Die Entwicklung der russischen Kultur im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert waren Russland und Westeuropa bei weitem enger verbunden als im vorhergehenden Jahrhundert.

Während des Krieges mit Napoleon im Jahre 1812 und in der Zeit der europäischen Feldzüge 1813 bis 1815 lernte Europa Russland und Russland Europa näher kennen. Die Völker Europas verfolgten den heroischen Kampf des russischen Volkes um seine Unabhängigkeit mit Begeisterung. Die russischen Menschen bangten um das Schicksal ihres Vaterlandes. In ihnen wuchs das Streben, ihr Vaterland frei, gebildet und glücklich zu machen. „Jeder fühlte, dass er berufen ist, an der großen Aufgabe mitzuwirken“-bezeugte der Dekabrist Jukuschkin. „Wir waren Kinder des Jahres 1812“ – so erklärte der Dekabrist Murawjow-Apostol die Entstehung seines Freidenkertums.

Auf diese Weise gaben der Vaterländische Krieg des Jahres 1812 und die darauffolgenden Feldzüge in Europa der Erweckung des Nationalbewusstseins des russischen Volkes einen starken Anstoß. Die Gefahren des Jahres 1812 erweckten die russische Nation, schrieb späterhin Tschernyschewskij.

Die Liebe zum Vaterland war bei den russischen Menschen von dem leidenschaftlichen Streben durchdrungen, Russland zu reformieren und es in die Reihe der fortschrittlichen Länder zu stellen. Der Kampf um die Aufklärung Russlands wurde das allgemeine Programm aller fortschrittlichen Menschen des Landes. Der Menschenverstand wurde als jene Kraft anerkannt, die das in Unwissenheit und Unterdrückung schmachtende Russland auf den Weg der Freiheit führen sollte.

Der allgemeine Hang zur Aufklärung zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte auch nicht ohne Auswirkung auf die Maßnahmen der Regierung im Bildungswesen bleiben. Im Jahre 1802 wurde ein Ministerium für Volksaufklärung, Jugenderziehung und Verbreitung der Wissenschaften geschaffen. Zwar war das Ministerium von dem sich im Lande weithin entfaltenden „Freidenkertum“ sehr beunruhigt, jedoch „der Geist der Zeit“ zwang es, sich mit der Einführung der Bildung zu beschäftigen.

Außer der bereits von Lomonossow geschaffenen Moskauer Universität wurden im Jahre 1804 die Universitäten in Kasan, Charkow, Wilno und Derpt (Dorpat) errichtet.

Die Universitäten sollten Bildungszentren des Landes werden. Um sie herum wurden wissenschaftliche Gesellschaften geschaffen. Die besten Professoren und Gelehrten des Landes hielten in den Universitäten Vorlesungen, schrieben Lehrbücher. Die führende Rolle sowohl im wissenschaftlichen als auch im gesellschaftlichen Leben spielte die Moskauer Universität. Selbst nach der Niederwerfung des Dekabristenaufstandes, als die zaristische Regierung das Bildungswesen stark beengte, bewahrte die Moskauer Universität auch weiterhin diese Rolle.

Die zaristische Regierung, die das Anwachsen von Bildung für gefährlich hielt, war bemüht, den Zutritt der Rasnotschienzy in die Schulen, Gymnasien und Universitäten zu beschränken. In den Gymnasien und Universitäten wurde eine hohe Unterrichtsgebühr, die für die Rasnotschienzy unerschwinglich war, eingeführt. An jeder Universität wurde die Zahl der Studenten stark vermindert. Das Lehrprogramm wurde überprüft, um aus ihm „den Geist des Freidenkertums“ auszurotten.

Die zaristische Regierung konnte jedoch das mächtige Streben des russischen Volkes nach Wissen und Fortschritt nicht aufhalten. Nach der Abschaffung der Leibeigenschaft war das Bedürfnis des Landes nach Bildung noch mehr gewachsen. Der Kapitalismus erforderte gelernte Arbeiter, fähige Techniker und kundige Ingenieure. Die Semstwos eröffneten in den Dörfern die Semstwoschulen. In den Städten erhöhte sich die Zahl der städtischen Schulen und der Gymnasien. In den 1860er Jahren wurde das erste Mädchengymnasium errichtet, in den 1870er Jahren wurden in Petersburg die Akademischen Frauenkurse, die den Grund zur akademischen Ausbildung der Frauen legten, geschaffen.  Dem Bedarf der Kapitalisten an technischem Personal Rechnung tragend, eröffnete das Finanzministerium am Ende des 19. Jahrhunderts drei polytechnische Institute und eine beträchtliche Anzahl von mittleren Handels- und technischen Schulen. Die Entwicklung der mittleren und Hochschulbildung, der allgemeinen und speziellen Bildung förderte das Wachstum der russischen Wissenschaft.

Die Entwicklung der russischen Wissenschaft im 19. Jahrhundert zeitigte große Erfolge, die sie nicht nur auf gleiche Stufe, sondern in vielem an die Spitze der Wissenschaft Westeuropas stellten.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verstärkte sich in Russland in ungewöhnlichem Maße das Interesse an den „politischen Wissenschaften“, insbesondere an der Geschichtswissenschaft.

Der russische Historiker Karamsin gab im Jahre 1818 die ersten Bände seines Werkes „Geschichte des Russischen Reiches“ heraus. Ungeachtet dessen, dass der Autor reaktionäre, monarchistische Ansichten verfocht, machten sich die russischen Menschen nach diesen Büchern mit starkem Interesse mit der großen Vergangenheit ihres Vaterlandes bekannt. Puschkin, der dieses Verdienst Karamsins hervorhob, dass Karamsin die Geschichte Russlands ebenso entdeckte wie Kolumbus Amerika.

Nach Karamsin arbeiteten viele russische Gelehrte an der Erforschung der Geschichte Russlands. Das hervorragensde Geschichtswerk in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das vielbändige Werk des berühmten russischen Historikers Solowjów „Geschichte Russlands von den ältesten Zeiten an“.

Die russischen Gelehrten erforschten die Vergangenheit und Gegenwart ihres Landes und seine natürlichen Reichtümer. Damit beschäftigten sich die russischen wissenschaftlichen Geographen. Die kolossalen Gebiete von der Ostsee bis zum Stillen Ozean und von der Arktis bis zum Schwarzen Meer wurden auf Karten eingetragen, in geographische Atlanten aufgenommen, mit Hilfe von wissenschaftlichen Expeditionen beschrieben und erforscht. Die russischen Geographen beschränkten sich aber nicht mehr auf die Erforschung des weiten russischen Landes. In den Jahren 1803 bis 1806 machte Krusenstern als erster Russe eine Reise um die Welt. In den Jahren 1819 bis 1821 gelangte die russische Expedition von Lasarew, die sich durch die Eismassen durchgeschlagen hatte, als erste bis zu den Ufern der Antarktis. Über den ganzen Stillen Ozean liegen Inseln verstreut, die bis auf den heutigen Tag (Stand 1947 P.R.) ihre russischen Bezeichnungen behalten haben:

Die Suworow-Insel, die Kutusow-Insel, die Sandbank „Beregisj“ usw.

Im Jahre 1871 gelangte der russische Gelehrte Miklucha-Maklaj bis zur Insel Neuguinea. Das war der erste Europäer, der zu einem Stamm der Papuas kam, sich unter ihnen einige Jahre aufhielt und ihre Lebensweise und Bräuche erforschte.

Die Expeditionen von Przewalskij, Pewzow, Potanin, Koslow drangen in das Innere von Zentralasien und lieferten der Weltwissenschaft ihren unschätzbaren Beitrag.

Die schöpferischen Ideen der russischen Gelehrten offenabarten sich im 19. Jahrhundert auf allen Wissensgebieten.

Die russische Wissenschaft begann mit den Arbeiten des genialen Lomonossow, der den Grund zu vielen Naturwissenschaften und exakten Wissenschaften legte. Seine Fortsetzer waren, gleich ihm, Aufklärer des russischen Volkes und neuer der Wissenschaft.

Einer von diesen Neuerern war der Professor der Universität Kasan, der geniale Mathematiker Lobatschewskij. Er stellte sein geometrisches System auf, das eine neue Vorstellung vom Raum gab. Der englische Mathematiker Sylvester nannte Lobatschewskij „den Kopernikus der Geometrie“.

In den Jahren 1802 bis 1803 entdeckte der russische Physiker Petrow unabhängig von den ausländischen Gelehrten die Elektrolyse die Grundlage der modernen Elektrochemie. Er entdeckte den Lichtbogen einige Jahre früher als die europäischen Gelehrten.

Die russischen Gelehrten und Erfinder wandte den elektrischen Strom als erste in der Praxis an. Im Jahre 1832 baute Schilling in Petersburg als erster in der Welt einen elektromagnetischen Telegraphen; er hatte ihn zwischen dem Ministerium der Verkehrswege und dem Winterpalast eingerichtet. Einige Jahre später wurde ein ähnlicher Apparat von den Engländern Whitestone und Cook erfunden und erhielt eine weltweite Verbreitung.

Im Jahre 1833 baute der Mechaniker Tscherepanow im Ural die erste russische Dampflokomotive einer originalen Bauart.

Nach der Abschaffung der Leibeigenschaft waren günstigere Bedingungen für die Entwicklung der russischen Wissenschaft geschaffen. Die Gelehrten und Erfinder begegneten jedoch nach wie vor Hindernissen auf dem Wege zur Verwirklichung ihrer schöpferischen Ideen.

Der russische Erfinder Jablotschow konstruierte die erste elektrische Bogenlampe in der Welt. Im Jahre 1875 erleuchteten die „Jablotschkowkerzen“, die unter den regierenden Kreisen des zaristischen Russlands keinerlei Interesse hervorriefen, die Kaufläden und Straßen von Paris. Das von Jablotschkow erfundene elektrische Licht nannten die Franzosen „das russische Licht“. Der russische Elektrotechniker Popow hat als erster den Radiotelegraphen im Jahre 1895 erfunden, jedoch wurden für seine Versuchsanlagen keine Gelder bewilligt. Als Antwort auf das diesbezügliche Gesuch traf der Kriegsminister den Beschluss: „Für ein solches Hirngespinst bewillige ich keine Mittel.“  Der Italiener Marconi wiederholte später die Erfindung des russischen Gelehrten und erhielt volle Anerkennung.

Der hervorragende Mechaniker, der Vater des russischen Flugwesens, Shukowskij, führte erstmalig die Erforschung der Aerodynamik und der Theorie des Flugzeugbaus ein, seine Arbeiten fanden jedoch erst unter der Sowjetmacht Anwendung.

