In der DDR bildeten sich unter dem Dach der Kirche massenhaft Gruppen und Grüppchen, die vorgaben für Frieden einzutreten und kritisch zu sein. Am bekanntesten ist „Schwerter zu Pflugscharen“.
Das begann mit der Stationierung der Atomraketen der USA in der BRD in den 1980er Jahren. 1979 erfolgte der unselige NATO-Beschluss. Es entstand in der BRD eine große Friedensbewegung. Trotz der großen Demos und Aktionen bewirkte sie nichts.
Da schossen in der DDR angebliche Friedensgruppen wie Pilze aus dem Boden. Sie richteten sich nicht gegen die Atomraketen der USA in der BRD, sondern gegen die Verteidigung des eigenen Landes. Doch sie behaupteten die Friedensbewegung der DDR zu sein. Unter dem Dach der Kirche waren diese Leute aufgrund der Religionsfreiheit schwierig zu bekämpfen, obwohl sie die Beseitigung des Sozialismus im Sinne hatten. Ob die Beseitigung der DDR, war damals noch nicht absehbar
Allerdings hatte die DDR eigene Schwächen, die diese Leute gnadenlos ausnutzten. Die entsprechenden §§ waren weit gefasst und teilweise überzogen. So reichte die Bandbreite von harmlosen Gruppierungen, die etwas scharf formulierten bis hin zu Terrorgruppen.
Aufgrund dieser Rechtslage war es für Kulturschaffende, insbesondere für das Kabarett, in der DDR schwierig
Für Laien war es folglich nochmal schwieriger. In diesem Fallbeispiel geht es um eine Laienspielgruppe, die Kabarett macht. Doch wenn man die Dokumente durchgeht, kommt man zu dem Schluss, dass diese Leute tatsächlich der DDR schaden wollten.
Schon der Name der Laienspielgruppe ist aufschlussreich, was aber vom MfS nicht beachtet wurde. Die Gruppe nannte sich „Die Wühlmaus“. Die Namensgebung lehnte sich an das Westberliner Kabarett „Die Wühlmäuse“ an. Die Frage ist, ob die Namensgebung aus Einfallslosigkeit erfolgte oder eine gewisse Absicht dahinter war, wie die Sehnsucht nach dem „Westen“. Das MfS verwechselte sogar die Namen und schrieb von „Wühlmäuse“, anstatt „Die Wühlmaus“. Anscheinend hatte man das Westberliner Kabarett „Die Wühlmäuse“ nicht „auf dem Schirm“.
Siehe: Maßnahmeplan
Herr Buchheim, ein Mitglied dieser Laienspielgruppe war ein „Scharfmacher“, also er hetzte am meisten und versuchte negativen Einfluss zu nehmen. Im Dokument ist beschrieben, was er alles angestellt hatte und wie unverschämt er sich gegenüber Behörden verhielt.
Letztendlich wurde der Ausreiseantrag des Herrn Buchheim nebst „Anhang“ schneller bearbeitet, um ihn loszuwerden. Das war die vernünftigste Methode
Im nächsten Dokument wird nach Straftatbeständen der Gruppenmitglieder gesucht. Es wird sich wieder mit Herrn Buchheim beschäftigt.
Siehe auch: Paragraphen
Laut dem nächsten Dokument fand man nichts strafrechtlich Relevantes. Es wird nochmal erwähnt, dass der Herr Buchheim, nebst „Anhang“, bald ausreisen soll.
Das nächste Dokument befasst sich wieder mit Herrn Buchheim nebst „Anhang“. Mit der Übersiedlung dieser Person, nebst „Anhang“ soll der Zersetzungsprozess der Gruppe „Die Wühlmaus“ eingeleitet werden.
Im darauffolgenden Dokument wurden die weitere Planung und der Einsatz von IM festgelegt.
IMS „Sandra“ berichtet von Uneinigkeit in der Gruppe und beschreibt die Situation.
In Bericht 1 des IMS „Andreas Harms“ geht es darum, dass die Aktivitäten der Gruppe nachlassen und dass das an einer bestimmten Person lag. Die Aktivitäten sollen wieder aufgenommen werden.
In Bericht 2 von „Andreas Harms“ geht es um das junge Mädchen Hella Born, ein Gruppenmitglied. Die Eltern waren damals Staatsangestellte. Es gab bei ihr zu Hause ein Gespräch mit Vertretern des MfS.
