Bericht 2 des IMS „Andreas Harms“

Abteilung XX                                                               Neubrandenburg 31. März 1986

Abschrift vom Band

Quelle: „Andreas Harms“                                             entgegengenommen: Oltn. Mitzkat

              

                                                                                                   am:     13.03.1986

 

2. Bericht des IMS „Andreas Harms“

Information

Zur Gruppe „Wühlmäuse“, Gemeinde Schönewalde

Anmerkung von Petra Reichel: Hier hat der IM versehentlich die Gruppe „Wühlmäuse“ genannt. „Die Wühlmäuse“ ist ein Kabarett aus Westberlin.

Das Programm nimmt jetzt langsam Form an.

Thema:

„Die da oben und wir da unten“

„Was versprechen wir uns vom Parteitag?“

Zur Zeit laufen hierzu auch starke Diskussionen, weil wir uns bis jetzt noch nicht im klaren darüber sind, was die Leute am meisten interessiert.

Es folgt ein unleserlicher Abschnitt.

Weiter:

Bei Hella Born waren vor kurzem 2 Genossen vom Ministerium für Staatssicherheit, so erzählte es uns Hella. Das Gespräch soll am letzten Freitag, 07.03.1986, in der Wohnung der Eltern von Hella geführt worden sein. Die beiden Genossen sollen sie in der elterlichen Wohnung empfangen haben.

Hella erzählte uns, dass sie ihre Eltern von 2 Monaten darüber informierte, was sie macht. Vorher erzählte sie ihnen immer nur, dass sie sich bei Freunden aufhält und nun sprach sie erstmals über ihre Mitgliedschaft zur Gruppe „Wühlmäuse“. Darüber waren die Eltern echt erschrocken, sie führten mit ihr eine Diskussion, was sie sich von ihrer Zukunft erhofft, wenn sie sich an sowas beteiligt. Es handele sich doch bei der Gruppe um Leute, die alle fehlgeleitet sind und irrige Ansichten vertreten usw.

Beide Elternteile von Hella sind Staatsangestellte. (Den Beamtenstatus gab es in der DDR nicht. P.R.)

Jedenfalls sprachen die Genossen vom MfS mit ihr darüber, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt, wenn sie weiter in der Gruppe mitmacht. Ob sie nicht Dialogbereitschaft zeigen würde usw.

Nach Aussagen der Hella hat immer nur einer der beiden geredet, sie nimmt an, ein Höhergestellter. Dieser hat ihr einiges erzählt über alle möglichen Leute, die in der Friedensbewegung aktiv sind und gefragt, ob sie diesen oder jenen kennt, ob sie bestimmte Vorgänge/Sachverhalte kennt bzw. dabei war, so z.B. den Brief, der von Hirsch, nächster Name unleserlich, Templin und Eppelmann (spätere Konterrevolutionäre P.R.) abgeschickt wurde, ob sie über Stendal informiert ist – Friedensseminar- usw. Speziell wurde nach Templin, Hirsch, Grimm gefragt. Das Interesse soll sich wohl auf Hirsch konzentriert haben.

Also dieser ältere Genosse hat fast die ganze Zeit geredet und erzählt, was das MfS schon alles herausbekommen hat.

Hella selbst verhielt sich dabei nach eigenen Aussagen absolut bockig und patzig. Sie soll entgegnet haben: „Ich habe Sie nicht eingeladen und beabsichtige nicht, mit Ihnen zu reden.“

Dies alles erzählte sie innerhalb der Gruppe, sie ist sofort damit herausgeplatzt.

Auch über Benn Roolf haben sich die beiden ziemlich ausgelassen, dass Benn die Hella negativ beeinflusst usw. So, sie sie die beiden vom MfS beschrieben hat, soll es sich um die beiden Genossen handeln, die vor 2 Jahren bereits mit Benn Roolf gesprochen haben.

Auf alle Fälle besteht jetzt ein gespanntes Verhältnis zu den Eltern. Da die Eltern jetzt absolut nicht mehr wissen, wie sie ihre Tochter in den Griff bekommen sollen.

Benn Roolf erzählte, dass er zur NVA gezogen wird. Er teilte in diesem Zusammenhang mit, dass er bei der Musterung seine Erklärung zur Ableistung des Bausoldatendienstes abgegeben habe. Er hofft ganz stark, dass er deswegen zurückgestellt wird.

Gez. „Andreas Harms“

Original-Schriftstück aus der Broschüre „Zersetzung“ vom Bundesarchiv

Bericht 1 des IMS „Roland“ (Auszug)

Bericht 1 des IMS „Roland“ (Auszug) Es muss IMS heißen, aber in der Broschüre steht IMB. Vermutlich ein Schreibfehler. P.R.