Nikolaj Jegorowitsch Shukowskij 1847 bis 1921
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Der große Chemiker Mendelejew formulierte im Jahre 1869 das geniale Gesetz: Die Eigenschaften der Elemente befinden sich in periodischer Abhängigkeit von ihrem Atomgewicht.“

Dmitrij Iwanowitsch Mendelejew 1834 bis 1907
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Entsprechend diesem Gesetz stellte er die periodische Tabelle der Elemente zusammen, die einen gewaltigen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Chemie ausübte. Die Eigenschaften jener Elemente, die in der Tabelle fehlten, wurden von Mendelejew genau vorhergesagt, und diese Elemente wurden in der Folgezeit entdeckt.

Mendelejew arbeitete auf den verschiedensten Gebieten der Naturkunde, er beschäftigte sich mit den Fragen der Entwicklung der Technik und der Industrie. Er war ein eifriger Anhänger der Errichtung mit fortschrittlicher Technik ausgerüsteten Fabriken und Werken in Russland, und er erblickte in der Industrialisierung des Landes einen Ausweg aus seiner Rückständigkeit. Mendelejew hielt Russland „für einen schlafenden Riesen, für den die Stunde des Erwachens angebrochen war“.

Mendelejew war als Gelehrter kein Einzelgänger wie Lomonossow, sondern Vertreter einer mächtigen wissenschaftlichen Bewegung, die das Russland des 19. Jahrhunderts auf einen der ersten Plätze der Weltwissenschaft stellte.

In der Reihe der Gelehrten von Weltbedeutung befinden sich die russischen Gelehrten I.M. Setschenow, I.I. Metschnikow, K.A. Timirjasew, I.P. Pawlow.

Iwan Michajlowitsch Setschenkow 1829 bis 1905
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Der schöpferische Genius des russischen Volkes zeigte sich auf allen Gebieten der Kultur. Jedoch die größte Erhabenheit und Stärke erreichte er in der russischen Literatur. Schon im 18. Jahrhundert wies in der russischen Literatur viele ruhmvolle Namen auf: Lomonossow, Dershawin, Fonwisin, Radischtschew. Das 19. Jahrhundert setzte die ganze Welt durch den mächtigen Aufschwung der künstlerischen Literatur in Russland in Erstaunen. Der große proletarische Schriftsteller Maxim Gorki hebt ausdrücklich hervor, dass „keine einzige der Literaturen des Westens mit einer solchen Stärke und Schnelligkeit, in solch mächtigem, blendendem Glanze des Talentes ins Leben getreten ist….Nirgends hat sich in einer Zeitspanne von weniger als 100 Jahren ein solch helles Sternbild großer Namen, wie in Russland gezeigt“.

In diesem „Sternbild großer Namen“ gab es aber einen Stern erster Größe. Dies war der große russische Dichter Alexander Sergejewitsch Puschkin. Seine Bedeutung als nationaler Genius war schon von seinen Zeitgenossen begriffen worden. „Die Stimme des Volkes bezeichnete ihn als russischen nationalen Volksdichter“, schrieb Belinskij über Puschkin.

Alexander Sergejewitsch Puschkin 1799 bis 1837
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Puschkin war der Schöpfer der modernen russischen Literatursprache und sämtlicher Arten der russischen Literatur. Mit „Eugen Onegin“, die Enzyklopädie des russischen Lebens, wie Belinskij dieses Werk charakterisierte, legte er den Grund zum russischen Roman, mit der „Hauptmannstochter“ schuf er die erste russische historische Erzählung. Mit seiner Tragödie „Boris Godunow“ gab er das Vorbild für das russische historische Drama. Mit seinen lyrischen Gedichten pflanzte Puschkin, nach den Worten Turgenjews. „als erster mit kraftvoller Hand schließlich die Fahne der Poesie tief in die russische Erde“.

Puschkins Schaffen, vollendet in seiner Form, weist einen tiefen Ideengehalt auf. Seine Werke sind von Liebe und Mitgefühl der Unterdrückten, von Hass gegen die Tyrannen erfüllt. Die düsteren Bilder des Lebens im Lande der Leibeigenschaft weckten des Dichters Zorn und Tadel. Nach Radischtschew schrieb Puschkin die „Ode auf die Freiheit“, in der er zur Vernichtung der Selbstherrschaft aufrief. Mit dem Gedicht „Das Dorf“ brandmarkte Puschkin zornig „das Geschlecht von Herren, die jedes Recht verhöhnen“, das „sein Joch erbarmungslos dem Landmann aufs Genick“ legte.

Puschkin, der den Ideen der Dekabristen warme Sympathie entgegenbrachte, verfasste bemerkenswerte „Sendschreiben nach Sibirien“ und schickte es durch die Frau eines der Verurteilten an die verbannten Dekabristen. Er rief die Dekabristen auf, die Hoffnung nicht zu verlieren und bis zum Ende für die Sache der Freiheit einzutreten.

Die letzten Lebensjahre des großen Dichters vergingen in der qualvollen Atmosphäre von Verleumdungen, Denunziationen und Demütigungen. Im Jahre 1837 wurde er von Dantes, einem Offizier vom Zarenhof, im Duell getötet. In seinem Gedicht „Auf den Tod des Dichters“ brandmarkte Lermontow nicht nur den Mörder, sondern auch die Würdenträger, die den Thron umgaben.

Puschkins Beitrag zur Weltliteratur erkennen bis zum heutigen Tage die fortschrittlichen Menschen aller Länder an. Das Sowjetland ehrte seinen großen nationalen Dichter in hohem Maße. Puschkin war der beliebteste Dichter sämtlicher Völker der Sowjetunion.

Michail Jurewitsch Lermontow 1814 bis 1841
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Lermontow, der Nachfolger Puschkins, hielt es gleichfalls für die Pflicht des Dichters und Schriftstellers, dem Vaterland und der Freiheit zu dienen. In den Poemen „Mzyri“, „Das Lied vom Zaren Iwan Wassiljewitsch“, „Dämon“ und im Roman „Ein Held unserer Zeit“ schuf Lermontow das Bild eines stolzen, freiheitsliebenden Menschen, der sich der Unterdrückung und dem zwang nicht fügen will. Der rebellische Held des Poems „Mzyri“ kennt „nur die eine, aber flammende Leidenschaft“: die Liebe zur Freiheit. Die Lermonontowschen Dichtungen, Verse und Romane sich erfüllt von heißer und eindringlicher Liebe zum Vaterland, von Mitgefühl für die Unterdrückten und von Hass gegen die Bedrücker.

Nikolaj Wassiljewitsch Gogol 1809 bist 1852
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts zeichnete der große russische Schriftsteller Gogol treffende und wahrheitsgetreue Bilder des russischen Lebens in seinen Werken.  Seine genialen Schöpfungen „Der Revisor“, „Die toten Seelen“ und andere erschütternde, zornerfüllte Bilder des leibeigenen Russlands. Herzen schrieb über den Eindruck, den Gogols „Tote Seelen“ hervorriefen: „Die Toten Seelen‘ haben ganz Russland erschüttert. Eine solche Anklage war dem zeitgenössischen Russland notwendig. Die ist eine Krankheitsgeschichte, von Meisterhand geschrieben.“

In Gogols Werken „Der Revisor“, „Die toten Seelen“, „Der Mantel“ sind Typen geprägst worden, worin „unter dem sichtbaren Lachen“ des Dichters seine „der Welt unsichtbaren Tränen“ verborgen waren. Bei der Darstellung solcher Gestalten wie Tschitschikow, Sobakewitsch, Manilow und Chlestakow sah Gogol gleichzeitig schon ein neues Russland vor sich und sehnte sich danach, indem er rief: „Russland! Russland! Ich sehe dich von meiner wunderbaren, herrlichen Ferne, ich sehe dich!“ Gogol schuf aber auch positive Gestalten. Eine solche ist die des Sohnes des ukrainischen Volkes Bulba.

Der große Satiriker Saltykow-Schtschedrin entlarvte in seinen Werken boshaft und treffsicher die Gutsbesitzer, die Beamten, die aufkommende Bourgeoisie. In der „Geschichte einer Stadt“, in den „Herren Golowljow“, in den „Erzählungen aus dem alten Poschechonien“ zeichnete Saltykow ein markantes Bild des Verfalls der leibeigenen Gesellschaftsordnung.

Alexander Nikolajewitsch Ostrowskij 1823 bis 1886
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Der Dramatiker Ostrowskij zeigte das dunkle Reich der Kaufleute, der bestechlichen Kreaturen, der parasitären Ausbeuter. Seine Theaterstücke „Der Wald“, „Das Gewitter“, „Eine einträgliche Stelle“, „Armut ist keine Schande“ geben ein breites und wahrheitsgetreues Bild des russischen Lebens um die Mitte des 19. Jahrhunderts.

 

Iwan Sergejewitsch Turgenjew 1818 bis 1883
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Der berühmte Schriftsteller Turgenjew schilderte in seinem „Tagebuch eines Jägers“ teilnahmsvoll und schwermütig die Lebensweise und die geistige Welt der Bauern. Seine Romane: „Das Adelsnest“, „Rudin“, „Am Vorabend“, „Väter und Söhne“ schildern jene Zersetzung, die in der russischen Gesellschaft am Vorabend der Abschaffung der Leibeigenschaft vor sich ging. Turgenjew schuf markante Typen jener „überflüssigen Menschen“, die nicht wussten, was sie mit ihren Kräften im Lande der Leibeigenschaft anfangen sollten.

Gontscharow zeichnet in seinen Romanen „Eine gewöhnliche Geschichte“, „Der Abgrund“ und „Oblomow“ wirklichkeitsnah und in bilderreicher Sprache das Russland der Beamten und der Gutsbesitzer vor der Reform der 1860er Jahre. Dobroljubow weist auf die gewaltige gesellschaftliche Bedeutung des Romans „Oblomow“ hin, der ein Urteilsspruch über die gesamte leibeigene Gesellschaftsordnung war.

Fjodor Michajlowitsch Dostojewskij 1821 bis 1881
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

In den 1840er Jahren wurde Dostojewskij durch seinen Roman „Arme Leute“ bekannt. Seine Romane „Schuld und Sühne“, „Der Idiot“, „Die Brüder Karamasow“ brachten ihm Weltruhm ein. Dostojewskij zeichnete in ihnen in genialer Weise Bilder der Erniedrigung und der Herabwürdigung der Persönlichkeit in der kapitalistischen Gesellschaft.

