Fernschreiben der Bezirksverwaltung Dresden an das MfS Berlin vom 10.10.1989 an das MfS Berlin (Auszug)

Entnommen aus der Broschüre „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“ Herausgeber Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv, bearbeitet von Petra Reichel


Im Laufe des 09.10.1989 wurde durch mündliche Weitergabe, aber auch vereinzelt durch schriftliche Aushänge an Kirchen und auf dem Meißner Bahnhof das Ergebnis der am Vorabend bei der Beendigung der Demonstrationen erzielten Vereinbarung bekanntgegeben. In diesen Bekanntgaben wurden folgende Kirchen genannt, in denen das Gespräch mit dem Oberbürgermeister der Stadt Dresden  informiert wird:

    • Kreuzkirche
    • Christuskirche
    • Versöhnungskirche
    • Kathedrale

In diesem Gespräch hatten 29 namentlich bekannte Personen Fragen gestellt und Forderungen erhoben, wie:

    • Freie und gerechte Wahlen
    • Pressefreiheit
    • Keine Ablehnung des „Neuen Forums“
    • Schulreform
    • Reisefreiheit
    • Keine Gewalt gegen friedliche Demonstrationen
    • Größere Dialogbereitschaft des Staates
    • Wehrersatzdienst

Gegen 19:00 Uhr begann ein reger Zustrom zu allen vier genannten Kirchen, die bereits um 19:30 Uhr überfüllt waren, so dass sich große Menschenansammlungen, besonders vor der Kreuzkirche, bildeten.

Dadurch sahen sich die Vertreter der Kirche veranlasst, bekanntzugeben, die die Informationsveranstaltungen um 21:30, in der Kreuzkirche um 22:00 Uhr wiederholt werden. Ein Ersuchen des Sup. Ziemer, die Informationsveranstaltungen mittels Lautsprecher auf dem Altmarkt zu übertragen, wurde durch den OB der Stadt Dresden ( Ach nee, der Herr Berghofer. Heute wissen wir, dass dieser ein Wendehals ist. P.R.)  nach Abstimmung abgelehnt: Insgesamt nahmen nach vorliegenden Schätzungen an den Informationsveranstaltungen teil:

    • Kreuzkirche:  1. Veranstaltung 5500 Personen
          • 2.Veranstaltung 2500 Personen
        1.  
    • Kathedrale    1. Veranstaltung 5500 Personen
          • 2. Veranstaltung 3000 Personen
        1.  
    • Christuskirche   1. Veranstaltung 2000 Personen
          • 2. Veranstaltung 2000 Personen
        1.  
    • Versöhnungskirche   1. Veranstaltung 1500 Personen
            • 2. Veranstaltung 600 Personen
          1.  

Während der 1. Veranstaltung standen die Personen, die keinen Einlass fanden, ruhig vor den Kirchen und zeigten keinerlei provozierende Aktivitäten. Lediglich vor der Kreuzkirche wurden 2 Plakate gezeigt mit folgenden Texten:

  • „Reiseerleichterungen statt Massenflucht“
  • „Wir wollen das ‚Neue Forum‘

Gegen 23 Uhr waren alle Informationsveranstaltungen beendet, und alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer verstreuten sich ohne jegliche Vorkommnisse im Stadtgebiet.

Es gab im Zeitraum von 19:00 Uhr bis 24:00 Uhr im gesamten Stadtgebiet von Dresden keinerlei feindlich-negative oder provozierende Vorkommnisse.

Über den Inhalt der Informationsveranstaltungen in den Kirchen wurde bisher folgendes bekannt:

Hier endet der Auszug des Dokuments. Hier musste das MfS erkennen, dass es sich nicht nur um ein paar Jugendliche, die Krawall machen, handelte. Die lange schwelende allgemeine Unzufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger der DDR machte sich hier Luft. Was das „Neue Forum“ brachte, wissen wir heute. Die Verantwortlichen hatten die allgemeine Unzufriedenheit ignoriert, bis es dann zu spät war und die Konterrevolution ihren Lauf nahm.