Kreisdienststelle Treptow                          Berlin, 25.04.1986

Information

Quelle: IMS „Roland“ (zuverlässig, ehrlich und überprüft)

Der IM besuchte die Zusammenkunft der Mitglieder der Laienspielgruppe „Die Wühlmaus“ am 22.04.1986 im Gebäude des evangelischen Kindergartens (Hier steht auch wieder „Kindergarten“, obwohl es wohl eher „Kirchengarten“ heißt. P.R.) in der Firlstraße 16.

Benn Roolf berichtete, dass er zum 6. Mai 1986 als Bausoldat zur NVA nach 8906 Ostritz, August-Bebel-Straße 259 (Panzergerätelager) einberufen wird.

Roolf zeigt sich sehr verärgert. Er hatte nicht mit einer so kurzfristigen Einberufung gerechnet.

Roolf brachte zum Ausdruck, dass die Einberufung aus dem Grunde erfolgen wird, dass er inzwischen den Sicherheitsorganen bekannt ist und einen Namen hat. Er ist den Sicherheitsorganen wahrscheinlich unbequem und man wollte ihn erst einmal loswerden.

Roolf brachte zum Ausdruck, dass diese Rechnung nicht aufgehen werde. Er werde als Bausoldat die „illegale Arbeit organisieren und eine Gruppe aufbauen“ (wörtliche Formulierung)

Roolf vertrat die Meinung, dass unter den Einberufenen ein „Spitzel der Staasi“ sein wird den es gilt vor der Gründung der Gruppe herauszufinden.

Roolf war auch deshalb über die kurzfristige Einberufung verärgert, da es für ihn den Anschein hatte, dass sich die Mitglieder der Laienspielgruppe jetzt fester zusammengeschlossen hatten und die Arbeit wieder vorwärts geht.

Roolf verkündete, dass er am 3. Oder 4. Mai in seiner Wohnung eine Abschlussfeier veranstalten wird.

Roolf bat alle Mitglieder der Laienspielgruppe darum, Bemühungen zu unternehmen, dass die Gruppe jetzt nicht auseinanderfällt.

Die in Besitz von Roolf befindlichen Schriftstücke (Kabarettstücke, Lieder, Texte und Bücher) sowie Matrizen zum Drucken für Texte wolle er demnächst an Jörg Metzner übergeben.

Ohne dass es ausgesprochen wurde war für die Mitglieder der Laienspielgruppe klar, dass Metzner die Leitung übernehmen wird.

Der Rest des Schreibens ist unleserlich gemacht worden.

Original-Schriftstück, entnommen aus der Broschüre „Zersetzung“ vom Bundesarchiv.

Tätigkeitsbericht OV (Operationsvorgang/Ermittlungen) „Bekenntnis“ gemäß §§…

Kreisdienststelle Treptow                                          Berlin 28. April 1986

Tätigkeitsbericht OV (Operationsvorgang/Ermittlungen) „Bekenntnis“ gemäß §§…

Angelegt am 5. Juni 1984

Bearbeitete Personen: 10

IM-Einsatz: IMS „Lange“ KD Treptow

                     IMS „Sandra“ KD Treptow

                     IMS „Andreas Harms“, BV (Bezirksverwaltung) Neubrandenburg, Abt. XX

Nächster Abschnitt ist unleserlich gemacht worden.

  1. Operative Ausgangsinformation, die zur Anlage des OV(Operationsvorganges) führte und Zielstellung und Bearbeitung

Durch überprüfte offizielle und inoffizielle Informationen wurde im Juni 1983 bekannt, dass sich in der Treptower evangelischen Bekenntniskirche (Es folgt die Adresse der Kirche.) eine Gruppe Jugendlicher etabliert hat, die sich als sogenannte „Treptower Friedensgruppe“ (TFG) bezeichnete und durch die an dieser kirchlichen Einrichtung fungierenden Pfarrer (Namen geschwärzt) angeleitet und unterstützt wurden. Die Zielstellung der TFG bestand darin, einen „eigenen Dienst am Frieden“ zu leisten und dafür möglichst viele Jugendliche zu gewinnen.

Zum Zeitpunkt der Einleitung des OV gehörten fast ausschließlich ehemalige Schüler der EOS „Klement Gottwald“-Treptow und der EOS „Alexander von Humboldt“- Köpenick zum Personenkreis der sogenannten „Treptower Friedensgruppe“.

Die Bearbeitung erfolgte mit folgender Zielstellung:

  1. Verhinderung eines Zusammenschlusses mit festen Organisationsformen und pragmatischen Zielen, rechtzeitiges Erkennen und vorbeugende Verhinderung negativ-feindlicher Handlungen.
  2. Aufdeckung feindlicher Pläne, Absichten, Mittel und Methoden im Zusammenhang mit der personellen Erweiterung der Gruppierung und deren Wirkungsbereich, um deren Ausweitung erfolgreich zu verhindern.
  3. Schaffung von Möglichkeiten zur positiven Einflussnahme auf den R. zur Rückgewinnung auf gesellschaftsgerechte Positionen und zu Schaffung inoffizieller Möglichkeiten.
  4. Einleitung erforderlicher Maßnahmen zur Zersetzung der Gruppierung durch inoffizielle Verbindungen in der TFG selbst.

