Russland und Westeuropa am Ende des 18. Und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der große Feldherr Kutusow

Am Ende des 18. Jahrhunderts traten die fortgeschrittenen Länder Europas und Amerikas in einen neuen Zeitabschnitt der Geschichte ein: in das Zeitalter des Sieges und des Erstarkens des Kapitalismus. In dem entwickelsten und reichsten Land jener Zeit -England- fand im 18. Jahrhundert eine industrielle Umwälzung statt, die mit der Erfindung der Dampfmaschine verbunden war. Auch andere große Mächte beschritten den Weg der Entwicklung des Kapitalismus. In Nordamerika wurde in den Jahren 1775 bis 1783 ein Krieg gegen England um die Unabhängigkeit geführt. Die Amerikaner, die sich gegen die englische Herrschaft erhoben hatten, bildeten mit ihrem nationalen Führer Washington an der Spitze einen eignen großen Staat: die Vereinigten Staaten von Nordamerika.

In Frankreich hatte das aufständische Volk von Paris am 14. Juli 1789 das königliche Gefängnis, die Bastille, gestürmt und für das ganze Land das Signal zur Revolution gegeben. Die französische Nationalversammlung verkündete in ihrer „Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte“ Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Das Privateigentum wurde für heilig und unverletzlich erklärt. Im Jahre 1792 wurde in Frankreich die Republik ausgerufen. Der französische König Ludwig XVI. wurde hingerichtet. Die Feudalpflichten der Bauern wurden abgeschafft. Die Ländereien, die die Gutsbesitzer sich angeeignet hatten, wurden den Bauern zurückgegeben.

Der Sieg der bürgerlichen Revolution in Frankreich eröffnete eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit: nach tausendjähriger Herrschaft der feudalen Gesellschaftsordnung setzte sich die neu kapitalistische (bürgerliche) Gesellschaftsordnung durch, die auf dem Privateigentum an Grund und Boden, an den Fabriken und Werken, an den Produktionsmitteln beruht.

Die bürgerliche französische Revolution versetzte dem Feudalismus nicht nur in Frankreich, sondern auch in anderen Ländern Europas einen schweren Schlag. Dies war auch der Grund, weshalb das gesamte feudale Europa zum Kampf gegen die Französische Revolution antrat. Ein aktiver Teilnehmer der europäischen Gegenrevolution war auch das zaristische Russland. Jekaterina II. (Katharina die Große) erklärte, dass sie nicht zulassen könne, dass irgendwo dien Staat von Schustern regiert werde. Sie begann entscheidende Maßnahmen gegen die „französische Seuche“ in Russland zu treffen. Die Werke der fortschrittlichen französischen Aufklärer: Voltaire, Diderot, Rousseau und andere, die ehedem in russischen Adelskreisen eine große Verbreitung gefunden hatten, wurden für aufrührerisch erklärt. Jekaterina II. (Katharina die Große) rechnete mit den russischen „Freidenkenden“ grausam ab.

Solange die französischen Aufklärer nur dem engen Kreis des gebildeten Adels zugänglich blieben, hatte Jekaterina II. (Katharina die Große) selbst ein gemäßigtes Freidenkertum gefördert. Im Bestreben, die Achtung der hervorragenden Persönlichkeiten Europas zu gewinnen, hatte sie mit Voltaire korrespondiert und sogar den französischen Denker Diderot nach Russland eingeladen.

Einer der gebildetsten Vertreter des Moskauer Adels, Nikolaj Iwanowitsch Nowikow, errichtete mit dem Ziel der Verbreitung von Büchern ein großes Netz von Buchläden. In einem dieser Läden eröffnete er die erste öffentliche Bibliothek Russlands. Nowikow gab satirische Zeitschriften heraus, in denen die Unwissenheit und Hochmut des Adels, Bestechlichkeit und Unterschlagung, Willkür und Gewalttätigkeit gegenüber der Leibeignen Bauernschaft gegeißelt und die modische Begeisterung des Adels für alles Ausländische kritisiert wurde. Nach der Französischen Revolution wurde Nowikow verhaftet und in die Schlüsselburger Festung als gefährlicher Freidenker eingesperrt. Die von ihm und seinen Anhängern eingerichteten Buchläden wurden geschlossen und sein Eigentum vom Fiskus beschlagnahmt.