 

Leo Nikolajewitsch Tolstoi 1828 bis 1910
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

In den 1850er Jahren trat der „große Schriftsteller des russischen Landes“, Leo Tolstoi, auf den Plan. Seine genialen Werke „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“, „Auferstehung“ enthalten, wie Lenin sagte, unvergleichliche Bilder des russischen Lebens“. In der größten Schöpfung der russischen Literatur – in dem Roman „Krieg und Frieden“- wird der heldenhafte Kampf des russischen Volkes um seine Unabhängigkeit im Jahre 1812 geschildert. Dieser Roman ist von dem tiefen Glauben an die schöpferischen Kräfte des großen russischen Volkes erfüllt.

 

Anton Pawlowitsch Tschchow 1860 bis 1904
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Am Ende des 19. Jahrhunderts trat der vortreffliche Schriftsteller Anton Pawlowitsch Tschechow hervor. In seinen satirischen Werken geißelt er die unnützen Flenner, die bürgerlichen Liberalen, die Kleinbürger. Keiner vor ihm vermochte den Menschen das schmähliche und traurige Bild ihres Lebens im trüben Chaos des kleinbürgerlichen Alltags so schonungslos wahr zu zeigen“, schrieb Gorki über Tschechow„Sein Feind war die Banalität, sein ganzes Leben lang bekämpfte und verspottete er sie und schilderte sie mit seiner kühlen, spitzen Feder.“

Alexej Maximowitsch Gorki 1868 bis 1936 (Foto aus dem Jahre 1899)
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts brachte die junge Arbeiterklasse Russlands ihren genialen Künstler, den großen proletarischen Schriftsteller Alexej Maximowitsch Gorki hervor. Er wurde am 16. März 1868 in Nishnij-Nowgorod in der Familie eines Kunsttischlers geboren. Nach dem frühen Verlust seines Vaters begann für ihn mit dem 10. Lebensjahr ein arbeitsames, an Entbehrungen und Umherwandern reiches Leben. Seine schwere und freudlose Kindheit beschrieb Gorki in den vortrefflichen Büchern „Kindheit“ und „Unter fremden Menschen“. Schon in seiner Jugend machte er sich mit den Revolutionären bekannt. Sein herz entflammte in zornigem Protest gegen die Ausbeuter, brannte in heißem Mitgefühl für die Unterdrückten und Ausgebeuteten. Diese Gefühle des jungen revolutionären Schriftstellers fanden in seinen Werken ihren Niederschlag. Im Jahre 1901 ertönte wie Sturmgeläut das berühmte „Lied vom Sturmvogel“, das zur Revolution aufrief. „Mag der Sturm noch stärker brausen“, rief der Dichter, der dafür den Beinamen „Sturmvogel der Revolution“ erhielt. Schon zu jener Zeit wurde Gorki der Lieblingsschriftsteller nicht nur des russischen, sondern auch des westeuropäischen Proletariats.

Im Jahre 1902 wurde Gorki zum Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften gewählt, die zaristische Regierung hielt die Wahl des revolutionären Schriftstellers jedoch für eine „Frechheit“ und strich seinen Namen von der Liste der Akademiker. Zum Zeichen des Protestes verzichteten die Schriftsteller Tschechow und Korolenko auf ihre Ehrenmitgliedschaft der Akademie.

Immer neue Werke Gorkis erschienen im Druck. Sie waren von dem Glauben an den neuen Menschen, an den aufopferungswilligen Kämpfer um die Freiheit, an den stolzen, kühnen und starken Schöpfer eines neuen Lebens durchdrungen. „Mensch – das klingt stolz!“ schrieb Gorki. In dem Roman „Die Mutter“ begrüßte er mit Jubel die junge Arbeiterklasse Russlands. „Wenn man auf sie schaut, da sieht man – Russland wird die hervorragendste der Demokratien der Erde sein“, sagt einer der Helden des Romans „Die Mutter“ über die neue Generation der russischen Arbeiter.

Lenin begrüßte das Erscheinen des talentvollen proletarischen Schriftstellers warm Er sah den Beweis der geistigen Kraft der neuen revolutionären Klasse, die die Welt umgestalten wird. „…Gorki“ schrieb Lenin„ist zweifellos der größte Vertreter der proletarischen Kunst…“

Die russische Literatur des 19. Jahrhunderts war die fortschrittlichste Literatur der Welt. Ihr ideeller Reichtum setzte Europa in Erstaunen. Gorki schrieb: „In der russischen Literatur fanden die großen, von der Menschheit geschaffenen Freiheitsideen ihren treffenden Ausdruck.“

Der hohe Ideengehalt entsprang der ursprünglichen und tiefen Verbindung der russischen Literatur mit dem großen russischen Volk und seinem Freiheitskampf.

Die Verbindung der russischen Literatur mit der russischen gesellschaftlichen Befreiungsbewegung war nicht zufällig. Herzen erklärte diese Besonderheit der russischen Literatur folgendermaßen: Bei einem Volke, das keine politische Freiheit besitzt, ist die Literatur die einzige Tribüne, von deren Höhe herab es den Schrei seiner Empörung und seines Gewissens vernehmen lassen kann.“

Die Schriftsteller waren die fortschrittlichen Vertreter der revolutionären Generationen im Russland des 19. Jahrhunderts. Die russische Literatur war die hauptsächliche Pflanzstätte der fortschrittlichen gesellschaftlichen Idee und der erste Erzieher der jungen revolutionären Generationen. Von Radischtschew an war die russische Literatur von dem Gefühl der sozialen Gerechtigkeit durchdrungen. Die fortschrittlichen Schriftsteller machten nicht „Gott“, nicht die „Natur“ für den Kummer und die Leiden des russischen Volkes verantwortlich, sondern jene soziale Ordnung, deren Abänderung die Menschen selbst vornehmen sollten. Die besten fortschrittlichen Schriftsteller und Dichter Russlands des 19. Jahrhunderts waren Demokraten, leidenschaftliche Verteidiger der Freiheit, die den Zarismus und die Leibeigenschaft im Lande hassten.

Die Liebe zum Vaterland und der Nationalstolz der russischen Schriftsteller verwandelten sich bei ihnen niemals in nationale Beschränktheit.

Belinskij bestimmte in einem Artikel, der der Lyrik Lermontows gewidmet war, die Auffassung des Patriotismus, der sich durch die gesamte russische Literatur hindurchzieht, folgendermaßen: „Sein Vaterland lieben, heiß, glühend zu wünschen, in ihm die Verwirklichung des Ideals der Menschheit zu sehen und nach Maßgabe seiner Kräfte dazu beizutragen.“

Die großen fortschrittlichen Ideen fanden auch in der Kunst ihren Niederschlag. Die Vertreter dieser Ideen waren im 19. Jahrhundert in der Literatur: Puschkin, in der Malerei: Wenezianow, in der Musik: Glinka. Wenezianow stellte als erster in der Malerei das einfache russische Leben und eine rein russische Landschaft dar.

In den 1860er Jahren erhalten in der darstellenden Kunst die demokratischen Ideen eine große Verbreitung. Eine Gruppe von Absolventen der Akademie der Künste, die gegen die reaktionäre Richtung in der Kunst protestierten, gründete die „Genossenschaft der Wanderausstellungen“. Die Künstler dieser Genossenschaft traten für eine national-russische, wahrhaft völkische und realistische Richtung in der Kunst ein. Aus der Mitte dieser „Wanderaussteller“ gingen die drei nationalen Künstlerriesen: Reptin, Surikow und Levitan hervor.

Ilja Jefimowitsch Reptin 1844 bis 1930 (Selbstbildnis)
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Reptins Bilder stellen mit einem tiefen Realismus und künstlerischer Vollendung das Leben und die Arbeit des russischen Volkes dar. Die „Burlaki“ („Die Wolgaschlepper“) – ausgemergelte Menschen, die sich mit allen Kräften in den Schleppgurt stemmen, treideln den schweren Schleppkahn. „Der Kreuzzug im Gouvernement Kursk“ – umgeben von Polizisten, im Schatten von Kirchenfahnen, versengt von einer unbarmherzigen Sonne, schreitet die erschöpfte und zerlumpte Volksmenge in der Prozession und bittet um Regen. Reptins Bilder sind vom Mitgefühl für das unterdrückte Volk erfüllt. Sein Bild „Saporoshzy“ („Die Saprosher Kosaken“) zeigt die unbezwungen Kosaken-Freischar, die auf die Drohungen der Feinde mit fröhlichem Spott antwortet.

 

Surikows Bilder sind von der Begeisterung über den mächtigen Volksgeist durchdrungen, der im Namen einer Idee zu Tod und Pein bereit ist. Seine „Bojarin Morosowa“, „Stepan Rasin“ und andere stellen die Volksmassen in den krisenhaften Augenblicken der russischen Geschichte dar.

Levitans Bilder: „Goldender Herbst“, „März“, „Abend an der Wolga“, „Die ewige Ruhe“ spiegeln mit großer Eindringlichkeit und Liebe die reine, sanfte und schwermütige russische Natur wieder.

Das Gedächtnis des russischen Volkes wird für immer die Namen so bedeutender Künstler bewahren wie: Perow mit seiner „Trojka“, „Teestunde in Mytischtschi“ und mit den Porträts der hervorragenden russischen Schriftsteller; Schischkin mit seinen wunderbaren Bildern „Morgen im Fichtenwalde“, „Roggen“ usw.; Kramskoj, ein hervorragender Schöpfer von Porträts der großen Repräsentanten der russischen Kultur; Serow, ein bemerkenswerter russischer Maler; Aiwasowskij, der das Meer ausgezeichnet darstellte: „Der Sturm“, „Die neunte Woge“; Wereschtschagin mit seinen Kriegs- und Schlachtenbildern: „Apothes des Krieges“, „Tödlich verwundet“ und andere; Wasnezow, der sich den russischen Märchen und Heldensagen in seinen berühmten Bildern zugewendet hat: „Drei Recken“, „Aljonuschka“ und Polenow mit seinen Bildern: „Großmütterchens Garten“, „Die Kranke“, „Moskauer kleiner Hof“.

Der nationale Genius des russischen Volkes zeigte sich im 19. Jahrhundert auch im musikalischen Schaffen. Der Stammvater der russischen Oper und der symphonischen Musik war Glinka.

Michail Iwanowitsch Glinka 1804 bis 1857
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Er verwertete den unausschöpflichen Reichtum der Volksweisen, die schöpferischen Errungenschaften der westeuropäischen Musik und schuf geniale Vorbilder der russischen musikalischen Kunst. Glinkas Opern: „Ruslan und Ludmila“ und „Iwan Sussanin“ wurden klassische Werke nicht nur der russischen Musik, sondern auch der Musik der gesamten Welt.