Dann geht es noch um Benn Roolf, der eine wichtige Rolle spielt. Er sollte zum Wehrdienst eingezogen werden. Bei der Musterung gab er eine Erklärung ab, dass er seinen Wehrdienst bei den Bausoldaten ableisten möchte.
In Bericht 1 des IMS „Roland“ geht es wieder um diesen Benn Roolf. Es stand fest, wo er seinen Wehrdienst als Bausoldat ableisten sollte. Der junge Mann war sehr verärgert, weil er nicht mit so einer kurzfristigen Einberufung gerechnet hatte. Er will nun eine illegale Arbeit organisieren. Bisher war er Leiter der Gruppe, gibt die Leitung aber nun ab.
Im Tätigkeitsbericht OV „Bekenntnis“ vom 28. April 1986 wird über die aufwendigen Ermittlungen berichtet, die schon seit Jahren laufen. Die Frage ist, ob sich das Ganze gelohnt hat. Hier, wie auch in anderen Dokumenten tauchen die Namen späterer bekannter Konterrevolutionäre auf. Doch man konnte sie nicht fassen.
In einem Vermerk über eine Vereinbarung der Kreisdienststelle Treptow an die Hauptabteilung I geht es um Maßnahmen betreffs Benn Roolf, der nun als Bausoldat dient.
Der IM „Andreas Harms“ soll aus der Laienspielgruppe herausgelöst werden. Davon war er zunächst nicht begeistert, doch es ergibt sich ein neues Tätigkeitsfeld für ihn. Alles weitere siehe Dokument.
Im Bericht 3 von IMS „Andreas Harms“ geht es um Hella Born, über die „Andreas Harms“ bereits berichtet hatte. (Bericht 1) Sie kümmert sich nun um die eigene Zukunft (Schule und Beruf).
Dann geht es um einige neue Mitglieder der Gruppe, die aber nicht aktiv waren.
Beim nächsten Dokument geht es um die Anforderung von Handschriftenmaterial zu Vergleichszwecken. An dieser Stelle sei angemerkt, dass seinerzeit die Kriminaltechnik noch nicht soweit war, wie heute. Es war alles sehr aufwendig.
Ein Mitglied der Gruppe soll inoffiziell überwacht werden. Man will strafbare Handlungen dieser Person erkennen und aufdecken. Es geht um die Zeit der Ableistung des Wehrdienstes dieser Person.
Aus einer Notiz des IMB „Roland“ geht hervor, dass vorgeschlagen wurde einen Auftritt der Laienspielgruppe zu verhindern.
Im zweiten Operationsplan „Bekenntnis“ geht es darum die Mitglieder der Laienspielgruppe zu verunsichern und Auftritte zu verhindern. Es gab auch vernünftige Kirchenleute, welche diese Maßnahmen unterstützen
Es wird nach Verbindungen zu späteren bekannten Konterrevolutionären gesucht.
Dann geht es nochmal um Hella Born. Es wird kontrolliert, ob sie noch Kontakte zu der Gruppe hat. Es folgt noch ein Gespräch mit der Direktorin der Schule, die Hella Born besucht.
Dann geht es noch um die Überwachung des wichtigen jungen Mannes und dessen Lebensgefährtin.
In einer Information des IMB „Roland“ wird berichtet, dass in der Gruppe eine pessimistische Stimmung herrscht, weil keine Erfolge mehr verbucht werden können. Auch der Organisator der Gruppe hat sich zurückgezogen
Mit der Besetzung der Gruppe zum damaligen Zeitpunkt konnte sie kein Programm mehr aufführen.
Die Auswertung eines IM-Berichts vom 30.04.1987 ist für die Nachwelt ein wichtiges Dokument. Aber die Nachwelt mag es nicht präsentieren und auswerten, denn es zeigt, wie antikommunistische Propaganda und das Delegitimieren der DDR funktionierten, bzw funktionieren.
In diesem Dokument geht es um Herrn Lydike, der den Wehrdienst und den Ersatzdienst (Bausoldat) verweigern will. (Totalverweigerer)
Herr Lydike hat sich ein raffiniertes Theater ausgedacht, um die antikommunistische Propaganda zu befeuern.
Das MfS hatte rechtzeitig „Wind bekommen“ und Herrn Lydike die Show gestohlen. Was hatte er vor?Er wollte zu seinen Eltern fahren, die seinerzeit in einem kirchlichen Gemeindeheim wohnten. Er wollte dort „seine Verhaftung abwarten“. Einen Zettel mit seinem Aufenthaltsort wollte er an seiner Wohnungstür anbringen. Die erwartete Verhaftung wollte er von, dem MfS namentlich nicht bekannten Personen, mit Fotoapparat und Teleobjektiv dokumentieren lassen. Der vermutete Hergang der Zuführung und Verhaftung sowie Fotos davon sollten in der Zeitschrift „Grenzfall“ veröffentlicht werden. „Grenzfall“ war eine bösartige antikommunistische Zeitschrift, die in der DDR verteilt wurde. Sie wurde illegal in der DDR hergestellt.