Noch mehr erschreckt wurde die Zarin Jekaterina II. (Katharina die Große) von einem Werk, das im Jahre 1770 ohne Verfasserangabe unter dem Titel „Eine Reise von Petersburg nach Moskau“ erschien. Dieses Werk entlarvte mit Kühnheit und Offenheit die auf der Leibeigenschaft beruhende Ordnung und malte die Gräuel der Leibeigenschaft aus. Als dieses Buch Jekaterina II. (Katharina die Große) in die Hände geriet, hielt sie den Verfasser für einen „schlimmeren Verbrecher als Pugatschow“. Als Verfasser entpuppte sich Alexander Nikolajewitsch Radischtschew, einer der gebildetsten Leute des 18. Jahrhunderts. Mit außergewöhnlicher Leidenschaft und Kraft entlarvte er die Verhöhnung der Bauern durch die Gutsbesitzer: „Ich schaute um mich, und meine Seele wurde durch die menschlichen Leiden verwundet. Ich wandte meine Blicke in mein Inneres und wurde gewahr, dass die Leiden der Menschen vom Menschen selbst ausgehen.“ An die Gutsbesitzer sich wendend, die sich gegenüber den Bauern unmenschlich verhielten, rief Radischtschew zornig aus: „Gierige Tiere, unersättliche Blutegel, was lassen wir den Bauern? Das, was wir nicht wegnehmen können: die Luft! Ja, nur die Luft!“

Alexander Nikolajewitsch Radischtschew 1749 bis 1802
Bild entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Radischtschew rief das russische Volk als erster zum Sturz des Zarentums auf. Das Volk wird sich als ein drohender Rächer erheben und den „gusseisernen Thron“ zertrümmern, prophezeite Radischtschew in seiner Ode „Freiheit“.

Auf Befehl Jekaterinas (Katharina die Große) wurde Radischtschews Buch verbrannt, der Verfasser selbst aber verhaftet und dem Gericht übergeben. Das Gericht verurteilte Radischtschew zur Todesstrafe. 41 Tage lang ließ man ihn auf die Hinrichtung warten. Diese Marter war von Jekaterina II. (Katharina die Große) ausgedacht worden. Nach dieser Verhöhnung wurde Radischtschew für zehn Jahre nach Sibirien verbannt. Im Jahre 1802 machte Radischtschew, körperlich und geistig gebrochen, seinem Leben durch Selbstmord ein Ende.

Lenin schätzte die Rolle Radischtschews in der russischen Freiheitsbewegung hoch ein. Er nannte ihn einen glühenden russischen Patrioten und Aufklärer. Radischtschew war der erste adlige Revolutionäre, der gegen die Leibeigenschaft und gegen den Zarismus offen Protest erhob.

Zu jener Zeit spielten sich große Ereignisse in Frankreich ab. Von der weiteren Entwicklung der Revolution erschreckt, unternahm die französische Bourgeoisie am 9. Thermidor (27. Juli) 1794 einen gegenrevolutionären Umsturz, der in die Geschichte unter der Bezeichnung „Umsturz des Thermidor“ eingegangen ist. An die Macht kam die Großbourgeoisie. Sie begann alle Errungenschaften der Französischen Revolution, die ihr gefährlich erschienen, zu vernichten. Die Bourgeoisie brauchte eine starke Macht, die endgültig die Revolution unterdrücken würde. Zu diesem Zweck wurde am 9. November 1799 in Frankreich mit Hilfe der Bourgeoisie die Militärdiktatur eines der talentvollsten französischen Generale –Napoleons– errichtet. Im Jahre 1804 wurde Napoleon Bonaparte zum Imperator von Frankreich ausgerufen.