Einen großen Beitrag zur russischen Musikkunst leisteten in den 1860er und 1870er Jahren die Komponisten, die sich in der musikalischen Gemeinschaft „Das mächtige Häuflein“ zusammengeschlossen hatten. Die Komponisten des „Mächtigen Häufleins“; Balakirew, Borodin, Kjui, Mussorgskij und Rimskij-Korssakow: „Schneewittchen“, von Mussorgskij: „Boris Godunow“ und „Chowanschtschina“, stellten zum ersten Mal in der Opernkunst das Volk in der Eigenschaft des Haupthelden des Werkes dar.

Den 80-90er Jahren des 19. Jahrhunderts gehört die Blütezeit des Schaffens Tschaikowskijs an, eines der größten Komponisten der Welt.

Peter Iljitsch Tschaikowskij 1840 bis 1893
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Tschaikowskij gelang es wie keinen anderen, die besten Traditionen der nationalen Kunst mit den hohen allgemeinmenschlichen Gefühlen und Idealen zu einer harmonischen Einheit zu verbinden. Das ist der Grund, weshalb die Menschen der verschiedenen Länder und Völker Tschaikowskijs Musik nachempfinden und verstehen.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich auch das russische Nationaltheater. Mit dem Namen des hervorragenden Künstlers Schtschepkin ist die Blüte des Kleinen Theaters in Moskau verbunden. In diesem Theater traten die großen russischen Schauspieler und Schauspielerinnen auf: Sadowskij, Fedotowa, Jermolowa; in den besten russischen Schauspielnen: „Muttersöhnchen“ von Fonwisin, „Das Unglück, klug zu sein“ von Gribojedow, „Der Revisor“ von Gogol, die Theaterstücke von Ostrowskij und später Tschechow und Gorki. Über die Rolle des Kleinen Theaters äußerten sich die besten russischen Menschen: „Auf der Moskauer Universität haben wir gelernt, im Kleinen Theater sind wir erzogen worden.“

Im Jahre 1917 schrieb der große proletarische Schriftsteller Gorki in Bezug auf die schöpferische Leistung des russischen nationalen Genius im 19. Jahrhundert: „Auf dem Gebiete der Kunst, in der Schaffenskraft des Herzens, hat das russische Volk eine erstaunliche Kraft bewiesen, indem es unter den entsetzlichsten Bedingungen eine herrliche Literatur, eine wunderbare Malerei und eine originale Musik schuf, die die ganze Welt bewundert. Der Mund des Volkes war verschlossen, die Flügel der Seele gebunden, doch sein Herz gebar Dutzende von großen Künstlern des Wortes, des Tones, der Farbe.“

 

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

 

 

Original-Autorin: Anna Michailowna Pankratowa

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland, Band 1

Die Bildung des russischen Nationalstaates

1. Die militärischen Erfolge Rusjs unter Iwan III.

Im 14. Und 15. Jahrhundert begann das nordöstliche Rusj, das sich allmählich von der tatarischen Verheerung erholte, den Weg des wirtschaftlichen Aufstiegs zu beschreiten. Die zerstörten Städte und Dörfer wurden wieder aufgebaut, das Handwerk blühte auf, der Handel wuchs an. Die ökonomische Isolierung der russischen Fürstentümer verringerte sich, die gegenseitigen wirtschaftlichen Verbindungen nahmen zu. Moskau verwandelte sich in ein großes Handelszentrum des Landes. Es entstanden hier Kaufläden und Verkaufshallen mit überseeischen und russischen Waren. Aus Westeuropa schaffte man über Nowgorod und Twer nach Moskau Tuch, Wein, Waffen, Kostbarkeiten. Über Nishnij-Nowgorod und Rjasan brachte man Waren des Ostens auf den Moskauer Markt.

Im 14. Jahrhundert beginnt sich die großrussische Nationalität herauszubilden. Aus den örtlichen Mundarten entsteht die einheitliche russische Sprache. Im 14. Jahrhundert erfolgt auch die Formierung der dem russischen Volke verwandten Nationalitäten: der Ukraine (davon wollen die Ukrainer heute nichts mehr wissen P.R.) und der Bjelorussen.

Das Anwachsen der wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den einzelnen russischen Fürstentümern förderte auch ihre allmähliche Einigung in einem einheitlichen russischen Nationalstaat. Auf dieses Ziel waren auch die Einigungsbestrebungen der Moskauer Fürsten gerichtet. Nur zwei der stärksten Nebenbuhler Moskaus: Nowgorod und Twer setzten den Kampf um die Bewahrung der Macht fort. Die Nowgoroder Bojaren, die am Ruder waren, begannen den Schutz und die Hilfe des polnisch-litauischen Königs zu suchen. Iwan III. kam im Jahre 1477 mit einem großen Heer nach Nowgorod und gab seinen Willen kund: „In Nowgorod soll keine Wetscheglocke (Volksversammlungsglocke) sein, soll kein Oberhaupt die Herrschaft haben, den Staat führen Wir! Dies bedeutete das Ende der Selbstständigkeit Nowgorods. Nach großem innerem Kampfe entschlossen sich die Nowgoroder dazu, „dem Moskauer Fürsten das Kreuz zu küssen“. Die Wetscheglocke wurde abgenommen und nach Moskau auf den Glockenturm der Uspenskij-Kathedrale im Kreml gebracht.

Nach Nowgorod unterwarf sich Moskau auch Twer, das sich in seinem Kampfe auf die Litauer stützt hatte. Auf diese Weise vereinigte Iwan III. fast alle russischen Länder um Moskau und bildete einen einheitlichen Russischen Staat. Nur war dieser von feindlichen Nachbarn umgeben, vor allem aber war er immer noch von den mongolo-tatarischen Khanen abhängig.

Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts befand sich die Goldene Horde im Zustand des Niedergangs und inneren Verfalls.

Im 15 Jahrhundert schied aus ihrem Verband das selbstständige Kasaner Khanant, mit Kasan als Zentrum, aus. Die Kasaner Tataren unterwarfen sich die Völker des Wolgagebietes: die Mordwinen, die Mari, die Udmurten, die Tschuwaschen. Auch die Baschkiren, die an den Flüssen Belaja und Ufa nomadisierten, wurden den tatarischen Khanen unterworfen. Sämtlichen von den Tataren unterjochten Völkern wurde ein großer Tribut (oder „Jassak“) auferlegt.

Das zweite selbstständige Khanat bildete sich in der Krim. Die tatarischen Feudalherren bemächtigten sich der Ländereien der Ureinwohner der Krim und belasteten sie mit schwerem Tribut. Der Krimer Khan Mengly-Girej unternahm verheerende Einfälle in die südrussischen Lande und selbst nach Litauen.

Die Tataren östlich vom Ural bildeten das Sibirische Khanat, das in eine große Anzahl von kleinen Fürstentümern (oder „Ulussen“) aufgeteilt war. In Sibirien unterjochten die Tataren die ansässigen Völker und zwangen sie, den Tribut (Jassak) in Gestalt von Pelzwerk zu leisten. Auf dem Territorium des jetzigen Kasachstan bildete sich die Kasacher Horde. Auf diese Weise zerfiel die unlängst noch mächtige Goldene Horde in einzelne unabhängige Staaten und büßte ihre frühere Stärke ein.

Die Moskauer Fürsten, die den Zerfall der Goldenen Horde sahen, waren mit Kräften bemüht, sich ihrem Einfluss zu entziehen. Iwan III. war kein einziges Mal zur Horde gefahren; den Tribut oder den sogenannten „Wychod“ (Ertrag), leistete er unpünktlich und unregelmäßig. Er machte sich auch die ununterbrochenen inneren Fehden der tatarischen Kahne gegeneinander zunutze. Als einer von ihnen, der Krimer Khan Mengly-Girej, sich gegen die Goldene Horde erhob, schloss Iwan III. mit ihm ein Kriegsbündnis. Der hierdurch in Unruhe versetzte Khan der Goldenen Horde, Achmat, stellte im Jahre 1480 ein großes Heer auf und zog gegen Moskau. Iwan III. rückte ihm mit einem großen Heer entgegen. Beide Heere gingen bis an den Ugrafluss vor und schlugen an den gegenüberliegenden Ufern ihre Lager auf. Aber weder die Tataren noch die Russen entschlossen sich, den Fluss zu überschreiten und als erste den Kampf zu beginnen.

Ab November fror der Fluss zu. Iwan Wassiljewitsch befahl seinen Kriegern, von den Ufern der Ugra nach Borowsk abzurücken, wo er den Tataren eine entscheidende Schlacht zu liefern gedachte. Die Tataren errieten seinen Plan und zogen ab, da sie eine Entscheidungsschlacht nicht annehmen wollten. Zu dieser Zeit überfiel der Bundesgenosse Iwans III., Mengly-Girej, die Goldene Horde. Der Kahn Achmat beeilte sich, zur Goldenen Horde zurückzukehren, wurde aber auf dem Wege dorthin von dem sibirischen Khan überfallen und erschlagen. Die goldene Horde verlor endgültig ihren Einfluss auf Moskau.

So warf das russische Volk im Jahre 1480 für immer das schwere und demütigende tatarische Joch ab. Nachdem der Russische Staat seine Unabhängigkeit verteidigt hatte, erhielt er die Möglichkeit eines weiteren Wachstums und einer weiteren Festigung.

Die durch die inneren Fehden und durch den unaufhörlichen, immer mehr anwachsenden Widerstand des russischen Volkes geschwächte Goldene Horde wurde im Jahre 1502 endgültig von den Krim-Tataren vernichtet. Am Orte der Goldenen Horde, im Mündungsgebiet der Wolga, bildete sich ein kleines Khanat. Seine Hauptstadt war Astrachan.

Die Bildung eines starken Russischen Staates und die Befreiung vom Tatarenjoch erlaubten es Iwan III., die allmähliche Rückkehr der russischen Gebiete, die von Litauen und Polen seinerzeit geraubt worden waren, in Angriff zu nehmen.

Mit dem Anwachsen und der Festigung des Moskauer Staates nahm unter der Bevölkerung der westrussischen, von den litauischen Fürsten eroberten Gebiete Moskaus Anziehungskraft zu. Iwan III. nahm die russischen Fürsten, die aus Litauen geflohen waren, gern in seine Dienste, ihre Ländereien aber verleibte er dem Moskauer Staat ein. Wegen dieser Gebiete brach im Jahre 1500 der Krieg zwischen Litauen und Moskau aus. Der deutsche Livländische Ritterorden, der die Stärkung des Russischen Staates fürchtete, schloss mit Litauen ein Bündnis.