Wesentliche Ergebnisse der bisherigen operativen Bearbeitung des OV

In Auswertung der durchgeführten operativen Maßnahmen zur Erreichung der Zielstellung des OV kann folgendes eingeschätzt werden:

Mitte 1984 wurde inoffiziell bekannt, dass die sogenannte „TFG“ zerstritten war und um eine neue Zusammensetzung und Funktionsaufteilung rang. Verschiedene Gründe führten dann zur vollständigen Auflösung der „TFG“.

Im 2. Halbjahr wirkte der Roolf vorwiegend individuell auf verschiedenen kirchlichen Veranstaltungen. Die damalige Freundin des Roolf. (Name geschwärzt) trennte sich in dieser Phase von Roolf.

Eine Zusammenarbeit der (Name geschwärzt) mit dem MfS zur Rückgewinnung des Roolf wurde von ihr abgelehnt. Es musste eingeschätzt werden, dass die durch die KD (Kreisdienststelle)Treptow eingeleiteten Maßnahmen, den Roolf unter positive Beeinflussung zu stellen, nicht fruchteten.

Durch den IMS „Lange“ wurde im 2. Halbjahr 1984 bekannt, dass der R. eine Theatergruppe „Die Wühlmaus“ gegründet hat. Diese Theatergruppe trat in der Folgezeit in den verschiedensten kirchlichen Einrichtungen in Berlin und Neuruppin mit eigenem Programm auf. Zu diesem Zeitpunkt gehörten folgenden Personen dieser Theatergruppe an:

Es folgt eine Namensliste.

Der nächste Abschnitt ist unleserlich gemacht worden.

Aufgrund des Auftritts von Buchheim, Gerd am 30.06.1985 auf der Evangelischen Friedenswerkstatt in der Erlöserkirche in Berlin-Rummelsburg wurde im Juli 1985 der Abteilung IX ein (jetzt folgt ein § aus dem Strafgesetzbuch – ein politischer §) im Rahmen des OV „Bekenntnis“ wegen Verletzung des Straftatbestandes (wieder ein politischer §) zu Buchheim festgelegt.

Diesbezüglich wurde entschieden, die beabsichtigte Übersiedlung des Buchheim nach Westberlin zu genehmigen. (Das war das Vernünftigste. Weg mit dem Scharfmacher. P.R.)

Durch die Einleitung koordinierter Zersetzungsmaßnahmen der KD Köpenick, der KD Königs Wusterhausen und der KD Treptow konnte erreicht werden, dass innerhalb der Laienspielgruppe Differenzen auftraten, die dazu führten, dass sich einige Mitglieder aus ihrer Tätigkeit in der Laienspielgruppe verabschiedeten.

Zu diesen politisch-operativen Zersetzungsmaßnahmen zählte

die Übersiedlung des Buchheim nach Westberlin,

-die Einberufung des Meier, Bernd zur NVA,

-das Herauslösen des (Name geschwärzt) seitens der KD Königs Wusterhausens aus der Laienspielgruppe.

-die Durchführung von zwei Gesprächen mit Meier, Bernd, bei den ihm Informationen gegeben wurden, die die Differenzen unter den Mitgliedern der Laienspielgruppe und speziell zwischen Roolf und Grimm weiter forcierten,

-das Herausbrechen eines Mitgliedes aus der Laienspielgruppe und Gewinnung zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem MfS.

Weitere Maßnahmen führten dazu, dass der Zersetzungsprozess weiter beschleunigt werden konnte und die Gruppe derzeitig nicht in der Lage ist, ein Programm aufzuführen.

Derzeitig gehören der Laienspielgruppe „Die Wühlmaus“ folgende Personen an:

(Es folgt eine Namensliste.)

(Unvollständiger Satzanfang..) können derzeitig noch keine Aussagen getroffen werden. Mit der Born wurde ein Gespräch geführt, in dessen Ergebnis sie sich vorerst als Mitglied der Laienspielgruppe verabschiedete.

Am 09.04. 1986 fand nach längerer Pause wieder eine Veranstaltung der Laienspielgruppe, durch die Gestaltung eines Diskussionsabends im Gebäude des evangelischen Kindergartens (Vermutlich ist „Kindergarten“ ein Schreibfehler. Später ist vom „Kirchengarten“ die Rede. Das halte ich für wahrscheinlicher. P.R.) in der Firlstraße in Berlin-Oberschönweide, statt.

In diesem Gebäude finden regelmäßig dienstags Zusammenkünfte der Mitglieder der Laienspielgruppe statt. Seit dem 08.04.1986 gehört ein (Name geschwärzt) zu den Mitgliedern der Laienspielgruppe. Es bestehen Bemühungen, dass der Handlungsspielraum innerhalb der Kirche wieder stärker zu politisch-negativen Zwecken missbraucht wird und ein neues Programm erarbeitet wird. Im April 1986 ist es gelungen, den IMS „Roland“ der KD Treptow in die Laienspielgruppe zu integrieren.