Herr Lydike hatte die Gemeindekirchenleitung in Altglienicke über die geplante Aktion informiert und sie gebeten sich nicht einzumischen. Er wollte die Armeezeit in einer Haftanstalt absitzen. Da er mit einer Wohnungsdurchsuchung rechnete, beabsichtigte er illegale Schriften zum Thema Frieden und Umwelt aus der Wohnung zu bringen.
Bei der Aktion des MfS in Absprache mit dem Leiter des zuständigen Wehrkreiskommandos musste darauf geachtet werden, dass der IMB „Roland“ nicht auffliegt. Es war dafür gesorgt worden, dass keine Festnahme erfolgte und keine Fahndung eingeleitet wurde.
Der Herr Lydike sollte bei Nichterscheinen zur Einberufung ca. 2 Tage später zum Wehrkreiskommando Köpenick vorgeladen werden wo ihm der Einberufungsbefehl abgenommen wurde.
Es gab eine Beobachtungsmaßnahme mit dem Ziel der Feststellung und Dokumentation von Personen, die sich auf dem Gelände des Gemeindeheims aufhielten und beabsichtigten die vermutete Festnahme des Herrn Lydike zu dokumentieren.
Es wurde erwogen die Pastorin der evangelischen Kirchengemeinde Altglienicke zu einem Gespräch zur Abteilung Innere Angelegenheiten des Rates des Stadtbezirkes Berlin-Treptow zu bestellen, und die geplante Aktion auszuwerten. (In der DDR war die Abteilung Innere Angelegenheiten eine sehr wichtige kommunale Behörde, wo alle Fäden zusammenliefen.)
IMS „Peter“ berichtete, dass Herr Lydike nun doch seinen Grundwehrdienst antreten wird, um danach doch noch ein Studium aufnehmen zu können. Zuvor erfolgte eine Studienablehnung. Vermutlich wegen dem ganzen „Theater“. Nun ja zumindest ist Herr Lydike vernünftig geworden und eine antikommunistische Aktion ist verhindert worden.
Allerdings war es bei der schieren Masse solcher Aktionen unmöglich alle zu verhindern und die Akteure auf den rechten Weg zu bringen.
In Bericht 2 beschreibt IMB „Roland“ Auflösungserscheinungen der Laienspielgruppe „Die Wühlmaus“ Einige Mitglieder sind beruflich eingebunden, andere schlossen sich anderen kirchlichen Gruppen an und bald war Sommerpause.
Im nächsten Dokument geht es um die Zuarbeit der Kreisdienststelle Treptow an die Bezirksverwaltung Berlin
Es wird über diese Gruppen berichtet, die unter dem Dach der Kirche agierten. Speziell wird nochmal über „Die Wühlmaus“ berichtet.
Es ist vermerkt worden, dass es keine Kontakte zu solchen Gruppieren im sozialistischen Ausland gab. Allerdings gab es Kontakte einzelner Mitglieder der Laienspielgruppe „Die Wühlmaus“ zu Personen in Ungarn und der CSSR.
Es wurden keine Kontakte, bzw. Hinweise zu entsprechenden Plänen zu gegnerischen Zentren und Einzelpersonen festgestellt. Na ja, darum war das Ganze trotzdem nicht harmlos. Heute wissen wir, dass diese Gruppierungen die Keimzellen der Konterrevolution waren.
Das Ziel, die vollständige Zersetzung der Gruppe konnte nicht erreicht werden. Doch es herrschte gegenseitiges Misstrauen in der Laienspielgruppe.
Das nächste Dokument ist eine Spesenquittung.
Dieses Dokument ist für die Nachwelt interessant.
Hier geht es um die Auflösung der Laienspielgruppe „Die Wühlmaus“. Einer der Hauptgründe ist wohl nachlassendes Interesse an die Kabarettaufführungen.
Das dargebotene Programm war in vielen Punkten nicht mehr aktuell. So hatte es zum damaligen Zeitpunkt keinen Sinn mehr zu fordern, dass die SS 20 der UdSSR abgebaut werden, bzw. der Osten als erster abrüsten soll. Durch die Abrüstungsmaßnahmen der UdSSR und den anderen sozialistischen Ländern, waren diese Forderungen nicht mehr aktuell.