In den ersten Jahren der Französischen Revolution führte Frankreich revolutionäre Befreiungskriege, aber später änderte sich der Charakter dieser Kriege.

Im Interesse der französischen Großbourgeoisie, die mit den englischen Kapitalisten im Wettstreit lag, begann Napoleon große Eroberungskriege sowohl in Europa als auch außerhalb seiner Grenzen.

Als seinen Hauptgegner betrachtete Napoleon England. Nachdem er eine gewaltige Armee aufgestellt hatte, trug er sich mit dem Plan, den engen Ärmelkanal zu überqueren und in England einzufallen. Die Gefahr stand so nahe vor der Tür, dass England von seinen Verbündeten -Österreich und Russland- verlangte, den Krieg gegen Napoleon unverzüglich zu beginnen.

Die russische Regierung hatte fünf Armeen in einer Stärke von 250 000 Mann ausgerüstet. Gegen Napoleon wurde zur Verfügung des österreichischen Kaisers die 1. Armee in Stärke von 58 000 Mann geschickt, die die Hauptlast des Kampfes zu tragen hatte. An der Spitze dieser Armee stand der große russische Feldherr, der beste Schüler und Waffengefährte Suworows, Michail Illarionowitsch Kutusow.

Michail Illarionowitsch Kutusow 1745 bis 1813
Bild entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Michail Illarionowitsch Golenischtsew-Kutusow wurde am 5. September 1745 in Petersburg geboren. Sein Vater war einer der gebildetsten Menschen seiner Zeit. Die Liebe zur Wissenschaft übertrug er auch auf seinen Sohn. Michail Kutusow absolvierte mit Erfolg die Ingenieur-Kadettenschule. Er hatte das Ingenieur- und Artilleriewesen fleißig studiert, sich begeistert mit Mathematik beschäftigt und beherrschte ausgezeichnet mehrere fremde Sprachen. Michail Illarionowitsch wurde zum Kompaniechef im Astrachaner Regiement, das Suworow befehligte, ernannt. Dem großen Feldherrn fiel der junge befähigte Offizier sofort auf, er zog ihn in seine Nähe und übte großen Einfluss auf ihn aus.

Im Kampf zeigte Kutusow nicht nur Tapferkeit und Kühnheit, sondern auch eine unerschütterliche Kaltblütigkeit, Organisationsgeist und Initiative. Während des zweiten türkischen Krieges nahm Kutusow an dem berühmten Sturm auf Isamil mit teil. Hier besonders zeigten sich seine organisatorischen und Feldherrentalente. Suworow berichtete von ihm: „General Kutusow zeigte neue Errungenschaften der Kriegskunst und bewies persönliche Tapferkeit. Er stand auf meinem linken Flügel, war jedoch meine rechte Hand.“

Kutusow nahm an vielen Gefechten persönlich teil, wurde dreimal verwundet, kehrte aber stets wieder zur Truppe zurück. Im Gefecht bei Aluschta (auf der Krim) stürmte Kutusow mit der Fahne in der Hand voran und riss dadurch seine Soldaten zum Sturm mit sich fort. In dieser Schlacht wurde er schwer verwundet und verlor ein Auge.

Kutusow war ein strenger, aber rücksichtsvoller Kommandeur, der den sinnlosen Drill und die Stockdisziplin hasste. Wie Suworow hasste er die Kriecherei und Schmeichelei und die Bestechlichkeit, die am Zarenhof herrschten. Deshalb war Kutusow beim Hof nicht beliebt. Alexander I. selbst konnte ihn nicht leiden. Aber die Soldaten liebten und schätzten ihren Kommandeur.