Weitere Zielstellung der Bearbeitung

  1. Erarbeitung von Informationen zur vorbeugenden Verhinderung negativ-feindlicher Aktivitäten in der Öffentlichkeit.
  2. Einleitung weiterer Maßnahmen zur Zersetzung der Gruppe.
  3. Feststellung des Charakters der festgestellten Kontakte zu Personen der sogenannten unabhängigen Friedensbewegung und Prüfung, ob von diesen eine Anleitung und Inspiration ausgeht.

Die weiteren konkreten Maßnahmen zur Bearbeitung des OV „Bekenntnis“ werden in einem gesonderten Operativplan festgelegt. Der Operativplan wird bis zum 5. Mai 1986 erarbeitet.

Die Personen Buchheim, (weitere Namen geschwärzt) werden vom Index des OV „Bekenntnis“ gelöscht und für die KD Treptow KK (eine Registrierungsart, siehe Abkürzungsverzeichnis) erfasst.

Sternchenvermerk: wie Eppelmann, nächster Name unkenntlich gemacht, Hirsch und Grimm. (Später bekannte Konterrevolutionäre. P.R.)

Es folgt der Verteiler und Unterzeichnung durch Leutnant Beyer

Originaldokument entnommen aus der Broschüre „Zersetzung“ vom Bundesarchiv.

 

Vermerk über eine Vereinbarung der Kreisdienststelle Treptow an die Hauptabteilung I

Kreisdienststelle Treptow                                       Berlin, 13.06.1986

Vermerk

Am 09.06.1986 erfolgte zwischen dem Genosse Hauptmann Pogge und Leutnant Beyer der Kreisdienststelle Treptow und dem Genossen Gottwald der Hauptabteilung I, Abt. MfNV. Militärakademie Dresden, (Telefonnr.) ein Gespräch zu dem im OV „Bekenntnis“ bearbeiteten Roolf, Benn.

Genosse Gottwald brauchte eine erste Einschätzung zu Roolf nach seiner Einberufung als Bausoldat zur NVA.

Er leistet seinen Dienst im Teillager Charlottenhof, welches zum Panzergerätelager im Ostritz gehört.

Im Teilelager Charlottenhof sind 36 Bausoldaten tätig. 7 Bausoldaten unter ihnen Roolf wurden jetzt aus Berlin einberufen.

Ausgang und Urlaub für Bausoldaten ist sehr großzügig gestaltet. So erhalten die Bausoldaten alle 14 Tage bis 3 Wochen, Wochenendurlaub und 2-3 mal wöchentlich Ausgang.

Folgende Vereinbarungen werden getroffen:

Roolf bleibt für die Kreisdienststelle Treptow weiter erfasst. Genosse Gottwald veranlasst die Maßnahme -M- (Postkontrolle)zum NPV (Nationaler Postverkehr).

Weiterhin wird registriert, von wem Roolf am Dienstort Besuch erhält.

Darüber hinaus wird Roolf bevorzugt behandelt. So erhält er öfter Ausgang und wird bevorzugt mit Urlaub. Er wird auch öfter zum Vorgesetzten vorgeladen. Mit diesen Maßnahmen könnte eine Isolierung von Roolf erreicht werden.

Genosse Gottwald wies darauf hin, dass im Herbst 3 Bausoldaten aus Berlin Treptow zum Einsatzort von Roolf einberufen werden. (Eine diesbezügliche Überprüfung erfolgt über das Wehrkreiskommando Treptow.)

Die zuständige Kreisdienstelle für Ostritz ist die Kreisdienststelle Görlitz. Seitens der Kreisdienststelle sowie vom Genossen Gottwald bestehen keine inoffiziellen Möglichkeiten.

Der Genosse Gottwald wird einen Abschlussbericht von Roolf übergeben.

Der Nachtrag mit Bleistift ist nicht lesbar.

Original-Dokument, entnommen aus der Broschüre „Zersetzung“ vom Bundesarchiv.

Vermerk über ein Gespräch mit IMS „Andreas Harms“

Kreisdienststelle Treptow                                                         Berlin, 21.06.1986

Vermerk

Am 19.06.1986 erfolgte die Absprache zwischen dem Genossen Mitzkat der Abteilung xx der Bezirksverwaltung Neubrandenburg und dem Unterzeichner. Genosse Mitzkat brachte zum Ausdruck, dass es derzeitig unmöglich ist, den IMS „Andreas Harms“ aus der Laienspielgruppe „Die Wühlmaus“ herauszulösen.

Es gibt Schwierigkeiten mit dem IM. Er ist auch nicht bereit offen über alles zu sprechen.