Auch einige Forderungen zum Umweltschutz oder zu mehr Meinungsfreiheit waren teilweise nicht mehr aktuell. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass es mit dem Thema Umweltschutz in der DDR widersprüchlich aussah. Zum einen hatte man ein vorbildliches System zur Altstoffverwertung. Und das schon in einer Zeit, als man in der BRD noch nicht über Recycling nachdachte. Zum anderen haperte es, was die Umweltverschmutzung durch die Industrie angeht. Man denke an Bitterfeld, was durch die Konterrevolutionäre direkt aufgegriffen wurde. Hans Reichelt, der Umweltminister der DDR, wollte etwas tun und hatte Kontakt zum Umweltminister der BRD, Klaus Töpfer aufgenommen. Klaus Töpfer war einer der wenigen vernünftigen Politiker in der BRD. Doch es scheiterte an der Finanzierung. Hans Reichelt wandte sich deswegen an Günter Mittag. Doch dieser blockierte. Nach dem Ende der DDR fand man die Briefe von Hans Reichelt an Günter Mittag ungeöffnet. Hätte es dieses Politikversagen nicht gegeben, hätte die Umweltbibliothek keine nennenswerte Rolle gespielt.
Auch in anderen Bereichen hatte die Politik versagt, was den zahlreichen Gruppierungen unter dem Dach der Kirche Auftrieb gab. Auch wenn das Politikversagen in der DDR längst nicht mit dem heutigen Politikversagen vergleichbar ist, so gibt es doch einen entscheidenden Unterschied. Politikversagen in der DDR hatte harte Konsequenzen bis hin zur Beseitigung der DDR. Heutiges Politikversagen ruft zwar Empörung hervor, aber niemand stellt die Existenz des Staates und des kapitalistischen Systems in Frage. Heute gibt es massenhaft Möglichkeiten der Empörung Luft zu machen, die in der DDR fehlten. So wurde Raum für illegales Treiben gegeben.
Ein damals aktuelles Programm hatte „Die Wühlmaus“ nicht mehr. Ein weiterer Grund für die Auflösung der Gruppierung war die hohe Fluktuation der Mitglieder. So konnten die übergesiedelten und zum Wehrdienst einberufenen Mitglieder nicht, bzw. nur ungenügend ersetzt werden. Auch die zu geringe Wirkung auf geplante oder durchgeführte Aktivitäten (auch Provokationen) führte letztendlich zur Auflösung der Gruppe.
Dieser ganze Operativvorgang des MfS dauerte vom 06.06.1984 bist zum 29.12.1987
Es wurden 11 Personen bearbeitet. Es wurden fünf IM eingesetzt.
Es wird über die Maßnahmen zu den einzelnen Personen berichtet. So z.B. die Übersiedlung des „Scharfmachers“ (Herr Buchheim) nach Westberlin, die Einberufung zweier Personen zum Wehrdienst. Das Herauslösen einer Person aus der Laienspielgruppe. Das Forcieren von Differenzen zwischen einzelnen Mitgliedern, speziell zwischen zwei Personen. Das Herausbrechen eines Mitgliedes der Gruppe, welches vom MfS angeworben wurde. Das Platzieren des IMB „Roland“ in der Laienspielgruppe. Die Durchführung von mehreren Gesprächen mit Hella Born und ihren Eltern
Diese und weitere Maßnahmen führten zur Zersetzung der Gruppe.
Allerdings waren einzelne Mitglieder der Laienspielgruppe weiter in anderen sogenannten „Friedens- und Ökogruppen“ aktiv. Nach der Übersiedlung nach Westberlin des Herrn Buchheim wurden er und ein anderer (Name geschwärzt) im OV „Bekenntnis“ nicht mehr operativ bearbeitet.
Weitere Maßnahmen zu Herrn Lydike und einer anderen Person (Name geschwärzt), führten dazu, dass die Mitglieder der Laienspielgruppe im September 1987 beschlossen ihre Gruppe aufzulösen.
Es folgen Erwähnungen weiterer Maßnahmen betreffs verschiedener Personen.
Am 16.12.1987 wurde das Ganze archiviert und am 08.01.1988 bestätigt.
Man kann sagen, dass das Ganze den Effekt der Bekämpfung einer Hydra hatte. Man schlägt einen Kopf ab und es wachsen zwei neue nach.