Zu Beginn des Krieges des Jahres 1805 übertrug Alexander I. unter dem Druck der öffentlichen Meinung Kutusow den Oberbefehl über die russischen Truppen. Kutusow, der den vom Zaren angenommenen Feldzugsplan ausführte, marschierte durch Galizien und Schlesien, um sich mit den Österreichern zu vereinigen. Als er erfahren hatte, dass die österreichische Armee bei Ulm geschlagen worden war und kapituliert hatte, führte er die russischen Truppen durch ein geschicktes Manöver auf das linke Ufer der Donau und trat den Rückzug an. Kutusow lieferte Napoleon nicht die Entscheidungsschlacht, die jener so gern haben wollte, und zwang ihn, seine Kräfte zu verzetteln und seine Nachschubwege auseinanderzuziehen. Bald traf bei der russischen Armee auch der Imperator Alexander I. selbst ein. Er träumte vom Ruhm eines Feldherrn und Besiegers Napoleons. Der Zar berief einen Kriegsrat und drang darauf, Napoleon seine Entscheidungsschlacht zu liefern. Kutusow widersprach und schlug vor, sich in Gebiete mit gesicherter Verpflegung zurückzuziehen und dort Kräfte für einen neuen Angriff zu sammeln. Der Zar jedoch lehnte Kutusows Plan ab.

Am 20. November 1805 schlugen die Franzosen bei dem Dorfe Austerlitz die russischen und österreichischen Truppen. Alexander I. und er österreichische Kaiser flohen vom Schlachtfeld. Aber auch in der Schlacht bei Austerlitz erkannte Napoleon die Tapferkeit und den Mut der russischen Soldaten, die die ganze Welt in Erstaunen versetzten, an.

Im Herbst 1806 versetzte Napoleon bei Jena der preußischen Armee einen entscheidenden Schlag. Berlin wurde den Franzosen kampflos überlassen. Im Januar 1807 rückte Napoleon in Warschau ein. Die ohne Verbündete verbliebenen russischen Truppen mussten sich zurückziehen, führen jedoch fort, der mächtigen napoleonischen Armee hartnäckigen Widerstand zu leisten.

Die geschlagenen Bundesgenossen Russlands machten mit Napoleon Frieden. Auch Alexander I. war gezwungen, im Jahre 1807 in der Stadt Tilsit einen für Russland unvorteilhaften Friedensvertrag zu unterzeichnen, die Handelsbeziehungen mit England abzubrechen und der von Napoleon organisierten sogenannten Kontinentalsperre breitzutreten. Der Tilsiter Frieden rief die Unzufriedenheit des russischen Adels hervor und verschärften noch mehr seine feindliche Einstellung gegenüber Napoleon.

Die Türken versuchten, die Misserfolge der russischen Armee im Krieg mit Napoleon für sich auszunutzen und ihre Herrschaft im Schwarzen Meer wieder aufzurichten. Vom Jahre 1806 bis 1812 musste Russland mit der Türkei Krieg führen. Der wenig erfolgreiche Verlauf dieses Krieges veranlasste Alexander I., sich Kutusows zu erinnern, der nach Austerlitz seines Amtes enthoben worden war und keinen Dienst mehr tat. Kutusow wurde zum Befehlshaber bestimmt und errang große Siege über die Türken. In der Einsicht, dass ein neuer Krieg Russlands mit Frankreich unvermeidlich war, bemühte sich Kutusow, so bald wie möglich den Krieg im Osten zu beenden. Nach einigen erfolgreichen Schlachten gelang es ihm, die Türkei zum Abschluss eines Friedens zu bewegen, der am 8. Mai 1812 in Bukarest unterzeichnet wurde. Nach dem Friedensvertrag trat die Türkei Bessarabien an Russland ab. Die war ein großer Sieg Russlands. Napoleons Pläne, die Türkei in den künftigen Krieg gegen Russland mit zu verwickeln, stürzten zusammen.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Autorin:  Anna Michailowna Pankratowa

ORIGINAL-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Die Dekabristen-adlige Revolutionäre

Nach der Niederlage Napoleons in Russland erhoben sich die Völker Europas zum nationalen Befreiungskampf gegen ihn. Die feudalen Monarchen jedoch erschraken vor der Volksbewegung. Zum Kampfe gegen die revolutionäre Bewegung in Europa wurde im Jahre 1815 die „Heilige Allianz“ der drei reaktionären Monarchien: Österreich, Preußen und Russland geschlossen. Der Führer und Anreger der „Heiligen Allianz“ war Alexander I.