Der Livländische Orden begann immer dringender, den römischen Papst um seine Unterstützung bei der Organisierung eines Kreuzzuges gegen die Russen zu ersuchen. Jedoch gelang es ihm nicht, sämtliche Feinde des Moskauer Staates zu vereinigen. Litauen schloss einen Waffenstillstand mit Moskau. Der Livländische Orden, der eine ernste Niederlage erlitten hatte, schloss gleichfalls Frieden und verpflichtete sich, dem Moskauer Großfürsten einen Jährlichen Tribut für das Jurjewer (Dorpater) Gebiet, das ehemals den Russen gehört hatte, zu leisten. Der erstarkte Russische Staat nahm nach der Befreiung vom tatarischen Joch eine angegeshene Stellung unter den übrigen europäischen Staaten ein. Zwischen Moskau und den Staaten Westeuropas entwickelten sich lebhafte Handelsbeziehungen. Im Jahre 1453 eroberte der damals mächtige türkische Sultan die Hauptstadt des byzantinischen Reiches, Konstantinopel. Ganz Europa erwartete mit Zittern den Einfall der Türken in die westeuropäischen Staaten. Die Vertreter verschiedener Länder suchten „Moskowien“ auf, um mit ihm ein Kriegsbündnis gegen die Türken abzuschließen. Auch der Papst fing an, die Hilfe des mächtigen russischen Staates zu suchen. Er erbot sich, eine Ehe Iwans III. mit der Nichte des letzten griechischen Kaisers, Sophie Palèolog, anzubahnen. Nachdem sich Iwan III. mit dem byzantinischen Kaiserhaus verschwägert hatte, begann er sich als Nachfolger der griechischen Kaiser zu betrachten. Er ersetzte sogar das Moskauer Wappen, das einen Reiter darstellte, durch das byzantinische mit dem Abbild des zweiköpfigen Adlers. Jedoch duldete Iwan III. keinerlei Einmischung der Ausländer in die Angelegenheiten des Russischen Staates.

Unter Iwan III. festigte sich die innere und äußere Stellung des Moskauer Großfürstentums sehr. Früher war es eins der vielen Fürstentümer des nördlichen Rusj gewesen; jetzt hatten sich um Moskau sämtliche russischen Fürstentümer vereinigt, und der Moskauer Großfürst wurde der Herrscher des gesamten russischen Landes.

Alle hohen Ämter im Staate hatten die adligen und vornehmen Fürsten und Bojaren inne. Bei Verteilung der Stellen in der staatlichen Verwaltung wurde peinlich auf den Grad des Adels gesehen. Eine solche Ordnung wurde „Amtsbesetzung nach Geburtsrecht“ genannt.

In den einverleibten Gebieten ernannte der Großfürst seine Statthalter. Nach altem Brauch „ernährten“ sich die Statthalter auf Kosten der Bevölkerung. Im Unterschied zu früheren Zeiten setzte Iwan III. eine genaue Norm des Unterhalts in natura oder in Geld fest. Sämtliche Staatsangelegenheiten wurden von besonderen Behörden (den Prikasy) verwaltet. IM Jahre 1497 gab Iwan III. den „Sudebnik“, eine Gesetzessammlung heraus, welche die einheitliche Regelung der Verwaltung und Gerichtsbarkeit im Staate festlegte. Gemäß diesem „Sudebnik“ nahm die leibeigene Anhängigkeit des Bauern zu. Jetzt durfte er erst nach Beendigung sämtlicher Arbeiten vom Grundbesitzer weggehen. Der Weggang war gestattet eine Woche vor und eine Woche nach dem Jurjewtag (26. November). Wenn der Bauer diese Frist versäumte, war er verpflichtet, bis zum folgenden Jurjewtag bei dem Grundbesitzer zu bleiben. Vor seinem Weggang musste der Bauer alle seine Schulden bei dem Grundbesitzer begleichen. Dies war jedoch fast unmöglich. Die Bauernschaft wurde mehr und mehr versklavt.

Die herrschende Klasse im Russischen Staate am Ende des 15. Jahrhunderts waren wie vorher die Grundbesitzer, die Bojaren. Unter Iwan III. erstarkte jedoch eine neue Gruppe von Grundeigentümern: der Dienstadel. Das Wort „Dworjanin“ (Adliger) ist schon Ende des 12. Jahrhunderts bekannt, anfangs bezeichnete es einen Diener des Fürstenhofes. Alle freien Leute, die den fürstlichen „Hof“ („Dwor“) bildeten, erhielten für die im fürstlichen Her oder Haushalt geleisteten Dienste Land.

Iwan III. zog eine große Anzahl mittlerer und kleinerer Grundeigentümer zur Leistung von Kriegsdiensten heran und gab ihnen für ihre Dienste Land, aber nicht volles Eigentum, sondern in „Lehen“. Der Besitzer des Lehnslandes hatte weder das Recht, das Land zu verkaufen, noch es in andere Hände zu geben. Er hatte nur die Nutznießung aus diesem Land während der Zeit der Dienstleistung. So waren also die Grundbesitzer, soweit sie „Wotschinniki“ (Bojaren) waren, d.h. Stammgüter besaßen, uneingeschränkte Eigentümer ihres Landes, während die Grundbesitzer, soweit sie „Pomeschtschiki“ (Lehns- oder Hofleute) waren, nur die Nutznießung ihres Lehnslandes hatten. Die „Pomeschtschiki“ (Gutsbesitzer) zogen den Pachtzins der von den Bauern ein, nutzten die Arbeitskräfte der Bauern für ihre Wirtschaft aus, waren von Abgaben befreit, solange sie dem Großfürsten dienten. Daher war der an der Festigung der großfürstlichen Macht interessierte Dienstadel eine feste Stütze Iwans III. in seinem Kampf mit den Überbleibseln der feudalen Zersplitterung. Die aufkommende Selbstherrschaft entstand als die Macht der höfischen Grundbesitzer (der Pomeschtschiki).

Moskau, das die Hauptstadt des Russischen Staates geworden war, wurde sein wirtschaftliches, religiöses und kulturelles Zentrum.

Auf Einladung Iwans III. kamen nicht nur ausländische Kaufleute und Diplomaten nach Moskau, sondern auch Architekten, Maler Ärzte, Besonders eng war der russische Staat mit dem zu jener Zeit kultiviertesten der westeuropäischen Länder – mit Italien – verbunden. Von dort her kamen geschickte Baumeister, die in Moskau große steinerne Kathedralen und den neuen großfürstlichen Palast bauten.

Die russischen Meister, die sich schnell die fremdländischen „Kunstgriffe“ aneigneten, entwickelten eine russische Kunst. Die Selbstständigkeit der russischen Kunst zeigte sich besonders beim Umbau des Kremls und der Ausschmückung Moskaus, der Hauptstadt des Staates.

Mit großem Geschmack erbaute Iwan III. seine Hauptstadt und verschönerte sie. Vor Iwan III. war Moskau fast ausschließlich mit Gebäuden aus Holz bebaut gewesen. Jetzt wurden unter Leitung des berühmten italienischen Architekten Fioravanti viele architektonisch bemerkenswerte steinerne Gebäude errichtet. Fioravanti war ein vielseitig gebildeter Baumeister und Ingenieur. Unter seiner Leitung wurde der Bau der neuen Uspenskij-Kathedrale und der ersten Geschützgießerei in Rusj begonnen. Am Ufer des Flüsschens Ngelinnaja, dort, wo jetzt (Stand 1947 P.R.) die Puschetschnaja Uliza (Kanonenstraße)hindurchführt, begann binnen kurzem der Puschetschnyj-Dwor (der Kanonenhof) zu arbeiten, in der Nähe breitete sich eine Vorstadt aus, die von den Fabrikschmieden bewohnt wurde, von denen die Straßenbezeichnung „Kusnezkij Most“ (Schmiedebrücke) herrührt. Auch Pulver für Kanonen begann man in Moskau herzustellen. Als zwei russischen Bergleute im Norden, in der Nähe der Petschora. Silber- und Kupfererz entdeckten, begann man, aus diesem Erz Metalle zu schmelzen und neues Geld zu prägen. Für die Unterbringung der staatlichen Münze wurde ein besonderes steinernes Gebäude errichtet.

Rings um den Kreml erhoben sich neue steinerne Mauern. Diese Kremlmauern haben sich bis in unsere Zeit erhalten. Nur die schönen Spitzen der Türme, auf denen unter der Sowjetmacht die rubinroten Sterne erglänzten, wurden im 17. Jahrhundert aufgesetzt. Unter den Bauten des Kremls hob sich durch seine Pracht der neue fürstliche Palast hervor. Hier im geräumigen gewölbten Saale – in der „Granowitaja Palata“ – wurden in feierlicher Aufmachung die ausländischen Gesandten empfangen.

Die ausländischen Reisenden, die in Moskau gewesen waren, erzählten mit Erstaunen von den gewaltigen Bauarbeiten in der russischen Hauptstadt, von dem Reichtum und der Macht des Moskauer Herrschers.

Indem Marx das Fazit der politischen Erfolge Iwans III. zog, schrieb er, dass Iwan III. am Anfang seiner Regierung (1462 bis 1505) noch ein tatarischer Tributpflichtiger war; seine Macht wurde von den Teilfürsten angefochten, Nowgorod, das an der Spitze der russischen Republiken stand, herrschte im Norden Russlands; der polnisch-litauische Staat trachtete danach, Moskowien zu erobern, schließlich hatten auch die livländischen Ritter die Waffen noch nicht gestreckt. Am Ende seiner Regierung sehen wir Iwan III. auf einem völlig unabhängigen Thron sitzen, Hand in Hand mit der Tochter des letzten byzantinischen Kaisers; wir sehen Kasan zu seinen Füßen liegen, wir sehen, wie sich die Reste der Goldenen Horde an seinen Hof drängen, Nowgorod und die anderen russischen Republiken sind gefügig, Litauens Gebiet ist verkleinert und sein König ein gefügiges Werkzeug in Iwans Händen, die livländischen Ritter sind geschlagen. Das erstaunte Europa, das zu Beginn der Regierung Iwans III. kaum das Vorhandensein des zwischen Litauen und den Tataren zusammengepressten Moskowiens vermutet hatte, war verblüfft durch das plötzliche Auftauchen des gewaltigen Reiches an seinen Ostgrenzen.

Unter Iwan III., und dann unter seinem Sohn Wassilij III., wurde im Wesentlichen die historische Aufgabe der Vernichtung der feudalen Zersplitterung und der Vereinigung der russischen Gebiete in einen einheitlichen Staat gelöst. Den weiteren Kampf um die Festigung und die Vergrößerung des Russischen Staates führte der Enkel Iwans III. : Iwan Grosnyj.