Petra Reichel

  •  

Originaldokument entnommen aus der Broschüre „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“, Herausgeber Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv

Einschätzung des MfS zur Kampfkraft und Einsatzbereitschaft der Kampfgruppen der Arbeiterklasse vom 23.10.1989, die im Vorfeld und Durchführung der Aktion „Jubiläum 40“ zum Einsatz kamen (Auszug)

Entnommen aus der Broschüre „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“ Herausgeber Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv, bearbeitet von Petra Reichel

Im vorgenannten Zeitraum wurden insgesamt 8162 Angehörige der Kampfgruppen der Arbeiterklasse in den Bezirken alarmiert (außer Bezirke Frankfurt/Oder, Schwerin, Neubrandenburg und Rostock).

Davon wurden auf Weisung der Vorsitzenden der Bezirks- bzw. Kreiseinsatzleitungen zur Gewährleistung von Ordnung und Sicherheit in den betreffenden Territorien 4631 Angehörige der Kampfgruppen zu Sicherungseinsätzen eingesetzt.

Hiervon wurden in den Bezirken Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), Magdeburg, Leipzig und in der Hauptstadt der DDR, Berlin, 2272 Angehörige der Kampfgruppen unmittelbar gegen antisozialistische Ausschreitungen und zur Auflösung von Zusammenrottungen zum Einsatz gebracht.

Es kann eingeschätzt werden, dass die Mehrheit der zum Einsatz gekommenen Kräfte der selbstständigen Züge und Hundertschaften als auch die geschaffenen Reserven eine hohe Einsatz- und Gefechtsbereitschaft zeigten.

Durch die Angehörigen der Kampfgruppen wurde immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass die ihre ganze Kraft zur Gewährleistung einer hohen Sicherheit und Ordnung einsetzen werden und fest hinter den Beschlüssen unserer Partei (SED P.R.) stehen.

Beginn des Zerfalls (Zwischenüberschrift von Petra Reichel)

Trotz dieser positiven Gesamteinschätzung ist nicht zu übersehen, dass es zu Vorkommnissen u.a. negativen Erscheinungen in Kampfgruppeneinheiten gekommen ist, die die Kampf- und Einsatzbereitschaft der Einheiten beeinträchtigten.

Das zeigte sich in

-der Ablehnung des vorgesehenen Einsatzes durch einzelne Kollektive und Kampfgruppenangehörige,

-Austrittserklärungen aus der SED und den Kampfgruppen der Arbeiterklasse und in

-schwankenden Haltungen infolge der Wirkung der politisch-ideologischen Diversion.

Nach seinerzeit vorliegenden Informationen der zuständigen Diensteinheiten des MfS erklärten im Zusammenhang mit den aktionsbezogenen Einsätzen

  • 336 Kampfgruppenangehörige ihren Austritt aus den Kampfgruppen
  • 149 Kampfgruppenangehörige ihren Austritt aus der SED
  • 346 Kampfgruppenangehörige die Ablehnung des erteilten Einsatzbefehls.

Schwerpunkte bei den bekanntgewordenen Austrittserklärungen/Einsatzverweigerungen sind die Bezirke

Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) mit    230 Austritten aus den Kampfgruppen

                                                                       28 Verweigerungen des Einsatzes

Magdeburg                                          mit    47 Austritten aus den Kampfgruppen

                                                                       208 Verweigerungen des Einsatzes

Leipzig                                                  mit        16 Austritten aus den Kampfgruppen

                                                                            85 Verweigerungen des Einsatzes.

Dabei ist zu beachten, dass in den Bezirken Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), Magdeburg und Leipzig Kampfgruppenangehörige unmittelbar mit antisozialistischen Ausschreitungen konfrontiert wurden und auch der Einsatz von Kampfgruppenangehörigen zahlenmäßig am höchsten war.

Gleichzeitig ist in Rechnung zu stellen, dass die in den anderen Bezirken vergleichsweise geringe Anzahl von Austritten aus den Kampfgruppen bzw. Ablehnung von Einsätzen dadurch beeinflusst wird, dass dort lediglich ausgewählte Kampfgruppenangehörige zum Einsatz kamen bzw. zu Streifentätigkeit eingesetzt oder in Reserve gehalten wurden.