So deutete der IM nur an, dass 2 Mitarbeiter des MfS mit der Born, Hella und ihren Eltern gesprochen haben. Dadurch habe die Born Schwierigkeiten in der kirchlichen Tätigkeit. Weitere Fragen zu diesem Sachverhalt wollte der IM nicht beantworten. Er sagte dazu wörtlich „die gehört nicht hierher!“

Der IMS reagierte sehr ungehalten als ihm dargelegt wurde, dass er sich aus der Laienspielgruppe zurückziehen soll. Er sieht seine Tätigkeit in dieser Gruppe als Sprungbrett für eine noch festere Integrierung in der sogenannten unabhängigen Friedensbewegung.

Der IMS „Andreas Harms“ beabsichtigt ab September/Oktober 1986 eine neue Tätigkeit auszuüben. Ihm wurde die Möglichkeit gegeben als Handwerker im Bund der evangelischen Kirchen zu arbeiten. Verbunden damit ist ein Umzug nach Berlin Mitte.

Nach der Aufnahme der neuen Tätigkeit sowie des Umzuges wäre der IMS bereit, sich aus der Laienspielgruppe zurückzuziehen.

Von den Genossen der Abteilung xx der Bezirksverwaltung Neubrandenburg wird angestrebt, den IMS bis zum Oktober 1986 aus der Laienspielgruppe herauszulösen.

Dem Genossen Mitzkat wurde ein umfassender Informationsbedarf übergeben.

Eine weitere Absprache ist für September vorgesehen.

Unterzeichner

Beyer, Leutnant

Original-Dokument, entnommen aus der Broschüre „Zersetzung“ vom Bundesarchiv.

Der Beginn der Arbeiterbewegung

Das Proletariat begann mit den ersten Schritten seiner Entwicklung den Kampf gegen die kapitalistischen Unterdrücker. Tausende von Arbeitern, die in einer Fabrik beschäftigt waren, konnten sich miteinander für den Kampf gegen den ausbeuterischen Fabrikanten verabreden. Sie forderten Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, Erhöhung des Arbeitslohnes, Verkürzung der Arbeitszeit. Wenn der Unternehmer es ablehnte, die Forderungen zu befrieden, so legten sie die Arbeit nieder, brachten die Maschinen zum Stehen. Eine solche Einstellung der Arbeit wurde „Statnutjsja“ (Streik) genannt (abgeleitet vom Wort „Staknustjsja“, d.h. sich verabreden). Als die Arbeiter die Forderungen vorbrachten, sagten sie oft: „Wenn man nicht nach unserem Willen tut, so werden wir nicht arbeiten, und damit basta!“  Daher wurden die Streiks auch „Sabastowki“ genannt.

In den ersten zehn Jahren nach der Reform des Jahres 1861 waren die Streiks nicht organisiert und trugen einen spontanen Charakter. Die Arbeiter traten fast ausschließlich mit ökonomischen Forderungen hervor. Viele glaubten noch, dass die Zarenmacht helfen würde, ihre gerechten Forderungen zu erfüllen. Andere brachten ihre schwere Lage mit der Einführung von neuen Maschinen in Zusammenhang, die die Arbeit der erfahrensten und geschicktesten Arbeiter entwertete.

Lenin schrieb über die ersten Aktionen des Proletariats: „Es gab eine Zeit, wo die Feindschaft der Arbeiter gegen das Kapital nur in einem dumpfen Gefühl des Hasses gegen ihre Ausbeuter, in dem undeutlichen Bewusstsein ihrer Unterdrückung und ihrer Knechtschaft und in dem Wunsch, sich an den Kapitalisten zu rächen, Ausdruck fand. Der Kampf äußerte sich damals in einzelnen Aufständen der Arbeiter, die die Gebäude zerstörten, die Maschinen zerbrachen, die Fabrikvorgesetzten verprügelten usw.“

Aber allmählich begann die Arbeiterbewegung, die in der Form von Aktionen gegen die einzelnen Kapitalisten begonnen hatte, den Charakter eines bewussten Kampfes der Arbeiterklasse gegen die gesamte Klasse der Kapitalisten anzunehmen. Aus den Reihen der Arbeiter traten immer mehr Revolutionäre hervor. Anfangs schlossen sich die revolutionären Arbeiter den Volkstümlern (Narodniki) an, die die revolutionäre Bewegung in Russland in den 1860-1870er Jahren, vor dem Auftreten der Marxisten, führten. Die Volkstümler behaupteten irrtümlich, dass der Kapitalismus in Russland eine fremde Erscheinung, dass der Keim der Grundlage des Sozialismus in der Bauerngemeinschaft, d.h. die bäuerliche Gesellschaft sei, die das gesamte zugeteilte Bauernland besitzt. Da die Bauern kein Privateigentum an dem Land besaßen, sondern nur zur Nutzung an den zugeteilten Parzellen des Grund und Bodens, der gesamten Gemeinschaft gehörte, erklärten die Volkstümler die Bauern als „geborene Sozialisten“.