Im Innern Russlands führte Alexander I. ebenfalls eine reaktionäre Politik durch, indem er Gutsbesitzer, die Anhänger der Leibeigenschaft, unterstützte. Der entschiedenste Verfechter der Reaktion war der nächste Ratgeber des Zaren, der Kriegsminister Araktschejew. Die Bauern und Soldaten hassten ihn wegen der von ihm eingeführten Militärsiedlungen. In diesen Siedlungen wurden die Bauern an die ihnen zugewiesenen Landparzellen, die sie bearbeiten mussten, gebunden und zu lebenslänglichem und erblichen Soldatendienst gezwungen. In den Siedlungen herrschte Kasernenzwang und die Unfreiheit der Leibeigenschaft. Die Bauern leisteten ihrer Überführung in die Militärsiedlungen hartnäckig Widerstand.

In der Armee fanden große Unruhen statt, hervorgerufen von Araktschejews unerträglichem Regime. Auch gegen die adligen Eigentümer der Manufakturen begannen Aufstände. Eine immer größere Anzahl von Menschen in Russland fing an, die Notwendigkeit des Kampfes gegen das Leibeigenschaftssystem zu begreifen. Sie sahen ein, dass das Land ohne Abschaffung der Leibeigenschaft zugrunde gehen würde.

Der Krieg des Jahres 1812 und die Feldzüge im Ausland, die die russischen Soldaten und Offiziere mit den europäischen Ländern bekannt gemacht hatten, verstärkten die Unzufriedenheit und den Protest der besten Menschen Russlands gegen die Leibeigenschaft in ihrem Vaterland. Eine Folge der Feldzüge im Ausland war, dass die Rückständigkeit der auf der Leibeigenschaft beruhenden Staatsordnung Russlands gegenüber dem bürgerlichen Europa offener zutage trat. Viele der russischen Offiziere lasen die Werke der fortschrittlichen Schriftsteller und Gelehrten Westeuropas. Den größten Einfluss übten auf sie die politischen und geschichtlichen Werke der französischen Aufklärer aus: Voltaire, Montesquieus, Rousseaus und anderer Schriftsteller. Die fortschrittlichen Menschen aus den Reihen der Adligen waren russische Patrioten, die von einer besseren Ordnung für ihr Vaterland träumten. Sie beschlossen, eine Änderung der gesellschaftlichen und politischen Ordnung in Russland herbeizuführen.

Die adligen Revolutionäre fingen an, geheime politische Gesellschaften zu bilden, die sich die Umgestaltung Russlands auf neuen Grundlagen zum Ziel setzten. Im Jahre 1816 wurde der „Bund der Rettung“ und im Jahre 1818 der „Bund des Wohlstandes“ gegründet. Nach ihrem Zerfall bildeten sich die „Südliche Gesellschaft“ in der Ukraine und die „Nördliche Gesellschaft“ in Petersburg. Das Haupt der „Südlichen Gesellschaft“ war Oberst Pestel, ein Mann von großem Verstand, umfangreicher Bildung und starkem Charakter. Puschkin schrieb über ihn: „Pestel ist ein kluger Mensch im vollen Sinne dieses Wortes. Einer der originellsten Geister, die ich kenne.“

Im Jahre 1812 hatte Pestel tapfer gegen Napoleon gekämpft und war in der Schlacht von Borodino verwundet worden. Mit der russischen Armee hatte er an den ausländischen Feldzügen in den Jahren 1813 bis 1815 teilgenommen. Pestel war ein glühender Anhänger der republikanischen Staatsform und ein leidenschaftlicher Gegner der Selbstherrschaft und Leibeigenschaft.