Ausbildungsjahres 1989 und im Vorfeld der Aktion „Jubiläum 40“, insbesondere im Rahmen der Ausbildungsmaßnahmen zum Thema „Sperren und Räumen von Straßen und Plätzen“ in zahlreichen Bezirken zu Austritten aus den Kampfgruppen und negativen Diskussionen von Kampfgruppenangehörigen zu diesen Ausbildungsinhalten kam.

So traten z.B. im Zeitraum vom 01.01.1989 bis zum 30.09.1989 in den Bezirken aus den Kampfgruppen aus bzw. wurden ausgeschlossen.

  • Dresden 213 Kämpfer
  • Cottbus 187 Kämpfer

Eine definitive Aussage dazu, alle Bezirke betreffend, kann gegenwärtig noch nicht getroffen werden.

Äußerungen von Kampfgruppenangehörigen gingen dahin, dass man nicht den Knüppel gegen die eigenen Kollegen bzw. Ausreisewilligen vorgehen werde.

Weitere Angehörige äußerten, dass sie zu Handlungen gegen äußere Feinde bereit sind, jedoch den Einsatz gegen feindliche Kräfte im Inneren der DDR ablehnen.

Aus weiteren Einheiten liegen analoge Informationen vor, die die Haltung verschiedener Kampfgruppenangehöriger dokumentieren, wonach die Einsätze nicht im Einklang mit den Aufgaben der Kampfgruppen stünden und sie sich nicht als „Knüppelgarde“ der Partei (SED P.R.) verstehen.

Ausgehend von dieser Entwicklung wurde die zentral herausgegebene Ausbildungsanleitung zum Thema „Sperren und Räumen von Straßen und Plätzen“ auf Entscheidung des Ministers des Innern und Chef der Volkspolizei kurzfristig im Mai 1989 zurückgezogen, während die Ausbildung der Kommandeure an der Zentralschule für Kampfgruppen „Ernst Thälmann“ in Schmerwitz zu diesem Komplex weitergeführt wurde.

Die Vorkommnislage bei der Alarmierung und beim Einsatz der Kampfgruppen im Vorfeld und in Durchführung der Aktion „Jubiläum 40“ sowie erste dazu geführte Untersuchungen lassen die Einschätzung zu, dass Kampfgruppenangehörige auf eine unmittelbare Konfrontation mit Teilen der Bevölkerung weder politisch-ideologisch noch taktisch-ausbildungsmäßig im ausreichenden Maße eingestellt und vorbereitet waren.

Die bereits genannten Verweigerungen der Einsätze und Austritte aus den Kampfgruppen und der SED belegen, dass sich ein Teil der Angehörigen mit dem Klassenauftrag der Kampfgruppen nicht vollinhaltlich identifiziert.

Als wesentliche Motive für diese Handlungen wurden bisher herausgearbeitet:

-Angst, gegen Freunde, Bekannte und Kollegen „Zwangsmaßnahmen“ durchführen zu müssen, die im Nachhinein zu „Repressalien“…

Hier endet der Auszug des Dokuments. Trotzdem kann man daraus den Beginn des Zerfalls der Kampfgruppen der Arbeiterklasse entnehmen.

Nachbemerkungen:

Jeder Staat hat seine eingeschworenen Spezialtruppen, die gegebenenfalls einsatzbereit sind und durchgreifen. Diese werden bereits eingesetzt, wenn der jeweilige Staat seine Macht nur angekratzt sieht und es kommt zu dramatischen Zusammenstößen, wie z.B. zwischen Spezialeinheiten der Polizei und Demonstrierenden. Sperrung und Räumung von Straßen und Plätzen ist gegebenenfalls etwas ganz Normales.

Solche Spezialtruppen gab es in der DDR nicht. Das sollten die Kampfgruppen der Arbeiterklasse erledigen. Leute, die ihre Tätigkeit, bzw. Übungen in den Kampfgruppen neben ihrem Beruf nachgingen. Man ging davon aus, dass diese Leute aus der Arbeiterklasse entsprechendes Klassenbewusstsein haben und bereit sind ihren Staat gegen innere und äußere Gegner zu verteidigen. Die Sperrung und Räumung von Straßen und Plätzen wurde im Jahre 1989 von den Kampfgruppenangehörigen nicht als normal angesehen und verweigerten entsprechende Einsätze.

