Deutschen sie an, nachdem sie sämtliche Ausgänge vom Schlachtfeld versperrt hatten. In dieser Falle, bei Groß-Jägersdorf, war die russische Armee gezwungen, die Schlacht aufzunehmen. Die Vorhuten der Infanterie kämpften erbittert am Waldrand und ließen den Feind nicht durch, bis das Gros der russischen Kräfte, das sich auf dem Waldweg befand, ihnen zu Hilfe gekommen war. Mit Hurrarufen stürzten sich sie russischen Truppen in den Bajonettgriff und warfen die Deutschen zurück. Eine bedeutende Rolle bei der Abwehr des deutschen Vorstoßes spielte die russische Artillerie, die gerade am Vorabend des Krieges reorganisiert worden war. Geschütze neuen Typs waren eingeführt worden, die weitragender und beweglicher waren als die alten.

Der Sieg der Russen bei Groß-Jägersdorf verblüffte die Deutschen. Die Festung Königsberg ergab sich kampflos. Fast das gesamte Ostpreußen geriet in die Hände der Russen.

Die Erfolge der russischen Truppen in Ostpreußen beunruhigten nicht nur die Feinde, sondern auf die Bundesgenossen Russlands. Da die Bundesgenossen eine Verstärkung des russischen Einflusses befürchteten, unterstützten sie die Erfolge der russischen Armee nicht durch eigene Angriffsoperationen und festigten diese Erfolge auch nicht. Infolge des Zauderns und der Fehler der Kommandoführung der Bundesgenossen geriet die russische Armee im Jahre 1758 in eine schwierige Lage bei Zorndorf, kam aber auch hier um den Preis großer Anstrengungen und Opfer mit Ehren aus der schwierigen Lage heraus. Friedrich musste nach Zorndorf anerkennen: „Die Russen kann man alle bis auf einen totschlagen, aber nicht besiegen.“ Zur gleichen Zeit äußerte er sich über seine eigenen Soldaten: „Meine Halunken flohen wie alte Weiber.“

Nach Zorndorf trat Stillstand ein. Die preußische Armee war sehr mitgenommen. An der Spitze der russischen Armee stand der alte russische General Saltykow. Im Sommer des Jahres 1759 führte er die Armee zum Angriff auf Berlin. Die Entscheidungsschlacht fand bei Kunnersdorf, fünf Kilometer von Frankfurt an der Oder entfernt statt. Unter dem orkanartigen Feuer der russischen Artillerie flohen die Preußen in panischem Schrecken über die schmalen Durchgänge zwischen den Seen: Die Zerschmetterung war so vernichtend, dass der König selber beinahe in Gefangenschaft geraten wäre. Friedrich II. war nahe daran Selbstmord zu begehen. „Ich bin unglücklich, dass ich noch am Leben bin“, schrieb er. „Von einer Armee von 48 000 Mann verblieben mir noch nicht einmal 3 000 Mann. Während ich dies sage, flieht alles, und ich habe schon keine Macht mehr über diese Leute.“

In Berlin trat eine Panik ein. Die königliche Familie und die Berliner Behörden verließen die Hauptstadt. Die österreichische Heeresleitung rettete jedoch abermals Friedrichs Lage, da sie seine Verfolgung und auch den Marsch nach Berlin ablehnte. Die gab Friedrich II. die Möglichkeit, eine neue Armee aufzustellen. Ein Jahr später jedoch wurde Berlin von russischen Truppen eingenommen. Am Morgen des 9.Oktober 1760 zogen die russischen Truppen feierlich in die preußische Hauptstadt ein. Die Vertreter der Stadtverwaltung Berlins überbrachten der russischen Heeresleitung auf einem Samtkissen die Schlüssel der Festungstore der Stadt.

Preußens militärischen Lage war hoffnungslos. Zu dieser Zeit jedoch starb die Zarin Jelisaweta Petrowna. Ihr Enkel, ein holsteinischer Prinz, der als Peter III. Imperator von Russland wurde, rief, da er ein glühender Verehrer und Anhänger Friedrichs II. war, die russischen Truppen zurück und schloss mit Preußen einen Bündnispakt.

Die russische Armee, die so viele Opfer gebracht und im Kampf mit Preußen neuen Ruhm an ihre Kriegsfahnen geheftet hatte, war von einer solchen Politik bitter enttäuscht. Allen wurde klar, dass Peter III. die Interessen Preußens, aber nicht die Russlands verteidigte.

Die empörten Gardisten zettelten gegen den neuen Imperator eine Verschwörung an. Im Sommer 1762 wurde Peter III. verhaftet, bald darauf ermordet. Seine Gemahlin Jekaterina II.(Katharina die Große) wurde zur Zarin ausgerufen.

Siehe auch Wikipedia, wo das Ganze etwa anders dargestellt wird.

Die heutige Russische Botschaft stellt es in ihrem Facebook-Eintrag zum Denkmal für Peter den Großen, wieder anders dar.

 

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1, Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1