Er hatte gewaltigen Einfluss unter seinen Kameraden und überzeugte sie von der Notwendigkeit organisierter und entscheidender Handlungen. Er arbeitete ein Programm der Umgestaltung Russlands aus und nannte es „Russische Wahrheit“. Pestel schlug vor, sämtliche Mitglieder der Zarenfamilie zu vernichten und eine „ungeteilte Republik“ mit einer starken Zentralgewalt zu errichten. Pestel trat für einen demokratischen Aufbau der Republik ein. Er verlangte gleiche Rechte und Freiheiten für alle Bürger und allgemeine Wahlen für die gesetzgebenden Organe der Republik. In der „Russischen Wahrheit“ wurde das Projekt der Bauernbefreiung mit Zuteilung von Grund und Boden und ohne irgendwelches Lösegeld aufgestellt. Pestel und seine Kameraden beabsichtigten, den Zaren zu töten und einen Umsturz mit Hilfe der unter ihrem Befehl stehenden Regimenter durchzuführen. Die breiten Volksmassen zum Aufstand aufzuwiegeln, fürchteten sie und wollten es auch nicht. Pestel gelang es nicht, den von ihm geplanten Militäraufstand durchzuführen. Am 13. Dezember 1825 wurde er auf Anzeige eines Verräters verhaftet und nach Petersburg gebracht.

Neben der „Südlichen Gesellschaft“ entstand im Jahre 1823 in der Ukraine noch eine geheime Gesellschaft unter der Bezeichnung „Gesellschaft der vereinigten Slawen“. Ihre Gründer waren Offiziere- die Brüder Borissow. Ihr gehörten nichtbegüterte Offiziere an. Im Sommer des Jahres 1825 nahmen die „Slawen“ Pestels Programm an und vereinigten sich mit der „Südlichen Gesellschaft“. Die Gesellschaft war hinsichtlich der Zusammensetzung und ihres Programms demokratischer und radikaler, obgleich auch sie adlig geblieben war.

Unabhängig von Pestel und seinen Anhängern handelten die Mitglieder der „Nördlichen Gesellschaft“. Ihr Haupt war der Gardeoffizier Nikita Murawjow. Er hatte den Entwurf der künftigen Verfassung Russlands ausgearbeitet. Im Gegensatz zu Pestel stellte Murawjow die Forderung nicht nach einer Republik, sondern einer Monarchie, beschränkt durch eine Volksversammlung. Die Leibeigenschaft sollte gemäß ihrem Programm abgestellt werden, der Grund und Boden jedoch in den Händen der Gutsbesitzer verbleiben. Die Bauern sollten nur zum Bauernhof gehörige Parzellen, Vieh und Inventar bekommen.

Innerhalb der „Nördlichen Gesellschaft“ gab es jedoch eine Gruppe entschiedener Revolutionäre, an deren Spitze der Poet Rylejew stand. Im Jahre 1823 begann Rylejew zusammen mit Sestushew die Zeitschrift „Der Polarstern“ herauszugeben. Rylejews revolutionäre Lieder und Gedichte waren von Freiheitsliebe und Hass gegen die Versklavung durchdrungen. Sie übten großen Einfluss auf die adlige Jugend aus. In seinen Gedichten rief Rylejew zum Sturz des Zarismus und zum Kampf für die Freiheit des Volkes auf.

Im November 1825 starb Alexander I. Kinder hatte er nicht. Thronfolger hätte eigentlich sein Bruder Konstantin sein müssen; er hatte aber noch zu Lebzeiten seines Bruders auf den Thron verzichtet, den nun sein anderer Bruder, Nikolaj, besteigen sollte. Jedoch war darüber nichts bekannt. Zunächst wurde dem Konstantin der Eid geleistet. Solange zwischen den Brüdern korrespondiert wurde und die Kuriere zwischen Petersburg und Warschau, wo Konstantin sich aufhielt, hin und her fuhren, herrschte im Staat tatsächlich ein Interregnum. In den höchsten kreisen trat Verwirrung ein. Die geheimen Gesellschaften wollten die sich ergebende Lage ausnutzen und einen Umsturz herbeiführen.