Den Verantwortlichen in der DDR war entgangen, dass, aufgrund der allgemeinen Unzufriedenheit, das Klassenbewusstsein innerhalb der Arbeiterklasse immer mehr bröckelte und am Ende so gut, wie nicht mehr vorhanden war. Viele Angehörige der Kampfgruppen sahen sich vermutlich als Mitglieder eines Schützen- und Trachtenvereins, aber nicht als ernsthafte Verteidiger des sozialistischen Vaterlandes. Nur so ist der Zerfall im Jahre 1989 zu erklären, wo es doch drauf angekommen wäre, das sozialistische Vaterland zu verteidigen.

Petra Reichel

Original-Dokument entnommen aus der Broschüre  „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“, herausgegeben vom Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv

Einschätzung der Lage in der DDR durch Erich Mielke (Oktober 1989)

Dieser Beitrag ist im Schwesterblog „Erich Mielke-Power Point-Vorträge“ veröffentlicht worden.

„Einschätzung der Lage in der DDR durch Erich Mielke (Oktober 1989)“

Original-Dokument, entnommen aus der Broschüre „Die Stasi in der Friedlichen Revolution“, herausgegeben vom Bundesarchiv Stasi-Unterlagen Archiv

Siehe auch „Anweisung von Erich Mielke zur Sicherung der Dienstobjekte des MfS“

Siehe auch „Erich Mielke übersieht den Beginn der Konterrevolution“

Die Teilnahme Russlands am Siebenjährigen Krieg

Peter der Große war im Jahre 1725 gestorben. Einen Nachfolger hatte er nicht ernannt. Unter den Adligen der Hauptstadt, die sich auf die Waffengewalt – die Garderegimenter- stützten, begann ein Kampf um die Macht. Es war eine Periode der Palastrevolutionen, in denen die Bewerber um die Macht einander ablösten. Im Jahre 1741 wurde als Ergebnis einer Palastrevolution die Tochter Peters des Großen, Jelisaweta Petrowna, auf den Thron gehoben.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich der Einfluss Russlands auf die europäischen Angelegenheiten verstärkt. Engels bemerkte, dass die Nachbarn Russlands schwächer geworden waren. Im Norden waren die Kraft und das Prestige Schwedens deshalb gesunken, weil Karl XII. den Versuch unternommen hatte, ins Innere Russlands einzudringen. Im Süden stellten die Türken und ihre Tributpflichtigen, die Krim-Tataren, nur noch Reste der ehemaligen Größe dar. Im Westen bedeutete Polen, das sich im Zustand völligen Verfalls befand, bereits keine Gefahr mehr für Russland. Auch der deutsche Feudalstaat bröckelte auseinander. Wie Engels betonte, bestand das römisch-deutsche Reich nur noch dem Namen nach.

Dieses mittelalterliche Reich unter dem prunkvollen Titel: „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ stellte einen ohnmächtigen Bund von 360 deutschen Halbstaaten dar. Den Kern des Reiches bildete Österreich, und seine Herzöge galten als deutsche Kaiser. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts traten als Nebenbuhler der Habsburger die preußischen Hohenzollern auf. Im Jahre 1740 wurde Friedrich II. König von Preußen. Dieser – nach Äußerung seiner Zeitgenossen „ein ganz schlauer König“- unternahm unerwartete Angriffe auf seine Nachbarn, eroberte skrupellos fremde Länder, wobei er in der Politik keinerlei Moral anerkannte. „Erst Besitz ergreifen und nachher Verhandlungen führen“, pflegte er zu sagen.

Er eroberte die reiche alte polnische Provinz Schlesien, die Österreich einverleibt war, und suchte zu erreichen, dass alle europäischen Staaten wie diese Eroberung so auch „die Rechte“ Preußens auf Böhmen, Sachsen und das baltische Gebiet anerkennen.