 2. Iwan IV. – der Staatsmann und Feldherr

Der Russische Staat wurde unter schwierigen und komplizierten Bedingungen geschaffen. Das mongolo-tatarische Joch war gefallen, aber seine Folgen zeigten sich auch weiterhin. Der mongolo-tatarische Einfall hatte länger als zwie Jahrhunderte die russischen Gebiete von Europa abgesondert. In Europa waren unterdessen im letzten Jahrhundert große und wichtige Veränderungen vor sich gegangen. Das Wachstum des Handels und der Städte hatte fortgedauert. Das Handwerk hatte sich kräftig weiterentwickelt. Besonders erfolgreich war die Entwicklung der italienischen Städte verlaufen. In Westeuropa und besonders in Italien des 14. Bis 16. Jahrhunderts hatte die bürgerliche Kultur sich zu entwickeln begonnen, die die Losung der Wiedergeburt (Renaissance) der antiken (altgriechischen und altrömischen) Wissenschaften und Künste ausgerufen hatte. Daher wurde diese ganze Epoche das Zeitalter der Renaissance genannt. Sie bereicherte die Welt mit den Werken der größten Schriftsteller: Dante, Boccaccio, Petrarca; mit den genialen Schöpfungen der Weltklassiker der Bildhauerei und Malerei: Leonardo da Vinci, Raffael, Michelangelo Buonarotti und anderer.

In der Mitte des 15. Jahrhunderts war die Buchdruckerkunst erfunden worden. Bis zu dieser Zeit wurden die Bücher mit der Hand geschrieben. Die Buchdruckerkunst spielte eine gewaltige Rolle in der Entwicklung der Kultur in der ganzen Welt.

In ganz Europa war das Ende der feudalen Zersplitterung angebrochen. Die königliche Gewalt vernichtete die kleinen Feudalstaaten und festigte sich schnell. In Frankreich, Österreich, Schweden und anderen Staaten begann eine starke, alleinige Macht der Monarchen oder Selbstherrscher sich zu entwickeln. Die durch nichts begrenzte Macht eines Monarchen begann man absolute Monarchie oder Absolutismus zu nennen. So entstanden im 15. Und 16. Jahrhundert in den fortgeschrittenen Ländern Europas die zentralisierten feudalen Monarchien. Nur Italien und Deutschland hatten noch keine für das gesamte Land einheitliche königliche Macht. Deutschland war in Hunderte kleiner Feudalbesitzungen zersplittert.

So war die Lage in Westeuropa, als die Einigung des Russischen Staates um Moskau vor sich ging. Seine internationale Lage blieb, ungeachtet der großen Erfolge in der Außenpolitik, beunruhigend und gefährlich. Die mongolo-tatarische Herrschaft war abgeschüttelt, jedoch die auf den Trümmern der Goldenen Horde entstandenen Khanate: das Kasaner, das Nogaische und das Krimer Khanat fuhren fort, mit ihren Einfällen die östlichen und südlichen Grenzen des Russischen Staates zu bedrohen. An der Westgrenze blieb der Polnisch-litauische Staat, der die von Bjelorussen und Ukrainern bewohnten Gebiete erobert hatte, dem jung Russischen Staate feindlich gesinnt. An der nordwestlichen Grenze fasste Schweden Fuß, das seine Ansprüche auf Nowgorod nicht aufgab.

Im Baltikum setzte gegen den Russischen Staat sein Erzfeind-der deutsche Livländische Ritterorden- seine feindliche Politik fort. Geschwächt und ohne Möglichkeit, einen neuen kriegerischen Angriff auf das russische Gebiet zu unternehmen, trachtete er danach, den Russischen Staat der Blockade auszusetzen, indem er ihm den Zugang zur Ostsee versperrte und ihn vom Verkehr mit Westeuropa isolierte.

Große Schwierigkeiten hatte der junge Russische Staat auch im Inneren des Landes. Wenn auch die Teilfürstentümer in einem Staat zusammengefasst waren, lebte doch jedes von ihnen ein abgesondertes Leben. Die ehemaligen Teilfürsten wurden Diener des Moskauer Herrschers, aber in ihren Stammsitzen hielten sie sich wie früher für uneingeschränkte Herrscher: unterhielten ein eigenes Heer, verliehen Land, hielten Gericht und übten Gewalt aus. Im wirtschaftlichen und politischen Leben hielten sie die alten Ordnungen des Zeitalters der feudalen Zersplitterung aufrecht. Das alles hemmte den Aufbau eines einheitlichen Russischen Staates.

Im Jahre 1533 starb der Sohn Iwans III., der Großfürst Wassilij III. Sein kleiner Sohn Iwan, der Thronfolger, war erst drei Jahre alt. Seine Mutter, Jelena Glinskaja, wurde Regentin des Staates. Im April 1538, als Iwan IV. noch nicht acht Jahre alt war, starb seine Mutter plötzlich. Man sagte, dass die Bojarenfamilie Schujskij sie vergiftet hätte. Unter den Bojaren begann ein erbitterter Kampf um die Macht. Man veruntreute Staatsgelder, plünderte die Bevölkerung aus.

Die Bojaren, die an der Macht waren, scheuten sich auch vor dem minderjährigen Großfürsten nicht. Er wuchs ohne besondere Aufsicht heran. Der Knabe war Zeuge blutiger Gewalttaten und grausamer Abrechnungen mit Gegnern unter den sich bekämpfenden bojarischen Gruppen.

Im Jahre 1547, als Iwan IV. sechzehn Jahre alt geworden war, nahm er feierlich den Zarentitel an. Der Beginn seiner Regierung war jedoch traurig In Moskau brachen Brände aus. Sogar die Zarenfamilie musste den brennenden Kreml verlassen und nach den Worobjowybergen (Sperlingsbergen) bei Moskau übersiedeln. Das Volk bezichtigte sie Bojaren der Brandstiftung. Die wuterfüllten Moskauer Einwohner drangen in die Paläste des Kremls ein und erschlugen viele Bojaren. An verschiedenen Orten des Landes lehnte sich das Volk gegen die Willkür der großen Bojaren und Statthalter auf. Der junge Zar war tief erschüttert von den Ereignissen des Jahres 1547.

Iwan VI. begann zu begreifen, dass es notwendig war, ernsthafte Änderungen in der Verwaltung vorzunehmen. Er umgab sich mit neuen Ratgebern: dem nicht adligen, aber klugen Alexej Adaschew, dem einflussreichen Hofgeistlichen Silvester und anderen. Diese regierende Gruppe erhielt die Bezeichnung: „Ausgewählter Rat“, d. h. Rat der ausgewählten Leute. Ihm gehörten Vertreter des Bojarenadels an, der die Notwendigkeit eingesehen hatte, dem Hofadel Zugeständnisse zu machen. Der „Ausgewählte Rat“ entwarf ein großes Programm für Reformen auf dem Gebiet der Staatsverwaltung, der Gerichtsbarkeit, der Finanzen, des Heeres. Das Programm wurde unter dem Druck der Lehnsleute- der kleinen adligen Gutsbesitzer- aufgestellt. Ihre Forderungen waren in sogenannten „Bittschriften“ des talentvollen adligen Schriftstellers Iwan Pereswjetow formuliert. Als Ankläger gegen die Bojaren, die „reich und faul werden“, auftretend, riet Pereswjetow dem Zaren, die gesamte Macht in seiner Hand zu vereinigen. Er schlug dem Zaren vor, die Amtsbesetzung nach Herkunft (Geburtsrecht) und Unterhaltsgewährung (der Bevölkerung an die Beamten) abzuschaffen, sämtliche Einkünfte an die Zarenkasse abzuführen, ein neues, ständiges Heer zu schaffen.

Im Jahre 1551 berief der Zar eine Ständeversammlung ein, an der außer der Geistlichkeit die „Fürsten, Bojaren und Krieger“ teilnahmen. In ihr wurden die Rechte der Kirche in Bezug auf Grund und Boden festgelegt. Die Versammlung bestätigte das neue Rechtsbuch (den „Sudebnik“), der das Gerichtswesen regelte. Im Jahre 1555 wurde die Unterhaltsgewährung („Kormlenije“) abgeschafft. Die Bevölkerung, die früher den verschiedenen Vertretern der Staatsgewalt „Kormy“ (d.i. Unterhalt) gewährt hatte, zahlte jetzt einen Sonderzins an die Zarenkasse, aus der den ehemaligen „Kormlenschtschiki“ (unterhaltsberechtigten Beamten) ein Gehalt bezahlt wurde. Im folgenden Jahre wurde die Zuteilung von Land an Adlige für Heeresdienste gesetzlich geregelt.Zu Beginn der 50er Jahre erfolgte die Durchführung der Heeresreformen Iwans IV. Für die Lehnsleute war der Kriegsdienst vom 15. Lebensjahr an bis ans Lebensende obligatorisch. Es wurden Abteilungen „für Feuerwaffendienst“, das sogenannte „Strelzy-Heer“ („Strelitzen-Heer“), aufgestellt. Die Strelzy waren mit Musketen, glattläufigen, langen und schweren Gewehren, bewaffnet. Die Regimenter der Strelzy hatten auch Kanonen. Das Strelzy-Heer bestand aus Fußvolk, nur das für den persönlichen Schutz des Zaren geschaffene Moskauer „Steigbügel“-Regiment war beritten.

Das Strelzy-Heer setzte sich aus Bauern und Bewohnern der kleinen Orte zusammen, „die gut, jung und kühn“ waren. Alle Strelzy erhielten Geldlöhnung. Sie waren in lange Kaftans von verschiedener Farbe gekleidet – jedes Regiment hatte seine besondere Farbe. In Moskau und in anderen großen Städten waren die Strelzy in besonderen Vorstädten untergebracht. Die Schaffung des Strelzy-Heeres legte den Grund zu einem ständigen Heer in Russland. Das hatte große Bedeutung für die Festigung der Verteidigungsfähigkeit und für die Sicherheit des Russischen Staates.

Im Osten wurde diese Sicherheit bedroht von dem Kasaner und Astrachaner Khanat, den Überresten der Goldenen Horde. Sie verriegelten den Moskauer Kaufleuten den bequemen Weg auf der Wolga in das Kaspische Meer und nach Mittelasien, sie versperrten den Weg nach dem Ural und nach dem an Pelzwerk so reichen Sibirien. Die tatarischen Scharen überfielen die russischen Grenzlande und trieben Tausende als Gefangene weg, die sie dann in die Sklaverei verkauften. Das Kasaner und das Astrachaner Khanat standen unter dem Schutz des mächtigen türkischen Sultans. Der Kampf mit diesen gefährlichen Nachbarn begann schon unter Iwan III. und Wassilij III., endete jedoch erst unter Iwan IV. Im Jahre 1552 führte ein großes, 150 000 Mann starkes Heer nach Kasan und begann eine langwierige Belagerung dieser Stadt. Tag und. Nacht wurde Kasan aus 150 Kanonen beschossen. Dann befahl der Zar, unter die Stadtmauer Sappen vorzutreiben, dorthin Fässer mit Pulver zu legen und sie zur Explosion zu bringen. Dies war ein neues Verfahren der Kriegsführung.