Zu diesem Zweck beschlossen sie, am Tage der Ablegung des Eides gegenüber dem neuen Zaren Nikolaj I., die Truppen auf den Senatsplatz zu führen und dort eine Konstitution zu verlangen.

Am Morgen des 14. Dezember 1825 marschierten die von den revolutionären Offizieren geführten Regimenter zum Senatsplatz. Im ganzen versammelten sich dort mehr als 3000 Soldaten und Matrosen. Die Truppen stellten sich rund um das Denkmal Peters I. auf, verharrten aber in Untätigkeit, da sie auf den Anschluss neuer Truppenteile warteten. Der Aufstand war nicht vorbereitet, und seine Führer zeigten keine Entschlossenheit. Fürst Sergej Trubezkoj, der zum Führer des Aufstandes bestimmt worden war, war nicht einmal auf dem Platz erschienen. Die Aufständischen, die keine Führung hatten, wagten nicht zum Angriff überzugehen und die Truppen anzugreifen, die auf seiten des Zaren blieben.

Um 12 Uhr mittags zog Zar Nikolaj I: die ihm ergebenen Truppen und Artillerie auf dem Platz zusammen. Gegen die Aufständischen wurden Kavallerieattacken geritten, doch wurden diese abgeschlagen. Dann wurde auf die aufständischen Truppen und die Arbeiter, die hier die Isaak-Kathedrale bauten und sich den Truppen angeschlossen hatten, Geschützfeuer eröffnet. Der Senatsplatz rötete sich von Blut und bedeckte sich mit den Leichen der Gefallenen. In der Nacht wurden in das Eis der Newa Löcher geschlagen, in die von den Polizisten nicht nur die Gefallenen, sondern auch die Verwundeten geworfen wurden.

 

Zwei Wochen später, am 29. Dezember 1825, begann der Aufstand des Tschernigower Regiments in der Ukraine. Der Aufstand wurde geführt von einem der Leiter der „Südlichen Gesellschaft“, von Sergej Murawjow-Apostol. Allein, ebenso wie in Petersburg, waren die Tschernigower nicht entschlossen zu Angriffshandlungen überzugehen.

Die Teilnehmer des Aufstandes in Petersburg und im Süden Russlands wurden verhaftet. Der Zar selbst spielte die Rolle eines Gendarmen und Untersuchungsrichters und verhörte die Verhafteten. Fünf der Hauptorganisatoren der Bewegung: Pestel, Murawjow-Apostol, Bestushew-Rjumin, Rylejew und Kachowskij, wurden gehängt. Viele Teilnehmer des Aufstandes wurden zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschickt.

Die Dekabristen P. I. Pestel, K.F. Rylejew, M.P. Bestushwew-Rjumin, S.I. Murawjow-Apostol und P.G. Kachowskij, die vom Zar Nikolaj I. gehängt wurden
Bild entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Der Aufstand der Dekabristen (so wurden die Teilnehmer des Dezemberaufstandes des Jahres 1825 genannt) endete mit einem Misserfolg. Die adligen Revolutionäre standen dem Volk sehr fern, sie rechneten nicht auf eine Massenbewegung, sondern auf eine militärische Verschwörung, und erlitten deshalb eine Niederlage.

Doch die Bedeutung dieses revolutionären Aufstandes war groß. Er trug dazu bei, das Volk aufzuwecken und es zum revolutionären Kampf gegen die zaristische Selbstherrschaft zu erheben.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Autorin:  Anna Michailowna Pankratowa

ORIGINAL-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947