Preußens Eroberungspolitik entfesselte einen großen europäischen Krieg, der die Bezeichnung „Siebenjähriger Krieg“ erhielt (1756 bis1763). Auf Seiten Friedrichs stand England, das darauf rechnete, durch Preußens Hilfe seinen Nebenbuhler zur See, Frankreich, zu schwächen. Russland trat dem Bündnis Frankreichs, Österreichs und Sachsens gegen Preußen bei. Die Hauptaufgabe Russlands in diesem Krieg war, die preußische Aggression im Baltikum zu verhindern.

Als Friedrich II. den Krieg begann, war er von seiner militärischen Überlegenheit überzeugt. Seine Armee, aus angeworbenen Berufssoldaten bestehend, war gut ausgebildet, gedrillt, an leichte und schnelle Siege gewöhnt und galt für „unbesiegbar“.

Friedrich II. behandelte die russische Armee als Kriegsmacht mit Geringschätzung. Er rechnete damit, durch einen kurzen und schnellen Schlag erst Russland niederzuwerfen und dann Russlands Bundesgenossen Frankreich.

Die russischen Truppen überschritten im August 1757 die Grenzen Ostpreußens und begannen den Angriff auf Königsberg. Friedrich II. schickte ihnen starke Kräfte entgegen. Als sich die russischen Truppen auf einem schmalen Waldweg inmitten unzugänglicher Sümpfe fortbewegten, griffen die Deutschen sie an, nachdem sie sämtliche Ausgänge vom Schlachtfeld versperrt hatten. In dieser Falle, bei Groß-Jägersdorf, war die russische Armee gezwungen, die Schlacht aufzunehmen. Die Vorhuten der Infanterie kämpften erbittert am Waldrand und ließen den Feind nicht durch, bis das Gros der russischen Kräfte, das sich auf dem Waldweg befand, ihnen zu Hilfe gekommen war. Mit Hurrarufen stürzten sich sie russischen Truppen in den Bajonettgriff und warfen die Deutschen zurück. Eine bedeutende Rolle bei der Abwehr des deutschen Vorstoßes spielte die russische Artillerie, die gerade am Vorabend des Krieges reorganisiert worden war. Geschütze neuen Typs waren eingeführt worden, die weitragender und beweglicher waren als die alten.

Der Sieg der Russen bei Groß-Jägersdorf verblüffte die Deutschen. Die Festung Königsberg ergab sich kampflos. Fast das gesamte Ostpreußen geriet in die Hände der Russen.

Die Erfolge der russischen Truppen in Ostpreußen beunruhigten nicht nur die Feinde, sondern auf die Bundesgenossen Russlands. Da die Bundesgenossen eine Verstärkung des russischen Einflusses befürchteten, unterstützten sie die Erfolge der russischen Armee nicht durch eigene Angriffsoperationen und festigten diese Erfolge auch nicht. Infolge des Zauderns und der Fehler der Kommandoführung der Bundesgenossen geriet die russische Armee im Jahre 1758 in eine schwierige Lage bei Zorndorf, kam aber auch hier um den Preis großer Anstrengungen und Opfer mit Ehren aus der schwierigen Lage heraus. Friedrich musste nach Zorndorf anerkennen: „Die Russen kann man alle bis auf einen totschlagen, aber nicht besiegen.“ Zur gleichen Zeit äußerte er sich über seine eigenen Soldaten: „Meine Halunken flohen wie alte Weiber.“

Nach Zorndorf trat Stillstand ein. Die preußische Armee war sehr mitgenommen. An der Spitze der russischen Armee stand der alte russische General Saltykow. Im Sommer des Jahres 1759 führte er die Armee zum Angriff auf Berlin. Die Entscheidungsschlacht fand bei Kunnersdorf, fünf Kilometer von Frankfurt an der Oder entfernt statt. Unter dem orkanartigen Feuer der russischen Artillerie flohen die Preußen in panischem Schrecken über die schmalen Durchgänge zwischen den Seen: Die Zerschmetterung war so vernichtend, dass der König selber beinahe in Gefangenschaft geraten wäre. Friedrich II. war nahe daran Selbstmord zu begehen. „Ich bin unglücklich, dass ich noch am Leben bin“, schrieb er. Von einer Armee von 48 000 Mann verblieben mir noch nicht einmal 3 000 Mann. Während ich dies sage, flieht alles, und ich habe schon keine Macht mehr über diese Leute.“