Im Frühjahr des Jahres 1874 beschlossen viele von den Revolutionären, „ins Volk“, d.h. auf die Dörfer zu gehen, um unter den Bauern eine revolutionäre Agitation zu betreiben. Sie versuchten, die Bauern zum Kampf um Land und Freiheit, gegen die Gutsbesitzer und gegen den Zarismus aufzuwiegeln. Wegen dieses „Gehens ins Volk“ wurden sie eben „Volkstümler“ genannt. Der „Gang ins Volk“ erlitt einen völligen Zusammenbruch. Die Polizei, die Kulaken und die Popen (Geistlichen) fingen die Revolutionäre ab. Viele wurden zur Zwangsarbeit und Verbannung verurteilt. Daraufhin gab ein Teil der Volkstümler die Agitation unter den Bauern auf und begann, geheime Verschwörergruppen zu bilden, die sich das Ziel setzten, den Zaren und seine Helfer zu töten und auf diese Weise einen Umsturz in Russland herbeizuführen. Die Anhänger des Terrors schufen die Partei „Narodnaja Wolja“ („Volkswille“), an deren Spitze Sheljabow und Sophia Perowskaja standen.

Am 1. März 1881 töteten die „Narodowolzen“ den Zaren Alexander II. Doch keinerlei Veränderungen zum Besseren ergaben sich hieraus. Den Platz Alexanders II. nahm sein Sohn Alexander III. ein. Die „Narodnaja Wolja“ wurde zerschlagen. Einige ihrer Führer wurden hingerichtet, die anderen eingekerkert. Die Reaktion im Lande verstärkte sich noch mehr.

Die fortschrittlichen Arbeiter, die sich anfangs den Volkstümlern angeschlossen hatten, begannen sie zu verlassen. Sie fingen an zu begreifen, dass nicht die Bauernschaft, sondern die Arbeiterklasse die führende Kraft der revolutionären Bewegung ist.

Unter den fortschrittlichen Arbeitern traten hervorragende Revolutionäre auf. Einer der ersten war der Weber Peter Alexjew. Ursprünglich ein Bauer aus der Smolensker Umgebung, lernte er als Autodidakt lesen und suchte eifrig in Büchern Antwort auf die ihn bewegenden Fragen über die Lage der Arbeiter und Bauern. Peter Alexejew betrieb eine revolutionäre Agitation unter den Arbeitern. Wegen revolutionärer Propaganda verhaftet, hielt er am 10. März 1877 vor Gericht eine bemerkenswerte Rede, die mit den Worten schloss: „Die Millionenmasse des Arbeitervolkes wird ihren muskulösen Arm erheben, und das von Bajonetten geschützte Joch der Despotie wird in Staub zerfallen.“

Lenin nannte diese Rede die große Prophezeiung des russischen Arbeiterrevolutionärs. Peter Alexejew wurde zu zehn Jahren Zwangsarbeit und zur Strafansiedlung in Jakutien verurteilt, wo er auch umkam.

Der revolutionäre Kampf der russischen Arbeiter begann zu jener Zeit, als in Westeuropa die von Marx und Engels geführte Arbeiterklasse bereits beim Aufbau ihrer Klassenorganisationen – der Gewerkschaften und Parteien – war. Zur Vereinigung der Arbeiter im Kampf gegen die Kapitalisten organisierten Marx und Engels im Jahre 1864 die Internationale Arbeiter-Assoziation-die Erste Internationale. Das Ziel der Internationalen Arbeiter-Assoziation war die Vereinigung der Arbeiter aller Länder zwecks Organisation des gemeinsamen Kampfes für die Vernichtung der Herrschaft der Kapitalisten und für die Errichtung der Diktatur des Proletariats. Die Befreiung der Arbeiterklasse muss die Sache der Arbeiterklasse selbst sein, schrieb Marx in den Statuten der Ersten Internationale. Unter der Leitung der Ersten Internationale. Unter der Leitung der Ersten Internationale organisierten die europäischen Arbeiter erfolgreich Streiks. Im Jahre 1871 stürzten sie Arbeiter von Paris die Macht der Bourgeoisie und riefen die Pariser Kommune aus. Die war die erste Regierung der Arbeiterklasse. Lenin nannte die Kommune das Urbild der Diktatur des Proletariats. Die Pariser Kommune existierte 72 Tage.

Die russischen Revolutionäre, die vor den Verfolgungen des Zarismus ins Ausland geflohen waren, schufen in der Ersten Internationale eine russische Sektion. Im März 1870 wandten sie sich an Marx mit der Bitte, die Vertretung Russlands im Generalrat der Internationale zu übernehmen. Marx nahm dieses Angebot an und schrieb ihnen in seiner Antwort, dass die Aufgabe der Vernichtung des Zarismus in Russland die notwendige Voraussetzung für die Befreiung nicht nur des russischen Volkes, sondern auch des europäischen Proletariats sei.