Das Kasaner Khanat wurde erobert und im Jahre 1552 dem Russischen Staat einverleibt. Astrachan ergab sich im Jahre 1556, ohne Widerstand zu leisten.

Die Einverleibung des Kasaner und des Astrachaner Khanats vollendete nahezu den erfolgreichen Kampf des russischen Volkes gegen die Goldene Horde und sicherte die Ostgrenzen des Russischen Staates. Der Adel konnte jetzt neue Ländereien und eine genügende Anzahl von Leibeigenen erhalten. Die Moskauer Kaufleute gewannen bequeme Verkehrswege auf der Wolga und der Kama. Vor ihnen öffnete sich ein weites Feld für den russischen Handel mit den reichen Ländern Mittelasiens, Sibiriens, Persiens, Indiens.

Die früher von den Tataren unterjochten Völker des Wolgagebietes wurden jetzt Untertanen des Russischen Staates. Indem der Russische Staat viele nichtrussische Nationalitäten in seinen Bestand einverleibte, verwandelte er sich in einen Nationalitätenstaat.

Iwan IV. stellte sich die Aufgabe, Rusj in einen kraftvollen europäischen Staat umzuwandeln. Die wirtschaftlichen und militärischen Interessen verlangten eine Verstärkung der Beziehungen des Russischen Staates mit dem Westen. Für den Fortbestand eines starken und unabhängigen Russischen Staates war ein Zugang zum Meer notwendig. Russland besaß aber nur eine Küste des Weißen Meeres im hohen Norden. Für den Handel mit Ausländern war hier die Stadt Archangelsk bekannt geworden.

Der Umfang des Außenhandels von Rusj über das Weiße Meer und das Eismeer, die einen beträchtlichen Teil des Jahres durch das Eis abgeriegelt waren, entsprach nicht seinen wachsenden Bedürfnissen. Das baltische Küstenland, das Rusj bis zum 13. Jahrhundert ungehindert hatte für sich nutzen zu können, von dem Livländischen Orden zurückzuerobern, war eine unaufschiebbare und lebensnotwendige Aufgabe für den Russischen Staat.

Im Januar 1558 überschritten die russischen Truppen die livländische Grenze. Sofort zeigte sich ihre militärische Überlegenheit. Die mit Feuerwaffen ausgerüstete russische Armee nahm mühelos die mittelalterlichen Städte und Burgen ein. Livlands Städter und Bauern, von den Räubereien und Plünderungen der deutschen Ritter gequält, unterstützten die russischen Truppen. In Furcht vor den russischen Waffen begannen die deutschen Ritter offen Livland auszuverkaufen. Es wurde aufgeteilt zwischen Polen, Litauen, Schweden und Dänemark.

Jetzt hatte Iwan IV. mit mehreren starken Staaten zu kämpfen. Der Livländische Krieg zog sich hin und wirkte sich folgenschwer auf die innere Lage des Russischen Staates aus. Gegen ihn unternahmen die Türkei und das Krimer Khanat Kriegshandlungen, in der Absicht, Russland das Wolgagebiet wegzunehmen.

Im Jahre 1571 machte der Krimer Khan Dewlet-Girej einen Streifzug nach Moskau, brannte die Stadt nieder und entführte eine Menge Einwohner in die Gefangenschaft. Zur gleichen Zeit verstärkten Litauen und Polen, die sich im Jahre 1569 zu einem gemeinsamen polnisch-litauischen Staat -zur Rzecz Pospolita- vereinigt hatten, den Kampf gegen Moskau. Der neu polnische König Stephan Báthori stellte ein Söldnerheer aus Deutschen, Ungarn und Polen auf und erneuerte den Krieg mit dem Russischen Staat. Das durch den länger als 20 Jahre währenden Livländischen Krieg erschöpfte Russland musste nun gleichzeitig mit zwei neuen und starken Gegnern, Polen und Schweden, Krieg führen. Trotzdem leisteten die russischen Truppen den zahlreichen Feinden hartnäckigen Widerstand. Besonders heldenmütig war die Verteidigung von Pskow im Herbst 1581. Vor den Mauern von Pskow erlag der beste Teil der Armee des Stephan Báthori, und er schloss einen Waffenstillstand. Als Ergebnis der Verhandlungen war Iwan IV. gezwungen, auf alle Eroberungen in Livland zu verzichten. Die russischen Städte Jam, Koporje und Iwangorod wurden an Schweden abgetreten. Ungeachtet dieser Zugeständnisse hatte der Livländische Krieg gewaltige Bedeutung als erster Versuch Russlands, sich einen Zugang zum Meer zu erobern.

Der Fehlschlag des Krieges um das baltische Küstenland war in nicht geringem grade durch die Verrätereien der Bojaren verursacht worden. Die Verräter, die hohe Posten in der staatlichen Verwaltung und in der Armee bekleideten, flüchten in Gruppen oder einzeln nach Litauen und verrieten den Feinden staatliche und militärische Geheimnisse. Als Verräter erwies sich auch ein Freund des Zaren- der Fürst Andrej Kurbskij, der die russischen Truppen in Livland befehligte. Die bojarischen Großgrundbesitzer verteilten ihre Ländereien, um sie vor der Belegung mit Abgaben zu bewahren, an die Klöster, die große Vorrechte genossen. In Kriegszeiten, als große finanzielle Aufwendungen erforderlich waren, untergruben diese Machenschaften des Feudaladels die militärische Kraft des Staates. Die Nachlässigkeit der adligen Heerführer und ihr Eigensinn hintertrieben mehr als einmal die vom Zaren gut ausgedachten Kriegspläne und führten zu Niederlagen. Der Zar, der den Bojaren nicht traute, fühlte sich selbst in seiner Hauptstadt nicht sicher. Er entschloss sich daher, seinen Aufenthalt zeitweilig außerhalb Moskaus zu verlegen und sich mit treuen Leuten – mit Gleichgesinnten und zuverlässigen Beschützern- zu umgeben.

Am Sonntag, dem 3. Dezember 1564, verließ der Zar mit seiner Familie unerwartet Moskau. Er führte mit sich die Staatskasse, die Kanzlisten und eine Abteilung eigens ausgewählter adliger Hofleute mit der gesamten militärischen Ausrüstung. Es war dies ein ganzes Heer, auf dessen Stärke gestützt, Iwan IV. sich entschloss, den Bojaren einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Der Zar ließ sich in der Alexandrowskaja Sloboda, einer starken, von Mauern umgebenden Festung unweit von Moskau, nieder. Hier fühlte er sich in Sicherheit.

Aus der Sloboda sandte der Zar dem Moskauer Metropoliten ein Schreiben, in welchem er den Bojaren, der hohen Geistlichkeit und den Beamten an sämtlichen Missständen im Staat die Schuld gab. Dem Schreiben war eine Liste über die Verrätereien der Bojaren beigefügt. In einem anderen Schreiben, das an die Vorstadtbevölkerung gerichtet war, betonte Zar Iwan IV., dass er gegen das Volk keinerlei ungnädige Gesinnung hege.“

Die Abreise des Zaren rief im Staate „große Bestürzung“ hervor. Die Kaufleute und Vorstadteinwohner bekundeten dem Zaren ihre Ergebenheit und Bereitwilligkeit, mit den verräterischen Bojaren abzurechnen. Die Beamten liefen vor Furcht auseinander. Die erschrockenen Bojaren und die Geistlichkeit verloren ihren Kopf. Auf Verlangen des Volkes wurden aus den Reihen der im Staate angesehensten Leute Vertreter von Moskau nach Alexandrowskaja Sloboda geschickt, um den Zaren zu bitten, zurückzukehren. Der Zar empfing gnädig die Deputation, verlangte jedoch, „dass alle, die ihn verraten haben und ihm in irgendeiner Weise ungehorsam gewesen sind, geächtet werden, dass einige hingerichtet werden und ihr Hab und Gut eingezogen wird, dass er sich im Staate eine Leibwache schaffen und sich einen Hof und eine besondere Haushaltung einrichten kann“.  Sämtliche Bedingungen des Zaren wurden angenommen, und der Zar kehrte nach Moskau zurück.

Das ganze Land teilte Iwan IV: in zwei Teile: den einen nannte er „Opritschnina“ nach dem Wort „opritsch“ (abgesondertes), und den anderen „Semschtschina“. In der Semptschina verblieb die Leitung in den Händen der Bojaren-Duma, die Opritschinina stellte das persönliche Eigentum des Zaren dar. In den Bestand er Opritschnina waren die besten, im Zentrum des Staates gelegenen Gebiete einbezogen. Von dem Territorium der Opritschnina wurden sämtliche Fürsten und Bojaren entfernt, ihre Stammgüter „für den Herrscher“ weggenommen. Dafür gab man den Großgrundbesitzern Ländereien in entfernten Gebieten und auch nicht im gleichen Umfang wie ihre Stammgüter. Die ehemaligen Stammgüter der Bojaren wurden unter dem Kleinadel aufgeteilt. Aus den kleinen und mittleren Gutsbesitzern schuf Iwan IV. eine besondere Truppe von tausend Männern, die dem Zaren einen Eid geschworen hatten, ihm treu und aufrichtig zu dienen. Man nannte sie „Opritschniki“. Die Opritschniki trugen eine besondere Kleidung, mit Gold und Silber bestickt. An den Sätteln hatten sie einen Hundekopf und einen Besen hängen, zum Zeichen dessen, dass sie wie treue Hunde die Feinde des Herrschers zerfleischen und den Verrat auf russischer Erde wegfegen würden.

Die Opritschnina, die den Ruin der Großgrundbesitzer herbeiführte, schwächte den Feudaladel wirtschaftlich und politisch. Als Stütze der Selbstherrschaft trat die neue zahlreiche Schicht der kleinen Grundbesitzer -der Gutsbesitzer- auf den Plan.