In Berlin trat eine Panik ein. Die königliche Familie und die Berliner Behörden verließen die Hauptstadt. Die österreichische Heeresleitung rettete jedoch abermals Friedrichs Lage, da sie seine Verfolgung und auch den Marsch nach Berlin ablehnte. Die gab Friedrich II. die Möglichkeit, eine neue Armee aufzustellen. Ein Jahr später jedoch wurde Berlin von russischen Truppen eingenommen. Am Morgen des 9.Oktober 1760 zogen die russischen Truppen feierlich in die preußische Hauptstadt ein. Die Vertreter der Stadtverwaltung Berlins überbrachten der russischen Heeresleitung auf einem Samtkissen die Schlüssel der Festungstore der Stadt.

Preußens militärischen Lage war hoffnungslos. Zu dieser Zeit jedoch starb die Zarin Jelisaweta Petrowna. Ihr Enkel, ein holsteinischer Prinz, der als Peter III. Imperator von Russland wurde, rief, da er ein glühender Verehrer und Anhänger Friedrichs II. war, die russischen Truppen zurück und schloss mit Preußen einen Bündnispakt.

Die russische Armee, die so viele Opfer gebracht und im Kampf mit Preußen neuen Ruhm an ihre Kriegsfahnen geheftet hatte, war von einer solchen Politik bitter enttäuscht. Allen wurde klar, dass Peter III. die Interessen Preußens, aber nicht die Russlands verteidigte.

Die empörten Gardisten zettelten gegen den neuen Imperator eine Verschwörung an. Im Sommer 1762 wurde Peter III. verhaftet, bald darauf ermordet. Seine Gemahlin Jekaterina II.(Katharina die Große) wurde zur Zarin ausgerufen.

Siehe auch Wikipedia, wo das Ganze etwa anders dargestellt wird.

Die heutige Russische Botschaft stellt es in ihrem Facebook-Eintrag zum Denkmal für Peter den Großen, wieder anders dar.

 

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1, Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Die Volksbewegung gegen die Leibeigenschaft in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Stepan Rasin

Der Bedarf des Landes an Geldmitteln stieg. Besonders große Ausgaben erforderten die Kriege. Das alte Steuersystem genügte den wachsenden Bedürfnissen des Staates nicht mehr. Die Regierung unternahm zwecks Erhöhung des Steueraufkommens das verwickelte Werk der statistischen Erfassung des Grundbesitzes und der steuerpflichtigen Bevölkerung. Alle Bauern wurden mit schweren Steuern belegt.

Daneben verstärkte sich auch die Bedrückung seitens der Gutsbesitzer. Dies hing damit zusammen, dass der Handel im Lande von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an sich merklich entwickelte. Die Adligen, die ehedem alles Notwendige auch ihrer Wirtschaft erhalten hatten, begannen auf dem Markt die verschiedenen Erzeugnisse der städtischen Handwerker und die teuren ausländischen Waren zu kaufen. Die Gutsbesitzer, die Geld brauchten, verlangten es von den Bauern. Die Bauern, die auf dem Gut der Adligen lebten, mussten dem Grundbesitzer einen beträchtlichen Teil ihrer Ernte abgeben und ihm Nahrungsmittel usw. aus ihrer Wirtschaft liefern: Butter; Milch Eier, Geflügel, Schaffelle usw. Diese Naturalabgabe wurde „Obrok“ (Grundzins) genannt. Außer den Naturallieferungen aus ihrer Wirtschaft mussten die Bauern dem Gutsbesitzer auch einen Geld-„Obrok“ entrichten.

Zur selben Zeit vergrößerten die adligen Grundbesitzer die Ausmaße des grundherrlichen Ackerlandes. Das Land des Grundherrn musste von den Bauern, die auf dem Grund und Boden des Grundbesitzers wohnten, mit ihren Geräten unentgeltlich bestellt werden. Sie pflügten den Acker, ernteten das Getreide und fuhren es auf den herrschaftlichen Hof, verrichteten in der Wirtschaft des herrschaftlichen Gutshofes auch sonst alles, was der Gutsbesitzer anordnete. Die unentgeltliche Arbeit für den Bojaren oder Gutsbesitzer wurde „Bojarschtschina“ oder „Barschtschina“ (Frondienst) genannt.