Die fortschrittlichen russischen Arbeiter waren, ebenso wie die westeuropäischen Arbeiter, bestrebt, ihre eigenen revolutionären Organisationen zu schaffen. Die erste revolutionäre Organisation in Russland war der „Südrussische Arbeiterbund“. Er war von Ewgenij Saslawskij im Jahre 1875 in Odessa gegründet worden und umfasste etwa 200 Metallarbeitet. Dieser Bund bestand ungefähr ein Jahr und wurde von der zaristischen Regierung zerschlagen, sein Organisator Saslawskij wurde zur Zwangsarbeit verurteilt und starb bald darauf im Gefängnis.

Einer der Leiter des „Südrussischen Arbeiterbundes“, Viktor Obnorskij, rettete sich vor der Verhaftung ins Ausland. Dort machte er sich mit der westeuropäischen Arbeiterbewegung bekannt. Nach Russland zurückgekehrt, gründete Viktor Obnorskij gemeinsam mit dem Tischler Stepan Chalturin im Jahre 1878 in Petersburg den „Nördlichen Bund russischer Arbeiter“, in dessen Programm es hieß, dass er sich nach seinen Aufgaben den sozialdemokratischen Parteien des Westens anschließe und sich zum Ziele setze, „die bestehende politische und wirtschaftliche Staatsform als eine äußerst ungerechte zu stürzen“. Bald zerschlug die Polizei auch den „Nördlichen Bund russischer Arbeiter“. Viktor Obnorskij wurde zur Zwangsarbeit verschickt, während Stepan Chalturin, der an dem Anschlag auf den Zaren Alexander II. teilgenommen hatte, am Galgen endete.

Die ersten Arbeiterorganisationen waren noch keine marxistischen, obgleich sie von der Volkstümlerrichtung abgerückt waren. Die fortschrittlichen Arbeiter fingen erst an, sich mit dem Marxismus bekannt zu machen.

 

 

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

 

Original-Autorin: Anna Michailowna Pankratowa

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“

Die Ausbreitung des Marxismus in Russland

Im Jahre 1872 erschien in Russland der erste Band des großen Werkes von Marx „Das Kapital“. In diesem Werk entdeckte Marx die Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Gesellschaft und begründete die Notwendigkeit des Kampfes des Proletariats für den Sozialismus. Die Lehre von Marx konnte nicht sofort große eine große Verbreitung unter den Arbeitern finden. Die Ideen von Marx muss in ihrem Bewusstsein erst beigebracht werden. Mit der Propaganda der Ideen des Marxismus in Russland begannen gebildete Marxisten mit Plechanow an der Spitze sich zu beschäftigen.

Georgij Walentinowitsch Plechanow 1856 bis 1918
Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1

Unter den Gelehrten und Politikern des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts nimmt Georgij Waltentinowitsch Plechanow (1856 bis 1918) eine der ersten Stellen ein. Er liebte sein Vaterland und entschloss sich, sein Leben dem Kampf um die Befreiung der Arbeiterklasse von ihren Bedrückern und Ausbeutern zu widmen. „Ich bin in Russland geboren“, schrieb Plechanow im Jahre 1895, „und liebe glühend mein Land, obgleich die russischen Gendarmen und ihre Gesinnungsgenossen mich einen Verräter nennen. Meine Kräfte habe ich dem russischen Volk geweiht. Aber gerade deshalb, weil ich Russland und das russische Volk liebe, sehe ich klarer als jene, die dem Wohle unseres Landes gleichgültig gegenüberstehen, wie sehr die Interessen der russischen Regierung den Interessen des russischen Volkes entgegenstehen.“

Seit Jünglingsjahren hatte sich Plechanow den Volkstümlern angeschlossen, aber bereits im Jahre 1879 trat er aus der Organisation „Boden und Freiheit“ aus, da er nicht mit dem Übergang der Volkstümler zur Taktik des individuellen Terrors einverstanden war. Im Jahre 1880 fuhr Plechanow, der vom Zarismus verfolgt wurde, ins Ausland, wo er sich mit den Führern der Arbeiterbewegung bekannt machte und eine Verbindung mit Engels anknüpfte. Gleichzeitig studierte er eifrig die Werke von Marx und Engels. Einen besonders großen Eindruck machte auf ihn „Das Kommunistische Manifest“. „Ich war begeistert von dem ‚Manifest‘ und beschloss sofort, es in die russische Sprache zu übersetzen“, schrieb Plechanow.

Im Herbst 1883 schuf er die erste russische marxistische Organisation – die Gruppe „Befreiung der Arbeit“. Diese Gruppe leistete eine große Arbeit bei der Verbreitung der Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus in Russland. Durch Mitglieder dieser Gruppe wurden viele Werke von Marx und Engels in die russische Sprache übersetzt und herausgegeben. In seinen Briefen an Engels vom 30. Oktober 1894 schreib Plechanow: „Die Propaganda Ihrer Ideen und der Ideen von Marx betrachte ich als Aufgabe meines Lebens.“

In seinen ersten marxistischen Arbeiten „Sozialismus und politischer Kampf“ und „Unsere Meinungsverschiedenheiten“ bewies Plechanow, dass zusammen mit der Entwicklung des Kapitalismus in Russland auch die revolutionäre Arbeiterklasse wächst und dass sie sich zum Entscheidungskampf gegen die Selbstherrschaft vorbereiten muss.