Mit seinen politischen Gegnern -den Bojaren- verfuhr Iwan IV. sehr grausam. Er ist daher in die Geschichte unter dem Namen „Grosnyj“ (der „Schreckliche“) eingegangen. Aber Grausamkeit war nicht eine ausschließliche Besonderheit Iwans IV. Man muss beachten, dass er in einem sehr rauen Zeitalter der Umwälzungen lebte. Der Übergang von der feudalen Zersplitterung zur absoluten Monarchie war auch in Frankreich unter Ludwig XI., wie auch in England unter den Tudors und in Schweden unter Erik XIV. von Hinrichtungen und grausamen Abrechnungen mit den Verteidigern der früheren Zustände begleitet. Aber dieser Übergang war notwendig und nützlich für die gesamte weitere Entwicklung dieser Staaten. Die Opritschnina, die zur Bekämpfung jener diente, die den Übergang des Russischen Staates zu fortgeschritteneren Lebensformen hemmten, besaß daher eine große Bedeutung für den Fortschritt.

IWAN GROSNYj 1530 bis 1584 (Nach einem Gemälde von W. Wasnezow)
Bildquelle: „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Während im Westen die russischen Truppen kämpfend zum Meer vordrangen, stießen im Osten unternehmungslustige russische Menschen jenseits des Urals ins Innere Sibiriens vor. Die Kaufleute, die sich hier mit dem Pelzhandel beschäftigten, wurden schnell reich. Unter diesen reich gewordenen Kaufleuten wurden besonders die Kaufleute Stroganow bekannt. Sie erwarben längs des Urals viele Ländereien und errichteten hier große Salzsiedereien. Zum Schutz ihrer Besitzungen legten die Stroganows einige kleine Festungen an, schafften sich Artillerie an und dingten Abteilungen von Lehnsleuten, vor allem Donkosaken. Kosaken nannte man zu jener Zeit die freien Männer, die in den Donsteppen zwischen dem Russischen Staat und der Krimer Horde ansässig waren.

Am Ende des 16. Jahrhunderts hatte die Zahl der Kosaken am Don stark zugenommen. Die kühnsten und entschlossensten zogen zur Wolga und zum Ural. Unter ihnen war auch die Abteilung des Donkosakenatamans Jermak Timofejwitsch, die in die Dienste der Stroganows getreten war. Im Jahre 1581 gab man Jermak Waffen, Schiffe und Geld und schickte ihn nach Sibirien, wo zu jener Zeit der Tatarenkhan Kutschum regierte, der es abgelehnt hatte, Moskau untertan zu werden. Den mit Feuerwaffen ausgerüstenten Kosaken war es ein leichtes, das Sibirische Khnat zu erobern. Kutschum verließ seine Hauptstadt Isker, ohne sie zu verteidigen, und begab sich zusammen mit seinen Horden in die Steppe. Die Kosaken richteten sich auf eine Überwinterung ein. Jermak schickte nach Moskau Gesandte mit Nachrichten über die Eroberung Sibiriens und mit der Bitte um Unterstützung. Jedoch Iwan IV., vom Livländischen Krieg in Anspruch genommen, konnte keine rechtzeitige Unterstützung schicken. In einer Gewitternacht, in der die Kosaken keinen Überfall auf ihr Lager erwartet hatten, fiel Kutschum über die Schläfer her und erschlug viele von ihnen. Jermak, von Tataren umringt, versuchte, vom Ufer in ein Boot zu springen, trat jedoch fehl und ertrank im Irtysch.

Nach Jermaks Tod verließen die Kosaken Sibirien. Der Zar, der die Überzeugung gewonnen hatte, dass es nicht schwer sein würde, mit dem Sibirischen Khanat fertig zu werden, schickte ein Heer nach Sibirien. Die Heerführer des Zaren errichteten am Tobolfluss die Festung Tobolsk. Kuschtums Heer wurde zerschlagen, der Khan selbst aber floh in die Steppe und verschwand spurlos. Die Völker Westsibiriens erklärten sich als Untertanen des russischen Zaren.

3. Die russische Kultur im Zeitalter der Bildung des Russischen Staates

Die Herstellung der politischen Einheit des russischen (großrussischen) Volkes und die Formung der allgemein-russischen Sprache förderten die Schaffung einer allgemeinrussischen Kultur. Im Zeitalter der feudalen Zersplitterung hatte jedes Gebiet seine kulturellen Besonderheiten und Unterschiede, seine Mundart gehabt. Mit der Vereinigung der russischen Länder aber glichen sie ihre Besonderheiten aus. Es bildete sich eine einheitliche russische Nationalkultur. Ihr Mittelpunkt war Moskau, ihre Organisatoren die fortschrittlichen russischen Menschen, die für die Schaffung eines Russischen zentralisierten Staates kämpften.

Im Jahre 1564 erschien das erste gedruckte Buch. Es war das kirchliche Buch „Der Apostel“. Man hatte es in schöner, kirchenslawischer Schrift, in „poluustaw“ (eine Schriftart) gedruckt. Es war mit Vignetten verziert und mit kleinen Bildern geschmückt. Man hatte französisches Papier verwendet, denn in Russland begann am erst im17. Jahrhundert Papier herzustellen.

Die Organisatoren der ersten russischen Druckerei waren der Moskauer Drucker Iwan Fjódorow und er Bjelorusse Pjotr Mstislawez (aus der Stadt Mstislawl). Die ersten Drucker waren Meister ihres Faches, aber es gelang ihnen nicht, sich weiterzuentwickeln. Die reaktionäre Geistlichkeit sah im Buchdruck „eine große Ketzerei“ (. D.h. die Abweichung vom christlichen Glauben) und begann die Drucker zu verfolgen. Fjódorow und Mstislawez verließen mit bitteren Gefühlen Moskau und verlegten ihre Tätigkeit nach Litauen und die Westukraine. Hier, in Wilna und in Lwonw (Lemberg), wurden sie die Begründer der slawischen Buchdruckerkunst.  In Moskau setzten die russischen Buchdruckermeister Nikifor Tarassijew und Andronik Newesha das Werk Iwan Fjódorows fort. Im Jahre 1568 gaben sie ein neues Buch heraus. Iwan Grosnyj nahm die Buchdruckerkunst unter seinen Schutz und richtete bald in der Alexandrowskaja Sloboda eine Druckerei ein.

Im 16. Jahrhundert traten in Rusj einige hervorragende Schriftsteller auf. Sie scharten sich um den Metropoliten Makarij, einen hochgebildeten Mann, unter dessen Leitung ein gewaltiges Werk verfasst wurde: die „Tschetji-Minei“ (Monatslektüre). Das Werk bestand aus 12 riesigen Bänden und wurde in mehr als 20 Jahren geschaffen. Der Lesestoff darin war für die einzelnen Monate vorgesehen. In diesen „Monatslektüren“ war die zu verschiedener Zeit geschrieben kirchliche Literatur vereinigt.

Ein anderes bedeutendes Werk des 16 Jahrhunderts war das „Buch des erhabenen zaristischen Stammbaumes“, das gleichfalls unter Teilnahme des Metropoliten Makarij verfasst worden ist. In ihm wurde die Geschichte Russlands an Hand der „Stammbäume“ der Fürsten und Metropoliten dargestellt. In diesem Buch wurde der Gedanke von der Erblichkeit der unumschränkten Gewalt der Moskauer Großfürsten verfolgt, seit der Zeit der „ersten Kiewer Fürsten“ bis auf den Zaren Iwan Wassiljewitsch Grosnyj, „den Herrscher und Selbstherrscher des gesamten Rusj und Überwinder vieler anderer Sprachen und Staaten“.

Zu den glänzenden Schriftstellern des 16. Jahrhunderts gehören Iwan Grosnyj und sein politischer Gegner Andrej Kurbskij. Der letztere flüchtete nach Litauen und schickte von dort aus dem Zaren ein Sendschreiben, in welchem er sich bemühte, seinen Verrat zu rechtfertigen. Indem Kurbskij die Interessen des Bojarentums verteidigt, wirft er Iwan vor, dass er durch die Selbstherrschaft „das russische Land abgesperrt“ und die besten Leute „der Grausamkeit“ und „der Plünderung“ preisgegeben habe. Grosnyj verteidigte die Selbstherrschaft, weil er in ihr das einzige Mittel zur Rettung des russischen Landes erblickte. Wer kann gegen die Feinde Krieg führen, wenn das Reich durch innere Fehden zerrissen wird?“ schreibt er an Kurbskij. Der Briefwechsel Iwans IV. mit Kurbskij ist ein leidenschaftlicher und scharfer Zusammenstoß von zwei verschiedenen Anschauungen über die Rolle und die Aufgaben des Russischen Staates zu jener Zeit.

Ein markantes Denkmal der Lebensweise und Sitten der russischen Gesellschaft im Zeitalter Iwan Grosnyjs ist der „Domostroj“. In ihm sind ausführliche Anweisungen enthalten, wie man leben, wie man sich in der Gesellschaft benehmen muss, wie man Kinder erziehen, wie man sich gegenüber der eigenen Frau verhalten soll. Unter den des Lesens und Schreibens kundigen Menschen des 16. Jahrhunderts war dies das verbeiteste Buch.

Zu dieser Zeit werden hervorragende Denkmäler der russischen nationalen Kunst geschaffen. Zu den Schöpfungen der russischen Baukunst gehört die sogenannte „Kuppelkirche“. Vorbild dieses Stils ist die Himmelfahrtskirche im Dorf Kolemenskoje bei Moskau (erbaut im Jahre 1532), die der französische Tondichter Berlioz für „das Wunder der Wunder“ hielt. „Ich habe das Straßburger Münster gesehen“, schrieb er, „das in Jahrhunderten gebaut worden ist, ich stand neben dem Mailänder Dom, aber außer angeklebten Verzierungen sah ich nichts. Hier jedoch ging mir die Schönheit des Ganzen auf. In mir erbebte alles. Die war die geheimnisvolle Stille und Harmonie der Schönheit in vollendeten Formen. Ich sah eine neue Art der Baukunst. Ich sah das Streben in die Höhe, und ich stand lange erschüttert da.“

Als ebensolches Wunder der Wunder erscheint auch eine andere Kuppelkirche, die Wassilij-Blashennyj-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau. Diese Kathedrale wurde in den Jahren 1556 bis 1560 von russischen Baumeistern, den Meistern Postnik Jakowlew und Barma aus Pskow erbaut. Die Wassilij-Blashennyj-Kathedrale besteht aus acht Kuppeln, die rings um eine Zentralkuppel gruppiert sind. Ungeachtet der Ausmaße ruft die Kathedrale den Eindruck einer ungewöhnlichen Leichtigkeit und Eleganz hervor. Sie stellt ein Muster der russischen Kunst dar.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 „Die Vergangenheit des Sowjetlandes“, aus dem Jahre 1947. Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa, bearbeitet von Petra Reichel

 

Original-Text von Anna Michailowna Pankratowa aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947