Die Gutsbesitzer, die unentgeltliche Bauernarbeit benötigten, forderten die völlige Abschaffung der Fristen zur Ermittlung und Rückkehr geflüchteter Bauern. Der Zar Alexej Michajlowitsch Romanow, der Sohn des Zaren Michail, kam den Gutsbesitzern entgegen und befahl sämtlichen geflüchteten Bauern, mit ihren Familien und all ihrem Hab und Gut zu ihren früheren Besitzern zurückzukehren, ungeachtet dessen, wieviel Zeit seit der Flucht verstrichen sein mochte.

Im Jahre 1649 wurde eine neue Gesetzessammlung, die „Uloshenie“ angenommen, wonach die Bauern für immer an die Scholle des Grundbesitzers gebunden, als seine Leibeigenen wurden. Sie gerieten auch in persönliche Abhängigkeit vom Gutsbesitzer: er konnte über das Schicksal seiner Leibeigenen verfügen, mischte sich in ihr persönliches Leben ein; ohne seine Erlaubnis durften sie nicht heiraten, für den geringsten Ungehorsam wurden sie hart bestraft. Er selbst trug keinerlei Verantwortung, nicht einmal für einen von ihm zu Tode gequälten leibeigenen Bauern.

So bildete sich in Rusj die Lebeigenschaft heraus. Die zu Leibeigenen gewordenen Bauern wollten sich nicht in ihre Versklavung schicken. Sie trachteten danach, vor der Willkür der Gutsbesitzer und der zaristischen Behörden in die Grenzgebiete des Staates zu flüchten, am häufigsten an den Don, wo es noch keine Leibeigenschaft gab. Dort wurden sei freie Menschen: Kosaken. Jedoch, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, änderte sich auch die Lage der Kosaken. In den Steppen war kaum mehr freies Land übriggeblieben. Die früher hier angesiedelten reichen Kosaken hatten es in ihrem Besitz. Diese Kosaken wurden „Domowityje“ („Häusliche“), die neuen armen Kosaken „Glolytjbà“ („Habenichtse“) genannt.

Die Ausbeutung, Willkür und Bedrückung der leibeigenen Bauern und der Kosaken-Golytjbà riefen am Don und an der Wolga einen großen Aufstand hervor. An der Spitze dieses Aufstandes stand der Donkosak Stepan Timofejewitsch Rasin.

Nach Bolotnikows Aufstand war der Aufstand Rasins der zweite Bauernkrieg in Russland. Im Vergleich zu der Bewegung des Bolotnikow erfasste er ein bedeutend größeres Gebiet und zeichnete sich durch große Wucht aus. Er begann am Don, wo es besonders viele geflüchtete Bauern gab und wo die Empörung des Volkes gegen die Sklaverei der Leibeigenschaft sich seit langem angesammelt hatte.

Im Frühling des Jahres 1667 sammelte Stepan Rasin eine Schar armer Kosaken um sich und zog vom Don zur Wolga. Die Anhänger Rasins erbeuteten auf der Wolga eine dem Zaren gehörige Schiffskarawane, erschlugen die zaristischen Beamten, die Ruderer aber ließen sie frei. Mit reicher Beute auf 35 Schiffen begaben sich nun Rasin und seine Anhänger zum Jaik- (Ural-) Fluss und bemächtigten sich des befestigten Platzes Jaizkij Corodok. Im März des folgenden Jahres begann Stepan Rasin seinen Zug nach Persien. Die Rasinzy richteten an den Schah die Bitte, sie in seine Dienste zu nehmen, da sie nicht länger die Bedrückungen durch den Zaren und die Gutsbesitzer erdulden wollten. Der Schah hatte Furcht vor dem russischen Zaren und wollte sie nicht aufnehmen. Da kehrte Rasins Schar nach Ausplünderung der reichen persischen Städte zur Wolga zurück.