Nachdem sich Engels mit Plechanows Schrift „Unsere Meinungsverschiedenheiten“ bekannt gemacht hatte, schrieb er in einem seiner Briefe, er sei stolz darauf, dass unter der russischen Jugend eine Partei besteht, die sich aufrichtig und ohne Vorbehalte zu den großen ökonomischen und historischen Theorien von Marx bekennt.

Eine große Rolle in der Vorbereitung zur Schaffung einer marxistischen sozialdemokratischen Partei in Russland spielten zwei Programmentwürfe der russischen Sozialdemokraten, die von der Gruppe „Befreiung der Arbeit“ ausgearbeitet worden waren. In diesen Programmentwürfen jedoch, wie auch in einigen anderen Arbeiten Plechanows, waren schwerwiegende Fehler enthalten. Plechanow war der Meinung, dass die Bauernschaft kein Verbündeter des Proletariats im Kampf gegen sie Selbstherrschaft sein könne, er berücksichtigte nicht, dass nur im Bündnis mit der Bauernschaft die Arbeiterklasse den Sieg über den Zarismus erringen kann. Zur gleichen Zeit hielt er die liberale Bourgeoisie für eine ernsthafte revolutionäre Kraft. Diese Fehler führten dazu, dass in der Folgezeit Plechanow Menschewik wurde und gegen Lenin und die Bolschewiki kämpfte.

Anfang der 1880er Jahre, unter dem Einfluss der fortschrittlichen revolutionären Arbeiter, begann die Arbeiterklasse mutiger für die Verteidigung ihrer Interessen aufzutreten. In den zehn Jahren von 1870 bis 1880 fanden mehr als 200 Streiks statt. Ein besonders großer Streik wurde im Jahre 1878 in der neuen Baumwollspinnerei in Petersburg durchgeführt. An diesem Streik nahm der Arbeiter Peter Mojsejenko teil, der später eine hervorragende Rolle bei dem Streik in der Morosowfabrik in Orchechowo-Sujewo im Jahre 1885 spielte.

Der Streik in der Morosowfabrik zeigte die Geschlossenheit und die kameradschaftliche Solidarität der Arbeiter. Er hatte bereits seine Organisatoren und Leiter. Einer von ihnen war der Weber Peter Anissimowitsch Mojsejenko. Er eben erst aus der Verbannung zurückgekehrt, wohin er als Mitglied des „Nordbundes russischer Arbeiter“ wegen Teilnahme an den Petersburger Streiks verschickt worden war. Gemeinsam mit den ortsansässigen Arbeitern Luka Iwanow und Wassilij Wolkow arbeitete Peter Mojsejenko für die Arbeiter ein Programm ihrer Forderungen aus. Dieses Programm wurde auf geheimen Versammlungen der Arbeitervertreter durchgesprochen und den Fabrikanten vorgelegt. Der Streik dauerte acht Tage und zeichnete sich durch große Hartnäckigkeit aus. Er wurde gebrochen, nachdem die Polizei sämtliche Führer und 600 aktive Teilnehmer am Streik verhaftet hatte. Mojsejenko, Luka Iwanow, Wassilij Wolkow und andere Arbeiter wurden dem Gericht übergeben. Vor Gericht wurden derartig ungeheuerliche Zustände in der Morosowfabrik festgestellt, dass selbst die für dieses Gericht besonders ausgewählten Geschworenen gezwungen waren, die Unschuld der Streikführer anzuerkennen.

Der Streik bei Morosow war der größte von allen vorhergegangen. Er bedeutete den Beginn einer Massenbewegung der Arbeiter. Die Spontanität der Streiks fing an, durch ihre organisierte Durchführung ersetzt zu werden. In den Forderungen der Streikenden ertönten nun nicht mehr das jammernde Flehen und Bitten, sondern die machtvollen Forderungen der neuen revolutionären Klasse, die begonnen hatte, sich ihrer gesellschaftlichen Rolle bewusst zu werden.

Der Streik bei Morosow erschreckte den Zaren Alexander III. und seine Minister. Im Jahre 1886 wurde ein Gesetz über die Geldstrafen und die Lohnbücher erlassen. Nach diesem Gesetz sollten die Strafgelder nicht den Fabrikanten zugutekommen, sondern für die Bedürfnisse der Arbeiter selbst verwendet werden. Der Streik hatte dem Zarismus gezeigt, dass die Arbeiterklasse eine drohende Macht werden kann. Im Streik bei Morosow trat das Proletariat zum ersten Mal als fortschrittliche Kraft der revolutionären Bewegung auf.

 

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel

 

Original-Autorin: Anna Michailowna Pankratowa

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“