Im Winter des Jahres 1669 hielt Rasin sich am Don auf. Auf seinen Aufruf zum Kampf gegen die Unterdrücker stießen die Bauern und Kosaken in Gruppen und einzeln zu ihm. Im Frühling 1670 erschien Rasin zum zweiten Mal auf der Wolga. Er begann, als Verteidiger der Bauern- und Kosaken-Golytjbà, gegen die Bedrückungen der Wojwoden, Adligen und reichen Kaufleute aufzutreten. Mit Leichtigkeit eroberte er die Städte Zarizyn und nachher Astrachan, wobei er sich auf die Einwohner selbst stützte. In sämtlichen eroberten Städten und Dörfern verjagte oder erschlug er die zaristischen Wojwoden und vernichtete die Dokumente, die die Leibeigenschaft der Bauern bestätigten.

Von Astrachan rückte Rasin wolgaaufwärts vor und eroberte Saratow und Samara. Ihm schlossen sich nicht nur die russischen Bauern, sondern auch die nichtrussische Bevölkerung des Wolgagebietes: die Mordwinen, Tschuwaschen, Mari und andere Völkerschaften an, die durch die Zarenmacht starken Bedrückungen ausgesetzt waren.

Jedoch stellte sich Rasin, wie es auch bei Bolotinkow der Fall gewesen war, die Ziele des Kampfes nur unklar vor. Er sprach davon, dass er für den „großen Herrscher“ gegen die verräterischen Bojaren und Adligen zu Felde ziehe. Im Volk verbreitete sich sogar das Gerücht, dass sich in Rasins Schar der Sohn des Zaren, Alexej, befände, obgleich dieser schon vor Beginn des Aufstandes gestorben war.

Die Zarenregierung schickte ihre besten Truppen gegen Rasin. Anfang Oktober des Jahres 1670 brachten ihm die zaristischen Truppen bei Simbirsk eine große Niederlage bei. Er selbst wurde verwundet und floh an den Don. Die reichen Kosaken lieferten ihn jedoch den Behörden aus. Rasin und sein Bruder Frol wurden zur Hinrichtung nach Moskau überführt. Im Juni 1671 wurde Rasin gevierteilt (erst schlug man ihm Hände und Füße, dann den Kopf ab), sein Leichnam den Hunden vorgeworfen.

Stepan Rasin war tot, das Volk aber wollte es nicht glauben und wartete weiterhin auf seinen Führer. In zahlreichen Volksliedern wurde Stepan Rasin als tapferer Ataman, als Beschützer des Volkes gepriesen.

Der Aufstand Stepan Rasins war, wie sämtliche Bauernkriege in Europa und in Russland, ein Kampf der leibeigenen Bauernschaft gegen die feudale Unterdrückung. Die russischen Bauern und Kosaken wie auch die unterdrückten Völker der anderen Nationalitäten, die Russland bevölkerten kämpften gegen ihre Unterdrücker – die Grundbesitzer. Aber sie waren nicht verbunden und einig. Sie hatten nicht begriffen, dass an der Spitze der Gutsbesitzer der adlige Zar steht und dass die Armee des Zaren die Interessen der adligen Gutsbesitzer verteidigt. Die Volksmassen vereinigen und ihnen klarmachen, wofür man kämpfen soll, könnten nur die Arbeiter in Russland. Daher erlitten die Bauern Niederlagen.

Nichtsdestoweniger besaß der von Rasin geführte Aufstand, der ein gewaltiges Gebiet erfasst hatte, in der Geschichte des Befreiungskampfes der Völker Russlands eine große Bedeutung. Er stellte im 17. Jahrhundert die mächtigste Volksbewegung gegen die feudale Unterdrückung dar.

Marx, Engels, Lenin und Stalin haben stets den fortschrittlichen Charakter der Bauernkriege betont, da diese Kriege gegen die Leibeigenschaft gerichtet waren, die unterwühlten und erschütterten und den Übergang zu einer neuen – gegenüber der Leibeigenschaft fortschrittlicheren Gesellschaftsordnung- zu dem Kapitalismus erleichterten.

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 „Die Vergangenheit des Sowjetlandes“, aus dem Jahre 1947. Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“ aus dem Jahre 1947

Siehe auch:

Der Kampf des russischen und ukrainischen Volkes mit den polnischen Pans. Die Vereinigung der Ukraine mit Russland